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D i e Z e i t u n g d e r d e u t s c h e n s o z i a l d e m o k r at i e

März 2012

n

Gegründet 1876

illustration: Sabrina Müller-Wüsthoff

Jung. UND DANN? Porträts einer generation

joachim Gauck warum er unser präsident wird Egon bahr wird 90 richard von weizsäcker gratuliert

03 4 197407 502506


SPD-Exklusiv-Gruppenreisen ZUM 1. MAI – AUF INS „ROTE WIEN“

8. SPD-FRÜHLINGSTREFFEN

Über den 1. Mai in Wien und bei der Maikundgebung der SPÖ am Rathausplatz dabei sein!

Barcelona und die Costa Brava – Städtereise und Strandurlaub, Kunst, Kultur und Landschaften. Aus ganz Deutschland treffen sich Genossinnen und Genossen zum großen SPD-Frühlingsfest.

Inkl. Flug ab vielen dt. Flughäfen, 4 Nächte im 4*-Hotel mit Frühstück, Besuch der Veranstaltungen zum 1. Mai, Parlamentsbesichtigung, Rathausführung u.v.m.

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Inkl. Flüge ab/bis vielen dt. Flughäfen, 7 Nächte mit Halbpension und umfangreichem Ausflugsprogramm

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Zahlreiche Musik- und Tanzgruppen begleiten beim Blumenfest den farbenfrohen Umzug prachtvoll geschmückter Wagen. Die bunte Blütenpracht verwandelt ganz Madeira in einen schwimmenden Garten.

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Rundreise ab der stolzen Hauptstadt zu den Kunst- und Kulturschätzen im historischen Herzen Spaniens: Avila – Salamanca – Segovia – Toledo – Aranjuez – Alcalá de Henares – Madrid

Zwei Wochen Kunst und Kultur, Erlebnis und Erholung. Beim griechisch-orthodoxen Osterfest Land & Leute und althergebrachte Traditionen authentisch erleben.

Inkl. Linienflug ab/bis vielen dt. Flughäfen, 7 Nächte in 4–5*-Hotels mit Halbpension und umfangreichem Besichtigungsprogramm u.v.m.

Inkl. Flüge ab/bis vielen dt. Flughäfen, 14 Nächte mit Halbpension, Teilnahme am Osterfest im Bergdorf Agros und umfangreichem Ausflugsprogramm

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Griechische Antike, Mythen und Sagen, Sandstrände und Bergwelt, Alexis Sorbas und Sirtaki. Das wahre Kreta erleben: Mit unserer Kollegin Chryssa Manoura in das Heimatdorf ihrer Familie. Inkl. Flüge ab/bis div. dt. Flughäfen, 7 Nächte im 4*-Hotel mit Halbpension und umfangreichem Ausflugsprogramm

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KRETA – DIE WIEGE EUROPAS

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GROSSE ZYPERN-RUNDREISE

MADRID – KASTILIEN

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Inhalt 3

03/2012 vorwärts

themen in diesem heft

liebe Leserin, Lieber leser! Wer sich viele Talkshows antut, ­gewinnt leicht den Eindruck, die Sozial­ demokratie sei von gestern, die Zukunft gehöre der Piratenpartei. Schon allein, weil deren Vertreter so erfrischend jung wirken. Jugend, das ist die Zeit, in der man noch nicht alles wissen muss und also unbeschwert zu klaren Meinungen gelangt. Später im Leben wachsen die Zweifel, wirkt ahnungs­ lose Entschiedenheit peinlich.

Titel Jugend in deutschland

 4  Jung. und dann? – Marisa Strobel, Jonas Jordan  7  »mehr wertschätzung« – Kai Doering  8  »auf der Bremse« – Susanne Dohrn  8  keine jubeltruppe – Sascha Vogt  9 Ihr nervt! – Werner Loewe vs. Wolfgang Gründinger

Kolumnen 10  global gedacht – Rafael Seligmann 11  berliner Tagebuch – Uwe Knüpfer 20  Zwischenruf – Ingrid Matthäus-Maier 27  Das Letzte – Martin Kaysh

Jugend: Model Ronja (22), mehr Porträts ab:: Ronj Seite 4

13  14  15  16  18 

Deshalb gehört der Piratenpartei ganz sicher nicht die Zukunft, jedenfalls nicht in ihrer heutigen, jugendlichen Gestalt. Was die Piraten im Internet sehen, ist der Traum aller Anarchisten: eine Welt, in der es keines regelnden Staates mehr bedarf.

Fotos: Dirk Bleicker(2), dpa Picture-Alliance / Tim Brakemeier, ddp images/dapd/Steffi Loos, prvat

Wer, wie der Anarchist Proudhon, Eigentum für Diebstahl hält, muss gegen jedes Urheberrecht protestieren. Erlauben kann sich das freilich nur, wer ausreichend versorgt ist, um nicht von dem, was er denkt, komponiert oder schreibt, leben zu müssen. Sozialdemokraten sind keine Anar­ chisten. Sie wissen, dass das Internet die r­ eale Welt nicht ersetzt. Dass in der realen Welt nicht alle Menschen gleich stark, gleich vermögend und gleich vernetzt sind. Dass es deshalb einer ordnenden Hand bedarf – und das soll­ te die Hand eines demokratisch legiti­ mierten Rechtsstaats sein. Alles andere wäre ein gewaltiger Rückschritt. Dass es unter jungen Menschen heute nicht nur Fans der Freibeuterei gibt, sondern dass die „Jugend von heute“ so vielfältig und vielversprechend ist, wie sie es zu allen Zeiten war – und vielleicht hungriger denn je nach Orientierung in einer chaotischen Welt, versuchen wir in diesem Heft zu zeigen.

Egon Bahr – eine Würdidung zum 90. Geburtstag

W irtschaft 22  gut gemacht: Stricken für die Promis 22  studienmotivator: arbeiterkind.de

kultur 23  linker verein – Das Haus am Lützowplatz 24  REZENSION – ­ Rainer Knauber: Neinsagerland

historie 25  vor 120 Jahren – Erster Gewerkschaftskongress 25  historischer Comic– Die Frau und die SPD 26  Wer war’s? – Lothar Pollähne 10  19  20  23  26  27 

News Parlament Leserbriefe Impressum Rätselseite seitwärts

Mit herzlichen Grüßen,

Vorwärts-Regional März BERLIN: TEMPELHOF-SCHÖNEBERG Uwe Knüpfer Chefredakteur

Seite 14

partei leben! in feierlaune – 150 Jahre SPD egon bahr wird 90 Eine Würdigung durch Richard von Weizsäcker Arbeitsgemeinschaften in der SPD Selbst Aktiv porträt Anke Rehlinger: Rekordfrau auf dem Sprung Bayernwunder Die SPD im Freistaat traut sich was

Redaktionsschluss 27. Februar 2012

Joachim Gauck: Warum er unser Präsident wird Seite 12

Die Titelzeichnerin Unser Titelbild hat die Diplom-Designerin Sabrina Müller (geboren 1979) gezeichnet. Die Arbeiten der Münchnerin werden international ausgestellt. 2010 erhielt sie den „Faces of Design Award“.


4  Titel

vorwärts 03/2012

promovieren oder kinderkriegen? Sandra Herrmann (22) Studentin, Marburg Mich stört am deutschen Bildungssystem, dass oft zu kurz gedacht wird. Kleine Fächer wie meines werden einfach weggekürzt. Dabei beschäftigt sich ein Fach wie Indogermanistik mit den Wurzeln der europäischen Kultur. Sowas dünnt die Hochschullandschaft aus und nimmt ihr die Identität. Ich würde gern promovieren. Im Master-Studium muss ich jetzt schauen, ob das etwas für mich ist. Ansonsten würde mir nur ein Quereinstieg in einen anderen Beruf übrig bleiben. Aber das ist wegen der immer mehr joborientierten Studiengänge schwierig. Dafür machen Forschungsprojekte es einem einfacher, einen Job an der Uni zu bekommen. Ich finde es aber inakzeptabel, dass man sich dann von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln muss. Wenn ich eine akademische Karriere anstrebe, müsste ich daher bis nach der Promotion mit dem Kinderkriegen warten. Da mache ich mir keine Illusionen. Es war schwer, mein Studium ohne altsprachliche Kenntnisse anzufangen. Ich hatte weder Latein noch Altgriechisch in der Schule und musste das auf der Uni nachholen. Hinzu kommt, dass ich auf Bafög angewiesen bin. Das muss immer neu bewilligt werden. In der Zwischenzeit bekommt man kein Überbrückungsgeld. So zeigt einem das Studium seine finanziellen Grenzen auf. n

Jung. und dann?

erwachsenwerden Es war nie komplizierter als heute – in einer scheinbar grenzenlosen Welt. Porträts einer unübersichtlichen Generation

N

»

Die Jugend ist nicht gut nicht schlecht. Sie ist wie die Zeit, in der sie lebt! Gregor Dorfmeister, „Die Brücke“

«

ie wuchs auf deutschem Boden eine Generation heran, die von größerem Wohlstand umgeben war als heute. Zugleich wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Fundamente unseres Zusammenlebens scheinen zu wanken: Familienstrukturen, das soziale Netz, die Demokratie. Wie gehen junge Menschen damit um? Worauf hoffen sie? Was fürchten sie? Wofür setzen sie sich ein? Wer heute jung ist, hat es schwerer denn je herauszufinden, wo er oder sie „hingehört“. Unübersichtlich ist die Vielfalt der sozialen Milieus, der kulturellen Bräuche, der Stile, der Moden und

der Möglichkeiten. Zudem geht den heute Jungen eine Generation voraus, die gern so auftritt, als habe sie die ewige Jugend gepachtet. Selbst bei der Wahl der Kleidung oder der Musik wird es den Jungen schwer, sich von älteren klar zu unterscheiden. Wer kann jünger wirken als Mick Jagger? Kein Wunder, dass die schärfste Abgrenzung von den Älteren via Internet erfolgt; in der virtuellen, nicht der wirklichen Welt. Das fördert globales Denken, aber es verführt auch dazu, die flüchtige und die reale Welt zu verwechseln. Im Internet scheint es keine Grenzen und keine Schranken zu geben. In

der wahren Welt spielen Herkunft und Wohlstand der Eltern eine eher wieder wachsende Rolle. Auch wenn sich alle 20- bis 30-Jährigen auf Facebook versammelten, würde aus ihnen noch keine homogene Gruppe. Wohl keine frühere Generation in Deutschland war so weltoffen und europäisch und so flexibel wie die jungen Männer und Frauen, die im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind, mit der Berliner Republik. Aber wo ist sie „zu Hause“? Wenn Erwachsenwerden bedeutet, sich seiner Identität zu versichern, war Erwachsenwerden wohl nie komplizierter als jetzt. n UK

Foto: Dirk Bleicker

Aufgezeichnet von Marisa Strobel und Jonas Jordan


Titel 5

03/2012 vorwärts

Meine ehrenämter im Dorf sind mein hobby Lena Herget (23) Stadtverordnete, Reichelsheim Die Bindung an eine Partei ist gerade unter jungen Menschen nicht mehr so verbreitet. Das merke ich selbst bei Kommilitonen, verstehe es aber nicht. Ich selbst bin seit 2005 in der SPD. Nach dem Abitur habe ich begonnen, Politikwissenschaften zu studieren. Inzwischen schreibe ich an meiner Masterarbeit. Bei mir gab es keine Phase der Unentschlossenheit. Ich denke auch, dass man heute weniger Zeit hat, sich selbst zu finden. Weil das Leben ein gewisses Tempo angenommen hat. Da muss man rechtzeitig in die Pantoffeln kommen. Dafür gibt es heute mehr Möglichkeiten,

um sich zu entfalten. Neben Studium, Ortsverein und Stadtverordnetenversammlung arbeite ich ehrenamtlich für die Freiwillige Feuerwehr in unserem Dorf und engagiere mich auch im Musikzug. Meine Ehrenämter sehe ich als Hobby. Das Schöne daran sind die verschiedenen Gesprächskreise. Bis jetzt lässt sich alles gut kombinieren. Und man lernt, Prioritäten zu setzen. Mir helfen dabei To-Do-Listen – wie vielen meiner Generation. Für die Kommunalpolitik wünsche ich mir, dass sie stärker anerkannt würde. Dass sich damit auseinandergesetzt wird, welche Wichtigkeit sie besitzt. Ich lebe schon immer in Reichelsheim. Ich bin kein hängengebliebener Lokalpatriot. Aber ich möchte schon gern hier bleiben. Gerade weil der politische Nachwuchs im Ort dünn gesät ist. n

ich mache mir schon sorgen um die Zukunft kevin kloSS (22)

Mechatroniker, Wallerfangen Ich will ein sicheres Arbeitsverhältnis. Deshalb habe ich mich 2005 für die ­Ausbildung zum Mechatroniker bei dem Grobblech-Hersteller Dillinger Hütte entschieden. Das Unternehmen hat ­einen sozialen Ruf und übernimmt in der Regel seine Azubis. In kleinen Betrieben ist das oft unsicher. Gehälter werden hier häufiger unregelmäßig ausgezahlt, Arbeitszeiten sind nicht so geregelt. Ich habe früh angefangen, mich in der Gewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Mit meinem Arbeitgeber konnten wir aushandeln, dass Azubis nach der Ausbildung jetzt

mir ist wichtig andere zu unterstützen Lucie Yertek (22)

Fotos: Dirk Bleicker (2); Hendrik RAuch (1)

Sozial engagiert, Berlin Der Erfolg im Bildungssystem hängt zu stark vom Elternhaus ab, das ärgert mich. Benachteiligte müssten von vornherein besser gefördert werden. Hier versuche ich mit meinem Engagement zu helfen. Momentan nehme ich an einem Projekt teil, dass Kinder mit Migrationshintergrund unterstützt. Aber in erster Linie sollte es Aufgabe des Staates sein, etwas gegen die Benachteiligung von Einzelnen zu tun. Ganztagsschulen halte ich deshalb für eine gute Sache. So wird allen ermöglicht, Nachhilfe zu erhalten oder ein Musikinstrument zu erlernen.

Als Kind habe ich selbst erfahren, wie wichtig die Unterstützung durch andere ist. Meine Großtante hat meinen Flötenunterricht bezahlt, weil meine Eltern dafür kein Geld hatten. Meine Mutter hat mir bei den Hausaufgaben geholfen. Das hätte mein Vater, der vor 25 Jahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert ist, so nicht gekonnt. Da mir ein Stipendium mein Stu­ dium finanziert, bleibt mir Zeit, mich zu engagieren. Viele meiner Kommilitonen würden gern ehrenamtlich mehr machen, sind aber durch Studium und Nebenjob zu sehr eingebunden. Es ist gut, dass es Bafög und Stipen­ dien gibt, aber es werden zu wenige ­gefördert. Zugleich sollte jeder, der finanziell unterstützt wird, auch etwas für das Gemeinwohl tun. n

Bist Du in Deiner Freizeit für andere Menschen aktiv? Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren (in Prozent) oft 34 39 gelegentlich 42 41 nie 24 20

n 2002

n 2010

Quelle: Shell jugendstudie 2010

Zahlen und fakten

auch unbefristet übernommen werden. Das gibt Sicherheit. Ich selbst habe mir mit 19 Jahren ein Haus gekauft. Neben meiner Anstellung mache ich ein Abendstudium zum Betriebswirt. Das mache ich auch aus Sorge vor der Zukunft. Ich weiß ja nicht: Wie geht es mit dem Betrieb weiter? Werde ich dort bleiben können? Für meinen Großvater und meinen Vater war es normal, ein Leben lang in einem Unternehmen zu arbeiten. Man musste nicht so um seinen Arbeitsplatz kämpfen. Das ist heute nicht mehr so. Ich denke, man sollte sich deshalb immer weiterbilden. Ich kenne nämlich Leute, die sind gekündigt worden und arbeiten heute als Leiharbeiter auf dem gleichen Arbeitsplatz wie vorher. Leiharbeit ist menschenunwürdig. Das ist für mich moderne Sklaverei. n

arbeit und ausbildung

8,5% beträgt die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland

21,4% der Jugendlichen in der ­Europäischen Union sind arbeitslos

29,5% um diesen Anteil ist die Zahl der Studierenden in ­Deutschland in den letzten 20 Jahren gewachsen Quelle: eurostat, statistisches Bundesamt

kinder und Kindererziehung

13% der 18- bis 34-Jährigen haben Kinder

73% der Jugendlichen würden ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. 1985 waren es 53% Quelle: Shell Jugendstudie 2010, junge deutsche 2011


6  Titel

ansichten zur politik

68%

der 18- bis 34-Jährigen informieren sich regelmäßig ausführlich über Politik.

58%

der 18- bis 34-Jährigen sind mit der Demokratie in Deutschland unzufrieden.

86%

vorwärts 03/2012

die falken sind für mich ein stück lebensinhalt Fabian pfister (24) Falke, Magdeburg Zu den Falken kam ich mit 15 Jahren. Nachdem ich da zwei, drei Mal an Ferien­ lagern in den Sommerferien teilgenom­ men hatte, habe ich angefangen, selbst Seminare mitzugestalten, etwa Gedenk­ stättenfahrten oder Schulprojekttage. Anschließend habe ich sogar mein Frei­ williges Soziales Jahr bei den Falken ge­ macht und wurde 2006 in den Landes­ vorstand gewählt. Mittlerweile sind die Falken für mich ein Stück Lebensinhalt geworden. Es macht mich stolz, dass meine Arbeit hier geschätzt wird und ich die Interessen von Jugendlichen vertre­ ten kann. Mein Wunsch wäre es, später

der 18- bis 34-Jährigen meinen, dass die Bundes­ regierung die Interessen der jungen Generation nicht ausreichend vertritt.

einmal mein Hobby – die ehrenamtliche Arbeit bei den Falken – zum Beruf zu ma­ chen. Allerdings weiß ich selbst, dass der Arbeitsmarkt in diesem Bereich nicht so pralle ist. Mein größter Traum ist es, et­ was aufzubauen, was mit Menschen zu tun hat. Ich möchte gerne Strukturen in einem Verein oder einer Organisation schaffen, die auch in 20 oder 30 Jahren noch nachwirken. Jung sein bedeutet für mich, Chancen zu haben, etwa durch mein Engagement, aber auch vor Problemen zu stehen. Mich stört da vor allem die Kurzsichtigkeit in der Politik. Das Engagement der Falken in der Jugendarbeit wird zwar immer von Politikern gelobt, aber das sind nur Sonntagsreden. Seit Jahren gibt es Etat­ kürzungen. Um dagegen zu demonst­ rieren, haben wir auch schon einmal in Magdeburg den Domplatz besetzt. n

Für mich ist es wichtig, jetzt glücklich zu sein Ronja busse (22) zurzeit Model, Berlin

Quelle: junge deutsche 2011

Ich mache keine Pläne für die Zukunft. Mein Leben ist eher chaotisch. Ich habe schon vieles angefangen und wieder abgebrochen. Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich in meiner Kindheit kei­ nen ruhigen Bezugspunkt hatte. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich drei Jahre alt war. Als Kind habe ich mal hier, mal dort gelebt. Auch die Schulen habe ich häufiger gewechselt. Das war schön – und anstrengend zugleich. Heute sehe ich das gelassen: Alles Po­ sitive und Negative, das ich erlebt habe, hat mich schließlich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Aber damals

aussichten auf die zukunft

61%

der 15 bis 24-Jährigen blicken zuversichtlich in ihre persönliche Zukunft.

