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April 2011

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VORWÄRTS.DE: DAS TAGESAKTUELLE DISKUSSIONSPORTAL

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I T LLE B E ÜR A A RSS – F E R MU D EN T OH N E R ER L W WI ED ER H D SI E SIC

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D I E Z E I T U N G D E R D E U T S C H E N S O Z I A L D E M O K R AT I E

GEGRÜNDET 1876

6 ite Se ab

TAGE, DIE ALLES VERÄNDERN

FOTOS: DPA

Die Katastrophe von Japan

04 4 197407 502506


SPD Gruppenreisen ZUM 1.MAI – INS „ROTE WIEN“

28. 4.–2. 5. 2011 5 Reisetage

Rundreise ab Istanbul – der Metropole am Bosporus ßber Troja zu den Ausgrabungen von Pergamon, Milet und Didim.

Inklusive Flug ab vielen dt. Flughäfen, 4 Nächte im 4*-Hotel mit Frßhstßck, Besuch der Veranstaltungen zum 1.Mai, Parlamentsbesichtigung u.v.m.

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Von der Tibetanischen Exilregierung in Dharamsala zu den wunderschÜnen Stränden Goas. Mit exklusiver Audienz beim Dalai Lama!

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04/2011

INHALT 3

vorwärts

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BRENNPUNKT JAPAN TAGE, DIE ALLES VERÄNDERN AKW-Debatte: Sigmar Gabriel fordert Taten statt Worte TITEL ARBEIT MUSS SICH WIEDER LOHNEN – FÜR ALLE

4 Nach der Katastrophe in Japan: SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert Taten statt Worte

6 7 8 9 10 11

WER ARBEITET, BRAUCHT MEHR ALS GERECHTEN LOHN Susanne Dohrn: STEUERN – JOBS SCHAFFEN MIT ABGABEN Kurt Beck: ARBEITSMARKT – DAS KANN SO NICHT BLEIBEN Kai Doering: BERUFSEINSTIEG – FIT FÜR DIE ARBEITSWELT Birgit Güll: PRAKTIKA – STUDIERT UND AUSGEBEUTET Yvonne Holl: EIN-EURO-JOB – HILFSKRAFT AUF LEBENSZEIT

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KOLUMNEN GLOBAL GEDACHT – Rafael Seligmann BERLINER TAGEBUCH – Uwe Knüpfer DIE FRÜCHTE DES ZORNS – Bernhard Schlink ZWISCHENRUF – Reinhard Erös DAS LETZTE – Martin Kaysh

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PARTEI LEBEN! CHEFSACHE – MANUELA DIREKT PRAXISTAGE – SOZIALDEMOKRATISCHE PRAKTIKANTEN OV-PORTRÄT – DIE BRACHE ZUM LEBEN ERWECKEN HEIKO MAAS – „MEHR DEMOKRATIE“ PORTRÄT – UWE HÜCK, DER DISZIPLINATOR

6 Der Wert der Arbeit: Warum sie sich wieder lohnen muss – für alle

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ILLUSTRATION: CHRISTIANE PFOHLMANN; FOTOS: REUTERS, DPA DIRK BLEICKER (2), MARTIN STRZEDULLA

Die Früchte des Zorns: Bernhard Schlink über die Krise der Demokratie

WIRTSCHAFT BEHINDERTE: Fünf Sterne für die Menschlichkeit GUT GEMACHT: Mondragon – wo alle Chef sind MEINE ARBEIT: Friseurin – manchmal Engel sein LEIHARBEIT – ENDE DES DUMPINGBOOMS – von Ursula Engelen-Kefer

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KULTUR BÜHNE ZUM GLÜCK – JobAct im Theater Bochum THE KING’S SPEECH – Filmkritik von Sabine Heideler KULTURTIPP – von Nils Schmid REZENSIONEN – von Birgit Güll und Kai Doering

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HISTORIE JEDEN TAG EIN KLEINES POMPEJI – von Karsten Rudolph WER WAR’S? – von Lothar Pollähne

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NEWS LESERBRIEFE PARLAMENT IMPRESSUM HISTORISCHER COMIC RÄTSELSEITE SEITWÄRTS

15 Praxistage im Gesundheitswesen: Astrid Klug hospitierte, wie 220 andere SPD-Politiker

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VORWÄRTS-REGIONAL IM APRIL BERLIN: TEMPELHOF-SCHÖNEBERG

LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER! Dieser „vorwärts“ war fast druckfertig, als in Japan die Welt ins Wanken kam. Erdbeben, Tsunamis und Atomkatastrophe ließen apokalyptische Bilder um die Welt gehen. Wir räumten eilig zwei Seiten frei, tauschten das Titelbild aus. Mehr zu tun, hätte keinen Sinn gehabt: Bis der „vorwärts“ bei Ihnen ankommt, vergeht oft eine ganze Woche. Niemand kann heute (Montag, 14. März) voraussagen, was sich in dieser Zeit in Japan noch ereignen wird. Andere Medien werden die Lücke füllen. Sicher ist schon jetzt: Die Diskussion über die Nutzung der Atomenergie hat sich gedreht. Wenn sogar die gründlichen Japaner überfordert sind, steht fest: Ähnlich Goethes Zauberlehrling übernimmt die Menschheit sich, wenn sie glaubt, die Urkraft des Atoms entfesseln und zugleich im Griff behalten zu können. Dieser „vorwärts“ hält die Fakten fest, so nüchtern, wie dies angesichts der bewegenden Bilder aus Japan möglich ist. Grundsätzlich wandeln muss sich auch unser Umgang mit Arbeit. Dem ist unser ursprüngliches Titelthema gewidmet. Das Sie hoffentlich so rege diskutieren und kommentieren werden wie das Heft zum Weltfrauentag. Herzlichen Dank übrigens für das vielfältige Lob, das die Gastautorinnen und uns erreicht hat! Auch mit diesem Heft führen wir wieder neue Rubriken ein. Hans-Peter Bartels geht im „Wörterbuch der Politikverdrossenheit“ ab sofort Vorurteilen auf den Grund. Im Ressort "Partei Leben!" stellen wir jetzt jedes Mal einen Menschen vor, der ganz frisch der SPD beigetreten ist. Drittens schließt ein Comic die Ausgabe ab. Der junge, begabte Zeichner David Füleki lässt in „seitwärts“ Jugendliche auf Politik reagieren – auf ihre ganz eigene Weise. Denn die wahre Welt ist bunt. ■

Herzlichst

28 Bühne zum Glück: Wie ein Theater bei der Suche nach Ausbildungsplätzen hilft

Redaktionsschluss 14. März 2011

Uwe Knüpfer Chefredakteur


4 BRENNPUNKT

vorwärts 04/2011

MEINUNGSWECHSEL?

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Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist verantwortbar und vertretbar.

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Angela Merkel

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Naoto Kan, Japans Premierminister am 11. März 2011

»

Wir rufen den atomaren Notstand aus.

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Naoto Kan, einige Stunden später

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Wir haben nicht mit einer so hohen Welle gerechnet.

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Yoichi Fujii-e, Ex-Vorsitzender der japanischen Atomenergiekommission

»

Das Unglück dort stellt die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke hier nicht in Frage.

«

Michael Fuchs, stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

»

Fukushima ist überall.

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Der Spiegel

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Eine Technik wie Atomkraft, die hundertprozentige Sicherheit erfordert, entspricht nicht dem Maß des Menschen.

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Nikolaus Schneider, EKD-Ratsvorsitzender

SPENDEN Aktion Deutschland hilft Bündnis von AWO International, ASB, Die Johanniter, Malteser u.a. Bank für Sozialwirtschaft Konto: 10 20 30 BLZ: 370 205 00 Stichwort: Erdbeben / Tsunami Japan

Satellitenfoto: Die Aufnahme zeigt den Reaktor Fukushima I nach der zweiten Explosion am 14. März.

Nach dem Tsunami: Eine Überlebende vor den Trümmern ihres Hauses in Kesenuma, 300 km nördlich von Tokio

Suche nach Überlebenden: in der Stadt Kesenuma.

TAGE, DIE ALLES VERÄNDERN JAPAN Erdbeben, Tsunami, GAU – eine unfassbare Kette von Katastrophen erschüttert das Land. Die Zahl der Opfer ist riesig, die Folgen sind nicht absehbar Von Yvonne Holl

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rdbeben sind in Japan an der Tagesordnung. Ursache sind zwei Erdplatten, die vor der Ostküste Japans in zehn Kilometer Tiefe aufeinanderprallen. Doch diesmal ist alles anders. Schlimmer. Es beginnt am Freitag, den 11. März, um 14.45 Uhr Ortszeit. In Deutschland ist es früher Morgen, 6.45 Uhr. Es bebt. Länger und schwerer, als es die Inselbewohner jemals erlebt haben. Seismologen messen eine Stärke von 9. Für die Pazifikküste erfolgt aufgrund des Bebens eine Tsunami-Warnung. Das japanische Kabinett trifft sich zur Krisensitzung. Und die Erde steht noch immer nicht still, alle paar Minuten erschüttern Nachbeben das Land. In Tokio stellen U-Bahn und Schnellzüge den Verkehr ein. Gegen 16 Uhr, in Deutschland ist es 8 Uhr morgens, trifft der Tsunami auf die Küste. Zehn Meter hohe Wellen reißen mit extrem hoher Geschwindigkeit Schiffe, Häuser und Menschen mit sich. Überlebende retten sich auf noch verbliebene Hausdächer. Besonders betroffen sind die Hafenstadt Sendai sowie die Region Fu-

DER STÖRFALL IST DIE REGEL Die folgenschwersten Atomunfälle 28. März 1979 140 000 Menschen müssen evakuiert werden, als es im Atomkraftwerk Three Mile Island (US-Bundesstaat Pennsylvania) zu einer partiellen Kernschmelze kommt.

kushima. Dort werden zwei Atomkraftwerke betrieben: Fukushima I mit sechs Reaktorblöcken und Fukushima II mit vier Blöcken. Japans Ministerpräsident Naoto Kan erklärt am Nachmittag, die AKW seien automatisch heruntergefahren worden, die Lage in den Anlagen sei normal. Immer neue Nachbeben erschweren die Rettungsarbeiten. Die Wassermassen der Tsunamiwellen sind bis zu fünf Kilometer ins Landesinnere gedrungen. An der Börse rutscht der Nikkei-Index deutlich ab. Am Abend überschlagen sich die Ereignisse: Im AKW Fukushima I bricht ein Feuer aus. Nachbeben im Land erreichen Stärken von bis zu 7,1. Die Stadt Soma wird Opfer eines Tsunamis mit Wellen von mehr als 7 Metern Höhe. Um 20.30 Uhr Ortszeit ruft Ministerpräsident Kan „als Vorsichtsmaßnahme“ den atomaren Notfall aus und ordnet Evakuierungen an. Kurz vor 23 Uhr explodiert eine Erdölfabrik nahe der verwüsteten Hafenstadt Sendai. Aus Fukushima kommt die August 1979 Aus einer geheimen Atomanlage im USBundesstaat Tennesse tritt Uran aus. Etwa 1000 Menschen werden verstrahlt. Januar bis März 1981 In dem Zeitraum tritt vier Mal Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk Tsuruga in Japan aus. Nach offiziellen Zahlen werden dabei 278 Menschen verstrahlt. 26. April 1986 Die bisher schwerste Reaktor-Katastro-

Nachricht, dass die Kühlung des AKW I nur noch über Batteriebetrieb läuft. Der Samstag bringt Japan keine Ruhe. Die Erde bebt weiter und die Angst vor einer dritten, einer nuklearen Katastrophe wächst. Am Nachmittag kommt es zu einer Wasserstoffexplosion in Reaktorblock 1. Verzweifelt arbeiten die Ingenieure an der Kühlung, bekommen das Problem aber nicht in den Griff. Am Montag gibt es zwei Explosionen in Block 3. Rund 200 000 Menschen wurden inzwischen in Sicherheit gebracht. Derweil wird das Ausmaß der Naturkatastrophen immer deutlicher: Millionen Japaner sind ohne Trinkwasser, Lebensmittel und Benzin. Strom wird rationiert. In Opfer-Schätzungen ist von zehntausenden Toten die Rede. Und der Schrecken nimmt kein Ende: Dienstagfrüh (japanischer Zeit) explodiert mit Block 2 der 3. Reaktor. Erstmals warnt die japanische Regierung offen vor radioaktiver Gefahr. Die Auswirkungen sind bis Redaktionsschluss des „vorwärts“ am Montagabend nicht absehbar. ■ phe ereignet sich im ukrainischen Tschernobyl. Eine Explosion im Reaktor führt zum Austritt einer riesigen radioaktiven Wolke. Veröffentlicht wird der GAU erst, als Nordeuropa erhöhte radioaktive Werte verzeichnet. Direkt in Tschernobyl wird zweihundert Mal so viel Strahlung freigesetzt wie durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Hunderte Helfer am zerstörten Reaktor sterben an den Folgen der Strahlung. Insgesamt erleiden 600 000 Menschen eine erhöhte Strahlendosis und 60 000 sterben an Krebs.

, FOTOS: DPA (3), REUTERS, HOLGER SCHNAARS

Es tritt keine radioaktive Strahlung aus.


04/2011

BRENNPUNKT 5

vorwärts

»

Wir können nicht so tun, als seien Atomkraftwerke in Deutschland absolut sicher. Wer dies tut, lügt sich in die Tasche.

«

Kurt Beck

» Test auf erhöhte Radioaktivität: In Fukushima werden auch Kinder mit Geiger-Zählern untersucht.

Gabriel vor dem Kanzleramt: In Deutschland demonstrieren am 14. März 110 000 Menschen gegen Merkels Atom-Politik.

»LASSEN WIR UNS NICHT BLENDEN, DER ATOMAUSSTIEG MUSS JETZT BEGINNEN« DEUTSCHLAND Merkels AKW-Moratorium folgt einer durchschaubaren Taktik: Schwarz-Gelb will sich über die kommenden Landtagswahlen retten Von Sigmar Gabriel

D

ie Folgen der tragischen Naturkatastrophe in Japan haben in erschütternder Deutlichkeit gezeigt: Das Risiko eines GAUs ist keine theoretische Rechengröße. Weder beherrschen wir Menschen die Natur, noch sind wir fehlerlos. Atomkraftwerke sind nicht sicher, weder vor menschlichem Versagen, noch vor Technikfehlern, Naturereignissen oder terroristischen Attacken. Daher ist die Nutzung der Atomkraft nicht verantwortbar. Fukushima ist ein Symbol für den Irrweg einer hochriskanten Energiepolitik geworden. Das Atomzeitalter ist seit dem 12. März 2011 Geschichte, obwohl wir seine Lasten noch über Generationen hinweg zu tragen haben. Dies ist nicht der Moment der Rechthaberei. Die SPD kämpft seit Jahrzehnten für den Ausstieg aus der Atomkraft. Wir haben mit dem Atomkonsens 2001 eine Vereinbarung mit den Energieversorgern getroffen, die einen geordneten Abschied von der Atomenergie vorsah. Dieser Ausstieg ist von Union und FDP wider besseres Wissen um die Risiken rückgängig gemacht worden. Stattdessen wurden die Laufzeiten der deut-

schen AKWs im „Herbst der Entscheidungen“ in einer nächtlichen Hinterzimmeraktion verabredet und mit der schwarz-gelben Mehrheit im Bundestag durchgesetzt.

Scheinbares Eingehen auf Ängste Wenn jetzt – nach den schrecklichen Ereignissen von Fukushima – die Regierung Merkel die Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten wortreich für drei Monate „aussetzt“, dann offenbart sie damit ein taktisches Verhältnis zur Wirklichkeit. Das scheinbare Eingehen auf Ängste der Menschen und die immer gleichen Beschwichtigungsversuche sind allein von der Furcht vor Niederlagen bei den anstehenden Landtagswahlen getrieben. Wer mit berechtigten Ängsten der Menschen allein unter wahltaktischen Gründen hantiert, beschädigt das Vertrauen in die demokratische Willensbildung. Grundsatzfragen wie die Nutzung der Atomkraft dürfen nicht von Landtagswahlterminen abhängen! Die Position der SPD ist eindeutig: Wir fordern die Bundesregierung auf, zum Ausstiegsbeschluss der Regierung

Schröder zurückzukehren. Die ältesten Atomreaktoren müssen umgehend vom Netz. Für alle übrigen Atomkraftwerke muss es eine schnellstmögliche Sicherheitsüberprüfung nach dem von Umweltminister Trittin und mir bis 2009 erarbeiteten kerntechnischen Regelwerk (KTR) geben. Wir brauchen nach den Ereignissen von Fukushima keine Grundsatzdebatte über die Risiken der Atomenergie, sondern grundsätzliche und konkrete Entscheidungen zum Schutz und zur Sicherheit unserer Bevölkerung.

Der Ausstieg muss jetzt beginnen Lassen wir uns nicht blenden von den Beschwichtigungen der Atomindustrie und von Schwarz-Gelb. Der Ausstieg aus der Atomkraft muss endlich beginnen, endgültig und überall. Wir müssen die Chancen der Erneuerbaren Energien nutzen: als technologische Revolution, aber auch als Jobmotor für sichere, zukunftsfähige Arbeitsplätze. Deutschland darf der Energiewende nicht länger im Wege stehen, sondern muss mutig vorangehen. Keine andere Position wird auch moralisch vor kommenden Generationen Bestand haben. ■

Nur einmal alle 250 000 Jahre, so lernte man 1985 für das bayerische Abitur, brennt ein Reaktorkern durch. Heute – 750 000 Jahre später…

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Reizzentrum auf Twitter

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Es gibt weltweit noch kein einziges Endlager. Wieso hakt da niemand ein? Ich flieg doch auch nicht Flugzeug vor der Erfindung der Landebahn.

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Michael Aichberger, Twitter

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Ich erwarte, dass Kollege Röttgen zurückgepfiffen wird.

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Stefan Mappus (CDU) fordert im Mai 2010 eine zügige Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke

» Das Gelände des Kernkraftwerkes ist bis heute gesperrt. April 1993 In der geheimen Wiederaufbereitungsanlage Tomsk-7 in Westsibirien werden nach einer Explosion unter anderem Uran-235 und Uran-237 frei. Das Ausmaß der Schäden ist unbekannt. November 1995 Aus einem benachbarten Reaktor des Unglücksmeilers in Tschernobyl entwei-

chen beim Abbau von Brennmaterialen große Mengen Radioaktivität. Die Behörden versuchen wieder, den Vorfall zu verheimlichen. 11. März 1997 37 Menschen werden nach einem Brand und einer Explosion in der japanischen Aufbereitungsanlage Tokaimura in Tokio der Strahlung ausgesetzt. 30. September 1997 In Tokaimura ereignet sich der bis dahin

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schlimmste Atom-Unfall in der Geschichte Japans. Um Zeit zu sparen wurde in einen Auffülltank zu viel Uran gegeben, mit der Folge, dass 600 Menschen verstrahlt werden und 320 000 evakuiert werden müssen.

Mappus weg!"

9. August 2004 In der Atomanlage in Mihama, westlich von Tokio, tritt zwar kein radioaktives Material aus, aber extrem heißer Wasserdampf tötet vier Arbeiter und verletzt sieben weitere.■

Wir sind am 12. März Zeugen des Endes des Atomzeitalters geworden.

Demonstranten auf dem Stuttgarter Schlossplatz am 12. März 2011

»

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Sigmar Gabriel


6 TITEL

vorwärts 04/2011

ARBEIT MUSS SICH WIEDER LOHNEN WERT UND WÜRDE Wer arbeitet, braucht mehr als gerechten Lohn. Er braucht Achtung und Respekt, Lob und Anerkennung. Wer so »honoriert« wird, träumt nicht länger von der »Freizeitgesellschaft«

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as Schlaraffenland ist nicht das Paradies. Wir verwechseln da was. Kein Mensch wird glücklich, wo Milch und Honig zum Nulltarif fließen. Denn erstens gibt es dieses Land nicht, und zweitens wären wir dort überflüssig. Wir würden depressiv. Arbeit gibt dem Leben Sinn, Richtung und Zweck. Indem er arbeitet, wird der Mensch zum sozialen Wesen. Ganz gleich, ob er Häuser baut oder Gebrechliche pflegt, ob er hämmert, Gedichte schreibt oder Windeln wechselt: Sein Tun verbindet ihn mit anderen. Arbeit verlangt Leistung und Opfer. Arbeit ist gerade deshalb aber auch erfüllend. Sie verschafft Anerkennung und Befriedigung. Wer arbeitet, ist dadurch Teil eines größeren Ganzen. Indem er für seine Arbeit gelobt, bewundert und entlohnt wird, entwickelt der Mensch ein Gefühl für seinen eigenen Wert.

