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»Kurt Schumacher sollte mit seinen Warnungen Recht behalten.« Werner Sonne

glauben, dass eine vereinigte Partei von SPD und KPD ein Stück sozialdemokratischer Inhalte haben könne. „Sie übersehen dabei, dass für die kommunistische Politik wie für jede Art von Diktaturidee die Macht die eigentliche Substanz der Politik ist. Das zeigt den Weg, den eine vereinheitlichte Arbeiterbewegung gehen müsste, nämlich den der Eroberung der Macht durch die Führung der KPD.“ Schumacher sollte mit seinen Warnungen Recht behalten. Am 22. April 1946 war es soweit. Unter einem Porträt von Karl Marx schüttelten sich im Berliner Admiralspalast der Sozialdemokrat Otto Grotewohl und der Kommunist Wilhelm Pieck die Hände. Die Vereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands war damit vollzogen. „Dreißig Jahre Bruderkampf sind zu Ende“, behauptete Otto Grotewohl. Doch in Wahrheit begann er jetzt erst richtig. Jetzt füllten sich die Straflager und Zuchthäuser noch schneller mit Gegnern aus der Sozialdemokratie, die SED setzte den Weg in die völlige Stalinisierung unbeirrt fort. n Werner Sonne (geboren 1947) ist Autor und lebt in Berlin.

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Das Dilemma der Freiheit Von Friedrich Schorlemmer

D

er freiheitliche Rechtsstaat Der demokratische Sozialismus geermöglicht zum Himmel hörte 1968 zum Prager Frühling und schreiende Ungerechtigkei- meinte eben nicht mehr demokratiten. Das bleibt ein schwer schen Zentralismus, sondern in allen beherrschbares Dilemma der Freiheit. Lebensbereichen erfahrbare Mitbestimmung. Das war der Geradezu gebetsmühkurzzeitige Versuch, die lenartig wird die Formel Idee der Freiheit und der wiederholt, der Einzelne sozialen Gerechtigkeit zu müsse mehr Verantworverbinden. Das Ziel war tung und mehr Eigenvoreine Gesellschaft von sorge übernehmen, statt Freien und Gleichen. alles weiter vom Staat zu Der globale neolibeerwarten. Das sagen ausrale Zeitgeist verspricht schließlich diejenigen, sich von Steuererleichdie es bereits gepackt terungen einen hohen haben, die außerordentInvestitionsschub mit der lich günstige Ausgangs- Friedrich Schorlemmer Schaffung neuer Arbeitsbedingungen hatten. Wie (geboren 1944) lebt als plätze. Das aber erweist blanker Zynismus klingen Publizist in Wittenberg. sich zunehmend als ein solche Sprüche in den Ohren derer, die chancenlos rausgefal- gefährlicher Irrtum: Höhere Gewinne len sind oder kaum eine Möglichkeit der Unternehmen werden neuerdings sehen, Vorsorge für sich zu betreiben, stets mit mehr Arbeitsplatzabbau erweil alle Kraft und alles Geld fürs reicht. Es wird mit immer weniger Tägliche draufgehen. Vorsorgepflicht Menschen immer mehr und immer des Einzelnen erübrigt nicht Fürsor- effizienter produziert. Unser an blogepflicht des Staates für alle, die nicht ßer Rentabilität und Rendite orienmehr mitkommen oder überhaupt tiertes westliches Wirtschaftssystem nicht auf der Stufenleiter des Wohl- könnte an seinem Erfolg zugrunde gehen – sozial, politisch, ökologisch – standes mitgekommen sind. Das Erfolgsmodell Bundesrepu- und schließlich auch ökonomisch. Es kommt darauf an, ob der blik beruhte im Kern auf der engen Verknüpfung von wirtschaftlichem Mensch sich dem Markt gänzlich Leistungswillen samt entsprechen- unterwirft oder ob er ihn sich klug der Leistungskraft mit sozialer Siche- zu Nutze macht, um national und rung. Es erwies sich gegenüber dem global humane Ziele zur Geltung sozialistischen Großversuch ökono- zu bringen – wo also soziale und freiheitliche Rechte gewahrt wermisch wie sozial als überlegen. Der „real existierende Sozialismus“ den. Unser Land braucht eine handhatte sich gegen alle freiheitlich-sozialen Utopien, gegen jedes selbstkri- lungsstarke Sozialdemokratie, die an tische Moment repressiv gewandt, den großen Worten Freiheit, Gerechdas linkem Denken solange eigen ist, tigkeit, Solidarität prinzipiell festwie es sich nicht ideologisch verbohrt hält und um konkret gangbare Wege oder auf Parteilinie getrimmt wird. streitet. n

vorwärts

02|2013

Foto: dpa / Tom Schulze

Geheimdienst NKWD wütete immer schlimmer, jeder Widerstand wurde mit jahrzehntelangen Haftstrafen bestraft, viele SPD-Anhänger fanden sich in denselben KZ wieder, in denen sie schon unter den Nazis eingesperrt waren. Schumacher versuchte, Grotewohl im Winter 1945/46 von der Vereinigung abzuhalten und zumindest die SPD in der Sowjetzone aufzulösen, um sie dem Zugriff der Sowjets zu entziehen. Doch es war zu spät, Grotewohl lehnte ab. Schumacher meldete sich noch einmal im „Tagesspiegel“ zu Wort. Nur „heitere Optimisten“ könnten

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vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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