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Der Bioladen als Dorfbrunnen von Der Bioladen aus gutem grund hat Konkurrenz bekommen. Eine gute Gelegenheit, wieder einmal nachzufragen, welche guten Gründe Esche Schörghofers Laden auszeichnen. MoMent: Eine Werbekarte des Naturkostladens aus gutem grund behauptet, die Kleinsten seien oft die Größten. Warum? Esche Schörghofer: Kinder sind meine größten Lehrmeister. Was lerne ich von den Kleinsten? Zuerst wohl Ehrlichkeit, dann Offenheit, Kinder sind innovativ, ihre Ideen bringen mich manchmal zum Lachen und regen mein Denken an. Und schließlich bewundere ich die Kooperationsbereitschaft der Kleinsten. Ehrlich, offen, innovativ und kooperationsbereit, diese vier Qualitäten unserer jüngsten Besucher decken sich zufällig mit den wesentlichen Grundsätzen der biologischdynamischen Landwirtschaft, die – gemessen an den Größenordnungen der Agrarindustrie – ja auch zu den Kleinsten zählt, was jedoch die Qualität betrifft, zu den Größten. MoMent: Der Naturkostladen aus gutem grund verkauft in Mauer seit 35 Jahren biologische Lebensmittel. Nun eröffnete ein Biosupermarkt in direkter Nachbarschaft. Was bedeutet das für Dein Geschäft? Esche: Diese neue Situation ist für den Naturkostladen aus gutem grund, für die Schule und für unsere Kundinnen und Kunden eine Gelegenheit, Standpunkte neu zu hinterfragen, die für uns selbstverständlich geworden sind. 1978 hat die Schule das Demeterhaus gegründet, in dem wir jetzt den guten grund betreiben. Damals war der Biohandel von Mangel geprägt, es gab erst wenige Produkte in Bioqualität, die Beschaffungswege waren schwierig und für uns heute fast unvorstellbar arbeitsaufwändig. Ich wünschte, Willi Rosen, der diese beinharte Aufbauarbeit geleistet hat, schriebe ein Buch über die Zeit der Biopioniere. Der Anfang des Biohandels war aber auch geprägt von engem Zusammenhalt zwischen Produzenten, Händlern und Konsumenten. In den Köpfen der Beteiligten war der Gedanke lebendig, gemeinsam zum Wohl der Umwelt und zum Wohl der nachfolgenden Generationen bessere Lebensmittel zu produzieren. Von Profitmaximierung war in diesen Jahren kaum die Rede. MoMent: Das ist jetzt nicht mehr so? Esche: Diese Situation hat sich radikal verändert. Zwar werden im österreichischen Lebensmittelhandel nur 5% des Gesamtumsatzes mit Bio erwirtschaftet, gleichwohl ist Bio längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und auch in der Mitte der Lebensmittelindustrie. Firmen, die früher ausschließlich

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konventionelle Lebensmittel produzierten, entdeckten, dass sich mit Bio mehr Profit machen lässt. In den USA wurde eine interessante Studie dazu veröffentlicht. In den vergangenen zehn Jahren wurden von 85 mittelständischen Bio-Unternehmen 70 von konventionell produzierenden Großkonzernen aufgekauft. Dieser Trend setzt sich nun in Europa fort. Die Konzerne agieren global, sie vernachlässigen die Beziehungen zu regionalen Produzenten, die Konzerne kaufen Bio-Rohstoffe dort, wo sie am billigsten sind, Qualität oder nationale Bindungen sind keine Kriterien für die Rohstoffbeschaffung. Der Preis allein diktiert. Gewachsene Beziehungen zwischen Produktion, Verarbeitung und Handel gehen auf diese Weise verloren und die Qualität vieler Bioprodukte sinkt. Diesen Trend unterstützt die EU-Bioverordnung, die weit niedrigere Qualitätsstandards vorsieht, als etwa die Richtlinie des Demeterbundes für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. MoMent: Der Vorteil ist, dass das Bio-Angebot mehr in die Breite ging. Esche: Derzeit werden ca. 10.000 Produkte in Bioqualität angeboten, der Biohandel befindet sich in einer Situation des Überflusses. Für mich stellt sich eher die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, die Breite des Bio-Angebots zurückzunehmen und auf weniger Produkte zu setzen, von denen sich jedes einzelne allerdings durch Spitzenqualität auszeichnen muss. MoMent: Mit der Produktpalette hat sich auch der Handel weiter entwickelt. Esche: Natürlich, Biosupermarktketten, deren Geschäfte von Hamburg über Wien bis Zagreb gleich ausschauen, überziehen den Kontinent. Sie bevorzugen Standorte in der Nähe kleiner Naturkostläden, die den Boden für sie aufbereitet haben. Manche Ketten bieten sogenanntes Schließungsgeld an, damit die kleinen Läden ihren Standort aufgeben, den die Großen nun allein besetzen wollen; eine ähnliche Entwicklung wie in den 1960er Jahren im konventionellen Lebensmittelhandel. MoMent: Was ist das Motiv, Deinen kleinen Laden trotzdem weiterzuführen? Esche: Vor allem für die Schule stellt sich die Frage, warum sie auf ihrem Schulgelände einen Laden will, der auf Produkte aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft spezialisiert ist? Und für die Konsumentinnen stellt sich die Frage, aus welchem Grund sie weiterhin im guten grund einkaufen? Meine eigenen Motive für die Weiterführung des Bioladens könnte ich vielleicht so zusammenfassen: Für die weitere Existenz des Homo sapiens auf dieser Erde

MoMent  WINTER 2014

Moment Winter 2014  

MoMent - Zeitschrift für die Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer

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