Diese simple Wahrheit scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Wie wäre es sonst möglich, dass „strukturelle Arbeitslosigkeit“ als normal hingenommen wird? Dass Unternehmen Mitarbeiter „frei“ zu stellen behaupten, wenn sie ihnen ihre Arbeit nehmen? Dass es zum guten Ton gehört zu fragen: Wie lange musst Du noch? Wie konnten wir jemals beginnen, von einer „Freizeitgesellschaft“ und einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ zu schwärmen? Vielleicht liegt es an den Anreizen? Würde in Deutschland wirklich Leistung belohnt, verdienten Krankenpfleger jedenfalls nicht weniger als Analysten. Blitzkarrieren vom Sohn zum Minister wie die des Barons zu Guttenberg wären unmöglich. Würde die Leistung eines jeden daran gemessen, wie viel er aus sich herausholt und der Gesellschaft gibt, wäre es unvorstellbar, einem Bankvorstand

VORMARSCH DER EURO-MILLIONÄRE ENTWICKLUNG DER VORSTANDSBEZÜGE 76

64

8 2 1985

4 1990

1995

2000

2003

Deutsche Unternehmen mit Pro-Kopf-Vorstandsbezügen über 1 Million Euro QUELLE: HANS-BÖCKLER-STIFTUNG

das Vielhundertfache dessen zuzugestehen, was ein Lehrer bekommt. Denn so viel mehr als in anderen steckt in keinem von uns, auch im Stärksten, Klügsten, Gebildetsten und Gerissensten nicht. Warum belohnt der Staat die Abschaffung von Arbeit? Warum zahlen Unternehmen weniger Steuern und Abgaben, wenn sie Arbeitsplätze wegrationalisieren? Wie konnten wir zulassen, dass es sich für viele Menschen schlicht nicht lohnt zu arbeiten? Es wird immer Menschen geben, die, aus welchem Grund auch immer, nicht arbeiten können. Auch für sie muss gesorgt sein. Zunächst und vor allem aber sollte jede und jeder die Chance erhalten, im tätigen Umgang mit anderen Erfolgserlebnisse zu haben, stolz zu sein auf das Vollbrachte. Sich, im besten Sinne des Wortes, „nützlich zu machen“. Arbeit ist Leistung, und Leistung muss sich lohnen. ■

ILLUSTRATION: CHRISTIANE PFOHLMANN

Von Uwe Knüpfer


04/2011

TITEL 7

vorwärts

GERINGQUALIFIZIERTE BLEIBEN AUSSEN VOR

ATYPISCHE BESCHÄFTIGUNGSFORMEN ERHÖHEN DAS ARMUTSRISIKO ARMUTSGEFÄHRDUNG NACH ERWERBSFORM (Ergebnis des Mikrozensus, 2008) 23,2%

ARBEITSLOS WAREN 2009 ERWERBSFÄHIGE... 16,5%

OHNE BERUFSABSCHLUSS

15,3% 21,9 % 10,3%

MIT LEHRE/ FACHSCHULAUSBILDUNG

»

8,5%

6,6 % 3,2 %

MIT HOCH-/ FACHHOCHSCHULAUSBILDUNG 2,5 % geringfügig Beschäftigte QUELLE: INSTITUT FÜR ARBEITSMARKT UND BERUFSFORSCHUNG, FEBRUAR 2011

befristet Beschäftigte

Teilzeitbeschäftigte

PERSONEN IM ALTER VON 15 BIS 64 JAHREN, DIE NICHT IN BILDUNG ODER AUSBILDUNG WAREN

JOBS SCHAFFEN MIT ABGABEN STEUERPOLITIK Kapital und Arbeit werden bei Steuern und Abgaben vom Staat ungleich behandelt. Das bedroht Jobs und gefährdet den Sozialstaat Von Susanne Dohrn

W

äre für Sie ein Steuer- und Abgabenmodell vorstellbar, das Unternehmern Anreize gibt, mehr Arbeitsplätze zu schaffen – z.B. Leergutannehmer statt Leergutautomaten in Supermärkten? Wer diese Frage stellt, erzeugt bei Wirtschaftswissenschaftlern eine überraschte Pause. „Der Staat müsste dann eine Subvention einführen, die die Produktivität senkt. Die Frage ist, ob das sinnvoll ist“, antwor-

Solo-Selbstständige

tet der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und fügt hinzu: „Eine gewisse Rationalisierung ist vernünftig.“ Fast wortgleich antwortet Ullrich Heilemann vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Leipzig. Das wäre „keine dauerhaft effiziente Lösung. Steuern- und Abgaben sollten mit Blick auf den Einsatz von Arbeit und Kapital neutral sein.“ Ein bisschen Vorsicht – „gewisse Rationalisierung“, „sollten ... neutral sein“ –

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Eine gewisse Rationalisierung ist vernünftig.

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FOTO: DIRK BLEICKER

Prof. Peter Bofinger

Einer der fünf Wirtschaftsweisen: Peter Bofinger, Volkswirtschafts-Professor an der Uni Würzburg

Zeitarbeitnehmer

Festangestellte QUELLE: WINGERTER 2009

schwingt bei beiden Wissenschaftlern mit. Denn die Situation vieler Arbeitnehmer hat sich verschlechtert. Niemand kennt das besser als die Soziologin Eva Senghaas-Knobloch. Löhne, von denen man nicht leben kann, Teilzeitarbeit ohne ausreichende Altersabsicherung, Alleinselbstständige, die eine längere Krankheit in Armut stürzt – „der Arbeits- und Sozialschutz ist in Folge der Liberalisierung der Wirtschaft weltweit geringer geworden“, sagt die Professorin aus Bremen. Sie forscht über „decent work“, menschenwürdige Arbeit. Aber wie lässt sich die Situation verbessern? Für Peter Bofinger ist die Sache klar. Arbeit ist da, vor allem im Dienstleistungsbereich. Doch die ist schlecht bezahlt. Er schlägt vor: „Fördert lieber Vollzeitarbeit im Niedriglohnbereich, indem ihr sie von den Sozialabgaben entlastet: Alleinstehende bis zu einem Einkommen von 750 Euro, Verheiratete bis 1300 Euro. Bis 1300 Euro für Alleinstehende und 2000 Euro für Verheiratete wird der staatliche Sozialversicherungszuschuss nach und nach auf Null gesenkt.“ Die 400Euro-Jobs will er abschaffen. Statt Teilzeitjobs werden Vollzeitjobs entstehen, so seine Prognose. Diese Steuerfinanzierung der Lohnnebenkosten würde ein paar Milliarden kosten. Der Vorschlag ist deshalb nicht unumstritten. Wer soll die Kosten tragen, zumal die Beiträge mit Blick z.B. auf die Rente schon jetzt zu niedrig seien?, fragt Ullrich Heilemann. Die Antwort könnte aus dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WiFo) kommen. Es hat sich im Auftrag des Sozialministeriums des Landes kürzlich auf die Suche nach neuen Finanzierungsformen der sozialen Sicherungssysteme gemacht. „Wir werden in Zukunft Finanzierungsprobleme bekommen. Zum einen aufgrund der demografischen Entwicklung. Zum anderen erodiert die finanzielle Basis der Sozialversicherung, weil der Lohnanteil am Volkseinkommen

Wir wollen unbefristete und sozialversicherte Arbeitsverhältnisse stärken. Wir wollen prekäre Arbeit überwinden.

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Hamburger Programm, 2007

»ARBEIT« IN DEN SPDPROGRAMMEN

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Die Erwerbsarbeit hat zentrale Bedeutung für das Bewusstsein und das Selbstbewusstsein der Menschen. Berliner Programm, 1989

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8 TITEL

KAPITAL ZUR KASSE? vorwärts.de Interviews mit: Peter Bofinger Renate Csörgits (SPÖ) Ullrich Heilemann Markus Marterbauer Eva Senghaas-Knobloch Hintergründe: Garrelt Duin (SPD) über Forschungs-Investitionen Claus Dörfner (SPD) ein Kleinunternehmer über sein Modell der Wertschöpfungsabgabe Lutz Hermann über Leiharbeit in Frankreich vorwärts.de/arbeit

»DAS KANN SO NICHT BLEIBEN« ARBEITSMARKT Kurt Beck fordert Leih- und Zeitarbeit zeitlich zu begrenzen – per Gesetz. Er warnt vor dem Versuch, die Arbeitnehmerschaft in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu spalten. Interview Uwe Knüpfer Löhne und Gehälter werden an vielen Stellen gedrückt. Gibt es eine neue Form der Ausbeutung? Ich glaube in der Tat, dass der Versuch unternommen wird, die Arbeitnehmerschaft zu spalten: in Kernbelegschaften und Randbelegschaften. Stichwort: Zeitund Leiharbeit – oder ewig laufende Praktika anstelle ordentlicher Arbeitsverträge. All das kann so nicht bleiben. Das muss geordnet werden. Wie? Zum einen brauchen wir einen gesetzlich geregelten, flächendeckenden Mindestlohn für alle Branchen, um Lohndumping zu unterbinden. Zum zweiten brauchen wir zeitliche Begrenzungen für Leih- und Zeitarbeit – per Gesetz. Das dritte ist für mich, den Betriebsräten über solche Fragen ein Mitbestimmungsrecht einzuräumen – so wie es bei Überstunden schon der Fall ist. Kümmern wir uns zu wenig um Menschen, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen? Während der Diskussion der vergangenen Wochen über einen transparenten Regelsatz ist in den Hintergrund geraten, dass es eigentlich darum geht, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden und Menschen, die mehr als ein Jahr ohne Arbeit sind, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Selbstverständlich war die Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach nachvollziehbaren Regelsätzen zu erfüllen. Gleichzeitig sind nun die Jobcenter und die optierenden Kreise gefordert, weiter die Integration in den Arbeitsmarkt voranzutreiben.

Es lohnt sich für Unternehmen, Arbeitsplätze für gering Qualifizierte abzubauen und stattdessen Maschinen einzusetzen. Sollte man dem nicht mit Hilfe der Steuerpolitik entgegenwirken? Wir sollten Automatisierung nicht verhindern. Wir sollten stattdessen möglichst allen, auch denen, die weniger begabt sind, einen Weg ebnen, eine Qualifikation zu erlangen. Es gibt so viele Aufgaben, die Automaten nicht erfüllen können. In der alternden Gesellschaft brauchen wir mehr persönliche Dienstleistungen. Das müssen wir bezahlbar halten – unter Umständen mit steuerlichen Erleichterungen. Wir haben das modernste Mautsystem der Welt, erfassen Verkehrsströme vollautomatisch. In anderen Ländern wird diese Arbeit von Menschen verrichtet. Davon halte ich, ehrlich gesagt, überhaupt nichts. Generell ist es gut für Deutschland, dass wir immer mit die modernsten Technologien entwickeln. Das ist die Basis dafür, dass wir es uns leisten können, gute Löhne zu zahlen. Dass auf dem Bau Menschen nicht mehr Steine schleppen müssen, sondern dass wir dafür Kräne einsetzen: Das ist eher ein Segen denn eine Last. Stimmt unser Gehaltsgefüge? Ist es ok, dass manche für ihr Tun 600-mal so viel Geld bekommen wie andere? Auf keinen Fall. Das ist maßlos überzogen; in ganz, ganz vielen Bereichen. Einige Leute verdienen so utopisch viel, dass sie davon auch anständig Steuern zahlen sollten.■

INTERVIEW

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Die modernsten Technologien sind die Basis dafür, dass wir es uns leisten können, gute Löhne zu zahlen Kurt Beck

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BUCH-TIPP: Kurt Beck POLITIK GEERDET Ein Essay vorwärts|buch Verlag 2011 ca. 120 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-86602-057-3 www.vorwaerts-buch.de doerner@vorwaerts-buch.de Fax 030 255 94 192

FOTO: DIRK BLEICKER

sinkt“, sagt Markus Marterbauer vom Wifo. Die Kapitaleinkommen steigen, würden aber zur Finanzierung nicht herangezogen. „Deshalb müssen wir über neue Möglichkeiten nachdenken.“ Zurzeit wird die Sozialversicherung in Österreich ähnlich finanziert wie in Deutschland. Nur ein kleiner Teil der Wertschöpfung wird erfasst – die Löhne bis zur Höhe von 4100 Euro im Monat. Ein Vorschlag der österreichischen Wissenschaftler lautet: „Zöge man die gesamte Wertschöpfung eines Unternehmens heran, würden die gesamten Löhne, Gewinne, Zinserträge und Abschreibungen erfasst. Zurzeit werden die kapitalintensiven Betriebe begünstigt und die forschungs- und personalintensiven belastet. Zukünftig wäre es umgekehrt.“ Die Weichenstellung in Richtung Jobs wird in der österreichischen Politik diskutiert. „Anfang des Jahres trat der Österreichische Gewerkschaftsbund mit der Forderung an die Öffentlichkeit, Arbeitgeberbeiträge für den Familienfonds auf Basis einer Wertschöpfungsabgabe umzustellen“, erklärt Renate Csörgits, Sozialsprecherin der SPÖ und Abgeordnete im Nationalrat. Zustimmung kam auch vom österreichischen SPÖ-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder. Aus dem Familienfonds wird z.B. das Kindergeld gezahlt. Bei uns will die SPD mit der Bürgerversicherung erreichen, dass alle unabhängig vom Erwerbsstatus mit allen Einkommensarten zur Finanzierung der Krankenversicherung beitragen. Auch damit würde ein größerer Teil der Wertschöpfung herangezogen. ■

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MITRE

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Einblick in die Praxis: Von der WABE werden die Jugendlichen auf die Berufsausbildung vorbereitet

FIT FÜR DIE ARBEITSWELT BERUFSEINSTIEG Ein Verein hilft Jugendlichen, eine Stelle zu finden Von Kai Doering

FOTO: WABE WALDKIRCH

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n Waldkirch ist die Welt noch in Ordnung. Nur drei Prozent der gut 20 000 Einwohner sind arbeitslos. Ökonomen sprechen bei dieser Zahl bereits von Vollbeschäftigung. Doch das war nicht immer so. 1998 lag die Arbeitslosenquote in dem beschaulichen Städtchen in Südbaden bei acht Prozent. Grund genug für eine Gruppe engagierter Bürger, aktiv zu werden. Am 28. April 1999 gründeten sie im Rathaus die „Waldkircher Beschäftigungsinitiative“, kurz WABE. Ziel des Vereins ist es, Arbeitslosen zu helfen, eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz zu finden. Besonders Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sollen unterstützt werden, indem sie qualifiziert und ausgebildet werden: „Fit machen für Berufsleben und Arbeitswelt“ lautet das Motto. Herzstück ist der „Waldkircher Ausbildungsverbund“, dem mittlerweile 17 Betriebe und Einrichtungen angehören. Die praktische Ausbildung übernehmen die Betriebe, die theoretischen Lehrinhalte vermittelt das Waldkircher Berufsschulzentrum. Organisiert werden die Ausbildungsabschnitte von der 2005 gegründeten „gemeinnützigen Waldkircher Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft“ (WABE gGmbH). Sie hat ein „Fünf-Stufen-Modell“ entwickelt. In einem ersten Schritt werden den Arbeitslosen „grundsätzliche Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit“ vermittelt. Danach werden sie praktisch qualifiziert. Die WABE verfügt hierfür eigens über eine Jugendwerkstatt, eine Großküche sowie das Kaufhaus „Hin und Weg“, in dem Waren aus zweiter Hand und fair gehandelte Produkte angeboten werden. Sind die ersten beiden Schritte absolviert, vertiefen die Auszubildenden ihre erlernten Fähigkeiten in einem Unternehmen aus dem Ausbildungsverbund. Sind sie erfolg-

reich, schließt die WABE gGmbH mit ihnen einen Arbeitsvertrag für maximal ein Jahr. Während dieser Zeit werden sie gemeinnützig einem Industrie- oder

Handwerksbetrieb überlassen, ehe sie im fünften Schritt von einem Partnerunternehmen übernommen oder in einen Betrieb außerhalb des Netzwerks vermittelt werden. Finanziert wird der Verbund von einem Teil der beteiligten Unternehmen. Der Erfolg hat sich herumgesprochen: Das Arbeitsamt vermittelt die meisten Langzeitarbeitslosen mittlerweile direkt an die WABE. Vor drei Jahren wurde sie mit dem europäischen Unternehmerpreis in der Kategorie „verantwortliches und umfassendes Unternehmertum“ ausgezeichnet. Es gibt auch schon Nachahmer. So wurde Ende 2010 der Verein „WABerlin“ gegründet. In der Hauptstadt liegt die Arbeitslosenquote bei 14 Prozent. Noch. ■ ANZEIGE


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Problem schnell lösen, eine Selbstverpflichtung der Unternehmen nicht.

SPD will Gesetzesänderung

»ARBEIT« IN DEN SPDPROGRAMMEN

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STUDIERT UND AUSGEBEUTET – SOGAR VON DER REGIERUNG

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Godesberger Programm, 1959

BERUFSSTART Bis zu einem Jahr sind Jungakademiker nach dem Hochschulabschluss auf Jobsuche. Viele schlagen sich bis dahin mit schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika durch

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rst kommt das Studium, dann das Praktikum. Ein Hochschulabschluss ist längst kein KarriereTicket mehr. Häufig reicht er gerade mal dazu, den Arbeitsmarkt zu betreten. Zu diesem Schluss kommt eine 2007 veröffentlichte Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Ein Forschungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) hat 2008 erfragt, dass 24 Prozent der Hochschulabsolventen mindestens ein Praktikum machen. Einen nahtlosen Übergang vom Studium in den Beruf gebe es kaum noch, erklärt Sabrina Klaus-Schelletter. Die DGB-Bildungsreferentin spricht von einer „Generation Flickenteppich“. Sechs bis zwölf Monate suchten die meisten Absolventen nach einem Job, sagt Bettina König von fairwork e.V., ein 2004 gegründeter Verein, der Hochschulabsolventen berät und der auf ihre Situation aufmerksam macht. König rät vom Praktikum nach dem Studium ab. Mut zur Lücke statt Strohhalm Praktikum. „Viele Praktika sind unbezahlte Stellen als voll verant-

LÖHNE

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Von Birgit Güll wortliche Arbeitskraft.“ Laut BMAS sind 51 Prozent aller Praktika, nicht nur die von Hochschulabsolventen, unbezahlt. Wegen magerer oder fehlender Bezahlung sind viele auf Unterstützung angewiesen. 600 Euro brutto verdienen Hochschulabsolventen durchschnittlich, wie die DGB-Studie ergab. Frauen bekommen allerdings nur 543 Euro monatlich, Männer 741.

Selbstverpflichtung reicht nicht Die Hoffnung auf eine Übernahme lässt Praktikanten die Ausbeutung schlucken: 31 Prozent hoffen auf den „Klebeeffekt“. Allerdings werden laut DGB nur 23 Prozent weiterbeschäftigt. König rät dazu, ein Praktikum, das sich als unbezahlte Stelle entpuppt, abzubrechen: Es durchzuziehen „führt zu Frustration, nicht zu einem Arbeitsplatz.“ Praktika sind ein Teil der fortschreitenden Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses. In Kombination mit Leiharbeit und Freiberuflichkeit nur „die Spitze des Eisbergs“, sagt Klaus-Schelletter. Einige Gesetzesänderungen könnten das Praktikums-

Zum Schutze der Arbeiterklasse fordert die SPD: Festsetzung eines höchstens acht Stunden betragenden Normalarbeitstages.

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Erfurter Programm, 1891

WEITER NUR DURCHSCHNITT Arbeit bleibt in Deutschland billiger als bei den Nachbarn Deutschland liegt bei den Arbeitskosten für die Privatwirtschaft weiterhin im Mittelfeld der EU-Staaten. Im Jahr 2009 belegte die Bundesrepublik mit 29 Euro pro Arbeitsstunde den siebten Platz. Und auch der Zuwachs lag mit 2,3 Prozent unter dem Durchschnitt von 2,9 Prozent der Eurozone. Dies geht aus dem jüngsten Arbeitskostenvergleich des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hervor. Für das laufende Jahr prognostizieren die Forscher einen Anstieg der Arbeitskosten von lediglich zwei Prozent – neben dem Bruttolohn zählen dazu der Arbeitgeberanteil an den Sozialbeiträgen sowie bestimmte Steuern. Um die Kaufkraft zu steigern, empfiehlt das IMK flächendeckende, gesetzliche Mindestlöhne, ein Ende der Subventionierung von Minijobs sowie eine effektivere Regulierung der Leiharbeit. ■ KD

FOTO: JENNS NEUMANN/VISUM

Kaffeekochen war gestern: Heute werden Praktikanten als Fulltime-Arbeitskräfte eingesetzt – bei voller Verantwortung, aber wenig Gehalt .

Bei vollem Ausgleich des Einkommens ist die Arbeitszeit fortschreitend zu verkürzen, wie es die Entwicklung der Wirtschaft ermöglicht.

Die SPD-Bundestagsfraktion hat am 27. Oktober 2010 einen Antrag verabschiedet. Er sieht Änderungen im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Berufsbildungsgesetz vor, die den Missbrauch eindämmen: Faire Löhne, Ausbildungscharakter statt Billigarbeitskraft und eine begrenzte Dauer von Praktika ließen sich festschreiben. Dass die schwarz-gelbe Bundesregierung diese Pläne umsetzt, ist unwahrscheinlich. So ergab eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag, dass die Bundesregierung keine Gesetzesänderungen plant. Eine regelmäßige Datenerfassung zur Situation der Praktikanten lehnt sie mit der Begründung ab, den Verwaltungsaufwand „auf das unbedingt notwendige Maß zurückzuführen“. Das überrascht wenig, wenn man ein anderes Ergebnis der Anfrage betrachtet: In Dirk Niebels (FDP) Bundesentwicklungsministerium arbeiteten 2009 144 Hochschulabsolventen jeweils mindestens drei Monate lang als Praktikanten. Vergütung bekamen sie dafür keine. In Kristina Schröders (CDU) Familienministerium waren es 80 unbezahlte Praktikanten mit Hochschulabschluss. Im Mai wird der DGB eine neue Studie zur Situation der Praktikanten veröffentlichen. Um Fakten aufzuzeigen und den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen. ■


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HILFSKRAFT AUF LEBENSZEIT EIN-EURO-JOBBER Die Arbeit im Kinderladen hat sie erfüllt. Doch sie blieb immer die MAE-Kraft. Beate Wottke erzählt Von Yvonne Holl

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FOTO: DIRK BLEICKER

ch bin ein Mensch, der aus allem immer das Positive zieht“, sagt Beate Wottke. Eine Fähigkeit, die sie zuletzt gut gebrauchen konnte. Beate Wottke ist 46 Jahre alt. Sie war zwei Jahre lang MAEKraft. Brückenjobber sagen manche. „EinEuro-Jobber“ sagt der Volksmund. Nichts davon klingt richtig gut. Und nichts davon klingt nach der Arbeit, die Wottke bewältigt hat, die sie gut gemacht hat, wie ihr Arbeitgeber sagt. Die sie gerne gemacht hat, wie sie selbst sagt. Wottke hat in einem Berliner Kinderladen gearbeitet. Hat Kleinkinder gewickelt, ihren Mittagsschlaf bewacht, den Größeren vorgelesen, mit ihnen im Sandkasten auf dem Spielplatz Burgen gebaut, Zutaten eingekauft und mit Kindern gekocht, gebastelt. Sie hat getröstet und bestärkt. Erst ein Jahr, dann in Verlängerung noch eins. „Ich habe unglaublich viel gelernt in dieser Zeit“, sagt Wottke. Nur schade, dass ihr das – zumindest für die berufliche Zukunft – offenbar nichts bringt. Begonnen hat sie den Job als eine Frau, die Hartz-IV bekommt, arbeitet und dafür eine „Mehraufwandsentschädigung“ von 1,50 Euro je Stunde erhält. Zwei Jahre später hat sich an ihrem Status und ihren weiteren Aussichten nichts geändert. Das frustriert.

