MoMent Frühling 2021

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Ment

Freiheit – Freiheit? Zeitschrift für die Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer

Frühling 2021 / € 4,00


Mo

Ment

Zeitschrift von und für Eltern, FreundInnen, LehrerInnen und SchülerInnen der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer im 29. Jahr, Heft Nr. 202

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Schulzeitschrift MoMent Aus vielen Blickwinkeln können wir uns in dieser Ausgabe dem großen Thema Freiheit nähern. Dank an alle, die so zahlreich wertvolle Beiträge beisteuerten! Wir nehmen uns hier die Freiheit, uns bei den Schulleitungs- und Vorstandsmitgliedern zu bedanken. Danke für all die Geduld und Beharrlichkeit, mit der Ihr im vergangenen Schuljahr Schule in unterschiedlichsten Formen für unsere Kinder möglich gemacht habt! Danke auch für die bewahrte Ruhe trotz oftmaliger Stürme. Danke für die eingezogene sachliche Ebene in die häufig sehr emotionalen Befindlichkeitswogen. Zum Thema selbst darf ich zwei Zitate bemühen, die alles ausdrücken, was ich nur weitaus schlechter formulieren könnte: „Zu sagen: ,Hier herrscht Freiheit‘ ist immer ein Irrtum oder auch eine Lüge: Freiheit herrscht nicht.“ Erich Fried „Zugunsten der Wahrheit und der Freiheit muss man sich manchmal über die üblichen Regeln des guten Tons hinwegsetzen.“ Michel de Montaigne

Das MoMent-Team sieht einem großen Umbruch entgegen. Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten Teil unserer Redaktion sind, haben angekündigt, sich zurückzuziehen. Ab Herbst braucht die Redaktion tatkräftige Neuzugänge, die bereit sind, Zeit und Liebe in diese Schulzeitschrift zu investieren. Bei Interesse bitte eine kurze Nachricht an moment@waldorf-mauer.at senden. Das Jahresheft 20/21 wird noch in alter Besetzung entstehen und den scheidenden Redaktionsmitgliedern die Möglichkeit geben, sich zu verabschieden. Was wäre das für eine Freude, bei dieser Gelegenheit auch schon die neuen Mitglieder vorstellen zu können!

Impressum: Medieninhaber, Verleger, Herausgeber: Verein zur Förderung der Waldorf-Gemeinschaft (VFWG), Obmann Josef Prüller / DVR NR.: 7864 9742 Absender: moment@waldorf-mauer.at 1230 Wien, Endresstraße 100 Verlagspostamt: 1230 Wien Zulassungsnummer: 13Z039641 M MitarbeiterInnen: N. Berke E: schreib@nadjaberke.at / R. David-Freihsl E: roman.freihsl@gmx.at / U. Dotzler E: umdo@gmx.at / M. Goss E: moment@waldorf-mauer.at / K. Hruza E: karl.hruza@waldorf-mauer.at / B. Schwenk E: bettinaschwenk@eclipso.at / Kontoverbindung lautend auf: Redaktion Schulzeitung IBAN: AT44 2011 1822 2175 1000 / BIC: GIBAATWWXXX

Für die Redaktion Nadja Berke

Druck: Donau-Forum-Druck, 1230 Wien, aus umweltfreundlicher Druckproduktion

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„Freiheit ist im Grunde

genommen immer

Gedankenfreiheit“

Rudolf Steiners Grundmaxime der freien Menschen:

er wirklich Gedankenimpulse, nicht bloß instinktive Emotio-

„Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Ver-

nen seinen Handlungen zugrunde legen, ─ Gedanken, die in die

ständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der frei-

äußere Wirklichkeit so untertauchen wie der Liebende in das

en Menschen.“

geliebte Wesen. Dann nähert sich der Mensch seiner Freiheit.

Das Thema Freiheit begleitete Rudolf Steiner sein ganzes Le-

Die Freiheit ist ebenso ein Kind des Gedankens, der in geistiger

ben lang: Sei es in seinem Frühwerk, der „Philosophie der Frei-

Hellsichtigkeit erfasst wird ─ nicht unter einem äußeren Zwang

heit“ ─ die zunächst 1894 erschien und dann als ergänzte und

─, wie sie ein Kind der wahren hingebungsvollen Liebe ist, der

überarbeite Neuausgabe ein weiteres Mal 1918 ─ oder sei es

Liebe zum Objekt des Handelns … Da aber stellte sich mir he-

auch im Zusammenhang mit seinem geisteswissenschaftlichen

raus, dass man nur sprechen kann von demjenigen, was den

Werk, dem Aufbau der Waldorfschulen oder auch der sozialen

sittlichen Handlungen zugrunde liegt ─ wenn es auch bei den

Dreigliederung. Auch bei seiner Unterstützung bei der Begrün-

Menschen unbewusst bleibt, vorhanden ist es doch ─ und dass

dung der Freien Christengemeinschaft etwa waren die Prinzipi-

man das nennen muss Intuition. Und so sprach ich in meiner

en der „Freiheit der Lehre“ für die Priesterschaft und der „Frei-

‚Philosophie der Freiheit‘ von einer moralischen Intuition.

heit des Glaubens“ für die Gemeinde ein zentrales Thema.

Damit aber war auch der Ausgangspunkt gegeben für al-

Dazu Rudolf Steiner in seinen Vorträgen über das soziale Leben

les, was ich später auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft zu

und die Dreigliederung des sozialen Organismus (GA 333):

leisten versuchte … Wenn sich der Mensch zu den sittlichen

„Man fragt: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Ist der

Impulsen in moralischer Intuition erhebt und ein wirklich frei-

Mensch ein freies Wesen, das mit wirklicher Verantwortung

es Wesen darstellt, dann ist er bereits, wenn ich das verpönte

aus seiner Seele heraus die Entschlüsse fassen kann, oder ist er

Wort gebrauchen darf, mit Bezug auf seine sittlichen Intuitio-

eingespannt in eine natürliche oder geistige Notwendigkeit wie

nen ‚hellsehend‘. In dem, was über alles Sinnliche hinausliegt,

ein Naturwesen? So hat man gefragt, ich möchte sagen, durch

liegen die Antriebe alles Sittlichen. Im Grunde genommen sind

Jahrtausende, und so fragt man noch. Diese Frage schon ist

die wirklich sittlichen Gebote Ergebnisse menschlichen Hell-

der große Irrtum.

sehens. Daher war ein gerader Weg von jener ‚Philosophie der

Man kann so nicht fragen, sondern die Frage nach der Freiheit

Freiheit‘ zu dem, was ich heute als Geisteswissenschaft meine.

ist eine Frage der menschlichen Entwickelung, einer solchen

Freiheit entsprießt im Menschen nur, wenn der Mensch sich

menschlichen Entwickelung, dass der Mensch im Laufe seines

entwickelt. Er kann sich aber weiterentwickeln, so dass er das-

Jugendlebens oder vielleicht seines späteren Lebens Kräfte

jenige, was schon der Freiheit zugrunde liegt, auch dazu treibt,

in sich entwickelt, die er nicht einfach von Natur aus hat. Man

dass er unabhängig wird von allem Sinnlichen und sich frei in

kann gar nicht fragen: Ist der Mensch frei? Von Natur aus ist er

die Gebiete des Geistes erhebt.

es nicht, aber er kann sich immer mehr und mehr frei machen,

So hängt Freiheit mit der Entwicklung des menschlichen Den-

indem er Kräfte erweckt, die in ihm schlummern und die die

kens zusammen. Freiheit ist im Grunde genommen immer Ge-

Natur nicht erweckt. Der Mensch kann immer freier und freier

dankenfreiheit ...“

werden.

Ausgewählt von Roman David-Freihsl

Man kann nicht fragen: Ist der Mensch frei oder unfrei, sondern nur: Gibt es für den Menschen einen Weg zur Erringung der Freiheit? Und diesen Weg gibt es. Wie gesagt, vor dreißig Jahren versuchte ich zu zeigen: Wenn der Mensch dazu aufrückt, ein inneres Leben in sich zu entwickeln, so dass er die sittlichen Impulse für seine Handlungen in reinen Gedanken erfasst, kann

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Grundlage und Maßstab… Zur Bedeutung der „Philosophie der Rudolf Steiner hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die

„Die Grundmaxime der freien Menschen“

Waldorfpädagogik u. a. vor dem Hintergrund seines philoso-

Doch was sind dies für „Kräfte“, die der Mensch im Laufe des

phischen Hauptwerkes „Philosophie der Freiheit“ verstanden

Lebens im Sinne seiner Freiheit entwickeln soll? Sucht man in

werden sollte. Wohl auch deswegen wird in waldorfpädagogi-

Steiners „Philosophie der Freiheit“ Antworten auf diese Frage,

schen Texten gerne betont, Waldorfpädagogik sei „Erziehung

so lohnt sich u. a. der Blick auf die dort formulierte „Grundma-

zur Freiheit“. Nun ist es – was mit der Formulierung „Erziehung

xime der freien Menschen“:

zur Freiheit“ ja wohl ausgedrückt werden soll – zweifellos ein

„Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständ-

schönes pädagogisches Ziel, dass junge Menschen am Ende

nisse des fremden Wollens“ (Steiner, 1995, S. 166)

ihres schulischen Bildungsprozesses „freie Menschen“ sein sollten. Und trotzdem gibt es eine Reihe von Argumenten, die gegen dieses quasi inoffizielle „Motto der Waldorfpädagogik“ sprechen. Das stärkste ist wohl, dass jemanden zu etwas erziehen doch bedeutet, dass derjenige, der erzieht, weiß, wohin der Erzogene kommen soll und auch wie er (der Erziehende!) das bewirken kann. Doch kann es eine Freiheit geben, die von einem anderen bewirkt wurde, die quasi von außen an den „Erzogenen“ herangebracht wurde? Zahlreiche PädagogInnen und PhilosophInnen würden dies vermutlich in Frage stellen. Einer von ihnen ist Rudolf Steiner, der daher in seiner „Philosophie der Freiheit“ ausdrücklich betont: „Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen.“ (Steiner, 1995, S. 170)

Initiativkraft und Verständnis Freies Handeln ist immer engagiertes Handeln. Es verlangt Eigeninitiative und entsteht aus einer individuell erkannten Notwendigkeit, tätig zu werden – und dabei immer auch etwas zu verändern, zu verwandeln. Dies drückt Steiner mit der Formulierung „Liebe zum Handeln“ aus und macht damit zugleich auch deutlich, dass freies Handeln weder aufgrund von außen gegebener Befehle, noch aufgrund einer erwarteten Belohnung gesetzt wird – sondern aus der individuellen Einsicht und Überzeugung heraus, dass es in einer speziellen Situation sinnvoll, ja sogar gefordert ist. Die dafür offensichtlich notwendige Fähigkeit zur Initiative ist zweifellos eine der oben gesuchten „Kräfte“. Sie ist von entscheidender Bedeutung für eine menschliche Entwicklung im Sinne seiner Freiheit – aber keineswegs ausreichend. Sie braucht, so macht Steiner mit der

Eine Frage der Entwicklung…

Formulierung der „Grundmaxime der freien Menschen“ deut-

Die Freiheit eines Menschen ist nach Steiner nur von diesem

lich, eine gewissermaßen komplementäre „Kraft“. Notwen-

selbst zu erreichen; niemals kann sie von anderen Menschen

dig ist auch jene – oft unterschätzte – Kraft, die es erfordert,

bewirkt werden. Daher kann auch Erziehung nur versuchen, Be-

um ein echtes Verständnis für das Wollen, d. h. die Ziele und

dingungen, Voraussetzungen für Freiheit zu ermöglichen, Be-

Absichten sowie die Handlungen anderer Menschen zu entwi-

dingungen, unter denen sich ein Mensch hoffentlich in Richtung

ckeln. Nun mag man sich fragen, was ein solches Verständnis

Freiheit entwickeln kann. Wobei es Steiner wichtig ist zu beto-

für andere denn mit Freiheit zu tun hat. Bin ich nicht frei, wenn

nen, dass niemand von uns immer „frei“ oder immer „unfrei“ ist.

ich – im obigen Sinne – aus eigener Initiative, ohne Beeinflus-

Denn, wie Steiner einmal in einem Vortrag erklärte, „die Frage

sung durch andere handle? Allein aus meiner Perspektive mag

nach der Freiheit ist eine Frage der menschlichen Entwicklung, ei-

dies so scheinen, doch Steiner spricht nicht zufällig von einer

ner solchen menschlichen Entwicklung, dass der Mensch im Laufe

„Grundmaxime der freien Menschen“, also in der Pluralform.

seines Jugendlebens oder vielleicht seines späteren Lebens Kräfte

Menschliche Freiheit zeigt und realisiert sich v. a. im Zusam-

in sich entwickelt, die er nicht einfach von Natur aus hat.“

menleben mit anderen – und dieses beruht entscheidend auf

(Steiner, 1985, S. 108).

gegenseitigem Verständnis.

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Freiheit“ für die Waldorfpädagogik von Tobias Richter und Leonhard Weiss

„Segne unser Tun und Lassen“

Eigeninitiative und Engagement brauchen? Was benötigen sie,

Auf des Messers Schneide stehen meine Initiative, mein Ich-

um diese Fähigkeiten bilden und schulen zu können? Und was

geprägtes Handeln, wenn es darum geht, diese Grundmaxime

brauchen sie dafür, wirkliches Verständnis für andere entwi-

freier Menschen zu achten, wert zu schätzen und sich zu fra-

ckeln und erproben zu können? Welche Begegnungen auch mit

gen, was dieses, mein initiatives Handeln im sozialen Kontext

scheinbar „anderen“, „fremden“ Lebenswirklichkeiten sind dafür

bewirkt. Gehört nicht auch zur Initiative, auf eine Handlung

notwendig? Wie kann geübt werden, aus einem Verständnis der

zu verzichten, wenn das Grundwasser, in die diese eingespeist

Bedürfnisse und Wünsche anderer heraus auf eine Handlung

würde, zu gering ist, durch Untiefen behindert und so nicht ge-

auch einmal bewusst zu verzichten? Welche Möglichkeiten bie-

nügend Fluträume hat, die adäquate Verwandlung zuzulassen?

ten einzelne Fächer zur Entwicklung der skizzierten „Kräfte“?

Denn Verwandlung braucht Initiative, will sie als Wandlungs-

Welche Rolle spielen dabei etwa eher kognitive Fächer, welche

kraft, die auf Verständnis aufruht, wirken.

die künstlerisch-praktischen? … An den möglichen Antwor-

Die „Kumpanei“, welche einst die Weihnachtsspiele aus Oberu-

ten auf diese Fragen lässt sich vielleicht auch messen, wieweit

fer mit dem alten Choral Unsern Eingang segne Gott einleitete,

es der Waldorfpädagogik gelingt, ihren Grundlagen in Steiners

wusste um diese Doppelnatur der Initiativkraft. Dafür konnte

„Philosophie der Freiheit“ gerecht zu werden.

man schon mal um Hilfe bitten, wollte man sozial wirken:

Aber auch ganz unabhängig von Steiners philosophischen

„… segne unser Tun und Lassen …“

Überlegungen ist doch nicht zu übersehen, dass unsere Welt

Die Grundmaxime – Ziel… Eigeninitiative und soziales Verständnis – diese beiden Kräfte gehören zu jenen „Kräften“, die ein Mensch nach Steiner u. a. im Laufe des „Jugendlebens“ im Sinne einer Entwicklung zur Frei-

(junge) Menschen braucht, die Initiativkraft und soziales Verständnis besitzen, die etwa bereit sind, sich engagiert und verantwortungsvoll für soziale, politische, ökologische Belange einzusetzen.

heit ausbilden sollte. Die damit bereits angedeutete pädagogi-

Tobias Richter und Leonhard Weiss sind Mitarbeiter

sche Dimension hebt Steiner in einem 1924 gehaltenen Vortrag

am Zentrum für Kultur und Pädagogik in Wien

sogar noch ausdrücklicher hervor, wenn er etwa davon spricht,

und Dozenten des Masterstudiums Waldorfpädagogik

dass Jugendlichen v. a. die Inhalte zweier „Sozialsätze“ bewusst

an der Donau-Universität Krems.

werden sollten, die er folgendermaßen formuliert: „Liebevolle Hingabe an die eigene Handlung, verständnisvolles Eingehen auf die Handlungen anderer“ (Steiner, 1989, S. 134)

Literatur: Steiner, Rudolf (1985): Gedankenfreiheit und soziale Kräfte. Die

…und Maßstab der Waldorfpädagogik

sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirk-

Gute Pädagogik hat, so könnte man Steiner an dieser Stel-

lichung, GA 333.

le wohl interpretieren, jungen Menschen die Entwicklung der

Steiner, Rudolf (1989): Die pädagogische Praxis vom Gesichts-

beiden oben genannten „Kräfte“ zu ermöglichen. Will man die

punkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis. Die Erzie-

Waldorfpädagogik vor dem Hintergrund von Steiners „Philoso-

hung des Kindes und jüngeren Menschen, GA 306.

phie der Freiheit“ verstehen, muss man sie daher v. a. daraufhin

Steiner, Rudolf (1995): Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge ei-

ansehen, ob und wie ihr dies gelingt. Die „Grundmaxime“ aus

ner modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate

der „Philosophie der Freiheit“ ist damit so etwas wie ein Maß-

nach naturwissenschaftlicher Methode, GA 4.

stab, an dem sich die Waldorfpädagogik immer wieder messen

Alle Dornach: Rudolf Steiner Verlag

kann. Wo gelingt es, Kinder und Jugendliche so für ein Thema, eine Sache, ein Projekt zu begeistern, dass sie eine „Liebe zur Handlung“ entwickeln? Wo haben sie jenen Raum, den sie für

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Václav Havel und der Begriff der Freiheit in der Der Ruf nach „Freiheit“ ist in unserer Gesellschaft unüberhör-

thentisch in der schweigenden Masse weiterleben zu können.

bar geworden. Doch um welche „Freiheit“ handelt es sich dabei

Zunächst analysierte Havel den Zustand des damaligen poli-

eigentlich? Ist es eine Freiheit, die man sich gegenüber ande-

tischen Systems, das er bereits „posttotalitär“ nannte: „Zwi-

ren erkämpft, die man etwa von „denen da oben“ einfordert?

schen den Intentionen des posttotalitären Systems und den

Oder ist es eine Freiheit, in der man selbst lebt, zu der man sich

Intentionen des Lebens klafft ein Abgrund: Das Leben tendiert

selbst hin entwickelt? Oder anders formuliert: Geht es hier um

in seinem Wesen zur Pluralität, zur Vielfarbigkeit, zur unab-

die „Freiheit von“ etwas – oder vielmehr um die „Freiheit für“

hängigen Selbstkonstitution und Selbstorganisation, einfach

etwas?

zur Erfüllung seiner Freiheit. Das posttotalitäre System dagegen verlangt monolithische Einheit, Uniformität und Diszip-

Ein Blick auf die Bewegung der „Charta 77“ in der damaligen

lin. Das Leben versucht immer wieder, immer neue ‚unwahr-

Tschechoslowakei, die vom kommunistischen Regime mas-

scheinliche‘ Strukturen zu schaffen, das posttotalitäre System

siv bekämpft wurde, dann aber in weiterer Folge bis hin zum

dagegen zwingt ihm die ‚wahrscheinlichsten Zustände‘ auf.“

verblüffend gewaltfreien Zusammenbruch dieses Systems fortwirkte, bietet für die Auseinandersetzung mit dem Thema

Weiters stellt er fest: „Der Mensch kann nur deshalb sich selbst

Freiheit auch heute noch erstaunlich hochaktuelle Antworten.

entfremdet werden und wird entfremdet, weil er etwas hat,

Václav Havel, einer der großen Vordenker der „Charta 77“ und

was man ihm entfremden kann. Das Gebiet, auf dem er verge-

der spätere Präsident erst der Tschechoslowakei und dann

waltigt werden kann, ist seine authentische Existenz.“

auch der Tschechischen Republik, fasste im Jahr 1978 – also

Auch die folgende Beschreibung der „allgemeinen menschli-

ein Jahr nach Unterzeichnung der Charta – die damaligen In-

chen Krise“ der Gesellschaft erscheint in Bezug auf die heu-

tentionen und Ziele in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit

tigen – westlichen – gesellschaftlichen Verhältnisse höchst

zu leben“ zusammen. Es enthält nicht nur ein Bekenntnis zu

aktuell: „Die tiefe Krise der menschlichen Identität, die das ‚Le-

absoluten Gewaltfreiheit: Nicht eine Regierung zu stürzen oder

ben in Lüge‘ bewirkt und die dieses Leben wiederum ermög-

abzulösen sei das Ziel, sondern die Möglichkeit, ein freies und

licht, hat zweifellos ihre moralische Dimension: Sie wirkt sich –

selbstbestimmtes Leben – eben ein „Leben in der Wahrheit“

außer anderem – als tiefe moralische Krise der Gesellschaft aus.

