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Zu Recht im Mittelpunkt : Julie Bebel, mit Tochter Frieda und Mann August. Sie kümmerte sich um die Firma, die Partei und die Familie.

Wenige Publikationen im Kaiserreich alarmierten das konservative Lager so sehr wie „Die Frau und der Sozialismus“. Das Buch sollte sogar als Grund für die Verlängerung des Sozialistengesetzes herhalten. Immer wieder hat Bebel den Text erweitert, aktualisiert und umgearbeitet, so dass 1910 schon die 50. Auflage erschien!

Foto: bpk (2)

Armut, Abtreibungen, Alkoholismus Was die herrschende Klasse besonders störte, waren wohl Bebels drastische Schilderungen des Arbeiterinnen-Alltags. Die Verwahrlosung und der Zerfall der Familien durch endlos lange Arbeitszeiten, Armut, Kinderreichtum, Krankheiten waren sein Thema. Und er schönte nichts, schrieb über illegale Abtreibungen, Geschlechtskrankheiten, Alkoholismus. Deutlicher als andere sah er den Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in den Fabriken und den traurigen Zuständen in den Familien: „Die Frau des Arbeiters, die abends müde und abgehetzt nach Hause kommt, hat von neuem alle Hände voll zu tun; Hals über Kopf muß sie arbeiten, um in der Wirtschaft nur das Notwendigste instand zu setzen. Der Mann geht ins Wirtshaus, um dort die Annehmlichkeiten zu finden, die ihm zu 02|2013

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Hause fehlen. Unterdes sitzt die Frau zu Hause und grollt; sie muß wie ein Lasttier arbeiten.“ Und wie diese Arbeit aussah, hat Bebel ebenfalls schonungslos beschrieben: „Es ist wahrlich kein schöner Anblick, Frauen sogar im schwangeren Zustand mit den Männern um die Wette beim Eisenbahnbau schwer beladene Karren fahren zu sehen oder sie als Handlanger, Kalk und Zement anmachend oder schwere Lasten Steine tragend, beim Hausbau zu beobachten, oder beim Kohlen- und Eisensteinwaschen. Dabei wird der Frau alles Weibliche abgestreift und ihre Weiblichkeit mit Füßen getreten. Das sind die Folgen der sozialen Ausbeutung und des sozialen Krieges. Unsere korrupten sozialen Zustände stellen die Dinge auf den Kopf.“ Anders als viele andere Genossen zog Bebel aus diesen elenden Zuständen aber nicht den Schluss, die Männer müssten so viel verdienen, dass ihre Frauen zu Hause bleiben könnten. Er war ein früher Anhänger von gleichberechtigter weiblicher Erwerbsarbeit, gleichberechtigtem Zugang zu Bildung (seine Tochter „Friedchen“ musste noch zum Studium in die Schweiz, weil deutsche Universitäten Frauen verschlossen waren) und gleichen Rechten in der Politik. Manches, was er dazu schrieb, liest

Trotz Verbot ein Bestseller: „Die Frau und der Sozialismus“ von Bebel erreichte über 60 Auflagen.

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vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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