55%

der 15 bis 24-Jährigen sehen die Zukunft der Gesellschaft düster.

war der gesellschaftliche Druck schon groß. Ich habe mich lange als Versagerin gefühlt: weil ich in der Schule Schwie­ rigkeiten hatte und weil ich zwei Ausbil­ dungen abgebrochen habe, zur Kauffrau und zur Friseurin. Inzwischen schaue ich nicht mehr zurück. Für mich ist wichtig, jetzt glücklich zu sein. Berlin tut mir gut. Ich habe hier ganz tolle Menschen kennen gelernt und erlebe so viele schöne Sachen. Seit kurzem arbeite ich für eine CastingAgentur. Das hat sich spontan ergeben, als ich einen Kumpel dorthin begleitet habe. Jung sein bedeutet für mich genau das: Freiheit. Zeit haben, sich auszule­ ben, sich selbst finden zu können. Man ist einfach noch nicht so verkopft wie die Älteren. Ich hoffe, dass ich mir die­ ses Lebensgefühl auch für die Zukunft bewahren kann. n

vorwärts

Es ist unsere aufgabe, die zukunft zu verändern Justus moor (25) engagiert gegen Rechts, Hamm

App+

… Mehr lesen! Diktatur der Alten? Die Studie „Junge Deutsche“ verrät es.

Quelle: xxxx

110 Jahre Jugend – ein Interview mit Fred Grimm Deutschland vor dem Equal-Pay-Day Jetzt downloaden: vorwärts.de/app

Engagement braucht Öffentlichkeit. Das merke ich vor allem bei meiner Ar­ beit im „Haekelclub 590“, ein Bündnis gegen Rechts in Hamm. Erst als nach dem rechtsextremen Attentat in Nor­ wegen im Sommer 2011 die Öffentlich­ keit sensibilisiert für das Thema war, hat auch hier endlich die Lokalzeitung angefangen, über unsere Aktionen ge­ gen Neonazis zu berichten. Wie und was die Medien berichten, halte ich für wichtig. Bei Jugendlichen geht es zu oft nur um negative Aspekte. Als würden sich alle ins Koma saufen oder vor dem Computer sitzen. Es sind

viel mehr junge Menschen ehrenamt­ lich aktiv als man glaubt. Ich selbst bin mit 15 Jahren in die SPD eingetreten. Über mein politisches Engagement haben sich viele Dinge wie eben der „Haekelclub“ ergeben. Ich ha­ be das Gefühl, gerade weil ich jung bin, etwas machen zu müssen. Schließlich habe ich die Zukunft noch vor mir. Und ich habe noch den Freiraum, mir Zeit dafür zu nehmen. Ich bin einfach un­ gebundener als diejenigen, die bereits Kinder haben. Das merke ich auch in der Partei, da fehlen ganz viele im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Deshalb ist es gerade Auf­ gabe von jungen Menschen, diese Lücke zu füllen. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, neben dem Studium Zeit für Engagement zu finden. Ich finde, da muss die Politik unbedingt ran. n

FotoS: Dirk Bleicker

Quelle: Shell Jugendstudie 2010


Titel 7

03/2012 vorwärts

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»mehr wertschätzung« andreas deutinger Für die UNO hat er Meinungen von Jugendlichen gesammelt Interview: Kai Doering Sie sind bis vor wenigen Tagen einer von zwei deutschen UN-Jugend­ delegierten gewesen. Was muss man sich darunter vorstellen? UN-Jugenddelegierte sind das Sprachrohr der Jugendlichen des Landes, das sie vertreten. In Deutschland sind das etwa 22 Millionen. Wir bringen ihre Sichtweisen in die Verhandlungen der Vereinten Nationen ein, als offizielles Mitglied der deutschen Delegation bei der UN-Generalversammlung. Wir sprechen dabei nicht für die Bundesregierung, sondern vertreten die Jugendperspektive. Um ein möglichst breites Spektrum an Meinungen zu bekommen, versuchen wir vor der Versammlung mit möglichst vielen Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Dafür sind wir im vergangenen Jahr quer durch Deutschland gereist. Und was bewegt Deutschlands ­Jugend? Das mit Abstand häufigste Thema war Migration und das Zusammenleben der Kulturen. In unterschiedlichen Facetten ist es immer wieder während unserer Tour aufgetaucht. Die Forderung dabei ist klar: Nach Ansicht der Jugendlichen sollte die deutsche Gesellschaft offener sein. Ein zweites Themenfeld war der Bereich der nachhaltigen Entwicklung. Wir haben über fairen Handel diskutiert, den Klimawandel und die Globalisierung. Und schließlich war die politische Beteiligung von Jugendlichen immer wieder Thema. Worum ging es da konkret? Die Jugendlichen wollen vor allem mehr Verbindlichkeit und Wertschätzung. Häufig fühlen sie sich und ihre Bedürfnisse von der Politik nicht ernst genommen. Gerade die kommunale Ebene würde hier viele Chancen bieten. Leider beschränken sich dort politische Betei-

Die Jugend will lieber angeregt als unterrichtet sein.

«

Johann Wolfgang von Goethe, „Dichtung und Wahrheit“

Jugend in Deutschland

Vertreter der Jugend bei der UNO: Andreas Deutinger mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon

ligungsmöglichkeiten allerdings oft auf Alibi-Projekte. Überhaupt haben Jugendliche häufig das Gefühl, eigentlich nur dann wahrgenommen zu werden, wenn sie Probleme verursachen. Decken sich die Erfahrungen mit den Eindrücken aus anderen Ländern? Zum Teil schon. Manche Themen, wie zum Beispiel Bildung, werden in fast allen Ländern diskutiert. In Spanien oder Marokko spielt auch das Thema Jugendarbeitslosigkeit eine große Rolle. In Deutschland ist das zurzeit nicht die größte Sorge. Manche Probleme wirken auch ähnlich, stellen sich aber bei näherem Hinsehen als sehr unterschiedlich heraus. Die südkoreanische Delegation etwa hat in ihrem Statement den Ansatz der Jugendpartizipation sehr gelobt. Aber sie verstehen unter dem Begriff etwas komplett anderes. Uns geht es um politische Mitbestimmung – sie meinen Schüleraustausche und Planspiele.

Hat dieses sehr intensive Jahr Ihre Sicht auf die eigene ­Generation verändert? Interessant finde ich vor allem, wie vielfältig und unterschiedlich meine Generation ist. Ich habe auch eine deutliche Distanz zwischen verschiedenen Gruppen wahrgenommen. Beispielsweise ist Jugendlichen auf dem Gymnasium oft überhaupt nicht bewusst, in welcher Situation ihre Altersgenossen auf der Hauptschule sind. Es gibt einfach kaum Kontakt zwischen ihnen. Politikverdrossen sind Jugendliche dagegen überhaupt nicht. Jugendliche interessieren sich sehr für Politik. Aber ihnen fehlt das Vertrauen, dass Probleme auf den üblichen Wegen adäquat gelöst werden können. Sie sind unzufrieden mit dem politischen System und seinen Repräsentanten. Protestformen oder soziale Bewegungen sind da für sie attraktiver. n

»

Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleich­ denkenden ­höher zu achten, als den Anders­ denkenden.

«

Friedrich Nietzsche, „Morgenröte“

»

Alles was Spaß macht, hält jung. Curt Jürgens,

«

zu Georg Stefan Troller in „Pariser Gespräche 11“

Foto: un photo/eskinder debebe

Jugend und Wissenschaft Dirk Villanyi, geb. 1973

Klaus Hurrelmann, geb. 1944

Thomas Gensicke, geb. 1962

Soziologe

Sozialforscher

Jugendforscher

Der überwiegenden Zahl von Heranwachsenden in unserem Land gehe es einfach „zu“ gut, um sich über die zunehmende und zum Teil selbst erfahrene Ungerechtigkeit aufzuregen oder aktiv etwas dagegen zu unternehmen. Villanyi fragt sich jeden Tag aufs Neue, warum es trotz gigantischer Staatsverschuldung und steigender Rentenlasten keinen Aufstand gegen die „saturierten Alten“ gibt. n

Dass Jugendliche sich von den großen etablierten Parteien abwenden, sei Ausdruck einer „stillen Empörung“. Sie glaubten, dass eine in sich geschlossenene „Politikmaschinerie“ am Werk sei, in die man nicht hineinkommt – und auch gar nicht hineinkommen soll. Die Jugendlichen hätten ein fast „archaisches Freiheitsgefühl“, so Hurrelmann, das sich vor allem auf die Freiheit im Netz beziehe. n

Er beschreibt die heutige Jugendgeneration als leistungsorientiert und illu­sionslos. Sie strebe nach Sicherheit und Berechenbarkeit; sie wolle nicht noch mehr „Laissez Faire“, sondern Ordnung und Struktur. Diese „pragmatische Generation“ könne aber bald von einer Generation mit idealistischeren und gesellschaftsorientierten Werten sowie neuen politischen Ausdrucksformen abgelöst werden. n

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Die Forscher-Interviews lesen Sie in unserer App und auf vorwärts.de/jugend


8  Titel

vorwärts 03/2012

Jugend in Deutschland

»auf der Bremse« JugendPolitik Junge Menschen sind die Zukunft des Landes. Aber Schwarz-Gelb spart Von Susanne Dohrn

BuchTipps

keine jubeltruppe jusos Die SPD muss ihren Jugendverband ernster nehmen Von Sascha Vogt Seit ich bei den Jusos bin, läuft mir der Begriff der „kritischen Solidarität“ als Beschreibung des Verhältnisses von Jusos und SPD über den Weg. Er soll zum Ausdruck bringen, dass Jusos sich in einer doppelten Rolle sehen. Natürlich sind sie der Jugendverband der SPD. Aber sie sind auch ein eigenständig denkender, linker Verband. Klar, das ist ein Spannungsverhältnis. Aber ein für beide Seiten produktives. Linke junge Menschen, die sich engagieren wollen, sehen sich ungern in der Rolle der plakatklebenden Jubeltruppe. Und sie wollen einen Verband, der sich auch zu den „großen Themen“ äußert und positioniert. Das mag die Parteiführung auch mal ärgern. Andererseits braucht die Partei auch einen Jugendverband, der die Sozialdemokratie in der jüngeren Generation verankert. Aber gerade an der Beziehung der SPD zu jungen Menschen hapert es in den vergangenen Jahren erheblich, wie ihr schlechtes Abschneiden bei Wahlen bei Jüngeren zeigt.

Politischer Wille ist gefragt Das liegt maßgeblich an zwei Problemen: Erstens reicht es nicht aus, wenn sich nur der Jugendverband mit den für junge Menschen wichtigen Problemen auseinandersetzt. Es ist auch erforderlich, dass die SPD, insbesondere bei diesen Themen, auf den eigenen Jugendverband hört. Zweitens ist es für junge Menschen manchmal schwierig, in der SPD in Positionen zu kommen. Viel zu oft ist ein Engagement bei den Jusos für den Aufstieg in der Partei eher hinderlich als förderlich, schränkt es doch die Zeit für die klassische „Ochsentour“ ein. Junge Menschen wollen aber, dass ihre Probleme auch von Vertretern ihrer Generation bearbeitet werden. Um das zu ändern braucht man keine neuen Quoten, sondern politischen Willen, die herkömmliche Personalrekrutierung auch mal außer Kraft zu setzen. n Der Juso-Kongress „Gerecht für alle“ findet vom 18. bis 20. Mai im Willy-Brandt-Haus statt. Weitere Infos: gerecht-für-alle.de

Junge Menschen sehen die Welt nüchtern und realistisch, hat Julia Friedrichs beobachtet. Sie hat deshalb Menschen besucht, die hartnäckig daran arbeiten, ihre Ideale zu verwirklichen. Julia Friedrichs Ideale Verlag Hoffmann und Campe 2011, 267 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-455-50187-2 Politik überlässt die Generation Facebook gerne anderen. Meredith Haaf kritisiert die Luxusprobleme ihrer Altersgenossen und fordert sie auf, endlich Verantwortung zu übernehmen. Meredith Haaf heult doch Piper Verlag 2011, 234 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-492-25951-4 Junge Menschen haben alle Möglichkeiten – und Risiken. Nina Pauer beschreibt eine Generation, die geplagt wird von der Angst, sich ihre Zukunft durch falsche Entscheidungen zu verspielen. Nina Pauer Wir haben keine angst Fischer Verlag 2011, 198 Seiten, 13,95 Euro, ISBN 978-3-10-060614-3 Ob Castor-Demo oder Klimagipfel: Überall sind junge Menschen dabei, die die Zerstörung der Umwelt nicht einfach hinnehmen. Daniel Boese hat sie getroffen. Daniel Boese wir sind jung und brauchen die welt oekom Verlag 2011, 227  Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-86581-252-0 Rezensionen vorwärts.de/junge_bücher Weiterlesen missy-magazine.de tonic-magazin.de fluter.de maedchenmannschaft.net

Kinder und Jugendliche brauchen Freiräume. Die SPD will sie ihnen verschaffen.

S

ie reisen mehr als frühere Generationen, sie gehen als Schüler oder Studenten ins Ausland. Jugendliche haben heute viele Möglichkeiten. Gleichzeitig ist der Leistungsdruck in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt gewachsen. Und einige Jugendliche kommen aus Familien, die sich vieles nicht leisten können oder sogar in Armut leben. So schildert Caren Marks, jugendpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, die Situation. Das stellt eine Jugendpolitik, die der Chancengleichheit verpflichtet ist, vor Herausforderungen. Die beginnen in den Kommunen. „Kitas, Schulen, Jugendarbeit und Jugendhilfe – das alles gibt es nicht zum Nulltarif“, sagt Marks. Deshalb hat die SPD ein Steuerkonzept vorgelegt, mit dem Kommunen besser unterstützt werden sollen. Deshalb ist die SPD gegen Steuersenkungen und hat im Bundestag die Kürzungen beim Programm „Soziale Stadt“ abgelehnt. Deshalb fordert die SPD ein Schulsystem, in dem Kinder und Jugendliche so lange wie möglich gemeinsam und voneinander lernen. Marks: „So können wir es schaffen, dass Jugendliche mehr Chancen bekommen.“

Geld für Praktikanten Um den Übergang von der Schule in die Ausbildung zu erleichtern, fordert die SPD ein Recht auf Ausbildung. „Wir dürfen keinen jungen Menschen zurücklassen“, sagt Caren Marks. Wer keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommt, soll durch ein öffentlich gefördertes Angebot ausgebildet werden.“ Die SPD hat auch Vorschläge gemacht, wie Praktika strenger geregelt werden und fordert

eine Mindestvergütung von 350 Euro im Monat. „Die jetzige Bundesregierung steht hier auf der Bremse bzw. dreht bei Fördermaßnahmen für jugendliche Arbeitslose den Geldhahn zu. Das ist eine falsche Politik.“

Experten in eigener Sache Weil sich in manchen Regionen Rechtsextreme breit gemacht hätten, müssten Initiativen gegen Rechtsextremismus und für Demokratie besser unterstützt werden, fordert Marks. „Rechtsextremismus ist dort stark, wo die Zivilgesellschaft schwach ist.“ Es sei ein Riesenfehler der schwarz-gelben Bundesregierung gewesen, bei der politischen Bildung zu kürzen. Außerdem spricht sich die Bundestagsabgeordnete für Jugendparlamente aus: „Jugendliche sind Expertinnen und Experten in eigener Sache und sie haben Rechte. Eine gute Jugendpolitik muss deshalb zuallererst nach den Bedürfnissen der Jugendlichen fragen und sie einbinden.“ Mit Sorge sieht sie, dass Schule und Ausbildung jungen Menschen kaum noch Zeit für darüber hinausgehende Aktivitäten lasse. „Jugendliche brauchen Freiräume für Engagement“, sagt Marks. Ob in Jugendfreiwilligendiensten oder Sport- und Jugendverbänden. Die SPD will deshalb diese Strukturen weiter fördern und stärken. Von der Union sei in dieser Hinsicht nicht viel zu erwarten. Marks kritisiert, dass Bundesjugendministerin Kristina Schröder (CDU) sich nicht ausreichend für die Interessen junger Menschen einsetze: „Wir brauchen endlich wieder ein Jugendministerium, das seinen Namen auch verdient!“ n

Fotos: marco urban, andreas teichmann/laif

Nicht nur Beiwerk: die Jusos im Wahlkampf 2009

Die Frage nach seinem Glauben beantwortet jeder individuell. Martin Dreyer zeigt, welche Bedeutung der Glaube auch für junge Menschen hat. Martin Dreyer Woran glaube ich? Verlag Beltz & Gelberg 2012, 235 Seiten, 17,95 Euro, ISBN 978-3-407-75356-4


Titel 9

03/2012 vorwärts

Ihr nervt! Alte versus Junge: Der Konflikt scheint so alt wie die Menschheit: Die Jugend nervt, ist unengagiert und so ganz anders, als die Alten früher waren. Die wiederum wissen alles besser, dabei hatten sie es doch auch viel leichter. Oder? Ein nicht nur ernster Briefwechsel der Generationen

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Liebe Junge, hört auf zu jammern und mischt euch ein!