800 000 Menschen als MAE-Kraft Ziel der „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“ (MAE) ist die Heranführung Langzeitarbeitsloser an den Ersten Arbeitsmarkt. Weit mehr als

800 000 Menschen übten 2008 eine Arbeitsgelegenheit aus. Damit, so belegt es eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist MAE das bedeutendste Instrument der Arbeitsmarktpolitik. Und das teuerste. 30 Prozent des Etats für Eingliederungsleistungen werden für MAE verwandt, 2008 waren das immerhin knapp 1,5 Milliarden Euro. Bevor Beate Wottke im Kinderladen anfing, haben die Eltern diskutiert, ob es vertretbar ist, jemanden für diese Summe arbeiten zu lassen. Wottkes Meinung dazu ist klar: „So wenig Geld ist das gar nicht“, sagt sie. „Weil ich einen Partner habe, der verdient, hatte ich etwas weniger, sonst wäre ich auf monatlich 900 Euro gekommen. Das muss man sich anderswo auch erstmal verdienen.“ Gearbeitet hat Beate Wottke immer, auch wenn sie keine abgeschlossene Ausbildung hat. 2006 verlor sie ihre Arbeitsstelle in einer Fabrik für Fensterscheiben. 13 Jahre hatte sie dort in ihrer Heimatstadt Lauenförde in Niedersachen im Schichtdienst gearbeitet und so den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn verdient. Im Moment sieht es so aus, als sei das ihr letzter „richtiger“ Job gewesen. Mit erst 46. Vielleicht hätte sie die Arbeit im Kinderladen weiter machen können. Zu den immer gleichen Konditionen. „Ich kenne andere MAE-ler, die machen das jahrelang“, sagt Wottke. Das wollte sie nicht. „Warum erhalten wir keine Chance, uns zu qualifizieren, irgendwann einen anderen Status zu er-

halten?“, fragt sie. Und klagt: „Da wird doch auch ein riesiges Potenzial verschenkt“. Jetzt ist Beate Wottke in einer „Entgelt-Maßnahme“ und arbeitet für einen Heimatkundeverein. Der Vorteil zu MAE ist, dass sie jetzt sozialversichert ist. Die Arbeit macht Spaß. Und ist doch wieder nur für ein Jahr. Und führt auch wieder nirgendwohin. Als sie sich arbeitslos gemeldet hat, wollte sie eine Ausbildung machen. Die Arbeitsagentur lehnte aber die Förderung ab. Inzwischen „weiß ich gar nicht mehr, ob ich noch die Motivation aufbrächte“. ■

Viele Kindergärten sind auf MAE-Kräfte angewiesen. Doch zu einem festen Arbeitsverhältnis führt das selten.

ZEICHEN SETZEN. JETZT.

ARM TROTZ AUSBILDUNG: SO VIELE BESCHÄFTIGTE IN EIN-EURO-JOBS HABEN EINEN BERUF ERLERNT IN WESTDEUTSCHLAND

29 %*

IN OSTDEUTSCHLAND

71 %*

SIND EIN-EURO-JOBBER FÜR EINE REGULÄRE EINSTELLUNG GEEIGNET ODER NICHT GEEIGNET? DAS SAGEN IHRE ARBEITGEBER IN WESTDEUTSCHLAND

29 %

IN OSTDEUTSCHLAND geeignet

nicht geeignet

UÊØÀÊiˆ˜i˜Ê<iˆÌ>ÀLiˆÌLj˜`iÃ̏œ…˜Ê>LÊ>ˆÊÓ䣣 UÊØÀÊv>ˆÀiÊ/>Àˆyʟ…˜iʓˆÌÊ`i˜Ê  ‡iÜiÀŽÃV…>vÌi˜ UÊØÀʓi…ÀʘÌi}À>̈œ˜ÃV…>˜Vi˜Ê`iÀÊÀLiˆÌÃÃÕV…i˜`i˜ UÊØÀÊ,i}i˜Ê}i}i˜Ê`i˜ÊˆÃÃLÀ>ÕV…Ê`iÀÊ<iˆÌ>ÀLiˆÌ

42 % 57 %

14 %

nicht beurteilt

* DAVON 2% (WEST) BZW. 3% (OST) EINE HOCHSCHULAUSBILDUNG; DATENBASIS IV. QUARTAL 2005, QUELLE: INSTITUT FÜR ARBEITSMARKT- UND BERUFSFORSCHUNG 2007 | ©HANS-BÖCKLER-STIFTUNG 2007

Weitere Infos unter www.ig-zeitarbeit.de


12 NEWS

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DER MÄRZ IN ZITATEN

NRW-VERDIENSTORDEN FÜR AVI PRIMOR

von Rafael Seligmann Wiederholt sich Europas Herbst 1989 in Arabien? Geschichte wiederholt sich nicht, doch es gibt Analogien. Damals wollten die Völker des alten Kontinents östlich der Elbe endlich ihre Freiheit. Da die UdSSR in sich zusammenfiel, musste sie die Menschen im eigenen Machtbereich gewähren lassen. Ohne Widerstand wurden Moskaus Statthalter aufs politische Altenteil geschickt. Abgesehen von Rumänien vollzog sich der Machtwechsel allenthalben friedlich – in Berlin wurde die Mauer am 9. November ohne Gegenwehr jubelnd überwunden. Heute erstrebt die Jugend der arabischen Länder ebenfalls die Freiheit, konsequent jagt sie die Gewaltherrscher einen nach dem anderen davon. Arabiens Diktatoren aber klammern sich an Macht und gestohlene Milliarden. Ein Ende des Blutvergießens ist nicht abzusehen. Dennoch werden Freiheit und Demokratie zuletzt siegen. Karl Marx nannte Revolutionen „Lokomotiven der Geschichte“. Wohin werden sie die Gesellschaften der Länder ziehen? Arabiens Demokratie wird und soll kein Abbild der Volksherrschaft Europas sein. Wie auch? In den arabischen Ländern sind mehr als 40 Prozent der Menschen Analphabeten, Diktatoren wie Ägyptens Gamal Abdel Nasser (1952-1970) zerstörten die ohnehin schmale demokratische Infrastruktur. Ihr Aufbau wird viel Zeit benötigen. Es dauerte ein Jahrhundert, ehe sich nach der Märzrevolution von 1848 die Demokratie in West-Deutschland dauerhaft durchgesetzt hatte. Bis dahin wurden Millionen umgebracht. Diese historischen Dimensionen dürfen wir nicht vergessen. In Israel ist die Politik erstarrt. Ängstlich beobachtet man das Geschehen in Arabien. Werden sich dort die fundamentalistischen Islamisten durchsetzen? Deren Ziel ist die Vernichtung des jüdischen Staates. Aus dem von der Hamas beherrschten Gazastreifen beschießt man Israel wieder mit modernen Raketen. Erreichen diese Geschosse das Bevölkerungszentrum Tel Aviv, wird der Judenstaat mit Krieg antworten. Dann brennt der ganze Nahe Osten. Die EU muss Frieden, Freiheit und territoriale Integrität aller Staaten der Region betonen und gegebenenfalls garantieren – auch die Palästinenser müssen ihren Staat haben. ■

EQUAL PAY DAY 23 Prozent beträgt der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen. Dies zu ändern ist das Ziel des „Equal Pay Day“, der am 25. März mit bundesweiten Aktionen stattfindet. Bereits seit Anfang Januar läuft eine Unterschriftenkampagne. vorwärts.de bietet Hintergrundinformationen zum Aktionstag und ruft dazu auf, Berichte über Veranstaltungen an die Redaktion zu schicken. ■ KW/KD

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Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.

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K.-T. zu Guttenberg Ex-Doktor und Ex-Verteidigungsminister

vorwärts.de/equalpayday

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NAZIS IM FACEBOOK

Mein Volk liebt mich.

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Muammar al-Gaddafi Machthaber Libyens

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Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich aus der Historie nirgends belegen lässt. Hans-Peter Friedrich

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Die Internetplattform „Facebook“ gerät bei der Abwehr rechtsradikaler Propaganda in die Defensive. Das soziale Netzwerk überlässt den Kampf gegen Rechts allein seinen Mitgliedern. vorwärts.de hat die Konsequenzen analysiert. ■ KD vorwärts.de/facebook-gegen-rechts

ARBEIT AUF ZEIT Geht es den Zeitarbeitern in Frankreich besser als denen in Deutschland, wie häufig behauptet wird? Eine Analyse zeigt höchstens kosmetische Vorteile für unsere Nachbarn – Vorbildfunktion Fehlanzeige. ■ KD vorwärts.de/zeitarbeit

Bundesinnenminister NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gratuliert dem Ex-Botschafter Avi Primor.

SPD-BASIS FÜR ALBIG Das ist deutlich: 57 Prozent der SPD-Mitglieder in Schleswig-Holstein haben sich für Torsten Albig als Spitzenkandidaten für die vorgezogene Landtagswahl im kommenden Jahr ausgesprochen. Er und drei weitere Kandidaten hatten sich der Basis in den vergangenen drei Monaten in Gesprächsrunden vorgestellt. Die anschließende Mitgliederbefragung fand per Brief statt. Knapp 70 Prozent der rund 20 000 Genossen beteiligten sich. „Ich empfinde das Vertrauensvotum der SPD-Mitglieder als persönliche Verpflichtung, für den Erfolg einer geeinten SPD in Schleswig-Holstein zu kämpfen“, freut sich Torsten Albig. Der 47-jährige gebürtige Bremer war bereits Sprecher der Dresdner Bank und des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück. Er ist seit 1982 Mitglied der SPD. Am 15. März 2009 wurde er zum Kieler Oberbürgermeister gewählt. Die nächste Wahl steht nun im April an, wenn der Landesparteitag Albig offiziell zum Spitzenkandidaten küren wird. ■ KD

TÜRKISCHER MINISTER

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Das Mittel der Arbeitsniederlegung ist legitim. Die Arbeitgeber sind nun am Zug. Claus Weselsky

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Chef der Lokführergewerkschaft GDL

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Obwohl Klimaschutz zu Röttgens Kernaufgaben gehört, ist er im Konflikt um E10 ein Totalausfall.

Macit Karaahmetoglu ist sicher: „Migranten trauen der CDU nicht.“ Der Rechtsanwalt könnte der erste deutsche Minister werden, der in der Türkei geboren wurde. Im Schattenkabinett des SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid für die baden-württembergische Landtagswahl ist Karaahmetoglu für Integration zuständig. Im Interview mit vorwärts.de sagt er, wo die Fehler in der Integrationspolitik liegen, warum die CDU das Thema ignoriert und weshalb Migranten natürliche SPD-Wähler sind. ■ KD vorwärts.de/karaahmetoglu

FOTOS: DPA, RALPH SONDERMANN, BAWÜ SPD

GLOBAL GEDACHT

„Sie treten in die Fußstapfen von Johannes Rau. Der war ein Freund Israels. Auch sie sind eine Freundin Israels“, sagte Staatspräsident Shimon Peres zu Hannelore Kraft in Jerusalem. Ihre erste Reise als Ministerpräsidentin und amtierende Bundesratspräsidentin führte nicht zufällig nach Israel. Dort wollte Kraft die Kontakte vertiefen. „Wir haben ein besonderes Verhältnis zu diesem Land. Das betont diese Reise“, begründete Kraft ihren fünftägigen Besuch. In Begleitung von Christina Rau sprach Hannelore Kraft mit Regierungs- und Oppositionspolitikern, mit palästinensischen Frauen und Holocaust-Überlebenden, besuchte die Polizeischule Jericho sowie die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Freiwilligenprogramms Aktion Sühnezeichen im Kibbutz Ramat Rahel. Dem ehemaligen Botschafter Avi Primor verlieh Kraft den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. ■ MÜN

www.vorwärts.de

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Jürgen Trittin

Vorsitzender der GrünenBundestagsfraktion

Macit Karaahmetoglu


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NEWS 13

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HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH

ICH KRIEG DIE KRISE

FOTOS: JIM RAKETE, DGB, DPA

DREI FRAGEN AN JENS BULLERJAHN Sie fordern „mehr Recht und Ordnung auf dem Arbeitsmarkt in SachsenAnhalt“. Was läuft bisher schief? Sachsen-Anhalt braucht in Zukunft dringend junge Fachkräfte. Diese werden wir nicht im Land halten können oder aus anderen Ländern bekommen, wenn bei uns schlechter bezahlt wird als in anderen Bundesländern. Es ist also im eigenen Interesse der Wirtschaft, dass die Löhne und Gehälter im Land besser werden. In Teilen der Wirtschaft hat sich diese Erkenntnis übrigens auch schon durchgesetzt. Das Land selbst kann helfen, die seriösen Handwerker zu schützen, indem wir unsere öffentlichen Aufträge an ein Landesvergabegesetz knüpfen und so Lohndumping ausschließen. Fördermittel sollen danach künftig nur noch an Unternehmen vergeben werden, die bestimmte Standards einhalten. Was ist das Ziel? Nicht alles, was Arbeit schafft, ist sozial – wie andere behaupten. Gut bezahlte Arbeit ist wichtig und dass das Unternehmen an einem langfristigen Engagement interessiert ist. In Zukunft soll in Sachsen-Anhalt die Vergabe von Fördermitteln von der Tariftreue der Unternehmer und der Einhaltung von Sozialstandards abhängig gemacht werden. Auch die Bürgerarbeit soll neu gestaltet werden. Wie stellen Sie sich das vor? Die Bürgerarbeit, die sehr schleppend angelaufen ist, muss neu gestaltet werden. Dazu ist ein landeseigenes Arbeitsmarktprogramm zur Flankierung und Begleitung notwendig. Langzeitarbeitslose Menschen müsse eine echte Perspektive bekommen. Deshalb wollen wir Bürgerarbeit zu einer regulären sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung weiterentwickeln. Unser Modell soll aus der Bedürftigkeit herausführen. Deshalb brauchen wir auch hier Mindestlöhne. Auch eine Sachkostenerstattung für die Träger von Maßnahmen muss es geben, damit der Einsatz auch sinnvoll gestaltet werden kann. ■ KD Jens Bullerjahn ist Finanzminister von SachsenAnhalt und SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 20. März.

Leiharbeiter verdienen weniger als ihre fest angestellten Kollegen, und obwohl die Wirtschaft wächst, steigen die Löhne nicht. Da kann man echt die Krise kriegen. Die SPD sammelt deshalb bis zum 1. Mai Fotos mit Forderungen vom „Aufschwung für Löhne“ bis zum „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“. Wer mitmachen möchte, kann im SPD-Shop Sprechblasen bestellen und Fotos damit am Infostand sammeln und an gutearbeit@spd.de schicken oder auf die Kampagnenseite gehen und ein digitales Bild erstellen. ■ KD www.gutearbeit.spd.de

BERLINER TAGEBUCH Notiert von Uwe Knüpfer Heinz-Alfred Steiner ehem. MdB zum 75. Geburtstag Dieter Auch ehem. MdB Axel Endlein ehem. Bezirksgeschäftsführer Hannover Gunther Hatzsch ehem. MdL Rolf Linkohr ehem. MdEP Friedel Uthe ehem. Bezirksgeschäftsführer Ostwestfalen-Lippe Karsten D. Voigt ehem. MdB Alwin Ziel MdL zum 70. Geburtstag

Beteiligt sich auch: DGB-Chef Michael Sommer

GABRIEL WILL REFORM Sigmar Gabriel hat der Sozialistischen Internationalen (SI) ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. „Die Organisation ist erstarrt in Formalien und besitzt kaum Strahlkraft“, schrieb der SPD-Chef in einem Beitrag für die „Frankfurter Rundschau“. Gabriel fordert eine „völlige Reform, vielleicht sogar eine Neugründung“ des globalen Verbunds von mehr als 160 sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien. Zudem müsse sich die Vereinigung von verbrecherischen Mitgliedern trennen. So gehörten die beiden Staatsparteien der gestürzten Machthaber in Tunesien und Ägypten, Zine El Abidine Ben Ali und Husni Mubarak, der SI noch bis Januar an. ■ KD

BEBEL-PREIS FÜR NEGT Es ist eine Anerkennung für sein Lebenswerk. Der Soziologe Oskar Negt wird mit dem August-Bebel-Preis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird erstmals von der neu gegründeten August-Bebel-Stiftung verliehen. Diese möchte „Menschen, die sich ähnlich wie August Bebel um die deutsche soziale Bewegung verdient gemacht haben, im nationalen Gedächtnis verankern“. Die Preisverleihung findet am 21. März im Berliner WillyBrandt-Haus statt. Die Laudatio auf Oskar Negt wird der Journalist Heribert Prantl halten. ■ KD

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Gerne schickt man Frauen in aussichtslose Wahlkämpfe und setzt auf ihre angeborene Enttäuschungsfestigkeit. Jutta Limbach

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Ex-Verfassungsrichterin bei der SPD-Veranstaltung zum Frauentag

Welch eine Aufregung! Berlin muss ohne Karl-Theodor zu Guttenberg leben – und manche Blätter überschlugen sich, von BILD bis ZEIT: Welch ein Verlust! Als wäre ein Orkan durch die Republik gerast, eine guttenbergfreie Schneise hinterlassend. Dann hat bei Japan der Meeresboden gebebt. Die wackelige japanische Regierung stand von jetzt auf gleich vor einem Bündel einzigartiger Herausforderungen: verschüttete Menschen, Massenevakuierungen, Stromausfälle, überflutete Städte, zerstörte Leitungen, brennende Atomkraftwerke. Man stellte sich vor, in Japan regierte das Kabinett Merkel-Westerwelle – und dachte lieber nicht weiter. Ein Kabinett der eilig Angelernten, das schon damit überfordert ist, einen neuen Treibstoff an die Zapfsäulen zu bringen. Ein Kabinett, das keine Vorstellung davon hat, wie die Bundeswehr in einigen Jahren aussehen soll – aber schon mal flugs die Abschaffung der Wehrpflicht beschließt. Ein Kabinett, das die Laufzeiten uralter Atomkraftwerke verlängert – und nach Fukushima so tut, als wäre es nicht so gemeint. Horst Seehofer hat Guttenberg bescheinigt, der Freiherr habe zu den „Genialsten gehört, die wir haben“. Um Himmels willen, möchte man da rufen! Wie muss es um die Union bestellt sein, wenn sie auf einen 39-jährigen Ministerdarsteller nicht verzichten kann, der noch nichts erkennbar Eigenes geschaffen hat; nicht einmal seine Doktorarbeit. Der wahre Verlierer der GuttengateAffäre ist nicht der Freiherr; der ist jung und gut versorgt. Die wahre Verliererin heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin hat dieses Mal so auffällig ihr Fähnlein in die Winde gehängt, die BILD gelassen hat, dass ihre Wähler sich ernsthaft fragen, ob sie so womöglich immer regiert. Sie mögen sich vielleicht erinnern, wie viele Lotsen zuletzt eilig von Bord der MS Merkel gegangen sind: Köhler, Koch, von Beust, Müller, Bundesbankchef Weber. Vielleicht wollten sie nur ganz schnell runter vom sinkenden Schiff. Wie passend, dass die CDU eine Facebook-Fanseite für Ronald Reagan eingerichtet hat. Zwar leiden die USA noch heute unter den Folgen seiner Voodoo-Wirtschaftspolitik – man muss nur fest dran glauben, dann führen Steuersenkungen zu Mehreinnahmen, ganz bestimmt! –, aber sie nehmen es ihm nicht übel. Was konnte Reagan, mag sich Frau Merkel fragen, das mir nicht gelingt? Nun ja, Ronald Reagan hatte wenigstens das Schauspielern von der Pike auf gelernt. ■


14 PARLAMENT

IM BLICKPUNKT

GEGEN ATOMKRAFT 214 Bundestagsabgeordnete von SPD und Grünen haben vor dem Bundesverfassungsgericht Klage gegen die von Schwarz-Gelb beschlossene AKW-Laufzeitverlängerung eingereicht. Die Klage richtet sich vor allem dagegen, dass die Bundesregierung die Änderung des Atomgesetzes ohne Zustimmung des Bundesrates verabschiedet hat. SPD-Fraktionschef FrankWalter Steinmeier ist sicher: „Die Entscheidung, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern, wird aus unserer Sicht keinen Bestand haben.” ■ GF

Libyen: Freiheitskämpfer verteidigen den Osten des Landes gegen Gaddafis Militärschläge.

MARSHALL-PLAN SOLL HELFEN NORDAFRIKA Die EU muss jetzt handeln

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uerst Tunesien, dann Ägypten, jetzt Libyen: Die Menschen in Nordafrika erheben ihre Stimme gegen Armut und Unterdrückung. Damit kommt es zu grundlegenden Veränderungen in der Region. Europa reagiert jedoch bisher sehr zurückhaltend auf die Ereignisse in seiner direkten Nachbarschaft. „Die EU handelt zögerlich, unschlüssig und uneinig“, sagen Frank-Walter Steinmeier und Günter Gloser. Der SPD-Fraktionschef und der Vorsitzende der deutsch-maghrebinischen Parlamentariergruppe betrachten die Zurückhaltung der Europäischen Union mit Sorge.

