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„Volksverräter Willy Brandt“: Der Kanzler wurde für seine Entspannungspolitik hart attackiert, hier von Vertriebenen am 7. Mai 1972 in Bonn.

Politik der Entspannung

»Kleine Schritte sind besser als grosse Worte« So umstritten die Ostpolitik in den 1970er Jahren ist: Mit ihr schafft die SPD Grundlagen und Vertrauen, die 1990 die Deutsche Einheit ermöglichen

D

ie Mauer wurde zur Geburtsstunde der Ost- und Entspannungspolitik. Es begann mit den menschlichen Tragödien der zementierten Teilung der Stadt und der Teilung von Familien. Die drei Westmächte hatten das hingenommen und Präsident Kennedy antwortete dem Regierenden Bürgermeister Brandt, der brieflich A ktionen verlangt hatte, die Mau­ er könne nur durch Krieg beseitigt

werden und den wolle niemand. Im Schöneberger Rathaus musste man ­ sich für eine nicht begrenzte Zukunft auf Teilung einstellen. In dieser kommunalen Notlage keimte der Gedanke, den Menschen zu ermöglichen, ihre Angehörigen im Ostsektor wenigstens für Stunden besuchen zu können. Alle vier Mächte mit ihren unkündbaren Siegerrechten stimmten zu. So begannen Verhandlungen über Passierscheine zur Beru-

higung der erregten, wütenden und hilflosen Menschen auf beiden Seiten. Das war ein Tabubruch. Die CDU in der Stadt protestierte: „Mit Gefängniswärtern verhandelt man nicht.“ Die Antwort Brandts: „Kleine Schritte sind besser als große Worte“ empörte die Union noch mehr: „Die Wunde muss offen bleiben.“ Brandt entgegnete: „Die ganze Politik kann sich zum Teufel scheren, wenn sie nicht den Menschen hilft.“ Niemand hat damals geahnt vorwärts

02|2013

Foto: SZ Photo

Von Egon Bahr

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vorwärts extra: 150 Jahre SPD  

150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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