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ie 68er sind an allem schuld!“ Das war einmal. Jetzt wird die gesamte ältere Generation in Haftung genommen. Ein „Aufstand der Jungen“ stehe bevor, heißt es. „Nur zu!“ möchte man ermuntern. „Kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz, keine sichere Rente, ein geplünderter Planet“, lauten die Klagen. Der Befund mag zutreffend sein, das Feindbild ist arg allgemein: die Alten. So klagt eine junge Frau, sie gehe zwar noch zur Wahl, „aber gegen die ganzen Rentner komme ich doch sowieso nicht an“. – Das klingt nicht nach Aufstand, eher nach Larmoyanz und ­Resignation. Das ZDF erklärte gar die Jungen zu „Verlierern der Gesellschaft“, die „die immer schwerer wiegende Last, die ihnen der demografische Wandel aufgebürdet hat, nicht mehr schultern können“. Der

demografische Wandel? Eine falsche Politik! Die Erosion der Sozialsysteme etwa ist weniger die Folge des demografischen Wandels als dieser falschen Politik: Wer den Niedriglohnsektor und die Leiharbeit wuchern lässt, nimmt leere Sozialkassen in Kauf. Und natürlich belastet die Rettung der Banken mit Steuermitteln die junge Generation, weil eine falsche Politik auf die Selbstregulierung der Finanzmärkte vertraute. Mit dem demografischen Wandel haben weder die Spekulationsblase noch der Bankenrettungsschirm das Geringste zu tun. Im Gegenteil: Die Zocker auf den Finanzmärkten waren keineswegs nur Greise, sondern smarte Finanzjongleure in den Zwanzigern und Dreißigern. Eine gerechtere Einkommensverteilung, Sicherung der Sozialsysteme, bessere Bildung, Umweltschutz, Bekämp-

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fung des Hungers in der Welt – es gibt noch viel zu tun. Da wäre ein Aufstand der Jungen notwendig. Denn es ist eure Welt, um die es dabei geht. Kämpfen solltet ihr allerdings nicht in einem Generationenkrieg, sondern um eine andere Politik. Da braucht es Bündnispartner und Mitstreiter, zumal, wenn man schon zahlenmäßig im Hintertreffen ist. Diese Mitstreiter würden die Jungen vielfach bei den Alten finden. Denn auch die haben Kinder und Enkel. Konfliktfrei wird es dabei nicht abgehen – allerdings auch nicht in der jungen Generation selbst. Willy Brandt – er wäre im nächsten Jahr hundert geworden – hat den Leitsatz geprägt: „Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen.“ – Kämpfen, nicht lamentieren! Also, hört auf zu jammern und mischt euch ein! n

Die Alten Werner Loewe, geb. 1941, war vorwärts-Verlagschef sowie Landesgeschäftsführer der SPD Hamburg.

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Liebe Alte, wir brauchen eure Zeit, eure Macht, euer Geld! – Wir brauchen euch!

Fotos: Dirk Bleicker, privat

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entner und ihre politischen Funktionäre sprechen gern darüber, was die Gesellschaft ihnen schuldet. Selten wird darüber gesprochen, was die Alten uns schulden. Von einer wohlhabenden und zahlreichen Altengeneration können wir erwarten, dass sie mehr an uns Junge abgibt. Und zwar nicht nur an die eigenen Enkelkinder. Um das Land enkeltauglich zu machen, brauchen wir Jungen einen Bündnispartner: Liebe Alte, wir brauchen euch! Wir brauchen eure Macht. Denn ihr seid viele. Geht mit uns auf die Straße. Lernt bewussten Konsum. Geht wählen und abstimmen. Kreuzt nicht an, was ihr immer angekreuzt habt, sondern versetzt euch in die Lage eures Ur-Ur-Enkels und fragt euch, was aus dessen Sicht vermutlich am besten wäre. Wir brauchen eure offenen Ohren. Gesteht euch ein: Ihr habt keine Ahnung.

Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße mehr. Heute müssen auch die Eltern von den Kindern lernen. Lasst uns in Ruhe mit eurer Besserwisserei! Hört auf mit den leidigen Appellen, wir sollten endlich Kinder kriegen, mit eurem Gelaber über die angebliche Politikverdrossenheit der verwöhnten Jugend von heute. Und: Versucht erst gar nicht, uns weiszumachen, ihr würdet euch im Internet auskennen. Wir brauchen eure Zeit. Denn ihr habt viel davon. Mit professionellen Dienstleistern allein werden wir weder für Kranke und Pflegebedürftige noch für die Kinder ein Rundum-Sorglos-Paket anbieten können. Wir brauchen zukünftig eine engagierte Bürgergesellschaft, in der die Menschen füreinander da sind. Doch ohne einen produktiven Unruhestand der Alten ist eine solche Bürgergesellschaft nicht vorstellbar.

Wir brauchen euer Geld. Klar: Nicht alle Alten leben wie die Made im Speck. Aber unter euch gibt es mehr wohlsituierte Vermögende als arme Witwen. Ihr seid die reichste Generation in unserem Land. Gebt einen Teil an die Gesellschaft zurück, als Zukunftssoli für Kinderbetreuung und Bildung. Denn: Wir sind jung und brauchen das Geld. Als Deutschland jung war, wurde die soziale Sicherung für die Alten ausgebaut. Jetzt, da Deutschland alt wird, sind es die Kinder und Jugendlichen, die Unterstützung brauchen. Der vielbeschworene Generationenvertrag darf nicht in pharisäischen Sonntagsreden verkümmern. Die Alten sind viele, sie sind reich und haben das Sagen. Sie haben die Gesellschaft so gemacht, wie sie heute ist. Daher müssen sie Verantwortung übernehmen. Und die Welt ein bisschen besser hinterlassen. n

die jungen Wolfgang Gründinger, geb. 1984, ist Sozialwissenschaftler, Jugend-Lobbyist und Autor („Aufstand der Jungen“)


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vorwärts 03/2012

Herzlichen Glückwunsch

angebote auf spd.de

ACTA zu den akten Vier Buchstaben bewegen die Welt. ACTA, das Abkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie, treibt die Menschen zum Protest auf die Straße. „Die Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen darf nicht so weit gehen, dass jede Bewegung und Kommunikation im Internet überwachbar wird und jeder Nutzer von Musik- und Videodateien grundsätzlich unter Generalverdacht steht“, sagt Lars Klingbeil. Im Interview mit vorwärts. de kritisiert der Netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion besonders „die mangelnde Transparenz und die Tatsache, dass ACTA weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde“. Der vielfältige Protest freut Klingbeil. „Ich hoffe, dass er dazu führt, dass noch einmal offen über das Abkommen diskutiert wird.“ Dies scheint sich zu erfüllen: Die EU-Kommission hat inzwischen den Europäischen Gerichtshof gebeten, ACTA zu überprüfen. n KD vorwärts.de/acta

Global gedacht Anni Brandt-Elsweier ehem. MdB Bodo Teichmann ehem. MdB zum 80. Geburtstag

von Rafael Seligmann

Hermann Oetting ehem. MdB Antje-Marie Steen ehem. MdB Xaver Wolf ehem. Bezirksvorsitzender Niederbayern-Oberpfalz zum 75. Geburtstag Klaus Buß ehem. Minister in Schleswig-Holstein Peter Friedrich ehem. MdB Claus Möller ehem. Minister in Schleswig-Holstein Gerd Schuchardt ehem. Minister in Thüringen Monika Wulf-Mathies ehem. EU-Kommissarin zum 70. Geburtstag

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Klein ist besser als groß. Größe verführt zu Intransparenz und Verschuldung. Der Staat muss sparen. Demokratie und Parteienwettbewerb leiden darunter. Rainer Hank analysiert die Gründe der Schuldenkrise und zeigt mögliche Auswege: Dezentralisierung, andere Steuermodelle, mehr direkte Demokratie im Verbund mit einer Stärkung föderaler Strukturen. Leseprobe unter www.blessing-verlag.de 448 Seiten | D 19,95 [D] Gebunden mit Schutzumschlag

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09.02.12 11:47

Vor vier Jahren hatte die Hoffnung weltweit einen Namen: Barack Obama. Er stand für den Wechsel. Weg vom beharrenden, moralisierenden, kriegsfreudigen, sozial kalten Amerika, das Millionen ohne Krankenversicherung dahinvegetieren ließ. Kurz, das selbstgerechte Land George W. Bushs. Obama dagegen verkörperte den Aufbruch. Allenthalben, besonders in Deutschland, wurde der junge Demokrat bejubelt. Doch im Wahlkampf zeigte sich Obamas Opportunismus. Um seinen „Patriotismus“ unter Beweis zu stellen, heftete sich der Kandidat eine US-Fahne ans Revers und warb für einen „gerechten Krieg“ in Afghanistan. Als Präsident weitete Obama den militärischen Einsatz am Hindukusch aus. Das bedeutete: Mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung, mehr gefallene Soldaten, mehr Geld für den Krieg und damit höhere Schulden. Im israelisch-arabischen Konflikt wollte Obama als Friedensstifter wirken. Zunächst hofierte er Mubarak und andere Diktatoren und Monarchen. Das Israel Netanjahus ließ der Präsident rechts liegen, obgleich er vor den Wahlen dort um jüdische US-Stimmen geworben hatte. So verliert man seine Glaubwürdigkeit – auch in der islamischen Welt, wo Obama erst im letzten Moment aufs Trittbrett der arabischen Revolution aufsprang. Erst jetzt, knapp vor den November-Wahlen und der Einsatzfähigkeit der iranischen Atomwaffen, setzt Washington harte Sanktionen gegen Teheran durch. Es könnte zu spät sein. Innenpolitisch verliert Obama ebenfalls Ansehen. Er hat die Gesundheitsreform durchgesetzt. Doch seine Schuldenpolitik lässt für deren Realisierung kaum Mittel übrig. Dem Präsidenten gelang es nicht, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Statt sich auf die Sozialpolitik zu konzentrieren, macht Obama, was er seit je am besten kann: Er sammelt Geld für seinen Wahlkampf. Eine Milliarde Dollar will er dafür anhäufen – weit mehr Geld als alle republikanischen Kandidaten zusammen. Da wirtschaftliche Motive am Ende die Wahlen entscheiden, könnte sich die enttäuschte Mehrheit schließlich von Obama abwenden – Mitt Romney ist ein unverstellter Kapitalist, der aber auch Gesundheitsreform kann: Als Gouverneur von Massachusetts setzte er eine verpflichtende Gesundheitsversicherung durch. n

Eine SPD-Mitgliedschaft lohnt sich – sogar in mehrfacher Hinsicht. Verschiedene Unternehmen wie der SPDReiseservice, der Automobilclub Europa (ACE) und das Ferienwerk der IG BAU bieten Sozialdemokraten besondere Konditionen. Sie können im Mitgliederbereich auf spd.de abgerufen werden. Hier stehen auch die neue Fassung des SPD-Organisationsstatuts sowie das Beschlussbuch des Bundesparteitags zum Download bereit. n KD spd-link.de/statut spd-link.de/beschluesse2011

nicht freundlich Die Mehrheit der Deutschen hält ihr Land für familienunfreundlich. Zu diesem Ergebnis kommt das aktuelle „Sozialbarometer“ der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Demnach stufen 55 Prozent der 1000 Befragten Deutschland als „nicht familienfreundlich“ ein. „Alle zusammen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für Familien in Deutschland verbessert werden“, fordert deshalb der AWO-Vorsitzende Wolfgang Stadler. Mangelnde Angebote für Familien stünden weiter in großem Kontrast zu der grundlegenden Bedeutung der Institution Familie in der Bevölkerung. n KD

Kinder haben bei uns einen schweren Stand.

pirat in angst „Ihre Ansätze für echte innerparteiliche Demokratie begeisterten mich sofort.“ So hatte Sebastian Jabbusch in der November-Ausgabe des „vorwärts“ seinen Wechsel von der SPD zur Piratenpartei begründet. Jetzt hat deren Berliner Landesverband – in nichtöffentlicher Sitzung – ein Parteiausschlussverfahren gegen Jabbusch eingeleitet. Auslöser ist ein offener Brief, in dem der Autor u.a. innerparteilich „ein Klima der Angst“ beklagt. Jabbusch selbst findet den Vorstoß „beschämend, verletzend und erniedrigend“. n KD

Fotos: dpa, imago/Felix Jason

www.vorwärts.de


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der februar in zitaten

Fotos: Ministerium für Integration Baden-Württemberg, Deutscher Bundestag/H.J. Müller

ministerin am herd Normalerweise trifft man eine Ministerin Dienstagmittag eher selten am Herd – außer es ist Gastronomie-Messe und der deutsche Hotel- und Gaststättenverband lädt zum Promi-Kochen. Und so plauderte Baden-Württembergs Integrationsministerin Bilkay Öney auf der „Integastra“ über die Chancen von Migranten im Gastronomiegewerbe während sie gefüllte Paprika zubereitete – natürlich grüne und rote. Als Nachtisch gab es Mango mit Joghurt und weißer Schokosauce. Klar, dass ein knappes Jahr nach der Regierungsübernahme auch die grün-rote Koalition ein Küchen-Thema war. Öneys knappe Antwort: „Wir lieben uns.“ Es war ja auch Valentinstag. n KD

Berliner Tagebuch Notiert von Uwe Knüpfer

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Ein Stück politische Genugtuung.

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Theo Steegmann,

Sprecher der Bürgerinitiative „Neuanfang für Duisburg“, zur Abwahl von Adolf Sauer­ land

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Ich fühle Freundschaft für sie.

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Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident, im gemeinsamen FernsehInterview über Angela Merkel Paprika zum Valentinstag: Bilkay Öney (r.) beim Promi-Kochen ANZEIGE

Der SPD-Landesverband Berlin sucht zum 1. Juli 2012

EINE LANDESGESCHÄFTSFÜHRERIN/ EINEN LANDESGESCHÄFTSFÜHRER. Der Landesgeschäftsführerin/dem Landesgeschäftsführer obliegen im Einvernehmen mit dem Geschäftsführenden Landesvorstand die wirtschaftliche und organisatorische Führung des SPD-Landesverbands Berlin sowie die Personalhoheit für die hauptamtlich Beschäftigten in der Landesgeschäftsstelle und in den zwölf SPD-Kreisen. Interessentinnen und Interessenten sollten über entsprechende Leitungserfahrung verfügen und in der politischen Arbeit der SPD verwurzelt sein. Eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie mehrjährige Berufserfahrung sind erwünscht. Ferner wird die Bereitschaft erwartet, die Leitung des Berliner Wahlkampfs zur Bundestagswahl 2013 zu übernehmen. Bewerbungen von Frauen sind ausdrücklich erwünscht. Die Landesgeschäftsführerin/der Landesgeschäftsführer wird befristet für jeweils zwei Jahre durch Wahl im Landesvorstand der SPD bestellt. Die Vergütung erfolgt außertariflich. Bewerbungen sind bis zum 16. März 2012 an den Landesvorsitzenden der Berliner SPD, Herrn Michael Müller, zu richten. SPD-LANDESVERBAND BERLIN | KURT-SCHUMACHER-HAUS MÜLLERSTRASSE 163 | 13353 BERLIN

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Drei Fragen an dagmar ziegler Ende vergangenen Jahres haben Sie parteiübergreifend die „Berliner ­Erklärung“ ins Leben gerufen. Darin fordern sie 30 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten börsennotierter und öffentlicher Unternehmen. Warum? Wir haben lange genug auf die Freiwilligkeit der Unternehmen gesetzt. Das hat leider so gut wie nichts gebracht. Die Betriebe hätten in den vergangenen Jahren viel mehr in die Wege leiten müssen, um bei der Frauenbeteiligung weiter zu kommen. Allerdings sehen nur wenige Bedarf für mehr Frauen in Führungs­ positionen. Deshalb geht es nur über eine gesetzliche Quote. Die mindestens 30 Prozent sind ein parteiübergreifender Konsens, mit dem sich auch Vertreterinnen der CDU und der FDP anfreunden können. Die Forderung beinhaltet aber auch alles, was darüber liegt. Deshalb fordern wir als SPD weiter mindestens 40 Prozent Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen. Sie wollen die „Berliner Erklärung“ der Bundeskanzlerin im Frühjahr als Petition überreichen. Warum bringen Sie nicht fraktionsübergreifend einen Gesetzentwurf ein? Weil nicht sicher wäre, dass wir tatsächlich eine Mehrheit hätten. Solange die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und FDP eine gesetzliche Quote ablehnen, müssen wir davon ausgehen, dass ein solcher Antrag abgelehnt würde. Außerdem drängt die Zeit. 2013 werden viele Aufsichtsräte neu gewählt. Wir hoffen, dass Angela Merkel auch Einfluss nimmt auf ihre Koalition. Bisher ist sie leider bei dem Thema weder zu sehen noch zu hören. Wie haben eigentlich die Männer auf den Vorstoß reagiert? Ausschließlich positiv. Viele der mittlerweile knapp 12 000 Unterzeichner sind Männer. Das ist uns auch wichtig: Bei uns kann jede und jeder unterschreiben, dem an einer Quote für Aufsichtsräte gelegen ist. n KD/JJ Dagmar Ziegler ist stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Die Berliner Erklärung kann im Internet unterschrieben werden: berlinererklaerung.de

15.02.12 12:32

Angela Merkel hat, ja, tatsächlich, eine gute Rede gehalten. Leider kam sie ein paar Jahrzehnte zu spät. „Wann immer Menschen in unserem Land ausgegrenzt, bedroht, verfolgt werden, verletzt das ... die Werte unseres Grundgesetzes“, stellte die Bundeskanzlerin bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremer Gewalt fest. Ja, so ist es. Deshalb verletzt der amtliche Umgang mit Asylbewerbern, mit Flüchtlingen, mit türkischen Visabewerbern unser Grundgesetz.Deshalb verletzen Unionspolitiker das Grundgesetz immer wieder mit Worten und unterlassenen Taten. „In unserem Land, in meinem Land, muss sich jeder frei entfalten können. Unabhängig von Nationalität, Migrationshintergrund, Hautfarbe, Religion, Behinderung, Gechlecht oder sexueller Orientierung.“ Das waren, am selben Ort, Worte nicht der Kanzlerin, sondern von Semiya Simsek, Tochter des von Neonazis ermordeten Enver Simsek. Bürgerin Simsek mahnte: „Lasst uns nicht die ­Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht.“ Wie sich feinfühlige, in Deutschland hart arbeitende und bestens integrierte Menschen griechischer Herkunft derzeit fühlen, wenn regierungsamtlich über Südländer gewettert wird, schilderte der Politikwissenschaftler Kostas Dimakopoulos während einer vom British Council und der Zeitschrift „Novo Argumente“ organisierten Diskussioin über „Europa ohne Europäer?“ Mit einem Wort: mies. Treffender: miesgemacht. Da lag die Veranstaltung, die Berlin im Februar wirklich bewegte, schon hinter uns: die Berlinale. Leibhaftige, ehemalige und künftige Minister können unbeachtet Hauptstadtstraßen überqueren – aber kaum fliegt ein Leinwandstar ein, kreischt nicht nur der Boulevard. Berlin jubelt keinen Königen (mehr) zu, dafür himmelt es Schauspieler an. Die müssen nichts rechtfertigen, gar verantworten. Sie müssen, wie ­Monarchen, einfach nur lächeln, und das Publikum ist hingerissen. Berlins erogene Zone liegt nicht Unter den L­ inden, sondern in Babelsberg. Deshalb war Eingeweihten klar, dass Christian Wulff nicht mehr lange Bundespräsident würde sein können, als zu seinem Empfang für Filmschaffende nur kam, wer unbedingt kommen musste. Es war peinlich geworden, sich mit dem Inhaber des höchsten Amtes unseres Staates sehen zu lassen. Das immerhin wird sich bald zum Besseren wenden. Angela Merkel hat Joachim Gauck nicht mehr verhindern können. n


