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Uraufführung Eine interaktive Autopsie menschlicher Gewalt von Fronte Vacuo (Marco Donnarumma, Margherita Pevere, Andrea Familari) im Volx Regie, Konzept, Choreographie, Musik, Robotik MARCO DONNARUMMA Konzept, Choreographie, Symbionten MARGHERITA PEVERE Interaktives Licht- und Videodesign, Technical Direction ANDREA FAMILARI KI und Machine Learning Research BAPTISTE CARAMIAUX KI-Engineering MEREDITH THOMAS Skulptur ANA RAJCEVIC Bühne und Kostüm ANNA CINGI Producer RENÉ DOMBROWSKI With special participation of 4RUDE Dramaturgie ANNE-KATHRIN SCHULZ

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Ist das Tanz, Dauerperformance, Schauspiel, biologischtechnologische Installation oder ein kollektives Experiment? Vermutlich alles zusammen. Die Künstler*innengruppe Fronte Vacuo (Marco Donnarumma, Margherita Pevere, Andrea Familari) blickt in ihrer neuesten Produktion HUMANE METHODS [∑XHALE] auf Menschen, Maschinen und Algorithmen. Sie spielt in einer Welt, in der systemische Intoleranz, Umweltzerstörung und unethische Tech­no­logieentwicklung eine alles durchdringende Gewaltstruktur gebildet haben. Diese Gewaltstruktur ist sichtbar und unsichtbar zugleich. Sie betrifft sowohl biologische Akteur*innen auf Kohlenstoffbasis (wie Menschen, Tiere und Pflanzen) – als auch nicht-biologische Akteur*innen. Ein Beispiel ist die in der Entwicklung künstlichintelligenter Maschinen verwendete Methode der „Brute Force“. Die hier zum Einsatz kommenden neuronalen Netzwerke „lernen“, indem sie manisch wieder und wieder die gleiche Aktion durchführen. Um etwa einen bestimmten Bildinhalt erkennen zu können, durchlaufen sie Trial-and-Error-Loops, die so oft wiederholt werden müssen, bis sie ein Muster identifizieren können. Mit Intelligenz, wie wir sie beim Menschen antreffen, hat dieser Ansatz nichts zu tun. Er baut auf reine Kraft: auf die Rechenleistung zusammengeschalteter Maschinen im Dauerfeuer der Loops. Die neue Performance von Fronte Vacuo greift die Prinzipien des Dauerloops und der Zusammenschaltung auf und bildet einen Mensch-Maschine-Knoten, der die „Brute Force“ – als Manifestation kapitalistischer Brutalität gegenüber allem Existierenden – untersucht und sichtbar macht. Die Akteur*innen auf der Bühne sind Tänzer*innen, Performer*innen und Schauspieler*innen und eine für diese Produktion erschaffene KI. Sie beobachtet den Raum und steuert die Dramaturgie des Abends – und damit auch die an diesem Geschehen beteiligten Menschen und Maschinen. Wieder und wieder, jeden Abend aufs Neue, lassen die Menschen und Maschinen im Raum immer neue Wirklichkeiten entstehen. In diesem Multiversum an Möglichkeiten läuft die Narration jedes Mal auf einen anderen Endpunkt zu. Wie kann der Kreis der Gewalt durchbrochen werden? Eine Kooperation zwischen dem Volkstheater Wien, Fronte Vacuo und der Akademie für Theater und Digitalität, in Koproduktion mit dem CTM Festival Berlin und dem Tanzhaus NRW, gefördert u. a. von La Diagonale, Paris. In wissenschaftlicher Partnerschaft mit dem Centre National de Recherche Scientifique (CNRS) und dem Laboratoire de Recherche en Informatique (LRI) der Universität Paris-Saclay. Diese Liste ist vorläufig, da zu Redaktionschluss noch nicht über alle Förderanträge entschieden ist.

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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