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Uwe Heckmann BLICKE


Uwe Heckmann

BLICKE Fotografien

Mit Textbeiträgen von Helmut Kaffenberger, Jan Lehmhaus, Ulrike Müller-Heckmann und Wolf-Dieter Scheid

Verlag Jörg Mitzkat Holzminden, 2010


Für Max

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar ISBN 978-3-940751-47-8 © der Fotografien beim Fotografen. © der Texte bei den Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der vorgenannten Rechteinhaber reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden.

Verlag Jörg Mitzkat Holzminden, 2010 www.mitzkat.de


BLICKE Die hier versammelten Fotos entstanden auf zahlreichen Bummelrunden, die ich in den vergangenen Jahren mit meinem kleinen Sohn Max in unserer Heimatstadt, im Urlaub oder in der Natur unternommen habe. Die langsame, saumselige Gangart des Kindes zwang mich immer wieder zum Stehenbleiben und Innehalten, was mein Bewusstsein in eine aufmerksame Zerstreutheit versetzte. Dabei traten Gegenstände und Details ins Gesichtsfeld, die ich im Vorübereilen sicher nicht bemerkt hätte und die mich immer wieder zum Hinsehen anregten. Im Nebensächlichen, Kleinen und Beiläufigen schien ein Reichtum an irritierenden Bildmotiven zu stecken, die es festzuhalten galt. So fing ich an, mit einer digitalen Kompaktkamera, die leicht und schnell zu handhaben ist, diese zufällig entdeckten und bisweilen sehr flüchtigen Motive fotografisch zu fixieren, ohne sie zu verändern oder nachträglich zu inszenieren. Allein mein Blick und der bestimmte Moment, in dem ich den Auslöser drückte, sollten das im Foto Festgehaltene auf eine besondere Art sichtbar machen. Die so entstandenen Bilder zeigen das scheinbar Bekannte unserer alltäglichen Umgebung in einem Augenblick, in dem meine deutende Fantasie tätig wurde. Die Art, wie das Gesehene ins Bild gesetzt wird, erlaubt es dem Betrachter nicht immer auf Anhieb zu erkennen, was er vor sich hat, wodurch er länger und genauer hinsehen muss. Die Motive aller Fotos leben von dieser Spannung zwischen dem, was sie im Grunde zeigen und dem, als was sie wahrgenommen werden können. Diese Idee der Bedeutungsvielfalt der gegenständlichen Erscheinungswelt liegt auch dem vorliegenden Buch und seiner Struktur zugrunde. Ich habe vier befreundete Autoren gebeten, sich aus einem Pool von über hundert Fotos diejenigen herauszusuchen, die sie unmittelbar ansprechen und zum Aufschreiben ihrer Eindrücke, Gedanken und Assoziationen bringen. Bei der Abfassung der Texte gab es mit mir weder Rück- noch Absprachen, einzig ihre maximale Länge wurde festgelegt. Und auch bei der inhaltlichen Ausrichtung hatten die Autoren völlig freie Hand, sollten sie doch anhand meiner optischen Vorlagen ihre je eigenen Seh- und Schreibweisen kultivieren und damit das fortsetzen, was die Fotos (im besten Falle) in Gang setzen – das Spiel der fließenden oder in Fluss geratenen Be-Deutungen dessen, was wir sehen oder zu sehen glauben. Die Anordnung dieser Bild-Text-Folge orientiert sich im Buch an der Art, wie die Fotos entstanden sind. Da sie sich dem zufälligen Entdecken beim Spazieren verdanken, sind sie nach dem Prinzip der größtmöglichen Varianz ihrer Motive arrangiert. Wer will, kann darin

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übergeordnete Themen – etwa Fundstücke, Schatten, Spiegelungen, Blätter oder Wasser – erkennen und seine Lektüre daran ausrichten, prinzipiell ist jedoch der Einstieg in das Buch an jeder beliebigen Stelle möglich – und von meiner Seite aus auch wünschenswert. Zudem hoffe ich, dass dadurch die Lust an der Deutung nicht ermüdet wird und das Interesse an den ästhetischen Reizen der Bilder nicht nachlässt. Zu danken habe ich zunächst meinem Sohn, der durch seine trödelnde Gangart diese anderen Blicke ins scheinbar Vertraute erst ermöglichte. Dann möchte ich den Autoren für ihr Einfühlungs- und Sprachvermögen danken, mit dem sie sich den Bildern gewidmet haben. Und nicht zuletzt dem Verleger, der sich entschlossen hat, dieses Buch zu realisieren. Uwe Heckmann