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Stationen

Ohne wenn und Aber Für die Freiheit Bundespräsident Warum Joachim Gauck unser Staatsoberhaupt werden wird Von Lars Haferkamp

D Joachim Gauck 1940 Geburt am 24. Januar in Rostock 1958-65 Studium der evangelischen Theologie in Rostock 1967-89 Pastor in Mecklenburg 1990 Abgeordneter der DDR-Volkskammer für das Neue Forum 1990-2000 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen 2003 Vorsitzender von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ 2010 + 2012 Kandidat der SPD für das Amt des Bundespräsidenten

as dürfte Joachim Gauck selbst nicht geahnt haben: wie schnell sein Appell auf dem SPD-Parteitag 2010 Wirklichkeit wurde. „Immer wieder einmal brauchen wir den Mut, von unseren eigenen Parteiinteressen abzusehen, weil die Interessen des Ganzen es erfordern“, rief er den SPD-Delegierten zu. Nur eineinhalb Jahre später machte die SPD-Spitze genau das. Und zwar zum zweiten Mal. Sie stellte, wie schon 2010, die Parteiinteressen hinter das Wohl des Landes und kämpfte für den überparteilichen Kandidaten Joachim Gauck. Im zweiten Anlauf mit Erfolg. Erst das Land, dann die Partei – nach diesem Motto handelte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Von der CDU wurden laut Gabriel sogar „gestandene Sozialdemokraten“ als Präsidentschaftskandidaten ins Gespräch gebracht, nur um Gauck zu verhindern. In der Presse war von Henning Voscherau und Klaus von Dohnanyi zu lesen. Doch Gabriel suchte keinen parteitaktischen Vorteil. Er blieb bei seinem überparteilichen Vorschlag. Ganz anders Angela Merkel. Sie betrieb Parteitaktik. Eine Politik, die ihr selbst und ihrer Partei nutzen sollte, aber nicht dem Land. Das widerlegt die immer wieder vorgebrachte Behauptung, Merkel schwebe als „präsidiale Kanzlerin“ über dem Parteienstreit. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Das galt für die

Durchsetzung der CDU-Männer Horst Köhler und Christian Wulff genau so wie für die versuchte Verhinderung des Parteilosen Joachim Gauck. „Keinesfalls“, so Merkel, komme Gauck in Frage, er sei „nicht durchsetzbar in der Union“. Als ihr Widerstand vergeblich war, soll Merkel im Kanzleramt „geschrien und getobt haben“, so das Hamburger Abendblatt. „Selten habe man sie so fassungslos gesehen, sagen später welche, die sie gut kennen.“ Umso schwerer wiegt nun Merkels Niederlage als CDU-Chefin. „Ich bin sicher, dass inzwischen alle die nicht erfolgte Wahl von Gauck vor zwei Jahren bedauern“, sagt Sigmar Gabriel. „Wir freuen uns, dass die Regierungskoalition diesen Fehler jetzt revidieren will.“

Unfreiheit erlebt und erlitten Die SPD und Gauck verbindet vor allem die Freiheitsliebe. Freiheit ist Gaucks Thema, hat er doch ein halbes Jahrhundert Unfreiheit erlebt und erlitten. Niemand schätzt die Freiheit mehr, als der, der sie entbehren muss. Den Sturz der SED-Diktatur 1989/90 nennt er die prägende Zeit seines Lebens. In seiner Rede „Freiheit – Verantwortung – Gemeinsinn“ im Juni 2010 erklärte Gauck: „Die Freiheit, die wir bejahen, bindet sich an das Gemeinwohl. Sie akzeptiert eine Ratio des sozialen Ausgleichs und nimmt den besser Gestell-

Kein hohles Pathos Der SPD-Chef nennt „zwei ganz wichtige Gründe“, warum sich die Partei für Gauck entschieden hat. Das sind zuerst Gaucks überzeugende und bewegende Reden zur Freiheit. „Bei ihm ist es eben kein hohles Pathos, wenn er von der Schönheit der Freiheit spricht.“ Zweitens lobt Gabriel, dass Gauck für Engagement in der Demokratie und ihren Parteien wirbt. Die SPD setzt darauf, dass ein Bundespräsident Gauck die Kluft zwischen Bevölkerung und Politik wieder ein bisschen schließen kann. Die Kluft, die Merkels Präsidenten immer größer machten: Köhler als er das Amt wegwarf, Wulff als er das Amt entwürdigte. Kritik, Gauck vertrete nicht in allen Punkten die Ziele der Sozialdemokratie, kann Gabriel nicht verstehen. Die SPD habe schon 2010 gesagt, „wenn man jemanden wünscht, der nur die Parteilinien wiedergibt, dann ist Joachim Gauck der Falsche“. Selbstverständlich werde es zwischen Gauck und der SPD in manchen Fragen auch zu Kontroversen kommen. Die Schwerinerin Manuela Schwesig kennt den Rostocker Joachim Gauck seit Jahren. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende hat „auch als junger Mensch erlebt, dass er sehr offen für die Argumente und Ansichten der jungen Generation ist.“ Schwesig erwartet, dass Gauck ein Präsident der Bürger wird. „Er wird jemand sein, der die Herzen der Menschen erreicht.“ Das wäre ein Segen für unser Land. Besonders nach dem, was uns in den letzten Monaten aus dem Schloss Bellevue zugemutet wurde. n

Foto: Goetz Schleser / imagetrust

Joachim Gauck, hier vor Mauerresten in Berlin: Niemand schätzt die Freiheit mehr, als der, der sie lange entbehren musste.

ten, um es den schlechter Gestellten zu geben.“ Das ist exakt die Freiheit, die die Sozialdemokratie meint. Seit 150 Jahren. Im vorwärts-Buch „Die Kraft einer großen Idee“ schreibt Sigmar Gabriel: „Für die SPD gilt: Wir sind und bleiben die Partei der Freiheit.“ Willy Brandt hinterließ der SPD in seiner letzten Rede als Parteivorsitzender dieses Vermächtnis: „Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit.“ Die Grundwerte der SPD sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – genau in dieser Reihenfolge. „Freiheit steht nicht zufällig am Anfang der sozialdemokratischen Wertetrias. Sie ist die Voraussetzung jeglichen zivilisierten Zusammenlebens.“ So formuliert es die SPD-Grundwertekommission. Auch Joachim Gaucks Terminus „Freiheit in Verantwortung“ entspricht dem sozialdemokratischen Freiheitsbegriff. Sigmar Gabriel bringt das auf den Punkt: „Tatsächlich gehören individuelle Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung zusammen, ja sie bedingen einander.“


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Partei leben! inhalt geburtstag Egon Bahr wird 90. Eine Würdigung durch Richard von Weizsäcker

Chefsache

Fotos: Dirk bleicker, Hendrik Rauch (2)

Andrea Direkt! Warum möchte die SPD keinen Wahl­ kampf gegen Angela Merkel führen? Weil wir für unsere politischen Inhalte Wahlkampf führen und nicht gegen eine Person anrennen wollen. Für die Zukunft Deutschlands sind die Finanzmärkte eine große Gefahr und deshalb ein Gegner. Trotzdem werden wir ­u nsere politische Konkurrenz in der Auseinandersetzung nicht schonen und ganz sicher auch Angela Merkel und ihre Versäumnisse ins Visier nehmen. Sie ist schließlich nicht nur Bundeskanzlerin, sondern auch die Vorsitzende der CDU. Wird die SPD in den französischen Prä­ sidentschaftswahlkampf eingreifen? Ja, wir werden unsere sozialistischen Freundinnen und Freunde in Frankreich unterstützen. Wenn eine Bundeskanzlerin im Staatsfernsehen mit dem französischen Präsidenten kuschelt, ist das aber schon merkwürdig. Ob es ihm nutzt, ist allerdings fraglich. Schließlich ist Angela Merkel in Frankreich nicht sehr beliebt. Ist Griechenland noch zu retten? Griechenland steckt mitten in einer bedrohlichen Situation. Was bisher unternommen wurde – nämlich die Aneinanderreihung von Sparauflagen – führt zu keiner Lösung. Griechenland muss deshalb mehr tun, um die Effi­ zienz des Staatsapparats zu verbessern. Daneben braucht das Land aber auch eine Art Marshall-Plan, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Entscheidend ist eine gemeinsame Anstrengung, die nicht im Totsparen der griechischen Wirtschaft liegen kann. Sinnvoll wäre eine internationale Konferenz, die die gesamte Situation in Griechenland bewertet und den Blick nicht nur aufs Sparen richtet. n Fragen stellen: vorwärts.de/nahlesfrage

neue serie Arbeitsgemeinschaften: Selbst Aktiv Aktionen und Termine

porträt Anke Rehlinger, Rekordfrau im saarländischen Landtag

bayern Die einstige Diaspora auf dem Weg zur sozialdemokratischen Hochburg

»Darum Bin ich   in der SPD…«

Haben das Parteijubiläum fest im Blick: Lars Düsterhöft, Roland Klapprodt, Petra Kinne und Paul Bahlmann (v.r.) vom „Sekretariat 150 Jahre SPD“

in feierlaune 150 Jahre spd Auch wenn die Partei erst 2013 Geburtstag hat, laufen die Vorbereitungen schon jetzt auf Hochtouren Von Kai Doering

G ines klughardt ist Diplom-Politikwissenschaftlerin und promoviert über weibliche Arbeitsmigration auf den Philippinen. Seit Februar ist sie Mitglied der SPD Südstern in BerlinKreuzberg. Seit meinem Studium zieht sich der „rote Faden“ durch meinen Lebenslauf. Jetzt in die SPD einzutreten, war deshalb nur ein logischer Schritt. Vor allem die sozialdemokratischen Werte der Solidarität und Gleichheit – besonders zwischen den Geschlechtern – liegen mir am Herzen. n Warum seid Ihr gerade jetzt SPD-Mitglied geworden? Schreibt uns an parteileben@vorwaerts.de

roße Ereignisse werfen ihre Schatten bekanntlich voraus. Deshalb sind die Vorbereitungen für die 150-Jahrfeier der SPD schon jetzt, ein Jahr zuvor, in vollem Gange. „Alle, die jetzt erst anfangen, sich Gedanken zu machen, sind spät dran“, sagt Lars Düsterhöft. Er ist ­ Referent im vierköpfigen Sekretariat „150 Jahre SPD“ im Willy-Brandt-Haus. „Der Parteivorstand plant schon seit mehr als einem Jahr die großen Aktivitäten zum Parteijubiläum“, verrät Düsterhöft. Die Höhepunkte stehen bereits fest. So findet am 23. Mai 2013, dem Gründungstag des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) und damit der Vorgängerorganisation der SPD, ein Festakt im Leipziger Gewandhaus statt. „Danach wird es ein Straßenfest in der Innenstadt geben.“ Drei Monate später, vom 16. bis 18. August, lädt die SPD ­­­­zu einem großen „Deutschlandtreffen“ nach Berlin ein. Genossinnen und Genossen aus dem gesamten Bundesgebiet sind eingeladen, in die Hauptstadt zu reisen und gemeinsam den Geburtstag ihrer Partei zu feiern. „Zwischen diesen beiden Großveranstaltungen sind unzählige Veranstaltungen, Projekte und Aktionen geplant“, sagt Düsterhöft. Die Friedrich-Ebert-Stiftung

etwa nimmt das stolze Jubiläum zum Anlass, eine Wanderausstellung auf Reisen zu schicken. Der „vorwärts“ erscheint mit einem Sonderdruck. ­A llerdings gibt Lars Düsterhöft zu bedenken: „Das Jubiläumsjahr wird erst dann lebendig, wenn jeder Unterbezirk und möglichst viele Ortsvereine selbst Aktionen starten.“ Als Beispiele nennt er Gespräche mit Zeitzeugen aus der bewegten SPDGeschichte, historische Stadtrundgänge oder thematische Neujahrsempfänge. Unterstützung gibt es vom Jubi­ läumsbüro. „Wir erstellen gerade einen Leitfaden mit Vorschlägen, den alle Jubiläumsbeauftragten bekommen werden“, verspricht Düsterhöft. Daneben gibt es einen regelmäßigen E-Mail-Newsletter und eine Internetplattform. „Wichtig ist, dass sich die Ortsvereine und Unterbezirke möglichst schnell überlegen, was sie im kommenden Jahr zum Parteigeburtstag machen wollen.“ Das Ziel steht schließlich bereits fest: „Das Jahr 2013 soll ein Jahr der Sozialdemokratie in ganz Deutschland werden.“ n Das Sekretariat „150 Jahre SPD“ steht bei Fragen und Anregungen zur Verfügung Tel. 030/25991594 sekretariat150jahrespd@spd.de


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Pa r t e i L e b e n !



03/2012 vorwärts vorwärts 03/2012

wir alle danken ihm Egon Bahr Der Architekt der Ostpolitik feiert am 18. März seinen 90. Geburtstag. Eine Würdigung Von Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker

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gon Bahr hat als eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte wie wenige andere dazu beigetragen, die deutsche und europäische Teilung Schritt für Schritt zu überwinden. In den Nachkriegsjahren widmete er seine aktive Tätigkeit als engster Mitarbeiter der gemeinsamen Sache mit Willy Brandt, dem damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin West. Nach dem Bau der Mauer 1961 war es Bahr, der sich mit ganzer Kraft der Aufgabe zuwandte, den von der Teilung schwer getroffenen Menschen seiner Stadt Wege zueinander zu ebnen. So kam es zum Passierscheinabkommen, das den Berlinern praktische Erleichterungen und neue Zuversicht brachte.

1972 im Gespräch mit seinem Chef: Egon Bahr mit Bundeskanzler Willy Brandt

Stationen Egon Bahr

Treibende Kraft der Ostpolitik Sein zentrales Ziel verlor er dabei niemals aus den Augen: die Teilung Deutschlands zu überwinden. Ein Ende des Kalten Krieges stand aber damals noch nicht in Aussicht. Bloßes Abwarten jedoch war für ihn sowohl für das geteilte Berlin als auch für das geteilte Land unverantwortlich. Er brachte seine Gedanken mit dem berühmt gewordenen Motto „Wandel durch Annäherung“ auf jenen Begriff, der damals ebenso heiß umstritten wie langfristig unumgänglich war. Es galt, zum Wohl der Bürger mit der anderen Seite zu sprechen. Praktische Erleichterungen sollten nun nicht länger durch Doktrinen behindert werden. Diesen Weg ging Bahr entschlossen voran. Als 1966 Willy Brandt Außenminister und Bahr sein entscheidender und wichtigster außenpolitischer Berater wurde, war die Zeit gekommen, in der die Ost- und Deutschlandpolitik in ihre prägende Phase trat. Bahr war die treibende Kraft und Schlüsselfigur. Er hatte die schwierigste Aufgabe, einen

1922 Geburt am 18. März im Treffurt (Thüringen) 1956 Mitglied der SPD 1960–66 Sprecher des Berliner Senates 1970 auf dem Roten Platz in Moskau: Egon Bahr, Willy Brandt und Walter Scheel (v.l.)

1969–74 Staatssekretär im Bundeskanzleramt 1972–90 Mitglied des Bundestages 1974–76 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit 1976–1981 Bundesgeschäftsführer der SPD

2009 im Berliner Willy-Brandt-Haus: Egon Bahr in seinem Büro in der SPD-Zentrale

deutschen Weg der Entspannung mit den Vier Mächten und den östlichen Nachbarn – vor allem mit Moskau – in ein brauchbares Bündel von Vereinbarungen zu fassen. Es ist und bleibt sein historisches Verdienst, diese Verhandlungen insbesondere mit Moskau so zäh und klar geführt zu haben, dass daraus praktische Verbesserungen, neues Vertrauen, ein Mehr an Sicherheit erwuchsen. Mit der Gipfelkonferenz von Helsinki im Jahr 1975 erreichte diese Entspannungspolitik ihren Höhepunkt. Neue Spielräume entstanden bis hinein in die Bürgergesellschaften. Sie bereiteten den Weg für die Überwindung der Teilung Europas. Bahrs erste Maxime lautete stets: Ohne Frieden ist alles nichts. Zeit seines Lebens, bis in die Gegenwart, hat er sich mit Übersicht und Scharfsinn dem Thema Friedensverantwortung und Sicherheit, insbesondere auch den Fragen der nuklearen Nichtverbreitung, gewidmet.

Ein Patriot und großer Berliner So wurde er auch ein maßgeblicher Impulsgeber, um gemeinsam mit Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher und mir als „deutsches Quartett“ aktiv die Initiative vier namhafter US-Politiker, Henry Kissinger, George Shultz, William Perry und Sam Nunn für eine atomwaffenfreie Welt zu unterstützen. Immer verbindet mich mit Egon Bahr eine hohe Wertschätzung, mit diesem Patrioten und großen Berliner, dem wir alle so viel zu verdanken haben. n

Richard von Weizsäcker war von 1984 bis 1994 Bundespräsident. Zuvor war der CDU-Politiker von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin (West).

Fotos: imago/Sven Simon, dpa/ SVEN SIMON, fotofinder/Caro/Bleicker, dpa/SVEN SIMON

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker lässt keinen Zweifel: Egon Bahrs Entspannungspolitik „bereitete den Weg für die Überwindung der Teilung Europas“.


