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die ausgemergelten Häftlinge das Elend wenigstens für Stunden vergessen. Fritz Erler erinnerte sich später an viele kleine Szenen: „Selbst beim Kohletrimmen aus eingefrorenen Schiffen in der Ems bei einer Kälte von 30 Grad sahen wir viele Kameraden mit ihrem Kohlesack auf dem Rücken nebeneinander laufen und dabei bestimmte Fragen durcharbeiten und wiederho-

R e na n De m i r k a n

Schule für das Leben – in der Hölle! Fritz Erler, der Moorsoldat im KZ Aschendorfermoor Von Renate Faerber-Husemann

I

m Winter 1940 bis zu 30 Grad minus, im Sommer bis zu 30 Grad plus, Prügelorgien der MoorSA, ewiger Hunger, 15 Stunden Schwerarbeit am Tag – und trotzdem schrieb Fritz Erler 1946: „Es begann eines der fruchtbarsten Jahre meines Lebens.“ Er war Moorsoldat im Konzentrationslager Aschendorfermoor im Emsland, verurteilt 1939 vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Die Strafe für den damals 26-jährigen Widerstandskämpfer lautete auf zehn Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit. In der Zeitung „Die Freie Gewerkschaft“ hat er – der später kaum noch über jene Jahre in Lagern und Zuchthäusern sprach – sehr berührend über diese Zeit geschrieben. Es ist das Dokument einer tiefen Freundschaft, ge-

widmet dem Mithäftling Hans Glaser, weltläufig, gebildet, Kommunist aus intellektuellem Berliner Milieu. Zusammen mit dem „langen Hans“ gründeten die beiden das, was später in Widerstandskreisen als „Mooruniversität“ bekannt werden sollte. „Systematische geistige Arbeit“ sollte verhindern, dass die gequälten Menschen – überwiegend „Politische“ – sich selbst aufgaben. Und so trug jeder bei, was er am besten konnte: Es gab Sprachkurse in Englisch, Französisch und Spanisch. Es wurden – was hochgefährlich war – Lehrbücher und Schreibmaterialien ins Lager geschmuggelt. Sorgfältig ausgearbeitete Vorträge über Medizin und Physik, über Marxismus und Kapitalismus, über Botanik, englische Geschichte und vieles mehr ließen

Schauspielerin und Schriftstellerin »Ich gratuliere sorgenvoll zu diesem historischen Kraftakt und wünsche Dir, SPD: Bitte revidiere Deine HartzIV-Keule, damit Du nochmal so alt werden kannst! Trotz all Deiner Widersprüche, und obwohl auch Du jahrzehntelang das Wahlrecht einer ‚Ausländerin’ abgelehnt hast, war ich schon als Teenie ein Fan von Dir. Denn kniete Willy Brandt vor den Toten in Warschau, so kniete er auch für mich. Unterschrieb er den Radikalenerlass, so hatte er auch meine Gedankenfreiheit beschnitten. Beim Schröderschen Nein zum Irakkrieg war ich außer mir vor Freude. Bei seiner Kumpanei mit der Wirtschaft habe ich mich verraten gefühlt. Und bei den unvergesslichen Worten von Johannes Rau ,Versöhnen statt spalten‘ ging mir das Herz auf. Nun darf ich dank der NRW-SPD endlich auch mitstimmen, verstehe Dich aber seit der Agenda 2010 nicht mehr! Sie hat die Textur der Demokratie zerbröselt! Sie hat, trotz Deines Kulturstaatsministers, die Lohnabhängigen vom Kulturwesen zum minijobbenden Humankapital erniedrigt. Eine SPD der Moderne sollte aber an der Seite der Schwachen stehen.«

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02|2013

Fotos: dapd / Joerg Sarbach, dpa / Horst Galuschka

Fotografien ehemaliger Häftlinge: Sie sind Teil der Dauerausstellung über die Emsland-Lager.

vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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