– führen zu können. Es ist die Antwort auf das „Leben in der

Ein Mensch, der der Konsumwertskala verfallen ist, im Amal-

Lüge“ – also der Unterordnung, um unbehelligt, aber unau-

gam des zivilisatorischen Herdendaseins ‚aufgelöst‘ und in der


„Charta 77“-Bewegung von Roman David-Freihsl

Seinsordnung durch kein Gefühl höherer Verantwortung als

Aus diesem Impuls heraus war auch das Ziel der Bewegung

der Verantwortung dem eigenen Überleben gegenüber ver-

kein vordergründig politisches, sondern ein zutiefst mensch-

ankert ist, ist ein demoralisierter Mensch. Das System stützt

liches: „Eine wirkliche, tiefe und dauerhafte Veränderung der

sich auf diese Demoralisierung, es vertieft sie, es ist ihre ge-

Verhältnisse zum Besseren … kann heute nämlich kaum noch

sellschaftliche Projektion. Das ‚Leben in Wahrheit‘ als Rebellion

dadurch kommen, dass sich diese oder jene traditionelle poli-

des Menschen gegen die ihm aufgezwungene Position ist da-

tische Vorstellung und ein auf sie gestütztes Konzept durch-

gegen ein Versuch, wieder die Verantwortung für sich selbst zu

setzt. Es muss … von dem Menschen, von der menschlichen

übernehmen, es ist also ein deutlich moralischer Akt.“

Existenz, von der grundsätzlichen Rekonstruktion der Stellung des Menschen in der Welt, von seiner Beziehung zu sich selbst,

Auslöser für die „Charta 77“ war übrigens auch kein direkt po-

zu anderen Menschen und zum Universum ausgehen … Es

litisches Ereignis – das geistige Klima bereitete, wie Havel er-

ist also nicht so, dass die Einführung eines besseren Systems

innert, der Prozess gegen junge Musiker der Rockgruppe „The

ein besseres Leben garantiert, sondern eher umgekehrt – nur

Plastic People“ auf: „Ein Prozess, in dem sich nicht zwei poli-

durch ein besseres Leben kann man wohl auch ein besseres

tische Kräfte oder Konzeptionen gegenüberstanden, sondern

System aufbauen.“

zwei Lebensauffassungen: Auf einer Seite der sterile Puritanismus des posttotalitären Establishments, auf der anderen

Aus diesem Ansatz heraus leitete Havel auch das bereits er-

unbekannte junge Leute, die nichts anderes wollten, als in der

wähnte Bekenntnis zur absoluten Gewaltfreiheit ab: „Die Um-

Wahrheit zu leben: die Musik zu spielen, die sie mochten, da-

kehr von einer abstrakten politischen Vision der Zukunft zu

rüber singen, womit sie wirklich leben, sie wollten frei, würdig

dem konkreten Menschen und zu der wirksamen Verteidigung

und brüderlich leben.“ Der entscheidende Funke, der dabei

dieses Menschen ‚hier und jetzt‘ ist also auf ganz natürliche

übersprang, war: „Die Freiheit der Rockmusik wurde als Frei-

Weise mit der verstärkten Ablehnung jeder Gewalt im Namen

heit des Menschen begriffen, also auch als Freiheit der philo-

der besseren Zukunft verbunden, mit tiefem Misstrauen dage-

sophischen und politischen Reflexion, als Freiheit der Literatur,

gen, dass eine mit Gewalt errungene Zukunft wirklich besser

als Freiheit, die unterschiedlichsten sozialen und politischen

sein könnte, und nicht durch die Mittel, mit denen sie erobert

Belange der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen und zu

wurde, schicksalshaft geprägt wäre.“

verteidigen.“

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Václav Havel und der Begriff der Freiheit in der „Charta 77“-Bewegung

Ziel war also kein „Umsturz“ für ein neues politisches System

Technik … glitt dem Menschen aus der Hand, hörte auf, ihm

– sondern eine grundlegende, gesellschaftliche Veränderung

zu dienen, versklavte ihn und zwang ihn, ihr bei der Vorbe-

durch Einzelne in der Gemeinschaft, also über viele unabhän-

reitung seines eigenen Verderbens zu assistieren.“ Und: „Die

gige, selbstbestimmte Initiativen: „Die unabhängigen Initiati-

planetare Krise der menschlichen Situation durchdringt frei-

ven sprechen die ‚verborgene Sphäre‘ der Gesellschaft an; sie

lich die westliche Welt genauso wie die unsere, nur dass sie

führen das ,Leben in Wahrheit‘ als menschliche und gesell-

dort andere gesellschaftliche und politische Formen annimmt

schaftliche Alternative vor und erkämpfen den Raum für diese

… Es weist wirklich nichts darauf hin, dass die westliche

Art des Lebens; sie helfen – selbstverständlich nur indirekt –,

Demokratie – das heißt die Demokratie vom traditionellen

das Selbstbewusstsein der Bürger zu stärken, sie zerstören die

parlamentarischen Typ – irgendeinen glaubhaften Ausweg

Welt des ,Scheins‘ und enthüllen den wahren Charakter der

eröffnete.“

Macht. Sie übernehmen nicht die messianische Rolle irgendeiner gesellschaftlichen Avantgarde oder Elite, die als einzige

Im Gegenteil – mit dem westlichen System ging Havel nicht

besser als die anderen weiß, wie die Dinge stehen und deren

minder hart zu Gericht: „… dieser ganze statische Komplex der

Aufgabe es ist, die ,unwissenden‘ Massen aufzuklären … sie

erstarrten konzeptionslosen und politisch nur noch zweckbe-

wollen auch niemanden führen: Sie überlassen es jedem, was er

dingt handelnden politischen Massenparteien, die von profes-

sich aus ihren Erfahrungen und ihrer Arbeit nehmen will.“

sionellen Apparaten beherrscht werden und den Bürger von jeglicher konkreter und persönlicher Verantwortung entbinden,

Havel hob dieses Prinzip mit unglaublichem Weitblick schon

diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipu-

damals, 1978, über die Auseinandersetzung mit dem kom-

lierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals,

munistischen System hinaus: „Unsere Aufmerksamkeit rich-

dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion,

tet sich also unausweichlich auf das Grundsätzliche – auf die

der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze

Krise der modernen technischen Zivilisation insgesamt. Auf

Informationsflut – all dies … kann man wahrhaftig nur schwer

jene Krise, die Heidegger als die Ratlosigkeit des Menschen

als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der

der planetaren Macht der Technik gegenüber beschreibt. Die

Mensch wieder zu sich selbst findet.“


Havels Vision war insgesamt kein Protest, kein direkter Auf-

Dies sind alles Dinge, die im Bereich der Freien Waldorfschu-

stand gegen etwas, sondern die eigene Initiative, die Be-

len und auch deren Umfeld – wie beispielsweise der Lebens-

geisterung für etwas: „Es handelt sich um die Rehabilitierung

mittel-Kooperative „Dynamo Bio“ – höchst vertraut klingen.

solcher Werte wie Vertrauen, Offenheit, Verantwortung, So-

So, wie auch dieses: „Auf die bunte und wechselnde Zusam-

lidarität, Liebe. Ich glaube an Strukturen, die sich nicht an der

menarbeit solcher dynamisch entstehenden und sich auflö-

‚technischen‘ Seite der Machtausübung orientieren, sondern

senden, vor allem aber aus ihrem aktuellen Sinn zehrenden

an dem Sinn ihrer Ausübung; an Strukturen, die mehr durch

und durch menschliche Bindungen zusammenhängenden Or-

das gemeinsame Gefühl, dass bestimmte Gemeinschaften

ganismen sollte sich das politische Leben wie auch das Wirt-

sinnvoll sind, als durch gemeinsame Ambitionen zur Expan-

schaftsleben gründen. Was das letztere betrifft, glaube ich an

sion nach ‚außen‘ gefestigt werden. Es können und müssen

das Selbstverwaltungsprinzip, das wohl als einziges das bieten

offene, dynamische und kleine Strukturen sein … Besser als

kann, wovon alle Theoretiker des Sozialismus träumten, näm-

ein Komplex formalisierter Organisationen sind Organisatio-

lich die tatsächliche … Beteiligung der Arbeitenden an wirt-

nen, die ad hoc entstehen, voller Begeisterung für ein kon-

schaftlichen Entscheidungen und das Gefühl der wirklichen

kretes Ziel, und sich nach der Erreichung des Zieles auflösen.

Verantwortung für die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit.“

Die Autorität der Führenden sollte aus ihrer Integrität und aus ihrer Erfahrung resultieren, nicht aus ihrer Stellung in ir-

Der Weg zur Freiheit führt also nicht über „Das System muss

gendeiner Rangordnung; sie sollten mit einem großen Maß an

weg“ oder „Ich mach‘, was ich will – die anderen sind mir

persönlichem Vertrauen und auch mit auf diesem Vertrau-

wurst“. Es gilt vielmehr, initiativ zu werden – für sich selbst

en basierenden großen Befugnissen ausgestattet werden …

und für die Gemeinschaft – sowie auch selbst Verantwortung

Diese Strukturen sollten selbstverständlich von unten ent-

zu übernehmen. Václav Havel schrieb dazu auch: „Das Prinzip

stehen, als Ergebnisse der authentischen gesellschaftlichen

der Kontrolle und Disziplin sollte durch spontane menschliche

‚Selbstorganisation‘.“

Selbstkontrolle und Selbstdisziplin verdrängt werden.“


Der LANGE WEG

Frei ist der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist. Rudolf Steiner

Freiheit ist wie Liebe: eigentlich ein zu großes Thema, um es

Das Leben kann als ein Streben nach Freiheit verstanden wer-

überhaupt in Worte fassen zu können. Worte selbst sind wie

den. Jedes Lebewesen hat einen inneren Antrieb, sich aus

kleine Gefängnisse. Ich erlaube mir deshalb, gezielt am The-

einengenden Umständen zu befreien. Das Samenkorn „befreit“

ma vorbeizuschreiben. Ich mache das mit einer Sammlung an

sich aus seiner Hülle, gräbt sich durch die Erde, wächst dem

Gedanken, Meditationen, Intuitionen, Zitaten bedeutender

Licht entgegen, trotzt Wind und Wetter und schickt sodann

Persönlichkeiten und Denkprovokationen. So steht es Ihnen

die eigene Saat auf eine Reise jenseits der eigenen örtlichen

frei zu erspüren, ob und welche Worte für Sie persönlich Be-

Beschränkungen. Diese Bewegung in die Freiheit zeigt sich bei

deutung haben.

Tieren und Menschen, sowohl in der Individual- als auch in der Stammesentwicklung.

Die Fähigkeit zur Regulation der eigenen Emotionen erwerben wir ausschließlich im zwischenmenschlichen Raum. Anfangs werden wir gestillt, später können wir uns selbst beruhigen. Keine Selbstregulation ohne vorangegangene Fremdregulation!

Wir sind anfangs sozial absolut abhängig, nicht überlebensfähig ohne einen anderen. Wir gedeihen durch Bezugspersonen, Kernfamilie, erweiterte Familie, FreundInnen, Peer-Group, ArbeitskollegInnen. Wir erwerben die Fähigkeit, uns mehreren sozialen Feldern anzuschließen und uns zugehörig zu fühlen. Wir entwickeln Freiheit, wohin, zu wem wir wann gehören wollen, wir leben und bewegen uns immer freier in sozialen Feldern.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die Macht unserer Wahl. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“, schrieb der HolocaustÜberlebende und Gründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor Frankl. Ein lebenslanger Entwicklungsraum.

Unsere Triebe, Affekte, Emotionen nehmen uns anfangs noch ganz ein. Wir haben als Kleinkinder nicht Hunger, der Hunger hat uns! Wir lernen unsere Affekte zu bewältigen, mit ihnen zu kooperieren, und sie dienen uns fortan für die Lebensgestaltung als Kompass. Was möchte ich meiden, was möchte ich aufsuchen?

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in die FREIHEIT von Bardia Monshi

Am Anfang unseres Menschseins werden wir aus der Ein-

Mit der Lebensreife schwindet die soziale Abhängigkeit, dafür

heit geworfen, wir werden entzweit. Raus aus dem Mutter-

steigt das Bewusstsein für die „Zusammenhängigkeit“. Dazu

leib, hinein in den zunehmenden Freiraum. Wir sind anfangs

der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han: „Frei-

ganz unseren Reflexen unterworfen. Unsere Händchen greifen

Sein heißt nicht einfach Ungebunden- und Unverbindlich-Sein.

selbstständig vor sich hin, bis wir lernen, unsere Reflexe in ziel-

Frei machen nicht Entbindungen und Entbettungen sondern

gerichtete Bewegungen zu verwandeln. Ich werde nicht mehr

Einbindungen und Einbettungen. Die totale Beziehungslosig-

bewegt, sondern ich bewege mich. Ein erstes Stück Freiheit.

keit wirkt beängstigend und beunruhigend. Die indogermani-

Wir bewegen uns immer freier, wir brechen wie Kolumbus auf

sche Wurzel fri, worauf Wendungen wie frei, Friede und Freund

zu neuen Ufern, wir erweitern unsere Grenzen.

zurückgehen, bedeutet ‚lieben‘. So bedeutet ‚frei‘ ursprünglich ‚zu den Freunden oder Liebenden gehörend‘. Man fühlt sich frei gerade in der Beziehung von Liebe und Freundschaft. Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht frei. Die Freiheit ist ein Beziehungswort par excellence. Ohne Halt gibt es auch keine Freiheit. Die Freiheit ist ein Synonym für die gelingende Gemeinschaft.“

Zwang ist das Gegenteil von Freiheit. Ein Mensch, der an Zwängen leidet oder anderen einen Zwang aufdrängt, kann nur noch auf eine einzige, beschränkte Art und Weise bewerten und handeln. Dementsprechend meinte Frankl auch sinngemäß, wer einen einzelnen Wert götzenhaft verehrt und absolut setzt, der wird letztendlich daran verzweifeln und auch andere in die Verzweiflung treiben.

Dazu passend schreibt der Physiker Heinz von Foerster: „Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Nur wer frei ist und IMMER AUCH ANDERS AGIEREN KÖNNTE‚ kann verantwortlich handeln.“

Nach einer hoffentlich langen, erfüllten Lebensreise werden wir alle die letzte Grenze überschreiten. Wir lösen uns von den Wir sind ALL-EIN-S.

Fesseln aus Raum und Zeit. Wir sind dann wieder vollkommen verbunden UND vollkommen frei:

Bardia Monshi ist Schülerinnenvater in der 4. und 8. Klasse.

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Faust und die Jede 12. Klasse setzt sich in einer ersten Begegnung mit den Themen von Goethes Lebenswerk „Faust“ auseinander. Heuer haben wir uns besonders auch mit dem Freiheitsaspekt beschäftigt – hier Textauszüge aus diesen Arbeiten der Schülerinnen und Schüler! Freiheit ist ein mannigfaltiges Wort, das von Person zu Person unterschiedlich interpretiert werden kann. Ein Gefühl von Freiheit ist für mich beispielsweise das Privileg von Reisefreiheit. Anderen bleiben diese Reisefreiheit, Meinungsfreiheit oder Wahlfreiheit auch heute noch verwehrt, und viele kämpfen für diese Freiheiten. Freiheit ist heute immer noch etwas, wofür Menschen täglich kämpfen, und so verstehe ich auch das Zitat in Faust: Nur der verdient sich die Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss (Vers 11575). Spannend in Fausts Entwicklung ist, dass er sich am freisten fühlt, als er die Freiheit verliert, etwas zu sehen. Durch diesen Verlust seiner Sehkraft versteht er, was für ihn die Freiheit bedeutet und dass es dafür die Tat braucht, wie er das auch schon in der Gelehrtentragödie (beim Übersetzen des Evangeliums; Anm. U. Kaufmann) beschreibt: Im Anfang war die Tat. (Vers 1237) […] Faust trägt alle Teile der Menschlichkeit in sich. Seine Strebsamkeit beschreibt den natürlichen Wissensdrang des Menschen, der uns im Laufe der Geschichte weit gebracht hat. Auf diesem Weg ist allerdings auch viel schiefgegangen, da der Mensch im Zuge seiner Forschungen oft skrupellos war und ist. Genau wie Faust strebt der Mensch immer noch nach mehr, er bleibt nie stehen und erkennt oft zu spät die Konsequenzen seines Handelns. Faust will verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und dies ist schließlich eine Frage, die jeden Menschen in irgendeiner Form beschäftigt. Faust zeigt also auch sehr deutlich, dass ein Mensch irren, Schlechtes verursachen und trotzdem ein gutes Wesen haben kann. Die Vielfalt der Gefühle, die der Mensch in seinem Leben durch- und erlebt, kommt ebenfalls in Fausts Lebensweg vor. Nachdem er den Pakt mit dem Teufel abgeschlossen hat, will Faust alles fühlen, was der Menschheit zugeteilt ist: Liebe, Hass, Freude, Schmerz. Im Laufe der Geschichte durchlebt er all diese Gefüh-

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Freiheit Textauszüge aus Arbeiten von M. F., A. G., V. H. und A. S.

le, genau wie jeder Mensch. All diese Emotionen gehören zum

Menschheit auf eine gewisse Weise zusammenhält. Faust hat

Leben dazu und machen es erst richtig bunt und lebenswert.

womöglich diesen Zusammenhalt gespürt und daraus eine Vi-

Durch unsere Gefühle und Erlebnisse wachsen und entwickeln

sion entwickelt: die Vision der idealen Gesellschaft in Freiheit.

wir uns, so wie Faust, der zum höchsten Dasein immerfort

[…]

streben will. Ich denke, dass jeder Mensch den Wunsch hat, die

Faust wirkt auf mich wie das Idealbild eines Menschen. Er inte-

bestmögliche Version seiner selbst zu sein und dass diese Ent-

ressiert sich für die Wissenschaft, wird angetrieben durch Lust

wicklung das ganze Leben lang andauert.

bzw. Gefühle zu anderen Menschen, er reflektiert und überlegt

[…]

nicht sonderlich viel, stürzt sich ins Abenteuer. Irgendwie hat

Als Faust die Vision einer idealen utopischen Gesellschaftsform

er doch einen Sinn für das Richtige, allerdings kommt dieser

hat, verspürt er erstmals das Glück und die Freiheit, die er in

Sinn nicht so oft zum Vorschein. Faust handelt eher nach seiner

sich trägt. Diese Freiheit definiert sich durch freies Handeln,

Intuition, ist auch launisch und oftmals arrogant. Er denkt doch

Denken und Fühlen jedes Einzelnen. Denn durch die Freiheit

hauptsächlich an sich und an sein eigenes Verlangen. Trotzdem

des Einzelnen entsteht eine Freiheit für alle.

habe ich das Gefühl, dass in ihm eine große, laute Sehnsucht

Ich denke, dass Faust durch diese Vision oder diesen Plan in-

steckt, die nach Zufriedenheit und Selbstliebe ruft. Ihm fehlt es

nerlich zufrieden wurde, weil er nicht nur für sich selbst ei-

an diesen Dingen, er rennt Idealen nach und ist nicht bedacht

nen Weg gefunden hat, sondern diese Vision quasi die ganze

auf das Hier und Jetzt, er kann die Gegenwart nicht genießen,

Menschheit betrifft.

weil er sie gar nicht sieht und wahrnimmt. Ich denke, dass diese

Goethe kritisiert in den Tragödien immer wieder die Gesell-

Themen, mit denen Faust zu hadern hat, immer noch sehr ak-

schaft. Er kritisiert die verschiedenen Gesellschaftsschichten

tuell sind und auch die Mehrheit der Menschen betreffen – die

und das Verlangen und die Gier nach Geld, welche mit dem Ka-

Sorge, sein Leben, mit etwas verschwendet zu haben, taucht

pitalismus einhergehen. Deshalb, denke ich, besteht das, was

bestimmt öfters auf. Womit verbringe ich mein Leben richtig?

die Welt im Innersten zusammenhält, darin, nicht nach dem

Was muss ich gemacht haben? Was soll ich arbeiten?

