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Auftraggeber:

Projektgemeinschaft

Architekt Erich Raith, Ao.Univ.Prof.DI Dr.

nonconform architektur vor ort ZT KG

Lederergasse 23 | 8 | EG A 1080 Wien

Brandnerweg 6 9062 Moosburg am WĂśrthersee

t +43 1 929 40-58

www.raithnonconform.at

office@raithnonconform.at

Studienautor:

RenĂŠ Mayr, DDI

t +43 699 81624996

rene.mayr@gmx.net | mayr@nonconform.at

Studieninhaber:

Gemeinde Kundl

Ansprechperson: VBM DI Albert Margreiter

a.margreiter@kundl.at

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Siedlungsmorphologische Analyse Kundl Die Einzigartigkeit von Kundl finden!

erstellt durch René Mayr mit Unterstützung von NONCONFORM und Dr. Erich Raith

Wien, November 2012

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Vorwort

Die siedlungsmorphologische Analyse der Gemeinde Kundl ist Teil eines mehrstufigen Prozesses mit dem Ziel, die künftige Entwicklung von Kundl den Bedingungen, Voraussetzungen und dem Wesen des Ortes entsprechend zu gestalten. Die siedlungsmorphologische Analyse leitet diesen Entwicklungsprozess ein. Mit Unterstützung dieser Resultate soll in der Folge eine Zukunftswerkstatt mit breiter Bürgerbeteiligung abgehalten werden. Dieses partizipative Verfahren zielt darauf ab, mit den Kundlerinnen und Kundlern gemeinsam einen „Masterplan“ für die Gemeindeentwicklung der nächsten 10 bis 15 Jahre zu entwerfen. Während die siedlungsmorpholo­gische Analyse den wissenschaftlich objektiven Blick von außen auf das dem Ort immanente einbringt, erweitert die Ideenwerkstatt das Zukunftsprogramm um den Blick von innen auf das Gelebte und Gefühlte, auf die Wünsche und Vorstellungen in der Gemeinde. In der Fusion dieser beiden Bestandteile wird der „Masterplan Kundl 2025“ entstehen und konkrete Projektvorschläge für eine sukzessive Umsetzung formulieren.

Danksagung Zur Studienerstellung hilfreich waren, neben den offiziellen Projektbeteiligten, Gespräche mit Dipl. Vw. Hannes Sollerer und Dr. Jakob Mayer, die sich laufend mit historischen Prozessen in Kundl auseinandersetzen und dies in der Gemeindezeitung konsequent dem Kundler Bürger nahe zu bringen versuchen. Die Studie verdankt ihre meisten historischen Photographien deren privatem Photoarchiv. Weiters konnte Dr. Alfons Dworsky (ehem. Vorstand des Instituts für regionale Architektur und Siedlungsplanung an der Leibnitz Universität Hannover) wesentliche Inputs für die Studie liefern.

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Inhalt

Annäherung

6

Monographie Haufendorf Kundl

84

Anlass zur Analyse

7

Siedlungsstruktur

88

Relevanz der Analyse

7

Baustruktur

93

Siedlungsmorphologie

7

Gesellschaftsstruktur

98

Forschungskonzept

8

Energiehaushalt

Ziel der Analyse

9

Abgrenzungen

10

Regionale Einbettung Topographie

Monographie Auland Ache

101 104

Riedmann Areal

106

14

Ache als Grenze

107

14

Ache als zentrale Achse

107

Klima

18

Religiöse und weltanschauliche Vorstellungen

20

Sozialstruktur

24

Zusammenfassung

110

Inntalperlenkette

26

Weisheiten für die Zukunft

112

Nutzungszonen

28

Methodische Ratschläge für die weitere Planung

116

Die weitere Vorgangsweise ...

116

Siedlungsentwicklung

44

Ausblick

Wissenschaftlicher Anhang

110

118

Frühgeschichte

52

Antike

52

Endnoten

118

Mittelalter

52

Quellen:

119

Neuzeit

54

Abbildungen

120

Zeitgeschichte

55

Siedlungsstruktur

66

Siedlungsformen

70

Parallel zum Inntal

72

Quer zum Inntal

74

Pendelbewegung

76

Kirchenkette

78

Flurordnung

78

Ökotone

79

5


Ann채herung AN

AnN채herung

RE

Regionale Einbettung

SE

SiedlungsEntwicklung

SS

SiedlungsStruktur

HK

Haufendorf Kundl

AA

Auland Ache

AB

AusBlick 6


AN

Annäherung

Anlass zur Analyse

Relevanz der Analyse

Beim Tiroler Wohnbausymposium im Jahr 2010 wurde die Idee geboren, in Tirol Pilotprojekte für „innovativen Wohnbau“ zu entwickeln. In der Folge konnten die zwei Gemeinden Kundl und Fließ dafür gewonnen werden. Zwei Orte mit unterschiedlichen Voraussetzungen.

Für den „innovativen Wohnbau“ wurden in der ersten Vorprojektphase von der Steuerungsgruppe des Pilotprojekts im Jahr 2011 folgende Merkmale als wesentlich genannt: Vermischung sozialer Strukturen effiziente Mobilität Schutz der Lebensressourcen wie der Luft- und Wasserqualität Sicherung der Rohstoffe und der Energieressourcen Schutz unseres baukulturellen Erbes

RE

• • • • •

Unterstützend kommt zu Gute, dass nach Hanns Bachmann3 in Kundl zumindest seit der Antike eine kontinuierliche Besiedlung angenommen werden kann. Denn so wurden alte Formgebilde einer Menschengruppe im Siedlungsraum stets von der nachfolgenden Menschengruppe fortgeführt, womit eine höhere Chance besteht, dass die alten Formgebilde noch heute als Spuren entlarvt werden können anstatt in die Unerkenntlichkeit zu verschwinden.

Die Siedlungsmorphologie befasst sich mit diesen baulich - physischen Strukturen einer Siedlung, inklusive deren Organisationsprinzipien und dem Formenprinzip. Im Mittelpunkt stehen dabei die Entstehungsbedingungen der jeweiligen Zeit und die räumlichen Eigenarten. „Urban morphologists focus on the tangible results of social and economic forces: they study the outcomes of ideas and intentions as they take shape on the ground and mould our cities.”5

AA

Noch nie sind zwei gleiche Siedlungskörper entstanden, noch nie konnte ein Ort erfolgreich kopiert werden und noch nie konnte die Entwicklung eines Ortes langfristig vorherbestimmt werden. Im Sinne eines „genius loci“4 beschreiben verschiedene ortsgebundene Kriterien die Siedlung. Jede Siedlung wird dadurch zu einem Unikum. Ein Kriterium, das jeden Ort einzigartig macht, sind die Strukturen und Formen einer Siedlung.

HK

SS

Siedlungsmorphologie

SE

Wie diese Merkmale in das Pilotprojekt „innovativer Wohnbau“ einfließen können, klärt eine siedlungsmorphologische Analyse, die darüber hinaus Regelwerke für die gesamte Siedlungsentwicklung aufzeigt.

AB

„Sozialer Wohnbau ist die wichtigste Gestaltungsmöglichkeit im halböffentlichen Raum und damit für die gesamte Ortsentwicklung von größter Bedeutung“1, erläutert der damalige Landeshauptmann-Stellvertreter Hannes Gschwentner am Wohnbausymposium 2011 den Grund für die Initiierung der Pilotprojekte. Dabei ist in der Gemeinde Fließ durch das Problem der Absiedelung vor allem die Aufwertung des Ortszentrums zu thematisieren, indem Mietwohnungen für junge Menschen, aber auch betreutes Wohnen für die ältere Generation in enger Kombination mit anderen, für ein zukünftiges Leben wichtigen dörflichen Nutzungen entstehen. Das damit verbundene Bürgerbeteiligungsverfahren und der Architektenwettbewerb für ein „multifunktionelles Gemeindezentrum mit innovativem Wohnen“ konnten im Juni 2012 bereits erfolgreich abgeschlossen werden und die Umsetzung steht unmittelbar bevor. In der Gemeinde Kundl soll mehr Einfluss auf die gesamte Ortsentwicklung genommen und damit die zukünftige Gestaltungsmöglichkeit der Gemeinde intensiviert werden. Bevor es in Kundl zu einem breit angelegten Bürgerbeteiligungsprozess über die Zukunft der Gemeinde kommt, wird der Ort einer siedlungsmorphologischen Analyse unterzogen. Die Erkenntnisse dieser Arbeit sind Ausgangspunkt für die Zukunftswerkstatt und die Entwicklung eines Masterplans „Kundl 2025“. Dieser Masterplan soll für Kundl einen Weg aufzeigen, wie „innovativer Wohnbau“ im Rahmen des Pilotprojekts des Landes Tirol umgesetzt werden kann.

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Annäherung AN Die Form einer Siedlung lässt sich anhand von Netzen, Baukörpern, deren Zwischenräumen, der Topographie und der Integration anderer den Raum formender Elemente nachvollziehen. Durch den Zusammenhang dieser Elemente wird die Morphologie konkret. Erst durch die Aufnahme von Eigenschaften wie Stabilität, Kontinuität, Elastizität, Heterogenität, Homogenität, Anpassungsfähigkeit und Maßstäblichkeit in der Betrachtung über die Zeit wird der Morphologiebegriff ausreichend weit gefasst. RE

Das Phänomen der „strukturellen Permanenz“ unterstützt die Erforschung. Die zu Grunde liegende Theorie besagt, dass „aktualisierte Zustände Strukturphänomene früherer Zustände beinhalten“6, da häufig ältere Strukturen beibehalten und überformt werden. Demgemäß beinhaltet die gebaute Struktur Informationen aus der Entstehungszeit und der Zeit danach. Die strukturelle Permanenz ist dabei als Trägheitsmoment der städtischen Transformation zu verstehen, die sich den Veränderungskräften widersetzt. Nur in Ausnahmefällen - bei absolutistischen Herrschaftsverhältnissen oder während wirtschaftlicher Boomzeiten - sind die Veränderungskräfte größer als das Trägheitsmoment.

SE

Zurzeit beherrschen drei Theorieansätze den siedlungsmorphologischen Diskurs: •

• SS

Die „Figure and Ground Theory“ umfasst prinzipiell die Inhalte eines Schwarz-Weiß Plans. Es werden die Zusammenhänge zwischen überbauten und nicht überbauten Flächen untersucht. Die „Linkage Theory“ erstellt ihre Hypothesen aus den verbindenden Netzwerken zwischen den physischen Strukturen. Die „Place Theory“ legt den Schwerpunkt auf Bedeutungsdichten kultureller Ladungen und die Entwicklungspotentiale konkreter Orte. Die Siedlung wird dabei wie ein Text untersucht.

Im Allgemeinen lassen sich unterschiedliche strukturformende Kräfte beobachten, die für die Morphogenese von Siedlungen verantwortlich sind: HK

• AA AB 8

Die Minimierung des Wegeaufwandes war in früherer Zeit eine wesentliche strukturformende Kraft, die mit Fortschreiten der verstärkten Motorisierung des Individualverkehrs schwächer wurde. Über die Zeit erhielten unterschiedliche Produktionskräfte mehr oder weniger Bedeutung. Unterschiedliche Produktionskräfte stellen unterschiedliche Anforderungen an den Raum. Die Reaktion des Raums führt zu Transformationsprozessen.

Mit fortschreitendem Wohlstand löst das Bedürfnis nach Abwechslung immer mehr die rational ressourceneffizienten Entscheidungen ab. Es entstehen Variationen von morphologischen Strukturen, wie spezielle Orientierungspunkte oder Abwechslungen in der Freiraumstruktur. Dem entgegen steht allerdings die Ratio. Das Bedürfnis nach Ordnung entsteht aus dem Wunsch nach geringerer sensorischer Anstrengungen. Da aber auch das Ordnen Ressourcen verschlingt, folgt dem Ordnungszeitgeist meist ein Rückfall in die Unordnung. Auch der Mensch selbst wirkt strukturformend. Die Sozialgebundenheit des Menschen an die Struktur führt zu bestimmten sozialräumlichen Organisationsmustern. Die Bevölkerung nützt diese zur Identifikation. Als strukturprägende Kraft wirkt den strukturformenden Kräften die Trägheit der physischen Struktur entgegen.

Forschungskonzept Die siedlungsmorphologische Analyse zielt darauf ab, ein Verständnis für die bestehenden territorialen Strukturen, von den ortstypischen Bebauungs- und Raumstrukturen und ganz allgemein den Wechselbeziehungen zwischen allen raumrelevanten Elementen auf verschiedenen Maßstabs­ebenen zu entwickeln. Die in Beziehung zu setzenden Maßstabsebenen sind ... • • • • • •

Territorium (Landschaft) Siedlungskörper und zugehörige Freiflächen Nachbarschaften bzw. Ensembles Gebäudetypen bzw. Bauprogramme Parzellierung ortstypische Sonderthemen

Entscheidend dabei ist, jene „Programme“ zu identifizieren, die hinter den sichtbaren „Bildern“ für die bisherigen Entwicklungen maßgeblich waren. Dazu gehören beispielsweise Aspekte der Topographie, des Klimas, der Geschichte, der Ökonomie und der Ökologie. Methodisch wird dabei zwischen Aspekten unterschieden, die über das Betrachtungsgebiet hinaus verallgemeinerbar sind - also großmaßstäbliche Regelwerke, die Kundl nur als ein Element einer Reihe gleichartiger Elemente formten (s. Kapitel „Regionale Einbettung“) - und solchen, die


AN

Annäherung

Am Beginn einer siedlungsmorphologischen Analyse steht das Erlangen eines Grundverständnisses für die Strukturen und Elemente des Ortes durch eine professionelle Beobachtung („Ortslektüre“). Es folgt eine Literaturrecherche, um aus Quellen der Geschichtsforschung - Urkunden, Rechnungen, Schriftwerke, Abbildungen u.ä. - Erkenntnisse aufgreifen zu können. Über all das, was nicht durch wissenschaftliche Dokumente eruiert werden kann, muss der Ort selbst als unmittelbarste Quelle Auskunft geben. Gerade im Zuge von siedlungsmorphologischen Fragestellungen ist es nur bedingt möglich, auf bestehende Untersuchungen in Form eines Planes oder Textes zurückzugreifen. „Pläne oder schriftliche Unterlagen über die Planung mittelalterlicher Städte [beispielsweise] existieren nicht. Das ist zwar schade, aber für die Rekonstruktion nicht unbedingt erforderlich, weil der Baubestand der Stadtanlagen selbst das wichtigste ‚Dokument‘ darstellt. Bei diesem gibt es [vorteilhafterweise] zum Unterschied von Urkunden keine Möglichkeit der Fälschung, sondern höchstens seine falsche Auslegung“7. Statt

Ziel der Analyse

RE SE SS

Ein besonderes Augenmerk gilt der Identifikation der ortsspezifischen Besonderheiten, jener Themen des Ortes, die kulturell relevant und auch von symbolischer Bedeutung sind. Auch in dieser Hinsicht geht es nicht vordergründig um defensive Bewahrungsstrategien, sondern um die Frage, wie die Charakteristiken des Ortes aktualisiert und aufgewertet werden können. Insgesamt führt die morphologisch-typologische Analyse zu einem vertieften Verständnis der Prägung und Programmierung des Lebensraumes.

Das Planen und Bauen kann mit der Befassung von ortsspezifischen Regelwerken wieder jenes kollektive Bewusstsein entfalten, das den historischen Siedlungen die Harmonie, die Orientierung, die Flexibilität, die Signifikanz und damit individuelle Bedeutung verliehen hat, die sie in der Moderne und im Fordismus mit dem aufkeimenden egozentrischen Individualismus verlor. Das Steuern und Planen hat noch nie zum gewünschten Ergebnis geführt. Stets sind die physischen Prozesse in einer starken Dynamik. Ohne Wissen über die Regeln hinter diesen Prozessen können diese nicht zielgenau beeinflusst werden. Ungeahnte Veränderungen, die nicht den planerischen Prognosen entsprechen, bringen die funktionalistische Planungsmethode in Bedrängnis, während das morphologische Modell Flexibilität bedeutet.11

HK

Morphologisch-typologische Analysen sollen jene immanenten Systemeigenschaften baulich-räumlicher Verhältnisse aufzeigen, die Stärken und Schwächen, Potenziale und Hemmnisse für Zukunftsentwicklungen bedingen. Die Kenntnis dieser Eigenschaften schafft wesentliche Voraussetzungen dafür, den Bestand als Ressource interpretieren und ressourceneffizient weiterentwickeln zu können. Es geht um ein entwicklungs- und prozessorientiertes Raumverständnis im Sinne der Leitbilder nachhaltiger Raumentwicklung und damit um die Schaffung langfristig aktivierbarer Entwicklungspotenziale, die auf gesellschaftlichen Wandel konstruktiv reagieren können. Der Raum wird mit allen seinen baulichen Elementen in Hinblick auf seine Stabilitäten, Robustheiten, Veränderungsangebote und Dynamisierungspotenziale charakterisiert.

Die Wurzeln der Spaziergangswissenschaft liegen im Bereich der Kunst - insbesondere der Literatur - mit der Beschreibung von Empfundenem und Gesehenem. In den Naturwissenschaften wird die Spaziergangswissenschaft beispielsweise in Form von Kartierungen und Erhebungen angewandt, in den Sozialwissenschaften beim Aufsuchen von Phänomenen oder beim Beobachten im Feld. Lucius Burckhardt begründete in den 1980er Jahren offiziell die Promenadologie, die als Analysewerkzeug angewandt werden kann und sich bis heute auch als urbane Praxis etablieren konnte.8 Es handelt sich um „eine Theorie des Blicks und der Perspektive, die sich mit den Sequenzen beschäftigt, in denen der Betrachter seine Umwelt wahrnimmt. Die Wahrnehmung des vermeintlich Typischen der Stadt oder der Landschaft ist zum einen Selektionsprozess und zum anderen Integrationsleistung des Wahrnehmenden. Die einzelnen Stationen werden in der Wahrnehmung des Betrachters wie Perlen auf eine Kette gereiht und zu einer Kontinuität zusammengefügt. Das Erkenntnisinteresse bei den Spaziergängen besteht darin, die absichtlichen und die unabsichtlichen Effekte der Stadtgestaltung auszuloten und auf die Gefühle und das Verhalten der Nutzer hin zu befragen. Bereits in den 1960er Jahren stellten die umherstreifenden Situationisten eine Verbindung von Psychologie und Geographie her, die sich bei Burckhardt zu einer konkreten Utopie von Stadtgebrauch weiterentwickelte.“9

AA

Ziel der Untersuchung ist es, jene Themen und Kriterien zu finden und argumentativ abzusichern, die für zukunftsweisende Überlegungen maßgeblich sein können.

auf „Sekundärliteratur“ zurückzugreifen, kann die Bausubstanz selbst befragt werden, wobei der wissenschaftlichen Literatur eine unterstützende Rolle zur Deutung dieser physischen Gegebenheiten zukommt. Hier schließt die Methodik der „Stadtspaziergangswissenschaft“ an.

AB

es nur im Betrachtungsgebiet gibt und damit seine Identität und Unverwechselbarkeit ausmachen (s. Kapitel „Monographie Haufendorf Kundl“).

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Annäherung AN RE

Umgang mit diesen sollten Voraussetzung für jede Planung sein. „Zusammen mit dem Beharrungsvermögen der Stadtstruktur, die einen beruhigenden und disziplinierenden Einfluss ausübt, können in der Kontinuität der grundlegenden Ordnungsstruktur die notwendigen Experimente und Proben jeder Generation Raum und Form finden, solange die in den Strukturen eingebaute Logik beachtet wird. In der Geschichte der Struktur steckt die Logik von meist Jahrhunderte langer Erfahrung vor Ort, deren leichtfertige Aufgabe erhebliche negative Folgen für das Gesamtsystem zeigen kann.“15

Die siedlungsmorphologische Annäherung stellt eine tiefgreifende Entwurfsmethodik für architektonische, siedlungsentwicklungspolitische oder auch künstlerische Lösungsvorschläge dar. Sie arbeitet mit dem tatsächlich gewachsenen Bestand und versucht, das Wesen der gebauten Umwelt, das sich nur über die Veränderungen begreifen lässt, einzufangen, um konzeptionell konsequente, logische, bauliche oder andere entwicklungspolitische Lösungen zu finden. Die Stadtmorphologie „sollte daher auch auf einer theoretischen Ebene dazu beitragen können, jene planerischen Kriterien bereitzustellen, die langfristig wirksame Entscheidungen von den Argumentationslinien der Tagespolitik und den Anfechtungen zeitgeistiger Moden freispielen können.“12

Das Ergebnis der siedlungsmorphologischen Analyse ist ein ausführliches Portrait des Gemeindegebiets Kundl, aufbereitet mit Texten, Bildern, Plänen, Zeichnungen, Photos, Skizzen sowie einer Rekonstruktion der historischen Entwicklung. Das morphologische „Porträt“ eines Ortes führt zu einem profunden Apparat an Argumenten und Aspekten, die in zukünftige Konzeptions- und Planungsprozesse einfließen werden. Damit werden nachvollziehbare Grundlagen zur Versachlichung und inhaltlichen Erweiterung zukünftiger Diskussionen geschaffen. Ein Mehrwert liegt erfahrungsgemäß schon darin, den vertrauten Lebensraum „mit anderen Augen“ sehen und ganzheitlicher verstehen zu können. Die Entwicklung von Zukunftsszenarien wird auf Basis einer bestehenden „Ortsmonographie“ professionalisiert und als sinnvolle Fortschreibung bzw. Korrektur historischer bzw. aktueller Entwicklungen verständlich und besser argumentierbar.

SE

Die „stabilitas loci“ spielt dabei eine wesentliche Rolle. Es sind ortsspezifische Themen wie die Topographie oder die Ökologie, die verlässliche Stadtkonzepte ermöglichen. An den Siedlungen muss im Sinne der jeweiligen Siedlung weitergebaut werden. Die Siedlungen müssen dafür in Form bleiben. Dieses „in Form Bleiben“ bedeutet, dass die Siedlung ständig trainiert, An­passungs­prozesse vorzunehmen. Dabei kann es durchaus zu Fehlern kommen, die später korrigiert werden können. Im Gegensatz dazu ist das „Form Haben“ ein bereits bestehendes Potential der Siedlung, mit Veränderungen umzugehen.

SS HK

„Besonders auffällig ist bei einem Langzeitvergleich von Stadtstrukturen, dass sich die in den Frühphasen der Entwicklung festgelegten Prinzipien der Erschließung kaum noch verändern. Vor­handene Strukturen setzen der Veränderung physikalischen und rechtlich-ökonomischen Widerstand entgegen. Die Stadtplanung und Stadtpolitik muss daher erhebliche politische, finanzielle, personelle und zeitliche Kraft aufwenden, wenn sie Strukturen gegen deren innere Logik von außen verändern möchte. Dies gelingt zumeist nur in einigen Teilbereichen.“13 Sobald diese innere Logik begriffen und ein adäquater Umgang damit gefunden wird, können finanzielle, kognitive und zeitliche Ressourcen eingespart werden. Es rentiert sich, wenn Planer siedlungsmorphologische Fragestellungen beachten und somit zu ressourcenschonenden und damit vergleichsweise besseren Lösungen gelangen. „Städte waren und sind nie fertig! Immer müssen auf veränderte Bedingungen neue Antworten gefunden werden. Die Morphologie der Stadt, bestehend aus ihren Netzen (Straßen, Korridoren) ihren Baustrukturen (Geometrie und Dichte der Baublöcke und Baubereiche) und Freiräumen, setzt dem Wandel unterschiedlichen Widerstand entgegen. Wandel zuzulassen und dennoch die den Stadtcharakter prägenden Bereiche zu erhalten, ist die Kunst der Stadtentwicklung und Stadterneuerung.“14

AA

Unweigerlich stößt man bei Erneuerungsmaßnahmen im Bestand europäischer Siedlungen auf geschichtliche Regelwerke, die teils im Verborgenen liegen, jedoch ein wesentliches Know How über den Ort vermitteln. Ein Verständnis für diese Regelwerke und eine gewisse Routine im

AB 10

Teilweise wird die siedlungsmorphologische Analyse mit Strategievorschlägen verschränkt, die aus hier beschriebenen Regelwerken abgeleitet werden. Damit wird dem Leser beispielhaft vorgeführt, wie das morphologische „Porträt“ Aussagen für die strategische Planung liefern kann. Zu erkennen sind diese beispielhaft abgeleiteten Strategievorschläge am in diesem Absatz angewandten Schriftstil.

Abgrenzungen

Inhaltliche Abgrenzung der Analyse Räumliche Abgrenzung Jede Siedlung steht in unmittelbarer Beziehung zu seinem Umland. Siedlung und Umland können nicht getrennt voneinander existieren. Damit gehen auch Regelwerke einher, die für eine symbiotische Morphologie verantwortlich sind. Eine siedlungsmorphologische Analyse ist damit nie komplett von regionalmorphologischen Inhalten trennbar. Auch wenn der Schwerpunkt auf


AN

Annäherung

Thematische Abgrenzung

Sie

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Archäologie

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Humanbiologie

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Siedlungsgeschichte

Siedlungsökologie Geologie

SS

Siedlungsentwicklung

Siedlungsbau Siedlungsgeographie

HK

Abgrenzung zu verwandten Forschungsgebieten Die Siedlungsmorphologie versteht sich in gewisser Weise als Querschnitt unterschiedlicher Forschungsgebiete, wobei sie durch deren Kombination zu vernetzten Theorien, Hypothesen und Antworten gelangt. Abbildung 1 demonstriert schemenhaft ein vieldimensionales Themensystem, graphisch auf zwei Dimensionen vereinfacht. Einzelne Punkte symbolisieren einzelne Fragestellungen. Clustern sich mehrere Fragestellungen auf Grund ihrer inhaltlichen Nähe, so bilden sich formale Forschungsgebiete. Diese überschneiden sich im mehrdimensionalen Raum. Das System ist dynamisch und ändert sich in Folge von Erkenntnisgewinnen durch das Zutun

Psychologie Sprachwissenschaft

Fragestellung

formales Forschungsgebiet

AA

Was immer sich in den Formen Kundls heute abbildet, kann in dieser Arbeit aufgegriffen werden. Manches ist physisch noch vorhanden, manches nur noch über Aufzeichnungen – zumeist Abbildungen und literarische Überlieferungen - nachvollziehbar. Damit ist keine klare zeitliche Eingrenzung der Untersuchung möglich und auch nicht sinnvoll. Jede Epoche kann bis in die heutige Zeit durch die gebauten Struktur fortwirken. Unterschiedliche Zeiten haben unterschiedlich intensiv Wirkung auf die gebaute Substanz gezeigt. Parallel dazu erhöht sich die Bedeutungsdichte tendenziell mit Voranschreiten der Zeit. Nur durch einen aktiven Bedeutungsraub wie beispielsweise klischeehafte Verschleierungen der Gebäude kann die Bedeutungsdichte sinken. Diese Eingrenzung erfolgt aber nicht aktiv sondern ergibt sich aus dem Untersuchungsgegenstand selbst.

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Forschungspfad eines Siedlungsmorphologen

1. Abbildung: Forschungsgebiet der Siedlungsmorphologie

11

AB

Zeitliche Abgrenzung

Kulturwissenschaft dlu

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Siedlungsmorphologische Themen lassen sich wie ein Katalog auflisten. Welche Themen für welchen Ort relevant sind, lässt sich aber nur über die Analyse und Lektüre der konkreten Siedlung erfahren. Die Relevanz der Themen ergibt sich erst nach einer intensiven Beschäftigung mit jedem Ort. So kristallisierten sich die relevanten Themen und deren Gewicht auch in dieser Analyse erst im Laufe der Untersuchung heraus. Der Fokus liegt bewusst auf den für Kundl relevanten Themen. Eine Allgemeingültigkeit ist davon nicht abzuleiten.

RE

der im System tätigen Akteure. Einzelne Akteure durchschreiten als Forscher unterschiedliche Felder und legen somit individuelle Forschungspfade. Der Siedlungsmorphologe legt auf seiner Suche nach den Hintergründen der Morphologie einer Siedlung weite, quer zu herkömmlichen Forschungspfaden liegende Wege zurück und eröffnet damit den Zugang zu einem spannenden Hypothesenraum.

N

der Siedlungsmorphologie liegt, wird doch immer wieder auf Verbindungen zur Region verwiesen. Innerhalb der Siedlung bleibt zu überdenken, ob alle Bereiche (gleichwertig) untersucht werden sollen. Eine Siedlung ist erst durch die Summe und das Zusammenwirken ihrer Netze zu verstehen. Daher wird zwar das gesamte Gemeindegebiet von Kundl betrachtet, doch ist die inhaltliche Tiefe in den Kernzonen auf Grund der größeren Anzahl historischer Schichten und größeren kulturellen Ladung größer.


Annäherung AN Um die inhaltliche Ausrichtung der siedlungsmorphologischen Analyse begreiflich zu machen, folgt eine Abgrenzung zu den Kernaussagen verwandter Forschungsgebiete ... ... zu Siedlungsgeschichte

RE

Die Siedlungsmorphologie bezieht viele Erkenntnisse aus der Siedlungsgeschichtsforschung. „Urban form can only be understood historically since the elements of which it is comprised undergo continuous transformation and replacement.“16 Siedlungsmorphologie meint jedoch weniger die Beschreibung historischer Entwicklungen und daraus folgender Ergebnisse sondern vielmehr das „Warum“, die Logik hinter den physischen Strukturen. „Diese Logik interessiert hier aber nicht nur im Sinne einer archäologisch-stadthistorischen Forschung, die danach fragt, wie es genau zu einer bestimmten Form und Struktur kam, sondern hier geht es um die Eigenschaften (Qualitäten, Mängel, Stabilität, Homogenität, Heterogenität, Elastizitäten usw.), die ein Strukturgefüge hat.“17 Die Siedlungsmorphologie ergänzt die siedlungshistorischen Quellen (Literatur und Abbildungen) mit jener der gebauten Strukturen. ... zu Siedlungsentwicklung

SE SS

„Siedlungsentwicklung“ kann sowohl transitiv als auch intransitiv verstanden werden. Sowohl als Planungsvorgang als auch als passives Geschehnis befasst sie sich mit strategischen (vgl. im Gegensatz Stadtplanung) Entwicklungen struktureller, räumlicher und historischer Natur. Als Planung ist Siedlungsentwicklung zukunftsorientiert und kreativ, als Geschehnis ist sie rückwärtsgerichtet und beschreibend. Anders als die Siedlungsmorphologie ist sie nicht primär an Formen und deren kontextuellen Ursachen interessiert, sondern mehr an gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Entwicklungen. ... zu Städtebau So wie die „planende Siedlungsentwicklung“ hat der Städtebau einen Gestaltungsauftrag. Der Unterschied liegt darin, dass der Städtebau weniger strategisch als räumlich konkret arbeitet. Er ist also für die Verwirklichung gesellschaftspolitischer Zielvorstellungen verantwortlich.

HK

... zu Siedlungsgeographie Im Gegensatz zur deskriptiven, an strukturellen Merkmalen der Siedlung interessierten Siedlungsgeographie sucht die Siedlungsmorphologie die Ursachen, Wirkungszusammenhänge und Verbindungen zwischen diesen Strukturen.

AA AB 12

... zu Siedlungsforschung Die Siedlungsforschung ist ein Überbegriff unterschiedlicher Forschungsgebiete. Sie beinhaltet eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Siedlungen, wobei hier ökonomische, soziale, ökologische, geographische, administrative, soziokulturelle und städtebauliche Aspekte untersucht werden. Die Siedlungsmorphologie ist ein Forschungsgebiet der Siedlungsforschung.


SS Keltensturm in Tirol Schwemmkegel der Wildschönauer Ache ist bereits Dauersiedlungsraum

Romanisierung Tirols

Christentum als Staatsreligion

Bajuwaren dringen in das Inntal vor Zerfall des weströmischen Reichs

Gründung Liesfeld

Urkundliches Zeugnis zur Kundlburg Besiedlung Saulueg

Einheit Tirols unter Albert III

Errichtung Schloss Hochholdingen Schmelzer an der Kundler Ache

Gründung Kundler Brauerei

Flurbereinigung

Eisenbahnbau

Gründung zahlreicher Industrieunternehmen Bau der Inntalautobahn und der Umfahrungsstraße starke Siedlungserweiterung

HK

2000 1750

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SE ca. 245 ca. 200

1500 1250 1000 750 500 250 -0 -250 -500

RE 3967 4000

3000

Umbruchdichten

* www.statistik.at und Rissbacher, Franz in Bachmann (1986). S.253ff

2. Abbildung: Zeitleiste zur Siedlungsgeschichte

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AB

AN

Annäherung

Einwohner*

2000

1000

0

Zeitleiste


Regionale Einbettung AN RE

Nicht alle Regelwerke, die für die Formgebung Kundls relevant sind, lassen sich in Kundl selbst finden. Kundl ist keine von seiner Umwelt abgeschlossene Struktur, auch wenn dies administrative Grenzen als Erbe der territorialstaatlichen Idee anders wirken lassen. Vielmehr muss ein Siedlungskörper stets auch als ein Teilelement einer größeren Gesamtstruktur verstanden werden, da dieser gemeinsam mit seinem Umfeld geformt wurde. Diese Gesamtstrukturen gilt es zu entlarven, um Kundl als Teilelement eines größeren Gefüges verstehen zu können.

Kalkalpen sind schroffer, geprägt durch langgezogene Ketten, scharfe Grate, hoch aufragende Wände und weit herabreichende Schutthalden. Sie eignen sich daher kaum für Siedlungen. Die Zentralalpen sind auf Grund der dort wechselnden Gesteinshärte stärker von Klammen, Stufen und Weitungen gegliedert und bieten auch in höheren Lagen auf Grund des wasserundurchlässigen Gneis Quellen. Damit ist eine deutlichere Ausrichtung der Siedlungen im Inntal nach Süden hin vorprogrammiert.

Zahlreiche formgebende Regelwerke wirken von Außen auf Kundl ein. Diese Regelwerke können auf unterschiedlichsten Maßstabsebenen liegen. So sind technologische Entwicklungen wie das Auto heute global relevant, klimatische Bedingungen global bis lokal, der Wasserhaushalt regional, die Geologie regional oder lokal, das Zusammenleben im Dorf lokal usw. Topographie, Bodenqualität, Klima, Wasserläufe, Geologie, Grünräume und von Menschenhand errichtete Strukturen bestimmten die Lage und Ausrichtung Kundls und in Folge dessen Entwicklung.

Das Kundler Siedlungsgebiet am Talboden wird ergänzt durch Saulueg auf einer Moränenstufe. Die Wildschönauer Ache weist den Weg zu den Höhensiedlungen der Wildschönau. Der Inn stellte damit bis zum Brückenbau eine strengere Grenze dar, als die unmittelbar im Süden anschließenden Erhebungen.

