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Microsoft bis hin zur Screentime auf Netflix, die begonnen hat, uns den Verzicht auf den Besuch im Theater und im Kino zu versüßen.

TECHNIK Gleichzeitig lenkt die Pandemie unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass das Bild, das wir uns von der Natur machen, und die Strategien, mit denen wir auf sie einwirken, zunehmend von digitaler Datenverarbeitung gesteuert wird. In seinem Buch NEW DARK AGE weist der britische Journalist und Künstler James Bridle überzeugend nach, dass bereits Mitte des 20. Jahrhunderts eine maßgebliche Triebfeder für den Prozess der umfassenden Computerisierung aller Lebensbereiche das archaische und bis heute unstillbare Bedürfnis des Menschen gewesen ist, das Wetter vorhersagen zu können.

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So beunruhigend der faustische Pakt mit Technologie im Lichte der aktuellen Entwicklungen erscheint – es muss klar sein, dass wir auf sie angewiesen sind, wenn wir einen Weg auch aus der Krise finden wollen. Die Rückverfolgung von Infektionsclustern wird genauso mit Hilfe von lernenden Maschinen möglich wie die Modellierung und Prognose des pandemischen Geschehens durch prädiktive Algorithmen. Selbst wenn die im Umlauf befindlichen Corona-Apps den Nachweis ihrer Nützlichkeit zur Eindämmung der Seuche bislang weitgehend schuldig geblieben sind. Der Soziologe Armin Nassehi hat unseren Umgang mit COVID-19, wie mit Naturereignissen überhaupt, treffend als einen Vorgang „digitaler Selbstbeobachtung“ beschrieben. Die Welt kann sich nur deshalb – hoffentlich berechtigte – Hoffnung auf wirksame Medikamente zur Behandlung von COVID-19 und auf die zeitnahe Bereitstellung von Impfstoffen machen, weil mit Künstlicher Intelligenz arbeitende Systeme in der Lage sind, dafür in Frage kommende Substanzen in unvorstellbarer Geschwindigkeit zu analysieren und zu identifizieren. Die unüberschaubare Flut von Studien, in denen sich Fachleute verzweifelt bemühen, das Virus zu verstehen, wäre ohne digitale Netzwerke, die den weltweiten Austausch wissenschaftlicher Datensätze ermöglicht, kaum denkbar.

SPIELZEIT 20/21

Es ist kein Widerspruch, sondern erhellt die Komplexität der auch in ethischer Hinsicht durchaus ambivalenten Rolle, die Technologie innerhalb dieser Gemengelage spielt, dass Programmierer*innen gegenwärtig an der Entwicklung einer Applikation arbeiten, die den Vorgang der Triage – die Entscheidung, welche COVID-19-Patient*innen mit Aussicht auf Erfolg behandelt werden, und wer, wie im vergangenen Frühjahr in Italien, zum Sterben nach Hause geschickt werden muss, ein wahr gewordener Alptraum für jede*n Mediziner*in – dem Urteil von Algorithmen überlässt. All diese Themen – Klimawandel, Cthuluzän, Corona, Technologie – bedingen einander, sie sind ineinander verzahnt. Sie erzählen uns mit erschlagender Detailfülle von einer Welt des Nicht-Menschlichen. Im Rahmen eines mehrtägigen und disziplinübergreifenden Festivals wollen wir sie im Juni 2021 am Volkstheater erkunden und in die Nahaufnahme gehen. Welche Impulse gehen von ihr in Richtung von Politik, Gesellschaft und Kunst aus? Wie schärfen wir unsere Sinne für eine post-pandemische Politik? Wie lässt sich einem Hyperobject wie der Klimakatastrophe mit Mitteln des Aktivismus und der Kunst begegnen? Wie strecken wir unsere Fühler und Tentakel für ein neues Verständnis von Natur und non-humanen Existenzformen aus? Die Lage ist ernst. Die Rede von der Möglichkeit des Aussterbens, schreibt Donna Haraway sinngemäß, ist nicht einfach nur eine Metapher, Systemzusammenbruch kein Thriller: „Ask any refugee of any species.“

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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