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Europa wird geboren Mit dem Heidelberger Parteitag von 1925 erfindet die SPD das Konzept des vereinten Europas Von Martin Winter

Die EU erhält 2012 den Friedensnobelpreis: Thorbjörn Jagland vom Nobel-Komitee und die EUVertreter Herman Van Rompuy, Manuel Baroso und der Sozialdemokrat Martin Schulz (v.l.n.r.).

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er später einmal von den „Goldenen Zwanzigern“ schwärmen wird, der meint vor allem das Jahr 1925. Berlin glitzert. Film, Theater und Revuen produzieren um die Wette. Quer durch die junge Republik tanzt man in Nachtklubs Charleston oder spielt Jazz. Künste und Wissenschaften durchleben einen kreativen Schub. Das „Bauhaus“ entwickelt seinen Stil der Nüchternheit, der die Architektur weltweit auf Jahrzehnte hinaus beeinflussen wird. Die Wirtschaft boomt, das Elend der Inflation liegt seit der Währungsreform von 1924 hinter den Deutschen. Die Weimarer Republik scheint Tritt zu fassen. Im September 1925 trifft sich die SPD in Heidelberg, um sich ein neues Programm zu geben. Hier in der romantischen Universitätsstadt verabschieden sich die Sozialdemokraten

vom Konzept des Staatssozialismus und verknüpfen den Begriff Sozialismus stattdessen mit Demokratie und Freiheit. Die SPD setzt ihre Hoffnung auf die Demokratie, die sie nach der Niederlage des kaiserlichen Deutschland mit aufgebaut hat.

Friedrich Eberts Tod ändert alles Aber die Sozialdemokraten ahnen auch die Gefahren, die hinter den kleinen schwarzen Wolken lauern, die sich am europäischen Horizont zeigen. Nach dem Tod des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert wählen die Deutschen nationalistisch. Sie befördern den ehemaligen, kaiserlichen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ins höchste Staatsamt. Der wird später Adolf Hitler die Tür zur Reichskanzlei aufstoßen. Hitler darf 1925, schon anderthalb Jahre nach

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seinem gescheiterten Putschversuch die NSDAP neu gründen und sich die paramilitärische SS zulegen. Zugleich erscheint sein Buch „Mein Kampf“, die ideologische Blaupause für die Zerstörung der Demokratie, den großen Krieg und die Vernichtung der Juden. Noch ist der Nationalsozialismus nur eine Randerscheinung der deutschen Politik. Doch hinter der glänzenden Fassade der goldenen Zwanziger wächst bereits der Humus heran, auf dem Kommunisten und Nationalsozialisten schon bald gedeihen werden. Große Teile der Mittelschicht sind die ökonomischen Verlierer der Nachkriegsjahre. Es entsteht ein unzufriedenes und von der Angst vor der Armut getriebenes Kleinbürgertum, eine leichte Beute für Volksverführer. Aber auch Arbeiter sind verunsichert. Der Aufschwung kommt bei ihnen kaum an. Neue Produktionsverfahren greifen um sich, bei denen immer weniger gelernte aber immer mehr ungelernte und schlecht bezahlte Kräfte gebraucht werden. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch und unter Hoffnungslosen beginnen Kommunisten und Nationalsozialisten Gefolgschaft zu werben. Die Sozialdemokraten spüren wohl, dass sie dem Sturm des Faschismus, der mit Benito Mussolini ja schon über Italien gezogen war, nicht allein mit dem Bekenntnis zum demokratischen und sozialen Rechtsstaat widerstehen können. So verlangen sie im Heidelberger Programm eine „europäische Wirtschaftseinheit“, ja sogar: die „Vereinigten Staaten von Europa“. Nur so werde es eine „Interessenssolidarität“ der Völker geben. Es brauchte noch ­einen Weltkrieg, die Zerstörung Deutschlands und das Heraufziehen des kalten Krieges, bis die Idee der Interessensolidarität zur Gründungs­ formel der europäischen Einigung wurde: Wer sich wirtschaftlich immer enger miteinander verknüpft, der fällt nicht übereinander her. n Martin Winter (geb. 1948) ist Bürochef der „Süddeutschen Zeitung“ in Brüssel.

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02|2013

Foto: DPA/ Xinhua / Liu Min

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150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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