Hamburg, im November 2010

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Die Zeitphase, in der ein Bild an der von seinen Urhebern gemeinten Bedeutung festhält, ist vergleichsweise kurz. Schon bald tritt jedes Bild in die nicht mehr beendbare Phase der eigenen Vieldeutigkeit ein. Es gibt nur ungenaue Bilder – so wie es nur ungenaue Wörter gibt. (Wilhelm Genazino, Auf der Kippe)

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Nature morte. Ein toter Nachtfalter, die Flügel ausgespannt, fixiert hinter einer Glasscheibe. Ein Wunderwerk der Natur, in der Symmetrie seiner schön geschwungenen Flügelpaare, im gezierten Zueinander der zarten Beine, die, im Tode zusammengelegt, ein gleichschenkliges Dreieck gebildet haben. Alles ist perfekt an diesem Wesen, das sein kurzes Leben hinter einer Scheibe ausgehaucht hat. Es handelt sich hier allerdings nicht um das gläserne Präparationsplättchen eines Biologen, sondern um eine relieffierte Glasscheibe, wie man sie von Toilettenfenstern kennt. Das fächerförmige Muster korrespondiert seltsamerweise mit der Flügelform des Falters, scheint es zu wiederholen, zu variieren, als habe der Falter zu Lebzeiten – oder im Todeskampf - mit den schwirrenden Bewegungen seiner Flügel das Glas in Schwingungen versetzt, wie eine Wasserfläche mit zitternden Wellen. Nun ist alles erstarrt, wie eingefroren im dicken Eis. Nature morte. Schönheit hinter Glas: ein Schneewittchen-Falter. (umh)

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Ein Gesicht aus Ding und seinem Schatten, es lächelt leise. [Warum erkennen wir überall Gesichter in den Dingen?] Aber die Szenerie ist melancholisch: Hier hat das Kind gesessen. Hier hat es sich festgehalten. Hier wollte es angeschubst werden, in Bewegung gebracht, in Schwung, bis es das selbst konnte. Hier saß es mit glücklichem Gesicht, strahlend wie die Sonne, lehnte sich zurück, beugte sich vor, spielte als Pendel mit der Schwerkraft seines Körpers. Hin und Her. Vor und zurück. Bewegung um eine ruhende Mitte. Äußerlich nicht vom Fleck kommend, aber innerlich bewegt, tagträumend, sich wegdenkend, eine Erfahrung machend. Schaukeln bis an die Grenze, den Überschlag, wie bei einer Schiffschaukel auf dem Jahrmarkt. Traust Du Dich zu springen? Vorsicht vor den Brennnesseln und dem schwarzen Graben mit den Feuersalamandern drin! Oder bremst Du doch lieber mit den Füßen im Staub der Gobi, der aufwirbelt, die dünnen Beine pudert und schön aussieht wie flirrende Sterne im Licht? (hk)