SE SS

Obwohl diese Arbeit die Gemeinde Kundl bzw. deren Siedlungskörper in den Mittelpunkt rückt, muss auch der regionalen Einbettung Kundls ein Kapitel gewidmet werden. „Einerseits lässt sich über die morphologisch relevanten Phänomene der europäischen Stadt [oder Siedlung] nicht sprechen, ohne dass man die vielfältigen Zusammenhänge mit den umfassenden Territorialsystemen beachtet. Andererseits erkennt man immer deutlicher, dass die Dichotomie von Stadt und Land, die unsere Vorstellung von einem <humanisierten Territorium> grundlegend bestimmt, von Tag zu Tag an Überzeugungskraft und auch an konzeptioneller Anwendbarkeit verliert.“18 So lösen sich die Grenzen zwischen Siedlungskörpern und Landschaft seit der Industrialisierung immer weiter auf.

Topographie

HK

Anders als im Flachland hat die Topographie im alpinen Raum eine herausragende Bedeutung für die Siedlungstätigkeit des Menschen. So lassen sich aus ihr einige für die Siedlungen im Inntal maßgebliche Regelwerke herleiten.

AA

Durch die Wanderung der Afrikanischen Platte nach Norden entstehen durch Deckenüberschiebung und Faltung die Alpen. Dort wo dabei eine tektonische Bruchlinie entstand, liegt das Inntal. Es teilt den Alpenraum in die nördlichen Kalkalpen und die Zentralalpen. Die nördlichen

AB 14

3. Abbildung: Geologisches Profil der Alpen (Haack Weltatlas (2008) SI S.77)

Die Siedlungskörper der anfänglichen Besiedlung in Tirol bestanden aber nur im Inntal, das durch die letzte Eiszeit vor 10.000 Jahren zu einem gut besiedelbares Trogtal geformt wurde. Lockeres Material, das die Gletscher hinterließen, bildet heute teils sehr breite Terrassen. Diese bilden heute das Mittelgebirge nördlich von Kundl oder südlich von Innsbruck. Die Topographie des Inntals birgt einen entscheidenden Regelkatalog für die Ortwahl Kundls.


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Regionale Einbettung

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4. Abbildung: Schnitt durch das Inntal bei Kundl

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AB

Nรถrdliche Kalkalpen


Regionale Einbettung AN RE

Eine Regel lautet, dass bei topographischen Signifikanzen wie Engstellen oder gangbaren Gebirgspässen im Seitental die größten Siedlungen entstanden, da diese dort günstiger zu befestigen waren. Da das Inntal früher großteils Aulandschaft gewesen war, ist eine weitere Regel entscheidend für den Entstehungsort weiterer nachgeordneter Siedlungen. Sichere Siedlungsplätze waren jene Stellen, an denen das postglaziale Inntal von Seitentälern gekreuzt wird, die über die Jahrtausende von Gebirgsbächen ausgeschürft wurden. Damit war nicht nur eine sichere Wasserversorgung für Mensch, Tier, Schmieden, Mühlen, Sägewerke, Hüttwerke u.ä. gegeben, sondern hat auch für eine weitere Regel gesorgt. Denn alle diese Gebirgsbäche schütteten Mure für Mure Schwemmkegel am Austrittsort in das trogförmige Inntal an. Das angeschwemmte Material waren die von den Gletschern vor 10.000 Jahren zurückgelassenen Moränen und Felsbruchteile aus übersteilten Hängen. Diese Schwemmkegel bieten hochwassergeschütze Lagen mit Aussicht knapp über die Baumwipfel der Inntalauen. Heute gibt es in diesen Siedlungen oft einen unteren und einen oberen (alten) Siedlungsplatz.19 Der Schwemmkegel der Wildschönauer Ache ist so groß, dass er Kundl und Liesfeld mit samt deren Fluren tragen kann. Er drängt bei seiner Ausbreitung den Inn im Norden dicht an den Angerberg.

nicht verwirklichte Vorschlag von Alois Negrelli zur Führung der Eisenbahn von Innsbruck bis zur k. b. Grenze unterhalb Kufstein in Abbildung 5 eine Bahnlinie, die trotz der vielfach entstehenden Kreuzungspunkte mit der Landstraße bei Kundl exakt den Höhenlinien folgt, und damit dem Schwemmkegel ausweicht.

SE

Unter Bedacht dieser Regeln wird klar, warum im Kundler Umland südlich des Inns mehr Siedlungen liegen als nördlich. Denn im auf Grund der Plattentektonik stärker zerklüfteten Süden existieren mehr Seitentäler mit Gebirgsbächen und damit Schwemmkegeln. Insbesonders die von den Schwemmkegeln besonders abhängigen Städte (sie benötigen mehr hochwassergeschütze Fläche) sind im Süden stärker vertreten als im Norden.

SS HK AA

Somit liegt auch Kundl auf einem eindrucksvollen Schwemmkegel. Nicht umsonst empfinden die Kundler heute den Hochwasserschutz als eine Stärke ihrer Gemeinde.20 Welchen Einfluss diese Schwemmkegel nicht nur auf den Siedlungsplatz übten sondern auch darüber hinaus, zeigt uns der Straßenverlauf. Die alte Landstraße führt östlich und westlich von Kundl dicht gedrängt an den südlichen Berghang entlang, um einerseits möglichen Überschwemmungen dauerhaft auszuweichen und andererseits eine möglichst flache Reiseroute zu gewährleisten. Betrachtet man die Lage der Landstraße 1870, so wird die Orientierung der Straße entlang einer Höhenlinie noch deutlicher. Für das gesamte untere Inntal galt damals, dass auf Schwemmkegeln der Weg näher am Inn liegen konnte (=Ortschaft), ansonsten gegen die südliche Erhebung drängen musste (s. Abbildung 76). In Kundl nimmt die Landstraße den Verlauf der Höhenlinien des Schwemmkegels auf, verläuft also relativ steigungsfrei. Zieht man entlang der Landstraße direkt durch Kundl statt im Süden daran vorbei, spart man ca. drei Höhenmeter, was zu einer Zeit von Mensch und Tier aufgewandter Mobilitätsenergie bedeutungsvoll gewesen ist. Die Einsparung der Höhenmeter galt auch bei der Errichtung der Inntalbahn als relevant. So zeigt der

AB 16

5. Abbildung: Alois Negrellis Vorschlag zur Führung der Eisenbahn von Innsbruck bis zur k. b. Grenze unterhalb Kufstsein („Allgemeiner National Kalender für Tirol und Vorarlberg“ für 1846)

In Liesfeld ist die Ausrichtung der Häuser und der Straße noch eindeutiger an der Topographie festgemacht. Die Straße liegt genau an der Schwemmkegelkante, womit den Feldern im Hinterfeld die größte Ausdehnung ermöglicht wurde ohne das von Hochwasser gefährdete Gebiet zu erreichen.


SE

RE

AN

Regionale Einbettung

Augebiet

6. Abbildung: Gel채nderelief im Raum Kundl mit gekennzeichneten Schwemmkegeln

17

AB

AA

HK

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Kirche


Regionale Einbettung AN

Klima

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Klimatisch hat das Inntal seinen Bewohnern auf Grund seiner inneralpinen Lage früher mühsame Lebensbedingungen geboten. Das Unterinntal ist noch dazu feuchter und hat seltener bzw. schwächeren Föhn als das Oberinntal, die rauhen Ostwinde haben im Raum Kundl freien Zutritt. Daher ist das Unterinntal noch kälter als das Oberinntal. Die nachteiligen klimatischen Bedingungen haben in Tirol insbesondere auf Gebäudeebene zu wesentlichen Charaktereigenschaften geführt. Darauf wird noch in einem späteren Kapitel eingegangen.

SE

Die potentiellen Sonnenstunden liefern eine Erklärung dafür, warum Kundl abseits des Hangfußes und warum es am linken Ufer der Kundler Ache liegt. Beiderseits entlang des Mühlbaches bzw. der Wildschönauer Ache am Schwemmkegel hätte Kundl die freie Wahl gehabt. Am linken Ufer der Wildschönauer Ache wird allerdings zu jeder Jahreszeit der südliche Teil des Schwemmkegels ca. zwei Stunden länger besonnt als das rechte Ufer (s. Abbildung 7). Die Kundler Kirche liegt in der geometrischen Mitte der Fläche, die aus der gemeinsamen Schnittmenge aus besser besonnter Fläche und Schwemmkegel gebildet wird. Liesfeld drängt - so weit innerhalb des Schwemmkegels möglich - nach Norden. Als Waldhufsiedlung kann sich Liesfeld mit seinen Feldern nur einseitig ausrichten und muss deswegen möglichst weit nach Norden rutschen, um mit den Feldern nicht südlich der heutigen Umfahrungsstraße im deutlich weniger besonnten Teil des Schwemmkegels zu landen.

Potentielle Sonnenstunden 0h 1h 2h 3h 4h 5h 6h 7h 8h 9h 10h 11h 12h 13h 14h >14h

7. Abbildung: Potentielle Sonnenstunden in Kundl am 21. Februar (Land Tirol tiris Kartendienste)

SS

Werden heute Überlegungen zur Energieeffizienz einer Gemeinde angestellt, ist die Sonnenenergie neben Siedlungskompaktheit und Nutzungsdurchmischung wesentliches Kriterium der Siedlungsentwicklung. Die Abbildungen zu den potentiellen Sonnenstunden zeigen, in welchen Bereichen Niedrigenergiehäuser oder Passivhäuser mehr oder weniger Teil der Siedlungsentwicklung sein können.

HK AA

8. Abbildung: Potentielle Sonnenstunden in Kundl vom 21. Januar bis 21. Juni (l.o. bis r.u.) (Land Tirol tiris Kartendienste)

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9. Abbildung: Geographischer Entwurf der StraĂ&#x;enzĂźge der 6 Tiroler Kreise 1804 (Land Tirol tiris Kartendienste)

19

AB

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HK

SS

SE

RE

AN

Regionale Einbettung


Regionale Einbettung AN RE

Es wäre zu kurz gegriffen, würde man auf regionaler Ebene nur externen Umweltbedingungen Einflussnahme auf das Werden Kundls zurechnen. „Die konkreten, ortsspezifischen Umweltbedingungen stellten den Bauern Probleme, die sie immer wieder aufs neue lösen mussten, ohne dass der Lösungsweg vollständig von den Umweltbedingungen determiniert wurde. Es existierten vielmehr weite Räume für das freie Spiel der kulturellen Musterbildung.“21 Die Wirkung solcher vom Menschen selbst kreierter großmaßstäblicher Regelwerke auf Kundl soll in Folge nach unterschiedlichen Themenbereichen erläutert werden.

Religiöse und weltanschauliche Vorstellungen

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„Jede Kultur bildet gewissermaßen einen kleinen Kosmos für sich, der sich durch beschränkte Kommunikation immer wieder selbst bestätigt und verfestigt. Weltbild und Welt verschmelzen so zu einer virtuellen Wirklichkeit, deren spezifische Identität von denjenigen, die innerhalb dieses Plausibilitätsraums leben, nicht erfahren werden kann, da sie über keinen Beobachterstandpunkt verfügen, der es ihnen erlauben könnte, die kulturellen Differenzen wahrzunehmen.“22 Damit wird die eigene Vorstellung in dezentralisierten, abgeschlossenen Gesellschaften, wie sie das agrarische Tirol im Mittelalter war, absolut.

SS HK

Seit der spätrömischen Zeit hatte sich in Tirol das Christentum etabliert. Damit entstanden Kirchen als hochwertige Bedeutungsträger, als Abbild gemeinsamen Glaubens und als zentraler Ort der Versammlung und Einflussnahme. Aus dem 4. Jh. wissen wir, dass es im gesamten Unterinntal feste christliche Kultpunkte mit Kirchen gab. Die frühe Christianisierung ist wohl auf die Bedeutung des Inntals als Durchzugsgebiet und damit auch als Stützpunkt für Soldaten zurückzuführen. Es verblieben damals aber noch Lücken, die einer späteren groß angelegten und einheitlich geplanten Christianisierungswelle durch die Aribonen vorbehalten blieben. Zu diesen Lücken zählte auch Kundl. Abbildung 10 vermittelt den Eindruck, die römische Christianisierungswelle hätte von Wilten aus begonnen und beim Vorstoß inntalabwärts an Kraft verloren. Die bajuwarische Christianisierungswelle hätte von Bayern aus begonnen und beim Vorstoß inntalaufwärts an Kraft verloren.

AA

Der hohe Stellenwert der Kirche im Weltbild der Bewohner einer Siedlung verschaffte den Kirchenbauwerken stets die prominentesten Bauplätze und einen sich symbolisch über alle anderen erhebenden Gebäudetypus - den Kirchturm. Deswegen steht dieser in Kundl am

AB 20

Höhenrücken des Schwemmkegels der Wildschönauer Ache. Das alte Kundl kann damit als Kirchsiedlung bezeichnet werden. In Kundl wird die Bedeutung der Kirche dadurch verstärkt, dass es seine Entstehung einer großzügigen Schenkung der Aribonen an die Glaubensgemeinschaft verdankt. Sie erhielt die Kirche mit drei Maierhöfen, die seitdem den topographischen, geometrischen, sozialen und symbolischen Mittelpunkt der Siedlung darstellen sollte. Durch die Errichtung religiöser Bauten entstand eine Funktion abseits des Wohnens. Damit war der Grundstein gelegt für die Entstehung vom Zentrum sozialer und örtlicher Verdichtung. Gerade in einem jungen Haufendorf wie Kundl war eine Zentrumsdefinition über den topographischen, geometrischen, sozialen und symbolischen Mittelpunkt wichtig. Hier sind bauliche Programme weniger wirksam als Programme, die der kulturellen Bedeutungsaufladung des Zentrums Genüge tun. Das Zentrum entsteht durch die Belebung der Dorfbewohner. Die Akteure um die Kirche herum bilden das Zentrum durch ihre Anwesenheit, durch ihre Handlungen auch abseits einer besonderen baulichen Verdichtung. Das Zentrum erhöht über die Aktionsdichte seine Gravitationskraft und wird damit auch in einem regellos unstrukturiert erscheinenden Haufendorf gefunden. Will man in Kundl heute zentrale Orte schaffen, so muss dies hauptsächlich über Agglomeration unterschiedlicher Nutzungsformen passieren, was durch bauliche Dichte nur gefördert, aber nicht erzwungen werden kann. Indem die Kirche eine führende Rolle in der Attraktion von zentrumsbildenden Funktionen einnimmt, liegen ihre Bauwerke automatisch an der alten Landstraße, egal nach welcher Logik der Ort gebaut ist. Die Lage der Kirche an der alten Landstraße lässt sich heute noch nachvollziehen. In Kufstein, Kirchbichl, Wörgl, Kundl, St. Leonhard, Radfeld, Rattenberg, Brixlegg, St. Gertraudi, Strass, Rotholz usw. stehen die Kirchen an der Landstraße noch heute. Mit Ausnahme Kufsteins steht der Kirchturm dabei auf der dem Inn zugewandten Seite, egal ob die Kirche südlich oder nördlich der Landstraße liegt. Möglicherweise sollte damit die Stellung der Ortschaften südlich des Inns gegenüber jenen nördlich des Inns symbolisch gestärkt werden. Auch waren die Kirchtürme damit für die Schiffsfahrer am Inn und die Dorfbewohner der Ortschaften nördlich des Inns leichter zu sehen. Die Apsis ist stets nach Osten gerichtet, denn bei der Frühmesse sollte der Raum um den Altar im Sonnenlicht erstrahlen. Der Eingang befindet sich daher üblicherweise im Westen der Kirche (s. Abbildung 11). Die Kundler Kirche entspricht damit dem Regelwerk der Unterinntalkirchen.


AN

Regionale Einbettung

Erl Niederndorf Zell

RE

Ebbs Kufstein

Kirchbichl

Münster St. Georgenberg Stans Vomp

Gebiet mit röm. Flurvermessung Orte mit Prädiennamen Orte mit Laurentiuskirchen

Kolsass Frühmittelalter - Aribonen

HK

Wattens

Orte mit Prädiennamen und Notitiakirche Orte mit aribonischer Eigenkirche zu aribonischer Eigenkirche gehörige salzburgische Zelle Aribonisch salzburgische Klostergründung

AA

Wilten

Antike - Römer

Aribonische Eremitengründung

10. Christianisierung des Unterinntals in Antike (ab 4.Jh und Frühmittelalter (bis 9. Jh) (Kartengrundalge: Bachmann (1986). S.306f)

21

AB

Baumkirchen Absam

Kundl Radfeld Brixlegg

SS

Asten

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Wörgl

Moosen


Regionale Einbettung AN RE Kundl

Kirchbichl

St. Leonhard

Wรถrgl

Radfeld

SE

Kufstein

SS HK AA AB

22


RE

AN

Regionale Einbettung

Strass

Brixlegg

Rotholz

St. Gertraudi

St. Margarethen

11. Abbildung: SĂźdliche Inntalsiedlungen mit Kirche direkt an der alten LandstraĂ&#x;e (von Kufstein bis Jenbach)

23

AB

AA

HK

SS

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Rattenberg


Regionale Einbettung AN RE

Wenn die Kirche nicht die Hauptkirche eines Ortes ist, kann sie auch am offenen Feld als Markierungspunkt oder Wegweiser an der Landstraße dienen. So steht die Kirche St. Leonhard seit 1019 an jener Stelle, an der der alte Weg nach Saulueg von der Landstraße abzweigte. Nicht zufällig ist der Hl. Leonhard von den Fuhrleuten und Straßenbenützern hoch verehrt worden. Im 16. Jh. war an dieser Stelle auch das ehemalige Schloss Niederaich errichtet worden, dessen verbleibende Bestandteile heute in ein Wirtschaftsgebäude des benachbarten Bauernhofes integriert sind. Zahlreiche historische Karten wie jene in Abbildung 21 demonstrieren die sequenzielle Abfolge der Kirchen oder Kapellen (s. Kreuzsymbol) entlang der Landstraße.

SE

Die prägende Bedeutung der kirchlichen Bauwerke lässt sich heute nicht nur an ihrer Stellung im Ort sondern auch an den zahlreichen ausgewählten Sichtbeziehungen (s. Abbildung 13) zu diesen erahnen. Zwischen nördlich des Inns gelegenen Kirchen und südlich des Inns gelegenen Kirchen lässt sich ein markanter Unterschied ausmachen. Während die St. Marien Kirche und St. Leonhardkirche in Kundl kaum in Beziehung zum Inn stehen, weisen die Kirchen in Breitenbach und Kleinsöll wesentliche Bezüge zum Inn auf. Die Kirche in Kleinsöll besticht durch ihre vom Inn weither sichtbare ausgesetzte Lage, die gleichzeitig exakt in der Linie der Wildschönauer Ache steht. Die Kundler St. Marien Kirche ist Teil der an der Landstraße aufgefädelten Kirchen, weswegen weite Teile der Landstraße an diesem Kirchturm ausgerichtet sind. Der zweite wesentliche Bezug der St. Marien Kirche ist der alte zum Inn und heute zur Innbrücke führenden Dr. Hans Bachmann Straße entlang.

SS

Sozialstruktur

HK AA

Nachdem die Kirche mit seiner anerkannten Macht ein Zentrum des Ortes schuf, konnten sich weitere Funktionen öffentlicher Natur um die Kirche scharen: Dorfplatz, Wirtshaus, Pfarrwidum, administrative Einrichtungen und später auch die Schule. Damit wird die strikte Trennung von privatem Wohnhaus und öffentlichem Dorfkern mit besonderer Artikulation in den Baukörpern fortgeschrieben. In Kundl sind Dorfmitte und die früher baulich besonders aufwändig ausgeführten Gebäude Pfarrwidum, Wirtshäuser und Rathaus die der Kirche nächststehenden Einrichtungen, wie dies in allen christlichen Ortschaften mittelalterlicher Entstehungsgeschichte der Fall ist. Der Dorfplatz musste stets zentral an der Landstraße gelegen sein, da er Ort für die zyklisch abgehaltenen Märkte war, die die unterschiedlichen Siedlungen der Region gesellschaftlich zusammenhielten. Die Wirtshäuser müssen natürlich auch direkt an der Landstraße liegen, um den Reisenden unmittelbar Unterkunft gewähren zu können. Der Pfarrwidum steht am

AB 24

unmittelbarsten in Zusammenhang mit der Kirche und erhebt sich dieser gleich ein wenig über die anderen Gebäude bzw. wird durch eine Mauer von der rein weltlichen Sphäre abgegrenzt.

Gemeindeamt

Auerwirt

Pfarrwidum

Kirche

alte Schule Dorfcafe

Neuwirt

Kaisermann Posthof 12. Abbildung: gebaute Sozialstruktur in Kundls Ortskern

Wesentliches Regelwerk, das das heutige Erscheinungsbild Kundls mitbestimmt hat, war die Regelung der Besitzweitergabe im Todesfall. In Tirol wurde sowohl die Realteilung unter allen Erbberechtigten als auch das Anerbenrecht für nur einen Erben gelebt. Im Sammelsiedlungsraum - wie Kundl - war die Realteilung vorherrschend, im Streusiedlungsraum das Anerbenrecht. Zu wirtschaftlich bzw. klimatisch schlechten Zeiten wirkte sich die Realteilung insofern schlecht aus, als dass funktionierende Wirtschaftsgüter mit der Zeit so weit aufgeteilt wurden, dass sie nicht mehr handzuhaben waren bzw. zu wenig Land pro Person zur Verfügung stand. Daher wurden Nebenerwerbsquellen notwendig, was zur Wanderarbeit führte. Diese Wanderarbeiter zogen die Landstraße - durch Kundl - entlang. „Durch diese Bedingungen wurden aber auch


SS

SE

RE

AN

Regionale Einbettung

Kirche

HK

Sichtachsen

13. Abbildung: Bez端ge der Kirchen in und um Kundl zu ihrem Umfeld

25

AB

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Sichtfeld


Regionale Einbettung AN RE

Qualitäten wie Anpassungsfähigkeit, Innovationsgeist, Disziplin und Rücksichtnahme gefördert, die sich später positiv auf die Entwicklung von Industrie und Gewerbe auswirken sollten. So lässt sich eine Korrelation zwischen Realteilungsgebieten und einer hohen Dichte an Industrieanlagen und Handwerksbetrieben feststellen.“24 Demnach können wir heute mutmaßen, dass das industrielle bzw. gewerblich Geschick Kundls auf die Realteilungsregel zurückzuführen ist. Ohne Zweifel dürfte sie in Kundl überwiegend praktiziert worden sein, wissen wir doch von einigen notwendig gewordenen Flurbereinigungsmaßnahmen in der Neuzeit und jüngsten Vergangenheit bzw. sehen wir noch heute sehr schmal ausgebildete Grundstücksparzellen im agrarisch genutzen Raum Kundls.

Inntalperlenkette

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Da das untere Inntal für Händler, Soldaten, Studenten, Bettler und andere eine Reiseroute von Italien nach Bayern war, liegt eine historische Besiedelung des Trogtals nicht nur auf Grund der für Ackerbau günstigen topographischen Bedingungen nahe. Da die wandernden Scharen infolge geringer Reisegeschwindigkeiten oft tagelang im Inntal unterwegs waren, musste das Tal zahlreiche Rastplätze bieten. Unter anderem deswegen fädeln sich heute die Siedlungen im Inntal einer Perlenkette gleich regelmäßig aneinander. Dabei gibt es eine hierarchische Abstufung dieser Perlen.

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• • •

Erste Stützpunkte bzw. oftmals spätere Städte an markanten topographischen Schnittpunkten (Kreuzungspunkt von Tälern, Verjüngung im Inntal, ...) (z.B.: Innsbruck) agrarisch geprägte Siedlungskörper zwischen diesen Städten (z.B.: Kundl) den Städten und Siedlungen später beigestellte zu Kleinstsiedlungen gruppierte Wirtschaftsgüter im Vorfeld (z.B.: Liesfeld)

HK

Jede dieser Hierarchiestufen war geprägt durch unterschiedliche Aufgaben. Während Städten militärische, politische und sicherheitspolitische Aufgaben, Handel, Gaststättenwesen, Judikatur, manchmal auch Bergbau und höherwertiges Handwerk zu Teil wurden, dienten die bäuerlich geprägten Siedlungskörper der Versorgung der Städte und der Kultivierung des Landes. Die später ergänzten Kleinstsiedlungen dienten der weiteren Kultivierung der Auenlandschaft.

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Welches Regelwerk bestimmt nun, wo entlang der linearen Auffädelung im Tal und in welchen Abständen zueinander Siedlungsplätze entstehen und bestehen konnten?

AB 26

Es zeigt sich deutlich, dass die bedeutsamsten Siedlungen an topographischen Kreuzungspunkten liegen. So liegen Innsbruck oder Wörgl an Mündungspunkten größerer Seitentäler, in denen wesentliche Wegverbindungen existieren. Schwaz verdankt seine Bedeutung größerer Silber- und Kupfervorkommen, was es im 15. und 16. Jh zur größten europäischen Bergbaumetropole mit 20.000 Einwohnern machte. Rattenberg und Kufstein markieren topographisch geformte Engstellen im Inntal, die die Kontrolle über den Verkehr im Inntal leicht machten. Die agrarisch geprägten Siedlungskörper der zweiten Hierarchiestufe weisen keine signifikanten topographischen Besonderheiten dieses Maßstabs auf. Sie unterliegen dennoch einer topographischen Regel, indem sie entlang des Inntals nur an jenen Stellen liegen, an denen ein kleines wasserführendes Quertal auf dieses trifft und dabei einen Schwemmkegel gebildet hat. Unter Einhaltung der topographischen Regeln ergibt sich automatisch eine sehr rhythmische Anordnung von Siedlungskörpern, was sich vorzüglich dazu eignet, das Land gleichmäßig zu bewirtschaften. Die einzelnen Siedlungen sind immer so groß, wie das sie umgebende Umland sie ernähren kann. Die Wege zwischen Siedlungskörper und Feld sind über das gesamte Inntal betrachtet stets gleich lang und für die jeweilige Epoche optimal bewerkstelligbar. Das untere Inntal wird sequenziert durch Siedlungen, die im Durchschnitt 9km (Luftlinie) voneinander entfernt liegen (Standardabweichung ca. 2km), wobei große Siedlungen etwas mehr Landschaft benötigen als kleine. So ist der Abstand zwischen Innsbruck und Hallein 10km und jener zwischen Kufstein und Wörgl 13km. Innsbruck und Kufstein spannen als die größten Tiroler Städte das untere Inntal auf. Die Kette erster Inntalsiedlungen wird im Laufe des Mittelalters ergänzt durch dazwischengelagerte Siedlungen, oftmals Waldhufensiedlungen. So entstand Liesfeld unweit von Kundl genauso wie Radfeld unweit von Rattenberg. Die Lage dieser Ergänzungssiedlungen an der alten Landstraße ist nicht mehr klar nachvollziehbar, so hat die alte Landstraße ihre Lage - wohl auch in Folge von Hochwässern - des Öfteren gewechselt. Eindeutig sind diese Siedlungen im Kern an der Landstraße ausgerichtet, sie dehnen sich parallel zu dieser aus. Unmöglich erscheint die Vorstellung, dass sie quer zur Durchzugslinie im Inntal ausgerichtet sein könnten. Die unteren Inntalsiedlungen haben sich bis heute an ihren jeweiligen Ursprüngen zwischen den natürlichen Grenzen Hangfuß und Inn ausgedehnt. Das Inntal wird also durch die in Abbildung 15 dargestellte Form sequenziert. Ein Wachstumspotential quer zum Inn ist in kleinen Bereichen noch vorhanden. Von einem Wachstum parallel zum Inn ist stark abzuraten. Eine Begrenzung der östlichen und westlichen Siedlungsgrenze ist wichtig und eine innere


RE

AN

Regionale Einbettung

Kufstein

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Wörgl Kundl Rattenberg

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Jenbach

Schwaz Hall

HK

Wattens

14. Abbildung: Siedlungen im Inntal (Datengrundlage: Relief NASA, Gewässer OSM)

27

AB

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Innsbruck


Regionale Einbettung AN RE

Nachverdichtung innerhalb der Nord-Süd Ausdehnung anzuraten, um den Verlust der sequenzierenden Siedlungen und des dazwischen liegenden Naturraums zu vermeiden. Wäre die endlose Ausdehnung entlang des Inntals ressourceneffizient gewesen, hätten in Kundl keine Erschließungsachsen parallel zum Inntal ergänzt werden müssen sondern nur entlang der alten Landstraße weitergebaut worden. Abbildung 16 zeigt, wie sich zentrale Einrichtungen auf Grund der zweckmäßigen Wegminimierung an über die Zeit ergänzten Erschließungsachsen über die halbe Talbreite verteilt anordneten, ohne dabei endlos das Tal entlang zu wachsen. Über diese parallel zum Inntal verlaufenden Erschließungsachsen sind die Siedlungen trotz der Abstände dazwischen in einfachster Weise verknüpft.

Nutzungszonen

SE SS

Ziemlich deutlich ist in Kundl das Zusammenspiel zwischen Gebäudekörper und Erschließung nachvollziehbar. Dort, wo einst die alte Landstraße lag, entstand erstes Kundler Leben in sesshafter Form. Entlang der Landstraße konnten Baukörper nur so lange aneinandergereiht werden, bis der Weg zur zentralen Kirche von einer zweiten Reihe abseits der Landstraße aus kürzer war als vom Ende der Bebauung an der Landstraße aus. Dies ist ein struktureller Vorteil des Haufendorfes gegenüber dem Straßendorf. Als in jüngerer Zeit Umfahrung und Eisenbahntrasse errichtet wurden, war dort erneut Raum entlang dieser Achsen für neue Gebäudekörper. Damit schlossen neue Gebäude an diese Achsen an. Das Ergebnis sind Nutzungseinheiten mit öffentlicherem Charakter entlang dieser West-Ost gerichteten Durchzugswege, deren Zwischenraum mit Nutzungen weniger öffentlichen Charakters, zumeist Wohnen, ausgefüllt werden. Die Nahversorger beispielsweise befinden sich alle an den entlang des Inn ausgerichteten-Straßen. Eine Besonderheit stellt nur die Dr. Hans-Bachmann Straße mit ihren Nutzungseinheiten öffentlicheren Charakters dar, die ihre Bedeutung dem Zugang zum Inn, zur Innüberfuhr und schlussendlich zur Innbrücke verdankt. Die Restflächen werden durch die Landwirtschaft ausgefüllt.

HK AA

Interessant ist, dass die großen Freizeiteinrichtungen der Gemeinde Kundl im alten Augebiet der Wildschönauer Ache liegen. Diese war als Augebiet wohl schon früher ein Ort informellen Charakters gewesen. Die Kundler Klamm ist ein hochfrequentierter Ort freizeitlicher Gestaltung mit Gasthäusern an dessen Beginn, in dessen Mitte und an dessen Ende. Am Austritt der Ache ins Inntal befinden sich großflächige Freizeiteinrichtungen wie Tennisclub und Schießstand. Über die gesamte Breite des südlichen Inntals wird die Ache flankiert von einem Spazierweg. Am Mündungspunkt in den Inn liegt abschließend das Schwimmbad mit Eishalle und zahlreichen Sportplätzen.

AB 28

Die Wildschönauer Ache scheint damit das freizeitliche Rückgrad Kundls zu sein und kann in diesem Sinne weiterhin gestärkt werden. Die Chemiewerke nehmen am klaren West-Ost läufigen System nicht Teil. Das alte Brauereigebäude flankiert die Nord-Süd läufige Dr. Hans Bachmann Straße mit seinem auf diese senkrecht stehenden First. Damit war für die Folgezeit festgeschrieben, nach welcher Richtung dieser Betrieb, später als Chemiebetrieb, erweitert würde: nach hinten westlich des Gebäudes. In Folge war die konsequente Weiterentwicklung Kundls in seiner Logik im Westen nicht mehr möglich. Bis heute stellt das große Industrieareal der Chemie eine strukturelle Grenze für Kundls Entwicklung im Westen dar. Ein paar inkonsequente Ausrichtungen der Giebel, genauer gesagt jene der Brauerei und der anschließenden Gasthöfe, konnten also dazu führen, die Siedlungsentwicklung dauerhaft zu beeinflussen. Die Relevanz des Industriebetriebs für Kundl ist also nicht nur darin baulich manifestiert, als dass er als einzige dörfliche Instanz neben der Kirche einen Turm errichten durfte, sondern auch durch seine dauerhafte Einflussnahme auf die Siedlungsmorphologie. Der konsequente Weg Kundls kann sein, Mut zu seiner ursprünglichen Lebensquelle, dem Durchzugsverkehr, zu beweisen, mit dem umzugehen es über Jahrtausende trainiert hat. So entstand stets an den Achsen des Durchzugsverkehrs Leben, da jeder Durchzugsverkehr etwas im Ort zurücklässt. Früher entstand Leben entlang der alten Landstraße mit Kirche, Gasthäusern, Bäckern, etc. Später entstand Leben entlang der Bahntrasse bzw. wie in Abbildung 18 ersichtlich zwischen Bahntrasse und Inn. Ab 1951 entstand Leben entlang der Umfahrungsstraße mit Gewerbe, Nahversorgern, Tankstellen, Raststätten etc. Abbildung 17 vermittelt einen Eindruck, wie schnell Funktionen an die gerade erst errichtete Umfahrung zogen. Auch wenn die letztgenannten Nutzungen als weniger attraktiv bewertet werden, bringen sie doch Leben bzw. Finanzkraft in den Ort. Den Durchzugsverkehr weniger als Störnis denn als Potential für temporären Zielverkehr wieder zu entdecken, kann ein Weg für Kundl sein. Die Existenz des Verkehrs ist auf größerer Systemebene bedingt, kann also im Rahmen der Kommunalplanung nicht verhindert werden. Es ist ressourcenschonender, sich nicht gegen etwas zu stemmen, von dem man Jahrtausende lang profitierte, sondern die Potentiale daraus zu nützen.


AN

Regionale Einbettung

Inn Bebauung Wege topographische Erhebung

RE

Schwemmkegel

Autobahn

Eisenbahn

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Radweg

Ort 1

Ort 2

Ort 3

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alte LandstraĂ&#x;e

15. Abbildung: Schema der Inntalsiedlungen

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HK

neue LandstraĂ&#x;e


Regionale Einbettung AN RE SE 17. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

19. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

SS

Wie gut ein kompakter Block Industrie innerhalb eines kleinen Dorfes als Bestandteil von diesem funktionieren kann, ohne eine Insel zu sein, hängt von seiner Verflechtung mit diesem ab. Bestimmte Teile können aus sicherheitstechnischen Überlegungen wohl nie unmittelbarer Bestandteil des Dorfes werden, können nicht von jedermann betreten werden, doch kann eine räumliche, visuelle und atmosphärische Öffnung des Geländes dienlich sein, um seine Integration im Dorf zu gewährleisten und Akzeptanz, Partizipation bzw. Identität im Dorf zu begünstigen. Dass heute in den Betriebspausen Arbeiter der Chemiewerke vor den Toren verweilen und damit sozialer Anknüpfungspunkt des Chemiewerks an den Ort Kundl sind, lässt die Möglichkeiten bzw. gegenseitigen Vorteile einer Verflechtung zwischen Chemiewerk und Ortskern vermuten.