Die seit langem bestehenden Strukturen der Zusammenarbeit seien erstarrt, politische Führung nicht zu erkennen. Für sie ist klar: „Die EU muss jetzt handeln.“ Mit ihrem gemeinsamen Papier „Ein Marshall-Plan für den Mittelmeerraum“ fordern sie die EU und die europäischen Regierungen auf, die Initiative zu ergreifen. Es liege im ureigenen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interesse der EU, den Menschen in der Mittelmeerregion die Hand zu reichen. Für Steinmeier und Gloser ist das Verhalten Europas ausschlaggebend für die Zukunft der ganzen Region. „Die Entschlos-

senheit der EU wird mit darüber entscheiden, ob es gelingt, die Chancen des Aufbruchs zu nutzen oder ob enttäuschte Hoffnungen von Millionen junger Menschen in Extremismus, Instabilität und massenhafte Flucht umschlagen.“ Der Vorschlag der beiden SPD-Politiker: Mit einem Marshall-Plan für Demokratisierung und Modernisierung soll der Umbau der arabischen Staaten vorangetrieben werden. Im Zentrum aller Anstrengungen steht dabei der Wirtschaftsaufbau. Über einen regionalen Entwicklungsfonds sollen die Volkswirtschaften gefördert werden. Die Vergabe der Mittel müsse nach strategischen Prioritäten erfolgen: Dort, wo mehr für die Demokratisierung geleistet wird, soll auch mehr Geld eingesetzt werden. Neben der Wirtschaft legen die beiden SPD-Politiker den Fokus auf den Aufbau demokratischer Strukturen und den Bereich Bildung und Wissenschaft. Vor allem der jungen Generation in der arabischen Welt müsse man eine Perspektive aufzeigen. Dafür bedürfe es einer engeren Zusammenarbeit im Bildungsbereich, angefangen bei konkreten Angeboten für den akademischen Austausch und Visaerleichterungen für junge Akademiker. Für Steinmeier und Gloser stehen die EU und die europäischen Regierungen in Europa gleichermaßen in der Verantwortung. „Wir Europäer sind gefordert, die in Mittel- und Osteuropa gewonnenen Erfahrungen bei der Unterstützung von Transformationsprozessen für die arabische Welt fruchtbar zu machen.“ ■ GF

Das Wörterbuch der Politikverdrossenheit Die »Absahner«

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Ich würde mir wünschen, dass der neue Minister stark genug ist, die Reform anzuhalten und zurück auf Start zu gehen.

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Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion über den neuen Verteidigungsminister de Maizière und die Bundeswehrreform.

Vorratsdatenspeicherung hilft, mehr Straftaten aufzuklären.

FDP LEUGNET DIE REALITÄT Schwarz-Gelb streitet weiter über eine Neuregelung der Vorratsdatenspeicherung. Dabei werde deutlich, wie weit sich die Liberalen mittlerweile von der Wirklichkeit entfernt haben, sagt SPD-Innenexperte Frank Hofmann. Die FDP lehnt die Speicherung von Verbindungs- und Bestandsdaten mit der Begründung ab, dass die Aufklärungsquote von Internetstraftaten seit ihrer Einführung gesunken sei. „Ein rein mathematischer Effekt“, erklärt Frank Hofmann. Er stellt klar: „Die Aufklärungsquote sinkt nur, weil im besagten Zeitraum die Zahl der insgesamt registrierten Fälle stark gestiegen ist.“ Betrachte man die Statistik genauer, stelle man sogar fest, dass mehr Straftaten aufgeklärt wurden. Die FDP jedoch führe einen Feldzug, den sie unbedingt gewinnen will. „Koste es, was es wolle, und wenn es die Wahrheit ist.“ ■ GF

Reich werden zu wollen – das vermuten manche Mitbürger als Motiv bei denen, die sich zur Wahl für öffentliche Ämter stellen. Und tatsächlich werden die gewählten Repräsentanten im Bund und in den meisten Ländern für eine politische Vollzeittätigkeit mit einer Art Gehalt, das normal zu versteuern ist, bezahlt. Bundestagsabgeordnete bekommen etwas weniger als einfache Bundesrichter, monatlich 7 668 Euro (im Jahr 92 016 Euro). Geschäftsführer von GmbHs mit 20 bis 30 Mitarbeitern verdienen im Durchschnitt fast doppelt so viel (174 000 Euro). Wer Chef einer Kreissparkasse ist, kassiert mehr als die Bundeskanzlerin, die auf ein Jahresgehalt von 226 060 Euro kommt; von den Lenkern deutscher DAX-Unternehmen nicht zu reden. Gemessen an der Verantwortung für ein Land mit 82 Millionen Einwohnern wird Politik in Deutschland bescheiden bezahlt. Für jeden einzelnen der 622 MdBs gibt jeder Deutsche übers Jahr etwas mehr als 0,1 Cent aus – zusammen rund 70 Cent für alle. ■ H-P. B Der Autor Hans-Peter Bartels ist seit 1998 Mitglied des Bundestages. Weitere Beispiele zum Buchstaben A auf vorwaerts.de/woerterbuch

FOTOS: SPD-FRAKTION, PICTURE-ALLIANCE/ABACA, ECOPIX FOTOAGENTUR

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vorwärts 04/2011

PA RTE I L E B E N ! INHALT AN DER BASIS

CHEFSACHE

FOTOS: DIRK BLEICKER, BERTOLD FABRICIUS, KAI DOERING

MANUELA DIREKT Was soll eine Frauenquote in der Wirtschaft bewirken? Die heutige Frauengeneration ist die bestqualifizierte, die es jemals gab. Die deutsche Wirtschaft kann es sich im internationalen Wettbewerb nicht länger leisten, auf dieses große Fachkräftepotenzial der Frauen zu verzichten. Wir brauchen mehr Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten. Mit mehr weiblichen Führungskräften würde auch ein Wandel in der männerdominierten Arbeitswelt einhergehen. Wie konnte die SPD der Leiharbeit Tür und Tor öffnen? Ziel war es, dass mit Leiharbeit Auftragsspitzen in den Unternehmen abgefedert werden und Arbeitslosen eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt gebaut wird. Doch die Regelungen führten zu Missbrauch und der Einsatz von Leiharbeitern blieb oft nicht die Ausnahme in den Betrieben. Die SPD fordert deshalb schon lange, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne Umgehungsmöglichkeit im Gesetz festgeschrieben wird. In den Hartz-IV-Verhandlungen hat die FDP hier eine Totalblockade gefahren. Aber wir werden weiter gegen Lohndumping und Tarifflucht kämpfen. Wann kommt endlich ein Migrant in die Parteispitze? Die SPD muss sich weiter interkulturell öffnen. Denn die gesellschaftliche Wirklichkeit muss sich auch in der Mitgliederstruktur und bei den Funktionsträgern widerspiegeln. Es machen ja schon viele Migranten mit bei uns, aber natürlich noch bei weitem nicht genug. Deshalb müssen die Landesverbände verstärkt darauf achten, dass sie mehr Genossinnen und Genossen mit Migrationshintergrund nominieren, natürlich auch für den Parteivorstand. ■ Diesmal hat Manuela Schwesig die Fragen der vorwärts-Leser beantwortet. Ab der nächsten Ausgabe ist dann wieder Andrea Nahles zurück. Frage stellen: vorwärts.de/nahlesfrage

OV Muggendorf-Doos sorgt für neue Stadtteil-Identität

MEHR DEMOKRATIE Interview mit Saarlands SPD-Chef Heiko Maas

PORTRÄT Porsche-Betriebsrat Uwe Hück: Der Disziplinator

NACHRICHTEN OV-Aktionen / Termine

»DARUM BIN ICH IN DER SPD…« Einblick in den Arbeitsalltag: Astrid Klug und Jan Stöß mit Pfleger Solomon Böhme

POLITISCHE PRAKTIKANTEN PRAXISTAGE Zwischen 28. Februar und 2. März verbrachten SPDPolitiker einen Tag in einer Gesundheitseinrichtung Von Kai Doering

A ERCK RICKMERS ist Hamburger Reeder und seit März 2011 für die SPD in der Bürgerschaft „Deutschland steht vor großen und vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Politik ist gefordert, hierauf zukunftsweisende Antworten zu finden. Dabei müssen soziale Gerechtigkeit, Solidarität und wirtschaftlicher Erfolg in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Die SPD ist in jeder Hinsicht dazu in der Lage, hierfür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Daran möchte ich aktiv mitwirken. ■ Warum seid ihr SPD-Mitglied? Schreibt uns an parteileben@vorwaerts.de

m frühen Morgen begann ihr Dienst. Normalerweise arbeitet Ute Vogt eher am Schreibtisch und nimmt an Sitzungen teil. Doch Anfang März tauschte die Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg für einen Tag den Plenarsaal gegen eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke. Dort erlebte sie den Alltag des Pflegepersonals hautnah: Wecken, Waschen und Anziehen gehören genauso dazu wie gutes Zureden und persönliche Zuwendung. „Die wirklich wichtigen Tätigkeiten sind die, die der Leistungskatalog der Pflegekassen gerade nicht erfasst“, zieht Ute Vogt ein Fazit ihres Einsatzes im Rahmen der „Praxistage“. Diese fanden bundesweit vom 28. Februar bis 2. März statt. 220 SPD-Politiker von der kommunalen bis zur Bundesebene verbrachten einen Tag in einer Gesundheits- oder Pflegeeinrichtung. „Die ganze Zeit summt irgendwo eine Klingel und es ist immer etwas los“, zeigte sich Jan Stöß beeindruckt. Der Finanzstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg verbrachte seinen Praxistag im „House of Life“, der bundesweit einzigen Pflege-

einrichtung für junge Menschen in Berlin. Im selben Haus bekam Astrid Klug einen Eindruck von der Arbeit der Pflegekräfte und von den Problemen der Betreuten. „Der Verwaltungsaufwand in der Pflege ist ganz schön hoch“, lautete ein Fazit der SPD-Bundesgeschäftsführerin. So seien die Verhandlungen mit den Pflegekassen über die Übernahme von Behandlungskosten oft langwierig. Für Klug ist deshalb klar: „Wir brauchen ein Gesundheitssystem mit weniger Bürokratie.“ Diese und viele weitere Eindrücke sollen auch die künftige politische Arbeit der Ein-Tages-Praktikanten beeinflussen. So werden die Erfahrungen aus den Praxistagen in das Konzept der Bürgerversicherung einfließen, das die SPD zurzeit entwickelt. Und auch eine Neuauflage der Aktion scheint nicht ausgeschlossen zu sein. Die meisten Teilnehmer haben zumindest angekündigt, ihrer Einrichtung bald wieder einen Besuch abzustatten. ■ Weitere Eindrücke und Erfahrungen unter vorwärts.de/tags/praxistage und spd.de/praxistage


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DIE BRACHE ZUM LEBEN ERWECKEN OV MUGGENHOF-DOOS Wo einst Tausende in den Werkhallen von AEG und Quelle arbeiteten, stehen heute zwei riesige Industriegebäude leer. Der SPD-OV engagiert sich für eine neue Stadtteil-Identität Von Birgit Güll Mit T-Shirts unterstützte der Nürnberger OV MuggenhofDoos 2006 den AEG-Streik. Jetzt freut er sich mit OVChef Michael Ziegler (3.v.l.) und dem ehemaligen Betriebsrat Harald Dix (r.) auf die auf dem AEG-Gelände geplante Kulturwerkstatt.

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wei ehemalige Werksgelände – vormals AEG und Quelle – eine aufgelassene Straßenbahn-Remise, eine Kläranlage. Das ist der Nürnberger Stadtteil Muggenhof. Kein Wohngebiet für Ärzte und Rechtsanwälte, eher eines für Alleinerziehende und Migranten. Das sei schon so gewesen, als die Industrieanlagen noch in Betrieb waren, sagt Michael Ziegler. Der Vorsitzende des Ortsvereins Muggenhof-Doos ist unweit des QuelleGebäudes aufgewachsen. „Der Stadtteil liegt aber nicht nur an der Kläranlage, er liegt am Fluss, an der Prignitz“, sagt der 43jährige SPD-Stadtrat. Er ist bester Laune, als er an diesem ersten Märztag von seiner Arbeitsstelle als Bildungsreferent des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend zum OV-Tref-

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fen fährt. Es gibt Grund zum Feiern. „Die ‚Kulturwerkstatt auf AEG’ kommt“, sagt Ziegler. Er hat Sekt mitgebracht, einen Beamer aufgebaut und projiziert nun an eine Leinwand, was 2014 Wirklichkeit sein soll: Auf dem ehemaligen Werkgelände der AEG entsteht ein Kulturzentrum. Die Nürnberger Musikschule ziehe ein, die Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik, Werkstätten und mehr, berichtet Stefanie Dunker vom Amt für Kultur und Freizeit. Sie kümmert sich um die Umsetzung des Projekts. Tatkräftig unterstützt vom OV. Wer Ziegler und Dunker an diesem Abend zuhört, kann sich kaum vorstellen, dass es im Bau 3 des AEG-Geländes derzeit nicht mal Strom und Wasser gibt, dass noch nicht klar ist, wie viel Geld der städtische Kulturausschuss beisteuern wird. Sie haben es geschafft, dass die Stadt den Gebäudeteil kaufen wird, haben ihr Konzept durchgesetzt. Das wollen sie feiern. „Die Brücke ist da: zwischen denen, die das Geld haben, und denen, die die Energie haben, das Projekt umzusetzen“, sagt Ziegler.

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beitsplätzen bei einem Informationsabend vorstellen, so Stefanie Lurz. Die 29Jährige gehört seit Anfang des Jahres zum fünfköpfigen OV-Vorstand. Eine Neubelebung des Geländes hat die volle Unterstützung des energiegeladenen OV. Sollte sie fehlschlagen, können sich die Mitglieder einen Abriss des Gebäudekomplexes vorstellen. Kein einfaches Unterfangen, denn das Gebäude ist als Industriedenkmal geschützt. Das schreckt den OV nicht ab. Sein Hauptaugenmerk liegt darauf, „was wir für die Leute im Stadtteil rausholen können“, so Ziegler. Das war schon immer so. Im Januar 2006 hat der OV den Streik der AEG-Mitarbeiter unterstützt, die sich gegen die Schließung des Nürnberger Standorts wehrten. Sechs Wochen Arbeitskampf bei eisiger Kälte, erinnert sich Harald Dix, der ehemalige Betriebsratsvorsitzende der AEG. Dem OV Muggenhof-Doos ist er freundschaftlich verbunden, seit dieser – wie viele andere – den Streik mit Feuerholz, Essen und Spenden für die Streikkasse unterstützte. Seit er mittels Stickern und T-Shirts mit dem Aufdruck „I love AEG made in germany“ das Anliegen der Streikenden unter die Leute brachte. Der ehemalige Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) besitzt übrigens das erste dieser Shirts. Der OV hat es ihm geschenkt. Ziegler schwärmt von der Energie und der Stadtteil-Solidarität, die damals zu spüren gewesen sei. Das Werk wurde trotz aller Anstrengungen geschlossen, 1750 Menschen entlassen. Für Dix, der heute SPD-Stadtrat ist, etwas, das er noch nicht verarbeitet habe, wie er sagt. Er ist trotzdem gekommen, um mit dem OV die Kulturwerkstatt zu feiern. Am 27. März wollen die Genossen wieder feiern. In der Gaststätte „Zum Bühler“, wo der OV 1947 gegründet wurde, werden sie die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verfolgen. ■

Für die Leute im Stadtteil Apropos Energie, die hat der OV, Ausdauer auch. Die 40 Mitglieder wollen den Stadtteil mit den riesigen Industriebrachen gestalten, wollen einen lebenswerten Ort mit eigener Identität schaffen. Sie haben ein 10-Punkte-Programm mit dem Titel „Mehr Miteinander“ verabschiedet. Mit dem Investor des Quelle-Werks sthen die Muggenhofer in Kontakt. Im April werde der OV seine Pläne zur Gestaltung des Areals und zur Schaffung von Ar-

FOTOS: BIRGIT GÜLL, DANIEL KARMANN/DPA

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Jetzt mit neuer Nutzung: das alte AEG-Gelände


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»WIEDER MEHR DEMOKRATIE WAGEN« HEIKO MAAS Der saarländische SPD-Chef hat Vorschläge für mehr Bürgerbeteiligung und eine Stärkung der direkten Demokratie erarbeitet

FOTO: DIRK BLEICKER

Interview Kai Doering Die Deutschen scheinen unzufrieden mit der Demokratie zu sein. Woran liegt das? Ich weiß nicht, ob das die richtige Analyse ist. Die Bürgerinnen und Bürger zeigen ja gerade zurzeit ein großes demokratisches Engagement, nehmen wir nur mal die Proteste gegen Stuttgart 21 oder gegen die Atomenergie. Richtig ist, dass die Beteiligung bei Wahlen rückläufig ist. Damit muss sich die Politik offensiv auseinandersetzen. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass sich immer mehr Menschen von der parlamentarischen Demokratie frustriert abwenden, weil sie glauben‚ abseits ihres Wahlkreuzes ohnehin nichts mehr entscheiden zu können. Als Gegenmaßnahme möchten Sie die direkte Demokratie stärken. Wie soll das aussehen?

Wir wollen, dass die Menschen mehr mitreden und mehr mitentscheiden können. Wir wollen, dass sich gute Ideen durchsetzen und bessere Argumente den Ausschlag geben. Wer Gemeinsinn schaffen will, der muss für Teilhabe sorgen. Deshalb plädiere ich dafür, Volksbegehren, Volksinitiativen und Volkentscheide bei uns möglich zu machen. Was ist das Ziel? Ich halte es für ganz wesentlich, dass auch die Bürger selbst Vorschläge einbringen können. Die Politik muss Entscheidungsprozesse transparenter gestalten, wenn sie ihre Akzeptanz behalten will. Parteien müssen sich weiter öffnen, wenn sie starke Volksparteien bleiben wollen. Wir wollen wieder mehr Demokratie wagen, um die Bürger bei politischen Entscheidungen mitzunehmen. Ein solcher Prozess kann und wird auch helfen, das Interesse an der Politik wieder zu stärken und die Partizipation an politischen Entscheidungen zu erhöhen. Gleichzeitig soll die Rolle des Bundestags gestärkt werden. Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, es soll ja kein Gegeneinander sein, sondern ein Miteinander. Zunächst einmal bin ich fest davon überzeugt, dass die Menschen in unserem Land viele gute

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Ideen haben, die durch eine Volksgesetzgebung aktiviert werden können. Diesen Ideenreichtum sollten wir auch im Sinne unserer Gesellschaft nutzen. Das Parlament sollte deshalb auch die Möglichkeit haben, auf Volksinitiativen zu reagieren und somit auf die Initiatoren zuzugehen. Wenn eine Idee aus dem Volk gut und noch dazu realisierbar ist, kann sie aufgenommen oder ein Kompromissvorschlag formuliert werden. Zudem sollen Möglichkeiten zu Hearings und Debatten mit den Initiatoren im Parlament abgehalten werden, bei denen sie ihre Vorschläge vorstellen und verteidigen können. Auf diese Weise kann ein Vorhaben nur besser werden und die Akzeptanz kann damit nur steigen. Daran sollten alle Beteiligten ein Interesse haben. Auch Nicht-EU-Bürger sollen mehr beteiligt werden. Wie? Weil die Zahl von zugewanderten Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben, ohne Partizipationsrechte zu besitzen, steigen wird, wollen wir das kommunale Wahlrecht ausweiten. Für Nicht-EUBürgerinnen und -Bürger, die seit sechs Jahren rechtmäßig in Deutschland leben, sollten wir das kommunale Wahlrecht, auch für kommunale Bürgerentscheide, durchsetzen. ■ ANZEIGE


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TERMINE

Am 8. März blickten die Mitglieder der SPD SĂźdstern in viele verdutzte Gesichter. â&#x20AC;&#x17E;Kostet die Rose etwas?â&#x20AC;&#x153;, lautete eine häufig gestellte Frage. Die Blumen, die die Genossen auf dem Hermannplatz in Berlin-Kreuzberg an Passantinnen verteilten, waren natĂźrlich kostenlos â&#x20AC;&#x201C; schlieĂ&#x;lich war Frauentag. â&#x20AC;&#x17E;Wir wollen Ihnen eine kleine Freude machen und daran erinnern, dass dies Ihr Tag istâ&#x20AC;&#x153;, leistete Anja MĂśbus (m.) Aufklärungsarbeit. Diese Erklärung der Vorsitzenden der SPD SĂźdstern Ăźberzeugte schlieĂ&#x;lich auch die Unsichersten. Und so waren die 500 Rosen innerhalb einer Stunde an die Frau gebracht. â&#x2013;  KD

FRAUEN-VORWĂ&#x201E;RTS FĂ&#x153;R ALLE Zum 100. Frauentag gab es eine besondere vorwärts-Ausgabe, geschrieben nur von Frauen â&#x20AC;&#x201C; aber nicht nur fĂźr Frauen. Das hat die Genossinnen des SPD Unterbezirks Weilheim-Schongau begeistert. Sie haben sich deshalb entschlossen, ihr Exemplar des Frauen-vorwärts bei der Faschingsveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (AsF) an Nicht-SPD-Mitglieder zu verschenken. Ganz nach dem Motto: â&#x20AC;&#x17E;Das ist unsere Partei, deshalb sind wir Mitglied!â&#x20AC;? Ăźbergab jede Genossin ihr Exemplar bei der Faschingsfeier an eine Frau. Das passte zum Fest mit dem Titel â&#x20AC;&#x17E;Bewegte Frauen â&#x20AC;&#x201C; ganz in Lila!â&#x20AC;?. â&#x2013;  BG

FEMINISMUS BEI DEN FALKEN

Auf den Spuren der sozialdemokratischen Wurzeln fordert Susan Neiman Mut zum kantschen â&#x20AC;&#x17E;erwachsenen Idealismusâ&#x20AC;&#x153;, also die lebenslängliche Unzufriedenheit mit ungerechten Verhältnissen und den Drang sie zu verändern. Auch im 11. Buch der Reihe â&#x20AC;&#x17E;Philosophie und Politikâ&#x20AC;&#x153; des Kulturforums soll die Philosophie DenkanstĂśĂ&#x;e fĂźr die aktuelle Politik entwickeln. Die politische Antwort auf Neimans Ideen gibt diesmal Olaf Scholz, der Erste BĂźrgermeister Hamburgs. â&#x2013;  SW