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Ein Blatt im Wasser. Es ist grün mit gelben Flecken, an manchen Stellen braun und auf einer Seite eingerissen. In der Großaufnahme sieht man die feinen Blattadern. Es ist leicht nach hinten gebogen, ganz so, als wollte es sich herzeigen. An einer Stelle fällt Sonnenlicht darauf. Das Blatt schwebt im flachen Wasser, es ist vollständig untergetaucht, man ahnt andere Blätter, die bereits zu Boden gesunken sind. In der rechten oberen Bildecke spiegeln sich der Himmel und welke Blätter, die noch an Bäumen hängen. Was im linken Bildteil unscharf reflektiert wird, ist nicht eindeutig zu erkennen, wahrscheinlich ist es ein Geländer am Ufer. Der Fokus liegt auf der Bildmitte mit dem Blatt. Dieses ist auf einer Reise durch den Raum. Während andere Blätter noch an den Bäumen hängen, ist es schon abgefallen, oder es wurde abgerissen und isoliert von der Blattgemeinschaft. Ein anderer Teil seiner Gefährten ist schon vor langer Zeit ins Wasser gefallen und liegt nun auf dem Grund des Gewässers – ihre Reise ist zu Ende. Das Blatt reist auch durch die Zeit. Einst war es eine Knospe, dann grün und voller Saft. Jetzt ist es vom Herbst gezeichnet oder Blattrost hat an ihm gefressen. Im Wasser treibt es wie eine offene Pergamentrolle. Das Wasser löscht die Zeichen darauf nicht aus, es scheint sie eher zu konservieren, wenigstens für die Dauer seiner Reise. Bei seinen Wanderungen durch Raum und Zeit fällt das Blatt von oben nach unten. Früher war es jung, jetzt ist es alt und sinkt herab. Im Bild schwebt das Blatt, mehr noch, es scheint zur Oberfläche des Wassers aufzusteigen und sich zu entfalten. Das Gitter in der linken und die Bäume in der rechten Bildhälfte spiegeln sich im Wasser und laufen im Hintergrund aufeinander zu. Das Blatt wird eingerahmt, wodurch der Eindruck, dass es aufsteigt, eine Betonung erfährt – ein Aufstieg, der sich bis in den sich spiegelnden blauen Himmel fortzusetzen scheint. So wird sein Zerfall ästhetisch ins Bild und zugleich außer Kraft gesetzt. (wds)

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Eine korrodierte Eisenplatte wohl, der grüne Lack darauf verwittert; das zu bestimmen bleibt kaum Zeit. Gleich ist da ein Gesicht, geformt von Beulen und Löchern im Metall. Der Ausdruck größten Leids wirkt vertraut. Das rechte Auge vor Schmerz verengt, das linke scheint wie blind, erloschen. Mund und Nase sind ein einziger, brutaler Riss im harten Material. Ein leidender Christus am Kreuz, den Kopf schon kraftlos zur Seite geneigt, die Lippen spröde von brennendem Durst und bitterem Essig. Das ist, natürlich, kein Wunder, sondern nur ein Beispiel dafür, dass wir in allem Ungeordneten, Unbestimmten unermüdlich vertraute Muster suchen – und auch deshalb zu finden glauben, weil wir gar nicht wissen, wie vertraut uns das Muster ist. Aber dann zeigt das Bild allemal … eine Erscheinung. (jl)

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Was für ein profaner Titel für die hochgradig sakrale Architektur dieses Bildes! Wüssten wir nicht um die Banalität der gezeigten Alltagsgegenstände, wir würden staunend in das Seitenschiff einer monumentalen, neogotischen Kathedrale blicken; müssten den Rhythmus der sich schneidenden Rippen bewundern und das Stakkato der sich verkürzenden Gewölbezwickel, die unseren Blick ins mystische Dunkel des Raumes wie durch einen Sog, einen Strudel der architektonischen Formen ziehen. Oder ist es eher der durch einen bildgebenden Apparat gewährte, medizinische Blick in eine Körperöffnung, in den Abgrund eines Schlundes, die endoskopische Kamerafahrt ins eigene Innere? Wüssten wir nicht um den Titel, unser Blick wäre losgebunden vom eindeutigen Erkennen, könnte sich auf die abenteuerliche Reise der freien Assoziationen begeben, wie einst die Entdecker auf ihren Karavellen ins Unbekannte lossegelten, ohne zu wissen, wo sie ankommen würden. Nur Mut! Ignorieren wir die erklärenden und belehrenden Titelschilder, die exakten Zuschreibungen, die eindeutigen Interpretationen. Dann entdecken wir neue Welten im Banalen und Alltäglichen, dann wird aus den „gestapelten Plastikstühlen“ das Gewölbe einer gotischen Kathedrale! (umh)

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Der Himalaya! Aus der Vogelperspektive. Das Dach der Welt noch aus der Luft, dem endlosen, klaren Welt-Raum. Wie von Adlern gesehen. Vom Olymp. Die Schönheit einer Plastiktüte – wie im Film „American Beauty“, dort nicht schwer, sondern bewegt, vom Luftzug erfüllt, zum Leben, zum Tanz erweckt. Hier statisch, scheinbar massiv und monumental – tatsächlich aber klein und leicht und labil und, vermutlich, voller Abfall. (hk)