Profit des Einzelnen zu streben, sondern die Vision zu verfolgen,

Ich denke, dass Goethe den Kern des wahren Menschseins und

jeden Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung zu sehen.

der inneren Freiheit als ständiges Tun und Lernen betrach-

Wenn man Faust als „das Bild“ für den Menschen betrachtet,

tet, immer in Bewegung, auch in geistiger Bewegung zu blei-

geht es im Menschsein, denke ich, darum, nicht nur nach ir-

ben und immer ein Ziel vor Augen zu haben, auf welches man

dischen Sachen zu streben. Es geht darum, seine individuelle

hinarbeitet. Stetig nach neuen Erkenntnissen und Erfolgen zu

Freiheit zu entdecken und das Leben mit Liebe zu füllen. Denn

streben. Ich denke, das gilt heute wie damals: Jeder Mensch

auch nur durch Verluste, Reue, Fehler und Trauer, wie Faust sie

braucht seine Tätigkeit, seine Aufgabe, um ein erfülltes und

erlebt hat, kann man das volle Maß an innerlicher Zufrieden-

freies Leben zu leben.

heit spüren. Im Prolog im Himmel spricht der HERR davon, dass ein wirklich guter Mensch nicht vom rechten Weg abkommen kann. Denn auch wenn man sich verirrt und das Böse nicht erkennen mag, weiß man im Endeffekt, was richtig ist. Der Drang danach, etwas zu fühlen, was wir noch nicht kennen und der Drang, das Richtige und Gute zu tun, treiben uns, denke ich, im Innersten an. Denn egal, wo man hinschaut, jeder Mensch will mit dem, was er tut, eigentlich nur eines erreichen, und zwar das, was für ihn das Richtige und Gute ist. Das ist doch etwas, was die

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Foto: Paul Berke

Viele Gedanken Blitze, ein Gewitter naht. Die Stille - Freiheit

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Formulierende Freiheit in siebzehn Silben Die Unendlichkeit


Vom Homo ludens und

Magister Ludi von Holger Finke

Wenn es einen Ort gibt, in dem Freiheit waltet, dann ist es das

„Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten“,

Atelier des Künstlers, ebenso wie ein Ort der Freiheitsferne die

tönt es aus Frankreich in der Zeit der Aufklärung aus dem

Gefängniszelle ist. So ungefähr könnte man meinen, wenn man

Munde des Wanderphilosophen Jean-Jacques Rousseau. Der

beginnt, über Freiheit, das Leitmotiv dieser MoMent-Ausgabe,

Funke springt über:

nachzudenken.

„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,

Victor, der Protagonist in Samuel Becketts

und würd’ er in Ketten geboren“,

frühem Theaterstück Eleutheria, hat sich auf

verkündet wenige Jahrzehnte später der Dichter-

der Suche nach Freiheit ganz von der Welt zu-

philosoph Friedrich Schiller in deutschen Landen.

rückgezogen und sein Zimmer seit zwei Jah-

Das Votum ist eindeutig: Ja, der Mensch ist frei,

ren nicht mehr verlassen:

zumindest dem Konzept nach bei seinen ersten

„Ich wollte immer frei sein. (...) Ich weiß nicht,

Atemzügen und vielleicht noch etwas länger. Die

warum. (...) Ich habe es immer ersehnt. Ich er-

Komplikationen scheinen danach einzusetzen.

sehne es immer noch. Ich ersehne nur das. Zu-

Verschiedene Entwicklungen sind möglich. Men-

erst war ich ein Gefangener der andern. Darauf

schen können ihre naturgegebene Freiheit verlie-

habe ich mich von ihnen getrennt. Dann war ich

ren oder weiter ausbauen. Freiheit, darauf basieren

mein eigener Gefangener. Das war noch schlim-

die folgenden Gedanken, wird nicht als statische

mer. Darauf habe ich mich von mir getrennt.“

Größe verstanden, sondern als dynamische. Freiheit gibt es in

Schließlich resümiert Victor:

verschiedenen Graden und Qualitätsstufen, sie ist entwickelbar

„Ich werde nie frei sein. (...) Aber ich werde ununterbrochen spü-

und ausbaufähig. Und sie kann etwas mit Spiel zu tun haben.

ren, wie ich es werde. (...) Ich werde Ihnen sagen, womit ich mein

Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga, von den

Leben zubringen werde: damit, meine Ketten gegeneinander zu

Nazis verschleppt und umge-

reiben. Von morgens bis abends und von abends bis morgens.

bracht, widmete dem Phänomen

Dieses kleine unnütze Geräusch wird mein Leben sein. Ich sage

Spiel die geistreiche Schrift Homo

nicht: meine Freude.“

ludens 1) – vom Ursprung der Kultur

Damit fördert Beckett gleich mehrere Aspekte zutage, die in

im Spiel.

den Themenkreis der Freiheit fallen: Wir müssen zwischen äu-

Darin schreibt er:

ßerer und innerer Freiheit/Unfreiheit unterscheiden. Man kann

„Spiel ist älter als Kultur; denn so

der Freiheit in Abstufungen mehr oder minder nahe kommen.

ungenügend der Begriff Kultur begrenzt sein mag, er setzt doch

Der Abstand zu ihr versetzt uns in einen permanenten Span-

auf jeden Fall eine menschliche Gesellschaft voraus, und die Tiere

nungszustand, den wir aber brauchen, um für sie sensibel zu

haben nicht auf die Menschen gewartet, dass diese sie erst das

werden. Es geht um ein Freiwerden. Victor hat das Prozessuale

Spielen lehrten. Ja, man kann ruhig sagen, dass die menschliche

des Problems erkannt. Sein Entschluss, die Ketten nicht ruhen

Gesittung dem allgemeinen Begriff des Spiels kein wesentliches

zu lassen, ist seine Antwort auf das Problem und zeigt, dass er,

Merkmal hinzugefügt hat. Tiere spielen genauso wie Menschen.

der Unfreie, bereits aus Freiheit handelt. Fragen tun sich auf:

Alle Grundzüge des Spiels sind schon im Spiel der Tiere verwirk-

Was nährt Victors lebendige Vorstellung von Freiheit und seine

licht. Man braucht nur junge Hunde beim Spielen zu beobachten,

unstillbare Sehnsucht nach ihr? Hat er Freiheit nie besessen

um in ihrem munteren Balgen alle diese Züge zu erkennen. Sie

oder besaß er sie einmal, nur dass sie ihm, vor Urzeiten, ab-

laden einander durch eine Art von zeremoniellen Haltungen und

handen kam? Ist seine Vision der Freiheit zugleich eine Erinne-

Gebärden ein. Sie beachten die Regel, dass man seinem Spielge-

rung? War er einmal aufgehoben in ihr?

>>

MoMent Frühling 2021 _ 15


Vom Homo ludens und Magister Ludi

ährten nicht das Ohr durchbeißen soll. Sie stellen sich so, als ob

gen entlang des Phänomens selber, erweist sich Huizinga als

sie fürchterlich böse wären. Und das Wichtigste ist: An alledem

Wissenschaftler, der im Geiste der Goetheanistischen Metho-

haben sie offensichtlich ungeheuer viel Vergnügen und Spaß.

de 2) arbeitet.

(...) Mit dem Spiel aber erkennt man, ob man will oder nicht, den Geist. Denn das Spiel ist nicht Stoff, worin auch immer sein Wesen bestehen mag. Schon in der Tierwelt durchbricht es die Schranken des physisch Existenten. Von einer determiniert gedachten Welt reiner Kräftewirkungen her betrachtet, ist es im vollsten Sinne des Wortes ein ‚Superabundans‘, etwas Überflüssiges. Erst durch das Einströmen des Geistes, der die absolute Determiniertheit aufhebt, wird das Vorhandensein des Spiels möglich, denkbar und begreiflich. Das Dasein des Spiels bestätigt immer wieder, und zwar im höchsten Sinne, den überlogischen Charakter unserer Situation im Kosmos. Die Tiere können spielen, also sind sie bereits mehr als mechanische Dinge. Wir spielen und wissen, dass wir spielen, also sind wir mehr als vernünftige Wesen, denn das Spiel ist unvernünftig.“ Kinder erschließen sich die Welt spielend. Man kann von dieser Art des Spielens keine zu hoch gesteckte Auffassung haben. Und noch im Leben der Erwachsenen hat Spiel eine tiefe Bedeutung. Es sind Momente einer Parallelwelt, in der man sich oft mehr als in der Alltagswelt als freier Menschen erleben kann. Wenn Huizinga in diesem Sinne vom Spiel spricht, betont er, dass das Spiel seinen Sinn in sich selber trägt und keiner sonstigen Rechtfertigung bedarf. Man könne das Spiel kausal begründen, indem man anführt, in ihm würden überschüssige Energien kanalisiert. Oder man könne das Spiel teleologisch legitimieren, indem man sagt, es würde die Wettbewerbsfähigkeit trainieren, die man im Leben „draußen“ brauche. Huizinga führt aus, dass alle logischen Erklärungsmuster dieser Art stets eine Teilberechtigung haben, aber dem Phänomen gegenüber letztlich nur bedingt adäquat sind. Sie gehören einer Weltsicht an, die nur Notwendigkeiten, möglichst in linearer Abfolge, kennt und ein wichtiges Charakteristikum des Spiels, das Freiheitsmoment, nicht sehen kann oder nicht gelten lässt. Spiel ist in höchster Instanz zwecklos, aber doch sinnvoll. Man würde gerade das dem Spiel Eigentümliche verfehlen, wenn man es

Nach allem Gesagten wird deutlich, warum das Spiel im Unterricht der Waldorfschulen, von der ersten bis zur zwölften Klasse, in so hohen Ehren gehalten wird. Gedacht ist dabei nicht nur an das Lernen im Spiel in der Unterstufe und an die zahlreichen Bühnenprojekte quer durch die ganze Schulzeit. Es tritt vielmehr noch ein weiteres Motiv hinzu: Weiter oben war die Rede davon, dass diesem Text ein Freiheitsverständnis zugrunde gelegt wird, nach welchem Freiheit über den Naturzustand hinaus entwickelbar ist. Das spielende Kind macht von einer Freiheit Gebrauch, mit der die Natur es beschenkt hat. Wenn Kinder das Spielen verlernen, zeigt das immer auch einen Freiheitsverlust an – ein Alarmsignal im Bereich tiefrot. Kinder sollen Spieler bleiben, und nicht nur sie, sondern Jugendliche und Erwachsene auch. Aber es metamorphosiert sich etwas im Spiel und damit in der Art und Weise, wie von der ursprünglich frei Haus gelieferten Freiheit Gebrauch gemacht wird. Es kann erhellend sein, an dieser Stelle Schillers Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen einzuschalten. Darin unterscheidet der Autor, in der Abbildung mit dem MNS der Friedrich-Schiller-Universität Jena ausgestattet, zwischen dem Stoff- und dem Formtrieb. Dominiert der Stofftrieb, so möchte der Mensch in alles Andrängende eintauchen und sich mit Genuss fortreißen lassen. Dominiert der Formtrieb, so findet der Mensch höchste Genugtuung darin, Distanz zu allem Andrängenden herzustellen, um es aus diesem Abstand heraus nach seinen Plänen gestalten zu können. Schnell wird deutlich, dass es sich um zwei polare Haltungen handelt, die situationsbezogen jeweils ihre Berechtigung haben. Schillers Überlegungen kulminieren im fünfzehnten Brief in dem Satz:

aus anderen Bereichen ableitet oder es funktionalisiert, indem

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch

man seinen Nutzen auf exterritorialem Gebiet nachweist.

spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und

Insofern, aber auch hinsichtlich seiner genauen Beobachtun-

er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

16 _ MoMent Frühling 2021


Unter Spiel versteht Schiller die Gabe, Stoff- und Formtrieb in

Außer dem Spiel genießt die Kunst, nicht nur im engeren Sinne

Balance zu halten beziehungsweise von beiden emanzipiert

des Wortes verstanden, an Waldorfschulen hohe Wertschät-

zu sein, um dann aus Freiheit – und nicht aus Zwängen her-

zung. Warum? Im zweiten Brief seiner Betrachtungen schreibt

aus – dem einen oder dem anderen den Vorzug zu geben. Wir

Schiller:

erkennen: Auch bei Schiller stehen Spiel und Freiheit in innigs-

„Denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit (...).“

ter Verknüpfung. Das Spiel, von dem Schiller hier spricht, ist ein

Klar, denn der Künstler spielt, so wie Georg Friedrich Kersting

anderes, eben weiterentwickeltes, als das Spiel der Kinder. Wo

spielt, als er 1819 seinen Kollegen und Freund Caspar David

ist die Verbindung zur Waldorfpädagogik? Jede der zwölf Klas-

Friedrich, den großen Maler der Frühromantik, bei der Arbeit

senstufen steht unter einem besonderen Motiv, welches das je-

in seinem Atelier festhielt. Kersting spielt damit, dass Fried-

weilige Jahr durchzieht und den SchülerInnen in den verschie-

rich uns nicht sieht, während er innehaltend und nachdenklich

densten Fächern von den verschiedensten Seiten her begeg-

sein entstehendes Werk betrachtet. Dafür sieht Friedrich aber,

net. Jedes dieser Motive bedeutet eine bestimmte Haltung, mit

was wir nicht sehen, nämlich das Bild auf der Staffelei. Außer-

den Menschen, der Welt, den Dingen in der Welt umzugehen.

dem spielt Kersting mit der inneren und äußeren Freiheit, von

Das Besondere der zwölften Klasse ist nun, dass eigentlich kein

der zu Beginn die Rede war. Die äußere Freiheit scheint gering,

neues Motiv hinzukommt, sondern alle zuvor durchgespielten

gleicht das Atelier in seiner Kargheit eher einer Gefängniszelle.

Motive wie Register auf der Orgel angespielt und bei Bedarf

Die innere Freiheit des sinnenden Künstlers aber ist immens,

wieder verlassen werden. Perspektivenwechsel vollziehen zu

stammt doch von Friedrich selbst die Sentenz:

können, Standorte und damit Standpunkte wechseln zu kön-

„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern

nen, dadurch tolerant und multiperspektiv zu werden, Überblick

auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse

zu erwerben und aus dem gewonnenen Überblick Situationen

er auch zu malen, was er vor sich sieht.“

gestalten zu können wären Ziele, auf die man in einer zwölften Klasse hinzuarbeiten versucht. Jede einzelne Schülerin, jeder

Holger Finke unterrichtet Mathematik, Physik und

einzelne Schüler ist eingeladen, zum Homo ludens zu werden,

Kunstgeschichte und ist Dozent am Zentrum für Kultur und Pädagogik in Wien.

zum spielenden Menschen, der im Laufe der vorangegangenen Jahren in die verschiedensten Motive/Haltungen tief eingetaucht ist, dadurch Chancen erwarb, sich von jeder dieser Haltungen zu emanzipieren, um schließlich frei über sie verfügen zu können – also ein

1) Homo ludens = der spielende Mensch, in Ergän-

Spieler im Verständnis Schil-

zung zum Beispiel zu Homo sapiens = der vernunft-

lers zu werden. Die Lehrkraft

begabte Mensch oder Homo faber = der tätige

ist dann immer weniger in

Mensch

ihrer klassischen Rolle ge-

2) Eine ausführliche Darstellung der Goetheanisti-

fragt, sondern darf sich viel-

schen Methode und ihrer Relevanz im pädagogi-

mehr in der Rolle der Spiel-

schen Kontext findet sich in folgendem Werk der

leiterin, des Spielleiters üben

Schriftenreihe des Zentrums für Kultur und Päda-

oder, um einen schönen

gogik: Grundlagen, Methoden und Gestalt der Wal-

Begriff aus Hermann Hesses

dorfschule, 2016, LIT Verlag

Glasperlenspiel aufzugreifen,

3) Magister Ludi = Lehrer des Spiels

als Magister Ludi.

3)

MoMent Frühling 2021 _ 17


Freiheit

will erspielt sein von Ursula Dotzler

Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Le-

probiert, bis die Aufrechte erreicht ist, die Hände zugreifen

bens sich selbst zu folgen in der Lage ist. Der Unterschied zwischen

können, Auge und Hand koordiniert sind.

mir und meinem Mitmenschen liegt nicht darin, dass wir in zwei

Daraufhin werden die Gegenstände erobert, die dann im Wei-

ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern dass er aus der

teren zu Spielelementen werden. Die oft wiederholten ver-

uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.

schiedenen Spielgesten sind dabei ein Ausdruck der Organent-

– So Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“.

wicklung: Schütten, Weglaufen – Wiederkommen, Turmbauen,

Wenn wir wirklich aus der Ideenwelt schöpfen, dann gilt weiter:

Zerstören, Sortieren – alles hat Sinn, Bezug und Wirkung auf

„Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Ver-

die Organe.

ständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien

Hat das Kind so den Umgang mit den Dingen ausreichend ge-

Menschen.“

übt, kann es mit zunehmender Sicherheit ins freie Spiel der

Wie aber lernt der Mensch, sich selbst zu folgen, und wann ist er darin frei im Sinne seiner eigenen Entwicklung??