Die Gleichstellung der Geschlechter sei längst erreicht, ist immer wieder zu hĂśren. Tatsächlich ist die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern weiterhin alltäglich und zieht sich durch alle Gesellschaftsbereiche. Weil das allzu oft hingenommen wird, hat die â&#x20AC;&#x17E;Sozialistische Jugend Deutschlands â&#x20AC;&#x201C; Die Falkenâ&#x20AC;&#x153; eine Feminismus-Kampagne gestartet. Die Falken wollen disku-

Susan Neiman: â&#x20AC;&#x17E;Moralische Klarheit fĂźr erwachsene Idealistenâ&#x20AC;&#x153;, Klartext Verlag, 2011, 72 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-8375-0484-2

JAMAICA IM DSCHUNGELCAMP Die SPD Saarland lud zum traditionellen politischen Aschermittwoch. Neben SPD-Landeschef Heiko Maas sprachen diesmal die SPD-Vize-Chefin Manuela Schwesig (SPD) und SaarbrĂźckens OB, Charlotte Britz (SPD), in der Siersburger Niedtalhalle. Mehr als 700 Gäste waren zum 30. Jubiläum des politischen Schlagabtauschs gekommen. Im Kreuzfeuer der Kritik stand die schwarz-gelb-grĂźne Landesregierung. Die Jamaica-Koalition musste einiges einstecken, als Heiko Maas sie mit dem Dschungelcamp verglich, der reichlich niveaulosen RealityShow. Peinlich, verlogen und beliebig, urteilte Maas. Auch fĂźr Schwesig haben die drei Parteien keinerlei Gemeinsamkeiten. Das Verhalten des Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist fĂźr Manuela Schwesig keineswegs ein Kavaliersdelikt, vielmehr sei es ein â&#x20AC;&#x17E;Betrug an der Ă&#x2013;ffentlichkeitâ&#x20AC;?. â&#x2013;  BG

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Dietrich Stobbe

-iRZ &EBRUAR -ITDEM4OD$IETRICH3TOBBESVERLIEREN"ERLINUNDDIE"ERLINER3OZIALDEMOKRATIE EINENGROÂ&#x2020;ENUNDENGAGIERTEN0OLITIKER EINENGESCHiTZTEN2ATGEBER UNDLANGJiHRIGEN7EGBEGLEITER !LS-ITGLIEDDES"ERLINER!BGEORDNETENHAUSES 3ENATORF~R"UNDESANGELEGENHEITEN -ITGLIEDDES$EUTSCHEN"UNDESTAGES 6ORSITZENDERDER"ERLINER30$UNDALS 2EGIERENDER"~RGERMEISTERVON"ERLINPRiGTEERDIE3TADT~BER*AHRZEHNTE $IETRICH3TOBBEWAREINBRILLANTERPOLITISCHER+OPF%RSETZTESICHUNERM~DLICH F~RSEINE-ITMENSCHENUND"ERLINEIN-ITGROÂ&#x2020;ER(ERZENSWiRMEVERSTANDERES

AUFDIE-ENSCHENZUZUGEHEN 7IRVERNEIGENUNSVORSEINEM,EBENSWERKUNDWERDEN$IETRICH3TOBBE EINEHRENDES!NDENKENBEWAHREN5NSERGANZES-ITGEF~HLGILTSEINER&AMILIE -ICHAEL-~LLER 6ORSITZENDERDER"ERLINER30$ 6ORSITZENDERDER30$ &RAKTIONDES!BGEORDNETENHAUSES

28. 3. Diskussion â&#x20AC;&#x17E;Wir werden weniger, älter, bunter â&#x20AC;&#x201C; Wie der demografische Wandel unser Land verändertâ&#x20AC;?, Kulturhaus LĂźdenscheid, 19 Uhr Robert.Kirchner@fes.de

31. 3. Buchvorstellung â&#x20AC;&#x17E;Istanbul, mit scharfe SoĂ&#x;e?â&#x20AC;? mit Alexandra Klobouk und Kerim Pamuk, Kulturhaus 73, Hamburg, 19 Uhr hamburg@fes.de

3. 4. Diskussion â&#x20AC;&#x17E;Volksbegehren und Volksentscheide â&#x20AC;&#x201C; das Recht mĂźndiger BĂźrger oder die â&#x20AC;&#x2DC;Prämie fĂźr jeden Demagogenâ&#x20AC;&#x2122;?â&#x20AC;?, Gustav-Radbruch-Forum im Kolpinghaus MĂźnchenZentral, asj@spd.de

4. 4. Buchvorstellung Klaus Wowereit/Franziska Richter (Hg.): â&#x20AC;&#x17E;Ich wärâ&#x20AC;&#x2122; gern einer von unsâ&#x20AC;?, NeukĂśllner Oper, Berlin, 19 Uhr, forum.gr@fes.de

4. 4. Diskussion â&#x20AC;&#x17E;Moral und Realpolitik â&#x20AC;&#x201C; Willy Brandt und Polenâ&#x20AC;?, WillyBrandt-Haus LĂźbeck, 19 Uhr besucherservice@willybrandt-luebeck.de

13. 4. Lesung Erhard Eppler liest aus seinen VerĂśffentlichungen, Kino am Kocher, Aalen, 20 Uhr silvia.wittig@fes.de

14. 4. AusstellungserĂśffnung â&#x20AC;&#x17E;Tschernobyl. Verlorene Orte/Gebrochene Biografienâ&#x20AC;&#x153;, Willy-Brandt-Haus Berlin, 19.30 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich bis 29. Mai 2011

18. 4. Vortrag & Diskussion â&#x20AC;&#x17E;Das norwegische Experiment â&#x20AC;&#x201C; eine Frauenquote fĂźr Aufsichtsräteâ&#x20AC;?, mit Gesine Schwan, Fritz-Erler-Forum Stuttgart, 18 Uhr sieglinde.hopfhauer@fes.de

tieren und deutlich machen, dass das Thema Gleichberechtigung keineswegs Schnee von gestern ist. Vom 7. bis 9. März fand in Berlin-Heiligensee das Seminar â&#x20AC;&#x17E;There is no alternative: feminismâ&#x20AC;&#x153; statt. Eine BroschĂźre bringt das Thema unter die Leute. Darin finden sich nicht nur zehn gute Argumente fĂźr den Feminismus, sondern auch alles, was dabei hilft, fĂźr Frauenrechte einzutreten. Postkarten, E-Cards, T-Shirts und Buttons runden die Kampagne ab. Denn Ungerechtigkeit kann bekämpft werden, wenn sie erst mal allen bewusst ist. â&#x2013;  BG www.wir-falken.de/mitmachen/kampagnen

82 JAHRE IN DER SPD Friedrich Schumann ist am 1. Januar 1929 in die SPD eingetreten, da war er 14 Jahre alt. Am 25. Februar 2011 feierte er seinen 96. Geburtstag. Zum Ehrentag lieĂ&#x;en es sich die Genossen aus dem OV Dierdorf im Westerwald nicht nehmen, persĂśnlich vorbeizukommen. Der OVVorsitzende Alfred Rättig und der Kassierer Gerd Krämer hatten eine ganz besondere GlĂźckwunschkarte im Gepäck: Beim Neujahrsempfang des OV hatten sie den rheinland-pfälzischen Verkehrsminister Hendrik Hering (SPD) gebeten, fĂźr ihr ältestes Mitglied eine persĂśnliche Widmung zu schreiben. Ein Wunsch, dem er gerne nachkam. Seine Worte sorgten fĂźr groĂ&#x;e Freude bei Schumann, der inzwischen im Seniorenzentrum lebt. Dort hat er schon vor zwei Jahren Politprominenz empfangen: Der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) war gekommen, um ihn fĂźr 80 Jahre SPD-Mitgliedschaft zu ehren. â&#x2013;  BG

FOTO: KAI DOERING, ILLUSTRATION: SJDâ&#x20AC;&#x201C;DIE FALKEN

WARUM ROTE ROSEN?

PHILOSOPHIE TRIFFT POLITIK


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ge des 8er-Zimmer zu entgehen: Mit dem Jugendamt handelte der damals 15-jährige Lehrling ein Einzelzimmer aus.

Betriebsrat statt Weltmeister

Betriebsratsvorsitzender und leidenschaftlicher Porsche-Fahrer: Uwe Hück in einem schwarzen „Spyder“

DER DISZIPLINATOR UWE HÜCK Ungerechtigkeit hat ihn zum Kämpfer gemacht. Früher als Europameister im Thaiboxen, heute als Betriebsratschef von Porsche. Bald könnte der Sozialdemokrat in die Politik gehen Von Kai Doering

FOTOS: PRIVAT, KAI DOERING

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we Hück ist ein Mann, den man hört, bevor man ihn sieht. Durch die offene Tür seines Büros in der ersten Etage der Porsche-Zentrale in Stuttgart-Zuffenhausen brüllt er Namen von Leuten, die er sprechen möchte, jetzt, sofort. An Hücks Bürotür klebt ein gelber Zettel. Darauf steht ein Spruch von Erich Kästner: „Man kann sich auch an offenen Türen den Kopf einrennen.“ Die Tür von Uwe Hück steht meistens offen. An diesem frühen Nachmittag ist der Betriebsratsvorsitzende von Porsche sauer. In der Produktion wurde vor wenigen Tagen mit dem Betriebsrat ein neues Qualifizierungsprogramm gestartet, weil Porsche sich auf die neuen Fahrzeuge vorbereiten will. Damit die Kolleginnen und Kollegen am Band rechtzeitig und vernünftig eingearbeitet werden, hat der

PORTRÄT

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Du musst leben, was Du sagst. Uwe Hück

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Betriebsrat mit dem Vorstand einen langsameren Fließband-Rhythmus vereinbart. Doch am Morgen lief das Band wie immer. „Wir stoppen jetzt alles“, ruft Uwe Hück in sein Telefon. „Wenn wir etwas vereinbaren, müssen sich alle daran halten.“ Es klingt wie ein Credo. „Der Respekt für die Arbeit des anderen ist ganz wichtig“, erklärt Hück, als er sich wieder beruhigt hat. Dafür braucht der 48-Jährige nicht länger als einen Augenblick. Jetzt sitzt er ganz entspannt da, mit Weste, aber ohne Sakko, und fixiert sein Gegenüber durch eine randlose Brille. Respekt ist so etwas wie das Leitmotiv des bulligen Glatzkopfs. Er selbst musste sich den immer wieder verschaffen. Nach dem Tod seiner Eltern wuchsen er und seine vier Geschwister in einem Kinderheim auf. Die Lehre als Autolackierer habe er nur deshalb gemacht, um der En-

Nach der Lehre schlug er einen ganz anderen Weg ein. Uwe Hück wurde professioneller Thaiboxer und zweifacher Europameister. Einer Karriere als Profisportler stand nichts mehr im Weg. „Dann habe ich gemerkt, dass mich mein Manager bescheißt“, erinnert sich Hück heute. Wenn er 2500 Mark für einen Kampf bekam, strich sein Berater 20 000 ein. Ungerechtigkeit ist etwas, das Uwe Hück noch immer rasend macht. Um sich das nötige Geld für einen Kampf um die Weltmeisterschaft zu verdienen, heuerte Uwe Hück 1985 bei Porsche an. Er war damals 22. „Eigentlich wollte ich nur zwei Jahre bleiben und dann nach Thailand gehen.“ Doch Hück blieb – und stieg schnell auf. 1987 wurde er Vertrauensmann, 1990 Betriebsratsmitglied, 1997 Betriebsratsvorsitzender. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Porsche-Gesamtbetriebsrats, seit 2003 des Konzernbetriebsrats. Seit 2007 ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche SE und seit vergangenem Jahr auch der Porsche AG. Rund 13 000 Mitarbeiter im Porsche Konzern vertreten er und seine Betriebsratsmitstreiter – und zwar mit Nachdruck. „Ohne Uwe Hück wäre Porsche nicht das, was Porsche heute ist“, sagen seine Kollegen. Im Pausenraum einer Werkhalle sitzen sie zusammen und feiern das 25-jährige Dienstjubiläum eines ihrer Kameraden. Alkoholfreies Bier und deftiges Essen stehen auf dem Tisch. Als Uwe Hück den Raum betritt, johlen die Frauen und Männer. Der Betriebsratschef begrüßt jeden mit Handschlag. Die meisten kennt er mit Namen. „Wichtig sind drei Dinge“, sagt er in einer kurzen Ansprache: „Kameradschaft, Kameradschaft, Kameradschaft.“ Dann muss Uwe Hück schon wieder weiter. Zeit zum Biertrinken bleibt nicht. „Ihr seid die Besten“, ruft er den Kollegen zum Abschied zu. „Ich brauche den Kontakt zu den Kollegen“, sagt Hück. Immer wenn bei Porsche am Samstag gearbeitet wird, steht der Hüne am Werktor und verabschiedet jeden persönlich. „Du musst leben, was Du sagst“, fordert Hück von sich und von anderen. „Wenn Du basisnah bist, haben die Kollegen auch kein Problem damit, wenn Du Porsche fährst.“ Hücks Modell ist schnell, geleast und hat 480 PS.

Boxtraining mit den Söhnen Am Abend steht der Wagen vor einer Sporthalle in Pforzheim. Drinnen steht Uwe Hück in Shorts, T-Shirt und Beinschonern, umringt von etwa 20 Jugendlichen. Die jüngsten sind acht, die ältes-


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STATIONEN 1962 Geboren in Stuttgart 1977-1981 Lehre als Autolackierer 1981-1985 Professioneller Thaiboxer, zweifacher Europameister seit 2003 Vorsitzender des PorscheKonzernbetriebsrats seit 2010 Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG

Wochen hat er in einem Interview vor „ägyptischen Verhältnissen“ gewarnt, wo vor allem junge Menschen gegen den Präsidenten auf die Straße gegangen waren. „Der Aufschwung in Deutschland geht an vielen jungen Menschen vorbei. Sie sind von prekärer Arbeit besonders stark betroffen“, klagt Hück. „Wir haben teilweise richtige Diamanten in den Hauptschulen, reden sie aber schlecht.“ Porsche immerhin ist auch hier eine Ausnahme: 40 Prozent aller neu eingestellten Auszubildenden müssen Hauptschüler sein. Das hat der Betriebsrat ausgehandelt. Uwe Hück kümmert sich, im Großen wie im Kleinen. „Wie läuft es in der Schule?“, will er nach dem Box-Training von einem der Jungs wissen. „Wie kommst Du nach Hause?“

Jugend boxt: Zweimal in der Woche trainiert Uwe Hück Jugendliche des FSV Buckenberg.

Er unterstützte Gerhard Schröder ten Anfang 30. Auch zwei von Hücks Söhnen sind dabei. Lam Anh hat Hück einst aus demselben Waisenhaus adoptiert, in dem auch der Betriebsratschef aufwuchs. Vincent ist sein leiblicher Sohn, den er mit seiner chinesischen Frau Ming Chung hat. Lam Anhs Bruder Tuan Anh ist heute nicht dabei. „Versucht immer, kontrolliert zu sein“, ruft Hück den Jungs zu, während sie durch die Halle laufen und sich Stoffstreifen um die Fäuste wickeln. Aus einer Box in der Ecke der Halle dröhnt „The eye of the tiger“, das Lied, das durch den Boxfilm „Rocky“ bekannt wurde. Wie die von Sylvester Stallone verkörperte Figur haben auch viele der Jugendlichen hier einen Migrationshintergrund. „Disziplin und Regeln lernst Du nur im Sport“, hat Uwe Hück am Nachmittag in seinem

Büro gesagt. In der Pforzheimer Sporthalle will er genau das vermitteln. Zweimal in der Woche trainiert er hier die Jugendlichen im Thaiboxen. Sie gehören zum FSV Buckenberg, einem Sportverein mit rund 500 Mitgliedern, dessen Vorsitzender Hück ist.

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r ts.de ä w r o v neu! ch … tägli

Diamanten in den Hauptschulen „Ihr nehmt mich nicht ernst“, herrscht er plötzlich zwei Jungs an, die sich nicht an seine Anweisungen gehalten haben. Zur Strafe gibt es 15 Kniebeugen für die ganze Gruppe. Klar, dass auch der Trainer mitmacht. Schon nach kurzer Zeit glänzt der Schweiß auf Hücks rasierter Glatze. „Die Jugend im Stich zu lassen, bedeutet eine Gefahr für die Demokratie“, ist Uwe Hück überzeugt. Vor ein paar

Auch von seiner Partei, der SPD, erwartet Hück wieder mehr Engagement im Kleinen. 1982 trat er ein, bewunderte Herbert Wehner und Willy Brandt. Im Wahlkampf 2005 unterstützte er Gerhard Schröder und seine Reformpolitik. „Die SPD muss modern werden und dahin gehen, wo die Menschen Probleme haben.“ Und es müsse ihr gelingen, wieder authentisch zu sein. „Wir müssen stärker die Sprache sprechen, wo die Menschen verstehen“, sagt Hück in seinem Schwäbisch. „Wenn ich in der Politik wäre, würde ich dafür sorgen, dass wir da wieder hinkommen.“ Dann öffnet er die Tür seines gelben Porsche. Bevor er einsteigt, sagt er noch: „Und die Gefahr, dass ich in die Politik gehe, wird immer größer.“ ■

© Stephan Große Rüschkamp

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04/2011

MEINUNG 21

vorwärts

A

lternativlos" ist das Unwort des Jahres geworden. Es hätte Wort des Jahres werden sollen. Alternativlosigkeit ist das Merkmal nicht einer fremden politischen Unkultur, sondern unserer politischen Kultur. Zum Euro gibt es keine Alternative. Denn ohne Euro gibt es keine Europäische Union, zu der es keine Alternative gibt, weil Deutschland sich ohne sie in der Welt der Globalisierung, zu der es keine Alternative gibt, nicht behaupten könnte. Weil es zur Globalisierung und zur Europäischen Union keine Alternativen gibt, gibt es auch keine Alternativen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Deutschland für den globalen Wettbewerb tauglich macht, zur Bildungspolitik im Zeichen von Pisa und Bologna, zur Ökonomisierung der Wissenschaft, der Kultur und der Medien. Es gab keine Alternative zur Privatisierung von Post und Bahn. Auch zu Stuttgart 21 gibt es keine Alternative, weil es um die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Streckennetz geht, zu der es keine Alternative gibt. Manchmal gibt es Alternativen: ob die Präimplantationsdiagnostik selten erlaubt sein soll oder nie, ob der Regelsatz um fünf Euro erhöht wird oder um acht, ob die Sicherheitsorgane des Bundes organisatorisch zusammengeführt werden oder getrennt bleiben. Es gibt auch immer Betroffene, für die von Bedeutung ist, ob die Entscheidung für die eine oder die andere Alternative fällt. Aber gesamtgesellschaftlich sind die Alternativen, die es gibt, ohne Bedeutung.

FOTO: PICTURE ALLIANCE

Echte Diskussionen gibt es nicht Ist ein Problem von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, gibt es keine Alternativen. Dann wird zwar in den Medien über Alternativen geschrieben, über die Möglichkeit einer kleineren Eurozone oder einer Schule ohne Pisa oder einer Universität ohne Bologna oder einer Bahn, die nicht an die Börse, sondern für die Kunden fährt. Aber eine wirkliche Diskussion gibt es nicht, nicht in den Medien und erst recht nicht in der Politik. Im politischen Diskurs stößt die Wut, mit der Bür-

Protest in Stuttgart: Wenn Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

DIE FRÜCHTE DES ZORNS DEMOKRATIEKRISE Wenn Politik als alternativlos verkauft wird, haben die Bürger nur noch eine Wahl: die zwischen Resignation und Wut. Beides spielt den Populisten in die Hände Von Bernhard Schlink

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Ohne Alternativen ist Politik einfacher. Sie muss nicht nachdenken, nicht diskutieren, nicht entscheiden – und auch nicht verantworten.

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Bernhard Schlink

ger und Bürgerinnen auf politische Entscheidungen reagieren, auf Befremden. Aber wo es keine Alternativen gibt, bleiben nur Resignation und Wut. Vor dem Unabänderlichen kann man entweder resignieren – dies ist die eine Reaktion der Bürger und Bürgerinnen, die sich weniger und weniger an den Wahlen beteiligen, in den Parteien engagieren und für das interessieren, was Bundestag, -rat und -regierung treiben. Oder man kann wütend werden – dies ist die andere Reaktion, die Bürger und Bürgerinnen auf die Straße treibt. Was ist daran befremdlich? Wut ist sogar ein Gebot der Selbstachtung, wenn man mit etwas als unabänderlich konfrontiert wird, das nicht unabänderlich ist. Es wird den Bürgern und Bürgerinnen nur als unabänderlich präsentiert. Die Politik hätte Alternativen. Aber sie müßte die Alternativen herausfinden. Ohne Alternativen ist Politik einfacher. Wo Politik im vorauseilenden Gehorsam den globalen oder europäi-

schen Sachzwängen oder auch der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs gehorcht, muß sie nicht nachdenken und nicht diskutieren und nicht entscheiden. Und was man nicht entscheiden kann, muß man auch nicht verantworten. Es mag sein, daß es auch ohne Alternativen geht. Mit der Wut der Bürger und Bürgerinnen wird die Polizei fertig, und auch bei schwindendem politischem Interesse und Engagement werden immer noch Abgeordnete gewählt und Regierungen gebildet. Es mag aber auch sein, dass das Erstarken populistischer Parteien in anderen Ländern einer Logik folgt, die auch für Deutschland gilt, wo populistische Parteien bisher nicht zählen. Das Erstarken bedeutet ja nicht einfach, daß zu den vorhandenen demokratischen Parteien weitere demokratische Parteien hinzukommen. Populismus hat das Potential einer Alternative zum demokratischen Gefüge und Prozeß mit seinen Parteien und Koalitionen und Kompromissen, seinen schwerfälligen Gremien und beschwerlichen Verfahren. Populismus ist das Versprechen einer größeren Nähe zwischen Wählern und Gewählten, einfacherer und klarerer politischer Verfahren und eindeutigerer Entscheidungen. Das Erstarken populistischer Kräfte folgt der Logik, dass dann, wenn es in der Demokratie keine Alternativen gibt, Alternativen zur Demokratie attraktiv werden. Demokratie braucht Alternativen – um ihrer Legitimität, um der Politik und um der Bürger und Bürgerinnen willen. Sie braucht Parteien, die Alternativen entwickeln und den Bürgern und Bürgerinnen mit alternativen Profilen begegnen. Ein paar Euro beim Regelsatz, ein paar Prozent beim Spitzensteuersatz, ein neuer Streit um Schulformen und die alte Forderung nach sozialer Gerechtigkeit genügen nicht. ■ Bernhard Schlink ist Professor für Rechtswissenschaft und Schriftsteller. Er schrieb den Bestseller „Der Vorleser“.