HK AA 18. Abbildung: Ansicht Kundl 1930er Jahre (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

AB 30

Abbildung 24. zeigt, wie das Chemiewerk siedlungsmorphologisch mit Kundl verflochten ist. Zwischen jedem Hof besteht ein unbebauter Bezug in Richtung Chemiewerk. Das Chemiewerk schließt in einer äußerst kompakten Ausführung, die internen Wege minimierend, an das Haufendorf Kundl an. Die innere Logik des Chemiewerks ist auf das Haufendorf ausgerichtet. Die inneren Erschließungswege des Chemiewerks führen geradlinig zu seinem historischen Ausgangspunkt, der heutigen Anschlusspforte. Querbezüge z.B. für Technikleitungen werden


AN

Regionale Einbettung strukturelle Reserve Inn Baukรถrper Wege

16. Abbildung: Schema zum Siedlungswachstum im Inntal bei Kundl

31

AB

AA

HK

SS

SE

RE

topographische Erhebung


Regionale Einbettung AN RE SE

ohne diese geradlinige Struktur zu stören auf niedrigerer oder höherer Ebene geschaffen. Das Chemiewerk versorgt sich über die Anschlusspforte mit Ressourcen aus dem Dorf (Arbeitskräfte, technische Infrastruktur, soziale Infrastruktur, etc.) bzw. umgekehrt (Lebensunterhalt, Erfindergeist, etc.). Darin besteht eine symbiotische Beziehung zwischen zwei kompakten, voneinander räumlich separierten Einheiten unterschiedlicher Natur. Dass dieses Konzept heute noch Bestand hat, verspricht Erfolg auch bei anderen „Anbauten“ dieser Art. Das historische Beispiel zeigt, dass wo auch immer es raumplanerische Kriterien und Notwendigkeiten zulassen, dem Haufendorf kompakte Einheiten mit jeweils unterschiedlichen zeitgemäßen Konzepten hinzugefügt werden können. Abbildung 24 zeigt, dass beispielsweise im Südosten Kundls konzeptionell gegengleich zum Gewerbegebiet quasi gespiegelt um die Wildschönauer Ache, ein horizontal verdichtetes Wohngebiet angebaut werden kann. Im 18.Jh (s. Abbildung 92) bildete die Achenbrücke den östlichen Abschluss- und Ausfallpunkt Kundls. Bis heute verdichten sich an der Brücke natürlich die Verkehrsaktivitäten. Von dort ausgehend einen verdichteten Siedlungsansatz zu verfolgen, wäre - wie im Westen durch die Chemiewerke - geeignet, eine endlose Siedlungsausdehnung im Osten zu stoppen. Mit solchen verdichteten, einseitig zum Ort hin ausgerichteten Anbauten lässt sich vermeiden, dass das Haufendorf bei Wachstumsdruck stetig weiter wachsen und bis zur Gemeindegrenze oder bis zur Schwemmkegelgrenze in die Fläche ausbreiten muss (s. Abbildung 22).

SS HK

Eine zweite Strategie zur Vermeidung endloser Zerstreuung der Bebauung bei Wachstumsdruck ist die innere Nachverdichtung. Durch die Lage an der alten Landstraße kam Kundl neben dem Haufendorfcharakter später auch ein Straßendorfcharakter zu, der sich heute entlang der alten Landstraße nachempfinden lässt. Die logische Entwicklung alter Haufendörfer bei starkem Wachstum war unter der Prämisse der ressourcenschonenden Kompaktheit die innere Nachverdichtung, vorerst an den hochwertigsten Lagen entlang der zentralen Erschließung. Die Folge war eine reihenhausartige Verdichtung entlang der Hauptstraßen mit seitlichen Unterbrechungen an jenen Stellen, an denen das Haufendorf zuvor verzweigte. In Kundl liegt die alte Landstraße sehr zentral im Ort und entspricht in seiner West-Ost Orientierung heute noch der Ausrichtungslogik des Inntals (s. Abbildung 25). Teilweise ist das Reihenhauskonzept entlang der Landstraße bereits spürbar, einem Ort fällt es schwer, dieser Entwicklungslogik zu widerstehen. Diese Entwicklung aktiv planerisch zu begleiten hilft, Fehler zu vermeiden bzw. Gemeindewünsche einzubringen. Eine solche Entwicklung im Bestand bedarf konsequenter Planung über lange Zeit.

AA

Darüber hinaus kann die Umfahrungsstraße durch eine ähnliche Logik begleitet werden. Dort befindet sich die Integration der Durchfahrtstrasse in Kundl noch im Werden und sollte

AB 32

fachlich begleitet werden. Auch die Bahntrasse ermöglicht um den Bahnhof eine intensivere Integration in den Siedlungskörper. Über eine Entwicklungsperspektive zwischen Bahntrasse und Autobahn kommt man zudem der Integration des Innstroms einen Schritt näher. Als strukturelle Reserve des Schwemmkegels steht dieses Gebiet einer Siedlungserweiterung offen.

20. Abbildung: abgeschlossene und offene Variante von Gewerbegebieten


21. Abbildung: Kundl - Nutzungszonen einer Siedlung im Inntal

33

AB

AA

HK

SS

SE

RE

AN

Regionale Einbettung


Regionale Einbettung AN RE SE SS HK AA AB

22. Abbildung: Siedlungsperspektive 1: endloses Haufendorf

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23. Abbildung: Siedlungsperspektive 2: innere punktuelle Nachverdichtung im Sinne des Haufendorfes


24. Abbildung: Siedlungsperspektive 2: kompakte Anbauten an das Haufendorf

25. Abbildung: Siedlungsperspektive 3: innere Nachverdichtung an den West-Ost Achsen

35

AB

AA

HK

SS

SE

RE

AN

Regionale Einbettung


Regionale Einbettung AN RE 26. Abbildung: 1470 NicolausCusanus,HenricusMartellusGermanus-DescriptioGermaniaeModernae (TIRIS)

SE SS

27. Abbildung: 1500 MarcusBeneventanus-Mitteleuropa (TIRIS)

HK AA AB

28. Abbildung: 1513 MartinWaldseem端ller-TabulaModernaGermanie (TIRIS)

36

29. Abbildung: 1561 WolfgangLazius-RhetiaeAlpestrisInquaTirolisCom(itatus)Descriptio (TIRIS)


RE

AN

Regionale Einbettung

33. Abbildung: 1604 WarmundYgl-NeueKarteDerSehrAusgedehntenGrafschaftTirolUndIhreNachbargebiete (TIRIS)

31. Abbildung: 1578 GerardDeJode-TirolisComitatusSeuPartisRhaetieAlpestrisInsignisDescriptioChorographica (TIRIS)

34. Abbildung: 1608 MathiasBurglechner-TirolerLandtafelAufEinemBlatte (TIRIS)

32. Abbildung: 1595 AndreaBertellus-RhetiaeAlpestrisHodieTirolisCom(itatus)Descriptio (TIRIS)

35. Abbildung: 1611 MathiasBurglechner-TirolischeLandtafeln (TIRIS)

AB

AA

HK

SS

SE

30. Abbildung: 1573 AbrahamOrtelius-ThetiaeAlpestrisDescriptio,InQuaHodieTirolisComitatus (TIRIS)

37


Regionale Einbettung AN RE 39. Abbildung: 1674 JohannMartinGumpp-TyrolisComitatus (TIRIS)

37. Abbildung: 1644 NicolasTassin-LeTyrol (TIRIS)

40. Abbildung: 1678 FranzAdamVonBrandis-DIeFirstlicheGraffschaftTyrol (TIRIS)

38. Abbildung: 1662 JohannesBlaeu-TyrolisComitatus (TIRIS)

41. Abbildung: 169x ChristophRiegl-Tirol,SamtDenenAngrenzend-UndEinverleibtenL채ndern (TIRIS)

SE

36. Abbildung: 1641 JohannesJanssonius-ComitatusTirolensis (TIRIS)

SS HK AA AB

38


RE

AN

Regionale Einbettung

45. Abbildung: 1701 MichaelWinig-ComitatusTyrolisGraffschalltTyroll (TIRIS)

43. Abbildung: 1700 CornelisuDanckerts-ComitatusTirolis.EpiscopatusEtComitatus Tridentinus.EpiscopatusBrixensis (TIRIS)

46. Abbildung: 1702 GeradValck-StatusTirolensis (TIRIS)

44. Abbildung: 1701 IgnazReiffenstuhl-ComitatusTyrolisTabula (TIRIS)

47. Abbildung: 1707 AlexisHubertJaillot-LeComtéDeTirolLesEvechésDeTrenteEtDeBrixen (TIRIS)

AB

AA

HK

SS

SE

42. Abbildung: 169x Johann Martin Gumpp-Mappa oder Land Karten aller Berg-Thäller, Bäss, Land-UndAndereStrassen (TIRIS)

39


Regionale Einbettung AN RE 51. Abbildung: 1790 FranzKarlZoller-Compendium Atlantis Tyrolensis Anichiani (TIRIS)

49. Abbildung: 1742 GeorgeLouisLeRouge-Le Comté de Tirol les Evechés de Trente et de Brixen (TIRIS)

52. Abbildung: 1797 IgnazHeijmann-PostkarteDerGEfürsteetnGrafschaftTyrol (TIRIS)

50. Abbildung: 1774 PeterAnich.BlasiusHueber-Atlas Tyrolensis (TIRIS)

53. Abbildung: 1800 ChristianBenjaminGlassbach-Übersichts- und Straßenkarte der gefürsteten Grafschaft Tirol (TIRIS)

SE

48. Abbildung: 1716 JohannBaptistHomann-ComitatusPrincipalisTirolis (TIRIS)

SS HK AA AB

40


RE

AN

Regionale Einbettung

57. Abbildung: 1810 CarteVonTirol (TIRIS)

55. Abbildung: 1804 PhilippMiller-GeographischerEntwurfDerStraßenzügeDer6TirolerKreise (TIRIS)

58. Abbildung: 1816 ZweiteFranziszeischeLandesaufnahme (TIRIS)

56. Abbildung: 1808 CarteDuTyrol (TIRIS)

59. Abbildung: 1823 SpezialkarteTirol (TIRIS)

AB

AA

HK

SS

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54. Abbildung: 1800 Landgerichtskarte (TIRIS)

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Regionale Einbettung AN RE 63. Abbildung: 1844 Strassenkarte von Tyrol und Vorarlberg (TIRIS)

61. Abbildung: 1838 JosephAntonWoerl-KarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS)

64. Abbildung: 1849 GeognostischeKarteTirols (TIRIS)

62. Abbildung: 1840 Zollerâ&#x20AC;&#x2DC;s Post und Reise-Karte von Tirol und Vorarlberg (TIRIS)

65. Abbildung: 1850 C.A.Czichna-FinanzKarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS)

SE

60. Abbildung: 1827 Jurisdictions-KarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS)

SS HK AA AB

42


RE

AN

Regionale Einbettung

69. Abbildung: 1925 ÖsterreichischeSpezialkarte (Quelle: TIRIS)

67. Abbildung: 1870 DritteLandesaufnahme (TIRIS)

70. Abbildung: 1997 ÖsterreichischeKarte (TIRIS)

68. Abbildung: 1895 Generalkarte von Mitteleuropa (TIRIS)

71. Abbildung: 2012 Luftbild (GoogleEarth)

AB

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HK

SS

SE

66. Abbildung: 1854 Administrativ-KarteDerGefürstetenGrafschaftTirolMitVorarlberg (TIRIS)

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Siedlungsentwicklung AN RE SE SS Legende

HK AA AB 44

Geb채ude

Gew채sser

Wege

Bahnlinie


72. Abbildung: Kundl fr端hgeschichtlich (fr端hgeschichtliche Fundorte schematisch dargestellt)

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RE

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

73. Abbildung: Kundl vom 7.Jh bis ins 17. Jh (Kartengrundlage: Bachmann (1986). S.58ff.)

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74. Abbildung: Kundl 1748 (Kartengrundlage: Bachmann (1986) Falttafel II)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

75. Abbildung: Kundl 1805 (Kartengrundlage: Erste Josephinische Landesaufnahme)

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76. Abbildung: Kundl 1870 (Kartengrundlage: Dritte Landesaufnahme)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

77. Abbildung: Kundl 1952 (US Army Map Service Austria - AMS Series M871)

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78. Abbildung: Kundl 2009 (DKM 2009)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN Die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung einer Siedlung und deren Region ist für siedlungsmorphologisch relevante Fragestellungen unabdingbar. In folgender kurzer Darstellung der Kundler Geschichte liegt der Schwerpunkt auf den die Formgebung Kundls stark beeinflussenden Ereignissen.

Antike

Frühgeschichte

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Erste Spuren einer jungpaläolithischen Jägerkultur um 30.000 v. Chr. wurden bei Kufstein gefunden. Die damaligen Menschen werden also zeitweise auch in Kundl unterwegs gewesen sein. Ab 2000 v. Chr. lassen sich in Tirol einige Siedlungen streifender Jäger der Jungsteinzeit nachweisen. Ab 1500 v. Chr. wurde das Inntal und dessen Seitentäler endgültig besiedelt. Auch in Kundl könnte sich ein Siedlungsplatz befunden haben, dessen Ort jedoch unbekannt ist. Am östlichen Gelände der Firma Wimpissinger wurden Reste einer aufgegebenen metallverarbeitenden Werkanlage gefunden.25 Über pollenanalytische Untersuchungen sind menschliche Tätigkeiten in Kundl ab 1500 v. Chr. nachweisbar.26

Nachdem die Römer unter Drusus und Tiberius um 15. v. Chr. durch das Untere Inntal zogen und das zentrale Alpengebiet und das Alpenvorland eroberten, muss das vorrömische Kundl romanisiert worden sein und dabei in seiner bestehenden physischen Form weiterbestanden haben. Der Kulturboden wurde unter den Römern stark ausgeweitet. Der romanische Flurname „Schiferol“ (s. Schiferolkapelle“) zeugt vom Einfluss der Römer in Kundl. Andere Orte im Inntal wie Erl, Mosen, Asten, Stans, Wilten und Wörgl lassen den römischen Einfluss in ihrem Flurbild noch deutlicher erkennen. Dies weist nach, dass Kundl in der Antike talauf- und -abwärts von römischen Siedlungen umgeben war und klarerweise auch romanisiert worden sein hat müssen.

Die frühgeschichtlichen Siedlungen Tirols wiesen eine geschlossene Siedlungsform (geschlossene Massendörfer) auf, in der die Häuser eng aneinander platziert wurden, um den Bodenverbrauch zu Gunsten der Landwirtschaft und den täglichen Wegaufwand gering zu halten und die Siedlung effizienter verteidigen zu können. Siedlungen dieser Form sind uns nur punktförmig an klimatisch oder topographisch begünstigten Lagen bekannt.

Um ca. 45 n. Chr. erfolgte der Ausbau des römischen Straßennetzes im Inntal. Allerdings verlief die Römerstraße über den sonnigen und sumpffreien Angerberg an Kundl vorbei. Kundl stand in der Antike damit nie im Zentrum der Aufmerksamkeit.

SS

RE

Es wird heute davon ausgegangen, dass der Kundler Siedlungsplatz vorrömischer Natur ist.27 Von der Sprachforschung wird der Ortsname als vorrömisch angesehen. Bodenfunde eines Siedlungsplatzes abseits von Begrabunsstätten und Werkstätten fehlen jedoch. Das Fehlen von Bodenfunden kann allerdings in der Siedlungskontinuität begründet sein, bei der eine vorhandene Kulturschicht durch die stete Weiterverwendung der gleichen Siedlungsstelle vernichtet wurde.

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Zwischen 6. und 4. Jh v. Chr. ist vom Fritzens-Sanzenokreis, ein inneralpiner Kulturkreis, eine kontinuierliche Siedlungstätigkeit im Kundler Raum nachweisbar. Das vorzügliche Siedlungsland muss sich schon früh für eine dauernde Niederlassung den Menschen angeboten haben. Die Zeit zwischen 6. und 4. Jh v. Chr. ist im Unteren Inntal durch eine Reihe von Siedlungen bekannt, die sich einer Perlschnur gleich das Inntal bis Ampaß oberhalb von Innsbruck entlang ziehen. Um 400 v. Chr. erfolgte der Keltensturm, der bestehende Siedlungen Tirols zerstörte und infolge dessen neue keltische gegründet wurden. Für das 1.-4. Jh v. Chr. ist im Kundler Raum ein auf der Verarbeitung von Eisen aufbauendes Wirtschaftszentrum nachweisbar.

Da das Christentum im römischen Reich um 380 n.  Chr. Staatsreligion wurde, setzte sich dieses auch in ganz Tirol durch.

Mittelalter Nachdem 476 n. Chr. das weströmische Reich zerviel, stießen um 550 - 600 n. Chr. die Bajuwaren ins Inntal vor, die im 7. und 8. Jahrhundert dort Siedlungen mit bei ihnen üblichen locker angeordneten Holzbauten gründeten. In Kundl müssen sie das romanisierte Dorf vorgefunden und assimiliert haben.

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Kundl wird zum ersten Mal als „Quantalas“ urkundlich 788 im Salzburger Güterverzeichnis in der Notitia des Bischofs Arn von Salzburg erwähnt. Zu dieser Zeit muss Kundl schon seit längerem

AB 52


AN

Siedlungsentwicklung

bestanden haben, weswegen nicht von einer Bayrischen Gründung auszugehen ist. Der Siedlungsplatz muss auch vor den Römern schon der selbe gewesen sein, da der Schwemmkegel nur dort eine hochwassergeschützte Besiedlung erlaubt.

RE

Das heutige Kundl entstand aus einer Schenkung der Aribonen an die Glaubensgemeinschaft im Zuge eines groß angelegten Christianisierungsprogramms. Sie überließen ihr eine Kirche mit drei Meierhöfen. Aus dem Jahr 788 wissen wir, dass Kundl damals aus der Kirche und zwölf Gütern bestand. Bis ins 18./19. Jahrhundert hielt sich die Größe in etwa. Die Entstehung Liesfeld´s geht auf das 7.Jh zurück („Luog“ = Versteck). Im Gegensatz zu Kundl ist sie wie östlich von Kundl auch Radfeld eine neuere, deutsche grundherrlich-aribonisch angelegte Ausbausiedlung.

Im frühen Mittelalter etablierte sich die Streusiedlung auf Grund bayrischer Zuwanderer in Tirol neben dem geschlossenen Massendorf oder Haufendorf (Sammelsiedlungen) als ein weiterer Siedlungstyp. „Die Siedlungsform auf der späteren, bajuwarischen Grundlage unterscheidet sich augenfällig vom alten rätoromanischen Siedlungsgedanken. Die erst in späterer Zeit erschlossenen Täler und Siedlungsplätze kennen fast nur die Streusiedlung im weiteren Sinne.“29

Am Ende des 14. Jahrhunderts wurde das Schloss Hochholdingen errichtet. Womöglich wurde dabei einer der ehemals der Kirche zugeordneten Meierhöfe adaptiert. Zwischen 1658

SS

SE

In Tirol steigen ab dem 12. Jh einzelne Grafen auf, bis diese um 1248 unter Albert III. von Tirol vereint wurden, woraus bis 1295 das Land Tirol entstand. 1363 gelangt Tirol mangels Erben an die Habsburger. Nach 1439 ist Tirol selbständiges habsburgisches Landesfürstentum. Ab ca. 1500 gehört das Gericht Rattenberg inklusive Kundl dem Landesfürstentum mit inzwischen landständiger Verfassung an.

HK

Bis in das frühe Mittelalter gab es in den Nebentälern und Hochlagen kaum Dauersiedlungen, alle Siedlungsaktivitäten waren klimatisch und topographisch auf den Talboden beschränkt, es blieben zur Besiedlung nur die Lagen entlang der Flüsse, die immer Durchzugsräume waren. Deswegen waren Handel und Verkehr wirtschaftliche Grundlage der Tiroler Siedlungen.

Kundl liegt an einer topographisch begünstigten Stelle Tirols, weswegen dort schon vor Eroberung durch die Römer Siedlungstätigkeiten vermutet werden. Tatsächlich stellt sich der Kundler Siedlungskern heute noch als geschlossenes Haufendorf dar, das sich an seinen mittelalterlichen Rändern im Sinne einer Streusiedlung ausbreitete. Abbildung 86 zeigt, wie Kundl als Teil des Inntals zum Sammelsiedlungsraum gehört. Bevölkerungswachstum und Bodenmangel führten im Mittelalter dazu, dass auch weniger gut geeignete Siedlungslagen besiedelt wurden. Der Ortsteil Saulueg wird später als der günstiger gelegene Talboden besiedelt worden sein und gehört somit dem Streusiedlungsgebiet an. In Folge wurde bis ins 14.Jh in immer höhere Lagen vorgedrungen und noch bis ins 19.Jh die Umwandlung von Wildland in Agrarland forciert.

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Der Ursprung Sauluegs ist nicht gekannt. Die Hochsieldung ist wahrscheinlich eine Schwaighofsiedlung aus dem 12./13. Jh die „in den Hochtälern und auf den Berghängen die obersten Streifen des besiedelten Raumes, und darin besteht ihre ganz eigenartige Stellung in der Siedlungsgeschichte der Alpen, einnehmen“28.

86. Abbildung: Verbreitungsgebiet des Streu- und Sammelsiedlungsraums in Tirol (Czekelius S.18)

AB

Die damalige landwirtschaftliche Nutzfläche von Kundl und Liesfeld auf dem Schwemmkegel wurde im Laufe der folgenden Jahrhunderte wesentlich vergrößert, indem die Wildschönauer Ache verarchte, der Innstrom eingedämmt wurde - insbesondere durch die k. u. k. Südbahn und bislang für Hüttwerke genutzte Flächen der Landwirtschaft überführt wurden.

53


Siedlungsentwicklung AN und 1945 beherbergte das Schloss die Kundler Brauerei, danach die Biochemie Ges.m.b.H. bzw. Firma Sandoz.

Durch den 1. Weltkrieg wird Tirol um Südtirol kleiner. Nach dem 2. Weltkrieg wird Tirol und damit auch Kundl von französischen Truppen besetzt.

RE

Um 1470 siedelten sich im bis dahin rein bäuerlich geprägten Kundl mehrere Schmelzer entlang der Kundler Ache an. An viele Gewerbetreibende und Sporierknechte wurden nach Auflass der Hüttwerke 1742 von der Marktgemeinde Grundstücke verkauft, weswegen in Folge viele Kleinhäusler (Besitz von 1-3 Kühen) im Ort wohnten. Viele ließen den Betreib nach dem 2. Weltkrieg auf. Lendemöglichkeiten und jene Plätze, an denen der Inn leicht zu übersetzen war, boten die Voraussetzung für die Entstehung einer Stadt. Da in Rattenberg und in Wörgl günstigere Flussüberfuhren bestanden, konnte Kundl niemals eine Stadt werden. Kundl kam daher eher eine bäuerlich und gewerblich versorgende Rolle zu und diente als Zwischenstation und Rastplatz an der das Inntal prägenden Landstraße.

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Neuzeit

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im 16. Jh wird die Ausbreitung des Protestantismus und des Täufertums von der staatlichen und geistlichen Obrigkeit unterdrückt. Die religiöse Erneuerung erfolgt durch neue Orden, hauptsächlich durch die Jesuiten und die Kapuziner. 1665 sterben die Tiroler Habsburger aus, womit Kaiser Leopold I. die Regentschaft übernimmt. Ab 1720 gilt Tirol als integrierter Bestandteil der habsburgischen Erbländer. 1805 gelangt Tirol zum zentralistisch regierten Bayern. Durch den Wiener Kongress fällt Tirol wieder an Österreich.

HK

Die prägende Flurform war im Mittelalter die Blockflur, da einem Bauernhof von Kirche oder Adel das ihn umgrenzende unregelmäßige Gelände zugewiesen wurde. In den Höhenlagen hat sich diese Flurordnung bis heute erhalten, da den Bauern dort durch ihre Hilfe beim Kultivieren des klimatisch ungünstigen Wildlandes mehr Eigentumsrechte zuteil wurden. Um 1748 erfolgte eine Flurbereinigung in Kundl und Liesfeld. Zu dieser Zeit waren die Parzellenteilungen schon unpraktikabel weit fortgeschritten.

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Mitte des 19. Jh wird das Verkehrsnetz in Tirol ausgebaut und Tirol für Industrie und Fremdenverkehr erschlossen. 1858 wird die Eisenbahnlinie durch das Unterinntal nach Innsbruck errichtet.

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87. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1930 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)


Zeitgeschichte

SE

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurde das Kundler Siedlungsgebiet vorwiegend entlang der Ache und der Klammstraße, also im alten Augebiet, das im Mittelalter als Allmende gedient hatte, stark ausgeweitet. Hauptsächlich erfolgte die Siedlungserweiterung über Ein- und Zweifamilienhäuser (zw. 1945 und 1986 ca. 250 erbaut). Durch Asphaltierung, Begradigung und Verbreiterung der Straßen und Kanalisierung des gesamten Ortes wurde das Ortsbild stark verändert.

RE

AN

Siedlungsentwicklung

SS

88. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1935 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

90. Abbildung: Luftbild Kundl ca. 1950 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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HK

Abbildung 90 zeigt, wie sich noch vor Errichtung der Umfahrungsstraße im Süden der Ort entlang der Ache, entlang der Straße zum Bahnhof und entlang des Mühlbachs ausbreitete.

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89. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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Siedlungsentwicklung AN Neben dem Gelände der Firma Sandoz wurde Gewerbe auf dem ehemals sumpfigen Gelände des Luna angesiedelt. Als neues Gewerbegebiet ist der Bereich zwischen Bahntrasse und Inntalautobahn westlich der Autobahnab- und -auffahrt geplant.

RE SE 91. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

SS

Aus dem Jahr 1952 stammt die Umfahrungsstraße im Süden mit Unterführungen seit 1970 bzw. 1971, aus jüngerer Zeit die Bahntrassenunterführung am Riedmann Areal und von 1972 die Inntalautobahn mit einer Ab- und Auffahrt zwischen Kundl und Wörgl und damit verbundener Umlegung der Straße nach Breitenbach. Der Mühlbach wurde 1969 stillgelegt, die Wildschönauer Ache in Kundl von 1953 - 1971 immer weiter reguliert und verbaut.

HK

Wirtschaftlich kam es nach dem 2. Weltkrieg in Kundl durch innovative Industriebetriebe (Traktorenwerk Lindner, Biochemie Sandoz, ...) zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. 1890 waren noch 70% der Tiroler in Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Daher konnte sich in Kundl bislang in Industrie oder Gewerbe noch keine Bautradition entwickeln, da seine Wurzeln in Land- und Forstwirtschaft liegen.

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AB

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Siedlungsentwicklung

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Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

79. Abbildung: Kundl und Liesfeld vor der Flurzusammenlegung 1748 (Bachmann (1986) Falttafel II)

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80. Abbildung: Innstromkarte 1800 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

81. Abbildung: Erste Josephinische Landesaufnahme 1805 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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82. Abbildung: Zweite Josephinische Landesaufnahme 1816 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

83. Abbildung: Kulturen Skelett Karte 1860 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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84. Abbildung: Dritte Landesaufnahme 1870 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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Siedlungsentwicklung


Siedlungsentwicklung AN RE SE SS HK AA AB

85. Abbildung: US Army Map Service Austria (AMSSeries M871) 1952 (Land Tirol tiris Kartendienste)

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AB

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AN

Siedlungsentwicklung

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Siedlungsstruktur AN RE SE SS HK AA AB 66


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Siedlungsstruktur

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92. Abbildung: Kundler Erschließungsstruktur 1748 (Datengrundlage: Höhenlinien & DKM Gemeinde Kundl, Kartengrundlage: Bachmann (1986) Falttafel II)

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Siedlungsstruktur AN RE SE SS Pendelbewegung Eingliederung der alten LandstraĂ&#x;e in Haufendorf

HK

Wege nach Hierarchie Wegeverteilung Verzahnung des Haufendorfes mit der Landschaft vertikale Anhaltspunkte parallel zum Inntal

AA AB

93. Abbildung: Kundler ErschlieĂ&#x;ungsstruktur 1805 (Kartengrundlage: Erste Josephinische Landesaufnahme, Datengrundlage: DKM Gemeinde Kundl)

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RE HK

RATTENBERG

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AN

Siedlungsstruktur

Orientierung parallel zum Inntal

vertikale Anhaltspunkte parallel zum Inntal 96. Abbildung: Kundler ErschlieรŸungsstruktur 2009 (Datengrundlage: Hรถhenlinien & DKM Gemeinde Kundl)

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AB

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Orientierung quer zum Inntal


Siedlungsstruktur AN RE

Wesentlicher Bestandteil der Siedlungsstruktur ist die Erschließungsstruktur. Für die Lebendigkeit einer Siedlung sind eher die Erschließungsnetze zwischen den Baustrukturen als die Baustrukturen selbst verantwortlich. Ohne sie sind Siedlungen nicht denkbar. Dementsprechend groß ist ihr Einfluss auf die Entwicklung und die Strukturen der Siedlungen. Einerseits vermögen sie Distanzen zu verkürzen, andererseits können sie auch Grenzen darstellen. Diese Diskrepanz führt üblicherweise zu beeindruckenden Ergebnissen. So können Grenzen zu Verbindungen und Verbindungen zu Grenzen werden, je nachdem, was die jeweilige Zeit verlangt. Vergleicht man die Erschließungsnetze unterschiedlicher Zeiten, so wird deren strukturelle Permanenz deutlich. Bereits bestehende Wegstrukturen werden übernommen und durch neue verdichtet und ergänzt.

SE

Einerseits ist die Erschließungsstruktur ein Faktor der Siedlungsgestalt, indem historische, überregionale und lokale Wegsysteme eine Verdichtung von Baukörpern an hochrangigen Kreuzungspunkten dieser Wege bewirken. Andererseits unterliegen die Erschließungsnetze selbst Einflüssen, beispielsweise aus dem Bereich der technologischen Entwicklung. Mit der Einführung oder auch massenhaften Verbreitung neuer Verkehrsmittel ändern sich die Anforderungen an die Erschließungsstruktur und damit die Baustruktur. Dies trifft insbesondere in neuen Siedlungsgebieten zu.

Siedlungsformen SS

Im Haufendorf Kundl herrscht eine unregelmäßige Blockflur vor. In jedem Block regelloser Gestalt und Größe befindet sich ein Hof. In Haufendörfern führen die Wege oftmals ausgehend von wesentlichen Punkten des Dorfes wie der Kirche oder Brückenendpunkten ungeordnet in das Umfeld zu den Wirtschaftsflächen. Der Dorfabschluss zur Flur ist nicht einheitlich sondern verzahnt sich mit ihr.

HK

Die charakteristische verzahnte Einbettung des Siedlungskörpers in den Landschaftsraum ist wesentlich für das dörfliche Erscheinungsbild, das Erbe einer bäuerlichen Kultur ist. Steht Kundl weiterhin zu dieser Identität, wird dieser verzahnte Übergang erhalten bleiben müssen. Bewegt sich Kundl auf eine neue, städtische Identität zu, wird eine klare Abgrenzung zum Landschaftsraum anzuraten sein.

AA AB 70

Das Haufendorf lässt keine singuläre, innere hochrangige lineare Erschließung zu. Es bedingt ein dezentrales Erschließungssystem. Durch den Vorteil der räumlichen Nähe im Haufendorf ist der nicht motorisiert Verkehr, der die Entwicklung des Dorfes vor 1950 stets geprägt hatte, jene dezentrale Erschließungsform, die in der Ebene des Inntals die naheliegendste ist. Die Isochronen in Abbildung 98 zeigen, wie günstig die Ausgangslage Kundls für eine Schwerpunktsetzung auf den nicht motorisierten Verkehr und zur Entwicklung zu einem „smart village“ ist. Innerhalb von 10 Minuten ist das Siedlungsgebiet Kundls von der Kirche aus eben zu Fuß erreichbar, das gesamte Gemeindegebiet innerhalb von 10 Minuten mit dem Fahrrad. Die bedeutenden parallel zum Inntal ausgerichteten, linearen Erschließungen können sich darauf beschränken, den überörtlichen Verkehr nur an oder in den Ort zu bringen. Ausgehend von diesen linearen Erschließungen kann die innerörtliche Verteilung über nicht motorisierte Verkehrsmittel erfolgen (Walk & Ride, Bike & Ride, Park & Ride, Sammelparkplätze). Diese Strategie kann sowohl für die gesamte Gemeinde als auch für einzelne Entwicklungsgebiete oder Wohnkomplexe Anwendung finden. Besondere Beachtung müssen dabei Knotenpunkte zwischen überregional niedrigrangiger bzw. lokal hochrangiger quer zum Fluss gerichteter Erschließung und lokal niedrigrangiger bzw. regional hochrangiger parallel zum Fluss gerichteter Erschließung finden (s. Abbildungen 94 u. 95). Das System der mit zentralen Nutzungen belegten West-Ost gerichteten Verkehrsachsen und den kleinteilig innerörtlich vernetzenden Nord-Süd gerichteten Wegen erweist sich insofern als energieeffizient, als dass die Wege von einem Wohnhaus zu einer zentralen Einrichtung im schmalen Inntal sehr kurz bleiben und als dass dieses System theoretisch solange erweiterbar ist, bis man an die Grenzen der nächstliegenden Siedlungseinheit im Inntal stößt. Es ist anzuraten, sich weiterhin auf dieses System zu verlassen und dabei räumlich nach West und Ost zu begrenzen. Die Waldhufensiedlung Liesfeld ist durch die gegenseitige Bindung von Wohnplatz und Flur bestimmt. Wohnplatz und Flur sind dabei aufeinander abgestimmt. Der Hintergrund für die unterschiedlich ausgebildeten Flurformen Blockflur und Hufenflur liegt in der zeitlichen Diskrepanz zwischen den beiden Entstehungen und den damals unterschiedlichen strukturellen und gesellschaftspolitischen Voraussetzungen. Als das Haufendorf Kundl entstand, gab es noch keine ausgeprägte Landstraße, Flurordnung oder herrschaftliche Gewalt. Die Höfe konnten ohne diese Zwänge platziert und ausgerichtet werden, wie es für den jeweiligen Hof am besten war. Als jedoch Liesfeld gegründet wurde, hatte sich die Lage der Landstraße bereits gefestigt und fürstliche Grundherrschaften ausgebildet. Hufenfluren sind die ersten regelhaften, geplanten Fluren


AN

Siedlungsstruktur

mit festen Besitzgrößen. Ihre Größe ist definiert als jene Fläche, die ein Mann mit einem Gespann an einem Tag bearbeiten kann. Liesfeld als Waldhufensiedlung hatte keine andere Möglichkeit, als sich mit seinen langgestreckten Parzellen quer zur Landstraße zu orientieren, um eine flächensparsame Erschließung zu gewährleisten.