Phantasie wechseln. Was (gegenständlich) vertraut ist, kann nun verwandelt werden. Die Umgebung wird so immer neu lebendig und immer neu „verdaut“. Das Kind beginnt, in Rollen

Erziehung zur Freiheit durch freies Spiel

zu schlüpfen und so auch Gefühlsnuancen zu durchatmen. Das

Das frühkindliche Lernen entfaltet sich in einem ständigen Be-

eigene Gefühl entfaltet sich, über die Nachahmung im Rollen-

zug zur Leiblichkeit: Das Kind schreibt sich die Welt in den Leib

spiel wird gelernt, „empathisch“ damit umzugehen.

ein, bringt sie in sich zur Resonanz und findet zu dem ihm ge-

Im letzten Kindergartenjahr tritt dann die eigene Vorstellung

mäßen Selbst- und Weltbezug und so zur Verbindung mit sich

auf den Plan – Ideen kommen, Pläne werden gemacht, alle be-

selbst. Zur Freiheit kommt nur, wer erst mit sich selbst verbun-

kommen ihre Aufgabe –, oft nach einer Phase der „Langewei-

den ist. Müssen wir das Kind dahingehend bilden? Oder bringt es vielmehr alle Fähigkeiten mit, sich selbst zu bilden? In der Zeit, in der sich das Kind seinen Leib als Instrument, als Wohnort „stimmt“ und ihn sich unermüdlich in verschiedenen Phasen erarbeitet – vielmehr erspielt –, braucht es Entwicklungsräume zur Selbsteroberung, Anregung durch das menschliche Vorbild sowie „unfertiges“ Material, weitgehend frei von vorgegebenen Funktionen, dessen Bestimmungen je nach Bedarf im Spiel wechseln können. Freies Spiel – das heißt Spiel ohne Vorgabe in Form und Inhalt – ist ein tragender Bestandteil des waldorfpädagogischen Alltags im Kindergarten. Phasen des kindlichen Spiels Das freie Spiel ist die dem Kind mögliche Äußerungsform, die sich in einer Abfolge von Entwicklungsstufen zeigt. Am Anfang steht das Entdecken des eigenen Körpers. In der Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung ist das Kind ständig am Üben, und das mit bewundernswerter Ausdauer. Nichtgelingen wird akzeptiert, nach einer Pause neu

18 _ MoMent Frühling 2021


le“, in der diese Fähigkeiten heranreifen können. Aus sich selbst

auch sinnhafte, durchschaubare und handhabbare Verrichtun-

heraus bewältigt das Kind dabei die Umkehr der vorangegan-

gen des täglichen Lebens zur Nachahmung anzubieten.

genen inneren Reihenfolge: Erst erwacht das Spiel an der Au-

Das kleine Kind ist ganz versunken im Willen, im Handeln –

ßenwelt – dann kann der Impuls aus dem erworbenen inneren

wozu im Vorschulalter auch die Neigung besteht. Der eigen-

Reichtum erwachsen. Der Weg über Handlung/Gefühl/Gedanke

ständige Gestaltungswille wird dem Denkvermögen erst all-

dreht sich um zu Gedanke/Gefühl/ Handlung.

mählich freier zur Verfügung stehen. Handeln aus innerer Mo-

Ohne diese grundlegende Umkehr bleibt später ein Vorsatz oft

tivation braucht ungestörte Entwicklungszeit, dann wird das

in der Vorstellung, und der Gedanke führt nicht zur Handlung.

eigene Motiv aufgenommen und nachhaltig umgesetzt.

Daher sollte dem Kind gerade für diese Entwicklungsphase vor

Ungestörtes Spiel als Kind forschend und staunend satt durch-

dem Schuleintritt noch ausreichend Zeit zur Verfügung stehen.

leben zu können heißt, später aus den eigenen Idealen heraus

Denn hier klingt erstmals Verantwortung an.

handeln zu können. Das Kind darf im Spiel selbst so lange pro-

Zutrauendes Verständnis In der Zeit des freien Spiels ist der Erwachsene die verlässliche

bieren und üben, bis es zufrieden ist und seine Selbstwirksamkeit frei erleben kann.

Bezugsperson für das Kind: der Mensch – der sich selbst lau-

Selbstvertrauen durch Mitgestalten der Beziehung

fend „vor ihm bildet“ – ohne zielorientierte Erwartungen.

Im Durchgang durch die Spielphasen übt das Kind auch das

Wesentlich ist dabei das zutrauende Verständnis des Erwachsenen, das Kind selbst werden zu lassen, seinem ureigenen Interesse an der Welt Raum und Zeit zu geben und ihm dazu

Zusammenleben, das Gestalten und Mitgestalten in der Beziehung zu anderen. Spielen ist ein Raum des Probehandelns im Sozialen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden mit dem ganzen Wesen unwillkürlich als Notwendigkeit des Mit­ einanders erfasst und gelebt. Im Spiel der Kindheit gilt Freiheit als Ordnungsprinzip, und das Kind kommt über die Nachahmung in der Beziehung zu anderen Menschen zu sich selbst. „Frei wird man nur, wenn man zuerst als Kind möglichst intensiv Nachahmer war“ (Rudolf Steiner). Der Schutz der frühen Kindheit als Entwicklungsraum zur Freiheit ist heute zu einer alle Kräfte fordernden Aufgabe mit stetig wachsender Verantwortung geworden. Es geht hier um nichts weniger als eine gesundheitsfördernde Lebensgrundlage für den heranwachsenden Menschen: ihm zu ermöglichen, für seinen individuellen Weg das als Kind selbsttätig im Spiel erworbene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nachhaltig bis ins Leibliche zu verinnerlichen, damit er, „gut genährt, danken für alles lern’ und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will“ (Friedrich Hölderlin).

MoMent Frühling 2021 _ 19



1. Klasse

Formenzeichnen

zu Hause

Ich persönlich konnte der hoffentlich vergangenen Coronazeit wirklich gar nichts abgewinnen. Als ich jedoch diese vielen wunderbaren Fotos von meinen Erstklasskindern bekommen habe, da wurde ich eines Besseren belehrt. So viele geniale und gute Ideen hätten wir wohl niemals im Klassenzimmer umsetzten können. Formenzeichnen zu Hause, das war tatsächlich eine großartige Epoche, und ich darf mich auf diesem Weg nochmals sehr herzlich bei den unterstützenden Eltern bedanken. Sabine Trierenberg

Anja liebt die Zeit,

Homeschooling ist nicht automatisch schwierig

die sie in der Schule mit der Klasse, ihren FreundInnen und Leh-

Als die Schule vor Ostern wieder zumachen musste, war es für die

rerInnen verbringen darf. Wenngleich sie zu Hause im Home-

Kinder der 1. Klasse nicht das erste Mal, dass sie nicht wie gewohnt

schooling das Lernangebot gewissenhaft erledigt hat, fehlte ihr

jeden Tag in die Schule gehen konnten… Und aus Erfahrung (das

sehr das Drumherum. Die Verbindung zu Frau Trierenberg in

kann man jetzt durchaus schon sagen) wussten wir schon, dass es

Form der Sprachnachrichten auf Woodle hat sie täglich herbei-

gilt, den Rhythmus, den die Kinder tagein tagaus in der Schule leben,

gesehnt und förmlich aufgesaugt. In die Hände gespielt hat uns

so gut es geht, in das Leben zuhause zu integrieren. Rhythmus be-

allerdings, dass gerade eine Formenzeichenepoche stattfand,

deutet Sicherheit, Geborgenheit, Halt. Und das wirkt sich in so einer

die sich natürlich perfekt zum Einbau in Parcours eignete. Da

Situation der vielen neuen Herausforderungen gesundend auf das

legten wir zum Beispiel Zinnen aus Büchern, eckige und runde

ganze familiäre Miteinander aus.

Springschnurspiralen zum Balancieren, Schwellen aus diver-

Die sehr gut und liebevoll vorbereiteten Lernunterlagen, die auf

sesten Gegenständen zum Bogerlhoppeln und stellten Sessel in

Woodle gestellt wurden, waren im Rhythmus des Hauptunterrichts

eine Reihe zum abwechselnd Drüber- und Drunterkriechen. An-

gestaltet, sodass die Kinder sich in ihnen sofort wieder- und zurecht-

schließend ging es dann auf Entdeckungsreise durch die Woh-

finden konnten. Wenn man dem Rhythmus folgte, vom Morgen-

nung, um irgendwo an Möbeln, Bildern, Instrumenten u. dgl. die

spruch über Flöten und Singen bis hin zu Formen-Bewegen, um sie

neu kennengelernten Formen und Muster zu finden oder um

erst dann ins Heft zu zeichnen, war der Arbeitsauftrag für die Kinder

sie mit jeglichen gefundenen Gegenständen selbst aufzulegen.

verständlich, und sie gaben sich ganz dem Rhythmus des Hauptun-

Nichtsdestotrotz hat Anja sich unfassbar auf den ersten Tag

terrichts zuhause hin.

nach den Osterferien gefreut, weil keine noch so interessante

Woodle gab uns Eltern aber auch einen guten Einblick in den so ge-

Sprachnachricht, kein noch so langes Videotelefonat mit einer

heimnisvollen Unterricht, von dem man zuhause ja nur ab und zu

Freundin und auch kein noch so kreativer Parcours zu Hause das

etwas erfährt. Und für mich als Studentin am Zentrum für Kultur und

echte Leben in der Schule, die Energie, die dort herrscht, und

Pädagogik war und ist Woodle natürlich eine Schatzkiste, eine virtu-

das Beisammensein mit den anderen Kindern ersetzen kann.

elle Hospitation.

Angela Schär, Mama von Anja

Barbara Budin, Mama von Mila

MoMent Frühling 2021 _ 21


Wenn wir „woodeln“ Wenn wir woodeln, braucht Susannah Besteck. Am besten wären

fruchtbaren Boden. Susannah arbeitet mit Wolle, Farben und Mug-

kleine Löffel, natürlich viele. Und dann noch so etwas ähnliches,

gelsteinen. Den Abschluss bildet dann die Geschichte, die Frau Trie-

naja, circa gleich groß, und auch so viel davon. Jetzt müssen wir

renberg auf Band vorliest.

suchen – und werden bei den Bastelsachen fündig: Zum Glück hat

Woodeln geht, es geht gut, wenn die Inhalte so liebevoll auf- und

die Oma den Kindern vor kurzem eine Menge unterschiedlichstes

vorbereitet sind. Aber, um ehrlich zu sein, jeder Tag ist anders. Nicht

Material geschenkt. Darunter „Eisstäbchen“ aus Holz. Perfekt!

an jedem Tag legen wir Muster, spielen Flöte, sprechen den Morgen-

Wir „woodeln“ in der Quarantäne vor den Osterferien. Die Epoche:

spruch, hören die Geschichte, basteln die Vorschläge nach. Das liegt

Formenzeichnen. Wobei das Zeichnen im Heft erst mehr oder we-

vor allem an der Zeit und der Energie, die mir neben dem Home-

niger den Schlusspunkt darstellt. Zuerst, und das ist für Susannah

office und -schooling mit dem Bruder noch bleibt. Wenig überra-

völlig klar, wird erlebt. Aus den Löffeln legt sie die erste Zeile: einen

schend machen diese Tage deutlich: Woodeln geht, aber Schule

hoch, einen quer, den nächsten hoch, wieder quer usw. Mit ihren

geht besser. Wie gut, dass es sie gibt! Mit ihrem Raum, ihren Materi-

kleinen Füßen geht sich pro Löffel ein Schritt aus. Natürlich ist es

alien, ihrer Zeit und ihren Menschen. Den Großen und den Kleinen.

eng, und sie muss Spitze an Ferse setzen. Aber es geht. Als nächstes

Alice Kurz-Wagner

die Reihe mit den Holzstäbchen, spiegelverkehrt. Susannah ist stolz auf ihr Werk. Ich selbstverständlich auch. Zum Abschluss machen

Keine Frage, für uns Eltern war das Homeschooling eine größere

wir ein Foto. Für Frau Trierenberg, und für die Woodle-Seite der

Herausforderung als für Konstantin. Dafür durften wir uns an der

ersten Klasse. Denn hier spielt sich in dieser Woche Gemeinschaft

Waldorf-Pädagogik versuchen, und wir bekamen vor allem einen

ab – und Motivation: Runterscrollen und die Fotos anschauen, von

Einblick in Konstantins verborgene Welt. Danke für die liebevoll

den SchulfreundInnen, von „Klassenhund“ Luna. Zu lesen, was Julius

vorbereiteten Materialien!

heute macht. Die Ideen der anderen sind Inspiration und fallen auf

22 _ MoMent Frühling 2021

Christian Kdolsky


1. Klasse

Mit viel Freude erwartete unsere Tochter jeden Tag die neuen Auf-

tiviert durch die Formenzeichnen-Epoche, wurde im „Geheimen“

gaben und Nachrichten auf Woodle.

hinter verschlossener Tür an der Osterüberraschung für uns Eltern

Es war schön zu beobachten, wie dann durch den eigenständigen

gemalt und gewerkt. Das von Frau Trierenberg erzählte Märchen

und freien Umgang mit den Übungen ein Wechselspiel aus For-

hat Annelie begeistert gleich mehrmals angehört.

menzeichnen, freiem Spiel, Malen und Musizieren entstand. Mo-

Michael Kowanz, Papa von Annelie

MoMent Frühling 2021 _ 23


Audienz bei der Königin Zum Abschluss der Bienenepoche luden uns die Bienen der Dorf-

Ja, und letztendlich gab es auch noch eine Audienz bei der Köni-

gemeinschaft Breitenfurt ein, von ihrem feinen Honig zu kosten.

gin. Es war nicht leicht, sie inmitten ihres Volkes zu finden, aber

Betreut werden sie von Imker Jörg, der uns zu ihnen führte und

dank eines roten Punktes auf ihrem Rücken fanden wir dann doch

uns wunderbare Einblicke in ihre faszinierende Welt bot.

noch zu ihr. Viel Zeit hatte sie allerdings nicht für uns, musste sie

Dies also war die Welt der Biene Sonnenstrahl, von der wir gele-

doch noch eine ganze Menge Eier in die jeweiligen Zellen legen.

sen hatten, in „echt“. Auch wenn das Anprobieren des Imkeran-

Wir erfuhren, dass die Königin zwar auch einen Stachel hat, dieser

zugs, der Einsatz des Smokers und vor allem das Honigschlecken

aber keine Widerhaken (wie sie die Stachel der Arbeiterinnen ha-

direkt aus den Waben besonders eindrucksvoll waren, so wissen

ben, welche ja deswegen sterben müssten, wenn sie uns stechen

wir nun vor allem, wie es sich tatsächlich abspielt im Bienen-

würden) besitzt. Glücklicherweise wurde aber niemand von uns

stock. Wie es wimmelt, surrt und brummt. Welch Geschäftigkeit

BesucherInnen gestochen – es scheinen unsere Gastgeberinnen ja

die Bienen an den Tag legen – haben wir doch gelernt, dass jede

überaus friedfertig zu sein.

einzelne Biene eine Aufgabe hat, die sie gewissenhaft erfüllt. Wir

Ein besonderes Detail am Rande soll – wenn auch tragisch - nicht

haben etwas über den Unterschied zwischen Naturwaben und

unerwähnt bleiben. Eines der benachbarten Völker hat den Win-

über Mittelwände gebaute Waben, über Drohnen, über den Bie-

ter leider nicht überlebt: Sie haben zu wenig Vorräte gesammelt

nentanz und vieles mehr erfahren.

und sind verhungert. Imker Jörg zeigte uns aus diesem Stock eine Wabe, an der viele tote Bienen mit dem Kopf voran in den einzelnen Zellen steckten – gestorben, als sie versuchten, noch den letzten Rest an Honig vom Boden der Zelle zu saugen. Kein alltäglicher Anblick – auch nicht für einen Imker. Es verhungern übrigens keine einzelnen Bienen, sondern stets das gesamte Volk – es gibt keine Biene, welche die anderen übervorteilen will … es ist eben „der Bien“. Alles in allem war es ein überaus lehrreicher und interessanter Besuch, der aufbauend auf dem, was wir in der Bienenepoche gelernt hatten, das zuvor Gehörte sinnvoll abrundete. Natascha Hermann, Klassenlehrerin der 2. Klasse

Wabenbau und Entwicklung der Biene

Das Herstellen von Samenkugeln als Bienennahrung

24 _ MoMent Frühling 2021


2. Klasse

Schon das Miterleben der „Bienenepoche“ meiner Söhne habe

Die Geschichte der kleinen Biene Sonnenstrahl von Jakob Streit

ich in so besonderer Erinnerung. Umso mehr habe ich mich ge-

hat unsere Bienenepoche begleitet und Anlass zum Forschen,

freut, nun selbst mit der 2. Klasse diese Epoche vorzubereiten und

zum Staunen und Erleben geboten. Neben den wunderschönen

halten zu dürfen. Das Thema Bienen bietet eine so große Vielfalt.

Heftarbeiten hatten wir gemeinsam Freude an den unterschied-

Will man zum Wesen der Biene vordringen, weiß man zunächst

lichsten Projekten, wovon die 2. Klasse hier ein paar Eindrücke

gar nicht, wo man beginnen soll: bei der Bienenkönigin, beim Ho-

zeigen möchte...:

nig, beim Bau der Waben? Jedes Detail scheint so bedeutsam und

Martin Völker ist Schülervater in der 2. Klasse.

könnte einen Start- wie einen Endpunkt darstellen. Aus alten Zeiten der Imkerei stammt der Begriff „der Bien“, der dem gesamten Bienenvolk zugesprochen wird und meint, dass es sich hierbei um ein eigenständiges Wesen handelt. Die Faszination, die von Bienen ausgeht, ist vielfältig. Mich persönlich spricht vor allem das Zusammenleben der vielen tausend Insekten an, die alle ihre Aufgaben wahrnehmen und sich auf wundersame Weise organisieren und zusammenarbeiten. Jede einzelne ist wichtig im Kontext des Gesamtorganismus – das schafft für Zweitklässlerinnen und Zweitklässler ein verstehbares Bild vom Zusammenarbeiten zum Wohl der Gemeinschaft. Dieses Bild wird die Klasse hoffentlich noch länger begleiten und eine Hilfestellung für das Zusammenleben in der Gemeinschaft sein und bleiben – sei nun die Klasse, die Schule oder die Gesellschaft im größeren Rahmen die Bezugsgröße.

Eindrücke der wunderschön gestalteten „Bienenhefte“

Ausflug zum Imker in die Dorfgemeinschaft Breitenfurt

MoMent Frühling 2021 _ 25


„Endlich frei“ – Der Ausflug zur Pecherei Nach vielen Wochen und Monaten konnte sich die 3. Klasse end-

Körper nicht verwesten. Aus diesem Grund entwickelten sie die

lich wieder außerhalb der Schule gemeinsam auf den Weg machen

Technik der Mumifizierung. Verstorbene wurden dafür mehrmals

und fuhr zum Pecher ins Piestingtal. Hier einige Eindrücke in Form

gewaschen und getrocknet, abschließend mit Balsamierungshar-

von Fotos, ein einfaches Rezept für ein wirkungsvolles und duften-

zen überzogen und in Leinentücher gewickelt. Diese sollten den

des Naturheilmittel, das die Kinder selbst herstellen und mit nach

Körper versiegeln. Durch diese einzigartige Technik konnten Mu-

Hause nehmen durften, sowie ein paar interessante Hintergründe

mien bis heute erhalten bleiben. Das Wort Mumie stammt aus dem

zu dem wunderbaren Naturprodukt Harz:

Arabischen und bedeutet Wachs. Auch für den Bau der Schiffe wurde Harz als Versiegelung vor dem

Das Rezept für die Wundheilung und weiche Haut

Wasser verwendet.

In einem kleinen Topf werden 1 - 2 Teelöffel Bienenwachs erhitzt. Achten Sie darauf, dass das flüssige Bienenwachs nicht zu heiß

Harzverwendung heute

wird. Wenn es geschmolzen ist, kommt die doppelte Menge Öl hin-

Heutzutage sind wir nicht mehr auf den Einsatz von Harz angewie-

zu. Sie können das Öl nach Belieben wählen. (Achtung: Olivenöl darf

sen. Dennoch lassen sich wunderbare hausgemachte Dinge damit

nicht zu stark erhitzt werden.) Zu guter Letzt kommt noch die glei-

herstellen. So kann das reine Harz als Anzünder für Feuer fungie-

che Menge Harz der Schwarzföhre hinzu, wie Öl verwendet wurde.

ren: einfach mit ein paar gut brennbaren Sträuchern oder Gräsern

Wenn die Mischung gut geschmolzen und verrührt ist, können Sie

mischen und verkneten. Achtung: Das Feuer rußt sehr stark.

sie in ein verschließbares Schälchen füllen. Jetzt muss es nur mehr

Nach Erhitzung des Harzes kann man daraus Kleber herstellen;

auskühlen, zugeschraubt werden, und fertig ist Ihre Wundcreme!

dazu sollte es jedoch noch flüssig sein.

