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- Eins Meine Geschichte begann vor etwa fünfzig Jahren. Ich lebte damals in New York und hätte niemals gedacht, dass die nächsten Tage meine Sichtweise auf das Leben und die Menschen in meiner Umgebung so radikal verändern würden, wie sie es getan haben. Ich dachte, dass

die

folgenden

Tage

genauso

werden

würden,

wie

die

Tage,

Wochen und Monate, die hinter mir lagen. Doch da hatte ich falsch gedacht. Und

nun?

Nun

saß

ich

also

da.

Unterwegs

in

einem

Zug

ins

Gefängnis. Ich war kein Verbrecher und doch würde ich in ein paar Stunden in einer Zelle sitzen. Jedoch hatte ich das Glück, diesen trostlosen

Ort

schneller

wieder

verlassen

zu

können,

als

die

meisten Menschen, die sich dort aufgehalten haben. Warum ich das tat, wusste ich zu diesem Zeitpunkt, ehrlich gesagt, auch nicht wirklich, aber Job ist nun einmal Job. Aber diesen Job hätte mein Boss sich sparen können. Einen Tag vor meiner Abreise, am frühen Vormittag rief er mich in sein Büro. Das war eigentlich nichts besonderes, denn wir haben eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu einander gehabt. Er ist die Art von Chef gewesen, die sich jeder Angestellte wünscht. Er ließ seine Leute arbeiten, ohne ihnen irgendwelche Vorschriften zu machen. Als ich in sein Büro trat, stand noch eine dritte Person dort und wartete auf mich. Als ich diesen Mann sah, traute ich meinen Augen nicht. Vor mir stand kein geringerer, als William Randolph Hearst, der Eigentümer des "Morning Journal". Er war der Chef meines Chefs und ein Gott in der Welt des Journalismus. Ich wusste nicht, was sich sagen

sollte. Er reichte mir die Hand

und lächelte mir zu. "Ganz ruhig, junger Mann. Ich bin nur ein Verleger." Der Mann war bescheiden, aber dennoch ein Rottweiler, wenn es darum ging, Nachrichten zu beschaffen. Ich wusste nicht, was ich in diesem Raum zu suchen hatte. Ich saß an einem Tisch mit dem Chefredakteur

der

© Christian Brondke

Zeitung,

für

die

ich

arbeitete

und

direkt

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daneben

saß

der

zweitgrößte

Medienmogul

Amerikas,

der

bei

dem

größten Medienmogul gelernt hatte. Hearst kam aus San Francisco und hatte das "Morning Journal" vor etwas mehr als einem Jahr gekauft. Er hatte einige strukturelle Veränderungen vorgenommen. Gewisse Leute entlassen und durch eine Handvoll der bekanntestes Journalisten des Landes ersetzt. Und nun wollte er mit mir sprechen. Ich hatte gedanklich schon meine Sachen gepackt, denn ich ging stark davon aus, dass dies mein letzter Arbeitstag bei dieser Zeitung war. Was hätte es denn schon sonst für einen Grund geben können,

dass

der

Eigentümer

persönlich

mit

einen

kleinen

Journalisten sprechen wollte? Ich machte diese Arbeit jetzt knapp drei Jahre. Angefangen habe ich im Lokalteil. Damals tippte ich lediglich die Kritiken meiner Kollegen über aktuelle Bühnenstücke ab, oder machte das Layout für Todesanzeigen. Doch nach und nach erlaubte mein Chef mir, mich zu beweisen. Ich bekam erste Aufträge, in denen ich mein schriftstellerisches Können unter Beweis stellen konnte. Meine Berichte wurden von mal zu mal länger und schließlich hatte ich es geschafft, dass einer meiner Artikel auf der Titelseite landete. Beide schauten mich an und sagten kein Wort. Hearst schien mich analysieren zu wollen und begutachtete mich von oben bis unten und blickte dann rüber zu Mister Macy. "Robert, sind Sie sicher, dass dieser Jungspund das packen kann?" Mister

Macy

schaute

mich

ebenfalls

an

und

schien

mich

zu

durchleuchten. Ich wusste nicht, was die beiden von mir wollten und wurde immer nervöser. "Er ist jung, das mag sein, William. Aber glauben Sie mir, er hat was drauf. Seine Spürnase ist zwar noch nicht so ausgeprägt, wie bei manch anderem, aber das ist bei dieser Geschichte auch nicht notwendig. Es ist ja bereits alles aufgeklärt. Es geht nur noch darum, dass ganze in eine Story zu packen."

© Christian Brondke

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William Hearst überlegte noch einen Moment und dann rückte er schließlich mit der Sprache raus. "Junge, Sie werden für mich nach Philadelphia fahren und dort ein Interview führen." Ich lehnte mich zurück. Keine Entlassung. Ich hatte also noch einmal Glück gehabt. Doch um was für eine Geschichte ging es, wenn der Verleger persönlich den Journalisten aussuchte und mit ihm die Einzelheiten Skandal,

besprechen

oder

um

eine

wollte?

Ging

Katastrophe,

es

bei

um der

einen eine

politischen Vielzahl

von

Menschen gestorben war? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. "Um was für ein Interview geht es denn, Sir?", fragte ich Hearst direkt. "Sagt Ihnen der Name Mudgett irgend etwas?" Ich überlegte, konnte damit aber nichts anfangen. Ich schüttelte mit dem Kopf. "Dann vielleicht der Name Holmes?" Da klingelte was, aber das konnte unmöglich sein Ernst sein. Holmes saß in Philadelphia in der Todeszelle und sollte in ein paar

Tagen

hingerichtet

werden.

Hearst

hatte

kurz

nach

der

Urteilsverkündung mit Holmes über seine Geschichte verhandelt. Der Mann wollte eigentlich selbst alles aufschreiben, was dann von Hearst veröffentlicht werden sollte, doch das lehnte der Mogul ab. Er sagte ihm, dass es nur zu einem Artikel kommen würde, wenn ein Reporter

ihm

Fragen

stellen

und

bei

einigen

Dingen

genauer

nachhaken konnte. Die Parole, die Hearst bei seinem Antrittsbesuch in

New

York

zu

uns

sagte,

lautete:

"Schreibt

schockierende

Nachrichten, um die Leute zu begeistern." Holmes war im wahrsten Sinne des Wortes so eine Nachricht, aber ob ich der richtige für diesen Job, bezweifelte ich. Ich wusste schließlich nicht, wie ich diese Sache nun angehen sollte.

Ich

sollte

hier

schließlich

interviewen,

der

mir

eine

erfreuliches

für

ihn

war,

keinen

Geschichte oder

einfachen

erzählte,

berichtete

Menschen

die

über

etwas

aktuelle

Entscheidungen unserer Politiker.

© Christian Brondke

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Nein. Dieses Mal sollte ich einen Mann interviewen, der etwas so schreckliches getan hat, dass man es kaum in Worte fassen kann, geschweige denn, einen Artikel darĂźber zu schreiben. Obwohl ich noch

gar

nicht

angefangen

hatte,

mich

mit

der

Sache

zu

beschäftigten, sah ich sie schon die Bach runtergehen.

Š Christian Brondke

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Christian Brondke