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Vorwort

Erschrocken sah ich mich erneut um. Wo war sie und warum hatte sie gerade mich dazu ausgewählt, ihr zu helfen? Jemand legte seine Hand auf meine Schulter und ich schrie laut auf. Meine Frau Lisa stand hinter mir und trug ihren Morgenmantel, verängstigt sah sie mich an. „Schatz, ist alles OK mit dir?“ fragte sie mit zittriger Stimme. Ich antworte ihr nicht. Immernoch wollte mir das kleine Mädchen nicht aus dem Kopf gehen. Das Mädchen mit der Silberkrone.

Das Mädchen mit der Silberkrone Als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, vergrub ich mein Gesicht wie so oft in meinen Händen und achtete auf nichts und niemanden. Ich weiß nicht wie lang ich so da saß, bis ich plötzlich und ohne einen wirklichen Grund zu haben wieder aufblickte und sie zum ersten Mal sah. Sie saß auf einem der unbenutzten Schreibtische und schwang ihre Beine immer wieder vor und zurück, vor und zurück und als sie bemerkte das ich sie beobachtete lächelte sie mich an und zeigte mir ihre Zahnlücke. Einen Moment lang sah ich ihr zu wie sie da saß und mit ihren Füßen schaukelte, bis mir auffiel dass das Kleid das sie trug voller Blut war. Sie tauchte des Öfteren immer wieder auf. Dennoch hatte ich nicht die Möglichkeit mit ihr zu reden. Aus unerklärlichen Gründen war ich plötzlich ständig von irgendwelchen Leuten umgeben, seien es nun meine Arbeitskollegen oder meine Frau. Da ich bereits vermutete das nur ich das kleine Mädchen in dem blutdurchtränkten Kleid sehen und, ich war mir nicht ganz sicher da ich bisher noch nicht mit ihr gesprochen hatte, hören konnte, hatten wir uns bisher noch nicht darüber unterhalten können was sie von mir wollte. Da sie aber immer wieder in meiner Nähe aufgetaucht und ihre großen blauen Augen ganz traurig geschaut hatten wenn wieder Jemand in meiner Nähe war, war ich mir sicher dass sie gerne mit mir sprechen wollte.

Und so tauchte sie bis zum Abend dieses verregneten Tages nicht mehr auf. Meine Frau Lisa war nach einem Streit zu ihrer besten Freundin gefahren und obwohl ich sie angerufen, mich entschuldigt und sie mir wieder vergeben hatte, wollte sie die Nacht über bei ihrer Freundin bleiben, mit der Begründung, dass es uns gut tun würde, wenn wir beide mal etwas Zeit für uns hatten. Es war bereits kurz vor Mitternacht und ich saß alleine am Esstisch mit den Resten einer halb aufgegessen Pizza vor mir. „Du kannst wohl nicht kochen“ erschrocken schrak ich aus meinem Dämmerschlaf wieder hoch. Da


saß sie erneut. Am anderen Ende des Tisches auf dem Stuhl, auf dem normalerweise meine Frau saß und betrachtete die Pizzareste vor mir. „Ich finde nicht, dass es sonderlich gesund ist, immer nur Pizza zu essen“. Immer noch wahnsinnig müde stand ich auf und lief einmal komplett um den Tisch herum, bis ich schließlich vor ihr stand und in die Hocke ging. Sie drehte sich zu mir um und erwiderte meinen Blick. Im Gegensatz zu mir jedoch war sie nicht schläfrig und sie war auch nicht skeptisch, in keinster Weise. Wie sie da vor mir saß und mich breit anlächelte und ihre Zunge durch ihre Zahnlücke schob wirkte sie wie ein ganz normales kleines Kind. Doch dann sah ich wieder das Blut, dass an ihrem Kleid klebte und mir fiel auf, dass ihr Kleid an einigen Stellen zerrissen worden war. Vorsichtig hob ich meine linke Hand. Nur ganz langsam schob ich sie nach vorne und schließlich drückte ich einen meiner Finger auf ihre Nase. Sie schielte um meinen Finger auf ihrer Nasenspitze sehen zu können und als ich ihn wieder weg zog folgte sie jeder meiner Bewegungen mit ihren Augen. „Was machst du da?“ wollte sie wissen als ich wieder aufgestanden war und angefangen hatte, kopfschüttelnd im Kreis umherzulaufen. Ich blieb stehen und sah sie an. Sie saß da als ob es etwas ganz alltägliches wäre ständig zu erscheinen und dann wieder zu verschwinden. Einen Moment lang wollte ich auch sie anschreien und ihr die Schuld an meinem Pech geben, doch wie sie da vor mir saß und ihre Füße immer wieder vor und zurück schaukelte, konnte ich nicht anders als sie fest in mein Herz zu schließen und sie nie wieder dort hinaus zu lassen. Ich seufzte kurz und nach einigen Sekunden beschloss ich zur Kaffeemaschine zu gehen und mir einen Kaffee raus zulassen. Als ich ihr schließlich wieder gegenüber am Tisch saß beugte sie sich nach vorne, stützte sich mit ihren Elenbogen auf dem Tisch ab und strahlte übers ganze Gesicht. „Können wir anfangen?“ fragte sie mit der niedlichsten kleinen Kinderstimme die ich je gehört hatte und bei der jedem noch so starken Mann das Herz geschmolzen wäre. Verdutzt sah ich von meiner Kaffeetasse auf. „Womit sollen wir den anfangen?“ Das Lächeln verschwand augenblicklich wieder aus ihrem Gesicht und irritiert sah sie mich an. „Na damit meinen Mörder zu finden natürlich!“


Kerstin Krieg  

Erschrocken sah ich mich erneut um. Wo war sie und warum hatte sie gerade mich dazu ausgewählt, ihr zu helfen? Jemand legte seine Hand auf m...

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