Sollte Ihnen das Mischverhältnis nicht zusagen, können Sie es ger-

Harz wird sehr oft in Verbindung mit anderen Substanzen wie Ölen

ne ein wenig variieren. Für Lippenbalsam braucht es etwas mehr

oder Wachsen verwendet. Kerzen, Cremes, Seifen, aber auch Lip-

Bienenwachs.

penpflege lassen sich gut aus diesen Mischungen herstellen. Es riecht übrigens himmlisch!

Pech in der Geschichte Schon die alten Ägypter vor rund 4000 Jahren erkannten die Besonderheit des Harzes. Sie waren der Meinung, dass ihre Seelen nur dann im Jenseits weiterleben und in ihre Körper zurückfinden konnten, um ihnen das ewige Leben zu schenken, wenn ihre

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Nathalie-Hannah Schleifer, Turn-Begleitung der 3. Klasse


Die Hausbauepoche steht endlich vor der Türe, und die 3. Klasse ist ganz aufgeregt! Ab kommender Woche werden wir jeden Tag in die Karl Schubert Schule zu unserer neuen Patenklasse wandern, wo ein Teil unserer Klasse nach einer gemeinsamen Morgenrunde mit unseren „Meistern“ zu arbeiten beginnt und der Rest der Klasse wieder zurück spaziert, um in der Klasse Baumaterial zu berechnen, Mauerwerksverbände zu besprechen, Dachdeckervokabular zu lernen, zu messen, zu wiegen und zu forschen. Wir bauen ein Spielhäuschen für die Kinder der Karl Schubert Schule. Wie es aussehen soll, kann man am Plan schon erahnen. Wo es stehen soll, haben wir vermessen und abgesteckt. Aber was daraus alles entstehen kann, das haben die Kinder der 3. Klasse erst mal skizziert und dabei ihren Ideen freien Lauf gelassen. Von einer Wasserrutsche ins Planschbecken über eine Aussichtsplattform inklusive Fernrohr bis zu Bouldergriffen und Kletterpflanzen an der Holzschräge waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Jetzt wünschen wir unserer fleißigen Bauarbeitergemeinschaft schönes Wetter, eine fröhliche Zeit und ein gutes Gelingen bei ihrem Werk! Christina Bauer, Klassenlehrerin der 3. Klasse

MoMent Frühling 2021 _ 27

3. Klasse

Lasst den Ideen freien Lauf – Hausbauepoche der 3. Klasse


Menschen- und Tierkunde in der 4. Klasse In der Menschen- und Tierkundeepoche der 4. Klasse hatten die

Eine dieser zentralen Fragen lautete:

Kinder die Freiheit, ein Tier ihrer Wahl zu beobachten, zu be-

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

schreiben und im Rahmen eines Referates vor der Klasse zu

Antworten der Kinder:

präsentieren.

• das Aussehen

Jedem einzelnen Kind ist es auf individuelle Art und Weise gelun-

• der Gang

gen, ein Fachmann bzw. eine Fachfrau für das ausgewählte Tier zu

• die Sprache

sein.

• dass der Mensch nachdenken kann

Während der Epoche tauchten auch zahlreiche Fragestellungen

• dass er Fragen beantworten kann

auf, die es zu beantworten galt.

• die Freiheit, Entscheidungen zu treffen Eine rundum gelungene Epoche (siehe Bilder), die in der Mittelstufe ihre Fortsetzung finden wird! Brigitta Svoboda

28 _ MoMent Frühling 2021


Pflanzen- & Tierkunde

4. & 5. Klasse

Ein Potpourri von Arbeiten zur

Unterrichtsthemen der 5. Klasse in den letzten Wochen waren u. a. Stufenbau und Entwicklung der Pflanzen, Zeichnungen von Pflanzen und all ihren Bestandteilen, das Führen eines Baumhefts (= das Festhalten der Entwicklung des jeweiligen Lieblingsbaumes über das ganze Jahr in Wort und Bild), die genaue Beobachtung von Pflanzen sowie Tierreferate. Christine Rumetshofer

MoMent Frühling 2021 _ 29


Die 6. Klasse auf Reisen In diesem 6. Schuljahr durften die Schülerinnen und Schüler viele Rei-

Reise nach Niederlande

sen durch Europa machen. Die nachfolgenden Auszüge aus einigen

Vorwort

ihrer (fiktiven) Reisetagebücher sollen Einblick geben in die zahlrei-

Hallo liebe Freunde, das hier ist mein Tagebuch zu meiner Nieder-

chen spannenden Erlebnisse.

landereise. Warum war ich dort? Ich war dort, weil mein Freund mich eingeladen hatte. Das war aber nicht der einzige Grund, war-

Die Geographie-Epoche war eigentlich sehr lustig, schon weil mir

um ich dort war. Ich hatte in vier Wochen Geburtstag, und er hatte

Geographie einfach liegt! Wir sollten „Reisetagebücher“ schreiben

mich gefragt, wie es wäre, wenn ich meinen 18. Geburtstag bei ihm

und jeder sollte sich ein Land aussuchen, über das wir dann die

verbringen würde. Ich hatte mich entschlossen, das Angebot anzu-

Epoche über berichten sollten.

nehmen, schließlich war ich mit meinem Freund schon vier Jahre

Ich nahm Island mit seinen Seen, Flüssen, Vulkanen und Geysiren.

befreundet. Noch ein Grund war, dass ich noch nie in den Nieder-

So sollten wir auf spaßige Weise etwas über das erwählte Land er-

landen war, aber schon viele schöne Dinge über das schöne Land

fahren. Neben dem Epochenheft und dem „Reisetagebuch“ muss-

erzählt wurden. Das alles wollte ich in meinem Tagebuch festhal-

ten wir auch noch Steckbriefe über zwei oder sogar drei Länder

ten. Was ich aber nicht wusste, war, dass ich noch eine große Über-

Europas machen. Die Länder wurden von Frau Kennedy zugeteilt.

raschung erleben sollte. Ich spanne euch nicht weiter auf die Folter,

Hier hatte ich Russland und Slowenien. Russland war mehr als ein-

es geht los…

fach, da wir Russland zeitgleich im Unterricht behandelt hatten.

Die Reiseplanung

Slowenien suchte ich mir auf Wikipedia heraus. Daher war auch

Oh, es war so schwer, was sollte ich mitnehmen, außer der

dieses Land kein Problem. Insgesamt war es, finde ich, eine sehr

Kleidung?

angenehme Epoche.

Fotoapparat sicher, aber sollte ich meinen Reiseführer mitnehNina H.

men oder den in den Niederlande kaufen? Ich entschied mich fürs zweite, schließlich konnte ich gut Niederländisch sprechen. Als ich meinen Freund in Paris kennengelernt hatte, konnte er kein Französisch sprechen, also machte ich ihm das Angebot, dass ich es ihm beibringen könnte. Er sagte Ja und als Dank brachte er mir Niederländisch bei. Ich machte meinen Koffer zu, mein Freund würde mich

Reise nach Dänemark Vorwort Ich war damals 15 Jahre alt, als zum ersten Mal der Wunsch in mir

Geschwistern immer wieder über sein Leben in Kopenhagen. Als

auftauchte, vier Wochen durch Dänemark zu reisen. In unserer

er drei Jahre war, zog er mit seiner Familie von Afrika nach Däne-

Familie ist es Tradition, zum 10. Geburtstag eine Reise alleine mit

mark. Oft berichtete er uns über seine Kindergarten- und Schulzeit

Papa zu unternehmen. Wir suchten uns damals Dänemark/Ko-

dort. Unbedingt wollte ich zu den Ursprungswurzeln meines Vaters

penhagen als Reiseziel aus. Die Reise mit meinem Papa hat mich

reisen und sehen, wo er aufwuchs, als er ein Kleinkind war.

damals sehr fasziniert und war eines der besten Erlebnisse mei-

Mein Papa hatte in Dänemark damals einen Freund, Frederik, mit

ner Kindheit. Wir übernachteten drei Nächte lang in einem noblen,

dem er im Kindergarten/Schule war. Bis heute haben sie Kon-

kleinen Hotel. Ich und mein Papa waren im Tivoli (ein Freizeitpark

takt. Frederik hat eine Tochter namens Emma. Sie ist so alt wie ich.

wie unser Familypark). Dort hatten wir sehr viel Spaß. Immer wie-

Als wir 14 Jahre alt waren, begannen wir uns Briefe zu schreiben.

der musste ich an unsere gemeinsame Reise und Abenteuer dort

Emma lernte schon früh Deutsch und ich einzelne Wörter Dänisch.

zurückdenken, sodass ich, seitdem ich 15 war, dies bezaubernde

Oft schickten wir uns auch Fotos von unserem Heimatland. Die

Land wieder bereisen wollte! Mein Papa erzählte mir und meinen

Meeresfotos waren besonders schön!

30 _ MoMent Frühling 2021


in Den Haag abholen. Ich schaute mich ein letztes Mal in meiner

Der erste Abend

Wohnung in Wien um. Dann sperrte ich ab und machte mich auf

Mein Freund hatte eine kleine Wohnung am Rande von Den Haag.

den Weg zum Hauptbahnhof.

Sein Zuhause war sehr gemütlich, und mir wurde ein Gästezimmer

Anreise

zugewiesen. Mein Freund sagte mir, dass zum Abendessen seine

Ich wartete jetzt schon eine halbe Stunde auf den Zug. Ich dreh-

Familie vorbeikommen würde; ich fragte ihn, was wir denn kochen

te mich um und wollte gerade nachfragen, ob der Zug eine Panne

sollten. Er sagte, „Wir kochen Saté, ein niederländisches National-

hatte, als ich das dumpfe dröhnen eines einfahrenden Zuges hörte.

gericht“. Es machte echt Spaß, die kleinen Fleischspieße zu braten.

Ich drehte mich wieder um und blickte auf eine alte Lokomotive.

Und dann war es auch schon Abend. Seine Familie war echt nett,

Als ich einstieg, fiel mir auf, dass nur sehr wenige Passagiere im Zug

vor allem sein kleiner Bruder. Das Essen schmeckte köstlich, und wir

waren. Ich ließ mich auf die weichen Sitze nieder und sah zu, wie

blieben noch lange auf. Dann wurde ich müde und ging zu meinem

wir durch die Schweiz fuhren, dann wurde ich müde und schlief ein.

Zimmer. Das Bett war sehr weich, und ich schlief sofort ein.

Ich wurde erst wieder wach, als der Zug einen Zwischenstopp in

Überraschung

Dortmund einlegte, und dann fuhren wir schon weiter und endlich

Früh am Morgen weckte mich mein Freund. „Ich muss dir etwas

Richtung niederländische Grenze. Da sah ich schon die schönen

sagen“, sagte er. Ich fand das komisch. Warum musste er mich so

Blumenfelder und die vielen Windmühlen, es war ein sehr schöner

früh wecken, um mir etwas zu sagen? Wir setzten uns an den Kü-

Anblick. Es wurde durchgesagt, dass wir gleich im Den Haag ein-

chentisch, und dann rückte er damit heraus: „Ich habe jetzt schon

fahren, langsam streckte ich mich und hielt meinen Koffer. Als ich

ein Geburtstagsgeschenk für dich. Eine Reise durch die Niederlan-

ausstieg, hielt ich Ausschau nach meinem Freund.

de.“ Ich konnte es nicht fassen – das war das beste Geburtstagsge-

Es waren sehr viele Menschen unterwegs, aber ich entdeckte ihn.

schenk, das ich jemals bekommen hatte. „Wann geht es los?“, sagte

Er stand mit dem Rücken zu mir, und als er sich umdrehte und mich

ich und drückte ihn vor Freude. „Ich habe mir gedacht, dass wir

erkannte, fielen wir uns in die Arme. „Oh, ich freu mich so, dich zu

heute schon losstarten.“ Besser konnte es nicht werden. „Ich gehe

sehen!“, sagte er mit leichtem Akzent, „wollen wir zu mir nach Hau-

packen“, rief ich und raste zur meinem Zimmer.

se fahren?“ „Ja gerne“, sagte ich. Als wir zum Parkplatz gingen, ent-

Raphael S.

deckte ich eine große Niederlande-Flagge, die im Wind wehte. Ich fotografierte sie schnell, und dann fuhren wir auch schon los.

Das Meer, die Dünen und der Strand faszinierten mich am meis-

Ich wollte unbedingt einen Lenkdrachen für den Strand mitneh-

ten. Durch Emma und ihre Familie wusste ich, dass Dänen sehr

men. In den Dünen bläst oft ein starker kühler Wind, perfekt zum

freundlich und hilfsbereit sind. Außerdem mochte ich die dänische

Drachensteigen. Außerdem musste mein Fahrrad mit auf die Rei-

Gemütlichkeit (hyggelig) – offenes Feuer, Kerzenschein, indirektes

se – in Dänemark gibt es viele Radwege, und nie geht es bergauf.

Licht, Designermöbel und gutes Essen.

Mit dabei würde ich auch meinen Fotoapparat haben, damit ich

Reiseplanung

alle Erlebnisse festhalten konnte. Diese drei Dinge würden mich

Schon früh war mir klar, dass ich auch ein wenig die Sprache des

begleiten.

Landes beherrschen wollte. Deshalb lud ich mir die App „Babbel“

Ich fuhr mit dem Nachtzug nach Hamburg – von dort weiter nach

auf dem Computer runter. So konnte ich einige Wörter auf Dänisch

Dänemark. In Dänemark legte ich viele Strecken mit dem Fahrrad

erlenen. Meine Oma Mor und mein Opa Far sprechen auch dänisch

zurück. Zwischendurch auch mit der Bahn und Autostop.

und brachten mir diese Sprache näher. Z.B. Mor bedeutet Mutter, Far bedeutet Vater. Mor Mor = Oma, Far Far = Opa.

MoMent Frühling 2021 _ 31


Freiheit – Konfrontation mit einer zentralen Frage der „Für mich bedeutet Freisein, wenn man so sein kann, wie man ist.

gen, dass jeder einzelne sich in der Gemeinschaft wohlfühlen kann.“

Man sollte sich nicht verstellen müssen, nur um dazu gehören

Die Fülle der Äußerungen mit dem Tenor „Freiheit bedeutet, dass

zu wollen. Man sollte das anziehen dürfen, was man will. Sich so

ich machen kann, was ich will“ verweisen darauf – und das gilt es

schminken, wie man sich wohlfühlt. Man sollte das machen, was

nicht zu übersehen – dass man etwas vor hat, dass man etwas will

einem Spaß macht. Ich muss mich nicht an den anderen orientie-

und bereit ist, einem Ziel zu folgen – ganz gleich, wie klar einem die-

ren, um so zu sein, wie ich bin.“

ses geahnte Ziel vor Augen steht. Und wer in dieser Art formuliert, geht davon aus, dass auch die anderen solch eine Willens-Orientie-

Die Aufgabe war, sich über das Thema der Freiheit Gedanken zu

rung haben oder nach ihr suchen. Diese gilt es zu respektieren und

machen. Dass 13-jährige Schülerinnen und Schüler mit solch ei-

sich dafür einzusetzen, damit das Wohl(fühlen) als Frucht der Ach-

nem Thema ringen, kann man aus etlichen Texten dieser Art ent-

tung und der Rücksicht entstehen kann; das wird ja im zweiten Teil

nehmen. So steht der eingangs zitierte stellvertretend für vie-

des obigen Zitats deutlich.

le. Allerdings war der Ausgangspunkt dieser Fragestellung eine

Einen ganz anderen Aspekt von Freiheit greift eine andere Schülerin

Geografie-Epoche in der 7. Klasse, in welcher wir uns auch mit dem

heraus:

Apartheidsystem in Südafrika und darüber hinaus mit der Frage

„Ich fühle mich frei, wenn ich von einem 5 m hohen Turm sprin-

der Menschenrechte auseinandergesetzt haben. Deswegen hieß

ge und es sich anfühlt, als würde ich fliegen. Die Luft gleitet immer

die Weiterführung meiner Fragestellung: „Wie kann man das Zu-

durch meine Finger. Ich fühle mich auch frei, wenn ich dann im Was-

sammenleben organisieren unter dem Aspekt der Freiheit jedes

ser ankomme und tauchen kann. Das Wasser ist sozusagen mein

Einzelnen?“ Deswegen setzt die Schülerin folgendermaßen fort:

Lebenselixier. Freisein ist mein Lebenselixier.“

„In der Gemeinschaft sollte man jeden so akzeptieren, wie er ist.

Damit wird etwas angesprochen, was für diese Schülerin untrennbar

Das ist nicht immer leicht, denn jeder möchte sich wohlfühlen. Man

mit Leben verbunden ist. Und so fährt sie fort: „Für mich ist es wich-

sollte aufeinander Rücksicht nehmen und jedem zuhören. Jeder

tig, für sich selbst frei zu sein, denn wenn man das ist, ist man auch

sollte seine eigene Meinung haben dürfen. Vielleicht kann man nicht

bei anderen man selbst. (...) Es ist mir wichtig, dass andere auch bei

immer alles so haben, wie man es will, aber jeder sollte dazu beitra-

mir frei sind und nicht so tun, als wären sie nicht sie selbst.“

32 _ MoMent Frühling 2021


Gedanken dazu von Schülerinnen und Schülern der 7. Klasse und von Christine Bolleter Sich selbst zu suchen, sich selbst zu erleben, ist also nur in Freiheit möglich. Begegnung mit anderen Menschen, die alle auf diesem Weg sind, setzt also Freiheit voraus: vor allem eine innere. Das konnten wir auch bei unserem Weihnachts-Projekt „Begegnung zwischen Generationen öffnen Herzen – Sternstunden für die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Rosenberg und der

„Ich glaube, dass man Freunde braucht, um frei zu sein.

7. Klasse“, das wir zusammen mit der Musiklehrerin durchgeführt

Ich glaube aber auch, dass Freiheit für jeden verschie-

haben, erfahren. Es war uns ein Anliegen, während der Corona-Zeit

den ist und das ist auch gut so, denn wenn jeder Mensch

Menschen in einem Altersheim zu begegnen, um ihnen Freude,

gleich sein würde, wäre man nicht frei.“

Licht und Zuversicht zu bringen. Alles Erlebnisse, die mit Freiheit im Zusammenhang stehen. Eine herzliche Ansprache zweier Schülerinnen, gefaltete Fenstersterne (ein Bild dafür, dass jeder Mensch

„In einer freien Gemeinschaft sollte jeder jedem zuhören

seinen eigenen Stern suchen und finden kann) und die gesungenen

und jeder sollte etwas sagen können.“

Weihnachtslieder trugen dazu bei (anzusehen auf https://www.

„Das ist das Beste, dass jeder Mensch anders ist.“

waldorf-mauer.at/eindruecke/galerie-2020-21). „Ich darf stehen, wo ich will.“

„Ich fühle mich frei, wenn ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann, aber auch, wenn ich jemandem mein Herz ausschütten darf.“

„Ich finde, Freiheit ist vor allem Mitspracherecht.“

„Natürlich braucht man ein paar Regeln, wenn man mit anderen Menschen zusammenleben will, aber ich bin auch bereit, ein bisschen Freiheit dafür aufzugeben.“

„Wenn man es schafft, sich in allen Situationen frei zu fühlen, ist man meistens auch glücklich. Leider kann ich das noch nicht über mich selbst sagen, aber ich arbeite daran.“

„Mit Freiheit kommt Verantwortung.“

MoMent Frühling 2021 _ 33

7. Klasse

Selbstverwirklichung und des Menschseins


Die 8. Klasse und das Streben Im Geschichtsunterricht, bei den Jahresarbeiten, bei der Beschäf-

Einige Highlights:

tigung mit den verschiedenen Temperamenten – wir erleben das

• der 1. Schultag, an dem ich furchtbar nervös war

Bedürfnis und das Streben nach Freiheit in der 8. Klasse auf unter-

• schlaflose Nächte auf der Olympiade

schiedlichsten Ebenen… Es ist wie ein Überthema, das sich über

• meine erste lange Klassenreise

das ganze Schuljahr spannt. Freiheit als Ziel, als Ideal, als Gestaltungsimpuls, als Verantwort-

(ihr alle ward trotz des kalten und nassen Wetters so fröhlich und guter Dinge)

lichkeit, als etwas Zwischenmenschliches, als Motivation, als Er-

• kleine Kinder auf riesigen Wackelsteinen

mutigung, als Bedingung, als Möglichkeit, als Beziehung, als Be-

• am Skikurs durch den holprigen Parcours fahren

ginn von etwas Neuem.

