__MAIN_TEXT__

Page 71

Late Nights zwischen 20 und 20.000 Hertz mit Paul Wallfisch und special guests

„Sowohl in der Musik als auch der Prosa ist das Wesentliche der Rhythmus. Dein Stil muss einen guten, natürlichen, regelmäßigen Rhythmus haben, sonst lesen die Leute nicht weiter. Die Bedeutsamkeit des Rhythmus hat mir die Musik beigebracht – hauptsächlich der Jazz. Als nächstes folgt die Melodie – bezogen auf Literatur also das zum Rhythmus passende Arrangement von Worten. Wenn das Zusammenspiel von Worten und Rhythmus leicht und wunderbar gelingt – mehr kann man* sich nicht wünschen. Dann folgt die Harmonie, der innere mentale Klang, der die Worte stützt. Und dann der Teil, den ich am liebsten mag: freie Improvisation. Durch irgendeinen seltsamen Kanal beginnt dann eine Geschichte, frei von innen nach außen zu quellen. Und alles, was ich machen muss, ist mitzuschwimmen.“ (Haruki Murakami)

Ob Murakami, Patti Smith, Sexton, Beckett, Shange, Hughes, Pico, Puccini, Punkrock, Gamelan, Grime, Drill, Techno, Kpop oder Kesselpauke – der New Yorker Paul Wallfisch, neuer Musikalischer Leiter des Volkstheaters, lädt in seiner ersten LateNight-Reihe zu anarchischen Remixen aus Musik und Literatur. Der Frequenzbereich beträgt 20 bis 20.000 Schwingungen pro Sekunde. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehen Autor*innen, die schrei­ ben, während sie hören: Was waren ihre Playlists? Was die ihrer Figuren? Oder – was könnten sie sein? Für jede Folge wählen Paul Wallfisch und seine Gäste aus Schauspiel und Musik eine*n Autor*in aus und legen los. Es entstehen Late Nights mit Songs und Texten, immer live, jenseits von Epochen und Kontinenten, auf der Suche nach ungewöhnlichen Sound­ tracks für die Gegenwart! Ausgangspunkt der Eröffnungsfolge ist der für 2021 anstehende 100. Geburtstag von Ilse Aichinger. Die Schweizer Schauspielerin, Chansonsängerin und Rezitatorin Anne Bennent bringt bringt Texte der Autorin mit, für die Musik ist an diesem Abend die amerikanische Theremin-Virtuosin und Wahlwienerin Pamelia Stickney bei Paul Wallfisch zu Gast! Danach immer einmal pro Monat, immer in der Roten Bar!

Singvögel im Park, die sich anhand des Östrogengehalts im Abwasser dopen. Termiten, die anhand alter kolonialer Handelsrouten in europäische Hafenstädte einfallen und ganze Regalmeter von Akten wegknuspern. Stadttauben, die nach der Französischen Revolution aus ihren Taubenschlägen befreit wurden und nun auf das Karl LuegerDenkmal defäkieren. In seiner neuen Reihe eröffnet der Wiener Philosoph und artistic researcher Fahim Amir (SCHWEIN UND ZEIT) neue Zugänge zur Fauna unserer Städte und weit darüber hinaus: Anstatt Tiere wie sonst zu bloßen Opfern und kapitalistischer Ressource zu erklären oder romantischen Vorstellungen einer unberührten Natur anzuhängen, wird bei Fahim Amir die Tierwelt zum Schauplatz der Renitenz und Revolte. Es gilt, unser Verhältnis zu Tieren zu entstauben und sie als politische Artgenoss*innen und widerspenstige Gefährt*innen in den Blick zu nehmen. In einer losen Folge von Lecture Performances in der Roten Bar zeigt Fahim Amir die komplexen Verstrickungen von Tier und Mensch in einer beschädigten Welt – und gestaltet so ein neues Bestiarium für unsere verwilderte Gegenwart.

69

SPIELZEIT 20/21

Tierkunde für eine beschädigte Welt von und mit Fahim Amir

Profile for volkstheatervt

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21