VORWÄRTS-IMPRESSUM Die Sozialdemokratische Zeitung gegründet 1876 von W. Hasenclever und W. Liebknecht Herausgeberin: Andrea Nahles Redaktionsadresse: Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 610322, 10925 Berlin; Tel. 030/25594-320, Fax 030/25594-390, E-Mail: redaktion@vorwaerts.de Chefredakteur: Uwe Knüpfer (V.i.S.d.P.) Redaktion: Lars Haferkamp (Textchef); Dagmar Günther (CvD); Monika Koepp (Bildred.); Kai Doering, Yvonne Holl, Vera Rosigkeit und Karsten Wenzlaff (Redaktion); Dr. Susanne Dohrn und Werner Loewe (redaktionelle Mitarbeit); Birgit Güll und Gero Fischer (Volontäre) Art Director und Fotografie: Dirk Bleicker Korrespondenten: Jörg Hafkemeyer (Berlin), Renate Faerber-Husemann (Bonn), Lutz Hermann (Paris) Geschäftsführung: Guido Schmitz Anzeigen: Nicole Stelzner (Leitung strategische Unternehmensentwicklung und Verkauf); Michael Blum (Leitung strategische Unternehmenskooperation und Key Account Anzeigen); Nele Herrmann Valente, Marcus Hochheimer, Manfred Köhn, Carlo Schöll und Ralph Zachrau (Verkauf) Gültige Anzeigenpreisliste: Nr. 34 vom 1.1.2011 Verlags-Sonderseiten: verantw. Guido Schmitz Vertrieb: Stefanie Martin, Tel. 030/25594-130, Fax 030/25594-199 Herstellung: Projektdesign, Berlin Druck: Frankenpost Verlag GmbH, Poststraße 9/11, 95028 Hof Abonnement: IPS Datenservice GmbH, Postfach 1331, 53335 Meckenheim; Tel. 02225/7085-366, Fax -399; bei Bestellung Inland: Jahresabopreis 22,– Euro; für Schüler/Studenten 18,– Euro; alle Preise inkl. Versandkosten und 7 Prozent MwSt.; Ausland: Jahresabopreis 22,– Euro zzgl. Versandkosten. Das Abo verlängert sich um ein Jahr, wenn nicht spätestens drei Monate vor Ablauf schriftlich gekündigt wird. Für SPD-Mitglieder ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten (bei Änderungen bitte an den SPD-UB wenden). Bankverbindung: SEB Berlin, BLZ 100 101 11, Konto-Nummer 174 813 69 00 Bei Nichterscheinen der Zeitung oder Nichtlieferung ohne Verschulden des Verlages im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Leistung, Schadensersatz oder Minderung des Bezugspreises. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos und Zeichnungen wird keine Haftung übernommen. .


22 MEINUNG

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»ZWISCHENRUF«

LESERBRIEFE BEST OF BLOGS

MÖRDERISCHE EXITUS-STRATEGIE

D

ie wundersame Freiheitsrevolte in Nordafrika und die abstoßende Tragikomödie eines Ministerrücktritts in Deutschland verdeckten wochenlang den Krieg am Hindukusch. Selbst der Tod dreier junger Soldaten wäre kaum wahrgenommen worden, hätte ihn nicht Minister Guttenberg bei seiner eigenen politischen Beerdigung instrumentalisiert. Mehr als zu verdoppeln versprach im Herbst 2009 Entwicklungsminister Niebel die Gelder für den Wiederaufbau. Was ist seither in NordAfghanistan mit den 250 Millionen Euro geleistet worden? Nicht nur ich vermisse wenigstens ein Nachfragen der Opposition. Die demographische Entwicklung – sieben Kinder pro Familie – führt zu wachsenden Problemen: In Ostund Süd-Afghanistan gehen jetzt schon weniger als 35 Prozent der Mädchen zur Schule. Der Bau von Schulen, das Bereitstellen von Lehrmaterial und die Ausbildung von Lehrern hinken der Zahl der Kinder dramatisch hinterher. Mehr als drei Viertel aller Afghanen haben auch im Jahr Zehn nach der Befreiung von den Taliban keinen Zugang zu Trinkwasser. Dafür hat die Bundesluftwaffe im vergangenen Jahr mehr als 1,2 Millionen Liter Alkohol zur Betreuung unserer Soldaten nach Afghanistan eingeflogen, in ein islamisches Land also, in dem Alkohol verboten ist. Lediglich beim Schlafmohn gibt es seit 2009 „Fortschritte“. Der Anstieg des Anbaus von 500 Tonnen Opium in 2002 auf 8000 Tonnen in 2008 wurde gestoppt und hat sich auf 6000 Tonnen eingependelt. Aber nicht eine erfolgreiche Anti-DrogenStrategie der NATO ist hierfür ursächlich, sondern schlechtes Wetter und ein natürlicher Pflanzenschädling.

Die Zahl der getöteten Zivilisten hat im vergangenen Jahr mit über 3000 einen neuen Höhepunkt erreicht; knapp die Hälfte waren „Kollateralschäden“ durch NATO und afghanische Truppen. In den ersten acht Wochen 2011 liegen wir jetzt schon deutlich über den Vergleichszahlen des Vorjahres. Mit 711 gefallenen NATO-Soldaten im Jahr 2010 hat sich in nur drei Jahren die Anzahl der Toten verdreifacht. 28 deutsche Soldaten sind insgesamt in den vergangenen 110 Monaten im Gefecht gefallen. Ein knappes Drittel davon in den nur 17 Monaten der Amtszeit Guttenbergs. Opposition und Medien haben die Ursache weder hinterfragt, noch gar der „neuen Strategie“ der NATO und damit auch der Bundesregierung zugerechnet. Das Wort von der „Exit-Strategie“ – lateinisch exitus: der Tod – gewinnt in Afghanistan eine ganz neue Bedeutung. ■

Dr. med Reinhard Erös, Oberstarzt der Bundeswehr a. D., ist seit 2002 Gründer und Leiter der „Kinderhilfe Afghanistan“, deren Projekte ausschließlich mit privaten Spenden unterstützt werden. www.kinderhilfe-afghanistan.de

MITREDEN & BLOGGEN: vorwärts.de/zwischenruf-eroes

03/2011

vorwärts.de/blogs WOHER KOMMT GUTTENBERGS BELIEBTHEIT? VON MARTIN WEINRICH Mir ist bis heute schleierhaft, woher Guttenbergs Popularität kommt. Opel-Rettung, Quelle-Rettung, Anwalts-Kosten, Kundus-Affäre, nicht eingehaltene Einsparungsversprechungen, Talkshow im Krieg, Brief-Affäre, Gorch-Fock-Affäre, und das Ganze verbunden mit dem Anschein, dass die Selbstinszenierung im Normalfall wichtiger ist als die Tagespolitik. Dennoch surft er ganz oben auf einer „Ich bin anders“-Welle. Diese Popularitätswelle konnte mit politischen Fehltritten nicht gebrochen werden, warum sollte sie mit einem wissenschaftlichen Fehltritt brechen? vorwaerts.de/blogs

BUNDESWEHR AUF VERLORENEM POSTEN VON WERNER JURGA Die Wehrpflicht wird „ausgesetzt“ – großer Jubel, Magengrummeln bei den echten Konservativen. Die Bundeswehr wird deutlich verkleinert, von derzeit 250 000 auf etwa 185 000 (?) Soldaten. Dafür wird sie zu einer flexiblen und schlagkräftigen Interventionsarmee umgebaut – Vollprofis im weltweiten Einsatz. Und da es Guttenberg nicht gelungen ist, das „Konzept" und das nötige Kleingeld für die Reform zusammenschreiben zu lassen, steht es um die Wettbewerbsfähigkeit der Soldatenkarriere in Konkurrenz zur zivilen Wirtschaft nicht besonders gut. Der Kampf um die klügsten Köpfe wird verloren gehen. Die unklügsten und politisch weit rechts angesiedelten Hohlschädel werden sich beim Kommiss sammeln. vorwärts.de/blogs

Das Geburtstagsgeschenk zu „100 Jahre Internationaler Frauentag“ ist super! Ich habe noch nie so neugierig auf einen „vorwärts“ gewartet wie diesmal und die ganze Ausgabe mit so viel Interesse und Genuss gelesen. Viel Erfolg weiterhin! Godula Hepper, Celle Die vorwärts-Ausgabe März 2011 ist dem 100. internationalen Frauentag gewidmet. Die Artikel und Beiträge sind allesamt von Frauen verfasst. Ein sehr löbliches Ansinnen, um allen Leserinnen und Lesern zu verdeutlichen, dass Frauen mehr sind als nur Beiwerk in der männlich geprägten Welt. ... Wenn die SPD tatsächlich dazu beitragen will, dass mehr Frauen in Führungspositionen eingesetzt werden, dann sollte sie bei sich selber anfangen. Hier sehe ich dringenden Nachholbedarf. Es ist absolut notwendig, dass frühzeitig Frauen angesprochen und gefördert werden, um Spitzenpositionen auszufüllen. Claudia Ermlich, Kiel

Gleichberechtigung erreicht man nicht mit der Bevorzugung oder Benachteiligung der Geschlechter. Frauen wollen keine Quote. Es ist für niemanden hilfreich, unser Gesellschaftssystem in eine Männerwelt und in eine Frauenwelt zu teilen. Joseph-Theo Vonderweiden, Aachen

Soll das wirklich funktionieren: Die SPD nimmt den einen (den Männern) etwas weg, damit die anderen (die Frauen) davon profitieren? Daran glaube ich nicht. Fortschritt für Frauen braucht keine Verlierer. Aus der Sicht des Ego mag das zwar notwendig erscheinen, sozialdemokratische Politik sollte aber das Ganze im Blick behalten. Dr. Karl Heinz Lenz, Friedrichsdorf/Taunus

PRÄIMPLANTATIONSDIAGNOSTIK 03/2011

Du hast Recht Andrea, ich schließe mich Dir an: keine PID! Dass Du ein gesundes Mädchen geboren hast, freut mich sehr. Von Herzen alles Gute für Euch beide, auch für den Papa! Wiltrud Angela Bösl, München

Da Paare, die sich zur künstlichen Befruchtung entschließen, meistens schon viele negative Erfahrungen bei

FOTO: DPA

REINHARD ERÖS Der zivile Aufbau in Afghanistan kommt nicht voran, die Zahl der Toten steigt und steigt. Doch in Deutschland herrscht Schweigen: bei Medien und Opposition.

100 JAHRE INTERNATIONALER FRAUENTAG


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MEINUNG 23

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Säuglingssterblichkeit in Europa zu einem der drei Staaten mit der niedrigsten Säuglingssterblichkeit wurde. Peter Schneider, Nürnberg

MITRE

SPD- TRIUMPH IN HAMBURG 03/2011

DEN

r ts.de vor wä neu! ch … tägli

Warum wird in dem Beitrag mit keinem Wort die geringe Wahlbeteiligung von gerade einmal 57 Prozent erwähnt? Bei 48,3 Prozent der abgegebenen Stimmen für die Sozialdemokraten haben somit nicht einmal 30 Prozent aller Wahlberechtigten für die Partei votiert. Uwe Tünnermann, Lemgo

Schwangerschaften einstecken mussten, sollte hier die Möglichkeit eingeräumt werden, mit der PID eine gewisse Aussicht zu haben, ein gesundes Kind zu bekommen. Sylvia Helbig, Neustadt an der Orla

Ich finde wichtig, dass Genossin Schwesig den deutschen Eltern dieselbe Kompetenz und Ernsthaftigkeit zutraut, wie es in unseren europäischen Nachbarländern der Fall ist. Im Zeitalter des Internets ist dies die zukunftsweisende Politik, nicht ängstliche Gängelung der Bürger. Thomas Sörgel, Gräfeling

GUTTENBERG: EIN BLENDER STÜRZT AB 03/2011

Warum stellt Ihr die Lügen, Betrügereien und Vergesslichkeiten des CSUBarons nicht in die alte Mogel-MachtTradition von F.J. Strauß, Max Streibl (Amigos), Gerold Tandler, Erwin Huber (mit Studium auf Staatskosten), Edmund Stoiber (Landesbank-Vergesslichkeit) und Kurt Faltlhauser (Landesbank, ohne Anklage)?

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Lesen was gesund macht. Weitere Themen: 3 Raus mit den Mandeln? Wann eine Entfernung wirklich sinnvoll ist 3 Gestörte Wundheilung: Wie Narbenwucherungen behandelt werden 3 Betreutes Wohnen: Welche Vorteile es bietet und worauf Sie achten sollten 3 Antibiotika: Wie neue Wirkstoffe für eine bessere Abwehr-Wirkung sorgen 3 Das richtige Make-up: Profi-Tipps für eine schöne, gepflegte Haut

Rolf-Helmut Pfeiffer, München

Bei zu Guttenberg handelt es sich bestenfalls um einen armen, von Ehrgeiz zerfressenen Mann, dem Schein mehr gilt als Sein. Statt des durch Lug und Trug erworbenen Doktor-Titels sollte er einen anderen annehmen. Ich schlage vor: „Lügenbaron zu Guttenberg“.

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Peter Schwalme, Bayreuth

WER WAR’S? 03/2011

Eine sehr große Tat der Käte Strobel habt ihr vergessen: Sie hat in ihrer Amtszeit dafür gesorgt, die Säuglingssterblichkeit so zu senken, dass die BRD von einem Staat mit der höchsten

Bezugsquellen unter apotheken-umschau-finder.de


24 WIRTSCHAFT

MITRE

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rts.de vor wä neu! ch … tägli

„Was zwei Augen hat, wird sorgfältiger behandelt“: Staubsauger Henry hilft Clemens Paschen vom Zimmerservice bei der Arbeit. Alltag im integrativen Stadthaushotel Hamburg

FÜNF STERNE FÜR DIE MENSCHLICHKEIT INTEGRATION Laut UN-Konvention sollen Menschen mit Behinderung möglichst im ersten Arbeitsmarkt Jobs finden. Die Realität sieht oft anders aus. Eine Ausnahme ist ein Hotel in Hamburg Von Susanne Dohrn, Fotografie Hannah Schuh

MENSCHEN MIT BEHINDERUNG IN DEUTSCHLAND

7,1 Mio.

Zahl der Schwerbehinderten Ende 2009

8,7 %

Anteil der Schwerbehinderten an der Gesamtbevölkerung

S

o sorgfältig wird wohl selten ein Kaffee serviert. Mit beiden Händen trägt Jens Lüttensee das kleine Tablett mit Kännchen, Tasse, Milch und Zucker zum Tisch. Mit größter Konzentration platziert er es. Ein paar Minuten später die freundliche Nachfrage: „Wollen Sie einen Kaffee – noch?“ Er erzählt: „Ich arbeite, im Service, so gerne im Hotel.“ Den Satz auszusprechen erfordert seine ganze Aufmerksamkeit. 18 Jahre sei er schon dabei, „von Anfang an“. Freude schwingt darin mit und der Stolz, etwas zu leisten. Auf dem Flur schiebt Clemens Paschen einen Wagen mit Reinigungsmitteln vorbei. Es ist kurz nach neun am Morgen, der Zimmerservice beginnt seinen Dienst. Mit

dabei ist auch „Henry“, der Staubsauger mit dem aufgemalten Gesicht. „Was zwei Augen hat, wird sorgfältiger behandelt“, sagt Süster Eichler. Die Hotelbetriebswirtin ist Managerin im Stadthaushotel Hamburg. Ein Job mit Fingerspitzengefühl, denn die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter ist geistig behindert. Hinzu kommen Gehörlose und psychisch Behinderte. Die Idee für das Integrationshotel geht zurück auf die Initiative von Eltern, die Ende der 80er Jahre ihren acht unterschiedlich stark behinderten Kindern eine dauerhafte Verbindung von Arbeiten und Wohnen ermöglichen wollten. Die Eltern wünschten sich zudem, dass ihre Kinder ihre Stärken öffentlich zeigen können. Sie gründeten ein Hotel mit

sechs Zimmern und Wohngelegenheiten für ihre Kinder. Ende der 90er übernahm der Verein „Jugend hilft Jugend“ die Trägerschaft für das Hotel und erweiterte es von sechs auf 13 Zimmer. Sieben davon sind rollstuhlgerecht, auf den Fluren gibt es Schalter, mit denen Rollstuhlfahrer die Türen öffnen können. „Das Stadthaushotel ist kein Behindertenhotel, sondern ein Hotel, in dem Menschen mit Handicaps arbeiten und Gäste mit und ohne Handicaps willkommen sind“, sagt Kai Wiese. Er ist Vorstandsvorsitzender von „Jugend hilft Jugend“. Der Verein engagiert sich seit 1970 in der Jugend-, Behinderten- und Suchthilfe in Hamburg. „Die Gäste sollen nicht aus Mitleid hier übernachten, sondern weil wir ein gutes Produkt anbieten.“ Und die Gäste kommen. Die Auslastung liegt bei 80 Prozent.

Integrativer Kontrapunkt Das macht Mut, das Projekt nun im Großen anzupacken. „Drei Sterne für Hamburg: Fünf Sterne für die Menschlichkeit“ – das ist das Motto des künftig größten integrativen Hotelprojekts in Europa. „Stadthaushotel Hafencity Hamburg“ soll es heißen. Es liegt in unmittelbarer Nähe zur Speicherstadt und dem neuen Kreuzfahrtterminal. 2013 soll es


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WIRTSCHAFT 25

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fertig sein – in der „Schönen-und-Reichen-Wüste“ ein Kontrapunkt mit 80 barrierefreien Zimmern. „Jugend hilft Jugend“ ist Initiator des 13-MillionenProjekts, wird es betreiben und finanziert es mit Unterstützung der Stadt sowie privaten Spendern. 40 der 60 Arbeitsplätze sollen Menschen mit Behinderungen erhalten, die auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. „Menschen mit Handicaps sind Bürger dieser Stadt. Sie gehören dazu, auch wenn sie anders sind“, sagt Kai Wiese. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt die Zahl der Arbeitslosen. Sie ging im Juli 2010 im Vergleich zum Juli 2009 um 7,8 Prozent zurück. Bei den schwerbehinderten Arbeitslosen stieg sie hingegen im gleichen Zeitraum um 4,4 Prozent. Parallel dazu gibt es „einen regelrechten Run auf die Werkstätten für Behinderte“, sagt Silvia Schmidt, die Behindertenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. 2003 arbeiteten in den Werkstätten 235 756 Menschen. Derzeit sind es 285 000 in knapp 700 Werkstätten bundesweit.

Mühsamer Weg zur Normalität Werkstätten bieten Menschen eine Beschäftigung, „die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können“. So steht es im Sozialgesetz-

buch IX. Erreicht werden müsse jedoch die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt, sagt Silvia Schmidt: „Ziel muss sein, die Kompetenz der Werkstätten verstärkt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt einzusetzen, damit die Menschen die Chance haben, ihren Lebensunterhalt mit Arbeit zu verdienen, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention fordert.“

Viele Vorbehalte, viel Unwissen Genau das ist die Schwierigkeit. „Es gibt viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen, weil die Unternehmen nicht wissen, was auf sie zukommt“, sagt Guido Handschug. Er ist Bereichsleiter Integrationsmanagement der Berliner Werkstätten für Behinderte (BWB), der größten Behindertenwerkstatt in Berlin und kennt die Fragen von Unternehmern. Darf man einen Menschen, der geistig behindert ist, kritisieren? Und wenn ja, wie? Solche Fragen zu beantworten und Vorbehalte abzubauen, ist der Job von Handschug. Finanziert werden die Werkstätten u.a. von den Sozialhilfeträgern, der Unfall- und Rentenversicherung sowie der Bundesagentur für Arbeit. Die BWB kooperiert mit einem Netz von Firmen – vom Baumarkt über einen Sportwagenhersteller bis zur Lackiererei und Altenpflegeeinrichtung–, um für Werkstattbeschäftigte, die auf dem freien Arbeitsmarkt vermittelbar sind, einen sozialversicherungs-

Stolz, etwas zu leisten: Jens Lüttensee serviert im Hotelrestaurant.

pflichtigen Dauerarbeitsplatz zu finden. „Wir versuchen herauszufinden, wo die Wünsche, Interessen und besonderen Fähigkeiten der Behinderten sind. Dann suchen wir eine passende Stelle.“ Das BWB-eigene Bildungssystem mit über 220 Kursen kann bei Bedarf die Mitarbeiter für die Aufgabe fit machen. Im Stadthaushotel Hafencity sollen auch 20 Menschen arbeiten, die in Werkstätten beschäftigt sind. Damit auch sie die Chance auf gesellschaftliche Anerkennung bekommen. „Wir werden ein tolles Hotel machen, in dem jeder sich wohlfühlen kann“, sagt Kai Wiese und fügt hinzu: „Hier kann man mitten in der Hafencity übernachten, ohne dafür ein halbes Monatsgehalt auszugeben.“ ■ Interview mit Silvia Schmidt, Behindertenbeauftragte der SPD www.vorwärts.de/Schmidt

5%

Quote der Arbeitsplätze, die laut Sozialgesetzbuch für Menschen mit Berhinderung zu Verfügung stehen sollen

3,7%

Quote, die die Privatwirtschaft 2008 erreichte; 2003 waren es 3,4 Prozent

6,1%

Quote, die der Öffentliche Dienst 2008 erreichte; 2003 waren es 5,2 Prozent QUELLE: JAHRESBERICHT 2009/2010 DER BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT DER INTEGRATIONSÄMTER UND HAUPTFÜRSORGESTELLEN

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WETTBEWERBSVORTEIL FÜR UNTERNEHMEN Unternehmen, die im zunehmenden Wettbewerb um Fachkräfte bestehen wollen, warten mit attraktiven Zusatzleistungen auf. Betriebliche Altersversorgung ist ein gern gewählter Weg, den Mitarbeitern Wertschätzung zu zeigen. Von Michael Häuser Die Mitarbeiter sind für viele Unternehmen das wertvollste Kapital. Ihr Fachwissen und ihre Erfahrung sind ein tragender Pfeiler des Geschäftsbetriebs. Angesichts des verstärkten Fachkräftemangels und des demografischen Wandels suchen Arbeitgeber einen Weg, der Belegschaft ihre besondere Wertschätzung zu zeigen. In der Tat umfasst die Vergütungspolitik vieler deutscher Unternehmen heute mehr als das feste Jahresgehalt. Zu den am häufigsten gewährten „Extras“ gehört das Jobticket. Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern besonderen Schutz bieten wollen, warten mit betrieblichen Versicherungslösungen auf. Spezialisierte Anbieter wie die SEB Assekuranz bieten verschiedene Formen an – von der Krankenversicherung mit Rahmenvertrag über die Gruppen-Unfallversicherung

bis zur betrieblichen Altersversorgung –, die allesamt nicht nur der Risikoabsicherung des Unternehmens dienen, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sind.