• ein Aprilscherz während des Lockdowns

Auch nach der 8. Klasse beginnt etwas Neues: Vertraute Gewohn-

• plötzlich die „Kleine“ sein

heiten werden zurückgelassen, neue Erfahrungen und Möglichkei-

• Geburtstagsüberraschungen

ten warten, neue Wege werden beschritten.

• Feueralarm • offene, lustige, spannende und schöne Gespräche im Unterricht

Vier Jahre durfte ich die 8. Klasse – Euch, liebe Achtkässlerinnen

(!) und in den Pausen

und Achtklässler – als Klassenlehrerin begleiten und habe diese

• gemeinsam lernen und erleben

Zeit wirklich sehr genossen!

• gemeinsam lachen

Sie war fröhlich, herausfordernd, lehrreich und wunderschön, ist unglaublich rasch vergangen, und auch ich habe so viele Erfahrungen gemacht, dass ich Listen erstellen kann.

34 _ MoMent Frühling 2021


8. Klasse

nach Freiheit Ein Rückblick von Marion Giannelos

Was werde ich vermissen:

Worauf freue ich mich schon:

Zerstörungen:

Euer Talent, mich abzulenken und zum

auf Eure Referate (8. und 12. Klasse)

zerknitterte Aufgaben

Plaudern zu bringen, obwohl doch Unter-

auf Eure Klassenspiele

ein Stapel Hefte

richt wäre :)

auf Euren Singabend

Reißnägel

Eure Fröhlichkeit, Energie, Freude und

auf Eure Auftritte bei Schulfeiern

Topfpflanzen

Neugierde und natürlich Euren Humor,

mich beim Basar im Kaffeehaus von Euch

Kreiden

die mir den Start in den frühen Schultag

bedienen zu lassen :)

Abzieher

gleich einmal versüßt und leicht gemacht haben Euren ansteckenden Mut und Tatendrang bei Herausforderungen meinen Spitznamen

MoMent Frühling 2021 _ 35


Freiheit als friedliches miteinander Gedanken der 9. Klasse Assoziativ haben die Schülerinnen und Schüler in einer Einheit in

In der Begleitung hat mir als Tutorin im heurigen Schuljahr

Deutsch über Freiheit im weitesten Sinne nachgedacht und dabei

gut getan, dass ich allein anhand der Materialsuche für den

Vernetzungen zwischen Bildung, Friedenspädagogik, Menschen-

Englischunter­richt am Freiheitsthema wachsen und meinen Hori-

rechten und freier Meinungsäußerung erkannt. Frieden wurde als

zont erweitern durfte: Der Artikel „What Social Distancing looked

zusammenhängend mit individueller Freiheit genannt, denn nur in

like in 1666“ aus der New York Times zeigte mir und den Schü-

einem friedvollen Umgang kann die Freiheit des/der Anderen res-

lerInnen, wie sehr sich das Verhalten von Menschen bei Pande-

pektiert werden. Gestaltendes Denken kann ein friedliches Mitein-

mien verändert hat – oder eben auch nicht! Und Oscar Wilde hat

ander schaffen, das besonders in einer Zeit, die so von Gespalten-

uns nicht nur in „The Happy Prince and Other Tales“, sondern auch

heit und Konflikten geprägt ist wie die heutige, von großer Rele-

durch seine eigene Lebensgeschichte vor Augen geführt, wie teuer

vanz zu sein scheint. Frieden kann dabei, über die Abwesenheit

man die eigene Freiheit oft bezahlen muss. Passend zum Erschei-

von Krieg hinausgehend, als eine Einstellung unseren Mitmen-

nungstermin des aktuellen „MoMent“ schließen wir das heurige

schen gegenüber gedacht werden.

Schuljahr mit der bedeutenden Frage nach den „Human Rights“ ab. Julia Lingl

Die 9. Klasse lädt alle SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zum

Ulrike Borovnyak

ZITATE zu FRIEDEN (Dank besonders an Aaron Eberharter):

spielerischen Nachdenken ein. Das nachstehende Kreuzworträtsel ist im Prozess der Überlegungen zum Thema „Freiheit“ entstan-

Mit dem Frieden ist es wie mit der Freiheit:

den. Eine Foto-Collage für unsere Klasse war der Ausgangspunkt.

So wie Freiheit immer auch die Freiheit des anderen ist,

Damals, als wir uns noch im Schichtbetrieb befanden und nur auf-

so ist Frieden immer auch der Frieden des anderen.

geteilt in zwei Gruppen im Klassenzimmer zusammenkommen

(Franz Alt)

durften, war jede/r SchülerIn eingeladen, ein Foto vorzustellen, das an ein tolles Erlebnis erinnerte, als alle Grenzen und Möglichkeiten

Frieden kann man nicht gegeneinander gewinnen,

noch offenstanden. Der nächste Schritt führte zu einem Brainstor-

sondern nur miteinander.

ming zum Thema Freiheit. Und wie vielfältig dieses von der 9. Klas-

(Richard von Weizsäcker)

se erlebt wird, zeigen die acht zu erratenden Begriffe. Nur ein gerechter Frieden, der auf den inhärenten Rechten und Gruppe A hat das Kreuzworträtsel für Euch gestaltet. Wenn Ihr die

der Würde jedes Menschen basiert, kann wirklich von Dauer sein.

Nüsse nicht knacken könnt, schaut in der 9. Klasse vorbei und lasst

(Barack Obama)

Euch helfen! Friede und Einigkeit haben alle Städte erbaut. Gruppe B hat sich darüber hinaus dem Thema „Freiheit“ auch im Deutschunterricht gewidmet und ist – angeleitet von Julia Lingl – zur Überzeugung gekommen, dass Freiheit besonders stark in Verbindung mit Frieden zu sehen ist. Sie haben sich auf die Suche nach den folgenden Zitaten begeben und machen uns diese als Abschied von diesem ganz speziellen Schuljahr zum Geschenk:

36 _ MoMent Frühling 2021

(Sprichwort)


9. Klasse

KREUZWORTRÄTSEL (Dank besonders an Cedric Rufer)

MoMent Frühling 2021 _ 37


Licht und Schatten

Aus dem Eurythmieunterricht der 10. Klasse von Welmoed Kollewijn

Die 10. Klasse hat sich im Eurythmie-Unterricht mit dem Gedicht

übernahmen die Arbeit mit der Kamera und den Filmschnitt: vielen

„in the shadowed night“ von Leonard Peltier beschäftigt.

Dank dafür!

Leonard Peltier (* 12. September 1944 in Grand Forks, North Dako-

Obwohl live auf der Bühne sicher ganz andere Aspekte sichtbar

ta) ist ein indianischer Aktivist des American Indian Movement in

würden, haben wir mit diesem Projekt versucht, den Eltern doch

den USA. Er wurde 1977 trotz umstrittener Beweislage zu lebens-

einen Eindruck von unserer Arbeit zu geben und das Fehlen unse-

langer Haft verurteilt. Viele Menschrechtsorganisationen haben

rer Schulfeiern zu kompensieren.

sich seines Schicksals angenommen; dennoch wurde er bis jetzt nicht begnadigt. Dieses Gedicht stammt aus seinem Werk „prison writings: my life is my sundance“. Sometimes in the shadowed night I become spirit. The walls, the bars, the gratings dissolve into light and I unloose my soul and fly through the inner darkness of my being.

The Door by Jessie Belle Rittenhouse There was a door stood long ajar That one had left for me, While I went trying other doors

I become transparent,

To which I had no key.

a bright shadow,

And when at last I turned to seek

a bird of dreams singing from the tree of life.

The refuge and the light, A gust of wind had shut the door

Wir haben uns intensiv mit der Gegenüberstellung von Licht und

And left me in the night.

Finsternis beschäftigt und versucht, diese zwei Qualitäten über die Bewegung sichtbar zu machen. Die Polarität von Enge und Weite entstanden aus dem Bild der Zelle, die sich im Licht quasi auflöst -

But then the light was shining bright

hat uns dabei unterstützt.

It came back and lured me.

So konnten wir uns mit der Erfahrung Leonard Peltiers, dass kör-

I followed it, oh fright!

perliche Gefangenschaft durch eine Freiheit des Geistes bewältigt

It was a dream and not delight.

werden kann, verbinden. Wir haben uns auch bemüht, einige „äußere Begrenzungen“ zu überwinden, indem wir unsere choreographische Arbeit gefilmt haben. Die „Lockdown-Zeit“ im Winter wurde genutzt, die Bühne und ihre Beleuchtung auf Vordermann zu bringen. Vielen Dank dafür an Karl Hruza und Natan aus der 11. Klasse! So konnte ich mit Niko,

Jana Kalauszek & Stephanie Peterseil An opportunity lost, gone. A cloud formed over my head. Questions are left unanswered For I did not know where that door would have led. Uma Krumina, Mia Fleischmann & Melinda Miklau

Florian und Simon (10. Klasse) eine eindrucksvolle Beleuchtung

I stood before the closed door,

für die Eurythmie einrichten. Mateusz und Paul Berke (11. Klasse)

Around me just empty space. I knocked, the door opened Showing a smiling face. Tabea Sterba


10. Klasse

FREIHEIT Meine ganz persönlichen Erfahrungen mit diesem Thema während der Corona-Lockdowns von Matilda Trattner

Freiheit ist so wichtig. Freiheit im Denken und im Tun. Die Frei-

durch Analysieren und Reflektieren, mir Neues anzueignen. Auch

heit im Tun war, glaube ich, in gewissen Bereich für uns alle in den

die Emotionen, die durch die Pandemie in mir aufkamen, misch-

letzten Monaten sehr eingeschränkt, was aber dazu führte, dass

te ich – wahrscheinlich unbewusst – in meine Stimme ein. Und so

ich Philosophieren für mich entdeckte. Die Freude am Sinnieren,

erlebte ich meinen Gesang ganz neu: authentisch, rein und voller

Reflektieren und Überlegen bereicherte mich sehr in den sonst

Stärke.

sehr mühseligen Lockdown-Phasen. Auch wenn viele Hobbys für

Diese Freiheit, loslassen zu dürfen und singen zu dürfen, ist fan-

mich wegfielen, entdeckte ich neue Themen und Leidenschaften.

tastisch. Wenn ich singe, fühle ich mich frei.

Vor der Pandemie hatte das Singen für mich keinen großen Wert,

Ich trage somit meine Freiheit immer in mir, denn meine Stimme

da ich auf meine Geige fokussiert war. Durch die viele Zeit zu-

ist die Freiheit.

hause begann ich, meine Stimme neu zu erleben und schaffte es

But darkness does not scare me now and light can blind my eyes. I hear what my heart has to say, because it never lies. Laura Jakel But I didn’t want to let that bother me. I looked for the key And suddenly realized: The key was ME! Matilda Trattner Here I am standing, all alone, Half broken, on my knee. When suddenly a hand takes mine Showing me: That’s the key! Alida Hartmann All alone in the cold and dark I thought about what to do. I decided to try the door again And I kicked it open with my shoe. Vahide Mohammadi

Matilda Trattner ist Schülerin der 10. Klasse.


Der Weg zum Singabend der 11. Klasse von SchülerInnen der 11. Klasse

Kaum zu glauben, dass wir, die 11. Klasse, in weniger als einer Wo-

venzusammenbrüche von allen Seiten, und zwischen all dem

che auf der Bühne stehen werden, um unsere erprobten Singstü-

Chaos ist der oft kopfschüttelnde, aber meistens humorvol-

cke zu performen!

le Herr Albrecht, der uns in Schach hält. Doch all diese Dinge

Noch bis vor kurzem wurden Zoom-Meetings abgehalten, in de-

sind nötig, damit ein solcher Abend gelingt: jedes Stück, jede

nen wir abwogen, ob es vielleicht doch besser wäre, den Singa-

Choreographie, jeder Ton- oder Lichttechniker, jede/r einzelne

bend auf nächstes Jahr zu verschieben oder ihn über Zoom zu hal-

sorgt dafür, dass dieser Abend genau so wunderschön und be-

ten. Wir entschieden uns für die waghalsigste Option: ihn einfach

sonders wird, wie wir erhoffen.

so zu machen wie immer, mit sogar drei Vorstellungen anstatt, wie

Auch bringt der Singabend uns als Klasse endlich wieder zu einer

gewöhnlich, zwei.

Gemeinschaft zusammen und gibt nicht nur uns, sondern allen

Und voilà, vier Tage vor unserer Premiere am 21.Mai sind die Pro-

ZuschauerInnen, SchülerInnen, LehrerInnen und anderen Betei-

ben in vollem Gange. Tausende Ideen werden aufgeschrieben und

ligten dieses so lange vermisste Gefühl der Normalität zurück.

wieder verworfen, Stücke werden wiederholt und nochmals wie-

Wir alle hoffen, dass der Singabend genau so emotional und

derholt, bis sie ganz perfekt sitzen, hin wieder geschehen Ner-

berührend wie unsere Proben hinüberkommt.

So klingt Freiheit! von Nadja Berke

Die Freiheit, eine Veranstaltung wie den Singabend der 11. Klasse wieder erleben zu dürfen, klingt immer noch nach! Die kleinen „Unfreiheiten“, die es in Form von Überlegungen im Vorfeld zu überwinden galt, wurden durch das gemeinsame Zusammenhelfen bravourös gemeistert. Danke Gerhard Rumetshofer, für das Erwirken der Genehmigungen. Danke Matthias Berke, für das Verwalten der Listen und die persönliche Betreuung der Befindlichkeiten! Dank an die Buffet-Organisatorinnen Monika Scholz, Monika Fürth und Jacqueline Caemmerer! Dank an alle Eltern, die beim Einlass, als PlatzordnerInnen und HelferInnen an allen Ecken und Enden Hilfe leisteten! Danke Michael Schallmayer, dem „unsichtbaren“ Musikgenuss-Möglichmacher! Danke Natan, für die Bühnentechnik und dafür, dass Du Deine MitschülerInnen ins beste Licht gesetzt hast! Danke Mateusz und Paul, für die Tontechnik und Livemischung! Liebe SängerInnen und MusikerInnen, danke Euch für drei unvergessliche Abende! Danke, Stefan Albrecht, für… ALLES!!! Jede/r einzelne von Euch hat diese Abende zu einem Gesamtkunstwerk werden lassen!


by Carolyn Caemmerer

11. Klasse

Upper Hand

Looks like the shadows are walking away, moving somewhere else, inhabiting a different space. Name a time and a place, don’t worry about the faces, muscles pulling skin in disapproval, they’ll try to get in, if you walk through them. Who’s got the upper hand when you’re eating dirt and I’m eating sand. Why shoot yourself, if you can shoot me? Who’s got the upper hand when you’re eating dirt and I’m eating sand. Why shoot yourself, if you can shoot me? Looked like the shadows were walking away, moving somewhere else, inhabiting a different space. You named a time and a place, but you worried about the faces, just muscles pulling skin in disapproval, but they still got in, when you walked through them. You got the upper hand ’cause I’m eating your dirt and also my sand. You shot me to spare your life. I used to think you were so nice, but dreams disappear. When you wake up and you can fool a lot of people with some makeup, and if you wear a mask, you’ll have to watch your back and learn how to think fast, to dart the questions they will ask. Turns out the shadows weren’t walking away, they say they need to stay a little longer now, and when you’re alone, you don’t say no to a crowd.


Und er bringt uns zum Singen von der 11. Klasse für Stefan Albrecht

Wir trafen uns täglich um Viertel nach acht, oh oh oh (oh yeah) Doch manche, die kamen ein bisschen danach, oh oh oh (oh yeah) Er jagt uns im Kreis, er schneidet Grimassen, für ihn machen wir uns gerne zum Affen! Lassen Humba und Tutsi und Bani erklingen – und er bringt uns zum Singen (und er bringt uns zum Singen) Er zupft auf dem Bass, explodiert am Klavier, oh oh oh (oh yeah) Er schnappt sich die Klampfen, singt viel lauter als wir, oh oh oh (oh yeah) Wir schnauften und keuchten, wir plagten uns sehr, doch Herr Albrecht, der zeigt uns: Da geht noch viel mehr! Unser Zwerchfell erbebt, uns’re Stimmbänder schwingen – und er bringt uns zum Singen (und er bringt uns zum Singen)


Er gab für uns immer eintausend Prozent, oh oh oh (oh yeah) und war für uns da in jedem Moment, oh oh oh (oh yeah) Wir war‘n voll Elan und hatten viel Spaß, Frau Theiss und Herrn Albrecht verdanken wir das! Mit Dank lassen wir dieses Lied jetzt erklingen – und voll Liebe wir singen (und er bringt uns zum Singen) Noch ein Tässchen Kaffee? Noch an Tschick und an Schmäh? DANKE! DANKE! DANKE! (Danke, Udo Jürgens, für „Aber bitte mit Sahne!“ – das perfekte Lied für unsere Zwecke)


Warum es sich lohnt, bis zur 12. Klasse in der Die Probenzeit unseres Theaterstücks war zwar eine an-

Ich bin unglaublich glücklich, dass wir unser Theaterprojekt

strengende, intensive Zeit, aber sie hat vor allem unglaub-

bis zum Ende durchführen konnten, obwohl es am Anfang

lich viel Spaß gemacht, und die viele Arbeit hat sich wirklich

wegen zwei Coronafällen in unserer Klasse fast ins Wasser

gelohnt.

gefallen wäre, wovor ich immer große Angst hatte. Im Nach-

In einer intensiven Zeit gibt es natürlich immer wieder klei-

hinein bin ich aber noch glücklicher und dankbarer über un-

nere Spannungen, aber wir sind als Klasse enorm zusam-

ser Projekt, als ich es mir je hätte vorstellen können.

mengewachsen, was für uns sehr wichtig war, da wir uns vor

Vielen Dank dafür nochmals an Emanuel Fellmer – ich hof-

allem durch die Pandemie ein wenig auseinandergelebt hat-

fe, andere Klassen können auch noch von Deiner Energie

ten. Ich habe gemerkt, dass ich durch die intensiven Proben

profitieren.

mit den anderen, in denen ich mich mit jeder Person ausei-

Da dies leider mein letztes Projekt an dieser Schule war – zu-

nandersetzen MUSSTE, zu jedem in der Klasse eine eigene

mindest als Schülerin –, möchte ich mich auch noch einmal

Beziehung aufgebaut habe, die ich davor nicht hatte. Und

bei dieser Schule für diese und viele andere Möglichkeiten

das fand ich gerade am Ende der Schulzeit sehr schön.

bedanken und gleichzeitig eine Anregung mitgeben: Solche

Wir haben von Anfang an an einem Strang gezogen. Wir ha-

Projekte dürfen für immer Teil dieser Schule bleiben, auch

ben unser Stück fast einstimmig ausgesucht und waren al-

wenn es sie noch so lange gibt; dafür dürfen andere Dinge

lesamt begeistert von unserem Regisseur Emanuel Fellmer.

gerne verändert und weiterentwickelt werden. Auch unse-

Wir haben ihn schon früher im Jahr kennengelernt, was sehr

re Schule sollte mit der Zeit mitgehen und manche Verän-

angenehm war. Wie waren von Anfang an sehr angetan von

derungen etwas mutiger und rascher angehen – das würde

ihm und haben im Laufe der Zeit eine einzigartige Bezie-

sicher auch Rudolf Steiner so sehen.

hung zueinander aufgebaut. Seine Energie, Motivation und Lebensfreude war beeindruckend, und er hat es geschafft, uns damit ein wenig anzustecken. Es ist etwas sehr Besonderes an unserer Schule, so eine Erfahrung machen zu dürfen. Einerseits entwickelt sich dadurch, wie vorher schon erwähnt, eine ganz besondere Klassengemeinschaft, und vor allem kann nicht jeder behaupten, schon einmal in einem Theaterstück gespielt (oder auch mitgewirkt) zu haben. Man bekommt außerdem mit, was alles hinter einem Theaterstück steckt. Nicht nur der Probenprozess der SchauspielerInnen, sondern auch die Regie, das Bühnenbild, die Requisiten, die Kostüme, das Licht… und in unserem Fall mussten wir auch erst die Fassung schreiben, da wir einen Roman als Grundlage hatten, was auch eine ganz besondere Arbeit war. Emanuel Fellmer hat alles zusammen und am Leben erhalten, aber er hat uns auch viele dieser Dinge alleine organisieren lassen, wobei wir auch einiges gelernt haben. Und vielleicht machte die eine oder andere Person da ihre erste von vielen Theatererfahrungen.