94. Abbildung: Kundler Erschließungskonzept aus überregionaler Sicht

SE

Es stehen sich am Talboden also zwei völlig unterschiedliche Systeme unmittelbar gegenüber: das vorerst regellos ungeplant gewachsene Kundl dem später regelhaft geplanten Liesfeld. Diese beiden Morphologien werden mit der Höhensiedlung Saulueg noch durch eine dritte ergänzt. Dort durften Bauern im Zuge der Suche der Adeligen nach neuem benötigtem Land ihre eigene Rodungsfläche besetzen. Sie waren frei von Zwängen einer bestehenden Erschließungsstruktur, nur die Topographie gab vor, wo der Hof stehen und wo gerodet werden sollte. Die Einödhöfe in Saulueg sind daher ungeordnet verstreut.

RE

Die Verbindung zwischen Gehöft und Flur in Liesfeld nicht zu trennen, trägt wesentlich dazu bei, die unterschiedlichen Charaktere der Gemeindeteile zu erhalten und einen strukturellen Konflikt bei einem Anschlussversuch von Haufendorf Kundl an Waldhufensiedlung Liesfeld zu vermeiden. Ein Zusammenwachsen würde Probleme in der Organisation der Baukörper und der Erschließung mit sich bringen.

Eine vierte Siedlungsform präsentiert uns der Weiler St. Leonhard, der als Kümmerform eines geschlossenen Haufendorfes verstanden werden kann.

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Saulueg und St. Leonhard dürfen aus zeitgemäßen raumplanerischen Kriterien nicht Kern zukünftigen Siedlungswachstums sein. Vielmehr müssen diese Gemeindeteile wie früher als Orte verstanden werden, die zu wie auch immer gearteten Notzeiten Auslagerungsmöglichkeiten oder Fluchtmöglichkeiten für eine bestimmte von der Not betroffene Nutzungsform bieten. Diese Gebiete beinhalten strukturelle Reserven für heute noch ungeahnte Situationen und können daher in ihrem strukturell isolierten Charakter erhalten werden.

95. Abbildung: Kundler Erschließungskonzept aus lokaler Sicht

71

AB

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HK

Kundls Erschließungsstruktur lässt sich zur genaueren Betrachtung grob nach jener, die parallel zum Inntal führt, und jener, die quer dazu führt, einteilen:


Siedlungsstruktur AN

Parallel zum Inntal Die von der Natur vorgegebenen Tallagen mit den dorthin gezwungenen Transitrouten bestimmten Tirols Siedlungsverteilung und -entwicklung. Damit unterscheidet sich die Siedlungsverteilung in Tirol von jener im Westalpenbereich, wo Siedlungen selten in den Alpentälern liegen. In Tirol hingegen fädeln sich die Siedlungen entlang der Täler auf.

RE SE SS

Das Inntal gibt eine klare West-Ost Orientierung in vielen Belangen vor. Gewässer, Gebirgskämme und Hauptwege verlaufen parallel zum Tal. Damit weisen auch zahlreiche Siedlungskörper mit einem Anger, Hauptplatz oder in der reihenartigen Anordnung ihrer Gebäude eine West-Ost Orientierung auf. Jede West-Ost orientierte Struktur, sei es nun ein Gewässer oder eine Verkehrsinfrastruktur, sorgt für eine weitere Stärkung dieser Orientierung. Denn jede WestOst orientierte Struktur bildet eine Barriere für eine Nord-Süd gerichtete Struktur. Es verwundert also nicht, dass wir bis auf wenige - aber nachvollziehbare - Ausnahmen (z.B.: Zufahrten zu Flußüberfuhren) hauptsächlich hochrangige West-Ost orientierte Strukturen im unteren Inntal vorfinden. Alle wichtigen Straßen verlaufen West-Ost, ihnen gleich tun es heute Bahntrasse, Inntalradweg und Autobahn. Die Entwässerungskanäle östlich und westlich von Kundl müssen West-Ost geführt werden, bis ein Weg unter Bahntrasse und Autobahn gefunden wird. Damit ist auch die Orientierung der mit der Zeit über Vererbungen (Realteilung) schmaler gewordenen Flure vorgegeben. Sie müssen Nord-Süd verlaufen, da die Erschließungswege, die zur Vermeidung von Fremdüberfahrten eines Feldes nötig sind, zwischen den Entwässerungskanälen, der Bahntasse, dem Inn, dem südlichen Hangfuß, der Landstraße und der Autobahn nur West-Ost verlaufen können (s. Abbildung 78), um aufwändige Kreuzungspunkte zu vermeiden. Gebrochen wird die Regel der West-Ost Orientierung erst im Haufendorf Kundl. Dieses liegt auf dem Schwemmkegel, der keine Entwässerungskanäle in West-Ost Richtung benötigt. Vielmehr führt die Wildschönauer Ache und die sie ehemals umgebenden Auen Wasser in Nord-Süd Richtung in den Inn ab.

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Der erste Bruch der West-Ost Orientierung im Haufendorf Kundl war also Bestandteil der ersten Besiedelung. Bis in die Neuzeit folgten die ersten künstlichen Nord-Süd geführten Erschließungen, die die Stoßrichtung der Wildschönauer Ache aufnahmen und den Güterstrom in Richtung Inn und später in Richtung Eisenbahn verlängerten (s. Abbildung 97). Der nächste Ursprung des West-Ost-Regelbruchs war die Innüberfuhr, die mit untergeordneter Bedeutung schon im Mittelalter bestanden haben könnte aber erst um ca. 1900 mit der ersten Innbrücke bedeutsam wurde. Innübergänge hatte es zuerst in Rattenberg und Kufstein gegeben, dazwischen war der

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Bezug quer zum Inn weniger bedeutsam. Man zog zwischen Rattenberg und Kufstein stets dem Inn entlang. Da Rattenberg und Kufstein wie Kundl südlich des Inns lagen, wurde Kundl wesentlich vom West-Ost Verkehr strukturiert und es kam Kundl größere regionale Bedeutung zu als z.B. Breitenbach. Die unterschiedlichen Größenverhältnisse zeugen davon, dass dieses Regelwerk auch heute noch relevant ist. Die Dr. Hans Bachmann Straße ist heute die augenscheinlichste Nord-Süd gerichtete Verkehrsstruktur in Kundl und dient hauptsächlich als Verbindungsstück zwischen Breitenbacher Innbrücke und Landstraße, also als Zubringer zur West-Ost Struktur. Die Nord-Süd Strukturen waren immer lokale Zubringer zu den hochrangigeren regionalen West-Ost Strukturen. An diese Regel muss man sich auch bei künftigen Planungen in Kundl halten, möchte man strukturelle Widerstände vermeiden (s. Abbildung 94). Eine Herausforderung stellt die Eingliederung der West-Ost geführten Strukturen in ein lokal Nord-Süd gerichtetes inneres Erschließungssystem dar. Sehr gut ist zu beobachten, dass dies in alter Zeit besser gelang als in neuerer bzw. dass die alten West-Ost Strukturen schon länger Zeit hatten, in die Siedlung einzuwachsen. Die alte Landstraße bietet als älteste künstliche West-Ost Struktur eine starke Rhythmisierung und liefert eine dichte sequentielle Abfolge von Gelegenheiten (Abzweigungen, Bezugspunkte ins Umfeld, Händler, soziale Infrastruktur u.ä.), womit die Integration in das Haufendorf stark ist. Weniger engmaschig ist die Abfolge von Gelegenheiten bzw. der visuellen Rhythmisierung in der nächsten später ausgeprägten West-Ost Achse, die aus Teilen der Siglgasse und des Mühlbachwegs gebildet wird. Diese Kriterien nehmen weiter ab, wendet man sich der noch später errichteten Umfahrungsstraße zu. Dort sind prinzipiell nur vier strukturrelevante Zu- und Abfahrten vorhanden. Die Eisenbahn liefert mit dem Bahnhof nur einen Anschlusspunkt an das Dorf. Die Autobahn als neueste West-Ost Struktur liefert keinen Anschlusspunkt mehr. In zeitlicher Reihenfolge haben die West-Ost Straßen immer weniger mit dem Dorf zu tun, sind immer weniger integriert und geben damit immer weniger an das Dorf zurück. Für Kundl kann es zielführend sein, von der Methode der Integration der alten Landstraße in das Dort zu lernen und dies auf die neuen West-Ost Straßen anzuwenden. Um die Gelegenheitsdichte zu erhöhen, müssen beispielsweise die Geschwindigkeiten auf ein menschliches Maß reduziert werden, die West-Ost Struktur der Straße gestalterisch gebrochen werden, halböffentliche oder öffentliche Infrastruktur zu dieser geöffnet werden, punktuelle architektonische Highlights gesetzt werden und Querbezüge in das Dorf gelegt werden.


Siedlungsstruktur AN

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97. Abbildung links: Güterströme in Kundl über die Zeit (frühe Neuzeit, nach Bahnbau, nach Umfahrungsstraßenbau)

98. Abbildung: Innerörtliche Distanzen und Zeitaufwand mit Fahrrad und zu Fuß

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2500m


Siedlungsstruktur AN

Quer zum Inntal

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In Mittelalter und Neuzeit waren Gewerbebetriebe oftmals von der Wasserkraft abhängig. Hüttwerke, Sägewerke, Wassermühlen, Dreschtennen, Elektrowerke, Ziegelwerke u.ä. lagen in Kundl entlang des Mühlbachs (s. Abbildungen 100 u. 101). Damit war klar, dass die Siedlung intern eine prägende Nord-Süd Ausrichtung erhielt. Die internen Erschließungswege zweigen von der alten Landstraße ab und führen quer zum Inntal. Aus der Orientierung entlang des Mühlbaches lässt sich auch die frühe Errichtung des Kundler Bahnhofs unweit des Mühlbachs an jener Lage, an der zuvor auch eine Innüberfuhr bestanden hatte (s. Abbildungen 80), erklären. Denn die Gewerbebetriebe, insbesondere die Sägewerke, die ihr Holz durch den Holztrieb entlang der Wildschönauer Ache erhielten, konnten großen Nutzen aus der neuen Verkehrstechnologie ziehen. Die Rohstoffe flossen also vom Wildschönauer Hinterland auf Wildschönauer Ache und Mühlbach in den Ort oder an dessen Ränder. Die veredelten Produkte wurden weiter über kurze Straßen parallel zum Mühlbach nicht mehr bis zum Inn sondern in die gleiche Richtung nur mehr bis zum Bahnhof gebracht, von wo aus die Güter entlang des Inntals verteilt werden konnten. Wie zielstrebig der Anschluss Kundls an den Bahnhof erfolgte, zeigt Abbildung 99.

Durch die Loslösung von der Wasserkraft, das Auflassen des Mühlbaches und den Bedeutungsübergang von Schiene auf Straße, spiegelte und drehte sich die Gewerbelogik in Kundl um die alte Landstraße (s. Abbildung 102). Güter werden heute weniger über die Bahntrasse und schon gar nicht mehr über den Inn geführt sondern entlang der Inntalautobahn oder der Umfahrungsstraße herangeschafft und wieder abtransportiert bzw. passieren Kundl dort ohne Zwischenstopp. Die Gewerbebetriebe begannen sich daher vermehrt entlang der Umfahrungsstraße anzusiedeln (auszugsweise von West nach Ost: Zimmermoos, Maukenbach, westlich von St.Leonhard, südliches Sandoz, Spar, altes Rasthaus, Installateur, Autohaus, Sitzmöbelwerk, Billa, Möstbichl - Luna, Lahntal, bei Stadteinfahrt Wörgl, etc.). Die Dr. Hans Bachmann Straße - teilweise entlang des Mühlbachs - ist Relikt der gewerblichen Nord-Süd Orientierung mit Anschluss an Inn, Innüberfuhr und Bahnhof. Durch die Errichtung der Breitenbacher Innbrücke erstmals um 1900 behielt diese Achse auch nach Abzug der Gewerbebetriebe seine verkehrstechnische Bedeutung bzw. erneuerte sie diese im Zuge des Autobahnbaus durch eine Vergrößerung der Verkehrsleistung.

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Das das überlokale West-Ost Achsensystem vernetzende lokale Nord-Süd Wegenetz wirkt wie dem Kundler Achener Delta nachempfunden. So wie die Kundler Ache und der alte Mühlbach sich im Inntal in einer Aulandschaft auf dem Schwemmkegel verzweigten, bevor sie auf den Inn trafen, tun dies auch die Nord-Süd gerichteten Wege, die ihren Ausgang an der alten Landstraße nehmen. Eine kontinuierliche Sammelstraße am Ende des Straßendeltas wie der Inn am Ende des Achener Deltas besteht nur teilweise. Gesammelt wird der Radverkehr und der Fußgeherverkehr - teilweise durch die Bahn. Eine Sammelstraße für den motorisierten Verkehr existiert dort nicht.

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Die ehemaligen Gewerbebetriebe entlang des Mühlbachs waren unmittelbar und in einem menschlichen Maßstab an Kundl angebunden gewesen, womit der gegenseitige Mehrwert maximiert wurde. Eine unmittelbare menschengerechte Anbindung der Dorfstruktur an die linear perlenartige Gewerbestruktur der Umfahrungsstraße ist, was Kundl in funktioneller Hinsicht aus früherer Zeit lernen kann, damit Durchzugsverkehr an Kundl und Kundl am Durchzugsverkehr partizipieren und damit profitieren kann.

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Dass eine Sammelstraße für den motorisierten Verkehr im Norden nicht existiert, zeigt, wie stark Kundls Siedlungsentwicklung an den nicht motorisierten Verkehr gebunden war. Auf dem Weg zu einem „smart village“ dient dies als Hinweis, dass zumindest nordöstlich von 99. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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Siedlungsstruktur

Legende30 Dampfsägewerk

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Ziegelei Keller

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Generatorenhaus der Ziegelei Keller

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Schlosserei Adler

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100. Abbildung: Luftbild Kundl 1936 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

101. Abbildung: Luftbild Kundl Mitte 1930er (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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Siedlungsstruktur A BTR AN SP O RT

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Während Kundl von außen betrachtet von West-Ost orientierten Systemen geprägt ist (Durchzugsstraßen), waren und sind die inneren Systeme stets Nord-Süd gerichtet gewesen (alte Gewerbestraßen, Mühlbach, Wildschönauer Ache, hauptsächlich für Kundl und Breitenbach relevante Breitenbacher Innbrücke).

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LANDWIRTSCHAFT

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alter Landstraße und Dr. Hans Bachmann Straße vlt. aber auch schon nordöstlich von Tiroler Straße und Dr. Hand Bachmann Straße ein motorisierter Verkehr nur eingeschränkt nötig ist.

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Die für Kundl intern viel wesentlicheren Nord-Süd gerichteten Strukturen müssen in ihrer Bedeutung in der künftigen Siedlungsentwicklung Beachtung finden.

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Pendelbewegung

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LANDWIRTSCHAFT

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Zentrales Unterscheidungsmerkmal unterschiedlicher Kulturen der Menschheitsgeschichte ist die Siedlungsstruktur und als Bestandteil dessen die Erschließungsstruktur. Die Unterschiede sind deswegen so gut nachvollziehbar, weil die Kulturen in deren Siedlungsstrukturen dauerhafte Zeugnisse hinterlassen. Selbst in der Art der Wegführung und der Bezüge zum Umfeld während dem Entlangschreiten am Weg zeigen sich Unterschiede. Im Barock oder Faschismus wurden in Europas Städten zentrale gerade Achsen zu wichtigen Punkten hin angelegt, im Buddhistischen Tempelbau war der “spiral approach” bedeutsam. Im Inntal wiederfährt uns oftmals eine Pendelbewegung während wir uns das Tal entlang bewegen. Bereits der Inn selbst muss (vor den Flussregulierungen mehr als heute) seine Fließrichtung immer wieder leicht korrigieren, da er von Schwemmkegeln einmal nach Norden und einmal nach Süden gedrängt wird, und fließt somit einmal in Richtung nördlich gelegene Bergkette und einmal in Richtung südlich gelegene Bergkette. Die alte Landstraße muss - teilweise ebenfalls durch die Höhenlinien der Schwemmkegel bestimmt - das selbe Spiel vollführen.

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Damit wird eine endlose perspektivische Flucht im Inntal vermieden. Die wiederkehrende Pendelbewegung der Landstraße sequenziert das Inntal für den Benützer der Landstraße. Man hat stets eine Bergkette als Horizont vor sich und niemals nur den freien Himmel am Ende des einsehbaren Inntals. Damit ist der Straßenraum nicht nur von den Häusern gefasst sondern in einem zweiten Layer auch am Horizont (s. Abbildung 103). „Der Gegensatz zwischen Kalkalpen und Zentralalpen kommt besonders in den Städten des Inntales [...] zum Tragen, wo die Berge als Kulisse im Hintergrund jeweils einen für den Betrachter kontrastreichen Raumabschluss bilden.“31 „Insbeson-

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102. Abbildung: Veränderung der Güterströme und der Gewerbebetriebsausrichtung A N - u . A BT R A N S P O RT

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103. Abbildung: Pendelbewegung im unteren Inntal und das mediale Netz der Kircht端rme

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Siedlungsstruktur


Siedlungsstruktur AN dere die wechselseitigen Sichtbeziehungen zwischen Stadtraum und Landschaftsraum erhöhen den Erlebnisreichtum und die Orientierungsqualität“.32

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Der zwanghafte Versuch äußerst geradliniger Erschließungswege ist aus mehreren Gründen nicht empfehlenswert. Solche geradlinigen Erschließungsstrukturen verringern zwar Zeitaufwand und Gefahrenpotential, diese Einsparungen werden jedoch überwogen von den Nachteilen, die aus den dort möglichen erhöhten Geschwindigkeiten resultieren (Risiko schwererer Unfälle, Lärm, Schadstoffe, Abnützung von Fahrzeug und Infrastruktur), die für Dritte ungünstige Parzellierungen bei Enteignungen, die Zerstörung bestehender Strukturen, fehlende Bezugspunkte für das Auge u.ä. Die Inntaler Pendel­bewegung ist auch heute noch ein auf vielen Ebenen empfehlenswertes Verkehrskonzept, das auf vielen Maßstabsebenen der Siedlungsentwicklung Anwendung finden kann.

weitem übertrifft. Er steht im grundrisslichen System der stattlichen Gasthäuser inklusive ehemaliger Brauerei und bildet dadurch einen aussagekräftigen Abschluss dieser Abfolge bzw. erweist sich dabei als die mächtigste Instanz im Ort. Im Vergleich zum Kirchturm ist er jedoch äußerst primitiv in seiner Funktionsweise. Er ist nicht Teil eines medialen Netzes sondern nur alleinstehendes Respräsentationsobjekt. Sein dauerhafter Bestand und die Akzeptanz des Umfelds wird davon abhängen, ob er einem solchen medialen Netz eingeordnet werden kann. Ein zeitgemäßes mediales Netz in Kundl oder darüber hinaus zu suchen und im Siedlungskörper abzubilden kann eine interessante Aufgabe Kundls Siedlungsentwicklung sein. Über diese Bedeutungsaufladung bestimmter Siedlungskörper kann Identität, Identifikation mit dem Ort und ein das Zusammenleben förderndes kollektives Bewusstsein geschaffen werden.

Flurordnung Kirchenkette SE SS

Im Inntal reihen sich zahlreiche Kirchen aneinander (s.a. Kapitel „Religiöse und weltanschauliche Vorstellungen“). Jede Ortschaft nimmt mit zumindest einer Kirche an diesem medialen Netz Teil. Die Kirchtürme dienen als symbolischer Bezug zwischen den Siedlungen. Dies galt früher mehr als heute, weil das Läuten der Kirchenglocken je nach Ausführung unterschiedliche Nachrichten verbreitete. Die Kirchtürme dienten dabei quasi als mediales Sprachrohr in und zwischen den Siedlungen. Das mediale Netz verdichtet sich, indem sich die Kirchen nicht nur entlang des Inntals aneinanderreihen, sondern sich auch jenseits des Inns gegenüber stehen. Sehr bewusst sind die Kirchen in diesem System gesetzt worden. Südlich des Inns haben fast alle Kirchen ihren Kirchturm auf der dem Inn und damit dem anderen Ufer zugewandten Seite. Nördlich des Inns erhalten die Kirchen vom Süden aus möglichst gut sichtbare Standorte.

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Der Reisende im Inntal kann sich an den Kirchtürmen orientieren, seine Route planen und von einem Turm zum nächsten wandern. Zur Erleichterung der Auffindung des Kirchturms dient die Pendelbewegung der alten Landstraße, da der nächste Kirchturm zwangsweise immer wieder in die direkte Sichtachse des Reisenden rückt.

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In Kundl erhielt das mediale Kirchturmnetz eine Ergänzung außergewöhnlicher Art. Neben der Kirche errung nur eine weitere Instanz ausreichend Macht, um einen eigenen Turm errichten zu dürfen. Es ist dies die für Kundl so bedeutsame Industrie. Die Chemiewerke durften einen Turm errichten, der in seiner Höhe der St. Marien Kirche gleichkommt und in seiner Masse diesen bei

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Die Flurordnung ist Ergebnis des Spannungsverhältnisses zwischen kurzen Wegen und Flächensparsamkeit. Ein dichtes Wegenetz führt zu kurzen Wegen aber auch zu einem hohen Flächenverbrauch. Werden alle Flächen als Wirtschaftsflächen genutzt, sind diese nicht erschließbar. Erschließung und Flurordnung stehen daher in einem engen Zusammenhang. Die Größe und Geometrie ist nicht nur von der Erschließungsstruktur abhängig sondern auch von der Betriebsgröße, der Produktionsstruktur, der Maschinenausstattung, der Wendezeit einer Maschine, deren Ladekapazität und dem Fruchtfolgesystem. Indem diese Bedingungen über die Jahrhunderte öfters wechselten, musste auch die Flurordnung stetig angepasst werden. Flurformen sind damit eingespannt in ein striktes Regelkonstrukt unterschiedlicher Faktoren. „Ein besonderes Charakteristikum der Städte Tirols sind die Parzellen in Streifenform, die im Verhältnis zu ihrer Breite sehr tief sind.“33 Die Höfe hatten im Mittelalter grundsätzlich Streubesitz, um nicht nur gerechterweise sondern auch der Wirtschaftlichkeit halber jedem Hof Landanteil an unterschiedlichen Bodenqualitäten zu gewährleisten. Aus dem Versuch der gerechten Aufteilung guter und schlechter Böden entstanden die Gewanne mit ihren Gewannstreifen. Im Oberfeld am sichersten und damit ältesten Ackerbaugebiet lagen vor 1748 und auch heute noch die Parzellen grundsätzlich parallel zu den Falllinien des Schwemmkegels. Indem die Felder dadurch nicht in zwei Dimensionen schief lagen, wurde die Bearbeitung auf ihnen erleichtert. Die Erschließung der Parzellen konnte damit von Straßen aus erfolgen, die parallel zu den Höhenlinien des Schwemmkegels verliefen. Die überregionalen West-Ost Strukturen zwingen die Parzellen


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Siedlungsstruktur

bestehender Siedlungskörper

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Infolge der strukturellen Permanenz erhielten sich bis heute ähnlich der Flurordnung zahlreiche in Symbiose von Natur und Mensch gebildete Grenzräume oder Übergangsbereiche zwischen unterschiedlichen Ökosystemen bzw. Biotopen. Diese Grenzräume strukturieren auf Grund ihrer Langlebigkeit nachhaltig die Landschaft und den Siedlungskörper in Kundl. Ihre Langlebigkeit verdanken sie der Tatsache, dass ihnen auf unterschiedlichsten Ebenen stets große Bedeutung zukam. Der südliche Hangfuß des Inntals war in prähistorischer Zeit die günstigste Reiserute, geschützt von den ungangbaren Innauen und nahe den topographisch begünstigten Rückzugsräumen. Die Jäger zogen früher gerne an solchen Gletscherrändern entlang, da dort z.B. auch die Rentierherden unterwegs waren. Auch heute befindet sich wieder ein durch seine Lage abwechslungsreicher Pfad entlang des Hangfußes. Im Mittelalter war der Hangfuß der Anschlusspunkt an die Holz- und Jagdressourcen im südlichen Hügelland. Gefälltes Holz vom Hang konnte kraftschonend bis zum Hangfuß hinunter transportiert und dort zur Weiterverarbeitung aufbereitet werden. Nach Abholzung des Talbodens bildet der Hangfuß bis heute die markante naturräumliche Grenze zwischen flachem Agrarland und steilem Waldgebiet. Die Schwemmkegelränder sind durch die jahrhundertelange Grenzwirkung zwischen Ackerland und Augebiet geprägt worden. An ihnen ändert sich die Höhenlage rasant, die Flurordnung wird unterbrochen, das Inntal entwässernde mit Ufergehölz umsäumte Bäche fließen entlang, bedeutsame Wege führen entlang und die Besiedelung findet dort scharfe Grenzen.

104. Abbildung: Schema möglicher platzsparender Gewerbeorganisation entlang der West-Ost Straßen

Das Achenufer ist in der heutigen Form jünger. Erst nach den Kanalisierungen nach dem zweiten Weltkrieg erhielt es seine endgültige Führung. Nichts desto trotz stellt das Achenufer ein siedlungsinternes Ökoton dar. Die Ache war durch das Mittelalter hindurch eine nur mit einer Brücke

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West-Ost Straße

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Dieses System der flexibel erweiterbaren Parzellenstreifen entlang der West-Ost Straßen kann heute für das Gewerbe als die neue „Landwirtschaft“ relevant sein. Das Gewerbe kann in dieser Form kompakt organisiert werden. Diese Abfolge ist zwar zur Seite hin um neue Betreibe erweiterbar, aber die Entwicklungsrichtung der einzelnen Betriebe ist nur über Verdichtung in Richtung der straßenabgewandten Seite nach Innen möglich, da die Parzellen durch die West-Ost gerichteten Erschließungen in der Tiefe begrenzt sind. Analog zum mittelalterlichen Streubesitz der Höfe, erhält jeder Betrieb Flächen sowohl direkt am hochrangigen Verkehrsnetz als auch abseits davon (s. Abbildung 104).

Ökotone

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Im Hinterfeld, das nördlich der Landstraße erst später durch Rodungen zu Ackerland wurde, lagen die Höfe parallel zur Wildschönauer Ache aufgefädelt. Daher sind die westlich davon gelegenen Parzellen (nördlich von Sandoz) West-Ost gerichtet. Im Süden ist also der Schwemmkegel und die daran ausgerichtete Lage der Landstraße für die Flurform prägend, im Norden wird die Wildschönauer Ache relevanter.

Die grundbücherlich festgeschriebene Flurordnung ist Garant dafür, dass die Siedlungs­ entwicklung innerhalb eines über viele Jahrhunderte getesteten und entwickelten Regelwerkes geschehen muss, selbst falls das Wissen über die Grundlagen der Flurformen nicht mehr vollständig erhalten ist. Setzt man sich in der Siedlungsentwicklung über die bestehenden Flurformen hinweg, sollte man zuerst das Warum der Struktur kennen, um zu wissen, ob man gegen heute noch aktuelle Regelwerke verstößt oder gegen längst überholte.

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in eine Nord-Süd Richtung. Zwischen zwei Straßen erhielten große Parzellen zwei Anschlüsse (einen im Norden und einen im Süden), halbe Parzellen nur einen. Bleibt die Struktur konsequent, ist sie effizient und zu einem bestimmten Grad flexibel, weil teilbar und erweiterbar. Jede Parzelle ist ohne Befahrung von Fremdgrundstücken erreichbar.

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Siedlungsstruktur AN überwindbare Siedlungsgrenze, an ihr wurden Güter transportiert, sie war wichtiger Wasser- und Energielieferant für zahlreiche Gewerbebetriebe. Heute führt ein Fußweg der Ache entlang.

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Dem Innufer kommt eine ähnliche Wirkung wie dem Achenufer zu. Bei Kundl war der Inn immer an der heutigen Stelle gelegen, da der Schwemmkegel den Inn an den Nordhang drückt. Der Schiffsverkehr hat den Inn für den Menschen erfahrbar gemacht. Durch den von Kundl eingehaltenen Respektabstand zum Inn konnten im letzten Jahrhundert die großen Infrastrukturen Autobahn und Eisenbahn in der Nähe des Inns verwirklicht werden. Die Ökotone zwischen weicher und harter Au sind durch die Kanalisationsmaßnahmen des Inns großteils bereits verloren gegangen.

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Den Ökotonen ist gemein, dass sie durch den Umbruch zwischen zwei Ökosystemen besonders artenreich sind und sogar eine höhere Artenvielfalt als die Summe der Arten in den angrenzenden Ökosystemen aufweisen. An ihnen befinden sich zahlreiche Ressourcen, biotische Interaktionen, mikroklimatische Modifikationen und eine Änderung der Vegetationsstruktur. Die Stärke des Randeffektes ist proportional zum Kontrast der beiden aneinandergrenzenden Landschaftselemente.34 Sie sind über lange Zeit in besonderer Weise vom Menschen geprägt worden und weisen daher auch heute noch kulturell bedeutsame Funktionen auf. Die Ökotone zu erhalten bzw. innerhalb der Siedlungsentwicklung respektvoll bzw. angemessen mit ihnen umzugehen kann wesentliche Zielsetzung für die Zukunft sein. Die Ökotone müssen wahrnehmbar bleiben, falls man die Geschichte, die Struktur und das Wesen Kundls verständlich halten möchte. Erhalten werden sie in ihrer Funktion und in ihrer Lage, indem der Siedlungskörper Abstand von ihnen hält und die naturräumlichen Betonungsmerkmale gepflegt werden.


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Siedlungsstruktur

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Monographien AN

Im Sinne des „genius loci“ liegen jedem Ort andere Themen zu Grunde, die für sein Erscheinungsbild verantwortlich sind. Dabei gibt es Themen, die an vielen Orten Einfluss üben, und Themen, die sehr spezifisch nur an einem einzigen Ort vorzufinden sind. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick, quasi eine Sammlung möglicher siedlungsmorphologisch relevanter Themen, auf Makro- Mesound Mikroebene gegeben.

Orientierungspunkte

Blickbeziehungen Das Informationsbedürfnis der Dorfbewohner hat dazu geführt, dass wesentliche Blickbeziehungen in der Siedlungsstruktur bewusst inszeniert wurden. Diese Blickachsen erklären uns heute beispielsweise, warum bestimmte Korridore unbebaut blieben, warum Öffnungen an bestimmten Orten zu finden sind und warum Hausfassaden bestimmte Ausrichtungen oder Knicke aufweisen.

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Räumliche Tore

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Am Beginn jeder Bebauung steht die Frage nach ihrer Platzierung. Kein Baustein wurde jemals willkürlich gesetzt. Dazu sind Ressourcen zu knapp oder die Wirkung baukultureller Programme zu stark. Außerdem dienen Orientierungspunkte der Bildung von Identitäten und der Stärkung der Identifikation. Sie sorgen damit für „Sozialgebundenheit“90, das heißt, es entstehen räumliche Organisationsmuster wie Siedlungsteile. Die Frage nach den in der vormodernen Zeit so bedeutsamen Identitäten der Siedlungen erlebt heute ein Revival. Selbst Rem Kohlhaas, der verschiedenste Texte verfasst hat, „welche die Identität und Geschichte in der globalisierten Stadt faktisch abgeschafft haben“91, beschäftigt sich in dem Buch „Uncertain States of Europe“ von Stefano Boeri mit Sorge um europäische Identitäten. In diesem Sinne ist es wichtig, „neben Bereichen der Veränderung Pole der Stabilität zu sichern, weil sie mit der Wiedererkennbarkeit, mit dem Bild der Stadt und mit ihrer Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft und daher mit den Identifikationsmöglichkeiten ihrer Bewohner zu tun haben.“92 Hierin liegt auch die Grundlage des Denkmalschutzes, der auf einen behutsamen Umgang mit historischer Bausubstanz zwecks Identifikationswert abzielt. Als von Zersiedelung noch keine Rede war, wurden keine Navigationsgeräte benötigt, um sich durch eine Siedlung zu manövrieren. Siedlungen wurden so angelegt, dass die reine Bewegungssuggestion ausreichend war, um intuitiv ans Ziel zu finden. Solche Orientierungspunkte haben bis heute teilweise als Relikte einer ehemals großen städtebaulichen Idee mehr oder weniger überformt überlebt. Daher lassen sich an vielen Orten Orientierungspunkte nachvollziehen, die dem Leser der Siedlung deren Form erklären.

Ähnlich verhält es sich mit „Toren“. Diese bilden eine imaginäre Grenze zwischen zwei unterschiedlichen räumlichen Sphären, die eine spürbare Schwelle zueinander benötigen. Diese „Tore“ sind beispielsweise wichtig, um sequenzielle Abfolgen zu verstehen.

Spiegelungen und Gegensätze Ein Geflecht von inneren Differenzen gibt den Siedlungsraum in seiner Form und seiner Wirkung „genuin heterotopisch und asynchron“ wieder. „Stadt entsteht gewissermaßen in den Wirkungen des Feldes zwischen den Differenzen: (…) Die Dynamik urbaner Differenzen (…) [bedeutet] Produktivität von Verschiedenem. (…) Da die Entfaltung dieser Energien weder vollständig geplant noch umfassend beherrscht werden kann, erfindet sich die Stadt in diesem Kräftespiel dauernd neu.“94 Morphologisch relevante Prozesse lassen sich teilweise aus solchen Gegensätzen erklären.

Parzellen Als juristisches System, das die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden wiedergibt, hat die Parzellenstruktur eine besondere strukturelle Permanenz. Daher lässt sich viel aus ihr herauslesen, was dem Verständnis der vergangenen Siedlungsbild prägenden Prozesse dient.

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Markante Punkte

Erschließung

Das „Bedürfnis nach Abwechslung“93 ist in Siedlungen eine strukturformende Kraft. Sie führt zu Besonderheiten in der Siedlungsstruktur und ist insbesondere in regelmäßigen Strukturen zu suchen, weil dort Überraschungen nicht per se existieren. Die Spannweite möglicher Besonderheiten ist groß, es können Wegkreuzungen, spitze Winkel bei Eckhäusern, Denkmäler, Naturschauspiele und vieles mehr sein.

