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willkommen ist, egal wie sie oder er angezogen ist. Es ist ein Ort für alle, die Lust darauf haben, sich mit der Realität auseinanderzusetzen und sie, übersetzt in die symbolischen Formen des Theaters, anders zu betrachten. SKRABAL: Der investigative Jour­nalismus, den wir betreiben, soll sich grundsätzlich auch an alle richten. Wir müssen so schreiben und unser Magazin so gestalten, dass niemand durch abgehobene Sprache ausgeschlossen wird. Die Hauptsache ist, dass wir belegbare Fakten liefern und uns dafür auch die Zeit nehmen. Beim „SchnellerMachen“ überholen sich eh alle. ECKELSBERGER: Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen unserer Arbeit und tagesaktueller Berichterstattung. Da sollst du heute auf die Schnelle ein Abbild dessen schaffen, was gerade vor sich geht. Morgen dann wieder. Und so geht es immer weiter. Du produzierst eine Story nach der anderen. Je nach dem, wann der*die Leser*in ein- oder aussteigt, ist er*sie anschließend verwirrter als vorher. SKRABAL: Es gibt den Begriff des „entschleunigten Journalismus“. Dem haben wir uns verschrieben. Denn wir haben es als eine Lücke empfunden, dass du dich als Journalist*in nur sehr selten über einen längeren Zeitraum mit einem Thema auseinandersetzen kannst.

dem Punkt mit deiner Arbeit aufhörst, wo du dir eine gute Story zusammenbasteln kannst. Wir gehen genau andersrum vor. Und wir leisten uns den Luxus, Ambivalenzen zuzulassen. FUHR: Das sehen wir im Theater auch so. Erst die Suche nach den Ambivalenzen macht uns relevant. Von der Bühne schreien, wie blöd ein*e Politiker*in oder eine Partei ist, das wäre doch zu einfach. Wir wollen die Welt in ihrer Komplexität annehmen und uns Fragen stellen, die alles womöglich noch vielschichtiger werden lassen. Wir sind kein Sprachrohr einer politischen Gesinnung, sondern auf der Suche nach etwas, das wahr sein könnte. ECKELSBERGER: Unsere erste große Recherche hat sich mit der Inseraten-Vergabe der Stadt Wien und damit auch mit den damals regierenden Parteien SPÖ und Die Grünen auseinandergesetzt. Daraufhin haben wir großen Beifall aus FPÖ-Kreisen bekommen. Als wir eine Story zu den Missständen in Asylheimen veröffentlichten, haben wir diese Follower wieder verloren. Die hatten wohl erwartet, dass wir gezielt gegen linke Parteien vorgehen. Das ist natürlich nicht der Fall. Wir beschäftigen uns mit denjenigen, die an der Macht sind, die darüber bestimmen, wie wir leben. Da macht Kritik wirklich Sinn.

In der Regel bist du mehr damit beschäftigt Agenturmeldungen umzuschreiben, anstatt das zu tun, was unseren Job ausmacht: Recherchieren, hinterfragen und einordnen. ECKELSBERGER: Wir wollen eben nicht einfach darüber berichten, was er oder sie mal zu jenem Thema gesagt hat. Unter Kolleg*innen gibt es sogar die Maxime: Recherchiere deine Geschichte nicht tot. Dahinter steckt der Gedanke, dass du einfach an

FUHR: Das Volkstheater ist aus einem Oppositionsgedanken entstanden. Als bürgerliches Gegenmodell zur Aristokratie. Da haben wir wieder was gemeinsam! SKRABAL: Ja, im Zweifel stehen wir immer auf der Seite der Schwächeren.

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