Livia Machowetz-Müllner


12. Klasse

Schule zu bleiben


Jeder stirbt für sich allein Das Theaterstück der 12. Klasse Mit Hilfe und durch die große Unterstützung von Emanuel Fellmer gelang es der 12. Klasse in der wie jedes Jahr knapp bemessenen Zeit von vier Wochen, eine Bühnenfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada zu erarbeiten und einzustudieren. Diese Fassung trug den Zusatztitel „Mutter, der Führer hat meinen Sohn ermordet!“ Bereits vor Weihnachten gab es das erste Kennenlernen der Klasse mit Emanuel Fellmer und dem Roman. Der Funke sprang sofort über, die Klasse war begeistert von beiden, konnte sich aber lange nicht vorstellen, wie aus dem Roman eine Bühnenfassung werden könnte. Außerdem folgte eine Präsenzunterrichtsrestriktion wegen Covid-19 der nächsten; Begegnungen konnten meistens nur über Zoom stattfinden. Endlich war es soweit, und die Referate der 12. Klasse waren Vergangenheit, und das neue Projekt konnte gestartet werden. Emanuel Fellmar besitzt die Gabe, SchülerInnen wunderbar zu motivieren, ihnen ständig die notwendige Energie zukommen zu lassen und eine gute Struktur in die Vorbereitungen und den Ablauf zu bringen. Und so führte eines zum anderen. Rollen wurden verteilt, Texte geschrieben, Texte gelernt, Kostüme ausgesucht, Kulissen und Bühnenbild gestaltet und die Beleuchtung erarbeitet. Viel Zeit, Geduld, Motivation, aber auch Freude, Elan und harte Arbeit benötigte es, um vier gelungene Vorstellungen auf die Beine zu stellen. Es war eine Freude, euch am Ende eurer Schullaufbahn noch einmal auf der Bühne erleben zu dürfen! Vielen Dank! Eure Angelika Kellner


Die letzten Wochen der Theaterproben waren intensiv, lehrreich und eindrucksvoll. Unglaublich, was wir in dieser kurzen Zeit geschaffen haben. Diese Erfahrung ist für mich die Vollendung und der glorreiche Schluss meiner Schulzeit. Wir konnten eintauchen in den Rausch des gemeinsamen Erschaffens, und die Euphorie, die dies in mir hervorbrachte, schenkte mir Energie, die ich im letzten Jahr nur selten spüren konnte. Eine Euphorie, die durch das gemeinsame Zusammenarbeiten entstehen kann. Es zeigt mir, wie das Miteinander mit örtlicher Distanz das Wahre nicht dauerhaft ersetzen kann. Nach Monaten des Homeschooling und Lernens in Gruppen hat unsere Klassengemeinschaft ein Gemeinsam gebraucht. Wir konnten einander trotz der zwölf Jahre von ganz neuen Seiten sehen, und auch an mir selbst erkannte ich Unentdecktes. Ich spielte einen nationalsozialistischen Vorsitzenden, der wütend, verächtlich und hasserfüllt ist. Vor der ersten Probe wusste ich nicht annähernd, wie gewaltvoll ich imstande bin zu brüllen. Auch wenn ich es gruselig finde, ist es bestimmt wichtig zu wissen, welche emotionalen Möglichkeiten man hat. Die Erfahrung des Gestaltens dieses Theaterstücks lässt mich meine Zukunftspläne überdenken, da ich so eindeutig spüren konnte, wie sehr es mich erfüllt, auf diese Art tief in eine andere Welt einzutauchen – eine andere Welt zu erschaffen. Die Zeit verging unerwartet schnell. Wir standen vor Herausforderungen, und gegen Ende sollten wir ganze Durchläufe des Stücks ohne Regisseur (das Genie Emanuel) schaffen. Die Erfahrungen der letzten Jahre ließen mich davon ausgehen, dass es im Chaos enden würde, jedoch hatte Emanuel bewusst entschieden, die Klasse sich selbst zu überlassen. Es stellte sich heraus, dass wir doch ein wenig reifer geworden sind und ein gemeinsames – ich würde fast sagen, erwachsenes – Arbeiten möglich war. Durch Emanuel Fellmer entstand nach und nach ein spürbar wertvolles Werk, das wir am Ende stolz präsentieren konnten. Maris Filipic


Freiheit auf Kroatisch Zwischen den zwei bekannten kroatischen Städten Zadar und

kitschigen Sonnenuntergängen, einem treuen Inselhund, wilden

Split liegt die Stadt Šibenik, von wo aus die Fähre zur Insel Kaprije

Katzen, 2000er-Part-Hits, Sonnenbrand, Dart-Turnieren, billigem

ablegt. Kaprije war die Destination unserer Maturareise.

Kaffee und Kartenspielen. Voll von langen Nächten und spätem

Von September bis April hatten wir andauernd auf Tests hinge-

Frühstück, In-Büchern-Schmökern, Nacktbaden im glitzernden

lernt, um dann schließlich die wichtigsten, die Maturaprüfungen,

Plankton, intensiven Gesprächen und gemeinsamem Singen.

abzulegen. Dieser Abschluss musste gebührend gefeiert werden!

Zu solch einer Reise gehört Voneinander-genervt-Sein auch dazu

…und was würde sich dafür besser eignen als eine letzte gemein-

– aber die meiste Zeit sind wir doch wunderbar miteinander aus-

same Reise? Noch einmal wollten wir alle zusammentreffen, bevor

gekommen (und das zu einundzwanzigst!).

wir uns in die unterschiedlichsten Himmelsrichtungen verstreuen.

Dass sich das 7-tägige Vergnügen für alle, die mit dabei sein woll-

Ich werde diese Klassenreise als eine wunderschöne Zeit in Erin-

ten und nicht arbeiten mussten, so gut ausging, hatten wir den

nerung behalten. Zum einen lässt es sich weitaus besser faulen-

Erlösen vom 12. Klass-Theaterstück und der gemeinsamen Klas-

zen weit weg von daheim, zum anderen stehen wir gerade alle an

senkassa zu verdanken.

einem ähnlichen Punkt in unserem Leben und können viel mitei-

Was die Organisation anging, durften wir uns ganz auf David ver-

nander teilen.

lassen, der für ein Haus am Hafen, Erwin, den Busfahrer, kroati-

Es gibt Tage, an denen mir die Auswahl an Türen, die mir offen

sche Kuna und einen Ausflug in den Nationalpark Krka gesorgt

stehen, Kopfzerbrechen bereitet, an denen mir bewusst wird,

hat. Danke David, dass du dich so ins Zeug geschmissen hast, um

was die große Freiheit, die nach dem Schulabschluss plötzlich so

unsere vagen Träume, die in der WhatsApp-Klassengruppe um-

schnell da war, wirklich bedeutet. Doch die Freiheit, die wir zu-

herschwirrten, wahr werden zu lassen!

sammen auf Kaprije inhaliert haben, war frei von jeglichen Zu-

Etwas Sentimentalität zum Abschluss darf natürlich nicht fehlen,

kunftsgrübeleien. Diese Freiheit war voll von Segelbooten, See-

schließlich wird es einige Zeit dauern, bis sich wieder so viele von

igeln, heißem Steinboden, kühlem Meerwasser, kroatischem Bier,

uns versammeln werden. Allerdings haben wir schon überlegt, wo

Hafenbekanntschaften, Köpflern, täglichen Spaghettimahlzeiten,

es nächstes Jahr hingehen könnte ;) In der Schulzeit schließt man* Freundschaften, die manchmal das ganze Leben lang halten – zumindest hoffe ich das! Eine (Klassen)gemeinschaft, die man* so lange teilt, ist einfach einzigartig. Mittlerweile wieder ausgeschlafen und nüchtern starten wir nun alle unsere eigene Reise. Mit im Gepäck: 1.000 schöne Erinnerungen an diese Zeit! die 13. Klasse

48 _ MoMent Frühling 2021


Wer ist Georg Ebner? Das ist unser neuer Küchenchef! Das wissen wahrscheinlich schon einige. Aber wollt Ihr noch mehr über ihn erfahren? Hier bitteschön… MoMent: Servus, Georg, schön, Dich kennenzulernen. Kannst Du zur Einstimmung ein bisschen was über Dich erzählen? Georg Ebner: Hallo, ja gern! Ich bin in Stuttgart geboren, bin 37 Jahre alt und habe schon immer gern gekocht. Da meinen Freunden und meiner Familie meine Gerichte immer sehr gemundet haben, habe ich nach dem Gymnasium den Schritt in die Gas­ tronomie gewagt. Ich wollte dann Weinbau, Önologie und Weinwirtschaft studieren und kam dazu nach Wien. Um mein Studium zu finanzieren, arbeitete ich im Café Benno. Dann hat es mich in die gehobene Gastronomie verschlagen. Stationen waren unter anderem „Das Spittelberg“, „Ströck Feierabend“, „Bruder“ und ein 5-Sterne-Hotel in Kroatien. M: Und wie bist Du dann zur Rudolf Steiner-Schule in Mauer

v.l.n.r.: Kazi Gias, Georg Ebner, Sandra Fessl, Ewald Braunstein

gekommen? GE: Über Freunde, die mir davon erzählt haben, dass ein neuer Küchenleiter gesucht wird. Anreiz war, etwas Neues, etwas mit

len, zumindest aber 2 Tage im Vorhinein. Wenn es zu Lieferschwie-

Kindern zu machen und auch die Möglichkeit, selbstbestimmt zu

rigkeiten kommt, müssen wir improvisieren. Es ist auch sehr unter-

arbeiten.

schiedlich, wie viele Leute essen kommen, mal 40, mal 120. Diese

M: Was sind Deine größten Anliegen im neuen Job?

Schwankungen sind unabhängig vom Wochentag oder dem Menü,

GE: Biologisch zu kochen, zu viel Abfall zu vermeiden und vor allem

daher sind die Portionen sehr schwer zu berechnen. Letztens gab

Nachhaltigkeit. Ich möchte den Kindern außerdem kulinarische

es z. B. Pizza und einen unvorhergesehenen riesigen Andrang – die

Vielfalt näherbringen.

Pizza war dann sehr rasch aus – Hilfe! – dann gab es halt Würstel

M: Und was sind die größten Herausforderungen?

und Brot. Da bitte ich um Verständnis! Aber irgendwas können wir

GE: Unsere Gäste sind Kinder ab 3 Jahren aufwärts. Diese Band-

immer zum Essen herzaubern…

breite zwischen Kleinkindern, älteren Kindern und alten Kindern :)

M: Was machst Du anders als Philipp (Georgs Vorgänger, Anmerkung

abzudecken, ist nicht immer ganz einfach.

der Redaktion)?

M: Wie macht man das mit dem Würzen für diese verschiedenen Al-

GE: Ich koche mit mehr frischen Kräutern, selbstangesetz-

tersgruppen? Das habe ich mich schon immer gefragt.

ten Kräuterölen und mehr Gewürzen. Und ich will internationa-

GE: Wir bereiten das Essen in 2 Tranchen vor: einerseits die einzel-

le Gerichte in den Speiseplan einschieben – die werden allerdings

nen Komponenten eines Gerichts extra, soweit möglich, und unge-

schwierig zu kalkulieren sein. Ansonsten wird täglich frisch ge-

würzt – für den Kindergarten; andererseits das komplette Gericht,

kocht, wie immer; ab 6 Uhr in der Früh!

gewürzt – für die Älteren.

M: Zum Abschluss: Was ist denn eigentlich Dein Lieblingsessen?

M: Wie würdest Du Euer Menü beschreiben?

GE: Ich mag generell alles, besonders mediterranes Essen, aber

GE: Es ist meistens ein komplett vegetarisches Menü: Die Suppe ist

auch Beuschel – und Schwäbische Maultaschen.

fast immer vegetarisch, als Hauptspeise gibt es ca. 2 x pro Woche

M: Danke fürs Gespräch! Mahlzeit!

Fleisch, dann aber immer eine vegetarische Alternative. M: Wo liegen die Schwierigkeiten?

Das Gespräch führte Bettina Schwenk, Schülermutter.

GE: Meistens muss ich die Zutaten eine Woche im Voraus bestel-

MoMent Frühling 2021 _ 49


Das Leben lässt frei Frösche sind eigenartige Geschöpfe. Der eine würde sie als überaus

des Tümpels verschwinden, und seine Oberfläche ist bis auf ein paar

vorsichtig und ängstlich, der andere als genauso kühn wie gelas-

Insekten wieder so glatt wie zuvor und scheinbar auch so unbewohnt.

sen bezeichnen. Beide Seiten entdeckt man an ihnen, wenn man sie

Nach einer Weile, vielleicht einer halben Stunde, entdeckst du eine

mit Geduld studiert. Geht man einen Weg mit einem kleinen Wasser-

Froschnase und ein Augenpaar über dem grünen Schleim, auf dich

graben entlang, hört man manchmal zwanzig oder mehr von ihnen

gerichtet, - usw.

direkt vor einem ins Wasser springen, sieht das Wasser sich kräuseln,

Aus: The Journal of Henry David Thoreau

wo sie untergetaucht sein müssen, ohne aber auch nur einen einzigen wirklich zu Gesicht bekommen zu haben.

Es sind beglückende Momente als Geigenlehrer, wenn man wahr-

Manchmal, wenn du dich einer Quelle oder einem Tümpel näherst,

nimmt, dass ein Schüler Musik freigelassen hat. Wenn er Musik,

hüpft ein Frosch hinein und vergräbt sich auf seinem schlammigen

und seien es nur wenige Töne, ganz unabhängig von seinem tech-

Grund. Dann setzt du dich an den Rand und wartest geduldig, bis er

nischen Können aus seinem Instrument ganz frei gegeben hat.

wieder auftaucht. Nach einer Viertelstunde oder mehr fühlt er sich

Musik ins Leben gerufen hat.

sicher genug, um wieder an die Oberfläche zu kommen, ganz lang-

Auch wenn ich oft darauf vergesse: Diese Momente lassen sich

sam seine Nase aus dem Wasser zu stecken, ohne es auch nur im ge-

nicht produzieren, nicht erzwingen, nicht festhalten. Vielleicht ist

ringsten zu bewegen, und er betrachtet dich ganz ruhig. Mit der Zeit

es wie mit den Fröschen. Einen Menschen frei lassen in unerschüt-

wird er genauso neugierig auf dich wie du auf ihn. Plötzlich hüpft er

terlicher Geduld und Reglosigkeit (innerer Stille?).

geradewegs auf dich zu, macht einen halben Meter vor dir Halt und wirft nun aus der Nähe einen entspannten Blick auf dich. Jetzt könntest du ihm vielleicht sogar mit deinen Fingern die Nase kraulen und ihn nach Herzenslust untersuchen, denn er ist jetzt ebenso unerschrocken, wie er vorher scheu war. Du eroberst ihn durch unerschütterliche Geduld und Reglosigkeit; nicht durch Schnelligkeit, sondern durch Langsamkeit; nicht durch Hitze, sondern durch Kälte. Und dann siehst du auf einmal nur mehr zwei Hinterbeine am veralgten Grund

Jemand hat einmal zu mir gesagt: Das Leben lässt frei. Gregor Reinsberg


Berühren in Zeiten der Pandemie gestattet Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit. (Viktor Frankl)

Diese Ausgabe des MoMent ist der Freiheit gewidmet, wie sie in den

die Wirkungen von Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Freude und

Klassen bewusster denn je ergriffen wird und auch im Fachunter-

Liebe in meiner Seelenstimmung bewusst und wähle! Wenn auch

richt wirkt.

nur für einen Moment. Doch dieser Moment zählt und gibt mir die

Ist Heileurythmie ein Fach? Definitiv nicht, doch mit Freiheit hat sie

Möglichkeit, mich neu auszurichten. Neu zu sein.

unendlich viel zu tun. Heileurythmie in einen Alltag bzw. Schultag integrieren zu dür-

Furcht empfinden, um Mut zu entwickeln

fen, bedeutet, dem Organismus eine Atempause zu gönnen. Dieser

Emotionen zu wecken über Bilder und eine Nachrichtenflut, die

Atem, dessen Rhythmus musikalisch erlebt werden kann und der

oft unbedacht und ungebremst über uns schwappt, ist leichter

eine unmittelbare Auswirkung auf das Denken und den Stoffwech-

denn je. Diese Medienflut kann bewirken, dass Angst wie aus dem

sel hat.

Nichts über uns hereinbricht. Angst durch das Empfinden seelischer

Meine innere Freiheit wächst mit dem Bewusstsein der Freiheit zur

Schutzlosigkeit. Angst, sich zu verlieren und so seine Grenzen… und

Wahl meiner Gedanken. Die Gedanken zu stoppen, neu zu wählen,

damit das Selbstbewusstsein. Ein Gefühl des Bedrohtwerdens, wes-

Gedankenwelten zu schaffen. Unbewusste Räume in mir zu entde-

halb man sich zusammenzieht und verengt.

cken, die pulsierende Lebendigkeit des Herzschlags wahrzunehmen,

Wahrhaften Empfindungen Aufmerksamkeit zu schenken, gleicht da

das Blut in mir rauschen zu hören, fast so als säße ich am Meer, sat-

manchmal fast Schwerstarbeit. Die Angst sitzt in den Knochen – oft

tes Sein in mir empfinden zu dürfen, ohne etwas zu müssen.

unbemerkt. Geführte Bewegung in der Heileurythmie, bewusster Atem und weniger Tun als Zulassen helfen, um den Platz in sich wie-

Ein Moment der absoluten Präsenz und Authentizität im Augenblick

der einzunehmen.

Berühren und berührt werden – wie groß ist die Sehnsucht danach,

Die Seele ist unser Vermittler zwischen Körper und Geist. Das Inter-

und keine Hand kann so tief berühren, wie Worte es vermögen.

esse am Empfinden der Bewegung, der Begeisterung und Liebesfä-

Worte, die Bilder wecken, durch die Stille führen und Widerstände

higkeit der Seele zeigt mir: Es ist sicher in mir!

aufspüren: Wie fühlt sich Geborgenheit in mir und um mich an? Wie

Wie schön ist es, lebendig zu sein in all seinen Ausmaßen!

verändert sich meine Atmung, wenn ich Sympathiekräfte bewusst anrege? Wie tut das? Nur empfinden, ohne zu werten. Ich mache mir

Monika „Momo“ Kossdorff arbeitet als Heileurythmistin an unserer Schule.