So wie die Erschließung auf regionaler Ebene großen Einfluss auf das Werden einer Siedlungsform ausübt,95 ist sie auch für einzelne Orte innerhalb der Siedlung bedeutsam.

Nutzungsmix

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Wenn Massimiliano Fuksas meint, „Stadt ist Energie und Spannung“96, dann sind darunter die vielfältigen Nutzungen, die über die Siedlung verteilt sind und teilweise im Widerspruch zueinander liegen, zu verstehen. Diese Nutzungen allerdings ändern sich über die Zeit sowohl in der

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Gesamtgesellschaft als auch verzögert oder vorauseilend in jeder einzelnen Siedlung. Dem Nutzungswandel folgen zwangsweise bauliche Adaptionen. Teilweise lässt sich die Siedlungsgestalt über den Nutzungswandel am jeweiligen Ort verstehen.

Bautypologische Programme

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Monographien Sequenzen Die Logik eines Ortes erschließt sich manchmal nur über die Idee des Orts als Glied einer Kette. Steht der Ort in einer sequenziellen Abfolge, hat er eine bestimmte Rolle zu erfüllen, um der Sequenz zu entsprechen. Dies schlägt sich manchmal baulich nieder.

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Bautypen üben Einfluss auf deren Umgebung aus, indem sie mehr oder weniger flexibel auf Umwelteinflüsse reagieren und stärker oder schwächer in eine Wechselbeziehung mit dem Umfeld treten. Sie sind aber auch selbst Ergebnis zahlreicher Einflüsse. Die Bautypen drücken den Geist der jeweiligen Zeit aus, können in Folge aber kontinuierlich adaptiert worden sein. Die Adaptionsfähigkeit eines Bautyps hängt von der Flexibilität seiner modularen Logik ab und bestimmt seine Lebensdauer. Als wesentlich dabei erweist sich auch die Bedeutung, mit der bestimmte Bautypen aufgeladen und entsprechend bewertet werden.

Strukturelle Reserven

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Baumassen sind träge Strukturen. Gesellschaftliche Anforderungen können aber dynamischen Schwankungen und schlagartigen Brüchen unterliegen, denen die gebaute Umwelt nicht gewachsen ist. Für solche Fälle können Siedlungen strukturelle Reserven unterschiedlichster Art anbieten. Es geht dabei „um Daseinsvorsorge und höhere Krisenresistenz, also um Zeithaltigkeit.“97 Dieses vorsorgliche Denken erhält je nach Maßstabsebene unterschiedlich starke Relevanz. Während die Lebensdauer von Gebäuden teilweise einen prognostizierbaren Zeitraum darstellt bzw. Adaptionen an ihnen weniger ressourcenaufwändig sind, wirken sich siedlungsstrukturelle Eingriffe auf einen nicht prognostizierbaren Zeitraum aus. Daher sind strukturelle Reserven besonders auf kleiner Maßstabsebene notwendig, als kleinmaßstäbliche Ausgleichsräume aber auch für objektbezogene, stetige Anpassungsprozesse - Kapillarmutationen - hilfreich. Strukturelle Reserven können heute beispielsweise Resträume zwischen Verkehrsknotenpunkten oder veraltete Infrastrukturareale oder Gebiete, deren Veralterung erwartet wird, sein: Frachtenbahnhöfe, Autobahnen, Straßen, Industriebrachen und ähnliches.

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Grenz- und Verknüpfungsräume

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Grenzen sind meist auf Ebene der gesamten Siedlung wirksam.98 Deren Wirkung als Grenze oder im Falle einer Umkehrung als Verknüpfungsraum ist aber auch an einzelnen Siedlungsteilen abzulesen.

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Monographie Haufendorf Kundl AN RE SE SS HK AA AB 84


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Monographie Haufendorf Kundl

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107. Abbildung: Haufendorf Kundl 1748

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108. Abbildung: Haufendorf Kundl 1805

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109. Abbildung: Haufendorf Kundl 1870


110. Abbildung: Haufendorf Kundl 1952

111. Abbildung: Haufendorf Kundl 2009

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Monographie Haufendorf Kundl


Monographie Haufendorf Kundl AN

Siedlungsstruktur Neben dem Gassendorf, dem Straßendorf, dem Platzdorf und dem Angerdorf ist das Haufendorf eine Siedlungsform aus der Kategorie der Sammelsiedlung, die im Inntal verbreitet ist (s. Kapitel „Regionale Einbettung“).

Industrialisierung bedingungslos in der Nähe des Siedlungsraums lagen, so ist es heute für Betriebe ratsam, ihre Arbeitsplätze nahe der Menschen und damit des „tacit knowledge“ im Siedlungsraum zu haben. Eine enge räumliche Beziehung zwischen Arbeitswelt und Wohnwelt ist anzuraten.

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Abbau von Schwemmkegel

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Flußsedimente & großer Skelettanteil Boden ist durchlässiger und ertragreicher

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Die Bedeutung der Ressourcen hat sich analog zum Wechsel von Agrar- bzw. Industriegesellschaft zu Dienstleistungsgesellschaft gewandelt, indem heute weniger klassisch physische Ressourcen für die wirtschaftliche Kraft eines Ortes verantwortlich sind als immaterielle Ressourcen wie Know-How (insb. „tacit knowledge“ = an Personen gebundenes Wissen) und (gut ausgebildete) Arbeitskräfte. So wie die Arbeit stiftenden Ressoucen vor der

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Für die Situierung und Ausrichtung Kundls war ursprünglich die Relation zu den Ressourcen relevant. So waren die Wege in Summe am kürzesten, wenn Kundl im nach Bedeutung der Ressourcen gewichteten Mittelpunkt lag. Die unmittelbare Nähe zu erreichbarem Fließwasser hatte Vorrang. Daher lag die Kirche fast unmittelbar am Mühlbach, ein kleinerer Bach zu dem der Zugang leichter war als zur Wildschönauer Ache oder gar zum Inn. Weiters sehr wesentlich war die Nahrungsversorgung. Hierfür spielt der Schwemmkegel eine bedeutende Rolle, da auf ihm durch Rodung von Hochwasser geschützte Ackerflächen entstehen konnten und das angeschwemmte Material alle für einen fruchtbaren Boden notwendigen Bestandteile beinhaltete (Steine, Sand, Ton, und lösliche oder bereits gelöste Mineralsalze)37. Der Schwemmkegel beinhaltet luftgefüllte Zwickel zwischen den angeschwemmten Steinen, was ihn wasserdurchlässig und trocken hielt, womit die Fundierung von Gebäuden und Getreideanbau gut möglich war. Der Talboden, soweit nicht vom Inn einvernommen, war übersät von Auen und feuchten Wiesen. Der ehemalige Gletscher hatte die ursprüngliche Humusschicht dort abgeschürft. Als erstes wurde also sinnvollerweise der Schwemmkegel von Wald befreit, um auf ihm in der Nähe der Kirche und damit der Siedlung Ackerbau zu betreiben. Erst als später der Inn reguliert wurde, konnten die Wirtschafsflächen auf den Talboden dauerhaft ausgeweitet werden. Ein Kegel um und zwischen Wildschönauer Ache und Mühlbach war von periodischen Hochwässern betroffen und blieb damit noch bis nach dem zweiten Weltkrieg eine Aulandschaft. Nur im Bereich des Klammaustritts dürfen die über Jahrhunderte existierenden Schmelzöfen bzw. Hüttwerke gelegen sein, da dort Holz, Wasser und Kundl am nähesten waren. Kundl lag also direkt am Wasser und doch umgeben von Ackerflächen, Wald, Wiesen, mineralischen Abbaugebieten und einer schützenden topographischen Erhebung.

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Ressourcen

112. Abbildung: Ressourcenverteilung um Kundl (Datengrundlage: Relief TIRIS)

Siedlungskörper Die Weglängen wurden in alten Siedlungen immer minimiert, um das Verhältnis zwischen Ressourcenaufwand und wirtschaftlichem Output zu optimieren. Daher liegt Kundl von ressourcenspendenden Naturräumen umsäumt. So wie die Platzierung der gesamten Siedlung ressourcenschonend war, so erwartet man sich das auch innerhalb des Siedlungskörpers. Die Anordnung der einzelnen Häuser zueinander als Haufendorf erscheinen zunächst nicht ressourceneffizient, bis wir später die bäuerliche Hoftypologie des Unterinntaler Einhofs untersuchen. Neben der Organisationslogik des Einhofs kann jedoch auch der Brandschutz im früher großteils aus Holzhäusern bestandenen Kundl Einfluss auf die distanzierte Anordnung der Höfe zueinander gehabt


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Monographie Haufendorf Kundl

Heute hält kaum noch jemand Vieh in Kundl bzw. sind nur mehr sehr wenige Häuser aus Holz gebaut. Das voneinander Abrücken jedes Baukörpers von einem anderen basiert heute nicht mehr auf den genannten Regeln. Es steht dem Unordnungsprinzip des Haufendorfes Kundl nicht entgegen, als Antwort auf den heutigen Wachstumsdruck punktuelle innere Nachverdichtung zu betreiben (s. Abbildung 23). Allerdings finden wir in Kundl auch Ansätze der Entwicklung von einem Haufendorf in ein Straßen- bzw. Angerdorf. Die alte Landstraße hat das Dorf über Jahrhunderte geprägt, weswegen sich an ihr heute zahlreiche Höfe aneinanderreihen, also in dieser Anordnung der

„Die Straßen- und Platzräume sind durch einen differenzierten Fluchtlinienverlauf gekennzeichnet, deren Linienführung in gekrümmter, gestaffelter, konkaver und konvexer Form ein in Abschnitte gegliedertes und erfassbares Raumerlebnis ergibt.“38 In jeder Kurve begegnet uns eine oder mehrere markante Giebelfronten gem. Abbildung  114. Abbildung  111 zeigt Beispiele von nach der erläuterten Regel ausgerichteten Giebelfronten in Kundl. Auch die alte Brauerei partizipiert an diesem System. Es ist keine Überraschung, dass der Portier heute genau an jener Stelle sitzt, an der man gemäß der später erläuterten Erkerregel einen Eckerker erwarten würde. Denn die Giebelfront der Brauerei ist genau in die Straße hinein gegen Osten gerichtet. Die Relevanz der Giebelfrontregel wird über die Lage der Hauseingänge verstärkt. Hauseingänge befinden sich im Unterinntal üblicherweise zentral in der Giebelfront und somit auch in den Blickachsen der Straßen vor den Kurven bzw. ist dies der kürzeste Weg von der Straße in den Wohnraum und andere Räumlichkeiten des Hauses. Durch die Giebelfrontregel entstehen trotz solistischer Bauweise spannende Außenräume im historischen Kundl. Entlang der Landstraße sind Giebelfronten aufgefädelt und bilden eine signifikante Raumkante gegen den Himmel. Es wird damit jene Raumkante betont, die den stärksten

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Höfe an bedeutsamen Straßen wie der alten Landstraße weisen einen stärkeren Bezug zur Straße auf als Höfe im gehäuft organisierten Hinterland. Der stärkere Bezug wird insbesondere durch die Ausrichtung des Gebäudes und durch die Ausformulierung der Gebäudefront zur Straße hin geschaffen. Bewegen wir uns entlang hochrangiger Straßen in Kundl, blicken wir in der Straßenflucht ausschließlich auf die markantere Front des Hauses, auf seine Giebelfront.

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Giebelfronten

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Ein systematischer Vorteil des planlosen Haufendorfes besteht darin, dass im Bestand einzelne Gebäude entfernt und hinzugefügt werden können, ohne dass der Charakter des Dorfes verändert wird. In Zeiten des Wachstums konnte durch neue Gebäude nachverdichtet werden, in Zeiten der Schrumpfung konnten Gebäude wieder entfernt werden. Die Funktionalität des Dorfes blieb ohne strukturelle Adaptionen stets erhalten. In Kundls Geschichte ist dies zahlreich geschehen und heute zeugen einige Brachflächen von der ehemaligen Existenz eines Hofes bzw. sind erst in jüngerer Zeit Brachflächen (z.B. südlich der Kirche) verbaut worden.

Im Gegensatz zu einer historisch kompakten Siedlung birgt das Haufendorf große innere Flächenressourcen für die weitere Siedlungsentwicklung. Nach Wegfall der wirtschaftlichen Grundlagen der gestreuten Bauweise ist zukünftig eine interne Nachverdichtung innerhalb des bestehenden Siedlungskörpers möglich, wie es in der Vergangenheit phasenweise geschah. Beschreitet Kundl dabei weiterhin den Weg der partiellen Transformation von einem Haufendorf zu einem Straßen- oder Angerdorf, so sind die Lagen entlang der alten Landstraße wesentliche Punkte der inneren Nachverdichtung. Aber auch die Lagen an neuen hochrangigen Straßen sind hierfür vorstellbar.

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Damit ist Kundl als lockeres aber geschlossenes Haufendorf zu bezeichnen. Die einzelnen Gebäude folgen keinem offensichtlichem Ordnungsprinzip. Jedes Gebäude ist für sich so angeordnet, dass die Standortbedingungen wie Gelände, Belichtungsverhältnisse, Wetterschutz u.ä. individuell bestmöglich ausgenützt werden. In der eingehenden Siedlungslektüre kann man jedoch einige gemeinsame Ordnungsprinzipien erkennen, auf die in diesem Kapitel noch eingegangen wird.

Unordnung eines Haufendorfes widersprechen. An der alten Landstraße stehen die Höfe dichter aneinander gedrängt als dies abseits davon der Fall ist.

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haben. Dass aber viele Städte aus Holz trotz der Brandgefahr dicht gebaut wurden, zeigt wie wenig Einfluss der Faktor Brandschutz auf die Ausformung als Haufendorf gehabt haben muss. Vielmehr Einfluss hatte wohl der Wunsch nach räumlicher Nähe zum Vieh, das im Falle der seit 1470 existierenden „Kleinhäusler“ im eigenen Hausgarten oder Hausangerl weidete („kleines Auslassrecht“). Indem das Vieh nicht immer vom Hof weg durch den gesamten Ort an eine außerhalb liegende Weide getrieben werden musste, sondern im Haufendorf stets freie Flächen um den Hof zum Weiden fand, konnte man das Vieh vor Dieben und Raubtieren schützen und mit geringem Wegeaufwand wirtschaften. Ein Abstand zum Nachbarn war unabdingbar, wollte man um den eigenen Hof herum sein Vieh halten. Indem diese Regel auf fast alle Häuser im Dorf zutrifft, da das Dorf bäuerlich geprägt war, wuchs Kundl als Haufendorf heran.

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Monographie Haufendorf Kundl AN Kontrast zwischen seinen angrenzenden Flächen bietet: dunkle Häuserfronten stoßen direkt an die helle Himmelfläche. Durch die Kombination aus Kurven und so ausgerichteten Häusern erreicht sogar ein Siedlungssystem aus Einzelbaukörpern wie das Haufendorf Kundl ein Gefühl der Geborgenheit. Die Giebelfront wirkt im Straßenraum weniger abweisend als die Traufenfront (vgl. Abbildung 113, 116 und 117). Es entsteht ein interner Zusammenhang auch ohne für ein bäuerliches Dorf unleistbare Stadtmauern. RE SE 113. Abbildung: Alte Landstraße am Standpunkt der heutigen Feuerwehr (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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114. Abbildung: Ausrichtung der Giebelfronten zur Straße

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115. Abbildung: Ausrichtung der Erker zur Straße


Konsequent sind die Kundler Erker ausschließlich an den Straßenfronten angebracht, wenn nicht an beiden Frontecken, dann an jener, die der Straße am nächsten liegt. Erker befinden sich ganz besonders häufig an den Häusern entlang der Hauptverkehrswege39. Für die Konsequenz dieser Ortswahl für den Erker kann beispielsweise das Pfarrwidum stehen, das an der Kreuzung zwischen alter Landstraße und Dr. Hans Bachmann Straße liegt und nur an den drei diesen Straßen zugewandten Ecken Erker aufweist. Einzig die den beiden Straßen abgewandte Ecke blieb frei von diesem Repräsentationsobjekt, da es auf der dem Verkehr abgewandten Seite seine Wirkung nicht entfalten hätte können.

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Wie in fast ganz Europa wurde in Kundl über mehrere Epochen das Erkerkonzept integriert. Der Erker dient als Repräsentationssymbol, Wohnraumerweiterung und Aussichtspunkt, an dem man die Straßenfront entlangblicken kann, ohne aus dem Haus treten zu müssen. Angesichts der verbreiteten Lauben dürfte letzterer Dienst in Kundl nicht ausschlaggebend gewesen sein. Auch der Wohnraum hätte über die Lauben einfacher erweitert werden können. Dieser Dienst war eher in Städten relevant. Für Kundl kann also nur der Repräsentationswunsch dafür ausschlaggebend gewesen sein, dieses Element aus dem Städtischen zu übernehmen.

116. Abbildung: Ausrichtung der Giebelfronten zur Straße - Erweiterungsmöglichkeit an Hinterseite

117. Abbildung: Ausrichtung der Seitenfront zur Straße - begrenzte Erweiterungsmöglichkeit entlang der Straße

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Auch weiterhin kann in Kundl mit den Elementen Kurvenfluchtpunkt und signifikantem oberem Raumabschluss gearbeitet werden. Es ist dabei keinesfalls das Ziel, dass die Signifikanz des Raumabschlusses durch einen Giebel erreicht wird, dies war eben nur damals das technisch und klimatisch adäquate Mittel. Es geht darum, dass der obere Raumabschluss im Sichtfeld der Straße signifikant, raumdominant und figural ist. Wird auf dieses Regelwerk verzichtet, verlieren die Straßenräume ihren geborgenen Charakter bzw. muss auf Notlösungen zurückgegriffen werden, wie dies im Osten der alten Landstraße, wo keine zur Straße hin ausgerichteten historsichen Giebelhäuser existieren, geschehen zu sein scheint. Dort wurden statt raumabschließenden Kanten Bäume gepflanzt bzw. werden die Hecken höher.

Erker

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Durch die Ausrichtung der Giebelfront zur Straße ist der straßenseitige Abschluss des Hauses über Jahrhunderte fixiert, nach hinten jedoch offen. Sie sind in den eigenen Garten hinein erweiterbar. Damit ist diese Ausrichtung flexibler als eine um 90° gedrehte. Wenn die Traufenfront zur Straße blickt, kann ein Haus im Konzept des Satteldaches nur bis zum nächsten Nachbarn entlang der Straße weiterwachsen (vgl. Abbildung 116 und 117).

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Monographie Haufendorf Kundl


Monographie Haufendorf Kundl AN Heute geht es nicht darum, die historischen Erker blind in eine neue Zeit zu kopieren. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass den Kundlern die räumliche Betonung der Ecke oder Frontfläche als Element der Repräsentationssprache bekannt ist. Werden in Kundl Gebäude errichtet, denen ein höherer Stellenwert innerhalb der Gemeinde zukommen soll, können die Straßenfronten bei Bedarf figural betont werden, müssen dies aber keinesfalls tun. RE

Kirchenmittelpunkt Wie bereits in Kapitel „Regionale Einbettung“ beschrieben, markiert die Kundler Kirche das Dorfzentrum auf unterschiedlichen Ebenen. Zahlreiche Straßen führen ausgehend von der Kirche in das Umland, womit der Kirchturm am Ende dieser Straßen steht. Das bedeutet eine freie Sicht auf das soziale Geschehen des Dorfes bei der Kirche, auf die Kirchturmuhr, eine freie akustische Linie zur Glocke (Infos durch Läuten: Messe, Totenglocke, Uhrzeit, etc.) u.ä.

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Der Kirchturm ist das der göttlichen Sphäre nähest stehende Element im Dorf. Das Land zwischen den Höfen das irdischte Element. Dazwischen gibt es einen Gradienten der himmlichen Nähe. Der Kirchturm markiert den direkten Kontakt zum Göttlichen, indem er sich gegen den Himmel streckt. Gegen Osten ist die nahe dazu platzierte Apsis mit Altar zum Sonnenaufgang während der Messe ausgerichtet. Um die Kirche herum gibt es einen Kranz der auf das jüngste Gericht wartenden (=Friedhof). Erst um den Friedhof herum können sich die irdischen Höfe verteilen (s. Abbildung 118).

Haufenhof

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HK irdisch 118. Abbildung: Die Kirche als zentrale Kommunikationsschnittstelle zwischen der göttlichen und irdischen Sphäre

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Einhof

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129. Abbildung: Anordnungen unterschiedlicher Tiroler Hoftypen (Czekelius S.37f.)

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Monographie Haufendorf Kundl

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Als Beweis für die Unverrückbarkeit der Kirche als zentrales Element im Dorf kann gewertet werden, dass bei der barocken Kirchenerweiterung durch die Turmlage auf der dem Inn zugewandten Seite nur auf der der Landstraße zugewandten Seite angebaut werden konnte. Da in Folge des Anbaus auch die Friedhofmauer in Richtung Landstraße verschoben wurde, musste die Landstraße an dieser Stelle ein wenig in Richtung Süden verlegt werden, weswegen diese an der Stelle der Kirche heute einen noch stärkeren Bogen machen muss.40

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Auch ein weiteres Gebäude der Geistlichkeit hat sich scheinbar als unverrückbar erwiesen. Die Schiferolkapelle wurde 1757 errichtet, geht aber wahrscheinlich auf eine ältere zur Zeit des Bergbaus errichtete Kapelle zurück. Sie war lange Zeit einsam abseits des Siedlungskörpers gestanden. Abbildung 128 erweckt den Eindruck, dass die neue Umfahrungsstraße wegen dem unverrückbaren Standort der Schiferolkapelle ihren leichten Knick an dieser Stelle erhielt. Mit ihrer Front richtet sie sich zur Brücke der alten Landstraße über die Wildschönauer Ache aus. Der erst später errichtete Schiferrollsteg und die Schiferrollstraße wurde eindeutig an der Schiferolkapelle ausgerichtet. Damit erweist sich das System der geistlichen Zentren nicht als monozentral sondern als tauglich zur Multizentralität.

128. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

Gehen wir eine Maßstabsebene tiefer und blicken auf das Kundler Haus. Denn auch das einzelne Haus teilt sein Konzept mit anderen Häusern im selben Kulturkreis bzw. in der selben Klimazone. „Inmitten der Siedlungslandschaft liegt (in Tirol) das Gehöft. Während im städtischen Bauen die individuelle Gestaltung des Hauses [...] vorherrscht, tritt uns (im ländlichen Raum) das Bauernhaus als Typus entgegen. Bedingt (durch den Einfluss verschiedener Kriterien) [...] hat sich in einer Landschaft ein ganz bestimmter Haustypus entwickelt. Jahrhunderte an Erfahrung und Bewährung trugen zu seiner Ausformung bei, und der Bauer tradierte als Bauherr und Erbauer seines Hauses den Typus einschließlich der erprobten Veränderungen von einer Generation auf die andere.“41 Betrachten wir das Tiroler Bauernhaus, wie es den Großteil des mittelalterlichen Kundls ausmachte, so lässt sich ein Konzept aus der Unterscheidung zwischen Wohnhaus und Wirtschaftshäusern

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Das Haus

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Baustruktur

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Die Multizentralität ermöglicht ein Umlegen des Systems der zentralen Ausrichtung auf neue für die Gemeinde bedeutsame Funktionen. Wird also z.B. ein Gebäude mit einer hochrangigen Funktion errichtet, kann dieses lokal baulich bzw. strukturell zentriert werden. Heute hat die Geistlichkeit an Bedeutung eingebüßt und ist teilweise durch andere Konzepte unterschiedlichster Art wie beispielsweise Konsum (vgl. den Begriff „Konsumtempel“) oder demokratische, partizipative Planungsideen ersetzt worden. Innerdörfliche Strukturen an Punkten auszurichten, denen aktuell ein besonderer Stellenwert zugeschrieben wird, kann konzeptioneller Leitfaden bei Neuplanungen sein.

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Monographie Haufendorf Kundl AN RE

ableiten. In Anlehung an das Haufendorf gilt der Haufenhof (s. Abbildung 129) als die älteste Form der Hofanlage im alpinen Raum. Dabei sind die einzelnen Funktionen locker in freistehenden und voneinander baulich getrennten Häusern untergebracht. Deren Anordnung zueinander ist nicht immer gleich, denn diese wird aus individuellen Überlegungen bzgl. der günstigsten Wege und Arbeitsabläufe der Bewohner gewählt. Damit erhält das alte Kundl zwar insgesamt ein unstrukturiert wirkendes Siedlungsbild, die Anordnung der einzelnen Einheiten zueinander folgt jedoch einer an den jeweiligen Ort gebundenen Logik.

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In der Neuzeit wurde vom Konzept des Haufenhofes teilweise abgegangen, da er einige Nachteile hat: weite Wege im Freien zwischen den Einzelgebäuden, unwirtschaftlich große Außenflächen, schlechte Energiebilanz u.ä. Deswegen ist der Haufenhof in Kundl heute nicht mehr verbreitet, vielmehr wurden später den Wohneinheiten die Wirtschaftsräume direkt angebaut, womit der Haustyp des Einhofs entstand. Heute stellt der Einhof den meistverbreiteten Hoftyp in Tirol dar. Bei Platzmangel erfolgte der Anbau der Wirtschaftsräume hinter dem Haus auf der straßenabgewandten Seite. Damit waren die täglichen Wege zwischen den Funktionen kürzer, der Flächenverbrauch und die Bau- bzw. Erhaltungskosten geringer. In Kundl sowie im gesamten Unterinntal liegen Wirtschaftsräume und Wohnräume unter einem Dach mit durchlaufendem First, die Giebelfront ist breit, die Erschließung liegt mittig und geht von der Giebelfront aus. („Unterinntaler Einhof“, s. Abbildung  130) Nur die Berghöfe werden topographisch bedingt manchmal traufseitig erschlossen, wobei der Flur dann quer zur Firstlinie liegt. Diese Einhöfe konnten allerdings noch Nebengebäude wie Waschhaus, Kornkasten, Brennhütte, Schuppen und Tennengebäude haben. Dass nur in besonderen Höhenlagen wie im Lechtal wegen der extremen Schneehöhen auf nur von außen zu begehende Nebengebäude gänzlich verzichtet wurde, zeigt, dass diese räumliche Verdichtung eine Rationalisierungsmaßnahme darstellte.42

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Die bäuerliche Urform war der Haufenhof. Zur Einsparung von Ressourcen (Flächenverbrauch, Weglängen, Energieeinsparung, etc.) entwickelte sich daraus vielerorts der Einhof mit einem Aneinanderschluss von Wohn- und Wirtschaftsräumen. „Die Entwicklung zielt darauf ab, die Vorteile des Einhauses, den innigen Raumzusammenhang, mit den Vorteilen des Zwiehofes, der klaren Trennung der Bereiche, zu verbinden.“43 Angesichts steigender Mobilitätskosten und sinkender Flächenreserven ist dieses Argument heute verstärkt relevant. Gleichzeitig werden mehr und mehr Personen in die Selbständigkeit gedrängt und „homework“ bedeutsamer. Es liegt nahe, sich im Zusammenschluss „Wohnen-Arbeiten“ wieder der alten Bauweise der Kombination von Wohn- und Wirtschaftsraum zu besinnen und die täglichen Wege damit zu verkürzen.

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So wie die funktionelle Verdichtung von Gebäudeteilen zu einem geringeren Ressourcenverbrauch führt, so kann dieses Prinzip auch auf ganz Kundl angewandt werden. Eine Nachverdichtung des Haufendorfes über den Zusammenschluss von unterschiedlichen Wohnoder Wirtschaftseinheiten in unmittelbarer Nähe zueinander entspräche diesem Prinzip (s. Abbildung 119). Dass - wie auf Hofebene der Tennstadl - einzelne Funktionen begründet aus der Siedlung ausgelagert werden können, flexibilisiert das Konzept. verstreut liegende

nutzungsgetrennte aber direkt angebundene

Hofteile oder Siedlungsflächen 119. Abbildung: Das Prinzip der Ressouceneinsparung bei Hofteilen und Siedlungsflächen

Der Wirtschaftsteil des Gebäudes wurde früher im Erdgeschoß zur Viehhaltung genutzt und im Obergeschoß als Scheunenanlage. Somit war das Einfuttern leichter bzw. bei Hanglagen sogar die Anlieferung des Heus ebenerdig möglich. Durch die arbeitserleichternde Anordnung dieser beiden Elemente im Wirtschaftsteil sind sowohl Wohn- als auch Wirtschaftsteil zumindest zweigeschoßig ausgebildet. In der Flächenwidmungsplanung nicht nur flächig sondern dreidimensional zu denken, wäre ein Ansatz zur Wegminimierung und Eindämmung des Flächenverbrauchs durch einen vertikalen Nutzungsmix. Die Ausführung als Einhof ermöglicht das Umschreiten des eigenen Gebäudes innerhalb der Hofreite (=Gebäude, Hausgarten, hofgebundene Arbeitsflächen, Lagerungs- und Tierhaltungsflächen), erleichtert damit flexible Arbeitsabläufe und schützt den Wohnteil vor Störeinflüssen durch den Wirtschafsteil, da man nicht durch den Wohnteil gehen musste, um zum Wirtschaftsteil zu gelangen. Während das Umschreiten des eigenen Hauses beim Einhof sinnvoll war, entfällt der Sinn heute beim reinen Wohnhaus. Einfamilienhäuser setzen das an die bäuerliche Nutzung


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Monographie Haufendorf Kundl

Stube Küche Nebengebäude/Kammern Erschließung Wirtschaftsräume

Konstruktion und Material Gehen wir noch eine Maßstabsebene tiefer, so versuchen wir das Erscheinungsbild des alten Kundls in seinen Bauelementen und Konstruktionsprinzipien nachzuvollziehen. Die Dominanz des Satteldaches erklärt sich aus dem Überfluss an Holz in Tirol. Denn die einfachste Holzkonstruktion war der Wandschirm, ein Flechtwerk aus Ästen und Zweigen, der auf einer Seite so abgestütz war, dass er schräg stand. Werden zwei solche Wandschirme gespiegelt,

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Wohnräume

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130. Abbildung: Grundrsisschema des „Unterinntaler Einhofs“

Die Lage der Stube wird aber noch von einer weiteren Regel mitbestimmt. Als Repräsentationsraum musste sie stets direkt neben dem Eingang an der Hauptfront liegen. Ein Erker an der Hauptfront an der Straße steigert die Repräsentationswirkung. Damit liegen die Erker als Teil des Hauptraums in Kundl heute vorrangig an der straßenzugewandten Seite (s. Abbildung 115). Damit kann von außen die Lage des wichtigsten Raums im Haus ausgemacht werden. Wir begegnen in Kundl einer formalen, strengen repräsentativen Frontfassade mit einer Tür in der Symmetrieachse der Giebelwand, teilweise flankiert von geometrisch gehaltenen Erkern und dahinter angebaut informellen Holzschuppen.

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Durch die Anordnung der Aufenthaltsräume an den besonnten energetisch begünstigten Seiten der Gebäude kann der Energieaufwand inklusive passiver solarer Wärmegewinnung verringert werden. Schlafräume benötigen beispielsweise geringere Temperaturen als Wohnräume mit großen Fensterflächen.

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Im Aufbau des Grundrisses waren in Tirol auf Grund des unwirtlichen Klimas Beheizung und Belichtung ein konzeptbestimmendes Thema. Aufenthaltsräumen und Schlafräumen der Hausherren wurde der größte Wert beigemessen. Damit befand sich die Stube und ggf. auch die Küche an der sonnenbegünstigten und witterungsgeschützten Seite. Der Ofen stand in der Mitte des Hauses in der Stube. Über der Stube im privater gelegenen Obergeschoß ebenfalls vom selben Ofen mitbeheizt lag der Schlafraum des Hausherren. Damit ist die Zweigeschoßigkeit vorgegeben.

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Mit der Konfiguration der Räume in einem Haus manifestieren sich Wertigkeiten, die im Grundriss noch Jahrhunderte später abzulesen sind, zu einem Zeitpunkt, an dem die ursprünglichen Bewohner und deren Lebensweise längst zumindest teilweise verschwunden sind. Die Gestalt der traditionellen Kundler Häuser lässt sich damit aus den Wertigkeiten früherer Jahrhunderte erklären.

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gebundene Konzept der Einhöfe fort, obwohl sie eine andere Nutzung haben. Das Einfamilien­ haus als Wohnaus ist kein ressourcenminimierendes Konzept. Es hat keinen praktikablen Nutzen um das reine Wohnhaus herumgehen zu können. Das Konzept des Einfamilienhauses als reines Wohnhaus ist nicht zukunftsfähig.

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Monographie Haufendorf Kundl AN RE

entsteht die Urform des Satteldaches. Um die Tragkonstruktion nicht direkt in die Erde setzen zu müssen (Pfostenbau), erhält diese Urform später einen Steinsockel ggf. mit Holzschwelle (Ständerbau). Der Blockbau ist material- und arbeitsaufwändiger aber auch wärmedämmender. Das Angebot an langschäftigem und geradwüchsigem Nadelholz und die im Winter niedrigen Temperaturen in Tirol haben dort aber zur Verbreitung dieser Bauform geführt. Sie ist daher als primäre traditionelle Bauform anzusehen.44 Heute sind nur noch wenige Exemplare dieser traditionellen Bauform in Kundl erhalten. Deren Massivität hat sich in der Anwendung moderner Materialien bis heute erhalten. So haben viele Kundler Häuser ein wuchtiges Erscheinungsbild.

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Durch Holzverknappung, bauliche Reglementierungen (Brandschutz) und die Vorstellung von Modernität und Prestige wurde der Blockbau ab dem 19.Jh vom Steinbau abgelöst, was auch das Erscheinungsbild in Kundl stark veränderte. Die Steinbauten wurden üblicherweise glatt und uneben verputzt, sodass sich keine scharfen Kanten ergaben. Erhalten blieben die in der Blockbautechnik zwangsläufig geraden Wände, rechteckigen Grundrisszuschnitte und weit ausladenden Dachüberstände, die in der Bauweise mit mineralischen Werkstoffen heute eigentlich obsolet wären. Der Wechsel der Dachkonstruktion zu hartem Deckungsmaterial gestaltete sich bei flachen Dächern als schwierig, da die damaligen Dachziegel nicht unter 30° Neigung

geeignet waren und Blech zu teuer war. Durch die Entwicklung geeigneter Dachziegel wurde schlussendlich aber auch Kundl von dieser Entwicklung eingeholt. Auf Grund der Tiroler Bautradition, der Nähe zur Ressoruce Holz und der guten Dämmeigenschaften von Holz kann der Holzbau im Zuge der neuen technischer Erkenntnisse im Holzbau ein Revival erleben, das von Seiten der Gemeinde begünstigt werden könnte.

