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Kommunal ist schön Von Uwe Knüpfer

K

eine drei Jahre sind seit dem großen Krieg vergangen. ­Bochum liegt in Trümmern. Da beschließt der Rat der Stadt den Neubau des zerbombten Theaters. 1954 schon wird es eröffnet, in einem völlig neuen Stil – dem Stil einer neuen, hoffentlich besseren Zeit. 1858 zählte die einst von Karl dem Großen angelegte Stadt gerade mal 9 000 Einwohner. 1905 waren es 116 .000, zwanzig Jahre später wieder doppelt so viele. Viele Neubürger sprachen besser Polnisch als Deutsch. Sie waren dem Ruf der Zechen- und Stahlbarone gefolgt, ihr Glück im Westen, an der Ruhr, zu suchen. Bochum wurde darüber sozialdemokratisch. Nicht gleich, aber allmählich. Als Ergebnis guter Kommunalpolitik. Seit 1946 hat hier immer die SPD das Stadtoberhaupt gestellt. Derzeit ist es Ottilie Scholz. Die frühe Sozialdemokratie war eine Bildungsbewegung. Sobald Sozialdemokraten Einfluss auf die Geschicke von Städten nehmen konnten, bauten sie Wohnungen, gründeten sie Schulen und Bibliotheken, Volkshochschulen und

Theater. Sie wussten schon, als sie dafür noch andere Wörter gebrauchten: Integration braucht Bildung und Teilhabe. Der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts stand im zweiten Jahr, die Hurrarufe der vom Nationalismus Besoffenen verstummten allmählich, da fasste der Rat der Stadt Bochum 1915 einen ersten kühnen Beschluss: Wir gründen ein Theater – und es soll eines der besten werden! Es soll Arbeiterbürgern und deren Kindern Zugang zu Hochkultur verschaffen, Menschen aus dem ganzen Ruhrgebiet. Kaum hatte der Kaiser abgedankt, war die Republik ausgerufen, schritten die Bochumer zur Tat. Aus einem Varietétheater wurde das „Schauspielhaus.“ Die Reihe seiner Intendanten liest sich wie eine Kurzfassung neuerer deutscher Theatergeschichte: Saladin Schmitt (1919–1949), Hans Schalla (1949–1972), Peter Zadek (1972–1979), Claus Peymann (1979–1986), FrankPatrick Steckel (1986–1995), Leander Haussmann (1995–2000), Matthias Hartmann (2000–2005), Elmar Goerden (2005–2010), seither Anselm Weber.

Ein Haus für Kunst und Bürger: Die Bochumer feiern das Theaterfest im September 2012.

H a n n e l or e K r a f t Stv. SPD-Vorsitzende, NRW-Ministerpräsidentin »Die Sozialdemokratie hat Geburtstag und dennoch ist das, was sie ausmacht, noch längst kein alter Hut. Warum ich unbedingt Teil von ihr sein wollte und jeden Tag sein will, hat mit dem gemeinsamen Bekenntnis für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und einem Miteinander der Achtung und Anerkennung zu tun. Und das alles wird nie aus der Mode sein, egal welches Jahrzehnt auf dem Kalender steht. Es ist das, was unsere Gesellschaft im Inneren zusammenhält. So wertvoll, dass es sich seit 150 Jahren lohnt, dafür zu streiten und zu kämpfen – und es lohnt sich jeden weiteren Tag, der vor uns liegt.«

Immer wenn Bochum Großes zu feiern oder zu betrauern hat, trifft sich die Stadt vor ihrem Schauspielhaus an der Königsallee. Ob Stahlwerke aufgaben, Nokia dem Ruf des schnellen Geldes folgte oder Opel kriselt: Am und im Theater findet Bochum Trost. Der städtische Etat mag schwächeln – an Kultur wird in Bochum nicht gespart. Im Gegenteil. Mitten in der großen Finanzmarktkrise bauen die Bochumer ihren ebenfalls 1919 gegründeten Symphonikern ein Konzerthaus, mitten in der Stadt. Es dürfte, wie der Nachkriegs-Neubau des Theaters, kein Musentempel werden, sondern ein „Haus“ für Kunst und Bürger. In Gediegenheit bescheiden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Bochumer ihr Theater im Stil der 50er renoviert, samt Tütenleuchten und cognacfarbenen Polstern. Kommunalpolitik hatte in den frühen Theoriediskussionen und Programmen der SPD keine große Rolle gespielt. Hugo Lindemanns Idee des „Municipalsozialismus“ blieb eine Randnotiz. Kommunalpolitik wurde aus der Praxis vorwärts

02|2013

Fotos: Schauspielhaus Bochum, Caro / Dirk Bleicker

Wie Bochum zum Theater kam

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vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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