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Eine fast weiße Figur aus pastosem Material vor dunklem Hintergrund, auf einem schmalen Vorsprung stehend: eine Frau im langen, schmalen Kleid, das weich bis auf den Boden fällt, das sie mit ihrer linken Hand zu raffen scheint, den Kopf geneigt. Zur anmutigen Haltung (einer Tänzerin?) kommt die Spannung auf ihrer rechten Seite. Hier scheint sie etwas (einen Vogel mit langem Schwanz und emporgestrecktem Kopf?) in die Höhe zu halten. Mit dem Arm vielleicht, vielleicht auf dem Rücken, in jedem Fall gegen großen Widerstand, eine lange Sehne dehnend, die darunter fast zu reißen scheint. Ein reizvoller Gedanke, dass dies Ziehen, die große Spannung, als optischer Eindruck erhalten bleibt, nachdem das gedehnte Material längst erstarrt ist. (jl)

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Zwei Figuren stehen an einer Wand, unter einem Vorsprung. Links von ihnen ist eine dritte angedeutet. Genauso hellgrau wie ihr staubiger Untergrund, scheinen sie aus ihm herausgearbeitet, stilisierte Statuen mit unbeholfen eingegrabenen Gesichtern. Ein Kultplatz vielleicht. Der Vorsprung hat ihn kaum vor der Erosion schützen können, wohl aber vor dem Blick und dem Zugriff Unbefugter, die den lichten Wald im Hintergrund … Schrauben mit Sechskantmuttern? Nur? Auch das ist möglich; aber in welcher Umgebung stehen (oder liegen) sie und warum? Die profane Deutung wirft zu viele Rätsel auf. (jl)

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Abgestorbenes, aber immerhin, es hat einmal gelebt, es hat noch organische Form, liegt auf dem Toten, Genormten, Abgedichteten, Gerasterten, industriell Hergestellten. Nicht einmal in den Ritzen wächst ein Hälmchen sogenannten Unkrauts. Und dann das schräg stehende Licht, das aus dem toten Ding noch etwas Widerspenstiges zaubert, das es noch einmal aufwirft, nur zu einem Schattenwesen, das aber doch einen Rest Lebendiges herüberrettet. Ein Fingerzeig, ein Saurier? Noch ist Sonne. Bald kommt der Herbst. Bald Regen und Kühle und großes Grau. Auf dem Verbundpflaster zerplitschende Tropfen. Bald braucht man den Schirm und zieht die Schultern hoch und „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr…“ Dann wird das Blatt, das jetzt noch knistern und knacken würde, verweht sein, zertreten, in Fäulnis vergessen, dunkelbrauner Matsch, ein Häufchen Humus. (hk)

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Zerrissene Papierschichten an einer Bretterwand. Und ein seltsames Gesicht, geformt von weißen Schichten und dunkelblauen, auf denen noch eine Architekturzeichnung zu sehen ist. Ein Mund, die einzige rote Partie im Bild, scheint diesen Eindruck zu bestätigen. An der Fuge zwischen zwei Brettern sind die Papierschichten entzweigerissen und trennen zwei Gesichtshälften mit unterschiedlichstem Ausdruck. Allein betrachtet, wirkt die rechte ruhiger, müde fast. Die linke angriffslustig, spöttisch oder gar tückisch. Die im Gesamteindruck entstehende Miene ist keine Mischung daraus, sondern bleibt unbestimmbar. (jl)