Öffnungen Wenn wir nun vom Blockbau, in dem Öffnungen schwerer herzustellen sind als im Skelettbau, als grundsätzliche Bauform in Kundl ausgehen, so waren die ersten Fensteröffnungen erst mit der Zweigeschoßigkeit nötig, da ein einzelnes Geschoß über eine Lichtluke in der Decke belichtet werden konnte. Wurde allerdings ein zweites Geschoß errichtet, musste das untere von der Seite belichtet werden. Anfangs wurden kleine horizontale Lichtschlitze in der Lagerfuge zweier Holzbalken ausgeschnitten, die sich später einem Quadrat annäherten (< 22 x 22cm). Noch später wurde die Luke mit einem Holzschuber verschließbar ausgestattet. Es ist dies der Vorläufer der heutigen in Kundl verbreiteten Fensterläden.

Mittagsglöckchen Giebelkreuz

SS Mittiger Eingang

Pfettenkopfabdeckung Konsolenverzierung

Herrgottswinkel Lauben

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Erker Lüftlmalerei Mittiger Eingang

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Erker

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131. Abbildung: Repräsentative Elemente eines Tiroler Hauses außen

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Ofen

132. Abbildung: Repräsentative Elemente eines Tiroler Hauses innen


Die Anordnung der Öffnungen unterliegt keinem starren Raster. Bei unsymmetrischer Anordnung von Türen und Fenstern war jedoch Fingerspitzengefühl nötig, was der Öffnungsanordnung noch mehr baukulturelle Bedeutung zubrachte45. Fenster sitzen dort, wo sie von innen heraus benötigt werden, Erker immer dort, wo noch mehr Licht benötigt wird.

Kundl als ein Unterinntaler Einhof Untersuchen wir die Verteilung von Wohnnutzung und Wirtschaftsnutzung in Kundl, so stellen wir fest, dass diese auf Gemeindeebene nach dem selben Prinzip besteht wie auf Ebene des einzelnen Gebäudes. Im Unterinntaler Einhof schließt der Wirtschaftstrakt aus ökonomischen Überlegungen direkt an den Wohntrakt an. Das Haufendorf Kundl ist im Osten geprägt von Wohnbauten, während im Westen ein für das kleine Dorf zuerst überdimensioniert erscheinendes Gewerbegebiet ansetzt. Die alte Landstraße führt mittig durch das Haufendorf, bis sie an das Gewerbegebiet stößt. Seitlich der alten Landstraße liegen wie Kammern Gruppen von Häusern, die durch umlaufende Wege zu einer Einheit zusammengefasst werden.

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Bis ins 18.Jh waren Tierhäute als Fensterflächen gebräuchlich. Auf Grund des Heizaufwands konnten die Öffnungen erst mit Entwicklung des Fensterglases langsam größer werden. Die ältesten Kundler Häuser weisen daher besonders kleine Fensteröffnungen auf. Diese wurden entweder einerseits in Sitzaugenhöhe angebracht und andererseits unter der Innenraumoberkante, um sie als Rauchabzug zu verwenden, oder in besonders frommen Haushalten als „Dreifaltigkeitsfenster“. Dies waren drei in der Reihe leicht versetzte Fenster.

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Monographie Haufendorf Kundl

Diese Regeln können heute immer noch Anwendung finden, die Notwendigkeit besteht jedoch auf Grund geänderter technischer Möglichkeiten nicht mehr.

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133. Abbildung: Kundl als Unterinntaler Einhof

Erinnert man an die historische Siedlungsentwicklung Kundls, die mit den der Kirche zugeordneten Meiereien begann, von denen ca. 1400 wahrscheinlich eine davon zum Schloss Hochholdingen ausgebaut wurde, das in Folge eine bedeutsame Brauerei beherbergte, in dessen

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Indem der Dachüberstand an der Giebelfront des Wohnteils üblicherweise großzügiger ausgeführt wurde als an der Giebelfront des Wirtschaftsteils, wird die repräsentative Hauptseite des Hauses klar markiert. Mit der Zeit erfuhr die Stirn der Hauptgiebelseite Verzierungen durch Datierung und Namensgebung auf der Firstpfette, durch Stirnbretter mit zusätzlichem Deckbrett und durch Pfettenkopfdeckbretter.

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Das typische Tiroler Legschindel gedeckte Dach ist flach geneigt. Da das Wasser auf einem flach geneigten Dach nur langsam abrinnen kann, ist ein weiter Dachüberstand nötig, da das Wasser ansonsten verzögert an der Traufe abtropft und bei schon schwachem Wind die feuchtigkeitsempfindlichen Blockwände schädigen kann. Der auf flachen Dächern länger liegenbleibende Schnee wirkt im Winter als Dämmschicht. Die Dachlawinengefahr wird minimiert. Für flache Dachneigungen eignet sich vorrangig die Pfettenkonstruktion, die in Kundls Dorfkern häufig anzutreffen ist.

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Den oberen Hausabschlüssen kommt eine besondere raumbildende Wirkung zu, da sie für den Betrachter in der Straße den Horizont bilden, der kontraststark vom Himmel unterschieden werden kann.

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Monographie Haufendorf Kundl AN RE

Hinterland sich in jüngerer Zeit ein sehr erfolgreiches Chemiewerk entwickeln konnte, so wird der maßstabsübergreifende Zusammenhang klarer. Abbildung 134 verdeutlicht die flexiblen Anbaumöglichkeiten im Hinterland der entlang der Dr. Hans Bachmann Straße aufgefädelten Höfe, die das Schloss Hochholdingen am frühesten im großen Ausmaß nutzte. Der markante Anschluss des Wohngebiets an das Gewerbegebiet bildet diese Reihe demonstrativ zur Straße hin ausgerichteter historischer Höfe an der Dr. Hans Bachmann Straße, die weniger in der Struktur des Haufenhofes stehen als schon vielmehr in jener eines Reihendorfes. Durch deren zum Ort hin repräsentativ abschließende und nach Westen hin offene Ausrichtung kam es zur Skalierung der Einhof­idee auf Gemeindemaßstab. Die alte Landstraße ist in diesem System die etwas „privatere“ Innenerschließung des Dorfes mit „wohnungsinternen Geschwindigkeiten“, die Umfahrungsstraße mehr „öffentlicher“ Weg am Hof vorbei. Auch Liesfeld kann eingeschränkt in diesem Sinne gedeutet werden. Die Äcker schließen direkt südlich der Höfe an der Straße an.

Schauseite des Dorfes wieder der Wohnnutzung zukommen zu lassen, kann langfristiges Ziel der Siedlungsentwicklung sein. Dass das Modell vom Unterinntaler Einhof ein sehr praktikables sein kann, wird dadurch bewiesen, dass es auch für eine gesamte Siedlung Anwendung findet. Die Wohntrakte sind nacheinander zur Straße hin ausgerichtet, im Hinterland verbleibt Raum, um flexibel auf den Erfolg des eigenen Betriebs baulich reagieren zu können, bis an den Nachbarn angebaut ist. Damit erweist sich ein Haufendorf als flexibler in seiner baulichen Reaktion als eine dichtere Siedlungsstruktur. Diese Chance der nachträglichen Verdichtung in einem Haufendorf sollte heute nach Möglichkeit ergriffen werden und dabei die wegeminimierende Idee der räumlichen Nähe zwischen Wohnen und Arbeiten Anwendung finden.

Gesellschaftsstruktur

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Gesellschaftliche Rollenbilder sind Regelwerke, die auf die gebauten Formen Kundls eingewirkt haben. Die Analyse der Gesellschaftsstruktur ermöglicht einen aufschlussreichen Blick hinter die gebauten Formen.

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134. Abbildung: Dr. Hans Bachmann Straße mit Brauerei Kundl um 1900 (Bachmann (1986). S.481)

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Die neuesten Gewerbegebiete unterliegen zur Zeit nicht mehr dieser Regel, vielmehr sind die neueren monofunktionalen Gewerbebauten zur straßenseitigen Schauseite der Siedlung geworden, stehen aber in keinem Zusammenhang mit der Wohnnutzung des Ortes. Die

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Im Zuge der Industrialisierung kam es zu einer ersten Individualisierungswelle. Kleinräumige, zwischenmenschliche Bezugssysteme wurden langsam abgelöst von abstrakten, instabilen und undurchschaubaren Systemen, deren Bestand und Kontinuität von niemandem garantiert werden können. Nach dem Verlust der Weltkriege wurde die Individualisierung weiter vorangetrieben. Mit steigendem Wohlstandsgewinn in den 70er Jahren waren immer mehr Menschen fähig, aus kollektiven Mustern auszubrechen und ihr Leben individuell zu gestalten. Damit ist heute die mittelalterliche Kollektivität zu großen Teilen vom Individualismus der Moderne abgelöst worden, was ein harmonisches Zusammenleben von Bewohnern eines Dorfes erschwert. Konflikte im gemeinsamen Dorfleben entstehen immer dort, wo keine gemeinsamen Konventionen mehr eingehalten werden. In der heutigen Gesellschaft lassen sich alte Regeln des Zusammenlebens schwer nachvollziehen. Leichter fällt dies anhand der gebauten Formen Kundls, da diese der strukturellen Permanenz unterliegen. Der Wandel der gebauten Gestalt hinkt auf Grund seiner materiellen Masse dem gesellschaftlichen Wandel hinterher. Um heute neu entstandene Probleme im dörflichen Zusammenleben zu lösen, können wir von alten Regelwerken lernen, die das friedliche Zusammenleben garantiert hatten und deren Funktion wir aus der gebauten Struktur Kundls ablesen können.


Die korrekte Anwendung der etablierten Sprachregeln erfolgt nicht durch die reine Kopie von Bauelementen, was umgangssprachlich als Kitsch bezeichnet wird. Diese Bauelemente müssen zuerst in ihrer Symbolkraft, in ihrem Wirken, also kurzum in ihrem Wesen verstanden werden, um sie in diesem Sinne auch anwenden zu können. Es geht um die Ausstrahlung des Elements, um die Wirkung auf das Zielpublikum, um die Anordnung zueinander, nicht um die Kopie der Geometrie oder Materialität. Dieser Aufgabe müssen sich Architekten an konkreten Bauprojekten stellen bzw. müssen diese Kriterien in Architektur-Wettbewerbsausschreibungen definiert werden.

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Die heutige Baukultur hat im Sog der Aufklärung seit der Industrialisierung vermehrt die Individualität gegenüber der Konformität erstarken lassen. Die Bauherren bewegen sich oftmals nicht mehr innerhalb der eigenen Sprachregeln, versuchen mit neuen teilweise importierten Mitteln auszubrechen. Es verwundert nicht, dass Baumaßnahmen heute kontroverse Reaktionen in der Bevölkerung hervorrufen, da die traditionellen, gemeinsamen Sprachregeln wenig Beachtung durch den Bauherrn finden, sei es aus Unwissenheit oder aus Ignoranz.

Über die Wirkung und Situierung der Erker wurde bereits berichtet. Bauschmuck ist ebenfalls ein Mittel, um sich über das Medium „Haus“ zu repräsentieren. Das Mittagsglöckchen hat seine ursprüngliche Funktion verloren, kann aber weiterhin über dessen Detaillierung Prestige ausstrahlen. Weiters existieren das Giebelkreuz als religiöser Abschluss des Bauakts, die Abdeckung der Pfettenköpfe, Verzierung der Konsolen, Lüftlmalerei an den Fassaden, Hofkapellen, Verzierungen der Eckverbindungen der Blockbauelemente wie Klingschrot und Malschrot. Über diese Repräsentationselemente wurde die Hauptfassade, heute meist zur Straße hin, gegenüber den anderen Fassaden betont. Damit ist klar, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Giebelfront und Straße gibt. Während sich die Verwendung dieser Bauelemente bis heute wenn auch teilweise aus seinem Sinnzusammenhang gerissen - erhalten hat, hat das Tiroler Haus seine Identifikationsfunktion über den Hausnamen weitgehend verloren. Das Haus ist heute nicht mehr das alleinige Instrument, um den Platz eines Menschen in der Gesellschaft zu kommunizieren. Beispielsweise ist das Haus als Identifikationsobjekt teilweise vom PKW abgelöst worden, weswegen ein Großteil des Haushaltbudgets heute nicht mehr immer in den Wohnbereich sondern beispielsweise in den PKW fließt.

Gradient zwischen Öffentlichkeit und Privatheit Durch das Konzept des Unterinntaler Einhofs wird die Privatsphäre durch mehrere Ringe geschützt. Das Haus ist klimatisch dicht und streng entlang einer geometrisch klar gezeichneten, rechteckigen Linie abgeschlossen. Nur kleine aber zahlreiche Fenster mit Fensterläden und Türen öffnen diesen hermetischen Baukörper nach außen hin marginal. Im Inneren verbirgt sich das

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Das Haus ist als Ausdrucks-, Kommunikations- und Identifikationsmittel Ergebnis der Gesellschaft. Denn es obliegt ihm nicht nur die Schutzfunktion, sondern ist auch soziales Zentrum einer Familie und kommuniziert in dieser Funktion mit seinem Umfeld. Der Hausbesitzer steht dabei in einem Spannungsfeld zwischen Konformität und Individualität. Denn um sein Haus als Kommunikationsmittel zu nutzen, muss es die Sprachregeln der jeweiligen Gebäudetradition einhalten, um von den anderen Bewohnern verstanden zu werden. Damit verbleiben trotz der erzielten Individualität auch sämtliche andere Regelwerke, die bislang angeführt wurden, relevant bzw. stehen nicht im Konflikt mit diesen. Möchte ein Hausherr über sein Haus Prestige kommunizieren, so muss er die in Kundl allgemein bekannten Regeln anwenden, beispielsweise die Giebelfront detailreich ausformulieren oder Obstbäume um das Haus verteilen. Die Giebelfront ist aus kon­struk­tiven und klimatischen Gründen kollektiver Bestandteil eines Gebäudes im alten Kundl, in der Detailierung der Giebelfront kann der Hausherr jedoch mehr oder weniger Prestige kommunizieren. Gewisse Merkmale, die beispielsweise als Statussymbol dienen (z.B. Erker), wiederholen sich demnach, werden also innerhalb der gemeinsamen Sprache auf die gleiche Weise verwendet und dadurch verstanden, jedoch individuell anders untereinander kombiniert oder detailliert (Größe, Anzahl, Komplexität, Detaillierungsgrad, etc.).

Die wichtigste Kommunikationsfunktion des Hauses nach Außen kommt der Repräsentation zu. Allein die Größe des Hauses ist schon Symbol für Reichtum. Weiters dienen der Repräsentation Elemente, die durch geänderte Bautechnik oder Lebensweise eigentlich obsolet geworden sind, also nur noch rein symbolischen Charakter haben können. „Die größte Bedeutung hat die Auskragung tragender Balken für jene Umgestaltung des Außenmantels von Blockbauten gehabt, die den großen Bauern- und Bürgerhäusern des 17. bis auch noch des 19. Jh in den Alpenländern das Gesicht gibt: die Lauben oder Laubengänge. (...) [Sie] gehen über das rein von der Konstruktion Geforderte weit hinaus.“46 Die vielfach auftretenden oftmals sehr langen Laubengänge an Kundls Häusern sind also Resultat eines Repräsentationsversuchs, der über den Beibehalt von eigentlich nicht mehr notwendigen, ja eigentlich sogar übersteigerten Bauelementen des Blockbaus - den auskragenden Balken - unternommen wird. Die bis zu drei Hausfassaden umlaufenden Laubengänge können über die Hauptfassade betonende Lauben im Giebeldreieck ergänzt werden.

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Haus

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Monographie Haufendorf Kundl

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Monographie Haufendorf Kundl AN RE

höchste Maß an Privatheit im oberen Stockwerk, da dieses nur über eine Treppe erreichbar und von Blicken von außen noch besser geschützt ist. Es sind die Schlafkammern der Hofbewohner. Den zweiten Ring stellen die den Baukörper umgebenden Lauben dar, die den Bewohnern einen Zutritt an die frische Luft gewähren, ohne dessen Territorium anzuzweifeln. Bestandteil dieses Rings sind auch an die Hausmauer gelehnte Bänke und Tische, Balkone, Terrassen und Erker. Ein bepflanzter Garten rund um das Haus bildet den nächsten Ring, in dem man dem Nachbarn aber bereits gegenüber sitzt und von einer gewissen sozialen Kontrolle geschützt wird. Über die Fläche wird Distanz erwirkt. Dieser Ring ist nur bei genügend Flächenangebot realisierbar. Ein niedriger Zaun oder eine Hecke stellen die letzte Ringgrenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit dar.

nicht klar, von welchen gemeinsamen Nutzungen die Kundler profitieren könnten. Daher müsste ein Tool zur Aktivierung der gemeinsamen Zwischenräume mit der Bevölkerung gemeinsam entwickelt werden. Dieses Tool kann z.B. auf die Entwicklung von Gemeinschaftsgärten, -spielflächen, -werkstätten, etc. abzielen und zu Ergebnissen ähnlich jener des Planquadrats in Wien führen. Im Bestand ist die Verwirklichung gemeinschaftlicher Nutzflächen sicherlich schwerer, jedoch dort gut möglich, wo noch heute das Grundbuch es vorsieht, denn heute sind diese Allmenden in ihrer ursprünglichen Funktion nutzlos geworden. Erfolgversprechend ist die Anwendung des Tools mit Bewohnern noch zu errichtender Wohngebäude oder Siedlungsteile.

SE abgeschlossene Einzelräume

+ hermetische Hausmauer

+ umschließende Laubengange

+ umlagerndes Gartenmobiliar

+ säumende Gartenfläche und Zaun

135. Abbildung: Trennende Elemente zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit

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Den Bewohnern auch bei Neubauten gemäß dieses stufenweisen Ringkonzepts genügend Privatheit zuzusichern, ist eine hilfreiche Maßnahme, um soziale Spannungen zu vermeiden. Denn Bewohner lassen sich nicht zu einem fröhlichen Zusammenleben zwingen, jedes Individuum braucht einen privaten, kulturell vertrauten Raum zur sozialen Erholung. Ist dieser wie im Tiroler Hof gegeben, können gemeinschaftlichere Räume mit einer stufenweisen Erweiterung der Öffentlichkeit außen angefügt werden.

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Abseits der öffentlichen Straßen im Hinterland der Höfe existierte im agrarischen Kundl eine halböffentliche Zone, die früher als Allmende genutzt wurde. Die angrenzenden Höfe konnten dort ihr Vieh gemeinsam weiden lassen. Diese Zwischenräume waren eine antiquierte Form von Gemeinschaftsräumen für ein Zusammenleben mehrerer Familien abseits der Öffentlichkeit. Teilweise sind heute noch Parzellen zwischen Höfen im Grundbuch als Allmende eingetragen.

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Zur Sicherung eines Zusammenlebens ohne soziale Spannungen lässt sich das Konzept der Gemeinschaftsräume heute in aktualisierter Form anwenden. Dabei ist im Vorhinein noch

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Grenze öffentlich - halböffentlich

öffentlicher Raum als “shared space”

halböffentlicher Bezug (Wirtschaft)

privater dicht abgeschlossener Raum

136. Abbildung: Gebaute Sozialstruktur in Kundl


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Monographie Haufendorf Kundl

Anzahl der Haushalte

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Möchte man bestimmten sozialen Gruppen bestimmte Wohnformen zuordnen, so ist dies heute nicht mehr nach alt bekannten Schemata der sozialen Lage wie dem Alter oder dem Geschlecht möglich, da sich die sehr restriktiven sozialen Grenzen im Zuge der Individualisierungstendenzen seit den 70er Jahren aufgelöst haben. Die sozialen Grenzen werden angesichts der in Folge des allgemeinen Wohlstandgewinns größeren Freiheitsgrade in der Lebensgestaltung zwischen unterschiedlichen Lebensstilen ausgemacht. So lassen sich Personen einem bestimmten Lebensstil zuordnen. Dieser Lebensstil wird über das Leben der Person bestimmende Themen aufgespannt. Bringt man in Erfahrung, welche Lebensstile in Kundl vorrangig wohnhaft sind oder wohnhaft sein wollen, so lassen sich themenspezifische Wohnbauten oder Siedlungskörper entwerfen. „Die Wohnbauträger haben die Ära des <modernen Wohnens> ausgerufen. Und die heißt: Wohnen nach Themen. Dort gesellt sich gleich zu gleich oder wird per Konzept gesellt, der Wohnraum fügt sich den Bedürfnissen der Community. Und unter dem Haus- und Themendach wachsen die Synergien und sprießt das Gemeinschaftsgefühl. Oft ist der gemeinsame Nenner, der die Bewohner vereint, rein soziodemografisch, das Alter etwa, und der Wohnraum darauf abgestimmt. Noch selten, aber im Kommen ist der Lebensstil als Klammer, der die Hausgemeinschaft verbindet.“48

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Anzahl der Personen pro Haushalt

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Während der bäuerliche Einhof in Kundl bis in dieses Jahrhundert perfekt auf ein Familienleben mit einem Bauern, einer Bäuerin, deren minderjährigen Kindern und gegebenenfalls Mägden und Knechten ausgerichtet war, hat der Hoftyp angesichts heutiger Verhältnisse seine Eignung verloren. Denn die Haushaltsgröße ist in Tirol bis 2011 auf 2,37 Personen geschrumpft,47 indem die Einpersonenhaushalte heute die häufigste Haushaltsgröße sind. Abbildung 137 zeigt, dass 113.000 Haushalte in Österreich Einpersonenhaushalte sind, 89.000 Haushalte Zweipersonenhaushalte und die Zahl der Drei- und Mehrpersonenhaushalte deutlich geringer ausfällt.

SE

Jede Zeit bringt unterschiedliche Gesellschaftsstrukturen mit sich. So ändern sich die Haushaltsformen, die Haushaltsgrößen, die Rollenbilder, die Wohnformen, deren Stabilität und ähnliches. Diese Gesellschaftsstrukturen bilden sich stets in den baukulturellen Programmen ihrer Zeit ab.

Kundl hat die Möglichkeit im Sinne des Haufendorfes punktuell innerhalb des bestehenden Siedlungskörpers nachzuverdichten oder, um eine endlose Erweiterung des Haufendorfes in die Breite zu verhindern, horizontal verdichtete Wohnbauten unmittelbar an den Bestand anzudocken.

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Demographische Entwicklungen

Das im städtischen Raum zwar noch in den Anfängen steckende inzwischen aber durchaus übliche „Themenwohnen“ (s. „autofreie Siedlung“, „Bike-City“, „Bike&Swim-City“, „Frauenwohnprojekt“, „Themenwohnen Musik“, etc.) lässt sich mit angepassten Themen auch im ländlichen Raum anwenden.

Der Energiehaushalt besteht aus der energetischen Nachfrage und dem energetischen Angebot. Verfügt eine Siedlung über großes energetisches Angebot, braucht sie weniger auf eine niedrige energetische Nachfrage zu achten. Verknappt sich jedoch das energetische Angebot, wie wir es dieser Jahrzehnte am Rückgang der fossilen Brennstoffe erleben, so werden die Maßnahmen

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Energiehaushalt

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Das Einfamilienhaus für 4 und mehr Personen stellt als massentauglicher Nachfolger des bäuerlichen Hofhauses keine angemessene Wohnform mehr dar, da sich auch in Zukunft die Haushaltsgrößen weiter verkleinern werden. Ansonsten riskiert man zahlreiche Leerstände in den bestehenden Einfamilienhäusern. Oftmals junge Ein- und Zweipersonenhaushalte benötigen vielmehr leistbare Wohnungen, die nur in einer verdichteten Bauweise hergestellt werden können.

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137. Abbildung: Anzahl der Haushalte nach Personen pro Haushalt in Österreich 2011 (Statistik Austria)

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Monographie Haufendorf Kundl AN zur Steuerung der energetischen Nachfrage wieder relevanter. Minimiert eine Siedlung ihre energetische Nachfrage, so löst sie sich von der Gefahr einer energetischen Angebotsverknappung.

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Bis ins Zeitalter der fossilen Brennstoffe hat Kundl seine Siedlungsstruktur und dessen Baukörper so gestaltet, dass es seine Innenräume mit den umgebenden Wäldern nachhaltig beheizen konnte und innerörtliche Wege zurückgelegt werden konnten. Dies bedeutete eine kompakte Siedlungsstruktur mit gut erschlossenen und gedämmten Häusern an sonnigen Lagen. Mit Erschließung der fossilen Brennstoffe im 20.Jh löste sich Kundl von den Nachfrageminimierenden Konzepten. Der Ort wuchs beträchtlich in die Breite, womit sich die täglichen Wege verlängerten, die Gebäude schienen nicht mehr auf gute Dämmung und eine energetisch bevorzugten Standort angewiesen zu sein. Die Fensteröffnungen wurden größer, die hochbautechnische Präzision geringer und schlechter besonnte und voneinander weiter entfernte Standorte bebaut.

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Angesichts der fossilen Brennstoffverknappung („Peak Oil“) dieser Jahrzehnte erkennt man die Problematik dieser Siedlungsentwicklung. Angebotsseitig unterliegen wir heute mehr Restriktionen als nachfrageseitig. Technologische Entwicklungen beispielsweise bei den Wirkungsgraden der Brennkessel, bei der Förderung schwer zugänglicher fossiler Brennstoffe, bei der Nutzung regenerierbarer Energiequellen u.ä. dienen nur dem Hinauszögern der Energieverknappung bzw. der Deckung des Minimalenergiebedarfs. Die Lösung der Energieverknappung wird nicht allein durch Maßnahmen auf der Angebotsseite zu finden sein, denn wie sollen ca. 80% fossiler Brennstoffanteil am Energiebedarf angebotsseitig ersetzt werden? (s. Abbildung 138 u. 139) Die Nutzbarmachung regenerierbarer Energiequellen ist selbst energieaufwändig und wird für die 80% nicht ausreichen. Die Spielräume zur Lösung der Energieverknappung sind auf der Nachfragerseite viel größer, was der Entwicklung der Siedlungsstruktur und insbesondere jener der Mobilität (Verkehr ist zu 90% vom Erdöl abhängig) eine wesentliche Rolle zukommen lässt.

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So wie im ersten Solarzeitalter vor den fossilen Brennstoffen kompakte Siedlungen mit geringem täglichem Wegeaufwand und geringem Heizaufwand bestanden hatten, so wird bei Erhalt des aktuellen durchschnittlichen Lebensstandards im zweiten Solarzeitalter kein Weg an der Rückbesinnung auf kompakte Siedlungen vorbeiführen. Da ein schlagartiger Rückbau bestehender Siedlungsstrukturen politisch nicht vertretbar und auch nicht unbedingt ressourcenschonend ist, muss die künftige Siedlungsentwicklung einen Schwerpunkt auf die Nachverdichtung des Siedlungskörpers und eine unabhängige (=nicht motorisierte), individuelle Mobilität setzen. Die bauphysikalische Perfektion von Einzelhäusern spielt im Vergleich zum

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Konsumverhalten und zum Wegeaufwand der Menschen und Güter als Resultat zerstreuter Siedlungen eine sekundäre Rolle. Hochbautechnisch und bauphysikalisch perfekt errichtete Passivhäuser und Energie+ Häuser schaffen es zwar im Betrieb ohne externe Energie auszukommen, übersehen wird jedoch oft, dass die Herstellung mit erheblichem (fossilem) Ressourcenaufwand (Luftdichtheit, bitumenbasierte Abdichtungsfolien, Erdbohrungen, BUSSysteme, etc.) und bauphysikalischen Risiken und daraus folgenden ressourcenaufwändigen Ausbesserungsarbeiten verbunden ist. Es hilft nicht, mit erheblichem Aufwand errichtete energieneutrale Einzelhäuser über die Landschaft zu verteilen, wenn die notwendigen Wege dazwischen lang und damit ressourcenaufwändig sind. Unterstützung findet die Energienachfragenreduktion in der richtigen Standortwahl für Baukörper in gut besonnten Bereichen. Die passiven Solargewinne verkürzen die Heizperiode bei gut gedämmten Häusern auf wenige Monate. Die unmittelbare Nähe Kundls zur CO2-neutralen Ressource Holz legt eine holzbasierte Befeuerung (z.B. Pellets) in der verbleibenden Heizperiode nahe. Die Nutzung von Erdwärme über Wärmepumpen ist auf dem Schwemmkegel gefahrenlos möglich und besonders effizient, wenn sie das Grundwasser (ca. 10°C) erreichen.


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Monographie Haufendorf Kundl

139. Abbildung: Gesamtenergieverbrauch nach Energietr채gern (Baverstock)

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138. Abbildung: Prim채renergieversorgung weltweit nach Energietr채gern 1973 und 2008 (IEA)

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Monographie Auland Ache AN RE

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122. Abbildung: Auland Ache 1870

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Monographie Auland Ache

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123. Abbildung: Auland Ache 1952

124. Abbildung: Auland Ache 2012

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Monographie Auland Ache AN

Riedmann Areal

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Das Riedmannareal steht im Kontext der Wildschönauer Ache und der Eisenbahn. Sein Name verweist auf ein ehemaliges Sägewerk an seiner Stelle, das wegen der Wasserkraft (Materialtransport, Energiegewinnung) an die Ache und wegen des verkehrsinfrastrukturellen Angebots (Materialtransport) an die Eisenbahn gebunden war. Heute existiert das Sägewerk nicht mehr. Die Fläche soll für Wohnbauten genutzt werden. Abbildung 125 und 126 zeigen das alte Riedmann-Sägewerk (26). „Nördlich der Bahn wurde 1938 nach dem Anschluss an Deutschland ein Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes errichtet (siehe Abbildung 127), die Baracken (28) dienten nach dem Krieg als Unterkunft für einige Kundler Familien, in der zweiten Hälfte der 50er Jahre erbaute eine gemeinnützige Wohnbaugesellschaft dort Siedlungshäuser (29), die Baracken wurden abgerissen. Bald nach Kriegsende errichtete der 1946 gegründete FC-Kundl dort einen Fußballplatz, der Bereich wurde bis heute zu einem Freizeitzentrum ausgebaut ((um 1946) Fußballplätze (27), (um 1960) Schwimmbad, Eishalle).“36

SE 126. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1960 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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125. Abbildung: Ansicht Kundl 1949 (Photoarchiv © Hannes Sollerer) 127. Abbildung: Postkarte Kundl nach 1938 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

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Ache als zentrale Achse Die Rolle der Ache hat sich über die Jahrhunderte bis heute stark gewandelt. In der Anfangszeit Kundls lag der wesentliche Bezug zu Fließwasser am Mühlbach, ein leicht zu kontrollierender Werkbach. Bis zur weitgehenden Loslösung von der Wasserkraft hatte der Mühlbach eine NordSüd gerichtete achsiale Zentrumsfunktion. Die Wildschönauer Ache lag in dessen Hinterfeld und bildete eine extensiv genutzte Aulandschaft, die immer wieder überschwemmt wurde. Kundl hatte also stets einen Respektabstand nicht nur zum Inn sondern auch zur Ache gehalten und damit niemals eine von Flüssen geprägte Handelsstadt geworden. Einerseits nimmt der Abstand eines Dorfzentrums von einem Fließgewässer mit der Größe des Fließgewässers ab, andererseits nimmt der Abstand eines Dorfzentrums von einem Fließgewässer mit zunehmender Größe des Dorfes ab. Eine große Stadt ist finanziell und technisch besser ausgestattet und kann daher besser mit großen Fließgewässern umgehen. Städte wie Innsbruck oder Rattenberg liegen direkt am Inn, kleine Dörfer wie Kundl nicht.

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120. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

Inzwischen ist Kundl gewachsen und hat schon längst gelernt, mit der Ache umzugehen. Damit ist es nachvollziehbar, in der Siedlungsentwicklung an der Ache Akzente zu setzen. Zur Zeit ist die Ache aber noch eher rückseitige Barriere, denn integraler Bestandteil der Siedlung, einzig ein schmaler Fußgängerpfad läuft auf einer Seite der Ache entlang bzw. wird teilweise von Straßen flankiert.

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Bei der Transformation der ehemaligen Rückseite des Dorfes an der Ache hin zur Umfassung als zentrales Element steht es Kundl noch frei, Schritte zu gehen. Heute bietet sich das Riedmann Areal an, da es unmittelbar an die Ache anschließt.

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Da eine Siedlung in seinen Anfängen stets so viel Abstand von einem Fließgewässer gehalten hatte, als dessen Größe und Gefahr bedingte, liegt das alte Kundl etwas abseits der Wildschönauer Ache, deren Umfeld noch im 15. Jh als Allmende-Weide genutzt wurde.35 Zentrales Dorfgewässer war der Mühlbach, die Ache eher von Auen flankierter, reißender Gebirgsbach. Die Kundler Ache war früher eine mit einer einzelnen Brücke zu überwindende Grenze. Wie reagiert nun eine Siedlung, wenn sie an eine solche Grenze heranwächst und noch weiter wachsen möchte und schlussendlich auch jenseits der Grenze zu liegen kommt? Solche Grenzen werden durch die starken innerörtlichen Verflechtungen auf unterschiedlichsten Ebenen unhaltbar. Zum einen muss man diese physisch überwinden können, zum anderen wird die ehemalige Grenze im Bewusstsein nicht mehr als solche wahrgenommen. Abbildung 120 zeigt den Charakter der Wildschönauer Ache zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Siedlungsgebiet neuerdings bis zu ihr erstreckte.

Kundl ist bereits über die Wildschönauer Ache gewachsen und hat begonnen, sie nicht mehr als Grenze wahrzunehmen. Es gibt die Ache flankierende Fußwege mit Blickbeziehungen über die Ache hinweg, es gibt bereits mehrere Brücken, die die Siedlungsteile zusammenfügen. Dass der Schwenk von Grenze zu zentralem Element in Kundl aber noch nicht abgeschlossen ist, bleibt dennoch spürbar. Es gibt bislang noch kaum bauliche Reaktionen, die aus der ehemaligen Rückseite der Siedlung zur Ache hin eine Siedlungsfront machen würden. Die Ache ist noch gesäumt von zahlreichen Hintergärten mit Gartenhütten und stark abschottenden Grundstücksbegrenzungen ohne Ein- und Aussicht zur Ache. Auch Blickbeziehungen zur gegenüberliegenden Seite der Ache sind beschränkt, mehr mangels für das Auge reizvoll pointierten Angebots als durch die konsequente, lineare Uferbepflanzung.

