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des Marktes hält, wenn ein Staat in die eigene Wirtschaft eingreift, kann vom helfenden Eingriff in Wirtschaft und Gesellschaft ferner Länder nicht viel erwarten. So hat der Brandt-Bericht, dessen stärkster Teil die Einleitung des Vorsitzenden wurde, nicht die Wirkung entfaltet, die der Mühe der Verfasser angemessen gewesen wäre. Dies gilt auch für die Bundesrepublik Deutschland. Kein Bundeskanzler hat den Bericht im Bundestag je erwähnt, und der zuständige Minister hielt ihn für allzu „dirigistisch“. (W.B., Berliner Ausgabe Bd. 8, p. 274) Auch Willy Brandts Hoffnung, nach Ende des Kalten Krieges hätten wir beide Arme frei für den Süden, erfüllte sich nicht. Die USA strichen ihre – strategisch motivierte – Auslandshilfe zusammen, und ihr Beispiel wirkte. n Erhard Eppler (geb. 1926) war Bundesminister für Entwicklungshilfe von 1968 – 1974.

Rainer Maria K a r di na l Woe l k i

Fotos: ullstein bild, dpa / Karl-Josef Hildenbrand

Erzbischof von Berlin »Die Sozialdemokratie ist eine wichtige politische Bewegung, die für soziale Gerechtigkeit und friedliches soziales Miteinander eintritt. Ein Charakteristikum der Sozialdemokratie ist, dass sie sich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung einsetzt. Ich erwarte von der SPD, dass sie sich besonders für langzeitarbeitslose Menschen einsetzt. Für sie müssen auch weiterhin Möglichkeiten bestehen, am Arbeitsleben teilzunehmen und Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu finden. Die SPD sollte die Ursachen von Langzeitarbeitslosigkeit wie z.B. die Bildungsarmut bekämpfen.«

02|2013

vorwärts

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Die Gründerin der AWO: Marie Juchacz auf dem Berliner Wilhelmplatz am 18. Mai 1919.

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ie erste Rede einer Frau vor der Krankenpflege, bevor sie eine Leheinem deutschen Parla- re als Schneiderin absolvierte. Durch ment dauerte 256 Sekun- ihren Bruder zur SPD gekommen, enden. Als die Sozialdemo- gagierte sie sich, nach Berlin gezogen, kratin Marie Juchacz am 19. Februar in der sozialdemokratischen Frauen1919 die Rednertribüne der Weimarer arbeitervereinsbewegung. Bald war Nationalversammlung betrat, war sie als begabte Rednerin gefragt. 1917 das Frauenwahlrecht erst kurz zuvor wurde sie als Nachfolgerin von Clara allgemeines Gesetz geworden. 17,7 Zetkin hauptberufliche FrauensekreMillionen Frauen hatten sich an der tärin beim SPD-Parteivorstand und Parlamentswahl beteiligt. Das waren Chefredakteurin der Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“. Die stolze 82 Prozent. 37 am 13. Dezember weibliche Abgeord1919 gegründete nete wurden in das P ort r ät Arbeiterwohlfahrt Parlament gewählt. führte sie bis 1933 „Meine Herren und als erste VorsitzenDamen!“ begann de. Sie prägte auch Marie Juchacz ihVon Rolf Hosfeld den zentralen Gere Rede. Nicht, wie danken der solidariheute üblich, in der alphabetischen Reihenfolge. Noch schen Selbsthilfe dieser sozialdemowar man es zu sehr gewohnt, dass kratischen Wohlfahrtsorganisation. 1932, während der Debatte über die „Herren“ zuerst genannt wurden. Noch war überhaupt der Auftritt die Reichspräsidentenwahl, war sie die einzige Frau im Parlament, die ­einer Frau etwas Ungewöhnliches. Marie Juchacz, am 15. März 1879 den Nationalsozialisten und ihrer in Landsberg an der Warthe geboren von „Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und und am 28. Januar 1956 in Düssel- Renommiersucht“ diktierten mändorf gestorben, hat die Arbeiterwohl- nerbündischen Politik entgegentrat. fahrt gegründet. Für sie gab es immer 1933 floh sie aus Deutschland, erst einen engen Zusammenhang von nach Frankreich, dann in die USA. Frauen- und Sozialpolitik. Nach dem 1949 kehrte sie zurück und wurde Besuch der Volksschule arbeitete sie Ehrenvorsitzende der Arbeiterwohlzunächst als Dienstmädchen und in fahrt. n

Marie Juchacz

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vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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