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KOLUMNE Sinn oder nicht Sinn? Oder: Warum wir Löcher in unsere Realität schneiden sollten Erfüllte Wirtschaftswelt? Sind wir erfüllt? Oder: Was erfüllt uns? Fragen nach Erfüllung sind Sinnfragen, philosophische, unverdauliche, aus dem Alltag gerissene, völlig unpraktische und zumeist unerfüllte Fragen dazu, weil sie schwer zu beantworten sind. Doch: Wir alle sind in irgendeiner Form auf der Suche nach dem Sinn unseres Lebens. Auf der Suche nach Bestimmung und Auflösung unseres eigenen, aber eben unbekannten Schicksals. Und viel zu schnell landen diese Fragen im Abseits des geschäftigen Wirrwarrs. Nicht nur das: Diejenigen, die sich scheinbar professionell mit Sinnfragen beschäftigen, wirken auf uns suspekt, dubios und weltfremd, außer sie sind hierfür irgendwie gesellschaftlich legitimiert. Oder sie erschrecken uns mit missionarischem Eifer, wollen uns beraten, coachen und uns ganz schnell und ganz einfach auf den ultimativen Erfolgsweg führen. Oft genügt schon ein Wochenendseminar auf dem sonst so steinigen Pfad zum persönlichen Glück. Ebenso ergeht es uns mit denjenigen, die sich an hohen Idealen orientieren, sie machen auf uns den Eindruck von Träumern, Fantasten oder Illusionisten, im besten Fall erkennen wir sie als Künstler an. Aber auch in der ganz und gar von der Gefahr persönlicher Glückseligkeit entfernten Ökonomie geht es mittlerweile um Sinnsuche.


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KOLUMNE Begann das Wirtschaftssystem einst als Überlebenskampf und Versorgungsmaschinerie, sind wir längst in gesättigten Märkten angekommen, in denen wir völlig überreizt und abgehetzt von einer Rabattaktion zur nächsten stolpern. Nur nichts verpassen, immer dabei und mittendrin sein, denn der Konsum wartet nicht. Dennoch: Der Sinnwandel in den Märkten ist eindeutig – Es geht nicht mehr darum, wie, wo und wann wir konsumieren, sondern warum wir dies (eigentlich) tun (sollten). Immer mehr lassen wir uns in der Exkursion zu den unzähligen Konsumerlebnissen von Motiven der Entfaltung und Selbstverwirklichung leiten, kurz: Es geht um Lebenskunst und die Frage: Wie will ich mein Leben gestalten, dass es mich erfüllt? Bei der Suche nach den richtigen Antworten, sind wir allerdings tief verunsichert. Kein Wunder: Die Zukunft ist unberechenbarer denn je, langfristige und zuverlässige Perspektiven gibt es keine mehr, gesellschaftliche Institutionen verlieren an Glaubwürdigkeit und Orientierungskompetenz. Auch die Wirtschaft selbst ist verunsichert, rechnet sich nicht mehr reich, sondern mit allem und der Euro schwankt, und mit ihm ganz Europa. Wo man hinschaut nur noch Schulden, selbst der American Way of Life endet womöglich in einer Sackgasse. Je unsicherer das äußere Umfeld erscheint, desto stärker streben wir nach innerer Stabilität. Und damit liegen wir richtig: Persönliche (Selbst-)Sicherheit ist das beste Mittel, um mit einer komplexen und dynamischen, also überaus chaotischen Welt umgehen zu können. Das gilt vor allem für die Wirtschaft: Ohne Sinn keinen Gewinn, könnte man sagen. Um den Erfüllungsansprüchen der Gesellschaft gerecht werden zu können und sich damit auch Märkte zu öffnen, wird es für Unternehmen zur entscheidenden Aufgabe, eine Verbindung zwischen


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KOLUMNE wirtschaftlichen Prinzipien und Sinnstiftung in glaubwürdiger Form herzustellen. Doch nicht nur der Markt orientiert sich zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Sinnkultur. Der Anspruch auf Erfüllung tritt insbesondere in unserer Arbeitswelt zutage. Bei vielen hat der ausgeübte Beruf rein gar nichts mit wahrer Berufung zu tun, sondern mit Gelegenheit, scheinbar mangelnden Alternativen oder einer zweckdienlich kalkulierten Karriere. Die Folge: Umfragen belegen, dass über zwei Drittel der Beschäftigten mit ihrer beruflichen Tätigkeit nicht zufrieden sind. Top-Manager sind ausgebrannt und Spitzenpolitiker schmeißen hin. Wirkliche und damit erfüllte Produktivität entfaltet sich nicht in der herkömmlichen Version der Arbeit, sondern im Engagement, in der Betätigungslust. Der Unterschied zwischen Engagement und Arbeit liegt allerdings nicht in der Gelegenheit, an mangelnden Alternativen oder im Karrierezwang, sondern ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Eine Frage, die sich zu stellen immer wieder lohnt: Arbeite ich (nur) oder bin ich engagiert? Falls die Antwort auf den ersten Frageteil fällt, schließt sich die nächste Frage an: Wie kann ich die wundervollen Attribute des Engagements (Lust, Spaß, Freiwilligkeit, Ambition) auf meine Arbeit übertragen? Und klingt die Antwort darauf etwa wie: „… dieser Wandel lässt sich wegen äußerer Umstände nicht realisieren“, dann bitte weiterlesen. Ein anderes Leben vielleicht …?