Alle profitieren Seit der Einführung eines Rechtsanspruchs auf betriebliche Altersversorgung im Jahr 2002 erfreut sich die betriebliche Altersversorgung bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen zunehmender Beliebtheit. Die Vorteile liegen auf der Hand: Arbeitgeber können die betriebliche Altersversorgung gezielt zur Personalgewinnung einsetzen und Mitarbeiter an das Unternehmen binden. Zudem kann sie zur nachhaltigen Senkung der Lohnnebenkosten beitragen. Arbeitnehmer profitieren von betrieblicher Altersversorgung,

Michael Häuser ist Geschäftsführer der SEB Assekuranz Makler GmbH

weil sie über die seit 2005 gewährte Entgeltumwandlung – also den Verzicht auf einen Teil des Gehalts zugunsten einer Altersversorgungszusage – in gewissen Grenzen steuer- und sozialversicherungsfrei ist. Zusätzlich bieten Kollektivverträge attraktive Konditionen. Experten gehen davon aus, dass der vom Gesetzgeber festgelegte Höchstrechnungszins, der die Höhe der ausgewiesenen garantierten Rente regelt, schon Anfang des Jahres 2012 deutlich gesenkt werden könnte. Für Mitarbeiter ist die Einführung einer betrieblichen Altersversorgungslösung vor diesem Zeitpunkt also noch besonders attraktiv. Das Experten-Team der SEB Assekuranz GmbH berät interessierte Arbeitgeber umfassend und individuell zu diesem Thema. ■


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ARBEITSMARKT

IM OSTEN WAS NEUES Was bringt uns die Freizügigkeit in der EU?

Erfolg aus dem Baskenland: Mitbestimmung und gerechte Gewinnverteilung haben Mondragon zum mächtigen Konzern gemacht.

WO ALLE CHEF SIND TEILHABE Bei Mondragon sind die Arbeiter auch Firmeninhaber. Die baskische Kooperative ist die größte Genossenschaft der Welt Von Yvonne Holl

R

GUT GEMACHT

MONDRAGON KOOPERATIVE

EUROPÄISCHE MINDESTLÖHNE 2011 pro Stunde (Auswahl) LUXEMBURG

10,16

EURO

FRANKREICH

9,00

EURO

NIEDERLANDE

8,74

EURO

IRLAND

7,65

EURO

GROSSBRITANNIEN

6,91

EURO

SLOWENIEN

4,32

EURO

GRIECHENLAND

4,28

EURO

SPANIEN

3,89

EURO

PORTUGAL

2,92

EURO

POLEN

1,85

EURO

TSCHECHIEN

1,82

EURO

LETTLAND

1,68

EURO

UNGARN

1,61

EURO

RUMÄNIEN

0,93

EURO

BULGARIEN

0,71

EURO

QUELLE:WSI-MINDESTLOHNDATENBANK

Der katholische Pater José Maria Arizmendiarrieta (1915 - 1976) initiierte 1956 die baskische Genossenschaft.

M

ondragon ist eine kleine Stadt im spanischen Baskenland. Schon seit dem Mittelalter wird den Bewohnern der Region ein besonderer Gemeinsinn nachgesagt, ein Hang zur „Brüderlichkeit“. Darauf besann sich der katholische Priester José Maria Arizmendiarrieta, als Mondragon in den 50er Jahren unter Massenarbeitslosigkeit litt. Der Pater glaubte daran, dass die Leute sich selbst helfen könnten und gründete zunächst eine demokratisch organisierte Fachhochschule. Die ersten Absolventen ermunterte er, einen genossenschaftlichen Betrieb für Gasherde und Heizöfen zu gründen. Heute ist Fagor Industrials eine von mehr als 100 Mondragon-Firmen und stellt weit mehr her als Öfen. Die Kühlschränke der Marke werden auch in Deutschland verkauft. Andere Fabriken produzieren Werkzeugmaschinen, Rolltreppen, Eisenbahnwaggons, Teile für die Autobranche, den Schiffbau, die Landwirtschaft und vieles mehr. Eroski, die drittgrößte Lebensmittelkette Spaniens, gehört ebenfalls zum Mondragon-Imperium. Die Genossenschaft ist inzwischen die größte welteit und gleichzeitig das siebtgrößte Unternehmen Spaniens. 2009 lag der Umsatz aller Betriebe der Kooperative bei 4,7 Milliarden USDollar, hinzu kam ein Anlagevermögen von rund 10 Milliarden US-Dollar. Das Engagement des katholischen Paters hat sich zu einem wirtschaftlichen Knüller entwickelt. Und zu einem sozialen: Von den 103 000 Beschäftigten sind 84 000

gleichzeitig Genossenschafter. Sie genießen Mitsprache bei Firmenentscheidungen und sind am Gewinn beteiligt. Etwa 12 000 Euro beträgt die Einlage, die ein so genannter socio nach sechsmonatiger Probezeit leisten muss. Ein Teil davon geht als Investitionskapital in die Firma, ein kleinerer Teil wird für soziale Projekte verwendet. Der Rest bildet den Kapitalstock des socio. Und dieser verringert sich oder wirft Gewinne ab, je nach Wirtschaftslage. So profitieren auch Monteure und Kassierer von Firmengewinnen. Wer in Rente geht, kann sein Kapital entnehmen oder den Grundstock im Unternehmen lassen und so ein 20-prozentiges Stimmrecht behalten. „Gehaltsspreizungen“ in den Dimensionen von Kapitalgesellschaften sind bei Mondragon tabu. Während andernorts Manager das 200-fache ihrer Angestellten verdienen und Deutsche-BankChef Josef Ackermann in manchen Jahren schon auf das 400-fache kam, erhalten die Spitzenkräfte von Mondragon maximal acht Mal so viel. Frauen verdienen in gleicher Position exakt das Gleiche wie ihre männlichen Kollegen. Wer arbeitsunfähig wird, erhält die vollen Bezüge bis zum Rentenalter, benötigt er Pflege, gibt es sogar 150 Prozent. Es erstaunt nicht, dass eine Firma in Mitarbeiterhand Entlassungen vermeiden will. Tatsächlich wurden zwar schon Verträge von Mitarbeitern nicht verlängert. Socios wurden aber noch nie entlassen, sondern im Zweifel in eine andere Firma versetzt. ■

FOTOS: MONDRAGON

Bald wächst Europa wieder ein bisschen mehr zusammen. Ab dem 1. Mai haben Arbeitnehmer aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn uneingeschränkten Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt. Sie müssen dann nicht mehr eine Arbeitserlaubnis des Landes einholen, in dem sie arbeiten möchten. Für den Vorsitzenden der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt, Klaus Wiesehügel, ist das ein Horrorszenario. „Kaum ausgebildete, billige Arbeitskräfte aus Osteuropa werden hierzulande die Löhne drücken“, prophezeit er. Seine Lösung: „Wir brauchen einen flächendeckenden Mindestlohn, der Lohndumping erschwert und der verhindert, dass sich die Situation vieler Arbeitnehmer mit der Öffnung dramatisch verschlechtert.“ Wiesehügel plädiert für 8,50 Euro. In 20 der 27 EU-Staaten gibt es mittlerweile einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Aber dieser ist in einigen osteuropäischen Staaten so niedrig, dass selbst bei Dumpinglöhnen in Deutschland immer noch mehr verdient würde. „Keine dramatischen Veränderungen“ für den deutschen Arbeitsmarkt erwartet dagegen Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Die Situation der Menschen in den 2004 der EU beigetretenen Staaten verbessere sich zusehends. Bei der Arbeitsmigration rechnet Horn daher „höchstens mit einem Rinnsal, aber nicht mit einer großen Welle“. Und die SPD-Europaabgeordnete Jutta Steinruck ist sicher: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort, dann können wir der grenzüberschreitenden Mobilität gelassen entgegensehen.“ ■ KD


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WIRTSCHAFT 27

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MEINE ARBEIT

MANCHMAL ENGEL SEIN »Vor meinem ersten

Haarschnitt hatte ich Respekt. Den sollte man auch behalten.

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Unser Salon öffnet um 9 Uhr. 20 Minuten vorher muss ich da sein, um z.B. die Haarschneidemaschinen in den Wagen zu legen. Ich prüfe, ob meine Haare sitzen, das Make-up stimmt, denn ein gepflegtes Äußeres ist in diesem Beruf sehr wichtig. Nach dem Hauptschulabschluss habe ich eine Ausbildung zur Friseurin gemacht. Zuerst lernt man den Umgang mit Kunden: Haare waschen, Kopfhaut massieren. Die leichteren Sachen. Dann habe ich mir Modelle für einen Haarschnitt gesucht. Am Anfang habe ich bis zu 1,5 Stunden gebraucht. Färben, Dauerwelle, Wasserwelle, Föhnen, Stylen und Make-up habe ich in der Ausbildung auch gelernt, dazu die chemische Zusammensetzung der Färbemittel und was mit dem Haar bei einer Dauerwelle

FRISEURIN ANN-CATHRIN HOLST 24 Jahre, lebt in Hamburg Ausbildung Status Gehalt Arbeitszeit

3 Jahre zur Friseurin, 1 Jahr Meisterschule angestellt In Hamburg ab 1151 Euro brutto im Monat, Meister ab 1432 Euro, plus Trinkgeld und oft Umsatzbeteiligung 38,5 Stunden in der Woche

passiert. Ohne guten Hauptschulabschluss ist die Berufsschule echt schwer. Vor meinem ersten Haarschnitt hatte ich Respekt. Den sollte man auch behalten.

Trotzdem bin ich selbstbewusst, sonst kann ich die Kunden nicht überzeugen. Die Kunden kommen im Halbstunden- bis Stundentakt. Die Arbeit ist anstren-

ENDE DES DUMPINGBOOMS LEIHARBEIT Auf dem Rücken der Arbeitnehmer erlebte die Leiharbeit »goldene« Zeiten. Das Bundesarbeitsgericht bereitet dem ein Ende Von Ursula Engelen-Kefer

FOTOS: HANNAH SCHUH, DPA

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s ist ein Schritt in die richtige Richtung: Die SPD setzte im HartzIV-Kompromiss die Ausweitung der Allgemeinverbindlichkeit tariflicher Mindestlöhne für weitere 1,2 Millionen Arbeitnehmer und endlich auch für Leiharbeiter durch. Die Gewerkschaften fordern dies schon seit Jahren. Doch CDU/CSU und FDP blockierten die Umsetzung. Als Begründung mussten die konkurrierenden Tarifverträge über Mindestlöhne der christlichen Gewerkschaften herhalten. Diese lagen zum großen Teil weit unter den Mindestlöhnen der DGB-Gewerkschaften. So ist ein explodierender Leiharbeitsund Niedriglohnsektor auf dem Rücken der betroffenen Menschen entstanden. Entwickelt hat sich gleichzeitig ein riesiger Kombilohnsektor mit öffentlicher Subventionierung – finanziert über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat diesem wirtschaftlich und sozial gleichermaßen verantwortungslosen Treiben einen Riegel vorgeschoben: dessen

Hauptprotagonist war die Spitzenorganisation der Christlichen Zeitarbeitsgewerkschaften, die „Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen“ (CGZP). Ihr wurde mit Urteil des 1. Senats des BAG vom 14. Dezember 2010 die Tariffähigkeit abgesprochen. Dies ist in der schriftlichen Urteilsbegründung vom 28. Februar 2011 bestätigt worden. Geklagt hatte ver.di. Die CGZP war nur dazu gegründet worden, um abweichende Tarifverträge abzuschließen. Laut BAG hatte sie dazu aber keine Legitimation. Damit sind die vom Christlichen Gewerkschaftsbund ausgehandelten „Dumpinglöhne“ unwirksam und der Grundsatz des „Equal Pay“, der gleichen Bezahlung, gilt. Leiharbeitnehmern stehen mithin die gleichen Löhne und Arbeitsbedingungen zu wie Stammarbeitskräften. Sie können gegenüber ihren Verleihfirmen gleichen Lohn für gleiche Arbeit und entsprechend höhere Beiträge zur Renten-

Keine Dumpinglöhne mehr: „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ – dieser Grundsatz wurde vom Bundesarbeitsgericht jetzt gestärkt.

gend, weil man den ganzen Tag steht. Aber sie bringt auch viel Spaß. Ich kann kreativ sein. Wenn eine Frau sich von ihrem Mann getrennt hat und statt der langen Haare, die er so mochte, etwas Neues will, sind wir Friseure so etwas wie kleine Engel. Das gleicht das Anstrengende aus. Einmal habe ich bei einem Mann, der einen Stoppelschnitt wollte, den Zwölf-Millimeter-Aufsatz vergessen. Ich hatte im Nacken schon zwei Zentimeter wegrasiert, bis ich es gemerkt habe. Ich habe mich entschuldigt und er hat zwei Schnitte kostenlos bekommen. Er kommt heute noch. Inzwischen bin ich Meisterin. Dafür bin ich ein Jahr zur Schule gegangen, habe Rechnungswesen, Arbeits- und Steuerrecht gelernt. Ich prüfe Gesellen und bin im Berufsausbildungsausschuss. Mindestens alle zwei Monate besuche ich eine Weiterbildung. Da lernt man neue Schnitt- und Färbetechniken. Unser Salon schließt um 18 Uhr. Dann putzen wir und räumen auf. Um 18.20 Uhr habe ich Feierabend. Ich arbeite im Geschäft meiner Mutter, das ich später übernehmen möchte. ■ Aufgezeichnet von Susanne Dohrn

versicherung und Rentenleistungen geltend machen. Es ist davon auszugehen, dass diese Lohn-, Beitrags- und Rentenansprüche von mehreren Milliarden Euro auch rückwirkend geltend gemacht werden können. Die „goldenen“ Zeiten für die boomende Leiharbeitsbranche auf dem Rücken der betroffenen Arbeitnehmer dürften damit beendet sein. Jedoch bedeutet dies für die betroffenen Menschen noch keine Existenzsicherung bei der Arbeit und in der Rente. Die tariflichen Mindestlöhne für Leiharbeitnehmer der DGBGewerkschaften können zwar Lohndumping einschränken. Mit 7,60 Euro brutto Stundenlohn im Westen und 6,65 Euro brutto im Osten werden Leiharbeitnehmer mit Familienverantwortung dennoch kaum der Hartz-IV-Falle entkommen. Dies gilt umso mehr, weil die Übernahme in feste Beschäftigung für Leiharbeitnehmer äußerst selten ist. Die Verankerung des Grundsatzes „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ohne Ausnahmen im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz ist deshalb unerlässlich. ■ Ursula Engelen-Kefer ist SPD-Sozialpolitikerin und war stellvertretende DGB-Vorsitzende.


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BÜHNE ZUM GLÜCK THEATER BOCHUM Mit Hilfe des Projekts JobAct finden junge Menschen »spielerisch« einen Ausbildungsplatz Von Gero Fischer

Neues Selbstbewusstsein ist das Geheimnis des Erfolges: Wer einmal auf der Bühne gestanden hat, tritt auch im Bewerbungsgespräch und im Berufsleben anders auf.

Theateraufführung ist der Abschluss der ersten Phase von JobAct, zu der auch ein intensives Bewerbungstraining gehört.

THEATER

Disziplin für das Berufsleben Im Prinzip ist das Projekt selbst ein „Versprechen“. Es soll die Teilnehmer bestmöglich auf die Berufswelt vorbereiten. „Die Disziplin, die man auf der Bühne braucht, ist die gleiche, die man auch im Arbeitsleben aufbringen muss“, sagt Theaterpädagogin Hannah Heckhausen. Durch das Schauspiel bekommen die Teilnehmer eine andere Sichtweise auf die eigene Biografie, lernen Selbsteinschätzung und Eigenpräsentation. „Mir ist bewusst geworden, wie ich nach außen wirke, dass ich eine Gruppe auch stimmungsmäßig mitziehen kann“, sagt Darstellerin Jaqueline Nottelmann. Ihr Kollege Merlin Baron

JOBACT Die Projektfabrik Witten hilft jungen Leuten in über 15 Städten in Deutschland, Ausbildungsplätze zu finden. Projektfabrik e.V. Ruhrtal 5 58456 Witten www.projektfabrik.org

Spiel mit dem Feuer: Der Chef bekommt seine Ratschläge von Frau Teufel.

hat von der Theaterarbeit vor allem eins gelernt: „Wenn es schwierig wird, muss man auch mal improvisieren.“ Das Besondere an JobAct ist die theaterpädagogische Herangehensweise. Aus der Improvisation heraus entwickeln die Teilnehmer Thema, Figuren und Text des Stücks selbst. „Schon dabei versuchen wir natürlich, thematisch eine Verknüpfung mit dem Berufsleben herzustellen“, sagt Projektleiterin Judith De Matteis. Das Motto: Wer einmal auf der Bühne gestanden hat, tritt auch im Bewerbungsgespräch und im Berufsleben anders auf.

Ein Modell für den „Neustart“ In der zweiten Phase folgt für die Teilnehmer ein fünfmonatiges Praktikum in einem Unternehmen, mit dem Ziel, in ein Ausbildungsverhältnis übernommen zu werden. In der Regel mit Erfolg. Im letzten Jahr hatte das Projekt eine Vermittlungsquote von 85 Prozent. In diesem Jahr haben 11 der 15 Teilnehmer eine Praktikumsstelle mit guter Aussicht auf eine Übernahme als Auszubildende. Auch deshalb läuft JobAct in Bochum schon zum fünften Mal. Es sei ein hervorragendes Modell für einen „Neustart“ junger Erwachsener, sagt Johannes Rohleder vom Jobcenter Bochum, das die Projektfinanzierung übernimmt. „Die Praktikumsphase hat einen hohen Klebeeffekt und hat sich bewährt.“ Auch für Jaqueline Nottelmann ist klar: „JobAct ist das Beste, was mir passieren konnte!“ Einen Ausbildungsplatz hat sie schon sicher – sie wird Theaterpädagogin. ■

FOTOS: MARTIN STRZEDULLA

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ie jungen Menschen sind auf der Suche nach Orientierung: eine Sängerin, die vom Erfolg träumt, ein Schriftsteller mit Schreibblockade, ein verlassener Angestellter. Eine Einrichtung namens „Glücksfabrik“ verspricht ihnen individuelles Lebensglück. „Du musst erfolgreich sein!“ und „Du musst Dein Leben ändern!“ lauten die Slogans. Statt persönlichem Glück wächst für die jungen Menschen jedoch nur der Erfolgsdruck, der sie zu zermürben droht. „Das Versprechen“, aufgeführt im Prinz-Regent-Theater in Bochum, ist ein Theaterstück über Freiheit und Manipulation in der Leistungsgesellschaft. Ein Plädoyer dafür, sich vom Erfolgsdruck frei zu machen und sein eigenes Glück zu suchen. Denn am Ende erkennen die Figuren die Scheinheiligkeit der „Glücksfabrik“ und brechen aus ihr aus. Das Besondere: Die Darsteller sind selbst junge Menschen auf der Suche nach Orientierung. Keiner von ihnen hat eine Schauspiel- oder Theaterausbildung. Im Gegenteil, sie suchen einen Ausbildungsplatz, zum Beispiel als Einzelhandelskaufmann, Erzieher oder Veranstaltungstechniker. Trotzdem haben sie in fünf Monaten ein eigenes Theaterstück erarbeitet, von der Idee über das Bühnenbild bis zum Text. Möglich macht es das Projekt JobAct, das die Projektfabrik Witten mittlerweile in über 15 Städten in Kooperation mit den Jobcentern betreibt. Es richtet sich an junge Erwachsene bis 25 Jahre, die arbeitslos sind und ALG II beziehen. Die


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»THE KING’S SPEECH« IST MEIN FILM Vierfacher Oscar-Gewinner Die Filmbiographie über den britischen König Georg VI und seinen Kampf gegen das Stottern begeistert Kritiker und Publikum gleichermaßen Von Sabine Heideler

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s ist der Film für all jene, die eine Sprachhemmung haben, ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben. Nicht, weil diese Störung so unüberhörbar wäre, wie jene des Colin Firth in seiner Rolle als Prinz Albert von York. Sie ist subtiler. Sie findet im Inneren statt, so dass die Worte, die gesagt werden müssten, nicht über die Lippen kommen, erst recht nicht, wenn es in der Öffentlichkeit ist. Es ist der Film für alle, deren Verletzungen so früh stattgefunden haben, dass sie sich nicht mehr daran erinnern können. Für jene, die nur noch eine vage Erinnerung haben, wer sie eingeschüchtert, gedemütigt, bestraft hat, wer die Regeln aufstellte, nach denen sie immer noch leben, wer ihre Hobbys prägte und die Magenschmerzen verursachte, die noch heute ihr Leben beeinträchtigen. Dieser Film ist für jene gemacht, die noch nicht den Thron

MEIN KULTUR-TIPP

FOTOS: SENATOR FILMVERLEIH, PETER FRISCHMUTH/ARGUS, DPA

Nils Schmid, SPD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg

ihres Lebens bestiegen haben, die dazu provoziert werden müssen. Für jene, die nur in die Ecke getrieben, die Masken des erzogenen Anstands fallen lassen können, um ohne Stocken das zu sagen, was ihnen schon lange auf der Seele brennt. Colin Firth verkörpert brillant die seelischen Nöte, die die Herausforderung, sich der eigenen Stimme zu stellen, begleiten. Es ist der Weg, sich ihrer Einflüsse und Prägungen zu erinnern, ihre vermeintliche Deformation infrage zu stellen, sich an der Seite liebender Menschen auf das Abenteuer der Heilung einzulassen, gegebenenfalls auch mit unkonventionellen Methoden, der inneren Stimme vertrauend. Colin Firth nimmt uns mit auf eine Reise, die eine Reise zu sich selbst werden kann. Dieser Film ist für mich gemacht. Danke.

