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Die Handlung beginnt an einem Tag im August des Jahres 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der dann schnell zum Zweiten Weltkrieg führte, das Ende der Monarchie in Österreich bedeutete, die Welt bis in die Gegenwart hinein prägt. Der Ort: Kakanien. Dahinter verbirgt sich die „Kaiserlich und Königliche Kaiserlich-Königliche Österreichische und Ungarische Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie“ – schon dieses Wortmonster ist so lang und verworren wie das Buch und das Leben selbst. Damals wie heute: Eine Weltordnung scheint zusammenzu­ brechen, Dinge, die geordnet zu sein scheinen, geraten in Bewegung, Normen und Überzeugungen verlieren an Festigkeit, alles kommt aus dem Gleichgewicht. Robert Musils Hauptwerk DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN ist wohl Österreichs wichtigster Beitrag zur Weltliteratur. Doch so berühmt der Roman auch ist, so wenig Leser*innen dürften ihn jemals komplett gelesen haben. Dieses Projekt war ein einziges Schreib­experiment. Es beschäftigte Musil zwanzig Jahre seines Lebens. Geldmangel, Krankheit, die politischen Umstände und das Scheitern an den eigenen Ansprüchen hatten zur Folge, dass das Mammutwerk unvollendet blieb. So hinterließ Musil ein einfluss­ reiches und brillantes, aber eben auch fragmentarisches Werk, das an Ideenfülle kaum zu überbieten ist. So wie sich Ulrich, der Hauptprotagonist in diesem Buch, ein Jahr Urlaub nimmt, in einen fiktiven Modus eintaucht, um zu begreifen, in welcher Zeit und unter welchen Umständen er lebt, können sich die Zuschauer*innen einen Abend lang in Musils Welt begeben, um dann die Welt und damit sich selbst schärfer zu sehen. Mit vereinten Kräften bringt das Ensemble des Volks­ theaters den ersten Teil von Musils Werk zu Gehör. Vorträge von Literaturhistoriker*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Musiker*innen zeigen, wie aktuell und amüsant der Roman für uns heute noch ist. Das gesamte Theatergebäude, auch an den unzugänglichsten Winkeln, wird zum Ort der Begegnung mit einem ungeheuren Roman und einem neuen Ensemble. Die Zeit läuft ...

Das gesamte Ensemble liest den Roman im ganzen Haus von

im Volkstheater Dramaturgie

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SPIELZEIT 20/21

Robert Musil

HENNING NASS

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