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Heute unvorstellbar, von der SPD schon damals kritisiert: Freude über den Kriegsausbruch 1914

Die Stunde der Gefahr Die SPD lehnt jeden Eroberungskrieg strikt ab. Aber das Land soll sich bei einem Angriff wehren. Deshalb bewilligt die SPD-Fraktion 1914 die Kriegskredite. Das führt zur Spaltung der Arbeiterbewegung Von Reinhard Rürup

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m Vorabend des Ersten Weltkrieges war die Sozialistische Internationale mit ihren mehr als fünf Millionen Mitgliedern die mit Abstand grösste Friedensorganisation der Welt. 1913 wurde sie sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Auch die deutsche Sozialdemokratie, seit 1912 stärkste Fraktion im Deutschen Reichstag und mit über einer Million Mitglieder die grösste „Sektion“ der Internationale, war prinzipiell antiimperialistisch und antimilitaristisch. In der „Julikrise“ von 1914 stemmte sie sich sowohl publizistisch als auch mit einer grossen Zahl von Antikriegskundgebungen entschieden gegen die drohende Kriegsgefahr. Den-

noch lehnte die SPD-Reichstagsfraktion am 4. August nicht, wie allgemein erwartet, die von der Regierung beantragten Kriegskredite ab, sondern genehmigte sie ebenso wie alle anderen Fraktionen, und das sogar einstimmig. Wie war das möglich? Und welche Folgen hatte diese Entscheidung?

Was tun bei einem Angriff? Die SPD war sich zwar darüber einig, dass Kriege verhindert werden müssen, aber sie hatte keine Strategie für den Fall, dass es dennoch zu einem Krieg kommen und dieser Krieg als ein notwendiger Akt der Verteidigung deklariert würde. Noch am 31. Juli hatten sich der Parteivorstand und die Reichstags-

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fraktion mehrheitlich für die Ablehnung der Kriegskredite oder Stimmenthaltung ausgesprochen. Dann folgten die deutsche Mobilmachung und die Kriegserklärungen an Russland und Frankreich. Gleichzeitig erwies sich die Sozialistische Internationale als handlungsunfähig. Schon am 2. August votierte daraufhin der Fraktionsvorstand mit vier zu zwei Stimmen für die Bewilligung, und in der Fraktionssitzung am 3. stimmten laut Protokoll 78 Abgeordnete für und nur 14 (nach anderen Angaben 16) gegen die Bewilligung. Da man den Fraktionszwang beschloss, stimmte die Fraktion am Nachmittag des 4. August im Reichstag geschlossen für die Kredite. Diese Entscheidung wurde in einer Erklärung begründet, die von einer Kommission formuliert, von der Fraktion bei nur vier Gegenstimmen gebilligt und in der Reichstagssitzung von dem Fraktionsvorsitzenden Hugo Haase, der selber zu den Gegnern der Bewilligung gehörte, vorgetragen wurde. Darin wird der Krieg als eine Folge „der imperialistischen Politik“ bezeichnet, die von „den Trägern dieser Politik zu verantworten“ sei. Die Sozialdemokratie habe „diese verhängnisvolle Entwicklung mit allen Mitteln bekämpft“, jetzt stehe man aber „vor der ehernen Tatsache des Krieges“: „Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der zur Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel.“

Das Vaterland nicht im Stich lassen Angesichts des „russischen Despotismus“ stehe „für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft“ nun „viel, wenn nicht alles auf dem Spiel“: „Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“ Zugleich aber liess man keinen Zweifel daran, dass man weiterhin „jeden Eroberungskrieg verurteile“. So hiess es abschliessend: „Wir fordern, dass dem Kriege, sobald das Ziel der Sicherung erreicht ist und die Gegner zum Frieden geneigt sind, ein Ende gemacht wird durch einen vorwärts

02|2013

Foto: Ullstein Bild / Archiv gerstenberg

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150 Jahre Sozialdemokratie: Auf dem Weg zu einem besseren Leben

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