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Raum oder Traum? Innen oder Außen? Wo uns die vermeintliche Sicherheit der Sinne verlässt. Was ist vorne, was ist hinten? Was Gestern, was Jetzt? Und was macht diese Unsicherheit mit uns? Tut es uns gut, einmal irritiert zu sein? Merken wir noch, dass sich im Verlaufen und Versehen etwas auftun könnte? Etwas Unerhörtes? Neues? Anderes? Dass die alltägliche Sicherheit, in der wir uns zu hausen gewöhnt haben, das, worauf man meint klopfen zu können, vielleicht nur ein Hauch ist, das Schilfrohr im Wind, ein empfindliches, hinfälliges Stück Schein? Was ist wirklich? Die Konstruktionen von Augen und Hirnen. Selbst sehen, selbst denken, empfinden, wahr nehmen. Aber wer könnte sich das präsent halten? Die Welt und was sie ist – oder sein könnte. „Wirklichkeit“ ist für die Fliege und die Forelle und das Nashorn eine andere. Deine? (hk)

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Was ist traurig wie ein Luftballon ohne Luft? [Ein praller bunter Luftballon, der einem Kind, kurz nachdem es ihn an einem Nachmittag auf einem Rummelplatz – Wurstbratereien, wabernde Dämpfe, Achterbahn, Schiffschaukel, in den Gaumen beißende Fischbrötchen, Schießbuden, Dosenwerfen, Geruch nach Anis, Curry, Herbes de Provence, gerösteten Mandeln, das Klirren schwerer Biergläser, dumpfe Lautsprecherdurchsagen abgenutzter Stimmen … – gekauft bekam, gerade wegfliegt, taumelnd, langsam steigend, als wäre Häme und, ja, fast Spaß darin. Und das Kind, mit dicken feuchten Augen, den Kopf nach hinten gelegt, sieht ihm hilflos nach] Leere Hülle. Und dann der Schatten: Ein Erhängter. Eine Leiche. Am Halse aufgehangen, bis der Tod eintrat, auf dass die Krähen ihr die Augen aushacken können, wie es früher Mode war. (hk)

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Wie wundervoll sind diese Wesen, Die, was nicht deutbar, dennoch deuten, Was nie geschrieben wurde, lesen, Verworrenes beherrschend binden Und Wege noch im Ewig-Dunklen finden. (Hugo von Hofmannsthal, Der Tor und der Tod) Werden Bilder gelesen? – Bäume, Äste, Blätter – auf, über und im Wasser: Es sind konkrete Objekte aus der Pflanzenwelt und ihre Spiegelungen, die in diesen Bildern wiederkehren. Wenn der Titel des Bildes es nicht verraten würde, wüsste man nicht, dass es Äste sind, die hier gespiegelt werden. Ändert dieses Wissen meine Einstellung zum Bild? Es reiht es ein in die Bilderfolge mit verwandten Motiven, es nagt an seiner Einmaligkeit. Es lenkt meine Assoziationen. Es hält meinen Blick an, hinzusehen, welche Spuren von Ästen im Bild versteckt sind. Fehlt dem Bild etwas ohne seinen Titel? Ist er der Schlüssel, der das Geheimnis des Bildes öffnet? Oder eröffnet er nur einen zusätzlichen Erfahrungsraum? Ist er eine Gratiszugabe und kann das Bild auch ohne ihn bestehen? Braucht das Bild einen Titel? Nein! Braucht der Titel das Bild? Ohne Bild kein Titel! Dieser Spiegel bildet sein Gegenüber nicht einfach ab. Die Eigenschaften der realen Äste werden zu Bildelementen, die nicht aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer natürlichen Form bestimmt werden können. Dabei besteht weder die Gefahr noch die Chance, das Abbild mit dem Original zu verwechseln. Der Bildtitel befindet sich wie die gespiegelten Äste außerhalb des Bildes, jenseits seiner Grenzen. Wie Tinte, die verläuft und eine Spur zieht, gehen die Äste ins Bild ein. Der Titel ist die erstarrte Gestalt dieser Tinte – lesbare Schrift auf Spurensuche. (wds)