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Termine

Jusos gegen Rechts

Revolutionär

Die Jusos Frankenberg sind sich einig: „Es wird Zeit für ein überparteiliches Bündnis gegen Rechtsradikalismus.“ Darin sollen sich neben Parteien und Vereinen auch Privatpersonen und Unternehmen organisieren. Ziel der Jusos ist es, mit Demonstrationen und Präventionsarbeit aktiv gegen die rechte Szene vorzugehen. Als Leiter des Bündnisses

„Revoluzzer“ – so heißt der neue Newsletter des Juso-Kreisverbandes Saarlouis, der seit dem 1. Februar vierteljährlich erscheint. Schwerpunkte der Online-Zeitung sind nicht nur Informationen über aktuelle politische Themen, Juso-Aktionen und Termine zur politischen Weiterbildung. „Revoluzzer“ will vor allem ein interaktives Diskussionsforum sein. Die Leser haben die Möglichkeit, eigene Meinungen, Themenvorschläge und selbst verfasste Artikel einzubringen. n RH

8. März Buchvorstellung „Gender rockt! Geschlechterpolitik, die funktioniert: Akteurinnen – Ansprüche – Strategien“, mit anschließender Diskussion über Geschlechterverhältnisse, Berlin, 12 Uhr mitzlafd@fes.de

www.jusoskreissaarlouis.de

wollen die Jusos den frisch gewählten Bürgermeister Rüdiger Heß (parteilos) gewinnen, „um mit dem höchsten Vertreter der Stadt eine prominente Identifika­tionsfigur für unser Anliegen zu haben“, so der stellvertretende JusoVorsitzende Josua Knell (3.v.l.). n RH Kennt Ihr auch Aktionen gegen Rechts? Schreibt uns an parteileben@vorwaerts.de

Fotos: Jusos Frankenberg, ver.di/Duisburg-Niederrhein, Jürgen Krause

S

ie ist eine der drei jüngsten Arbeitsgemeinschaften der SPD – und feiert dennoch im kommenden März ihr zehnjähriges Bestehen. 2002 als Arbeitskreis gegründet, kann das Netzwerk behinderter Menschen in der SPD, „Selbst Aktiv“, bereits auf eine erfolgreiche Geschichte zurückblicken. „Gesellschaftliche Meilensteine wie die Verfassungsergänzung zu Gunsten behinderter Menschen und die Einbeziehung behinderter Menschen in das Antidiskriminierungsgesetz gehen auf unsere Initiative zurück“, sagt Karl Finke. Er ist Gründer, Initiator und seit 2002 durchgehend Sprecher von „Selbst Aktiv“. „Wir sind sehr gut vernetzt in den Behindertenverbänden“, erklärt Finke den Erfolg der kleinen,aber schlagkräftigen Gruppe. Den Beschluss des Parteitags im Dezember, „Selbst Aktiv“ als Arbeitsgemeinschaft anzuerkennen, empfindet Finke als „erhebliche Aufwertung“. Seine Forderung geht aber noch weiter: „Behinderte sollten in allen Gremien der SPD vertreten sein, um für sich selbst reden und entscheiden zu können.“ Umgekehrt gelte aber auch: „Jede und jeder, der sich zu unseren Werten bekennt, kann Mitglied von „Selbst Aktiv“ werden, egal ob er oder sie in der SPD ist.“ Sprecher könnten allerdings nur Menschen mit Behinderung werden. „Unser Parteileben soll so organisiert sein, dass Menschen mit Behinderung

23. März Diskussionsabend „Equal Pay Day: Rolle ­vorwärts – Wie schaffen wir Gleichstellung in Arbeit und Gesellschaft?“, Hannover, 13 Uhr niedersachsen@fes.de 29. März Ausstellungseröffnung „Yvonne von Schweinitz. Gesichter Afghanistans. Fotografien von 1953“, Berlin, Willy-Brandt-Haus, 19.30 Uhr, Ausstellung läuft bis zum 25. Mai 2012 freundeskreis-wbh.de

Ausgezeichnet Mit dem Titel „Websozi-Seite des Monats Februar 2012“ darf sich die Homepage des SPD-Mitglieds Christian Tauer schmücken. Anlässlich der Bürgermeisterwahl im oberbayerischen Lenting am 11. März, bei der er kandidiert, erhielt sie ein neues Outfit. Die Internetseite informiert über Tauers privaten und beruflichen Werdegang sowie seine kommunalpolitischen Ziele. n RH christian-tauer.de

arbeitsgemeinschaften in der spd 

Eiszeit bei bofrost Die Stimmung beim Tiefkühlhändler Bofrost in Straelen am Niederrhein ist eisig. Streitigkeiten zwischen Betriebsrat und Geschäfts­leitung enden nicht selten vor Gericht. Zuletzt griff die neue Bofrost-Leitung sogar auf Betriebsratsdaten zu und­ ­installierte zudem heimlich eine Spionagesoftware. Die Gewerkschaft ver.di fürchtet, das schlechte Besispiel könne Schule machen. Sie unterstützt den Betriebsrat mit einer Postkartenaktion und hofft auf Solidarität in der gesamten Republik. Barbara Hendricks, SPD-Bundesschatzmeisterin und Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Kleve, hat die Ortsvereine im Umkreis aufgefordert, sich an der Aktion zu beteiligen. Zudem findet am 9. März eine Kundgebung vor den Werkstoren statt. n MS

Folge 1

»gesellschaftliche Meilensteine« selbst aktiv Seit 10 Jahren Einsatz für Behinderte ungehindert und gleichberechtigt daran teilhaben können.“ Diesen Grundsatz hat der SPD-Parteivorstand Ende vergangenen Jahres beschlossen. Karl Finke und seine Mitstreiter wollen dafür sorgen, dass er nun auch umgesetzt

wird. Von einem behindertenpolitschen Profil würden am Ende alle profitieren, ist Finke überzeugt. „Schließlich sind wir die einzige Partei, die in allen Bundesländern mit einer Behindertenorganisation vertreten ist.“ n KD

arbeitsgemeinschaft seit Dezember 2011, Netzwerk seit 2002 mitglieder 500 Aktive bundesvorstand Karl Finke (Vorsitz), Christina Fuchs (Region Süd), Karin Sarantis-Aridas (Ost), Hans-Jürgen Krings (West), Gerwin Matysiak (Nord), Jürgen Krause (Medien­ beauftragter) kontakt selbstaktiv.de

Einsatz für die Teilhabe Behinderter: Karl Finke (4.v.l.) und der Sprecherkreis von „Selbst Aktiv“


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Umweltschutz ist ihr großes Thema: Anke Rehlinger informiert sich vor Ort, hier im Merziger Wald nahe der deutsch-französischen Grenze.

Rekordfrau auf dem Sprung anke rehlinger Sie hält zwei saarländische Leichtathletik-Rekorde. Jetzt nimmt sie Anlauf für ihr drittes Landtagsmandat. ­ Die Sozialdemokratin setzt auf Sieg. Das Saarland wählt am 25. März

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angsam und mit einem dumpfen Krachen stürzt der Baum. Seine Krone wippt auf dem Waldboden nach, wirbelt Schnee auf und lässt die Erde erzittern. Dann breitet sich Stille aus an der deutsch-französischen Grenze. Als nächstes schallt das kernige ­Lachen von Anke Rehlinger durch die Luft. Die junge Politikerin steht auf einem Weg unweit des Einschlags. Mit einer Gruppe von Forstarbeitern diskutiert sie über verschiedene Aspekte der forstwirtschaftlichen Infrastruktur und den Arbeitsschutz. Eine lockere Atmosphäre trotz der Minusgrade. Dann zielt sie auf einen sensiblen Punkt: Wildfraß und seine ökonomischen Schäden. Seit Jahren schwelt im Saarland ein Konflikt zwischen Förstern und Jägern, wie viel Wild geschossen werden soll. Zunächst einmal, so Rehlinger, sei es wichtig, dass beide Gruppen wieder in ein kons-

truktives Gespräch fänden. Man müsse endlich weg von der Politik der JamaikaKoalition. Dass die Koalitionspartner zu keiner einheitlichen Position fänden, fache den Konflikt zusätzlich an. Zu­ stimmendes Nicken bei den Männern vom Forstamt.

PortrÄt

Die Umweltpolitik ist für sie eine »absolute Zukunftsfrage«

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Wir müssen jetzt erstmal die Wahl gewinnen. Anke Rehlinger

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über ihre Perspektiven in der Landespolitik

Der Wald bei Merzig gehört zu Anke Rehlingers Heimat. Er liegt im SPDKreisverband Merzig-Wadern, dem sie seit 2006 vorsteht. Und er ist Teil ihrer Arbeit im saarländischen Landtag. Dort sitzt die 35-Jährige im Ausschuss für Umwelt, Energie und Verkehr. Für Energie- und Umweltpolitik ist sie ­zudem Sprecherin der Fraktion, ebenso wie für die Bereiche Justiz- und Rechtspolitik. „Ich bin sehr zufrieden mit diesen Themen. Alleine schon, weil ich

vom Land komme: Da liegt das Thema Umweltschutz doch nahe.“ Wieder ihr Lachen – die Augen funkeln vergnügt. Doch Ton und Gesicht werden schnell wieder ernst, wenn sie über die Herausforderungen im Saarland spricht. „Die Energiepolitik und damit auch die Umwelt sind für das Saarland absolute Zukunftsfragen.“ Zum Beispiel, sprudelt es aus ihr heraus, gebe es die sehr spannende Idee, stillgelegte Bergbauminen als unterirdische Pumpspeicherwerke zu nutzen. So könne in der Zukunft etwa überschüssige Energie aus Solaranlagen zwischengespeichert werden. Diese Technik ist noch Zukunftsmusik. Das „Machbare“ zu tun und das „Wünschenswerte“ nicht aus den Augen zu verlieren, sei dabei Richtschnur. Das „Machbare“ schließt für die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Visionäres mit ein.

Foto: Hendrik Rauch

Von Nils Hilbert


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Fotos: Hendrik Rauch (2)

Seit 2004 sitzt die Mutter eines dreijährigen Sohnes im Landtag. Sie leitete einen Untersuchungsausschuss und ist heute Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Kultur und Medien. Anke ­Rehlinger geht von ihrem Büro in den Landtag: Ein „Hallo“ hier, ein Nicken da. Dann ein süffisanter Kommentar: „Da klettert gerade ein ehemaliger M inister aus seinem Auto. Der hätte ­ sich ­bestimmt auch nicht gedacht, dass die Koalition so schnell platzt.“ Plötzlich kreuzt Oskar Lafontaine ihren Weg und grüßt: „Hallo, Frau Minister!“ Keine Regung auf ihrem Gesicht, nur ein höfliches „Hallo“ zurück. Sollte diese Karriere-Anspielung ihr geschmeichelt haben, verbirgt sie es bestens. „Ach was, wir müssen jetzt erst mal die Wahl gewinnen“, antwortet sie auf die Frage, ob diese Anrede einen wahren Kern habe. Manchmal profitiere sie von der Disziplin, die sie sich während ihrer aktiven Sportlerlaufbahn antrainiert hat. Schließlich gebe es Parallelen zwischen politischem und sportlichem Wettkampf: „Du musst voll auf den Punkt da sein, dich konzentrieren, den Druck aushalten.“ Bis zum Ende ihres JuraStudiums im Jahr 2000 hat Rehlinger aktiv Leichtathletik getrieben. Zu Beginn Mehrkampf, später dann vor allem Wurfdisziplinen. Bis zur Landesmeisterin

Leistungssport lehrte sie, Druck auszuhalten.

schaffte sie es. Noch immer hält sie den saarländischen Rekord im Kugelstoßen und den Jugendrekord des Landes im Diskuswerfen. 16,03 Meter weit flog die Kugel, der Diskus 49,18 Meter. Ihre Ergebnisse hat sie im Kopf. Doch das intensive Training war zu zeitaufwändig. Sie hat sich für ihr Referendariat und die Politik entschieden. Sport, so ihr Fazit, sei gut für die eigene Persönlichkeit, helfe, Erfolge und Misserfolge durchzustehen.

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„Ich habe Spaß am Fahren“ ANZEIGEN Sportlich gestalten sich auch ihre Au-99x158_Kleinanzeigen_3_2012.indd 1 tofahrten: Der PS-starke Motor ihrer Limousine ist bei 160 km/h keineswegs ausgereizt. Ganz zur Freude der Fahrerin, die keinen Widerspruch zwischen Sichere Arbeitsplätze ihren umweltpolitischen Zielen und mit der dritten Bahn der eigenen Fahrweise sieht. „Ich habe Spaß am Fahren.“ Man dürfe nicht imDer Flughafen München ist Bayerns kraftvoller Jobmotor. mer alles so dogmatisch sehen. RehlinHeute arbeiten hier rund 30 000 Mitarbeiter in über 550 verschiedenen Firmen. Mit jedem Arbeitsplatz am Fluggers Faible für Technik endet nicht beim hafen entsteht ein weiterer Arbeitsplatz in der Region. ­Automobil: „Die Photovoltaikanlage auf Durch den Bau einer dritten Start- und Landebahn können unserem Haus liefert 19 Kilowattstunüber zehntausend neue Arbeitsplätze geschaffen werden. den, und wir haben eine moderne Holz­ Sichere Arbeitsplätze, die standortgebunden und nicht verpelletheizung.“ Weil es ein Umbau war, lagerbar sind. Das ist gut für die Menschen, die hier leben. sei es aber nur ein Niedrigenergiehaus www.munich-airport.de und kein Passivhaus geworden. „Und die Arzt-Praxis meines Mannes hat eine Auszeichnung für ökologisches Bauen erhalten. Das alles ist uns wichtig.“ Die Tachonadel schnellt weiter nach oben. Auf ihren Autobahnfahrten in Richtung Landtag bleibt Zeit, um über die bevorstehende Wahl nachzudenken. Der Wahlkampf bleibe weiterhin hart. Erst habe man in Windeseile die Listen zusammenstellen müssen, parallel dazu das Wahlprogramm entworfen. Nun gelte es, die Wählerinnen und Wähler von der SPD zu überzeugen. Anke Rehlinger springt aus ihrem Wagen und eilt in die Parteizentrale, wo auch die KAMPA untergebracht ist: „Es ist wirklich eine beeindruckende Leistung aller Beteiligten, einen Wahlkampf in dieser kurzen Zeit aus dem Boden zu stampfen.“ Anke Rehlinger wird ihn auf ihre Weise führen: Das Machbare im Blick und das Wünschenswerte im Sinn. n

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Auf Augenhöhe mit der CSU und voller Siegeszuversicht: SPD-Landesvorsitzender Florian Pronold (1.v.l.), Landtagsvizepräsident Franz Maget (2.v.l.), Landtagsfrak­tionschef Markus Rinderspacher (2.v.r.), SPD-Spitzenkandidat zur Landtagswahl Christian Ude (1.v.r.)

»Schaut nur in dieses Zelt!« bayernwunder Die SPD in Bayern traut sich was Von Uwe Knüpfer

W Angriffslustige Generalsekretärin der Bayern-SPD: Natascha Kohnen

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eißblau und Rot: verträgt sich das? Das weiß, wer am Aschermittwoch im Bierzelt von Vilshofen war. Christian Ude und Florian Pronold präsentierten die „neue Bayernpartei“: die SPD. „Eher beschaulich“ fand die Süddeutsche Zeitung (SZ) die früheren Treffen der SPD in Vilshofen – und konnte kaum glauben, was sie heuer erlebte: eine SPD „auf Augenhöhe mit der großen CSU“. Was ist geschehen? Bayern, das galt als CSU-Land, Niederbayern erst recht. Die Musik, die spielte Aschermittwochs in Passau, beim großen nachnärrischen Feldgottesdienst der Staatspartei. Doch 2012 hatte die SPD ein Riesenzelt aufbauen lasen, am Ufer der Donau, es dann noch zweimal erweitert – und dennoch war es um 10 Uhr prall mit ­Leben gefüllt. Wer glaubt, beim politischen Aschermittwoch gehe es nur um wohlfeile Lacher, der irrt. Ein politischer Aschermittwoch muss zunächst mal gekonnt organisiert und orchestriert sein, vom

Busparkplatz bis zu Hallenoptik und Akustik. Die Reden sind lang und durchaus auch ernst, das Publikum ist aufmerksam und merkt sehr schnell, ob da oben am Rednerpult einer Schaum schlägt oder Funken fliegen lässt. In Vilshofen kam das Landvolk schon zu Königs Zeiten zusammen, um zu reden, zu meckern und sich Meinungen zu bilden. 1953 okkupierte die CSU diese Tradition. In den folgenden Jahrzehnten schienen CSU und Bayern zusammenzuwachsen. Sozialdemokraten verlernten zu siegen. Und jetzt das: „U-de! U-de! U-de!“ schallte es immer wieder durchs Vilshofener Zelt. Chris­ tian Ude, der vierfach gewählte Oberbürgermeister von München, „der lästige Sozidauersieger“ (Münchener Merkur) hielt seine erste Wahlkampfrede als Anwärter auf das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten, allen Ernstes – und niemand lachte: „Unser Anspruch ist, Bayern besser zu regieren.“ Horst Seehofer und Co. sind nervös geworden. Laut Umfragen kann 2013