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KOLUMNE Viele träumen von einem anderen Leben. Einem anderen Leben, das sie führen würden, wenn sie es könnten. Dass sie es nicht können, liegt an dem Umstand, den ich immer wieder in Frage stelle: Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen sind schuld. Rahmenbedingungen, die uns unumstößlich erscheinen, weil wir sie als unumstößlich ansehen. Freilich, der Alltag ist mächtig, und die Zwänge, in die wir uns meist selbst hineinmanövrieren, sind nicht von geringerem Ausmaß. Pffff. Zur Kompensation schaffen wir uns Traumwelten, in die wir – in einem Moment der Ruhe, im Augenblick, der nur uns gehört - flüchten. Oft finden wir auch Platz in den Träumereien anderer, beispielsweise in der Welt der Stars, im Film oder neuesten Videospiel. Dort sind wir wieder ganz Konsument und verschlingen die servierten Fantasien, die – wenn sie gut gemacht sind – uns berühren und uns in der Interaktion für einige Momente mit dem Gefühl beschenken, eine andere Person in einer anderen Welt zu sein. Menschen, die uns solche Träume liefern, finden unsere Bewunderung, wir beneiden sie, halten sie für außergewöhnlich, worauf sich deren Erfolg und Prominenz eindrucksvoll gründen. Auch Unternehmen versuchen sich dieses Gefühls zu bemächtigen, indem sie die Marken ihrer Waren mit Fantasien belegen, die wir beim Kauf des jeweiligen Produktes auf uns übertragen können. Diese Fantasien sind fiktiv, auf qualitativer Ebene


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KOLUMNE gibt es ja schon lange keine Unterschiede mehr zwischen den Fabrikaten. Was die wirkliche Aura von Marken ausmacht, ist die Kraft ihrer Imagination. Ja, das bestimmt ihren Wert: Die Übertragung des Gefühls auf den Kunden, etwas Besonderes zu sein. Doch der Konsum von Prestige und Selbsterfüllung stößt an seine Grenzen, zu viele austauschbare Images sind bereits am Markt. Weshalb ein Trend zur Authentizität schon vor Jahren einsetzte, der mehr Glaubwürdigkeit in die inszenierten Fantasien tragen will. Auch Film- und Spieleproduktionen in 3D suchen mit neuen, hochintensiven Erlebniswelten die herkömmlichen Gefühls- und Identifikationsgrenzen zu sprengen. Lösten in meiner Generation noch Winnetou und Old Shatterhand Wildwest-Romantik aus und machten uns alle im Kinosessel zu heimlichen Helden und das Auditorium zu Blutsbrüdern, erleben die Generationen nach uns neue Dimensionen: Sie können sich restlos in die 3D-Interaktionswelten einklinken. Und das Gefühl, Akteur zu sein, rast in nie gekannter Intensität durch die Nervenbahnen der Spieler. Diese ausgeklügelten Entertainmenttechnologien werden sich eher früher als später auch die Marketingabteilungen der Unternehmen zunutze machen und uns Konsumenten in 3D-Markenwelten schicken, in denen unsere Identität mit dem Produkt gemeinsame Erlebnisse zelebriert. Doch – wird uns das erfüllen? Kurzzeitig, vielleicht.