Der neue Konfliktbearbeitungsk

Seit 1. April arbeitet der neue Konfliktbearbeitungskreis der Schu-

Klärungssuchende bekommen eine erste persönliche Rückmel-

le. In einem Kernteam haben sich sechs Eltern von gegenwärtigen

dung innerhalb von drei Werktagen.

oder ehemaligen SchülerInnen der Schule zusammen getan, um die Konfliktbearbeitung an der Schule zu koordinieren. Die Grundidee

Der KBK versteht sich als Drehscheibe und Sammelpunkt für alle Konfliktanfragen, bekommt Feedback zu allen laufenden Klärungsprozessen und entscheidet in Abstimmung mit den Beteiligten, wann und wie der Schulleitungskreis/Vorstand einbezogen

Die Mitglieder des Konfliktbearbeitungskreises verbindet die Leit-

wird, um ein Lernen für das Gesamtsystem zu ermöglichen.

idee, dass Konflikte unvermeidbarer Ausdruck von lebendigen, un-

Die Konfliktberatenden tauschen sich periodisch über ihre Erfah-

terschiedlichen Interessen sind und sowohl für die Beteiligten wie

rungen in den Klärungsprozessen aus und lernen voneinander

für die Schule insgesamt eine Chance auf Wachstum bedeuten.

durch Inter- und Supervision.

Die Konfliktbearbeitung geschieht durch zwei Gruppen: die Kerngruppe (KBK) mit gegenwärtig sechs Mitgliedern und eine Gruppe von 10 bis 15 KonfliktberaterInnen (KB). Der Prozess bei einer Anfrage zu einer Konfliktklärung sieht so aus: Zuerst klärt die Kerngruppe (KBK) in einem Clearinggespräch das

Wir sind noch auf der Suche nach weiteren KonfliktberaterInnen, die sich in der KB-Gruppe engagieren wollen. Diese können von uns auf eine konkrete Anfrage zu einer Konfliktsituation hinzugezogen werden. Bei Interesse bitte melden!

Anliegen und schlägt der/dem Klärungssuchenden (im besten Fall)

Sowohl KBK wie KBs arbeiten auf der Basis gemeinsamer

zwei KonfliktberaterInnen (KBs) vor, die nicht vom Konflikt berührt

Grundhaltungen:

sind. Die Klärungssuchenden entscheiden sich dann für eine/n KB, die/der sie in der Klärung und Bearbeitung des Konfliktes direkt unterstützt. Die Beauftragung der gewählten KB(s) erfolgt durch den KBK.

Unsere Grundhaltung in der Arbeit mit Konflikten Allparteilichkeit: Die Anliegen und Erwartungen aller Konfliktparteien werden gleichwertig gehört, es wird keine Seite bevorzugt. Diese Haltung versucht, alle Sichtweisen zu verstehen und das ge-

Für die Unterstützung durch den KBK können sich alle Mitglieder

genseitige Verstehen zu vermitteln.

der Schulgemeinschaft über die KBK - E-Mail-Adresse

Vertraulichkeit: Jeder Konflikt wird vertraulich behandelt. Jegli-

konflikt@waldorf-mauer.at

che Konfliktinhalte bleiben im Konfliktlösungsprozess zwischen

oder die KBK-Konflikttelefonnummer 0680-2257277

den beteiligten Personen und werden nicht nach außen kommu-

melden.

niziert oder kommentiert. Das bedeutet auch, dass nur explizit im


kreis

stellt sich vor

„Konflikt ist Wachstum, das nach Ausdruck sucht.“ M. B. Rosenberg

Rahmen des Konfliktklärungsprozesses Vereinbartes zu Dritten hin

(Fotos von links nach rechts)

kommuniziert wird. Prozessorientierung: Jeder Konflikt ist in Genese und Dynamik anders, es gibt kein Standard-Rezept in der Lösung. Im KBK wird durch das Clearing geschaut, um welche Art von Konflikt es sich handelt und auf Basis dessen eine Auswahl getroffen,

Charlotte Goldmann Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin

welche KB am besten geeignet sind, den Konflikt zu begleiten.

Nora Znojemsky

Die KB arbeiten direkt nach den Grundsätzen des KBK mit den

Systemische Coach und Konfliktberaterin

Konfliktparteien.

Georg Heger

Lösungsorientierung: Der KBK und die KB arbeiten zielorientiert für tragfähige und nachhaltige Lösungen von Problemen

Teamleiter und Projektmanager

und Spannungen im Schulkontext. Lösungsorientierung bedeutet

Astrid Amann

auch, dass die Konfliktparteien bereit sind, an einer Konfliktlösung

Psychotherapeutin und Paartherapeutin

mitzuwirken. Jede Konfliktbearbeitung ist für alle Beteiligten frei-

Regula Hetzel

willig und muss von allen explizit gewollt werden. Beauftragung: Der KBK und die Konfliktparteien beauftragen die KB, den jeweiligen Konflikt zu bearbeiten. Der KBK wird über den Prozess, das Ergebnis und die Klassifizierung des Konfliktes in-

Psychotherapeutin Andreas Amann Unternehmensberater und Paartherapeut

formiert, ohne – wie im Vertrauensgrundsatz vereinbart – Inhalte weiterzugeben. Wir freuen uns auf die Arbeit mit den SchülerInnen, Lehrenden und Eltern und danken schon heute für das uns entgegengebrachte Vertrauen. Charlotte Goldmann, Nora Znojemsky, Astrid Amann, Regula Hetzel, Andreas Amann und Georg Heger

DAS KBK-TEAM

MoMent Frühling 2021 _ 53


METATRON APOTHEKE Homöopathie, Spagyrik, Blüten u.a.

Wir wünschen Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer und stellen Ihnen ein paar Produkte für Ihre Haus- und Reiseapotheke vor:

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Wege zur Qualität -

Zwischenaudit VII + VIII

Liebe Schulgemeinschaft! Unsere Schule ist nach Wege zur Qualität (=Qualtitätsmanage-

zess beteiligt! Die Ergebnisse wurden im Abschlussplenum kurz

mentverfahren auf anthroposophischer Grundlage) zertifiziert.

besprochen. Eine dort delegierte Gruppe wird mit den Ergebnissen

Im Zuge dieses Verfahrens sind jährliche Audits vorgeschrieben,

weiterarbeiten.

und zwar im Rhythmus Hauptaudit - 2 x Zwischenaudit - Hauptaudit - ...

Weiteres Thema der zusammengelegten Zwischenaudits waren Rückblick und Rechenschaft in verschiedenen Gruppen/

Nach pandemiebedingter Verschiebung des ursprünglich für April

Gremien.

2020 geplanten Zwischenaudits VII wurden nun gleich zwei Zwi-

Folgende Gruppen/Gremien wurden auditiert:

schenaudits – für 2020 und 2021 – zusammengelegt, und das Au-

Kindergarten - Hort - Krisenteam Corona - Gruppe Kindeswohl -

dit konnte vom 18. bis 20. Mai 2021 mit entsprechenden Hygiene-

Elternrat - Impulsgruppe - Schulleitungskreis und Vorstand

und Präventionsmaßnahmen stattfinden.

Trotz pandemiebedingter Beschränkungen konnte das Audit gut durchgeführt werden. Dafür ein großes Dankeschön an alle am

Zentrales Thema des Audits war eine Selbstevaluation zum Thema:

Audit beteiligten Personen!

Umgang mit der Krise und Konfliktbewältigung – Was hat die Coronazeit mit uns gemacht?

Im abschließenden Plenum wurde dies vom Auditor (Hr. Schnee-

Welche Fragen/Möglichkeiten sehen wir für die Zukunft?

weiß) auch sehr positiv hervorgehoben. Ebenso hat er uns einen verfahrenskonformen Umgang der Abläufe in unserer Schule be-

Diese Thematik wurden in Gruppenarbeiten bewegt, wobei die

stätigt und wird der Zertifizierungstelle der Confidentia empfeh-

Gruppen gemischt zusammengesetzt waren (Oberstufenschüle-

len, unsere Zertifizierung entsprechend zu verlängern!

rInnen, PädagogInnen aus Kindergarten und Schule, Eltern). Die

Abschließend wäre unter anderem noch zu sagen, dass die Arbeit

von den Gruppen erarbeiteten Themen, Fragen und Antworten

nach Wege zur Qualität die Abläufe in unserer Schule deutlich

wurden in den jeweils folgenden Gruppen verdichtet und ergänzt.

verbessert und die Transparenz im Schulgeschehen wesentlich

Gestartet wurde mit vier Gruppen, dann reduziert auf zwei, und

erhöht!

abschließend wurden von der letzten Gruppe die Ergebnisse zu-

Gerhard Rumetshofer

sammengefasst. Durch diese Gruppenarbeiten waren in Summe

im Namen der Impulsgruppe Wege zur Qualität

ca. 50 Personen der Schulgemeinschaft an diesem Evaluationspro-

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Info-Abend

22. Sept. 2021, 19 Uhr


Im Kreis des Vertrauens – 12 Jahre im Elternrat

von Roman David-Freihsl Bei der ersten Wahl zum Elternrat war es noch der Klassiker. Es

Zunächst einmal ist der Elternrat jener Ort, wo man als interessier-

gilt die Regel: Wer beim Elternabend nach der Frage „Will jemand

ter Elternteil am besten und am schnellsten mitbekommt, was sich

in den Elternrat?“ als erster die Nerven wegschmeißt und es nicht

an der Schule so alles tut: Sei es in den einzelnen Schulstufen über

mehr schafft, höchst konzentriert ein imaginäres Lurchflankerl am

die regelmäßigen „Klassenberichte“, und seien es all die initiativen

Boden zu beobachten – der wird’s. Naja, man kann ja einmal für ein

Kreise, die die gesamte Schulgemeinschaft mit Leben erfüllen und

Schuljährchen reinschnuppern…

weiterentwickeln.

Es blieb nicht beim Schnuppern – es wurden die vollen 12 Schul-

Bei meinem Einstieg in den Elternrat war die Schulgemeinschaft

jahre meiner Tochter. Und dies immer weniger aus dem Gefühl „na,

beispielsweise gerade während des Qualitätssicherungs-Prozesses

einer muss es ja machen“ und mehr und mehr aus voller Überzeu-

„Wege zur Qualität“ (WzQ) mitten im Endspurt zum ersten Audit.

gung, ja: mit Begeisterung.

Nach und nach wurde klar, welch langen und unglaublich intensi-

Auslöser dafür waren zunächst einmal die vielen unterschiedlichen

ven Prozess alle Gremien und Kreise gemeinsam und mit der geni-

und wunderbaren Menschen, die hier zusammenkommen, gemein-

alen Unterstützung von Fritz Platzer bereits hinter sich hatten, um

sam arbeiten und entwickeln. Allen voran die „alten Hasen“ wie Pe-

so weit zu kommen. Und wie sehr hat dieser Qualitätssicherungs-

ter Eberharter, Jörg Schmidbauer oder Gerhard Rumetshofer. Schü-

Prozess die gemeinsame Arbeit und den Umgang miteinander hin

lerväter, die sich über viele Jahre, ja Jahrzehnte für diese Schule

zur Offenheit und Dynamik verändert – vor allem im Vergleich zu

engagierten und immer noch engagieren; mit ihrem Überblick und

meiner eigenen Zeit als Schüler an der Rudolf Steiner-Schule! Denn

Besonnenheit die Diskussionen immer wieder auf das Wesentliche

die „WzQ“-Arbeit war vor allem auch eines: vertrauensbildend.

zurückführten. Oder beispielsweise auch Elisabeth McNulty, die als

Generell stellte sich für mich mehr und mehr heraus: Vertrauen ist

Elternrats-Leiterin die inhaltliche und pädagogische Arbeit während

das wohl zentralste und wichtigste Thema in der Elternratsarbeit

der Sitzungen unermüdlich vorantrieb. Aber da gibt es natürlich

– in allen Belangen. Zunächst einmal braucht es das Vertrauen der

noch viel mehr, das die Arbeit im Elternrat so wertvoll machte.

Klasseneltern, dass sie von „ihren“ Elternräten vertreten werden.

Aktuelles vom Netzwerk unserer Im März vergangenen Jahres bildete sich an unserer Schule eine

Die Nachfrage war verständlicherweise überschaubar, denn wie

Projektgruppe, die bestrebt war, ein digitales Branchen-Netzwerk

soll ein digitales Geschehen die wunderbare Waldorfatmosphäre

für die Schulgemeinschaft zu schaffen. Hintergrund war und ist

am Basar, wo einander Hinz und Kunz treffen, ersetzen? Dennoch

es, AnbieterInnen und InteressentInnen aus dem Kreis unserer

konnten einige AnbieterInnen passable Ergebnisse erzielen und

Schulgemeinschaft auf wirtschaftlicher Ebene zusammenzubrin-

kleine Spenden als „Basar-Einnahmen“ der Schule überweisen.

gen. Hausbauwütige sollen hier ihre ArchitektInnen finden und

Obzwar der VFWG (Verein zur Förderung der Waldorf-Gemein-

TrägerInnen kalter Finger AnbieterInnen warmer Fäustlinge, um

schaft) die Vorfinanzierung der Homepage übernommen hat, ist es

nur zwei mögliche Beispiele zu nennen.

langfristig die Idee, dass sich das Netzwerk selbst erhält und Spen-

Nach gut einem halben Jahr der Planungsphase war es soweit, und

den generiert, die sich aus Euren kleinen oder großen Geschäften

die Plattform konnte online gehen. Keinen Tag zu früh, wie sich

ergeben.

bald zeigen sollte, denn als der alljährliche Adventbasar kurzfris-

Kontoverbindung des VFWG:

tig wegen der hohen Auflagen der aktuellen Krise abgesagt wer-

IBAN: AT44 2011 1822 2175 1000, BIC: GIBAATWWXXX

den musste, wurde blitzschnell ein digitaler Basar eingerichtet.

Kontoinhaber: Josef Prüller

56 _ MoMent Frühling 2021


Das heißt, dass die einzelnen Elternräte nicht ihre eigenen Anliegen,

Spiegel unserer Gesellschaft ist. Immer stärker wurden die Sit-

Sorgen und Probleme in das Gremium einbringen – sondern eben in

zungen von Diskussionen über aktuelle Auflagen und ihre Durch-

reflektierter und neutraler Weise jene der gesamten Elternschaft.

führung an unserer Schule dominiert – die inhaltliche Arbeit zur

Dazu kommt das Vertrauen innerhalb des Elternrates: dass während

Pädagogik und der weiteren Entwicklung unserer Schulgemein-

der Elternratssitzungen offen über alles gesprochen werden kann –

schaft trat immer mehr in den Hintergrund. Immer öfter wur-

dass aber auch einiges davon vertraulich in diesem Kreis bleibt.

de die Gemeinschaft des Vertrauens – wie auch in weiten Teilen

Und immer mehr kam über die 12 Jahre hinweg auch noch das

unserer Gesellschaft – zu einer Plattform der Spaltung und des

Vertrauen zwischen Elternrat und der Lehrerschaft dazu: Das war

Gegeneinanders.

eine höchst positive und im Grunde wirklich erstaunliche Ent-

Dennoch nehme ich nach 12 Jahren im Elternrat nun Abschied in

wicklung. Hieß es anfangs noch „wir Eltern“ und „die Lehrer“ – und

der Überzeugung, dass es sich dabei nur um eine Episode gehan-

umgekehrt „wir Lehrer“ und „die Eltern“, so findet jetzt ein re-

delt hat und die Elternratsarbeit wieder zu dem zurückkehrt, was

gelmäßiger Austausch statt; Anliegen und Hintergründe werden

wirklich wichtig ist: die Arbeit an der Grundlage und den besten

immer wieder gemeinsam erörtert. Immer öfter finden Begegnun-

Voraussetzungen für die Entwicklung unserer Kinder. Denn im

gen auf Augenhöhe statt. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist

Kern ist dieses Gremium wie auch unsere gesamte Schulgemein-

die Anerkennung seitens der Eltern, dass für pädagogische Fragen

schaft nicht nur ein Spiegel unserer Gesellschaft – sondern vor

grundsätzlich die Lehrerschaft zuständig ist – gleichzeitig aber die

allem auch ein wertvolles Gegenmodell dafür, wie vertrauensvoll

Anliegen der Elternschaft gehört, aufgenommen und bearbeitet

gemeinsam gelebt, gearbeitet und gestaltet werden kann. Wo ge-

werden. Und dass all dies auch offen kommuniziert wird.

meinsam mit der Lehrerschaft und den Kindern ein Umfeld (wei-

Im letzten Schuljahr gab es allerdings auch hier eine deutliche

ter-)entwickelt wird, in dem sie zu freien, selbstbestimmten und

Trübung: Im Zuge der Corona-Pandemie und der Covid-Maßnah-

kritischen Menschen heranwachsen können.

men wurde deutlich, dass der Elternrat unserer Schule – auch – ein

Waldorfgemeinschaft Mittlerweile haben sich 107 User registriert, und 48 Beiträge wurden veröffentlicht (Stand April 2021). Diese Zahl ist natürlich variabel, da auch immer wieder Beiträge entfernt werden, wenn sie sich erledigt haben; andere hingegen kommen hinzu. Zusehends erfreut sich die Pinnwand wachsender Beliebtheit. Das Potential dieser Seite ist noch lange nicht ausgeschöpft, und sie bleibt natürlich nur lebendig durch Eure Beiträge. Nach wie vor

Feedback eines zufriedenen Netzwerk-Nutzers:

können sich SchülerInnen, Eltern und das Kollegium bzw. andere

waldorf-mauer.network via Graz bis nach Andalusien, wo österrei-

MitarbeiterInnen unserer Schule bzw. auch solche, die diese schon

chische Reben unter spanischer Sonne reifen? Interessant, dachte

verlassen haben, registrieren.

ich mir und probierte die feinen Bio-Tropfen. Bitte mehr und gerne

Wer kann was anbieten? Wer sucht was? Macht dieses Netzwerk zu

so viele Knoten wie Trauben, dachte ich mir oder anders gesagt:

Eurem eigenen und tragt Euch noch heute mit einem Beitrag ein.

Ich willmauern und nicht willhaben. Chin chin und hinein!

Brigitte Födinger

Matthias Berke

MoMent Frühling 2021 _ 57


2021_Cafe.qxp_MOEB_visit0701 09.06.21 16:28 Seite 1 2021_Cafe.qxp_MOEB_visit0701 09.06.21 16:28 Seite 1

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kunst caMp 2021 Kuros Zahedi (Englisch- und Werklehrer) bietet wieder mit seiner Familie ein zweisprachiges „Kunstcamp“ für 7-14 Jährige an. Das Camp findet von 19. July - 23. July (9-15 Uhr) in unserer Schule statt. Mehr info und pdf-flyer hier: kunstcamps.weebly.com

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Ich bin ausgebildete klinische Kunsttherapeutin und arbeite mit Menschen im Kinder-, Jugend- und Erwachsenenalter mit psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen, biete aber auch Begleitung für Menschen in Krisensituationen an. Wenn Sie mehr Informationen brauchen, oder bei Interesse, kontaktieren Sie mich bitte. Alles Frohe. Betsabeh Aghamiri abetsabeh@yahoo.de


Absender: R. Steiner-Schule Wien-Mauer, 1230 Wien, Endresstr. 100 Verlagspostamt, 1230 Wien, Zulassungsnummer: 13Z039641 M Impressum Seite 2

Termine Aktuelle Termine der Freien Musikschule Wien:

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Jeder Tag hat sein Licht und seine Schatten. Wichtig ist, die kleinen Glücksomente wahrzunehmen, die uns geschenkt werden.

Mia Scholz, 11. Klasse