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­ ine Koalition aus SPD, Grünen und Freie en Wählern möglich sein. Die letzte Rede hielt am Aschermittwoch Michael Adam, frisch gewählter Landrat des Kreises Regen: 27 Jahre alt, evangelisch, schwul und Sozialdemokrat. Mit 57,32 Prozent hat er im November über seinen schwarzen Konkurrenten triumphiert. Adams Sieg: Das war, als flöge ein Pfeil mitten ins Herz der CSU. Er bewies, laut Florian Pronold: „Wir Niederbayern sind weltoffen und tolerant, nur die CSU hat es noch nicht bemerkt.“ Die Bayern-SPD wirkt plötzlich jugendlich, frisch und voller Zuversicht. Dieses weißblaurote Wunder ist wesentlich dem 39-jährigen Landesvorsitzenden zu verdanken. Eng an Pronolds Seite agieren Markus Rinderspacher, 42, als Vorsitzender der Landtagsfraktion, und Natascha Kohnen, 44, als angriffslustige Generalsekretärin. „Auf geht‘s! Pack mer‘s!“ eröffnete sie den Vilshofener Redereigen, ausdauernd lustvoll die „Ge-nossinnen und Ge-nossen“ aus jedem Landesteil begrüßend. Allem Schwung der jugendlichen Führungstruppe zum Trotz: Richtig ernst genommen wird sie erst, seit Christian Ude (64) sich vorgenommen hat, Horst Seehofer „in Pension zu schicken“. Seither wankt der schwarze Berg. Denn Ude kommt an, nicht nur in München. Er strahlt Erfahrung aus und Selbstgewissheit. Seine Reden sind geschliffen, aber wohlverständlich, auch dank vieler rrrollender Rs und gekonnt gesetzter Pausen: „Ich habe nur zwei Jahre Lebenserfahrung mehr,“ sagt er über den Altersunterschied zwischen Seehofer und ihm. Pause. „Ich finde allerdings, das merkt man auch.“ Ude haucht einer oft gedemütigten Partei neues Selbstvertrauen ein. „Die Patrioten in Bayern: Das sind Sozialdemokraten.“ Wer habe 1919 den Freistaat ausgerufen? Kurt Eisner, ehemaliger Sozialdemokrat (und, übrigens, ehemaliger vorwärts-Chefredakteur). Und wer habe die bayerische Landesverfassung entworfen? Wilhelm Hoegner, Ministerpräsident von 1945 bis 1946, erneut von 1954 bis 1957 und – Sozialdemokrat. Ude: „Sozialdemokraten haben den Freistaat ausgerufen, die Diktatur bekämpft, eine freiheitliche Verfassung erlassen – Wir können mit erhobenem Haupt durch die Säulenhallen des Freistaats wandeln.“ Und was die bayerischen Seen und Berge betreffe: „Es ist der Herrrrgott gewesen“, der sie erschaffen hat „– und nicht die CSU“. Die Menschen seien der Arroganz und Selbstherrlichkeit der CSU überdrüssig geworden. „Wir haben eine Chance,“ versicherte Ude den 4000 in Vilshofen. „Sehr viel haben wir schon erreicht: Schaut nur in dieses Zelt!“ n

Foto: dpa picture alliance/ Armin Weigel, Natascha Kohnen

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„Die Energiewende ist vor die Wand gefahren, bevor sie begonnen hat.“ SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, hier bei einem Magdeburger Hersteller für Windkraftanlagen.

gefährlicher stillstand energiewende Regierung verschleppt Umsetzung

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er Kälteeinbruch Ende Januar stellte das Stromnetz auf die Probe. Und bereits im Dezember musste der bayerische Netzbetreiber Tennet erstmalig auf Kaltreserven aus Österreich zurückgreifen, obwohl starker Wind im Norden Deutschlands für reichlich Energie sorgte. Doch für die Weiterleitung von Windstrom von Nord nach Süd fehlen Leitungen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur ist ihr Ausbau bis zu vier Jahre in Verzug. „Die Energiewende ist vor die Wand gefahren, bevor sie begonnen hat,“ attestierte der SPD-Fraktionsvorsitzende

Frank-Walter Steinmeier der Regierung Anfang Februar im Bundestag. Auch aus der Wirtschaft kommt Kritik: „Es fehlt an allen Ecken und Enden an Koordination und Entscheidungen, es fehlt bis heute an einem stringenten politischen Management“, so die Industriegewerkschaft BCE. Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt vor der Abwanderung stromintensiver Industrien, aus Sorge vor unsicherer Energieversorgung. Warnsignale kommen auch von den Stromerzeugern: Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, wollen RWE und E.ON ihre Offshore-Pläne künf-

Fotos: dpa Picture-Alliance / Jens Wolf, Lars Klingbeil, imago/blickwinkel

O Container im Hamburger Hafen: Deutschland lebt von seinem Export.

Voodoo-Ökonomie Die meisten Euro-Länder bekommen die Folgen der andauernden Wirtschaftkrise derzeit hart zu spüren. Umso weitsichtiger die Warnung der SPD-Bundestagsfraktion, die momentane Stärke Deutschlands könne zur „verwundbaren Stelle“ werden: Die deutsche Wirtschaft fußt auf dem Export und ist somit vom Wachstum anderer Staaten abhängig. Der Stellvertretende Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil fordert deshalb ein europäisches Wachstumsprogramm und kritisiert die Regierung. Zu glauben, mit Sparauflagen und Hilfskrediten diese Länder wieder flott zu machen, habe mit ökonomischem Sachverstand nichts zu tun. „Was Sie betreiben, ist Voodoo-Ökonomie“, attestiert er der Regierung. n NH

tig vorsichtiger vorantreiben, weil die für die Nordsee-Windparks zuständige Netzgesellschaft mit den Anschlüssen nicht vorankommt. Steinmeier dringt deshalb auf neue energiewirtschaftliche Steuerungsinstrumente. Zudem fordert er, die Stromnetze schneller auszubauen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) müsse dringend weiterentwickelt werden, doch die Konflikte zwischen Wirtschaftsminister Rösler (FDP) und Umweltminister Röttgen (CDU) blockieren Fortschritte bereits seit Monaten. Durch den fehlenden Regulierungsrahmen finde der Bau von Gaskraftwerken, die Schwankungen im Netz ausgleichen könnten, nicht statt. „Wirtschaftspolitischen Dilettantismus“ nennt Steinmeier auch, wie mit dem Thema Energieeffizienz umgegangen wird. Es sei die größte Illusion, dass in naher Zukunft derselbe Energiebedarf wie heute durch Erneuerbare Energien gedeckt werde. Im Bereich energetische Gebäude­ sanierung herrsche derzeit Stillstand, nachdem noch in der Großen Koalition durch Förderprogramme Erfolge bei der Energieeinsparung erzielt wurden, kritisiert Steinmeiers Stellvertreter Ulrich Kelber. Bereits im April 2011 hatte die SPDBundestagsfraktion ein umfassendes Energiekonzept vorgelegt. Im Januar folgte der Entwurf „Umbau und Entwicklungsplan der Energieinfrastruktur“, den die SPD-Fraktion derzeit mit Experten, Verbänden und der Wirtschaft debattiert. n ms

im Blickpunkt

beschäftigte stärken 60 000 Beschäftigte fallen jeden Monat aus befristeten oder Leiharbeitsverhältnissen direkt in Hartz IV – und das, obwohl sie in die Sozialversicherung einbezahlt haben. Die SPDFraktion möchte deshalb die „Rahmenfrist“ verlängern, innerhalb derer ein Arbeitnehmer zwölf Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein muss, um Arbeitslosengeldanspruch zu haben. Statt wie bisher zwei soll sie künftig drei Jahre betragen. n KD Interview mit der stv. arbeitsmarktpolitischen Sprecherin Angelika Krüger-Leißner: vowärts.de/rahmenfrist

Das Wörterbuch der Politikverdrossenheit Die »Ochsentour«

Wer einem Kandidaten, Funktionär oder Mandatsträger nicht die persönliche Mühe absprechen möchte, aber seine politische Begabung und Fähigkeit in Frage stellen will, der erwähnt gern die „Ochsentour“, die dieser Parteibürger im Schweiße seines Angesichts bewältigt habe. Doch das ist kein Lob, sondern eine Unverschämtheit! Der Ochse bewegt sich schwerfällig in vorgegebenen Bahnen. Er teilt den Stallgeruch mit dem Parteisoldaten, der ohne die Parole seines Vorgesetzten nichts zu unternehmen wagt, aber brav zur Stelle ist, wenn Mehrheiten gesichert oder Plakate geklebt werden müssen. Der elitäre Dünkel, mit dem manche, die stolz darauf sind, außerhalb des Spielfeldes oder über den Dingen zu stehen, auf die Niederungen des normalen Parteiengagements ­herabblicken, wendet sich gegen sie selbst. Dem griechischen Philosophen Platon wird der Satz zugeschrieben: „Diejenigen, die zu klug sind, um in die Politik zu gehen, werden dadurch bestraft, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“ n H.P. B Der Autor Hans-Peter Bartels ist seit 1998 Mitglied des Bundestages. Weitere Stichworte finden Sie auf vorwaerts.de/woerterbuch

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Diese fehlende Transparenz ist nicht länger hinnehmbar! Lars Klingbeil,

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Netzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, über die jahrelangen GeheimVerhandlungen zum ACTAAbkommen.


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»Zwischenruf«

INGRID MATTHÄUS-MAIER Den kirchlichen ­Mitarbeitern werden fundamentale Arbeitnehmerrechte ­verweigert. Die SPD sollte ihnen beistehen

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ie lange müssen wir ­solche Schlagzeilen noch lesen? Katholisches Krankenhaus entlässt Chefarzt – weil er wieder geheiratet hat. Organist nach 13 Jahren im Dienst von katholischer Gemeinde gefeuert – wegen außerehelicher Beziehung. Krankenschwester entlassen – weil sie aus der Kirche austrat. Diakonie-Mitarbeiter streiken gegen Lohndumping – Evangelische Kirche klagt auf Unterlassung. Bei all dem berufen sich die Kirchen auf das Sonderrecht eines kircheneigenen Arbeitsrechtssystems. Das verweigert ihren Beschäftigten fundamentale Arbeitnehmerrechte. Mit dem Segen des Staates. Deshalb musste der entlassene Organist durch sieben (!) Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof klagen, bis klar war: Die Katholische Kirche hat gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen. Der Chefarzt brauchte immerhin drei Instanzen, bevor er Recht bekam. Seit Adenauer gilt das Betriebsverfassungsgesetz nicht für Religionsgemeinschaften und ihre Einrichtungen. Genau das muss die SPD endlich ändern! Das Gesetz muss auch für Kirchen gelten, mit unterschiedlichen Loyalitätsanforderungen an die Beschäftigten je nach ihrer Nähe zur „Verkündigung“ des jeweiligen Glaubens. Diese Anforderungen wären natürlich bei einem Diakon höher als bei einer Krankenschwester. Seit Jahrzehnten funktioniert das Betriebsverfassungsgesetz bei der AWO. Warum sollte es nicht bei der Diakonie oder der Caritas funktionieren? So wie es übrigens – dank der SPD – schon in der Weimarer Republik selbstverständlich war. Damals hatten kirchliche Mitarbeiter mehr Rechte als heute. Dass für die rund 1,3 Millionen kirchlichen Beschäftigten fundamentale Arbeitnehmerrechte nicht gelten, wie die Bildung eines Be-

triebsrats, Tarifverträge, Beteiligung der Gewerkschaften, Streikrecht, hat die SPD nie akzeptiert. Stets hat sie in ihren ­Grundsatzprogrammen gefordert, zuletzt im Grundsatzprogramm 1989: „Allgemein geltende Arbeitnehmerrechte müssen auch in Einrichtungen der Kirchen, Religions- und Welt­anschauungsgemeinschaften gewährleistet sein.“ Dieser Satz steht seit 2007 nicht mehr im Parteiprogramm. Warum? Könnte das damit zusammenhängen, dass 2005 ein Arbeitskreis Christen eingerichtet wurde? Etwa 35 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind konfessionslos. Die konfessionellen Krankenhäuser werden weitgehend von den Krankenversicherten finanziert, kaum von den Kirchen. Auch deshalb gehören die oben genannten Beispiele ins 19. , nicht aber ins 21. Jahrhundert. Eine Arbeitnehmerpartei wie die SPD sollte diese Relikte der AdenauerZeit überwinden. Sie darf es nicht den Einzelnen oder ver.di überlassen, die Arbeitnehmerrechte mühsam einzuklagen, wie das beim Streikrecht vor dem Landesarbeitsgericht Hamm gelungen ist. Auf die Kirchen ist dabei nicht zu hoffen: nicht nur, dass sie gegen das Urteil Revision eingelegt haben. Erst im November 2011 haben sie ihre unnachgiebige Position noch einmal bekräftigt. Schade! n

Ingrid Matthäus-Maier, ehemals Verwaltungsrichterin, war bis 1999 Mitglied des SPD-Parteivorstandes und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Mitreden & bloggen: vorwärts.de/zwischenruf-kirchen

Best of Blogs

vorwärts.de/blogs der don in berlin – das berlinale-Blog von Marc Schulte und Martin schmidtner Wenn ich nach Hause ­komme, mein Handy zum Aufladen anschließe und es dann nach dem Aufstehen immer noch nicht aufgeladen ist, dann ist Berlinale und ich habe zu wenig geschlafen. Nachdem der Freitag aus familiären Gründen nahezu kinofrei blieb und ich am Samstag und Sonntag zu zwei Klausursitzungen d ­ urfte, beschränkte sich mein Programm am vorletzten Tag auf einen Film: Don – The King Is Back (Regie Farhan Akhtar) mit Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan, das Remake eines Bollywood-Klassikers von 1978. Gewissermaßen eine Mission Possible aus der Sicht des Bösewichts erzählt. Doch bis zum Schluss war nicht klar: Kommt er oder kommt er nicht zur Premiere seines Films – der Star aus Indien. Erst eine Erkältung, dann ein umgeleitetes Flugzeug – da flossen bei manchem Fan schon fast die Tränen, aber natürlich ging alles gut aus! Bollywood ist bombastisches Kino in Reinkultur. Man treibt über zwei Stunden einfach mit und verfolgt den König der Unterwelt „Don“, wie er mit Hilfe einer Massen-Lebensmittelvergiftung aus einem Gefängnis ausbricht, einen Weg findet, an Euro-Noten in Hülle und Fülle zu kommen und wie er ­natürlich mit der unglaublich schönen Agentin flirtet, dass es nur so knistert. In typischer James-BondManier sterben Menschen am laufenden Band – der ­Genickbruch ist lautmalerisch etwas zu gut unterlegt. Die Handlung ist auch eigentlich nicht wichtig… vorwärts.de/blogs

Wohin, Europa? 02/2012

Lese gerade die letzte „vorwärts“-Ausgabe, sehr gut! Habe die Beiträge „Demokraten statt Technokraten“, „Peinlich, beschämend, skandalös“, „Schluss mit der Feigheit der Politiker“ und „Bomben aus dem Paradies“ mit größtem Interesse verfolgt. Genau so muss der „vorwärts“ sein. Weiter so! 

Bernd Bahn, per E-Mail

„Peinlich, beschämend, skandalös“ heißt es zur Regierung Orban, die die ungarische Demokratie zerstört. Richtig – aber genau so peinlich, beschämend und skandalös ist es, wenn Deutschland die Spitze der Bewegung bildet, die Griechenland in den Staub tritt und damit die Demokratie in diesem Land in große Gefahr bringt. 

Bärbel Kern-Lange, Friedland

Mit besonderem Interesse habe ich die letzte „vorwärts“-Ausgabe intensiv gelesen, rechne ich mich doch – in gewisser Hinsicht – zu den Frühanhängern der Europaidee. Leider hat das Thema weder in der SPD noch im „vorwärts“ die wichtige Rolle gespielt, die ihm zusteht. Aber man kann sich ja ändern! 

Klaus Hänsch, per E-Mail

Neuwahlen im Saarland 02/2012

Wenn ich mir den Artikel zu den Neuwahlen im Saarland, insbesondere die Vorstellungen der Saar-SPD genau anschaue, komme ich zu dem Ergebnis, dass die CDU keinesfalls der richtige Koalitionspartner ist. Auch die Auswirkungen, die das Bündnis im Bundesrat hätte, lassen es nicht zu, mit der CDU zu koalieren. Manfred Mahle, Mainz

vorwärts-App 02/2012

Ich bekomme seit Jahren den „vorwärts“, und ich habe zu selten darin gelesen. Zu Hause möchte ich entspannen, unterwegs habe ich oft Zeit genug, mobile Informationen zu lesen. Ab heute gehört auch unser „vorwärts“ dazu! Eine tolle Idee und dafür möchte ich spontan aus meiner entspannt-mobilen Leseecke danken. Siegfried Czeczka, Nürnberg

Autorentausch 02/2012

Der Sinologe und Publizist Tilman Spengler ist an unserem neuen Buch „Dutschkes Deutschland“ nun wirk-

Foto: ddp images/AP/Bernd Kammerer

Weg mit Adenauers Erbe!

Leserbriefe


Meinung 21

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Herzlichen ­G lückwunsch! Gewonnen haben je zwei Karten für den BerlinaleAbend im Willy-Brandt-Haus: Frank Walter, 10777 Berlin Ingeborg Drendel-Maas, 14163 Berlin, Bruno Webers, 12683 Berlin, Brigitte Dittmer, 21481 Laubenburg, Frank Bändlein, 10409 Berlin

Kampf für Gerechtigkeit zu Zeiten der ersten rot-grünen Koalition aus? Tatsächlich ging die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander und die Finanzmärkte wurden kräftig dereguliert! Christiane Knodel, per E-Mail

Zwischenruf Agrarpolitik 02/2012

Will der Verfasser ausschließen, dass ein Großbetrieb mit seinen Tieren besser umgeht als ein kleiner Klitscher? ... Aber es ist ja so leicht, sich mit der Anprangerung von Missständen ... hervorzutun, wenn die meisten Bürger von der Landwirtschaft kaum noch Ahnung haben. 

lich völlig unschuldig. SDS und SPD haben sich auch 1960/61 nicht etwa ­gegenseitig „beharkt“, sondern der damalige PV hat seinem Studentenbund den Stuhl vor die Tür gesetzt. Hauptgrund: Der SDS lehnte eine Instrumentalisierung der Sozialdemokratie für die amerikanische Deutschland-Politik im Kalten Krieg strikt ab. Deshalb empfehlen wir auch allen geschichtsbewuss-

ten SPDlern unser Buch „Dutschkes Deutschland“. (Rezension von Peter Brandt: vorwärts.de/rezensionen.) Tilman Fichter, Siegward Lönnendonker

Interview Sigmar Gabriel 02/2012

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Wie sah denn der

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Peter Langelüddeke, Hofheim

Wenn Politiker meinen, sich nicht mit milliardenfachem Tierleid auseinandersetzen zu müssen, sollten sie aber die nachgewiesenen Folgen für die menschliche Gesundheit bedenken. ... Danke für den Kurwechsel der Bundes-SPD und der Landesregierung NRW. 