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Wandmalerei in einem archaischen Tempel Auf den glatt bearbeiteten, zyklopischen Steinen einer Tempelmauer findet sich diese erstaunlich gut erhaltene Wandmalerei eines bisher unbekannten, archaischen Volkes. Wissenschaftler vermuten die Darstellung einer rituellen Begegnung eines Kriegers und einer Kriegerin, was auf die Gleichberechtigung matriarchalischer und patriarchalischer Gesellschaftsformen dieses Volkes hindeuten könnte. In der rechten Figur ist die Kriegerin zu erkennen, in ihren fließenden Formen an Pflanzliches erinnernd zeigen Körper und Kopf mehrfach die Formen der weiblichen Brust. Ihren Helm hat sie hinter sich rechts abgelegt. Die linke Figur ist dagegen eindeutig als männlicher Krieger zu identifizieren, aufrecht stehend, mit geschwollener Brust und kleinem Kopf auf einem breiten Stiernacken. Krieger und Kriegerin sind beim rituellen Austausch der Waffen gezeigt, sie messen und präsentieren die Wurfspeere und tauschen diese, was als Zeichen des gegenseitigen Respektes gedeutet werden kann. Dass der männliche Krieger links in seiner Haltung leicht nach hinten kippt und in labiler, zurückweichender Haltung dargestellt ist, könnte nach Meinung der Wissenschaftler auf den langsamen Verfall des patriarchalischen Einflusses und eine damit verbundene Stärkung des Matriarchats innerhalb dieses archaischen Volkes hindeuten. Die genaue Datierung der Wandmalerei steht bisher noch aus. (umh)

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Ich möchte es nicht versäumen, diesen Anweisungen einen neuen Einfall beizufügen, der, wenn er auch klein und lächerlich scheinen mag, nichtsdestoweniger sehr nützlich ist, um den Geist zu mancherlei Erfindungen zu wecken. Er besteht darin, auf Mauern zu schauen, die mit verschiedenen Flecken beschmutzt sind, oder auf Gestein von verschiedenem Gemisch. Wenn du irgendeinen Ort erfinden musst, kannst du dort Ähnlichkeiten mit diversen Landschaften entdecken, geschmückt mit Bergen, Flüssen, Steinen, Bäumen, großen Ebenen, Tälern und Hügeln verschiedener Art. (Leonardo da Vinci, Traktat über die Malerei) Wie herrlich, wie wunderbar funktioniert unsere Wahrnehmung, diese Gemeinschaftsleistung aus Auge und Hirn, die uns selbst in der Anschauung von wirren, chaotischen, abstrakten Bildern stets etwas Vertrautes vorgaukeln möchte! Wir sehen etwas hinein, weil wir benennen und erkennen müssen, um nicht im Chaos unterzugehen. Zwei horizontale Streifen, ein schmaler, ockerfarbener unten, ein breiter, von Rotocker bis zum Blau changierender oben: eine weite Landschaft im Abendlicht, ein Sonnenuntergang an der Küste, in glühende Farben getaucht – die Romantiker hätten es nicht schöner malen können. So bewegen wir uns durch die Welt: wir sehen und stehen und gehen, aufrecht auf der Erde, immer auf den Horizont zu. Gut, dass wir wissen, was oben und unten, was Himmel und Erde ist. Auch wenn sie in einer rostigen „Baggerschaufel“ erscheinen. (umh)

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Ein Bild mit ungewöhnlicher, zweigeteilter Farbpalette. Irritierend das Nebeneinander von Rosa, Weiß, Blau und den trüben Braun- und Grüntönen in der Mitte. Dort hat sich, in einer wohl zufälligen Form, wohl zufällig Flüssigkeit gesammelt und macht die Form erst sichtbar: das Profil eines Mädchenkopfs, das Haar unter einem Tuch oder vielmehr einem Helm verborgen. Um 90 Grad nach rechts gedreht, wird das Bild noch deutlicher – aber auch banaler; zu glatt, zu schön, zu Art Déco: eine Kühlerfigur. In der ersten Position bekommt der Kopf Sinn, liegend, wie auf einem Sarkophag. Die welken Farben der Vergänglichkeit trennen ihn von Mädchenrosa, Unschuldsweiß, Himmelblau. Dass der Fotograf hier angehalten hat oder angehalten wurde: wohl kein Zufall. (jl)

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Profile for Scheid Wolf-Dieter

Blicke - Uwe Heckmann  

Im Dezember 2010 ist ein Buch von mir erschienen. Darin sind 50 Fotos zu sehen, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe.

Blicke - Uwe Heckmann  

Im Dezember 2010 ist ein Buch von mir erschienen. Darin sind 50 Fotos zu sehen, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe.

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