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KOLUMNE Kurzzeitig, so, wie es der Konsum eben vermag. Und die Technologie? Neue Technologien faszinieren uns, aber nachhaltig erfüllen können sie uns nicht – bleiben sie doch reine Funktion. Auf andere Gedanken kommen Was ist mit unserem Traum von einem anderen Leben? Und was ist mit dem Sinn, dessen Erfüllung wir, entweder offensichtlich oder heimlich, aber doch ein Leben lang nachjagen? Bleibt es beim Traum? Ich denke, das Wunderbare an einem Traum ist seine Unerfüllbarkeit. Sie ist die Basis seiner Wirkung: Sich seinen Fantasien hinzugeben, sie auszumalen und sich in ihnen zu verlieren, ist eine ganz besondere Erfahrung. Dabei sollten wir Träume als das annehmen, was sie sind – Spielräume. Sobald und je mehr wir nach der Erfüllung eines Traums streben, desto unerfüllbarer wird er. Er wird deshalb unerfüllbar, weil wir im Streben nach Verwirklichung nicht mehr im Traum sind, sondern dann in der Erwartung leben. Und Erwartungen streben immer nach Bestätigung, was sie zum Zwang macht. Und Zwänge beenden Träume. Am Ende steht die Enttäuschung. Träume sind eine Erweiterung unseres Gefühlslebens und keine Bestätigung auf unsere Erwartungen; ihre Realisierung lässt sich nicht erzwingen. Deshalb plädiere ich dafür, die Unerfüllbarkeit eines Traumes nicht zu verwerfen, sondern sie zu genießen. Sie schafft andere Gedanken. Und sie erzeugt innere Freiheit, die es uns ermöglicht,


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KOLUMNE auch äußere Freiheiten zu erschaffen. Sobald wir träumen – ohne Erwartungszwang – werden wir unser Leben mit unseren gefühlten Fantasien bereichern, ohne uns selbst unter Druck zu setzen. Träume sind für mich wie „Löcher schneiden in die Realität“. Diese „Löcher“ ermöglichen es uns, in unsere eigenen, aber anderen Fantasiewelten zu blicken, ja, wir können uns damit Räume eröffnen, in denen wir mit uns selbst spielen. Diese Erfahrungen sollten wir in unsere Realität mitnehmen. Wir können ein anderes Leben haben, wenn wir uns ein anderes Leben denken. Wir werden ein anderes Leben haben, wenn wir das Leben anders fühlen. Sinn oder nicht Sinn Der rote Faden, der sich durch diese Zeilen zieht, ist in einem Satz zusammengefügt: Gefühl statt Funktion. Sobald wir die Welt gefühlt wahrnehmen, wird sie uns anders erscheinen, als aus Sicht funktionaler Erwartungen. Funktionen sind wichtig, zweifellos, sie sichern den geordneten Ablauf unseres Alltags. Aber sie sind nicht alles. Behandeln wir sie als Verbündete, nicht als Vorbilder. Wir Menschen sind nicht dafür geschaffen, „nur“ zu funktionieren. Wäre dem so, würden wir nicht träumen und nach dem Sinn unserer Existenz fragen. Dennoch sollten wir Träume nicht gegen Funktionen ausspielen. Im Gegenteil: Die Verbindung von Fantasie und Funktionalität kann durchaus Schönes erschaffen. Und ich bin davon überzeugt, dass sich mit


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KOLUMNE der Veränderung unserer Gefühle auch die Wirkung der Funktionen ändert. Über die Frage nach Sinn oder nicht Sinn haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Es gibt unzählige religiöse und philosophische Deutungen, zunehmend auch ökonomische. Fragen, die (noch) unbeantwortbar sind, fordern eine persönliche Wahl. Ich habe mich dafür entschieden, den Sinn des Lebens nicht als geheimnisvolles Ziel anzusehen, das ich vermutlich nie erreiche. Es geht beim Sinn – so glaube ich - nicht um ein Rätsel, das es zu enthüllen gilt. Auch die Erfüllung ist keine abgehobene Lösung für Probleme, ein glückseliger Endzustand oder gar ein intellektuelles Extrawürstchen. Sinn ist für mich die besondere Qualität eines Gefühls. Des Gefühls, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Sinn ist das Gefühl, das Richtige zu tun. „Aber Herr Schwarzmann“, höre ich da meine Kritiker sagen, „wollen Sie wirklich jemand sein, der sich nur durch seine Gefühle leiten lässt?“ „Ich weiß“, antworte ich darauf, „in unserer rationalen Ziel- und Ertrags-Welt hat es für Gefühle keinen Platz. Doch der Mensch ist ein Gefühlswesen und sollte daher wieder neuen Platz für seine Emotionen schaffen. Je mehr Löcher wir in die Realität schneiden, desto mehr können unsere Träume in die Wirklichkeit durchschimmern. Und je mehr bestimmen Intuition und Kreativität unser Leben. Ich glaube, das wäre eine Bereicherung.“


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KOLUMNE Je gefühlvoller wir der Welt begegnen, desto sinnvoller begegnet sie uns. Denn Gefühle schaffen Bedeutung. Sinn ist also, sofern Sie meiner Auffassung folgen mögen, ein gutes Gefühl; ja, das Gefühl, richtig zu fühlen. Es gibt doch nichts Erfüllerendes. Oder?

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