Marianne Lautenberg, Lage

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22  Wirtschaft

vorwärts 03/2012

Netzwerke

Ab an die Uni, Arbeiterkinder Vom Laptop ihrer Studentenbude aus gründete Katja Urbatsch 2008 das ­Internetportal arbeiterkind.de. Eine kleine, lokale Initiative, mit der die ­heute 31-Jährige „Mut machen wollte“ und die junge Menschen aus Nichtakademiker-Familien befähigen sollte, ein ­Studium zu wagen. Inzwischen ist daraus ­eine gemeinnützige Organisa­tion mit bundesweit 80 Gruppen entstanden. Immerhin 1200 Mentoren gehen an Schulen und organisieren Stammtische. Ehrenamtliche, die oft selbst als Erste in ihren Familien studiert haben, sprechen dort über ihre Erfahrungen. Die Website wird mittlerweile von 10 000 Besuchern im Monat angeklickt. Auf „arbeiterkind.de“ stehen Infor­ mationen, Unterstützungsangebote und Erfolgsgeschichten für den Weg an die Universität. Wenn man aktuellen Studienergebnissen folgt, studieren bislang an deutschen Hochschulen immer noch vornehmlich Akademikerkinder.

Fotos: Hendrik Rauch, dpa Picture-Alliance / Angelika Warmuth (2)

Eingeschüchterte Erstsemester Die Gießenerin Katja Urbatsch hatte Glück. Ihre Lehrerin motivierte sie, das Abitur zu machen. Ihre Eltern, selbst Bankkaufleute und Nichtakademiker, finanzierten ihr Studium. Nur im Bekanntenkreis stieß sie auf Unverständnis: „Wer nicht studiert hat, kann sich kaum vorstellen, weshalb sich diese finanzielle Investition lohnt“, so Urbatschs Erfahrung. Mittlerweile hat die Kulturwissenschaftlerin sogar promoviert. Aber sie erinnert sich immer noch gut, wie eingeschüchtert sie als Studienanfängerin im ersten Semester war: von der fremden Ausdrucksweise der Wissenschaftler und dem Selbstverständnis ihrer Kommilitonen, die mehrheitlich aus akademischen Fami­ lien kamen. „Die wussten, wie man Hausarbeiten schreibt. Oder ein Stipendium beantragt.“ Arbeiterkinder begegneten ihr kaum. n MM

Nesrin Kaya (l.) macht ihr Hobby Stricken zum Beruf. Sie arbeitet im Hamburger Atelier von Designerin Sibilla Pavenstedt (o.).

STRICKEN FÜR DIE PROMIS Designermode Mit Tradition eigenes Geld verdienen: Für die Roben von Sibilla Pavenstedt häkeln und stricken Migrantinnen Von Maicke Mackerodt

Firmenporträt MaDE AUF VEDDEL

Gut Gemacht

Geschäftsfeld Strick- und Häkelarbeiten für Designer-Mode Firmensitz HAMBURG Gegründet 2008 Beschäftigte 8 SPENDENKONTO Made auf Veddel Bankhaus Neelmeyer AG BLZ 290 200 00 Kto. 1000614444

arbeiterkind.de Weitere Porträts der Serie: vorwärts.de/gutgemacht

A

usgefallene Materialien, ungewöhnliche Schnitte und klares Design zeichnen ihre Kollektion aus. Prominente wie die Schauspielerinnen Franka Potente, Heike Makatsch und Liz Baffoe schätzen die Luxus-Mode der Hamburgerin Sibilla Pavenstedt. Die 46-Jährige zählt zu den erfolgreichen Designern in Deutschland. Außerdem lehrt sie als Gastprofessorin im Bereich Modedesign und inzwischen präsentieren sogar Museen Einzelstücke von Pavenstedt in ihren Ausstellungen. Das Besondere: Ein Teil ihrer maßgeschneiderten Kollektionen entsteht in einem sozialen Brennpunkt im Süden von Hamburg. „Made auf Veddel“ steht auf den Etiketten, denn so heißt das Herzensprojekt der Halbitalienerin. Veddel ist eine Insel in der Elbe, von der früher Auswanderer nach Übersee starteten. Heute fertigen hier acht Migrantinnen „ganz individuelle Luxusprodukte“. Demnächst kommen drei Frauen dazu. In stundenlanger Handarbeit fertigen sie vor allem Strick- und Häkelarbeiten: Bolerojäckchen aus Mohairgarn, Abendkleider aus Seidenviskose, hauchzarte Kaschmir-Schals. Jedes Stück ist ein Unikat, das später in Edel- Boutiquen hängt, zwischen großen Namen wie Jil Sander, Kenzo oder Yamamoto. Jedes Stück trägt ein Etikett mit dem handgeschriebenen Namen der Frau, die es hergestellt hat.

Mode und Integration verweben

Die Mutmacherin: Katja Urbatsch ermuntert Nichtakademiker-Kinder zum Studium.

Erst wollte Pavenstedt ein Nähprojekt starten, „bis ich in den Wohnungen entdeckte, dass dort alles umhäkelt war“. Handarbeit hat in den Herkunftsländern der Frauen eine lange Tradition und „dieses Talent fordere ich auf hohem Niveau“. Pavenstedts Ziel, „internationale Mode und Integration zu verweben“, funk­

tioniert. Mittlerweile übernehmen die Frauen eigenständig Aufträge, setzen „in gleichbleibender Qualität“, wie Pavenstedt lobt, komplizierte Schnitte um. „Made auf Veddel“ entstand 2008 durch eine Initiative der Modedesignerin und des Vereins „Förderwerk Elbinseln“. Aus dem Projekt entstand ein eigenständiger Verein, der sich durch Spenden finanziert. Die modern ein­ gerichtete Schneiderwerkstatt, mitten in dem Hamburger Problembezirk, ist eine Art Begegnungsstätte geworden. ­ Aus dem Verkauf der Kollektion fließt Geld in die Projektarbeit zurück. Damit wird die weitere Ausbildung der Frauen finanziert. Einmal pro Woche gibt es kostenlosen Nähunterricht. Die hochwertigen Nähmaschinen dürfen privat genutzt werden. Bei schwierigen Behördengängen hilft der Verein den Frauen.

In Festanstellung abgeworben Für einen handgestrickten Schal bekommen die Migrantinnen zwischen 25 und 140 Euro. Das ist aber nicht ihr einziger Verdienst: „Es geht auch um die Wertschätzung, die den Frauen entgegengebracht wird“, weiß Sibilla Pavenstedt. Die strickenden Frauen sind zwischen 25 und 50 Jahren alt, dürfen mitreden und ihre Ideen einbringen. Sie erwirtschaften ein eigenes Einkommen, verbessern nebenbei ihre Deutschkenntnisse und bilden sich unbürokratisch fort. Zwei Frauen können inzwischen von ihrer Arbeit leben. Andere wurden in Festanstellungen in andere Ateliers abgeworben. Für Pavenstedt ist das kein Problem: „Dann bilde ich neue Frauen aus“. Weil es bei ihr so gut funktioniert, würde Pavenstedt ihr Integrationsprojekt gerne auch in anderen deutschen Städten initiieren. n


Kultur 23

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Fotos: Dirk Bleicker (2), dpa picture alliance/eventpress schulz

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ochen kann man auch gut zu zweit. Stelle ich mir zumindest vor“, sagt die Frau im Video. Neben ihr sitzen fünf weitere Menschen, doch ihre Gesichter sind eingefroren während sie darüber spricht, wie sie sich eine ideale Beziehung vorstellt. Gleich wird eine andere Person reden, dann erstarrt sie zum Standbild. „Silver lining“ („Hoffnungsschimmer“) heißt die Videoarbeit der Schweizer Künstlerin Bettina Disler. Es ist ihre Ausstellung „me and maybe you“ („ich und vielleicht du“) die an diesem Februarabend im Haus am Lützowplatz eröffnet wird. Die Galerie in Berlin-Tiergarten ist gut gefüllt, als Karin Pott ans Mikrofon tritt, um den Gästen die Arbeit von Bettina Disler nahezubringen. „Das Interesse an anderen Menschen ist der Kern ihrer Arbeit“, sagt die Künstlerische Leiterin des Hauses. Sie erzählt davon, wie Disler in ihrem Werk die verschiedenen Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen erforsche. Drei Videoarbeiten und 20 Gipsskulpturen sind in Berlin zu sehen. Wer im Dezember oder im Januar im Haus am Lützowplatz war, hat die Ausstellungsräume ganz anders erlebt: Voll von Paletten, Erdhaufen und Wasserbecken. Das Künstlerkollektiv „Das Numen“, das sind Julian Charrière, Andreas ­ Greiner, Markus Hoffmann und Felix Kiessling, hatte dazu eingeladen, biologische Systeme zu erforschen. „Das ist das Radikalste, was hier geschehen ist, seit ich hier bin“, sagt Karin Pott, während sie, kurz vor der Eröffnung Ende November 2011, über die Palettenberge klettert. „Horst Wagner hätte zu mir gesagt ‚Wer hat ’n Dir dit erlaubt’?“, sagt Pott und lacht.

Stolz auf das Haus am Lützowplatz: Karin Pott, die Künstlerische Leiterin

Linker Verein Kunst Das Haus am Lützowplatz in Berlin ist eine ursozialdemokratische Institution. Seit Anfang der 1960er bringt die Galerie Kultur und Politik zusammen Von Birgit Güll

Eine Idee von Brandt und Grass Horst Wagner, Gewerkschafter und So­ zialdemokrat, ist im letzten Jahr gestorben. Er hat den Verein „Haus am Lützowplatz, Fördererkreis Kulturzentrum Berlin e.V.“ mitgegründet. 1959 forderten die in Westberlin regierenden Sozialdemokra­ ten auf ihrem Landesparteitag die Einrichtung eines Kulturclubs. „Eine Idee von Willy Brandt und Günter Grass“, erzählt

Treffpunkt vieler Künstler: Die Malerin Elvira Bach (l.) feierte ihren 60. Geburtstag im Haus am Lützowplatz. 1873 wurde es errichtet (r.).

Pott. Ein Jahr später beschloss der SPD-­ Landesvorstand die Umsetzung. Der Verein „Fördererkreis Kulturzentrum Berlin“ wurde gegründet und erwarb das Haus am Lützowplatz. Das 1873 als Wohnhaus entstandene Gebäude war seinem jüdischen Besitzer Egon Sally Fürstenberg 1938 abgekauft worden. Mit dessen Erben schloss der Fördererverein einen Vergleich, um Rückerstattungsansprüche auszugleichen. Seitdem arbeitet der Verein daran, Kultur und Politik zusammenzubringen. Damals tatkräftig unterstützt von Willy Brandt und dem IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner. Schnell erlangte das Haus einen festen Platz in der Westberliner Kulturszene. Auch Karin Pott, zu dieser Zeit freie Künstlerin, hat 1988 im Haus am Lützowplatz ausgestellt. Sie riet Horst Wagner: „Mach doch was für die Künstler.“ „Lass Dir was einfallen“, habe er geantwortet. Karin Pott hat sich den IG ­Metall Kunstpreis einfallen lassen und ihn organisiert. Das war 1989. Es gibt ihn bis heute.

Gute Qualität – das ist das Prinzip 1991 starb der Leiter des Hauses am Lützowplatz, Konrad Jule Hammer. Karin Pott bewarb sich und übernahm ein Jahr später die Nachfolge. Da hat sie erstmal gründlich durchgelüftet, hat die Galerie für unterschiedliche Medien und Künstler geöffnet. Alt und jung, Etablierte und Nachwuchstalente und mehr Frauen. „Es muss gute Qualität sein, das ist das Prinzip“, sagt sie. Viel Arbeit sei all das und doch genau das Richtige für Pott: „Ich habe etwas gesucht, wo ich nicht in die Fußstapfen von anderen treten muss.“ Die erste von ihr kuratierte Ausstellung eröffnete im März 1993: Arbeiten der Malerin Elvira Bach. Während Karin Pott von all den Projekten der letzten Jahre erzählt, holt sie immer wieder die zugehörigen Kataloge aus dem Bücherregal. In ihrem Büro im Haus am Lützowplatz hat sie sie alle gesammelt. Bibliophile Ausgaben, keine gleicht der anderen. Früher habe es zu jeder Schau einen Katalog ge- S. 24

vorwärts-Impressum Die Sozialdemokratische Zeitung gegründet 1876 von W. Hasenclever und W. Liebknecht Herausgeberin: Andrea Nahles Redaktionsadresse: Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 610322, 10925 Berlin; Tel. 030/25594-320, Fax 030/25594-390, E-Mail: redaktion@vorwaerts.de Chefredakteur: Uwe Knüpfer (V.i.S.d.P.) Redaktion: Lars Haferkamp (Textchef); Dagmar Günther (CvD); Hendrik Rauch (Bildred.); Kai Doering (Redaktion), Yvonne Holl (App); Vera Rosigkeit (Online); Dr. Susanne Dohrn, Birgit Güll und Werner Loewe (redaktionelle Mitarbeit); Carl-Friedrich Höck und Marisa Strobel (Volontäre) Art Director und Fotografie: Dirk Bleicker Korrespondenten: Jörg Hafkemeyer (Berlin), Renate Faerber-Husemann (Bonn), Lutz Hermann (Paris) Geschäftsführung: Guido Schmitz Anzeigen: Nicole Stelzner (Leitung strategische Unternehmensentwicklung und Verkauf); Nele Herrmann Valente, Manfred Köhn, Simone Roch, Carlo Schöll, Franck Wichmann und Ralph Zachrau (Verkauf) Gültige Anzeigenpreisliste: Nr. 35 vom 1.1.2012 Verlags-Sonderseiten: verantw. Guido Schmitz Vertrieb: Stefanie Martin, Tel. 030/25594-130, Fax 030/25594-199 Herstellung: metagate Berlin GmbH Druck: Frankenpost Verlag GmbH, Poststraße 9/11, 95028 Hof Abonnement: IPS Datenservice GmbH, Postfach 1331, 53335 M ­ eckenheim; Tel. 02225/7085-366, Fax -399; bei Bestellung Inland: Jahresabopreis 22,– Euro; für Schüler/Studenten 18,– Euro; alle Preise inkl. Versandkosten und 7 Prozent MwSt.; Ausland: Jahresabopreis 22,– Euro zzgl. Versandkosten. Das Abo verlängert sich um ein Jahr, wenn nicht spätestens drei Monate vor Ablauf schriftlich gekündigt wird. Für SPD-Mitglieder ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten (bei Änderungen bitte an den SPD-UB wenden). Bankverbindung: SEB Berlin, BLZ 100 101 11, Konto-Nummer 174 813 69 00 Bei Nichterscheinen der Zeitung oder Nichtlieferung ohne Verschulden des Verlages im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Leistung, Schadensersatz oder Minderung des Bezugspreises. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos und Zeichnungen wird keine Haftung übernommen.


24  Kultur

Kunst ist ihr Leben: Seit 20 Jahren leitet Karin Pott das Haus am Lützowplatz.

Dennoch: „Viele von denen, die wir fördern, haben auch kein Geld“, sagt ­Katharina Schilling. Sie ist neben Karin Pott die einzige Angestellte. Sechs ­Ausstellungen im Jahr stellen sie auf die Beine. Ein Kraftakt, aber unerlässlich. „Künstler haben für Berlins Image als Kulturstadt gesorgt“, sagt Schilling. Die Existenz des Hauses ist gesichert. SPD und IG Metall haben Anfang der 90er Jahre Büroflächen zur Vermietung im Haus gestaltet. Die Kulturstiftung der Länder zog ein und die Kulturstiftung des Bundes hat hier einen Geschäftssitz. Inzwischen ist alles vermietet, das Geld aber dennoch knapp. Doch immerhin, das Haus gehört dem Verein. 76 Mitglieder hat er derzeit – und ist offen für mehr. „Das ist ein linker V ­ erein hier“, sagt Pott. Das kriegen die Künstler auch mit. Seit letztem Jahr hat der „vorwärts“ seine Beziehungen zum Haus am Lützowplatz gestärkt: Drei Mal im Jahr findet hier der vorwärts-Salon statt und bringt Politik und Kultur zusammen. Wie es im Haus am Lützowplatz seit den 60ern Brauch ist. n Haus am Lützowplatz Aktuelle Ausstellung Bettina Disler „me and maybe you“, bis 8. April 2012, Di-So 11 bis 18 Uhr hausamluetzowplatz-berlin.de

vorwärts galerie Zeitgenössische kunst exklusiv für vorwärts-Leser

B Eine Fotografie der ­Künstlerin Anja Doehring

Ja, ich kaufe Exemplare der

­Fotografie von Anja Doehring à 290,00 Euro, aufgezogen auf AluDibond (inkl. Mehrwertsteuer und Versand)

Name Straße PLZ, Ort Datum, Unterschrift

Anja Doehring Hartengrube 29-31 23552 Lübeck Tel. 0451/704820 foto@anjadoehring.de

jörn Engholm, der ehemalige SPD-Parteivorsitzende, wählt exklusiv für vorwärts-Leser junge Kunst zum Kauf aus. Auch bei dem zweiten Werk, das er vorstellt, hat er sich für eine Fotografie entschieden. Denn Fotografie galt lange nicht als künstlerisches Medium, sondern als trivial, „dabei ist sie das älteste, gleichsam das Initiationsmedium aller neuen medialen Technologien“. Rätselhaft ist das Werk der ­f reien Fotografin Anja Doehring: eine Straßenszene im Dämmerlicht, verwischt der Schatten eines vorbeifahrenden Autos. Brandmauern, ein phantasieloser Neubau, ein tristes Ladengeschäft mit leeren Fensterhöhlen. Beschwörung schwindender Geschichte. Die mit ihr befreundete Autorin Charlotte Kerner hat diese in einem Text festgehalten: Hier, auf Mallorca, stand einst die Wikiki-Bar, Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. n

vorwärts.de Rezensionen

dafür Sorge zu tragen, die Zukunft zu gestalten.

Die Favoriten mit den meisten »Klicks«

Mandatsträger brauchen Mut, ihr Mandat wahrzunehmen

Gisela Heidenreich Geliebter Täter. Ein Diplomat im Dienst der ‚Endlösung‘ Droemer Verlag, München 2011, 330 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-426-27432-3

Alexander Stein Adolf Hitler, Schüler der „Weisen von Zion“ Herausgegeben und ­eingeleitet von Lynn Ciminski und Martin Schmitt, ça ira Verlag, Freiburg 2011, 3 ­ 16 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-86259-103-9

David Ranan „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“ Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee Nicolai Verlag, Berlin 2011, 272 Seiten, 19,95 Euro ISBN 978-3-89479-689-1

Gesellschaft gestalten Rainer Knauber plädiert für mehr Fortschritt und eine Rückkehr des Politischen in den Alltag Von Heiko Maas, SPD-Landesvorsitzender und -Spitzenkandidat im Saarland

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ainer Knauber legt in seinem Buch dar, dass kategorisches Neinsagen offenbar kein neues Phänomen ist. Das Buch, vollgepackt mit lesenswerten historischen Hinweisen, zeigt deutlich, dass es sich hierbei wohl um einen typisch menschlichen Wesenszug zu handeln scheint. Von Goethes Mephisto, dem „Geist, der stets verneint“, bis zu Thomas Mann, der in seiner berühmten Analyse über das Wesen des Deutschen „das

Schimpfen, Speien und Wüten“ als das „Deutsche in Reinkultur“ benennt, spannt sich der Bogen des seit der Zeit der Frühindustrialisierung bekannten Phänomens des Maschinenstürmers.

