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Text von

CHRISTOPH GURK

WAS THEATER VON POPKULTUR LERNEN KANN Seit Peter Zadek für seine Inszenierung ANDI die Einstürzenden Neubauten auf die Bühne des Hamburger Schaupielhauses holte, hat es immer wieder Versuche gegeben, Popkultur und Theater aufeinander zu beziehen. Viele von ihnen haben zweifelhafte Resultate hervorgebracht, weil oftmals übersehen wird, was beide Disziplinen trennt. Die Protagonist*innen der Popkultur erwarten, dass sich das Publikum in einem quasi-religiösen Ritual mit ihnen identifiziert. Im Theater hingegen spielen Menschen eine Rolle. Interessant wird es immer dann, wenn Mischformen entstehen – und zwar solche, die diesen Unterschied nicht leugnen, sondern sichtbar und produktiv machen. Selbst eine Konzertveranstaltung, präzise in Szene gesetzt, verändert sich, wenn sie auf eine Theaterbühne verlegt wird. Der Ort selbst, mit seinen geheimnisvollen Gesetzmäßigkeiten, führt 79

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einen oftmals erhellenden Verfremdungseffekt herbei. Das gleiche Geschehen, das im Musikclub von sich behaupten kann, „natürlich“ und kulturell voraussetzungsfrei zu sein, wird unter den Bedingungen des Theaters als eine Form der Inszenierung sichtbar. Als Resultat von Entscheidungen, die alles andere als unschuldig sind. Umgekehrt kann das Theater von der Popkultur lernen. Das betrifft nicht einfach nur musikalische Idiome oder visuelle Signale, Stile oder Outfits, die mal mehr, mal weniger erfolgreich ihren Weg in eine Inszenierung finden können. Auf einer tiefer liegenden Ebene gilt es in vollem Umfang zu verstehen, dass die Entwicklung von Popkultur, als Kunstform, den Gesetzen des Marktes unterliegt. Genommen wird, was sich verkauft. Das trägt ihr seit jeher den Vorwurf ein, nicht viel mehr als das kulturelle Gesicht des Kapitalismus selbst zu sein.

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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