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Ache als Grenze

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Monographie Auland Ache

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Monographie Auland Ache AN RE

Der Versuch, besser mit der Ache umzugehen, wurde beispielsweise im kleinen Maßstab bereits direkt südlich des Riedmann Areals versucht, wo drei Geschoßwohnbauten errichtet wurden. Sie öffnen sich weit stärker zur Ache hin als die noch weiter südlich anschließenden Einfamilienhäuser aus der Nachkriegszeit. Durch Baulandparzellierungen nach 1950 wurde der die Ache umgebende Naturraum zurückgedrängt. Sie verblieb relativ unbeachtet als schmale Barriere zwischen den sie flankierenden Siedlungskörpern erhalten. Die Häuser dieser Siedlungskörper wurden auf der von der flussabgewandten Seite erschlossen, fortan bildete das Hinterland der Häuser den Anschluss zwischen Häuser und Ache. Daher stehen entlang der Ache Schuppen, hohe Zäune und Hecken. Nur wo die alte Achener Au genutzt wurde, um Straßen zu errichten, die am alten verwinkelten Haufendorf geradlinig vorbeiführen konnten, wird die Ache heute von diesen Straßen flankiert. Am Riedmann-Areal kann nun der nächste Schritt gegangen werden und Kundls Fähigkeit, mit der Ache als zentrales Element der Siedlung umzugehen, unter Beweis gestellt werden.

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Das Potential der Ache besteht darin, dass die Straßen an der Ache (Austraße, Klammstraße, an der Ache) den öffentlichen Zugang zur Ache gewähren und die von Häusern flankierten Abschnitte der Ache eine Ruhezone an der Ache garantieren. Dem Riedmann Areal wird einerseits auf Grund seines unmittelbaren Anschlusses an die Ache die Funktion der Ruhezone zukommen und andererseits auf Grund der dortigen Fußgänger- und Radfahrerbrücke den öffentlichen Zugang gewähren müssen.

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Da der neue Wohnbau am Riedmann Areal ein Sägewerk ersetzt, liegt es nahe, in Anlehnung an traditionelle Bauweisen in Kundl an die Verwendung des Werkstoffs Holz zu denken und dabei all die Regelwerke zu beachten, die im Kapitel „Monographie Haufendorf Kundl“ erläutert wurden. Sie sollen an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt werden. Ortsspezifische Besonderheit darüber hinaus ist der Bezug zu Ache und Eisenbahn. Dabei soll eine Umkehr von Trennachse zu zentraler Verbindungsachse verfolgt werden.

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Monographie Auland Ache

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Ausblick AN

Zusammenfassung

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Die Identität Kundls lässt sich nicht auf ein einziges Merkmal zurückführen. Sie entsteht vielmehr aus einem Mosaik vieler Merkmale. Entscheidend dabei sind nicht nur die einzelnen Merkmale sondern auch deren Zusammenwirken. Um Kundl zu begreifen, die Identität Kundls zu festigen und die Potentiale der Siedlungsentwicklung auszuschöpfen, müssen alle Merkmale gleichzeitig beachtet werden. Nur in dieser Fülle kann die Einzigartigkeit Kundls gesucht, gefunden und in die Zukunft geführt werden. Nur in dieser Fülle entlarvt die Analyse die siedlungsmorphologische Einzigartigkeit Kundls.

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Kundl entstand nicht zufällig in der Form, in der es heute da steht. Zahlreiche Einflüsse bzw. Regelwerke bestimmen seit den Anfängen die Siedlungsentwicklung. Lernen wir diese Regelwerke zu verstehen, so verstehen wir auch die Siedlungsentwicklung und das heutige Erscheinungsbild Kundls. Mit diesem tiefgreifenden Verständnis über die Gestalt Kundls können wir Planungen entwickeln, die perfekt zu Kundl passen. Konzepte der Vergangenheit haben sich über die Zeit als mehr oder weniger standhaft erwiesen. Die standhaften - weil den Regelwerken besser angepasste - Konzepte sollen in Zukunft Beachtung finden. Folgende Absätze bieten einen Überblick über die für Kundl relevantesten Regelwerke.

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Plattentektonik und Eiszeit haben die Alpen mit Inntal so geformt, dass Siedlungen im Inntal möglich waren und diese einen stärkeren Bezug in Richtung Süden aufweisen. Die Gebirgsbäche der Seitentäler schütteten Schwemmkegel im Inntal an, die eine dauerhafte, hochwassergeschützte Besiedelung im Inntal möglich machten. Kundl und Liesfeld steht samt seiner mittelalterlichen Fluren auf einem solchen mächtigen Schwemmkegel der Wildschönauer Ache. Der Vergleich der Verteilung der potentiellen Sonnenstunden mit jener des Siedlungskörpers verdeutlicht, wie zentral die optimale Ausrichtung an den örtlichen Klimaverhältnissen war. Der vorindustrielle Siedlungskörper befand sich an den besonders gut besonnten Flächen auf dem Schwemmkegel.

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Das Christentum ist in Tirol stark verwurzelt. Die zentrale Stellung der Kirche in Kundl ist unübersehbar. Die Kirche bewirkt gemeinsam mit anderen Infrastruktureinrichtungen, die nicht dem Wohnen dienen, eine erhöhte Aktionsdichte und damit ein zentrales Gefüge ohne besondere bauliche Verdichtung. Die Lage der Kirche aller Unterinntaler Gemeinden direkt an der Landstraße und die inner- und außerörtlichen Sichtbeziehungen zu den Kirchtürmen zeugen von der zentralen Bedeutung und der Anziehungskraft dieser früher allseits akzeptierten Instanz. Die

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Kirche gibt eine der wenigen Strukturen im Haufendorf vor. Denn von ihr aus verlaufen viele Wege ins Umland. Damit gibt es im Ort oft einen direkten Bezug bzw. eine Sichtachse zum Kirchturm. Da in Kundl im Falle einer Erbschaft hauptsächlich das Realteilungsrecht angewandt wurde, der Hof zerteilt und damit die einzelnen Einheiten unwirtschaftlich wurden, waren die Bewohner gezwungen, Nebenerwerbstätigkeiten zu erlernen. Dies ist der Hintergrund der gewerblichen Stärke Kundls. Im Inntal liegen die Siedlungen wie auf eine Perlenkette gefädelt. Je nach topographischer Signifikanz haben die Siedlungen unterschiedliche Bedeutung erlangt und damit unterschiedliche Aufgaben erhalten. Kundl kam dabei eine eher versorgende als gestaltende Rolle zu. Die Inntalsiedlungen liegen in rhythmischen Abständen zueinander, sodass das jeweilige die Siedlung umgebende Land diese erhalten konnte. Die Distanzen zwischen Gemeinderand und Siedlung sind dabei klein genug geblieben, um sie locker ohne Motorisierung zu bewältigen. Leben in Kundl entstand immer dort, wo Durchzugswege mit Zugängen zum Ort in West-Ost Richtung durchführten. Anfangs an der alten Landstraße, dann an der Bahntrasse und schlussendlich an der Umfahrungsstraße ließen sich Nutzungen öffentlicherer Natur nieder. Die Räume dazwischen, die nicht mehr der Landwirtschaft dienen mussten, wurden schrittweise der Wohn­nutzung zugeteilt. Durch die Instabilität der Wildschönauer Ache kam dessen umgebender Aulandschaft stets ein informeller Charakter zu. Heute haben sich entlang der Ache die größten Freizeiteinrichtungen in Kundl niedergelassen. Die Ache ist langsam in das geometrische Zentrum Kundls gerückt. Die Chemiewerke in Kundl lassen einen siedlungsmorphologisch interessanten Prozess nachzeichnen. Aus einer strengen den alten Siedlungskörper abschließenden Hausreihe im Westen der Kirche erwuchsen die Chemiewerke als externer kompakter Anbau an Kundl mit völlig anderem Charakter. Dass die Chemiewerke in dieser Form in Kundl angenommen werden, beweist, dass ein klar abgegrenzter Siedlungskörper auch mit andersartigem Charakter, an den neuesten Notwendigkeiten ausgerichtet, bestehen kann. Der Siedlungskörper ist derartig andersartig, dass er eine strukturelle Wachstumsgrenze für Kundl im Westen darstellt. Das Gemeindegebiet Kundls wird von vier unterschiedlichen Siedlungsformen kultiviert. Das Haufendorf Kundl war die erste Form, die später um die Waldhufsiedlung Liesfeld ergänzt


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Ausblick

Die Kirchtürme bildeten ehemals ein bedeutsames mediales Netz. Es diente den Reisenden zum Auffinden der nächsten Raststätte, als Kommunikationsmittel innerhalb und zwischen den Siedlungen und als Repräsentationssymbol des Ortes. Die Flurordnung ist Ergebnis des Spannungsverhältnisses zwischen kurzen Wegen und Flächensparsamkeit und dabei abhängig von den technischen Anbaumethoden, von der Topographie des Schwemmkegels, der Lage der Landstraße und der Bodengüte. Unmittelbar im Wechselspiel steht die Flurordnung mit der Erschließungsstruktur, die die effizienteste Aufteilung der Parzellen vorgibt. Ökotone wie die Schwemmkegelränder oder der südliche Inntalhangfuß sind als Grenzen zwischen unterschiedlichen Biotopen besondere lineare Grenzstrukturen in der Landschaft. Denn sie haben in der Besiedelungsgeschichte stets besondere Bedeutung erfahren. Sie bieten

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Innerhalb des Haufendorfes gibt es eine Tendenz zum Straßendorf. Durch die Bedeutung der alten Landstraße sind die Höfe des Haufendorfes in der Nähe der Landstraße dichter aneinander gerückt und strenger zu ihr ausgerichtet. Bei der Anordnung der Höfe an den Straßen wird auf entsprechende Repräsentation geachtet. Zumeist wendet sich die Giebelfront der Straße zu bzw. steht im Kurvenfluchtpunkt und verschafft dem Außenraum damit auch im Haufendorf ein geborgenes Gefühl, indem der Gebäudehorizont figuraler wird. Der Hof wird durch zahlreiche andere figurale Stilelemente zu einem Repräsentationsobjekt ausgebaut. Im ländlichen Raum Tirols bewährte sich der Einhof als effizientester Hoftyp. In ihm liegen Wohntrakt und Wirtschaftstrakt unmittelbar nebeneinander, um die Arbeitsabläufe witterungsunabhängig und effizient zu gestalten bzw. den Energieverbrauch zu minimieren. Auch die Aufteilung der Nutzung über die Geschoße hat arbeits- und energieaufwandsminimierende Hintergründe. Die Möglichkeit den eigenen Hof zu umschreiten half, im selben Haus ohne Störeinflüsse sowohl arbeiten als auch wohnen zu können. Bei den heutigen monofunktionalen Einfamilienhäusern ist dieses Umschreiten jedoch zwecklos geworden.

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Typischer Bewegungsablauf im Inntal ist die Pendelbewegung, denn innerhalb des Inntals werden die parallel dazu verlaufenden Strukturen (Inn, Straßen, Bahn) einmal vom Nordhang und einmal vom Südhang reflektiert, da sie niemals entlang der geometrischen Mittellinie des Tals verlaufen.

Die einzelnen Höfe im Haufendorf Kundl folgen keinem offensichtlichem gemeinsamen Ordnungsprinzip. Die Gemeinsamkeit ist, dass sich jeder Hof nach den eigenen Vorstellungen bestmöglich ausrichten konnte, da es diesbezüglich kaum andere kulturelle Vorgaben gab, als sich möglichst nah an der Kirche niederzulassen. Flexibilität beweist das System des Haufendorfes, wenn einzelne Häuser im Siedlungsverband abgerissen werden oder errichtet werden. Der Charakter des Ortes ändert sich dadurch nicht. Ein Abstand zwischen den einzelnen Höfen musste eingehalten werden, um sein Vieh um den Hof weiden lassen zu können, um dieses nicht täglich durch das Dorf führen zu müssen.

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Vor der Industrialisierung ordneten sich die Gewerbebetriebe entlang des Mühlbachs an, da dort wesentliche Güterströme verliefen (Holz, Wasserkraft, etc.). Damit waren die Gewerbebetriebe in einem menschlichen Maßstab dicht in den Ort integriert. Heute haben sich die Güterströme auf Grund der verkehrstechnischen Möglichkeiten längst verlagert. Die Gewerbebetriebe siedeln sich, wenn schon nicht mehr entlang der Bahn, entlang der Umfahrungsstraße an.

Siedlungsräume wurden stets so angelegt, dass sie sich im nach der Bedeutung gewichteten Mittelpunkt der Ressourcen befanden. Somit wurde der Wege- und Transportaufwand des Dorfes minimiert.

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Durch die Ausrichtung des Inns im Raum Kundl in West-Ost Richtung, herrscht eine relativ klare Unterscheidung zwischen West-Ost und Nord-Süd Erschließungsstrukturen vor. Während die regional bedeutsamen Wege die West-Ost gerichteten Langstreckenwege durch das Inntal darstellen, so sind die Nord-Süd gerichteten Wege für das lokale Funktionieren Kundls bedeutsamer. Der Anknüpfung hochrangiger Wege an den Ort war in vergangener Zeit ein hoher Stellenwert eingeräumt worden. Die Nord-Süd Wege wirken wie dem Mündungsdelta der Wildschönauer Ache in den Inn nachempfunden. Die Wege starten am Klammaustritt und verzweigen sich in Richtung Inn mehr und mehr.

zahlreiche Ressourcen, biotische Interaktionen, mikroklimatische Modifikationen und eine Änderung der Vegetationsstruktur. Sie waren Grenzen der Besiedelung und prähistorisch bedeutsame Wege. Damit tragen sie heute noch zur Wahrnehmung einer Ortschaft bei.

AB

wurde. Weiters kamen die Höhensiedlung Saulueg und der Weiler St. Leonhard dazu. Die unterschiedlichen Siedlungsformen sind in ihrer Struktur jeweils Kinder ihrer Zeit.

111


Ausblick AN RE

Das traditionelle Konstruktionsmaterial ist in Tirol auf Grund des Ressourcenangebots und der Klimaverhältnisse das Holz. Öffnungen wurden früher auf Grund fenstertechnischer Mängel klein gehalten, von Fensterläden geschützt und unregelmäßig nach dem inneren Lichtbedarf ausgerichtet. Das flache Tiroler Dach hält die Schneedecke auf dem Dach, was die Gefahr von Dachlawinen minimiert und im Winter als Dämmschicht wirkt. Weite seitliche Auskragungen des Daches sind beim flachen Dach möglich ohne den Innenräumen zu viel Licht zu nehmen. Die Auskragungen schützen die Konstruktion vor Schlagregen und gewähren witterungsgeschützte Wege an der Hausmauer.

Weisheiten für die Zukunft Um bereits im Zuge dieser Analyse eine methodische Anwendungshilfe für die Ableitung strategischer Leitbilder aus siedlungsmorphologisch relevanten Regelwerken zu geben, werden den Regelwerken in Folge einige mögliche strategische Schlussfolgerungen gegenübergestellt:

SE SS HK AA

Regelwerk

Strategie

Der Anbau der Chemiewerke an das alte Haufendorf Kundl steht in der selben Logik wie der Einhof. Eine klare Barriere grenzt den Wirtschaftstrakt (Chemiewerke) vom Wohntrakt (Haufendorf) ab. Die interne Verbindung durchbricht die Barriere aber geradlinig und direkt. Der Wegaufwand dazwischen ist minimal, jedes Gebiet folgt der für dieses besten Logik.

Plattentektonik führt zu Inntal mit stärkerer Abgrenzung nach Norden als nach Süden.

Der Bezug Kundls in Richtung Süden kann intensiviert werden (Klamm, Saulueg, Wildschönau, ...).

Der Schwemmkegel der Wildschönauer Ache bietet einen geschützten Lebensraum für Kundl.

Siedlungstätigkeiten sollten nach Möglichkeit auf den kompakten Raum des Schwemmkegels begrenzt werden.

Das Haus ist als Ausdrucks-, Kommunikations- und Identifikationsmittel integraler Bestandteil der dörflichen Gemeinschaft. Bei der Ausgestaltung des Hauses folgte man früher gemeinsamen „Sprachregeln“. Bei der Anwendung bestimmter Bauelemente wusste der Betrachter, was der Bauherr damit zum Ausdruck bringen wollte. Beispielsweise wurden Erker oder verzierte Stirnplatten auf den Dachpfetten als Repräsentationssymbol verstanden. Innerhalb der gemeinsamen „Sprachregeln“ wurden die Gebäude im Dorf allseitig verstanden und daher akzeptiert.

Kundl wurde vor dem Zeitalter der fossilen Brennstoffe stark an den länger besonnten Flächen ausgerichtet, da die Sonnenenergie zentral für den Energiehaushalt der Siedlung war.

Will man heute brennstoffunabhängige, energetisch optimierte Siedlungen in Kundl verwirklichen, so können diese nur an gut besonnten Flächen auf dem Schwemmkegel errichtet werden. Angesichts der Begrenztheit solcher günstigen Bauflächen ist eine dichte Bauweise unabdingbar.

Zahlreiche Einrichtungen im Umfeld der Kirche bilden durch die erhöhte Aktionsdichte das topographische, geographische, soziale und symbolische Zentrum in Kundl.

Sollen neue zentrale Orte in Kundl entstehen, so müssen diese im Sinne eines Haufendorfes vorrangig über eine erhöhte Aktionsdichte kulturell aufgeladen werden. Eine allgemein akzeptierte Einrichtung mit erhöhter Bedeutung - wie es einst die Kirche war - unterstützt diesen Prozess. Eine bauliche Verdichtung ist zwar eine wesentliche Unterstützung, für sich alleine aber nicht ausreichend.

Das in Kundl früher vorherrschende Realteilungsrecht führte zur Notwendigkeit, ein gewerbliches Handwerk zu erlernen.

Kundl hat eine aus der Geschichte erwachsene Eignung für gewerbliche Tätigkeiten. Konzentrierte Betriebsansiedlungen zu betreiben und dabei ein gesundes Zusammenwirken zwischen Wohnen und Arbeiten zu erwirken, entspricht den Stärken Kundls. Wesentlich dabei ist die integrierte Verflechtung zwischen Wohnen und Arbeiten, soweit es die externen Effekte der Nutzungsformen zulassen.

Die Siedlungen im Inntal reihen sich wie an einer Perlenkette aneinander.

Das Aneinanderreihen der Siedlungen im Inntal ist Resultat der Notwendigkeit, beim Durchzug durch das Inntal in Etappen zu denken. Auch heute gibt es Verkehrsteilnehmer, die noch in Etappen denken müssen. So befinden sich die Siedlungen im Inntal in einem optimalen Abstand zu einander, wenn wir gemütliche Tourenradfahrer betrachten. Für sie sind Abstände in der Größenordnung von wenigen Stunden perfekt, um einen Rastplatz aufzusuchen. Stützpunkte für Radfahrer am Inntalradweg könnten ein funktionierendes Angebot sein. Ähnliches gilt für die Bundesstraße, an der beispielsweise das Angebot der Tankstelle durch Übernachtungsmöglichkeiten im Sinne eines Motels im Gegensatz zu Gashöfen zum längeren Bleiben erweitert werden könnte. Die Ein- und Ausfahrt zum Siedlungskörper Kundls zu markieren, wäre eine konsequente Maßnahme im Sinne der Perlenkette im Inntal.

Im Inntal existiert eine klare Hierarchie der Aufgaben der einzelnen Siedlungen. Kundl kommt dabei keine zentrale Rolle zu.

Die Gemeinde Kundl kann durchaus davon absehen, eine höhere Zentralitätsstufe anzustreben. Es müssen keine überregionalen Einrichtungen angestrebt werden, sondern primär die Versorgungsfunktion mit Wohnen, Arbeiten und anderen alltäglichen Infrastrukturen gewährleistet werden. Auch dafür besteht im Inntal Nachfrage, für die Angebot gestaltet werden kann.

Das dörfliche Zusammenleben wird im grundsätzlich sehr offenen Haufendorf über die Anlage mehrerer die Privatheit von der Öffentlichkeit abtrennende Schalen begünstigt. So verschaffen die Zimmermauer, die Hofaußenmauer, die Laubengänge, die Fensterläden, die Bänke im Vorgarten, die Obstbäume im Vorgarten und der Grundstück umschließende Zaun stufenweise Privatheit, was ein entspanntes Zusammenleben erleichtert. Die Allmende war früher ein für das effiziente Zusammenleben im Dorf hilfreiches Mittel. Denn so konnten Flächen (oftmals Weideflächen) gemeinsam genutzt und der dörfliche Nutzen pro Zeiteinheit maximiert werden. Während die Ache lange Zeit auf Grund der Hochwassergefahr abseitige Grenze des Siedlungsgebiets war, ist sie heute integraler Bestandteil der Siedlung geworden. Diese Transformation ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Indem Kundl gegenüber den letzten Jahrhunderten nun stark gewachsen ist, kann es besser mit einem Fließgewässer in dieser Größe umgehen.

AB 112


Die Siedlungen im Inntal reihen sich rhythmisch aneinander.

Von Satellitensiedlungen muss abgesehen werden, da das optimale Verhältnis zwischen Siedlungsgebiet und umgebender versorgender Fläche längst erreicht ist. Es sollte darum gehen, den Bestand zu verdichten oder notfalls an diesem weiterzubauen. Die äußersten Winkel der Gemeinde können von den bestehenden Siedlungskörpern aus mühelos auch ohne motorisierten Verkehr erreicht werden. Es kann nicht mehr darum gehen, dem Naturraum noch weitere Flächen abzuringen. Er ist bereits umfassend erschlossen. Um den Rhythmus der Inntalsiedlungen zu erhalten, ist ein kompakter Ausbau oder eine Nachverdichtung in Richtung Nord-Süd Achsen einer endlosen Siedlungserweiterung in West-Ost Richtung vorzuziehen.

Haufendörfer verzahnen sich mit ihrer Umgebung. Damit verschmelzen Landschaft und Ortschaft.

In Bereichen, in denen Kundl seinen historischen, bäuerlichen Charakter behalten möchte, ist eine Verzahnung der Ortschaft mit der Landschaft anzuraten. In Bereichen, in denen Kundl moderne Identitäten entwickeln möchte, ist eine scharfe Siedlungsgrenze die zeitgemäße Alternative zum Haufendorf.

Abseits von Kundl wurden mit der Zeit weitere Flächen im Umland kultiviert. Mit der Besiedlung unterschiedlicher Lebensräume an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Siedlungsformen werden naturräumliche und kulturelle Risiken minimiert. (St. Leonhard, Saulueg und Liesfeld)

So wie das Aufteilen des Siedlungsraums auf mehrere Orte innerhalb der Gemeinde das Risiko verminderte, von räumlich gebundenen unglücklichen Umständen wie Hochwässer, Kriege, Seuchen, etc. geschädigt zu werden, so können auch heute die um Kundl liegenden Siedlungsformen als strukturelle Reserven für Notzeiten unter Umständen noch unbekannter Art erhalten werden. Die unterschiedlichen Charaktere der Siedlungsformen sollten dabei betont bleiben, also ein räumliches Zusammenschmelzen verhindert werden. Es geht also um den Erhalt der dort bestehenden Besiedlungen in ihren Siedlungsformen, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Hauptsiedlungsraum Haufendorf Kundl liegen muss.

Haufendörfer bauen auf dem Prinzip der dezentralen Erschließung auf. Ein dichtes Netz gleich-niedrigrangiger Wege sorgt für kurze Wege.

Die dezentrale, kompakte Erschließungsstruktur niedrigrangiger Wege im Haufendorf gewähren fußläufige Erreichbarkeiten. Diese strukturelle Unabhängigkeit von externen Energiequellen kann Kundl den Weg zum „smart village“ erleichtern. Die fußgängerfreundliche Struktur ist wesentliche Voraussetzung, den Modal Split zu Gunsten der nicht motorisierten Verkehrsträger in Kundl zu ändern.

Das lokale Erschließungsprinzip des Haufendorfes wird von regional hochrangigen West-Ost laufenden Strukturen gebrochen.

Da die regional relevanten West-Ost Erschließungen die engmaschige Erschließungslogik des Haufendorfes brechen, werden lokal die Nord-Süd gerichteten Strukturen bedeutsamer. Denn die belebten Zonen an den WestOst Strukturen müssen miteinander verbunden bzw. mit dem Haufendorf verwoben werden.

Die für das gesamte Inntal bedeutsame Ausrichtung der Erschließung verläuft West-Ost. An der Stelle des Haufendorfes Kundl bedarf es zum Erhalt einer kompakten Siedlungsform Nord-Süd gerichteter lokaler Wege.

Zur gleichzeitigen Minimierung von Flächenverbrauch und Wegeaufwand sind Parzellen entlang der hochrangigen West-Ost Strukturen und abseits des mit Nord-Süd Strukturen verflochtenen Siedlungsgebiets vorzugsweise in NordSüd Richtung anzulegen. Innerhalb des Siedlungskörpers mit seinen lokal bedeutsamen Nord-Süd Strukturen wird eine West-Ost gerichtete Parzellenstruktur relevanter.

Die lokalen Nord-Süd Erschließungen fungieren als Zubringer zu den regionalen West-Ost Strukturen.

Die Verkehrslast muss hauptsächlich auf West-Ost Wegen geführt werden. Sie dienen dazu, dass Menschen und Güter konfliktfrei und rasch in den Ort und aus dem Ort gebracht werden können. Die Verteilung oder Zuteilung der Menschen und Güter im Ort erfolgt über die Nord-Süd Wege. Regional hochrangige Nord-Süd Wege sollen minimiert werden, um die Verkehrsbelastung in Kundl gering zu halten. Dem Inntal reicht jeweils eine West-Ost geführte regional hochrangige Erschließung pro Verkehrsträger, womit diese nicht mit einer potentiell zweiten durch regional hochrangige Nord-Süd Wege verbunden werden muss. Einen Hinweis dafür liefert auch die mündungsdeltaähnliche Verzweigung der Nord-Süd gerichteten lokalen Erschließung, die den Verkehr zum Inn hin immer weiter ausdünnen lässt. Wie in einem Trichter wird der lokale Verkehr nach Süden zur alten Landstraße oder heute zur Umfahrungsstraße geführt. Eine ergänzende hochrangige Verkehrsführung im nördlichen Kundl wäre eine unnötige Verkehrsbelastung.

Während Kundl von den gut in die Siedlung integrierten Durchzugswegen profitieren konnte, indem sie die Kontaktstelle nach Außen darstellten und dort Aktionen der Kundler verdichtet wurden, sind Durchzugswege ohne Integration in die Siedlung problematisch. Der Autobahn kann Kundl nichts abgewinnen, während die alte Landstraße gut integriert ist. Die Integration der Umfahrungsstraße in den Ort ist noch im Werden. Hierbei können in Kundl Maßnahmen gesetzt werden. Die Integration der Bahntrasse ist primär über den Bahnhof möglich, für den eine städtebaulich zentrale Stelle selbstverständlich wäre. Die Siedlungsentwicklung in Richtung Streifen zwischen Eisenbahn und Inn weiterzudenken, wird der Integration der Bahntrasse und des Bahnhofs in das Siedlungsgefüge förderlich sein. Siedlung und Bahn können daraus gegenseitig Mehrwert kreieren. Die nicht integrierbare Autobahn müsste dabei unterlaufen werden, um die Integration der nördlichsten West-Ost Achse (des Inns) einzuschließen. Die siedlungsinternen Nord-Süd Verbindungen über die West-Ost Achsen sind dabei zentral.

Durch die Instabilität der Wildschönauer Ache hatte dessen umgebende Aulandschaft stets einen informellen Charakter. Heute haben sich entlang der Ache die größten Freizeiteinrichtungen Kundls niedergelassen.

Die Wildschönauer Ache als Freizeitachse durch das geographische Zentrum Kundls zu forcieren, kann eine konsequente Fortführung historischer Entwicklung sein. Die Ache könnte damit besser in das Siedlungsgefüge integriert werden und intensiver wahrgenommen werden.

Die Chemiewerke stellen einen mit dem Siedlungskörper Kundl in Symbiose lebenden, charakterlich andersartigen Anbau dar. Er wirkt durch seine Selbstverständlichkeit als strukturelle Wachstumsgrenze der Gemeinde.

Die Wirkung als Wachstumsgrenze kann an anderer Stelle in Kundl genutzt werden, um ein endloses Ausdehnen des bebauten Gebietes in Zukunft zu verhindern. Dabei kann beispielsweise ein an den heutigen Bedingungen ausgerichteter, andersartiger Siedlungskörper hoher Verdichtung entstehen. Solange die Anbindung dieses Anbaus an das übrige Kundl gewährleistet ist und andere morphologisch relevante Regelwerke nicht missachtet werden kann mit einem solchen Anbau aktuellen raumplanerischen Bedingungen entsprochen werden und die Siedlungsentwicklung langfristig räumlich eingedämmt werden.

Die Verdichtung des Haufendorfes erweist höchste Flexibilität. Im Haufendorf können Gebäude auch im Kern stets nach Bedarf abgerissen und dazugebaut werden, ohne die strukturellen Eigenschaften zu stören.

Das Haufendorf erweist sich als flexibel, wenn im Bestand baulich schnell auf neue Bedingungen reagiert werden muss. Werden bestimmte Gebäude nicht mehr benötigt können sie aus dem Siedlungsverband entfernt werden. Werden neue Gebäude benötigt, können sie an einer freien Stelle im Siedlungsverband ergänzt werden. Das Haufendorf eignet sich damit vorzüglich für eine punktuelle innere Nachverdichtung, die den heutigen raumordnungspolitischen Vorstellungen entspricht.

AB

Durchzugswege, die an den Ort angebunden wurden, brachten stets Leben nach Kundl. Nutzungen öffentlicheren Charakters ließen sich an den jeweils neuesten Durchzugsstraßen nieder. Durch eine lückenlose Integration der Durchzugswege in die Siedlung war der gegenseitige Mehrwert gesichert.

SE

Strategie

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Regelwerk

HK

Strategie

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Regelwerk

RE

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Ausblick

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Ausblick AN RE

Strategie

Regelwerk

Strategie

Die Anknüpfung der regional hochrangigen West-Ost Wege an das Haufendorf erfolgt über die Dichte der sequentiellen Abfolge von Gelegenheiten wie Abzweigungen, Bezugspunkte ins Umfeld, Händler, soziale Infrastruktur u.ä.

Was wir von der Anknüpfung der alten Landstraße an das Haufendorf lernen, sollte auch auf die neueren West-Ost Strukturen angewandt werden, um die Gemeinde Kundl bestmöglich von diesen West-Ost Strukturen profitieren zu lassen. Die Umfahrungsstraße, die Bahntrasse und der Innfluss können strukturell und visuell an das Haufendorf angeknüpft werden. Auf einen menschlichen Maßstab reduzierte Geschwindigkeiten, gestalterische Brüche in der Straßenflucht, querlaufende Wege durch den Ort, niveaugleiche Überquerungsmöglichkeiten, ästhetische Highlights, die Anordnung (halb-)öffentlicher Infrastrukturen etc. sind Möglichkeiten, die Anknüpfung zu unterstützen. Die auf einer Hochtrasse geführte Autobahn stellt diesbezüglich mehr Schwierigkeiten dar. Dessen Barrierewirkung sollte bestmöglich minimiert werden (z.B. visuell oder strukturell betonte Unterfahrten, sensorische Abschirmungen).

Ökotone prägen die Wahrnehmung einer Ortschaft, da sie über Jahrtausende auf dessen Erscheinungsbild Einfluss genommen haben.

Die Ökotone (Hangfuß, Inn, Ache, Schwemmkegelgrenzen) müssen wahrnehmbar bleiben, falls man die Geschichte, die Struktur und das Wesen Kundls verständlich halten möchte. Erhalten werden sie in ihrer Funktion und in ihrer Lage, indem der Siedlungskörper Abstand von ihnen hält und die naturräumlichen Betonungsmerkmale gepflegt werden.

Siedlungsräume wurden stets so angelegt, dass sie sich im nach der Bedeutung gewichteten Mittelpunkt der Ressourcen befand. Somit wurde der Wege- und Transportaufwand des Dorfes minimiert.

Gewerbebetriebe ordnen sich entlang der Güterströme an. Die Anbindung der Gewerbebetriebe an den Ort ist wesentlicher wegminimierender Faktor. Die Anbindung des Ortes an die Güterströme ist damit unumgänglich.

Vor der Industrialisierung verliefen die Güterströme vielfach über den Mühlbach nach Kundl. Am Mühlbach reihten sich daher zahlreiche Gewerbebetriebe an, die direkten Anschluss an den Ort erhielten. Heute laufen die Gewerbeströme über Umfahrungsstraße und Bahn ab, weswegen dort neue Gewerbebetriebe ansiedeln wollen. Gewerbebetriebe an diesen hochrangigen Achsen müssen ortsnahe platziert werden, um den direkten Anschluss an den Ort zu ermöglichen. Sie können dabei als Katalysator zwischen hohen Emissionen an den West-Ost Achsen und geringen Immissionen im Wohngebiet wirken (z.B. Lärmpuffer, Geschwindigkeitsreduktion). Den Kampf gegen die Ansiedlung von Gewerbe entlang von Güterströmen wird man verlieren, denn dort liegen die logischen Anknüpfungspunkte für Gewerbe. Die Planungsenergie sollte eher in die Begleitung der Ansiedlungsprozesse fließen, um den größtmöglichen gegenseitigen Nutzen zwischen Wohnort und Gewerbe zu erwirken.

Heute hat sich die Bedeutung der Ressourcen gewandelt. Nicht mehr die physischen Ressourcen sind in unserer Dienstleistungsgesellschaft das Maß der Wirtschaftlichkeit sondern immaterielle Ressourcen wie Know-How. Das Know-How ist an Menschen gebunden, die im Siedlungsverband leben. Eine räumliche Nähe zur Ressource Know-How erreichen Betriebe nur durch die Integration in den bestehenden Siedlungskörper. Betriebe abseits des Siedlungskörpers ohne maßgebliche negative externe Effekte sind nach Möglichkeit zu vermeiden.

Das Haufendorf ermöglicht eine ständige innere Erneuerung durch Abbruch und Neubau von Einzelhäusern ohne den Charakter des Dorfes zu verändern. Der Abstand zwischen den Höfen ermöglicht, das Vieh direkt um den eigenen Hof weiden zu lassen.

Das Haufendorf Kundl kann sich innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets ohne charakterliche Änderung kontinuierlich erneuern. Einer punktuellen Verdichtung steht heute kein stadtmorphologisch relevantes Regelwerk entgegen, da kaum jemand mehr sein Vieh um den eigenen Hof herum weiden lässt.

Entlang der Landstraße sind im Haufendorf Tendenzen in Richtung Straßendorf vorhanden.

Die Straßendorf-Tendenzen entlang der alten Landstraße deuten eine mögliche innere Verdichtungsvariante an. Ohnedies sollte Kundl eine räumliche Aktionsverdichtung entlang der hochrangigen West-Ost Straßen verfolgen.

