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Genau das hat auch Vorteile: Die Zugangsbeschränkungen und Barrieren, die sicherstellen, dass im Theater die Privilegierten unter sich bleiben, sind hier ein Stückweit außer Kraft gesetzt. Angetrieben von der Logik symbolischer und finanzieller Tausch­ geschäfte, zwei­­fel­hafter Deals, bei denen es Gewinner*innen und Verlierer*innen gibt, kann Popkultur viel sensibler, oft mit seismographischer Genauigkeit auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Sie bringt Sprechweisen und Subjektivitätsmodelle ins Spiel, lange bevor sie auf den Radarbildschirmen der Hochkultur erscheinen. So waren Rock und Punk immer auch Manifestationen einer für vielfältige Einflüsse offenen proletarischen Kultur. Die Geschichte der Schwarzen Musik, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, hat schon vor der Entstehung von Rap und HipHop viele der Fragen vorweggenommen, die heute am Theater im Zusammenhang mit Themen wie „Diversität“ oder „Identitätspolitik“ diskutiert werden.

Nicht umsonst spricht der französische Ökonom Jacques Attali im Zusammenhang mit Musik von einem prophetischen Medium. Sie ist ein immaterieller kultureller Code. Die in der Welt der Gegenstände noch unsichtbaren Umrisse kommender Ordnungen sind ihr bereits eingeschrieben. Wir können die Welt von morgen nicht sehen, aber vielleicht schon hören. Das gilt mehr denn je für Popkultur unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters. Wer erfahren möchte, wie Algorithmen die Funktionsweisen und Erscheinungsformen der Kulturwirtschaft, von Fragen des Urheber*innenrechts bis hin zur Rolle des Menschen für den kreativen Prozess, verändern werden, erfährt es in der Beschäftigung mit Streamingplattformen wie Bandcamp oder Spotify. In den nächsten Jahren wird sich das Volkstheater mit seiner geschichtlich gewachsenen Rolle als Ort einer genuin „nicht-aristokratischen“ Kultur auseinandersetzen. Das bedeutet auch, dass Pop – und marginalisierte Ausdrucksformen überhaupt – den Spielplan

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SPIELZEIT 20/21

prägen. Verschiedene Individuen und gesellschaftliche Kräfte formulieren sich in unterschiedlichen Medien. Es gibt viel zu sehen – und zu hören. Mit Paul Wallfisch hat das Theater einen Musikalischen Leiter, der das Haus und seine Inszenierungen zum Klingen bringt. Ein von Christoph Gurk kuratiertes Konzertprogramm bringt aktuelle Strömungen aus Clubkultur und Independent-Pop, Song­writing und Jazz, Avantgarde und Weltmusik in alle Spielstätten. In der Roten Bar verbindet sich das Volkstheater mit der Wiener Subkultur und widmet sie, mehrfach im Monat, in eine Partyzone um. Feiern als Form der Selbstermächtigung höchst verdächtiger Kollektive und Subjekte.

Paul Wallfisch

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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