Ein Alptraum für den jungen Königssohn: die öffentliche Ansprache

FILM-TIPP

The King´s Speech Regie: Tom Hooper Darsteller: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter Filmlänge: 118 Minuten

PS: Erinnern Sie sich aller Stimmen ehemaliger DDR-Bürger? Es gab immerhin 17 Millionen, die Sie nach der Wende 1989 in der Öffentlichkeit reden hörten. Streichen Sie nun aus ihrem Gedächtnis alle Personen, die ihre Karriere der Mitgliedschaft in der SED zu verdanken haben, streichen Sie Schauspieler, Moderatoren und all jene, die das Reden professionell erlernt haben, streichen Sie Pfarrer, Pfarrerskinder, Theologiestudenten, Kirchenparlamentarier. Welche Stimme ist dann in Ihrer Erinnerung?

»TARKAN« LIVE IN STUTTGART Im Wahlkampf bleibt natürlich wenig Zeit, um mal ins Kino oder zu einem Konzert zu gehen. Umso mehr freue ich mich auf den 3. April. Dann kommt der türkische Sänger Tarkan nach Stuttgart und meine Frau Tülay und ich werden in der Porsche Arena live dabei sein. Ich stehe ja normalerweise eher auf härtere Klänge, zum Beispiel von Metallica oder Led Zeppelin – aber Tarkans Musik hat es mir irgendwie angetan. Vollends überzeugt hat er mich dann, als ich ihn bei einem Konzert in Istanbul live gesehen habe. Ich war beeindruckt, wie er das Publikum mit seiner professionellen Bühnenshow begeistert hat. In der Türkei ist Tarkan ein absoluter Superstar. Wenn man mit eigenen Augen gesehen

Tarkan, hier live in Moskau, ist einer der international erfolgreichsten türkischen Popstars.

hat, wie euphorisch ihm seine Fans zujubeln, fühlt man sich unweigerlich an die Fans solcher Bands wie die Beatles oder Take That erinnert. Ich kann allen einen Besuch am 3. April wärmstens empfehlen. Mein Programm steht jedenfalls fest: Bis zum 27. März gebe ich Vollgas und kämpfe für einen ECHTEN WECHSEL in Baden-Württemberg. Und eine Woche später belohne ich mich mit einem schönen Konzert. Vielleicht sieht man sich ja in der Porsche Arena? Ich würde mich freuen. Man kann ja auch nach einer Woche noch auf den Wahlsieg anstoßen! ■

ZU GEWINNEN! 2 x 2 Doppel-CDs von Tarkan „Come Closer“ E-Mail an: redaktion@vorwaerts.de Stichwort : „Tarkan“ Einsendeschluss: 4. April 2011 HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! Zu gewinnen waren 2 x 2 Theatergutscheine für das Magdeburger Puppentheater. Sie gehen an: Brigitte Dittmer, 21481 Lauenburg/Elbe Stephan W. Block, 13585 Berlin


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vorwärts.de Rezensionen DIE FAVORITEN MIT DEN MEISTEN »KLICKS« Elfriede Jelinek

WINTERREISE Rowohlt Verlag, Hamburg, 2011, 128 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-498-03236-4 Tobias Haberl

DEUTSCHLAND RUINIERT SICH

MIT DER KRAFT DER SPRACHE

Es ist etwas faul in Deutschland. „Die Menschen, die bereits über hohe Einkommen und Vermögen verfügen, sind in der Lage, diese unter den bestehenden wirtschaftlichen Bedingungen immer stärker zu steigern, während breite Kreise der Bevölkerung schon seit Jahren vom Wohlstandswachstum abgeschnitten sind“, beklagt Gustav A. Horn. In seinem Buch „Des Reichtums fette Beute“ beschreibt der Ökonom, welche Folgen das hat – für die Wirtschaft und die Gesellschaft. So nehme nicht nur die Polarisierung zwischen Arm und Reich zu. Die derzeitige Art des Wirtschaftens führe auch direkt in eine neue Krise. Die Rezepte des Ökonomen sind klar: Eine Vermögenssteuer gehört ebenso dazu wie vernünftige Löhne. Eine treffende Analyse, die sich die Politik zu Herzen nehmen sollte. ■ KD

Zsuzsa Bánks Roman „Die hellen Tage“ zieht den Leser in die Welt von Aja, Seri und Karl – Freunde, die in einer Kleinstadt die „hellen Tage“ ihrer Kindheit erleben. Dabei ist es ein „Schatten, mit dem jeder von uns lebte, vielleicht hielt uns das zusammen“. Seri, Aja und Karl haben keine Väter, „jedenfalls nicht so, wie andere Kinder“. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das schiefe Häuschen, in dem Aja mit ihrer Mutter lebt und die Kinder ein- und ausgehen. Ein Ort der Kindheit, der in der Erzählung eine magische Qualität bekommt. Ein Ort, an dem die drei nicht festhalten können, als sie erwachsen werden und ihre Welt sich unwiederbringlich verändert. Bánks poetische Sprache schwebt dicht über dem Kitsch, berührt ihn aber nie. Diese Kunst macht den Roman zu einem Ereignis. ■ BG

Gustav A. Horn DES REICHTUMS FETTE BEUTE. WIE DIE UNGLEICHHEIT UNSER LAND RUINIERT Campus Verlag, 2011, 270 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-59339-347-6

Zsuzsa Bánk DIE HELLEN TAGE S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 190 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-310-005222-3

WIE ICH MAL ROT WURDE Mein Jahr in der Linkspartei

Luchterhand Verlag, München, 2011, 256 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-630-87352-7 Jonathan Lethem

CHRONIC CITY Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart, 2011, 495 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-608-50107-0

Lutz Hermann

PARIS METRO Entdeckungsreise von oben nach unten nach oben

DüsselART-Verlag, Düsseldorf 2010, 290 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-9809938-7-6

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MEHR HELLIGKEIT WÄRE LÜGE

WIE LIEBEN SIE, WIE STERBEN SIE?

Ein Berliner Arbeiterehepaar leistet Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1943 werden die beiden hingerichtet. Aus einer Gestapo-Akte erfährt der Schriftsteller Hans Fallada davon. Der Autor des erfolgreichen Buches „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) hatte in der NS-Diktatur zurückgezogen in Mecklenburg gelebt. 1946 schreibt er auf Basis der Akte des Paares seinen letzten Roman: „Jeder stirbt für sich allein“. Der liegt jetzt erstmals in ungekürzter Originalfassung vor. Das 700 Seiten starke Buch handelt von Widerstand, von kleinen Leuten und vom nationalsozialistischen Berlin. In seiner Vorbemerkung schreibt Hans Fallada: „Es hat dem Verfasser auch oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.“ ■ BG

John Steinbeck, Schriftsteller und Journalist, reist 1947 gemeinsam mit dem Fotografen Robert Capa im Auftrag der „Herald Tribune“ in die Sowjetunion. Der antikommunistischen Hetze der US-Regierung misstrauen beide. Sie wollen sich selbst ein Bild machen: „Und uns fiel auf, daß es einige Dinge in Russland gab, über die niemand schrieb, und daß uns gerade diese Dinge am meisten interessierten. … Feiern sie Feste? Welches Essen gibt es dort? Wie lieben sie, und wie sterben sie?“ Das Buch erzählt von einem Land und seinen Menschen. Es ist zugleich die Geschichte eines Abenteuers und das Porträt eines Freundes: John Steinbeck beschreibt ganz nebenbei Robert Capa mit all seinen Schrullen, nennt das einen „Dienst an der Öffentlichkeit“. Ein lesenswertes, liebenswertes Buch. ■ BG

Hans Fallada JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN Aufbau Verlag, Berlin 2011, 704 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-351-03349-1

John Steinbeck RUSSISCHE REISE. MIT FOTOGRAFIEN VON ROBERT CAPA Edition Büchergilde, Frankfurt 2011, 298 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3940111-84-50

Aufbau Verlag, Berlin, 2010, 298 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-351-02719-3

Bettina Munimus

HEIDE SIMONIS Aufstieg und Fall der ersten Ministerpräsidentin Deutschlands

Ibidem-Verlag 2010, Stuttgart, 24,90 Euro, ISBN 3838201701,

Klaus Stuttmann

LAND UNTER! Politische Karikaturen 2010

Schaltzeit Verlag, Berlin, 2011, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-941362-08-6

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Jan-Erik Pettersson STIEG LARSSON Eine politische Biographie

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32 HISTORIE

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Smog in NRW 1960: Blick auf die Kokerei und den Verladebahnhof einer Zeche in Duisburg

JEDEN TAG EIN KLEINES POMPEJI VOR 50 JAHREN Willy Brandt fordert: »Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden!«

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er berühmte Satz fiel am 28. April 1961, auf dem SPD-Bundesparteitag in Bonn, rund 100 Kilometer entfernt vom Ruhrgebiet, auf das Jahr für Jahr 1,5 Millionen Tonnen an Staub und Asche und über vier Millionen Tonnen giftiges Schwefeldioxid regneten. Der „Spiegel“ schrieb, die Industrie bereite den Menschen im Ruhrrevier jeden Tag ein kleines Pompeji. Mit verheerenden Folgen: Braune Blätter an den Bäumen, verrußte Fensterscheiben, verdreckte Straßen, Wäsche, die im Schmutz trocknete und tagelanger Smog bestimmten das Bild des größten Industriegebietes der Bundesrepublik. Mit dem Himmel verdunkelte sich das Image der Region und das der Industrie. Die Zunahme von Leukämie, Lungenkrebs, Rachitis und Blutbildveränderungen alarmierte längst nicht mehr nur die Experten, sondern inzwischen auch die Bürger.

Brandt erntete zunächst Spott Dies griff der damalige SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt auf, als er verlangte, dass „reine Luft“, „reines Wasser“ und „weniger Lärm“ keine papierenen Forderungen mehr bleiben dürften. Mit der Vision eines blauen Himmels über der Ruhr erntete Brandt manchen Hohn,

doch er verschaffte dem wachsenden Bürgerprotest ein Ziel, auf das gemeinsam hingearbeitet werden konnte. Die Idee zur Vision stammte übrigens von Heinrich Deist, dem Wirtschaftsministerkandidaten der SPD in Brandts Schattenkabinett. Er kannte die unhaltbaren Verhältnisse als Aufsichtsrat des „Bochumer Vereins“ – bei dem es sich nicht um einen Fußballclub, sondern um ein Stahlunternehmen handelte – nur zu gut. Und den Worten folgten Taten: Ein Jahr später verabschiedete der nordrhein-westfälische Landtag das erste deutsche Gesetz zur Luftreinhaltung, 1964 wurden Höchstwerte für den industriellen Schadstoffausstoß festgesetzt. Der von vielen Kritikern befürchtete Niedergang der Industrie blieb aus. Stattdessen fertigte sie nun auch Filter für ihre Schornsteine. Die Umwelttechnik war geboren. Die Verbesserung der Lebensqualität ging mit industrieller Produktion Hand in Hand. Und es begann der eigentliche politische Siegeszug der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet. ■ PD Dr. Karsten Rudolph lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Bochum. Er vertritt dort den Lehrstuhl für Sozialgeschichte und soziale Bewegungen.

FOTO:ULLSTEINBILD

Von Karsten Rudolph


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KREUZWORTRÄTSEL Die Fragen und das Kreuzworträtsel darunter ergeben die Lösung. Zwar ist er nicht... in der Stadt geboren, deren Bürger ihn mehrmals in hohe und höchste Ämter wählten, doch ist er dort aufgewachsen und lebt heute in dem ehemals dänischen Stadtteil, aus dem seine Familie stammt. Sein Vorname?

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Musikalisch war sie auch: Die Gesuchte singt im nach ihr benannten Chor.

WER WAR'S?

FOTO: ULLSTEINBILD

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HISTORISCHES BILDERRÄTSEL Die Lösung des Bilderrätsels der vergangenen Ausgabe lautet KÄTE STROBEL.

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Von Lothar Pollähne

Unter allen Einsendern verlosen wir eine vorwärts-Tasche. Bitte schicken Sie das Lösungswort mit dem Stichwort „Wer war’s“ bis 4. April 2011 per Post oder per E-Mail an: redaktion@vorwaerts.de

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ES GIBT ZWEI WEGE, DAS PREISRÄTSEL ZU LÖSEN: Ratefüchse beantworten zuerst die beiden Fragen. Die jeweils ersten beiden Buchstaben des ersten und des zweiten Lösungswortes ergeben in der richtigen Reihenfolge die Lösung. Es geht aber auch einfacher: Die grauen Felder im Kreuzworträtsel ergeben in der richtigen Reihenfolge das Lösungswort. Es handelt sich um eine Stadt, die sowohl für den Nobelpreis als auch für einen der wichtigsten deutschen Nachkriegspolitiker eine bedeutende Rolle spielt...

Als überzeugte Bundesbürgerin und bekennende DDR-Frau wurde sie zur gesamtdeutschen Ikone. Die Menschen fühlten sich von ihr verstanden

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Bis 1815... stand die Stadt, in der einer der wichtigsten Friedensverträge der Geschichte unterschrieben wurde, unter französischer Verwaltung. Im letzten Jahrhundert war sie die größte britische Garnisonsstadt außerhalb des Vereinigten Königreichs.

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ie Zahl ihrer Auszeichnungen ist Legion: Gustav-HeinemannPreis, Hamm-Brücher-Medaille und Fritz-Bauer-Preis gehören ebenso dazu wie ihre Ernennung zu Deutschlands „Frau des Jahres 1991“. Einen Preis muss sie sich 1997 mit Jan Ullrich teilen: die Goldene Henne. Viel Ehre für eine Frau, die sich nach eigenem Bekunden eigentlich nie für Politik interessiert hat. Bis zur Wende ruht ihr Leben auf vier Säulen: Beruf, Familie, Freunde und Domkantorei. Nach der Wende erkennt sie, dass politisches Engagement nötig ist, um die Veränderungen des grauen DDR-Systems herbeizuführen. Sie mischt sich ein, zuerst bei „Demokratie jetzt“, danach in der neugegründeten SPD der DDR. Ihr Witz und ihre Schlagfertigkeit machen sie zur postsozialistischen gesamtdeutschen Ikone, weil sie gleichzeitig überzeugte Bundesbürgerin und bekennende DDR-Frau ist. Ihr gelingt es, den Leuten klarzumachen, wie toll es ist, „dass wir die Diktatur weghaben“. Gleichzeitig gesteht sie, dass man auch in der Demokratie manchmal kalte Füße kriegt. Gleichgültigkeit lässt sie fuchtig werden. Sarkastisch konstatiert sie bald nach der Wende: „Heute können wir rausbrüllen, was wir wollen, aber es hört keiner zu.“ Als sie 1996 schwer erkrankt, erklärt sie: „Entscheidend ist nicht die Länge des Lebens, sondern dass man sein Leben weiterführen kann, so wie man es für richtig hält.“ Nach ihrem Tod am 26. November 2001 schreibt jemand ins Kondolenzbuch: „Politik habe ich nicht verstanden, aber Sie habe ich verstanden.“ ■

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Die Lösung des jüngsten Preisrätsels lautet RENGER. Gesucht wurden außerdem: LUXEMBURG und BERLIN. Jeweils ein Buch gewannen:

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Klaus Dreyer, 27367 Hassendorf Christian Frenzel, 18055 Rostock Elfriede Speißel, 72131 Ofterdingen Hansgeorg Minzlaff, 10785 Berlin Eva Paulsen, O1705 Freital Manfred Hoppe, 34266 Niesetal Aylin Cetinkaya, 65795 Hattersheim Lutz Mauermann, 86343 Königsbrunn Monika Müller, 50226 Frechen Angelika Rosner, 45739 Oer-Erkenschwick

WAAGERECHT 1 belgischer Kurort 3 erwärmen 8 Affe, Weißhandgibbon 9 Maßeinheit des elektr. Widerstands 10 Baumteil 12 Künstlergruppe; kleine Besetzung 15 Krach, lästiges Geräusch 17 besitzanzeigendes Fürwort 18 ein Erdteil 20 Begleitmannschaft 22 franz. Philosoph (Jean-Paul)

24 Eilbotschaft, Telegramm 26 Vollversammlung 27 Greifvogelnest 29 deutscher Schriftsteller (Wilhelm) 30 anfänglich 33 Schiffszubehör 36 unzufriedener Mensch 38 füherer türkischer Titel 39 langer, dünner Speisefisch 40 Bestand, tatsächlicher Vorrat 41 verspotten, necken 42 griechische Göttin der Morgenröte

SENKRECHT 1 Fell der Bärenrobbe (englisch) 2 weibliches Bühnenfach 3 Abdruck bei plöztlichem Anhalten 4 Gästebetreuerin 5 Lebensbund 6 poetisch, Biene 7 Hast 11 Fluss zur Mosel 13 Milchprodukt, Brotaufstrich 14 wieder 16 gepflegtes Grün 19 nebenan wohnende Frau

20 dicker Punkt, rundlicher Fleck 21 dänische Stadt auf Fünen 23 deutsches Mittelgebirge 25 glasartiger Schmelzüberzug 28 Triumph, Erfolg im Wettkampf 31 blassroter Farbton 32 Fischfett 34 kleines, ärmliches Haus 35 gelb blühende, ölhaltige Nutzpflanze 37 luftförmiger Stoff

Die richtige Lösung schicken Sie bitte bis zum 4. April 2011 per Post an vorwärts, Postfach 322, 10925 Berlin oder per E-Mail an raetsel@vorwaerts.de. Bitte Absender nicht vergessen und ausreichend frankieren! Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir zehn Bücher.


34 DAS LETZTE

VON DER ZECHE AUF DEN STRICH GANZ UNTEN Arbeit ohne Wert, Arbeit ohne Würde: So sieht es aus, das hässliche Gesicht der Marktwirtschaft in Deutschland Von Martin Kaysh

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m Ruhrgebiet war das früher mit der Wahl des Arbeitsplatzes für junge Leute einfach. Wenn du gerne mit Menschen arbeiten wolltest: Ab auf Zeche, nach der Schicht den Kumpels den Rücken schrubben. Wenn du was mit Tieren machen wolltest: Ab auf Zeche, zum Grubenpferd. Und wenn du eine künstlerische Ader hattest: Ab auf Zeche, damit du auf vernünftige Gedanken kommst. Dass es damals auch schon Mädchen gab, fiel nicht weiter auf. Diese Zeiten sind vorbei. Heute bieten osteuropäische Stricher in der Dortmunder Nordstadt sexuelle Handlungen schon ab fünf Euro an. Der benachbarte illegale Arbeitsstrich, zum Beispiel Schwarzarbeit auf dem Bau, bietet mit Stundenlöhnen in ähnlicher Höhe keine Alternative. Den Strichern möchte man empfehlen, lieber Zigaretten zu klauen. Da bringt eine

Schachtel auch fünf Euro, und der Job hätte mehr Würde. So sieht Arbeit ganz unten heute aus. Nicht viel weiter oben sind wir in der Leiharbeitsbranche oder im privaten Postdienst. Der klagte öffentlich und vor Gerichten, er könne nur existieren, wenn er Löhne zahle, wie sie in Weißrussland üblich sind. Doof nur, dass man die Münchener Post schlecht in Minsk in die Briefkästen stopfen kann. Das mag die fiese Privatwirtschaft sein. Der öffentliche Dienst darf sich seit Jahren mühen, ihr gleich zu werden. Man fahre einmal mit der Bahn. Wer sich die 1.Klasse leisten kann, wird im schicken ICE umhegt vom freundlichen Zugbegleiter, der auf Wunsch das frisch aufgewärmte Monatsmenü an den Platz bringt. Auf der Brust trägt er ein Schild mit einem Namen, der manchmal Künstlername ist, aus Sicherheitsgrün-

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Bitte haben Sie etwas Geduld. Sie werden mit dem nächsten freien Arbeitsplatz verbunden.

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Martin Kaysh

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den. Was nichts mit der Qualität der Speisen zu tun hat, meistens. Dann steigst du um in die Regionalbahn. Dort schiebt ein Mitarbeiter einen schweren Wagen mit Snacks und Getränken durch den Gang. Er trägt ein Sweatshirt, auf dem Rücken kannst du die Preise für Schokoriegel und Cola lesen, aus Werbegründen. Bahnbeamter ist er selten, eher Teilzeitkraft, angestellt bei einer Tochter- oder Fremdfirma, und zwei Pappbecher Kaffee kosten ihn einen Stundenlohn. Nebenberuflich kontrolliert er Fahrkarten und kennt die Anschlusszüge nicht. Wer einen besseren Job sucht, wendet sich an die Arbeitsagentur. Dort wird dir schnell geholfen. Statt einer übellaunigen Telefonistin erwartet dich dort eine poppige Warteschleife mit einer vielversprechenden Ansage: „Bitte haben Sie etwas Geduld. Sie werden mit dem nächsten freien Arbeitsplatz verbunden.“ ■ Martin Kaysh ist Kabarettist, Alternativkarnevalist („Geierabend“) und Blogger. Er lebt im Ruhrgebiet, freiwillig.

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FOTO: STANDOUT

vorwärts 04/2011


Ins Stammbuch geschrieben Michael Neumann (Hrsg.)

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160 Seiten ,6%1 3DSHUEDFN½ Erschienen bei rotation

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