Nicht Gegenwart verwalten, sondern Zukunft gestalten „Neinsagerland“ ist ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der sich Deutschland mehr und mehr dem Verwalten der Gegenwart hingeben will, ohne

„Neinsagerland“ ist aber auch deshalb ein wichtiges Buch, weil es auf ein Defizit in unserer Zeit hinweist, das es zu überwinden gilt: Es fordert die Politik und die Politikerinnen und Politiker auf, sich wieder ihrer wichtigsten Aufgabe zuzuwenden – nämlich durch eine aktive Rolle beim gesellschaftlichen Interessenausgleich politische Macht auszuüben. „Mandatsträger sollen den Mut haben, ihr Mandat wahrzunehmen“, fordert Knauber in seinem Buch. Ich möchte ergänzen: und dabei die Menschen mitzunehmen. Knauber ist als Generalbevollmächtigter eines Energieunternehmens mit Großprojekten betraut. Sein Buch ist ein Plädoyer für die Rückkehr des Politischen in den gesellschaftlichen Alltag, es ist ein Plädoyer für mehr Kommunikation auf dem Weg zu einem Konsens für mehr Fortschritt. n Rainer Knauber Neinsagerland Wege zu einem Konsens für Fortschritt vorwärts | buch Verlag, Berlin 2011 143 Seiten, 10 Euro ISBN 978-3-86602-436-6

Fotos: anja doehring, Dirk Bleicker (2)

geben, sagt Pott. Jetzt reiche das Geld nicht immer. Dennoch: Das Haus am Lützowplatz ist keine Verkaufs-Galerie, sondern eine Künstler-Förderung. So entwickelte Pott 1995 die Ausstellungsreihe „... and students“: Kunst-Professoren stellen g ­ emeinsam mit ihren Studenten aus. Marina Abramovic´ war mit ihrer Klasse ebenso hier wie Rebecca Horn. Außerdem überließ Pott die Studiogalerie Künstlern ein ganzes Jahr lang zum Bespielen. 10 000 Mark bekamen sie dafür und konnten sich austoben. Im Moment reicht das Geld für derartige Projekte nicht.

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Historie 25

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1892: Die Beschlüsse von Halberstadt (o.) legten die Grundlage für die Bildung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes im Jahr 1919 durch Carl Legien (l.)

zum kampf bereit vor 120 Jahren Erster Kongress der Gewerkschaften Deutschlands in Halberstadt Von Peter Rütters

Fotos: SZ Photo/S.M., interfoto/Oliver J. Graf

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ie Bildung von Gewerkschaften konnte das Sozialistengesetz von 1878 nicht verhindern. Dies schafte auch nicht die auf soziale Harmonisierung zielende Bismarcksche Sozialversicherungspolitik. Im Gegenteil: Angesichts der forcierten Industrialisierung Deutschlands im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es gegen Ende der Repressionsperiode 1890 sechs mal so viele Mitglieder sozialdemokratischer, freier Gewerkschaften wie zu deren Beginn. Trotz dieses Erfolgs standen die noch ungefestigten Gewerkschaften relativ schutzlos Massenaussperrungen, verlustreichen Arbeitskämpfen und der Gründung von Anti-Streik-Vereinen der Unternehmer gegenüber. Die Gewerkschaften reagierten auf diese ihre Existenz bedrohenden Organisationsprobleme mit der Einrichtung einer provisorischen „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“ (1890). Neben der Unterstützung der Gewerkschaften bei der Mitgliederwerbung und bei Arbeitskämpfen sollte die Generalkommission einen allgemeinen Kongress der Gewerkschaften vorbereiten und einberufen. Dieser „Erste Kongress der Gewerkschaften Deutschlands“, auf dem 208 Delegierte etwa 300 000 Gewerkschaftsmitglieder vertraten, fand vom 14. bis 18. März 1892 in Halberstadt statt. Von dem Kongress gingen weg­ weisende Weichenstellungen für die organisationspolitische Entwicklung der freien Gewerkschaften aus. Die Mehrheit der Delegierten erteilte autonomen Lokalverbänden, die ökonomische und politische Interessen zugleich vertraten,

eine Absage. Stattdessen votierten die Delegierten für die Bildung reichsweiter Zentralverbände als verpflichtendes ­Organisationsprinzip der Gewerkschaften. Auf dieser Entscheidung basierte die zukünftige Arbeitsteilung zwischen SPD und Gewerkschaften. Aber erst nach zähem Ringen konnten die Gewerkschaften den Führungsanspruch der Partei zurückweisen und die Anerkennung als gleichberechtigte Organisation durchsetzen. Ebenso befürworteten die Delegierten in Halberstadt den Berufsverband als Organisationsprinzip der Zentralverbände, da die Gewerkschaften noch überwiegend handwerklich geprägte Facharbeiter in Kleinbetrieben rekrutierten. Zukunftsweisend war der Kompromiss, die Bildung von Industrieverbänden zu erlauben. Auf lange Sicht wurde so ein Organisationsprinzip akzeptiert, das bereits im Kaiserreich einzelne Verbände anwandten. Während der Weimarer Republik grundsätzlich angestrebt, bestimmte dieses Prinzip nach dem Zweiten Weltkrieg den Neuaufbau der Gewerkschaften. Zukunftsweisend war schließlich der Kongressbeschluss, die provisorische Generalkommission als überverbandliches Gremium weiterzuführen. Carl Legien verstand es, das anfänglich einflussarme Büro zum Zentrum der freien Gewerkschaften auszubauen. 1919 entstand hieraus der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB). n Dr. Peter Rütters ist Dozent am Otto-SuhrInstitut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.


26  Rätsel

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kreuzworträtsel Die Fragen und das Kreuzworträtsel darunter ergeben die Lösung.

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In einer von Männern... dominierten Welt war sie wohl die erste Frau, die tatsächlich fast unbegrenzte Macht ausübte. Allerdings erst nach dem Tod ihres Bruders und Mitregenten, der jedoch früh verstarb. In Erinnerung blieb sie aber wegen ihrer spektakulären Liebschaften und der Umstände ihres nicht minder spektakulären Todes. 1

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Vermutlich... so genau weiß man es nicht, ist sie in einer Stadt geboren, die zu ihrer Zeit schon Jahrtausende alt war und heute über vier Millionen Einwohner hat. Berühmt war die Metropole für ein Weltwunder und die größte Bibliothek der Welt, die man heute allerdings beide aufgrund eines Brandes und eines Erdbebens vergeblich suchen wird. 2

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Es gibt zwei Wege, das Preisrätsel zu lösen: Ratefüchse beantworten zuerst die beiden Fragen. Der siebte und neunte Buchstabe des ersten Lösungswortes sowie der zweite, dritte und achte Buchstabe des zweiten Lösungswortes e ­ rgeben in der richtigen Reihenfolge die Lösung. Es geht aber auch einfacher: Die grauen Felder im Kreuzwort­rätsel e ­ rgeben in der ­richtigen Reihenfolge das Lösungswort. Gesucht wird eine alte Währungseinheit. 1 1

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Von Lothar Pollähne

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WAAGERECHT

Wer war’s?

Als OB war er eine Legende und galt als der »Mann der kleinen Leute mit dem Gespür für Großes«

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1981: Der Gesuchte, Minister Diether Posser und Ministerpräsident Johannes Rau aus NRW gratulieren ZDF-Chef Reinhard Appel zum Bundesverdienstkreuz.

28 Durchsichtsbild(Kzw.) 29 fleißig,unermüdlich 1 Damenreitpferd; Camper 30 TeileinerPflanze 6 untersterStabs- 31 Wursthaut offizier 32 landwirtschaftlicher 9 englischesBier Betrieb 10 akustischesAuto- 34 unaufhörlich; signalgerät unbegrenzt 11 längeresRuder 37 inBesitznehmen, (Seemannssprache) besetzen 13 Greifvogelnest 39 jederohneAusnahme 16 KurortimKanton Wallis 40 ungekocht 18 sächsischePorzellan- 41 große,meist stadtanderElbe bischöflicheKirche 21 nordafrikanischer 42 dünnesBlättchen, Staat Scheibe 25 ausdemWeggehen 43 kleinesLasttier

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SENKRECHT

18 Schauspieler

1 slawischer Herrschertitel 2 AuslesederBesten 3 seemännisch: Windschattenseite 4 Lebensbund 5 inFaltenlegen, krausen 6 inhöheremMaß, ingrößererMenge 7 Rechtswissenschaft 8 AusflugzuPferde 12 BreiausFrüchten, Kartoffeln 14 Kalifenname 15 Zank,Auseinandersetzung 17 schmal;begrenzt

19 Schreitvogel,Sichler 20 pulverigzerriebenes Holz 22 hasten 23 nurgeistigvorhanden 24 Feuchtigkeit 26 aufwärts,nachoben 27 SoßezumEintunken 30 BildlochderKamera 32 reichanLicht 33 Gestalt,Äußeres 35 Brettspiel 36 StadtimSauerland (NRW) 38 heftigerWindstoß

Die richtige Lösung schicken Sie bitte bis zum 16. März 2012 per Post an vorwärts, Postfach 322, 10925 Berlin oder per E-Mail an raetsel@vorwaerts.de. Bitte Absender nicht vergessen und ausreichend frankieren! Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir zehn Bücher.

m Juni 1984 lässt er an den Ausfallstraßen seiner Stadt Schilder aufstellen, auf denen der Verzicht auf Atomwaffen gefordert wird. Als der Regierungspräsident die Entfernung der Schilder fordert, erklärt er, es seien „keine Mitarbeiter verfügbar“. Deutschlands seinerzeit populärster Oberbürgermeister ist ein Schlitzohr, das seine Ämter und Mandate nach der Devise „leben und leben lassen“ ausübt. Seine Volkstümlichkeit ist bis heute legendär. Alle kennen ihn, alle duzen ihn und er duzt alle, egal ob Marktfrau oder Kardinal. In die Wiege ist ihm das nicht gelegt. Sein Vater ist Landarbeiter. Mit Unterstützung des Ortspfarrers kann er Abitur machen und ein Volontariat beginnen. Nach sechs Jahren Kriegsdienst und zwei Jahren französischer Gefangenschaft kann er seine journalistische Ausbildung fortsetzen und wird Redakteur einer sozialdemokratischen Lokalzeitung. In der SPD ist er seit 1948. 1955 wird er in den Landtag gewählt, dem er 20 Jahre angehören wird. 1965 wählt ihn der Rat seiner Heimatstadt zum Oberbürgermeister. Als er nach 22 Jahren abtritt, hat der „Mann der kleinen Leute mit dem Gespür für Großes“, seiner Stadt seinen Stempel aufgedrückt. 1974 jedoch droht Ärger: Der Rathausneubau kostete 22 Millionen Mark mehr als geplant. Aus Angst vor Beschimpfungen will er auf den Besuch eines Weinmarktes verzichten. Doch die Bürgerinnen und Bürger ermuntern ihn mit den Worten: „Komm, Kopf hoch!“ Hochgeehrt und geachtet stirbt er nach „schönen Jahren“, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, am 6. März 2002. n Unter allen Einsendern verlosen wir eine vorwärts-Tasche. Bitte schicken Sie das Lösungswort mit dem Stichwort „Wer war’s“ bis 16. März 2012 per Post oder per E-Mail an: redaktion@vorwaerts.de

Historisches Bilder-Rätsel Die Lösung des Bilder-Rätsels aus der vergangenen Ausgabe lautet: Heinz kühn Die vorwärts-Tasche hat gewonnen: Günter Durst, 52477 Alsdorf

Gewinner

Die Lösung des jüngsten Preisrätsels lautete: ARTE Gesucht wurden außerdem: Martin und Eschweiler Jeweils ein Buch gewannen: ­

Margit Schwarz, 50259 Pulheim Jan Hoekstra, 49565 Bramsche Irene Christ, 74211 Leingarten Christian Kuly, 57319 Bad-Berleburg Lutz Glöckler, 35582 Wetzlar Bernd-M. Deckert, 12357 Berlin Monika Beyer, 41462 Neuss Veronika Reier, 96332 Pressig Barbara Israel, 22307 Hamburg Florian Korb, 63165 Mühlheim/Main

Foto: dpa Picture-Alliance / Wilhlem Leuschner

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Das Allerletzte 27

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Toll war es trotzdem, irgendwie berichte aus der jugend Damals fanden wir die Clique um Jürgen ziemlich doof und wähnten uns selbst auf der richtigen Seite. Rückblickend völlig zu Recht natürlich Von Martin Kaysh

Illustration: christina Bretschneider

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ücher zum Thema Jugend verkaufen sich wohl gut. Nach dem Erfolg der „Generation Golf“ entdeckten die Verlage in kürzer werdenden Abständen die Generationen Praktikum, Porno, Facebook, X, ich und doof. Die Berichte aus der Jugend haben meistens kaum die Aussagekraft einer Bild-Zeitung von vorgestern und die Relevanz des „Neuen Deutschland“ aus den 80er Jahren. Flotter geschrieben als das SED-Blatt sind sie, aber die aufgekratzte Lustigkeit dieser Literatur ist kaum erträglicher als Lobhudelei auf ZK-Niveau. Über die Jugend verraten sie nichts. In diesem Genre ist der Bestseller von heute der Ramsch von morgen. Da stehen die topaktuellen Jugendanalysen Diätbüchern nahe und Manage-

mentratgebern, die gerne von BWL-Absolventen in Finanzstrukturvertrieben gelesen werden. Seltsamerweise hört man irgendwann auf, Generation zu sein. Spätestens dann ist man erwachsen. Ich überlege, welcher ich angehörte. „Null Bock“ muss das gewesen sein, bzw. „No Future“. Klar, Punk fand ich ziemlich cool, oder sagte man damals noch geil? Aber einen Teufel hätte ich getan, mir Rasierklingen durchs Gesicht zu ziehen, demonstrativ Büchsenbier zu saufen und in versifften Kellerräumen nicht Gitarre spielen zu können. Ich war sogar mal ein paar Jahre Juso, und ganz ehrlich: Zu den Coolsten auf dem Schulhof gehörte ich damit nicht. Toll war es trotzdem, irgendwie.

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Irgendwann hört man auf, Generation zu sein. Spätestens dann ist man erwachsen. Martin Kaysh

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Dass es eine Uniformität der Jugend nie gegeben hat, kann sich jeder selbst in Erinnerung rufen. Damals, da fanden Sie doch die Clique um Jürgen, die Typen um Stefan oder die Mädels von Moni ziemlich doof und wähnten sich selbst auf der richtigen Seite. Rückblickend völlig zu Recht natürlich. Als Älterer sollte man sich allerdings bei der Bewertung „der Jugend von heute“ zurückhalten. Ziemlich schnell liegt man daneben. Neulich traf ich in der Innenstadt auf ein Häufchen junger Menschen, 15, 16 Jahre alt. Ich will nichts unterstellen. Aber mein Fahrrad schloss ich sorgfältig ab und mied Blickkontakte, als einer der Jungs ein Mädchen anbrüllte: „Schtzngrmm, schtzgrmm, tt-t-t, t-t-t-t. Dat is Jandl, den kennze wohl nicht?!“ „Ja sicha kenn´ ich den“, antwortete eingeschüchtert die Angeschriene. „Kennze nich! Der ist nämlich tot! tzngrmm, tzngrmm, tzngrmm.“ Zuhause habe ich nachgeschaut. Der Junge hatte das berühmte Gedicht von Ernst Jandl völlig korrekt rezitiert. Performt, würde er sagen.n Martin Kaysh ist Kabarettist, Alternativkarnevalist („Geierabend“) und ­Blogger. Er lebt im Ruhrgebiet, freiwillig.

seit wärts Links und rechts und diagonal

Öh, Def? Was wird'n das hier, wenn's fertig ist?

Ah! Grüß dich, Anton. Wir machen hier unsere eigene Politik-Zeitung, nennt sich diagonalwärts.

Isch glob, 's hackt! Das einzische wahre polidische Programm hat de nationale Jugendtreff!! DA wird angepackt!

Is 'n spannendes Projekt! Wir hinterfragen kritisch aktuelle politische Themen und machen Artik…

UNSERE politischen Aktionen sind viel besser als eure!

Nö, uns're sin' nämlisch besser als wie ob EURE!!

So 'n Quatsch! Alles Wischi-waschiSülze!!

Ich geh jetzt politisch aktiv werden!

Das einzig wahre Programm für politisch interessierte junge Leute bietet der sozialistische Jugendtreff!!

Nö, ICH geh jetz' viel polidischer aktief werden!!

Heh! Weg hier! Das Auto abzufackeln, is aber schon MEIN politisches Statement!

von David Füleki Da werden die Probleme noch ordentlich mit Tatendrang angegangen!

Nö, das is MEIN viel besserer polidischer Statement!!

Was?!


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Think Blue.

Think Blue: weiter denken, weiter kommen. Einen guten Gedanken zu haben ist das eine. Ihn umzusetzen das andere. Beides zusammen bedeutet für uns „Think Blue.“: die Idee, gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft zu sorgen. Menschen zu verantwortungsvollem Verhalten zu bewegen. Zu entdecken, dass ökologisches Handeln Spaß machen kann. Und nicht zuletzt die stetige Verbesserung unserer Technologien. Wie das aussehen kann, zeigen wir mit unseren BlueMotion-Modellen, die regelmäßig für neue Rekorde bei Reichweite und Verbrauch sorgen. Übrigens: Mehr Informationen zu „Think Blue.“ finden Sie unter www.volkswagen.de/th www.volkswagen.de/thinkblue und in der kostenfrei erhältlichen „Think Blue. World.“ iPad-App.

Think Blue.

TB2012_BB_225x323vo.indd 1

24.02.12 15:41

vorwärts März 2012  

Zeitung der deutschen Sozialdemokratie. Titel: Jugend in Deutschland. Joachim Gauck: Warum er unser Präsident wird. Egon Bahr wird 90

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