Entlang der Straßen richten sich viele Höfe mit ihrer markanten Giebelfront aus bzw. stehen im Kurvenfluchtpunkt. Der durch die markante Dachform gebildete Horizont verschafft sogar dem Haufendorf eine bergende Atmosphäre. Der Hofeingang befindet sich damit direkt der Straße zugewandt. Die Gebäude sind abseits der Straße flexibel erweiterbar.

Auch weiterhin kann in Kundl mit den Elementen Kurvenfluchtpunkt und signifikantem oberem Raumabschluss gearbeitet werden. Es ist dabei keinesfalls das Ziel, dass die Signifikanz des Raumabschlusses durch einen Giebel erreicht wird, dies war früher das technisch und klimatisch adäquate Mittel. Es geht darum, dass der obere Raumabschluss im Sichtfeld der Straße signifikant, raumdominant und figural ist. Wird auf dieses Regelwerk verzichtet, verlieren die Straßenräume ihren bergenden Charakter.

Entlang der Straße bedienen sich Hausbesitzer zahlreicher Stilelemente, um ihre gesellschaftliche Bedeutung zu repräsentieren (Erker, Stirnpfettenverzierung, Laubenganggeländer, ...).

Heute geht es nicht darum beispielsweise die historischen Erker blind in eine neue Zeit zu kopieren. Es geht vielmehr darum zu erkennen, dass den Kundlern die räumliche Betonung der Ecke oder Frontfläche als Element der Repräsentationssprache bekannt ist. Werden in Kundl Gebäude errichtet, denen ein höherer Stellenwert innerhalb der Gemeinde zukommen soll, können die Straßenfronten bei Bedarf figural betont werden.

Die Kirche erzeugt im Umfeld eine erhöhte Aktionsdichte und stellt damit den zentralen Punkt im Haufendorf dar. Sie erhält wesentliche Bezuge in der Struktur des Haufendorfes, indem Wege und Sichtachsen radial zu ihr ausgebildet werden.

Heute hat die Kirche an Bedeutung verloren. Doch immer noch erwirkt sie durch die von ihr ausgehende radiale Wegestruktur eine erhöhte Aktivitätendichte in ihrem Umfeld. Neue Einrichtungen mit hohem gemeinschaftlichem Stellenwert können strukturell ähnlich der Kirche in den Siedlungsverband eingebunden werden und so langfristig Subzentren ausformen. Man erreicht die zentrale Einbindung durch Sichtachsen, betonte Ausrichtung der Baukörper an Wegen, eine zur Einrichtung ausgerichtete Wegführung, sequentielle Spannungssequenzen in Richtung Einrichtung u.ä.

SE

Regelwerk

SS HK AA

Typischer Bewegungsablauf im Inntal ist die Pendelbewegung, denn innerhalb des Inntals werden die parallel dazu verlaufenden Strukturen einmal vom Nordhang und einmal vom Südhang reflektiert.

Die historische Strukturen ignorierende Planung möglichst geradliniger Erschließungen führt zu zahlreichen Komplikationen im besiedelten Raum. Nachteile resultieren aus den dort möglichen erhöhten Geschwindigkeiten (Risiko schwererer Unfälle, Lärm, Schadstoffe, Abnützung von Fahrzeug und Infrastruktur), aus ungünstigen Parzellierungen bei Enteignungen, aus der Zerstörung bestehender Strukturen, aus fehlenden Bezugspunkten für das Auge u.ä. Die Inntaler Pendel­bewegung ist ein auf vielen Ebenen empfehlenswertes Verkehrskonzept, das auf vielen Maßstabsebenen der Siedlungsentwicklung Anwendung finden kann.

Im Inntal kann man stets von einem Kirchturm zum nächsten blicken. Sie dienen dem Reisenden dazu, den nächsten Rastpunkt ausfindig zu machen, und als identitätstiftendes gemeindeübergreifendes Kommunikations- und Repräsentationsinstrument.

Im Zuge des kirchlichen Bedeutungsverlustes schwächelt das identitätsstiftende mediale Netz der Kirchtürme im Inntal. Die Suche nach neuen medialen Netzen kann Teil der Siedlungsentwicklung (oder besser gesagt der Regionalentwicklung) sein, indem sich dieses mediale Netz wie einst der Kirchturm physisch in der Gemeinde abbildet.

Die Flurordnung ist Resultat der Abwägung zwischen kurzen Wegen und geringem Flächenverbrauch. Existiert bereits eine Erschließungsstruktur, so ist die flächensparsamste Flurrichtung meist 90° verschwenkt.

An den für das Gewerbe als Standort relevanten, regional hochrangigen WestOst Wegen ist jene Parzellenstruktur am flächensparsamsten, die sich in der Längsausdehnung quer zum Weg erstreckt. Während die Gewerbebetriebe an der Straße dadurch nicht flächenverschwenderisch in die Breite wachsen können, werden Sie sich „nach hinten“ entwickeln.

AB 114


Im ländlichen Raum Tirols bewährte sich der Einhof als effizientester Hoftyp. In ihm liegen Wohntrakt und Wirtschaftstrakt unmittelbar nebeneinander, um die Arbeitsabläufe witterungsunabhängig und effizient zu gestalten bzw. den Energieverbrauch zu minimieren.

Der Unterinntaler Einhof zeigt vor, wie effizient der häusliche Zusammenschluss von Wohnbereich und Arbeitsbereich sein kann. Insbesondere da immer mehr „homework“ von Einpersonenunternehmungen entsteht. Auch auf Gemeindeebene kann der Einhof als Prinzip lehrreich sein. Die wegeminimierende Nachbarschaft von Arbeitsplatz und Wohnort verbessert den Energiehaushalt der Gemeinde und sorgt für ein kompaktes Ortsbild und eine Identifikation der Menschen bzw. Betriebe mit dem selben Ort.

Im Einhof herrscht eine bewährte klare vertikale Nutzenteilung vor. Das nach unten zu verfütternde Heu lagert im Obergeschoß des Stadels, die Schlafräume befinden sich im gut nachgeheizten Obergeschoß des Wohntrakts über dem Ofen.

In der Flächenwidmungsplanung nicht nur flächig sondern dreidimensional zu denken, ist ein Ansatz zur Wegminimierung und Eindämmung des Flächenverbrauchs durch einen vertikalen Nutzungsmix.

Das Haus ist als Ausdrucks-, Kommunikations- und Identifikationsmittel integraler Bestandteil der dörflichen Gemeinschaft. Bei der Ausgestaltung des Hauses folgte man früher gemeinsamen „Sprachregeln“. Bei der Anwendung bestimmter Bauelemente wusste der Betrachter, was der Bauherr damit zum Ausdruck bringen wollte. Innerhalb der allgemein verstandenen „Sprachregeln“ wurden die Gebäude im Dorf allseitig akzeptiert.

Die allgemein verstandenen Sprachregeln der Gebäude sind im Zuge der Individualisierung teilweise verloren gegangen. Um in Kundl die allgemeine Akzeptanz gegenüber neuen Bauvorhaben zu erhöhen, müssen die „Sprachregeln“ wieder neu vermittelt werden. Das heißt, neue Architektur muss von Seiten der Gemeinde, des Architekten und nicht zuletzt des Bauherrn intensiv nach außen kommuniziert werden, um allgemein Verständnis dafür zu erhalten. Erschwert wird der Kommunikationsprozess durch die stetige Weiterentwicklung der „Sprachregeln“. Erst wenn die Bevölkerung ein baukulturelles Bewusstsein entwickelt hat, verselbständigt sich die Erneuerung des Wissensstands über die „Sprachregeln“. Für ein friedliches, identifikationsstarkes Zusammenleben im Ort muss es also Ziel der Gemeinde sein, das baukulturelle Bewusstsein in der Gemeinde zu steigern.

Mehrere Einhöfe wurden nie aneinandergebaut, um sie in der Hofreite umschreiten zu können. Dadurch wurde der Wohntrakt vor Störeinflüssen des Wirtschaftstraktes geschützt und Arbeitsabläufe erleichtert.

Heute wird das Konzept des Hof Umschreitens im Einfamilienhaus fortgeführt, hat jedoch seinen Zweck verloren, da das Einfamilienhaus nur dem Wohnen dient und dort keine Arbeitsabläufe existieren, die dadurch effizienter würden. Das Konzept des Einfamilienhauses als reines Wohnhaus ist nicht zukunftsfähig.

Durch die richtige Anordnung der Einzelräume im Hof wurde der Energieaufwand minimiert. Bedeutende Räume für die gesamte Familie erhielten die besonnten und witterungsgeschützten Lagen.

Durch die Anordnung der Aufenthaltsräume an den besonnten, energetisch begünstigten Seiten der Gebäude kann der Energieaufwand inklusive passiver solarer Wärmegewinnung verringert werden. Schlafräume benötigen beispielsweise geringere Temperaturen als Wohnräume mit großen Fensterflächen.

Das dörfliche Zusammenleben wird im grundsätzlich sehr offen gestalteten Haufendorf über die Anlage mehrerer die Privatheit von der Öffentlichkeit abtrennender Schalen begünstigt und damit ein entspanntes Zusammenleben im Dorf begünstigt (z.B.: Zimmermauer, die Hofaußenmauer, die Laubengänge, die Fensterläden, die Bänke im Vorgarten, die Obstbäume im Vorgarten und der Grundstück umschließende Zaun).

Wenn manche Wohnbauträger heute Wohnbauten für ein verstärktes Zusammenleben verkaufen, so kommt das schlimmstenfalls einem dauerhaften Zusammenzwingen mehrerer einander fremder Personen gleich. Ein entspanntes Zusammenleben einer Gesellschaft ist jedoch nur möglich, wenn neben den sehr wichtigen Gemeinschaftsflächen auch private Rückzugsbereiche zur Regeneration existieren. Die Anwendung der aus Tirol bekannten die Privatheit von der Öffentlichkeit abtrennenden Schalen verschafft den Bewohnern eines Wohnhauses Zonen unterschiedlicher Privatheit. Durch den zeitweisen Rückzug ist ein entspanntes Zusammenleben in der Gemeinde wahrscheinlicher.

Das traditionelle Konstruktionsmaterial ist in Tirol auf Grund des Ressourcenangebots und der Klimaverhältnisse das Holz. Dies begünstigt in der Konstruktion flache, auskragende Dächer, die vor der Witterung schützen, durch die liegen bleibende Schneeschicht besser dämmen und vor Dachlawinen schützen.

Auf Grund der Tiroler Bautradition, der Nähe zur Ressource Holz und der guten Dämmeigenschaften von Holz kann der Holzbau im Zuge neuer technischer Erkenntnisse im Holzbau ein Revival erleben, das von Seiten der Gemeinde begünstigt werden könnte (z.B. durch Ortsbild, örtliches Holzgewerbe, ...). Das flache, weit auskragende Dach hat in Tirol einige Vorzüge gehabt, die auch heute noch gültig sind.

Die Allmende war früher ein für das effiziente Zusammenleben im Dorf hilfreiches Mittel. Denn so konnten Flächen (oftmals Weideflächen) gemeinsam genutzt und der Nutzen pro Zeiteinheit maximiert werden.

Der gesellschaftliche Nutzen an einer Fläche pro Zeiteinheit lässt sich durch die Einrichtung von Allmenden maximieren. Prinzipiell geht es darum, Flächen mit anderen zu teilen, um den Nutzen der Fläche über die Zeit voll auszuschöpfen. Ein Individuum allein kann eine Fläche kaum dauerhaft nutzen. Die möglichen Nutzungen solcher Gemeinschaftsflächen sind vielfältig.

Der Anbau der Chemiewerke an das alte Haufendorf Kundl steht in der selben Logik wie der Einhof. Eine klare Barriere grenzt den Wirtschaftstrakt (Chemiewerke) vom Wohntrakt (Haufendorf) ab. Die interne Verbindung durchbricht die Barriere aber geradlinig und direkt. Der Wegaufwand dazwischen ist minimal, jedes Gebiet folgt der für dieses besten Logik.

Werden Arbeitsort und Wohnort unmittelbar verknüpft, ist auf Grund möglicher negativer externer Effekte eine klare Trennung dazwischen ratsam und eine unmittelbare direkte Anbindung zur Wegaufwandsminimierung unverzichtbar. Um weiterhin das Umschreiten zwischen Wohngebiet und Gewerbegebiet zu ermöglichen, darf der Anbau nicht verbaut werden. Indem nur eine streng markierte Anbauseite existiert, können Wohnort und Arbeitsort den für sie jeweils besten Logiken folgen und damit erfolgreich agieren.

Während die Ache lange Zeit auf Grund der Hochwassergefahr abseitige Grenze des Siedlungsgebiets war, ist sie heute integraler Bestandteil der Siedlung geworden. Diese Transformation ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Bei der Transformation der ehemaligen Rückseite des Dorfes an der Ache hin zur Umfassung als zentrales Element steht es Kundl noch frei, Schritte zu gehen. Heute bietet sich z.B. das Riedmann Areal an, da es unmittelbar an die Ache anschließt. Eine bessere Zugänglichkeit, Verflechtung und Sichtbarkeit der Ache und eine erhöhte (Freizeit-)Aktionsdichte an ihr können ihr eine ihrer Lage im Ort gerecht werdende Zentralität verleihen.

Kundl hat auf Grund seiner bäuerlichen Größe früher Abstand von der Ache gehalten. Größere Orte haben mehr Möglichkeiten, in direkterem Bezug zu einem größeren Fließgewässer zu stehen.

Durch das junge Wachstum der Gemeinde hat Kundl heute mehr Potential, die Ache in den Siedlungsraum einzubinden. Angepasst an die neue Situation einer nun größeren Gemeinde kann Kundl in seiner Siedlungsentwicklung Akzente an der Ache setzen.

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SE

Strategie

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Regelwerk

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Strategie

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Regelwerk

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Ausblick

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Ausblick AN RE

Methodische Ratschläge für die weitere Planung

SMA als Checkliste

Alle in dieser Arbeit aufgedeckten, morphologisch relevanten Regelwerke wirken gemeinsam auf die Gestalt Kundls ein. Doch erscheint es zielführend in einer anschließenden Strategie­ entwicklungsphase mehrere räumlich getrennte Leitbilder zu entwickeln. Damit können die für einen bestimmten Siedlungsteil morphologisch besonders relevanten Regelwerke näher in Betracht gezogen werden. Räumlich getrennte Leitbilder können argumentativ stichhaltiger und für die Allgemeinheit deutlicher nachvollziehbar vermittelt werden. Abbildung 140 zeigt eine mögliche Einteilung räumlich nach siedlungsmorphologischen Kriterien getrennter Leitbilder.

Für zukünftige Planungsideen in der Gemeinde werden gemäß einer Nutzwertanalyse gewichtete Punkte je Regelwerk vergeben. So können unterschiedliche Planungsideen nach deren Eignung für Kundl miteinander verglichen werden.

Eine siedlungsmorphologische Analyse soll nicht als Allheilmittel in der Siedlungsentwicklungsplanung missverstanden werden. Sie stellt EIN wesentliches, umfassendes Kriterienkompendium dar, das zur konsequenten, ressourcenschonenden und konzeptstarken Entwicklung einer Gemeinde Anwendung finden muss, ersetzt aber nicht bekannte Kriterien wie beispielsweise jene der klassischen Verkehrsplanung, der Ökologie und der Ökonomie. SE Die weitere Vorgangsweise ... ... für die Gemeinde Kundl mit dem Ergebnis der Siedlungsmorphologischen Analyse (SMA)

SMA für die Gemeindeplanung SS Die in der SMA angeführten Regelwerke und daraus beispielhaft abgeleiteten Strategien sollen wesentlicher Teil der Kommunalplanung werden. Als handwerkliche Kurzfassung der Analyse wird die „Erkundl Box“ zur Verfügung gestellt.

SMA für Architekturwettbewerbe HK

Für alle zukünftigen Wettbewerbe in Kundl ist die SMA den Architekten zur Verfügung zu stellen, da diese das nötige Know How haben, um mit den Inhalten arbeiten zu können und Lösungen für Kundl maßzuschneidern.

AA AB 116

SMA im öffentlichen Raum Um die Siedlungsmorphologie für die Bevölkerung sichtbar zu machen und ihnen die besonderen Qualitäten ihres eigenen Ortes zu vermitteln, können Informationen an SMA relevanten Punkten in Kundl aufgestellt werden.

SMA im Internet Um die Siedlungsmorphologie für weite Teile der Bevölkerung sichtbar zu machen und ihnen die besonderen Qualitäten ihres eigenen Ortes zu vermitteln, können Inhalte der SMA anschaulich auf einer Homepage aufbereitet werden.

SMA als Grundlage für Beteiligungsprozesse Für Bürgerbeteiligungsprozesse bzgl. Zukunftsentwicklungen der Gemeinde ist die SMA eine ideale Grundlage. Wenn z.B. gemeinsam mit der Bevölkerung das Thema „Neues Wohnen im Kundler Zentrum“ erarbeitet wird, wird die Lösung unter Aufsicht der SMA Regeln entwickelt. So lernen auch die Bürgerinnen und Bürger mit diesem Instrument zu arbeiten.


AN

Ausblick

RE

AU-LAND OST

INN-LAND STRUKTURELLE RESERVE

NEU-KUNDL VIS-A-VIS

WALDHUFSIEDLUNG LIESFELD

SE

ACHENER ACHSE HAUFENDORF EINHOF KUNDL NEUE LANDSTRASSE

140. Abbildung: Mögliche Einteilung räumlich getrennter Leitbilder nach siedlungsmorphologischen Kriterien

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AB

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AU-LAND WEST


Wissenschaftlicher Anhang

Endnoten 1.

n. http://www.tirol.gv.at/presse/meldungen/meldung/artikel/drittes-wohnbausymposiumstellt-weichen-fuer-vorzeigeprojekte-im-wohnbau/?no_cache=1&cHash=b6b67ddfd17a c6ee1e53525601fb0ccd (2012.07.07)

2. http://www.tirol.gv.at/presse/meldungen/meldung/artikel/drittes-wohnbausymposiumstellt-weichen-fuer-vorzeigeprojekte-im-wohnbau/?no_cache=1&cHash=b6b67ddfd17a c6ee1e53525601fb0ccd (2012.07.07)

22. Idem S.102 23. Bachmann (1986) S.298 24. Czekelius, Nicole (2006) S.24 25. Bachmann (1986) S.51 26. Bortenschlager, Sigmar in Bachmann (1986) S.31ff 27. Bachmann (1986) S.59ff

3. Bachmann (1986) S.303.

28. Stolz, Otto (1930) S.109

4. Bereits die Urväter der Stadtmorphologie, M.R.G. Conzen und Saverio Muratori, hatten ihre Forschungen auf dem „genius loci“ und seinen mnemonischen Kräften als Gedächtnis der Stadt aufgebaut.

29. Werner, Paul (1979) S.21 30. n. Sollerer (2012b)

5. Moudon, A.-V. (28. 3 1997) S.3

31. Klotz (1980) S.119

6. Raith, E. (2000) S. 13

32. Idem S.122

7.

33. Idem S.122

Reidinger, Erwin (2003) S.18

8. Stadtspaziergänge Seestadt Aspern, Hafensafari Hamburg, Stadtrauschen St.Gallen, Höhenrausch Linz09 und Lyrik Wanderung Vision Rheintal sind ein paar Beispiele der inzwischen institutionalisierten Spaziergänge, bei denen das gemeinsame Ergehen Teil eines Planungs- oder Vermarktungsprozesses geworden ist.

34. Beissmann et. al. (2011) Anhang E S.2

9. Holzapfel, Helmut & Schmitz, Martin in Kuhnert, N. (2007)

37. Hohenegger (1970) S.192

10. n. http://de.academic.ru/dic.nsf/meyers/93794/Morphologie

38. Bachmann (1986) S.122f

11. n. Raith, E. (2000) S. 202

39. Tirol Atlas Begleittexte 12 X.29

12. Raith, E. (2000) S.7

40. Bachmann (1986) S.331

13. Wikipedia. (22. 11 2006) Wikipedia: Stadtmorphologie.

41. Pöttler (1985) S.218

14. idem

42. Leidlmair (1996) Begleittext XII. S.11

15. idem

43. Riepl (1996) S.98

16. Moudon, A.-V. (28. 3 1997). S.7

44. Werner (1979) S.35

17. Gerhard Curdes lt. Raith, E. (2000) S.12

45. Seifert (1943) S.46f

18. Raith, E. (2000) S. 198

46. Klöckner (1982) S.29

19. Die Städte auf einem Schwemmkegel bilden lt. Klotz, A. (1980) S.109 eine von fünf Stadtkategorien in Tirol. Es gehören dazu u.a. Glurns, Lienz und Hall.

47. Statistik Austria (2011)

20. Befragungsergebnis aus dem Projekt „Kundl attraktiv“ (Arbeitspapier 2002) 21. Sieferle, Rudolf (1997) S.121

118

35. Bachmann (1986) S.42 36. Sollerer (2012b)

48. DiePresse (2008)


Wissenschaftlicher Anhang

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119


Wissenschaftlicher Anhang

Abbildungen

32. Abbildung: 1595 AndreaBertellus-RhetiaeAlpestrisHodieTirolisCom(itatus)Descriptio (TIRIS) 33. Abbildung: 1604 WarmundYgl-NeueKarteDerSehrAusgedehntenGrafschaftTirolUndIhreNachbargebiete (TIRIS) 34. Abbildung: 1608 MathiasBurglechner-TirolerLandtafelAufEinemBlatte (TIRIS)

1.

Abbildung: Forschungsgebiet der Siedlungsmorphologie

2.

Abbildung: Zeitleiste zur Siedlungsgeschichte

3.

Abbildung: Geologisches Profil der Alpen (Haack Weltatlas (2008) SI S.77)

4.

Abbildung: Schnitt durch das Inntal bei Kundl

5.

Abbildung: Alois Negrellis Vorschlag zur Führung der Eisenbahn von Innsbruck bis zur k. b. Grenze unterhalb Kufstsein („Allgemeiner National Kalender für Tirol und Vorarlberg“ für 1846)

6.

Abbildung: Geländerelief im Raum Kundl mit gekennzeichneten Schwemmkegeln

7.

Abbildung: Potentielle Sonnenstunden in Kundl am 21. Februar (Land Tirol tiris Kartendienste)

8.

Abbildung: Potentielle Sonnenstunden in Kundl vom 21. Januar bis 21. Juni (l.o. bis r.u.) (Land Tirol tiris Kartendienste)

35. Abbildung: 1611 MathiasBurglechner-TirolischeLandtafeln (TIRIS) 36. Abbildung: 1641 JohannesJanssonius-ComitatusTirolensis (TIRIS) 37. Abbildung: 1644 NicolasTassin-LeTyrol (TIRIS) 38. Abbildung: 1662 JohannesBlaeu-TyrolisComitatus (TIRIS) 39. Abbildung: 1674 JohannMartinGumpp-TyrolisComitatus (TIRIS) 40. Abbildung: 1678 FranzAdamVonBrandis-DIeFirstlicheGraffschaftTyrol (TIRIS) 41. Abbildung: 169x ChristophRiegl-Tirol,SamtDenenAngrenzend-UndEinverleibtenLändern (TIRIS) 42. Abbildung: 169x Johann Martin Gumpp-Mappa oder Land Karten aller Berg-Thäller, Bäss, Land-UndAndereStrassen (TIRIS) 43. Abbildung: 1700 CornelisuDanckerts-ComitatusTirolis.EpiscopatusEtComitatus Tridentinus.EpiscopatusBrixensis (TIRIS) 44. Abbildung: 1701 IgnazReiffenstuhl-ComitatusTyrolisTabula (TIRIS)

9.

Abbildung: Geographischer Entwurf der Straßenzüge der 6 Tiroler Kreise 1804 (Land Tirol tiris Kartendienste)

45. Abbildung: 1701 MichaelWinig-ComitatusTyrolisGraffschalltTyroll (TIRIS)

10.

Christianisierung des Unterinntals in Antike (ab 4.Jh und Frühmittelalter (bis 9. Jh) (Kartengrundalge: Bachmann (1986). S.306f)

46. Abbildung: 1702 GeradValck-StatusTirolensis (TIRIS)

11.

Abbildung: Südliche Inntalsiedlungen mit Kirche direkt an der alten Landstraße (von Kufstein bis Jenbach)

12.

Abbildung: gebaute Sozialstruktur in Kundls Ortskern

13.

Abbildung: Bezüge der Kirchen in und um Kundl zu ihrem Umfeld

14.

Abbildung: Siedlungen im Inntal (Datengrundlage: Relief NASA, Gewässer OSM)

15.

Abbildung: Schema der Inntalsiedlungen

16.

Abbildung: Schema zum Siedlungswachstum im Inntal bei Kundl

17.

Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

18.

Abbildung: Ansicht Kundl 1930er Jahre (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

19.

Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

20. Abbildung: abgeschlossene und offene Variante von Gewerbegebieten 21. Abbildung: Kundl - Nutzungszonen einer Siedlung im Inntal 22. Abbildung: Siedlungsperspektive 1: endloses Haufendorf 23. Abbildung: Siedlungsperspektive 2: innere punktuelle Nachverdichtung im Sinne des Haufendorfes 24. Abbildung: Siedlungsperspektive 2: kompakte Anbauten an das Haufendorf 25. Abbildung: Siedlungsperspektive 3: innere Nachverdichtung an den West-Ost Achsen 26. Abbildung: 1470 NicolausCusanus,HenricusMartellusGermanus-DescriptioGermaniaeModernae (TIRIS) 27. Abbildung: 1500 MarcusBeneventanus-Mitteleuropa (TIRIS) 28. Abbildung: 1513 MartinWaldseemüller-TabulaModernaGermanie (TIRIS) 29. Abbildung: 1561 WolfgangLazius-RhetiaeAlpestrisInquaTirolisCom(itatus)Descriptio (TIRIS) 30. Abbildung: 1573 AbrahamOrtelius-ThetiaeAlpestrisDescriptio,InQuaHodieTirolisComitatus (TIRIS) 31. Abbildung: 1578 GerardDeJode-TirolisComitatusSeuPartisRhaetieAlpestrisInsignisDescriptioChorographica (TIRIS)

120

47.

Abbildung: 1707 AlexisHubertJaillot-LeComtéDeTirolLesEvechésDeTrenteEtDeBrixen (TIRIS)

48. Abbildung: 1716 JohannBaptistHomann-ComitatusPrincipalisTirolis (TIRIS) 49. Abbildung: 1742 GeorgeLouisLeRouge-Le Comté de Tirol les Evechés de Trente et de Brixen (TIRIS) 50. Abbildung: 1774 PeterAnich.BlasiusHueber-Atlas Tyrolensis (TIRIS) 51. Abbildung: 1790 FranzKarlZoller-Compendium Atlantis Tyrolensis Anichiani (TIRIS) 52. Abbildung: 1797 IgnazHeijmann-PostkarteDerGEfürsteetnGrafschaftTyrol (TIRIS) 53. Abbildung: 1800 ChristianBenjaminGlassbach-Übersichts- und Straßenkarte der gefürsteten Grafschaft Tirol (TIRIS) 54. Abbildung: 1800 Landgerichtskarte (TIRIS) 55. Abbildung: 1804 PhilippMiller-GeographischerEntwurfDerStraßenzügeDer6TirolerKreise (TIRIS) 56. Abbildung: 1808 CarteDuTyrol (TIRIS) 57. Abbildung: 1810 CarteVonTirol (TIRIS) 58. Abbildung: 1816 ZweiteFranziszeischeLandesaufnahme (TIRIS) 59. Abbildung: 1823 SpezialkarteTirol (TIRIS) 60. Abbildung: 1827 Jurisdictions-KarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS) 61. Abbildung: 1838 JosephAntonWoerl-KarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS) 62. Abbildung: 1840 Zoller‘s Post und Reise-Karte von Tirol und Vorarlberg (TIRIS) 63. Abbildung: 1844 Strassenkarte von Tyrol und Vorarlberg (TIRIS) 64. Abbildung: 1849 GeognostischeKarteTirols (TIRIS) 65. Abbildung: 1850 C.A.Czichna-FinanzKarteVonTirolUndVorarlberg (TIRIS) 66. Abbildung: 1854 Administrativ-KarteDerGefürstetenGrafschaftTirolMitVorarlberg (TIRIS) 67. Abbildung: 1870 DritteLandesaufnahme (TIRIS) 68. Abbildung: 1895 Generalkarte von Mitteleuropa (TIRIS)


Wissenschaftlicher Anhang

69. Abbildung: 1925 ÖsterreichischeSpezialkarte (Quelle: TIRIS)

105. Ökotone in Kundl

70. Abbildung: 1997 ÖsterreichischeKarte (TIRIS)

106. Abbildung: Haufendorf Kundl vom 7.Jh bis ins 17. Jh

71. Abbildung: 2012 Luftbild (GoogleEarth)

107. Abbildung: Haufendorf Kundl 1748

72. Abbildung: Kundl frühgeschichtlich (frühgeschichtliche Fundorte schematisch dargestellt)

108. Abbildung: Haufendorf Kundl 1805

73. Abbildung: Kundl vom 7.Jh bis ins 17. Jh (Kartengrundlage: Bachmann (1986). S.58ff.)

109. Abbildung: Haufendorf Kundl 1870

74. Abbildung: Kundl 1748 (Kartengrundlage: Bachmann (1986) Falttafel II)

110. Abbildung: Haufendorf Kundl 1952

75. Abbildung: Kundl 1805 (Kartengrundlage: Erste Josephinische Landesaufnahme)

111. Abbildung: Haufendorf Kundl 2009

76. Abbildung: Kundl 1870 (Kartengrundlage: Dritte Landesaufnahme)

112. Abbildung: Ressourcenverteilung um Kundl (Datengrundlage: Relief TIRIS)

77.

Abbildung: Kundl 1952 (US Army Map Service Austria - AMS Series M871)

113. Abbildung: Alte Landstraße am Standpunkt der heutigen Feuerwehr (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

78. Abbildung: Kundl 2009 (DKM 2009)

114. Abbildung: Ausrichtung der Giebelfronten zur Straße

79. Abbildung: Kundl und Liesfeld vor der Flurzusammenlegung 1748 (Bachmann (1986) Falttafel II)

115. Abbildung: Ausrichtung der Erker zur Straße

80. Abbildung: Innstromkarte 1800 (Land Tirol tiris Kartendienste)

116. Abbildung: Ausrichtung der Giebelfronten zur Straße - Erweiterungsmöglichkeit an Hinterseite

81. Abbildung: Erste Josephinische Landesaufnahme 1805 (Land Tirol tiris Kartendienste)

117. Abbildung: Ausrichtung der Seitenfront zur Straße - begrenzte Erweiterungsmöglichkeit entlang der Straße

82. Abbildung: Zweite Josephinische Landesaufnahme 1816 (Land Tirol tiris Kartendienste)

118. Abbildung: Die Kirche als zentrale Kommunikationsschnittstelle zwischen der göttlichen und irdischen Sphäre

83. Abbildung: Kulturen Skelett Karte 1860 (Land Tirol tiris Kartendienste)

119. Abbildung: Das Prinzip der Ressouceneinsparung bei Hofteilen und Siedlungsflächen

84. Abbildung: Dritte Landesaufnahme 1870 (Land Tirol tiris Kartendienste)

120. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

85. Abbildung: US Army Map Service Austria (AMSSeries M871) 1952 (Land Tirol tiris Kartendienste)

121. Abbildung: Aktueller Teilungsvorschlag Riedmann Areal

86. Abbildung: Verbreitungsgebiet des Streu- und Sammelsiedlungsraums in Tirol (Czekelius S.18)

122. Abbildung: Auland Ache 1870

87. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1930 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

123. Abbildung: Auland Ache 1952

88. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1935 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

124. Abbildung: Auland Ache 2012

89. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

125. Abbildung: Ansicht Kundl 1949 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

90. Abbildung: Luftbild Kundl ca. 1950 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

126. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1960 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

91. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

127. Abbildung: Postkarte Kundl nach 1938 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

92. Abbildung: Kundler Erschließungsstruktur 1748 (Datengrundlage: Höhenlinien & DKM Gemeinde Kundl, Kartengrundlage: Bachmann (1986) Falttafel II)

128. Abbildung: Ansicht Kundl ca. 1953 (Photoarchiv © Hannes Sollerer)

93. Abbildung: Kundler Erschließungsstruktur 1805 (Kartengrundlage: Erste Josephinische Landesaufnahme, Datengrundlage: DKM Gemeinde Kundl) 94. Abbildung: Kundler Erschließungskonzept aus überregionaler Sicht 95. Abbildung: Kundler Erschließungskonzept aus lokaler Sicht 96. Abbildung: Kundler Erschließungsstruktur 2009 (Datengrundlage: Höhenlinien & DKM Gemeinde Kundl) 97. Abbildung links: Güterströme in Kundl über die Zeit (frühe Neuzeit, nach Bahnbau, nach Umfahrungsstraßenbau) 98. Abbildung: Innerörtliche Distanzen und Zeitaufwand mit Fahrrad und zu Fuß 99. Abbildung: Alte Ansichtskarte Kundl (Photoarchiv © Hannes Sollerer) 100. Abbildung: Luftbild Kundl 1936 (Photoarchiv © Hannes Sollerer) 101. Abbildung: Luftbild Kundl Mitte 1930er (Photoarchiv © Hannes Sollerer) 102. Abbildung: Veränderung der Güterströme und der Gewerbebetriebsausrichtung 103. Abbildung: Pendelbewegung im unteren Inntal und das mediale Netz der Kirchtürme

129. Abbildung: Anordnungen unterschiedlicher Tiroler Hoftypen (Czekelius S.37f.) 130. Abbildung: Grundrsisschema des „Unterinntaler Einhofs“ 131. Abbildung: Repräsentative Elemente eines Tiroler Hauses außen 132. Abbildung: Repräsentative Elemente eines Tiroler Hauses innen 133. Abbildung: Kundl als Unterinntaler Einhof 134. Abbildung: Dr. Hans Bachmann Straße mit Brauerei Kundl um 1900 (Bachmann (1986). S.481) 135. Abbildung: Trennende Elemente zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit 136. Abbildung: Gebaute Sozialstruktur in Kundl 137. Abbildung: Anzahl der Haushalte nach Personen pro Haushalt in Österreich 2011 (Statistik Austria) 138. Abbildung: Primärenergieversorgung weltweit nach Energieträgern 1973 und 2008 (IEA) 139. Abbildung: Gesamtenergieverbrauch nach Energieträgern (Baverstock) 140. Abbildung: Mögliche Einteilung räumlich getrennter Leitbilder nach siedlungsmorphologischen Kriterien

104. Abbildung: Schema möglicher platzsparender Gewerbeorganisation entlang der West-Ost Straßen

121

Kundl Siedlungsmorphologische Analyse  

Siedlungsmorphologische Analyse der Gemeinde Kundl. Verfasser: René Mayr, 2012

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