__MAIN_TEXT__

Page 58

Begriff des Chthuluzän vor. Er verwebt das Chaos stiftende Monster „Cthulhu“ aus den Horrorgeschichten H.P. Lovecrafts mit dem altgriechischen Begriff „Chthōn“ für die Unterwelt. Die Epoche des Chthuluzäns ist geprägt von der respekteinflößenden Einsicht, mit unzähligen Organismen und Kreisläufen verschränkt zu sein, symbiontisch verknüpft wie ein Hypertext. „Human beings are with and of the earth”, schreibt Haraway. Leben heißt immer Mitleben. Die „Natur“, und wie wir sie verstanden wissen wollen, war immer auch ideologischer Kampfbegriff. In der Sprache des Rechtspopulismus wird immer wieder auf das Versiffte und Feuchte, auf Tümpel und Feuchtgebiete hingewiesen, in denen gottlose neue Spezies und Mischformen sprießen. Der Sumpf war immer schon eine Metapher für Korruption, also erneut für ein verflochtenes, scheinbar regellos wucherndes System, das sich der menschlichen Einflussnahme entzieht. Nicht von ungefähr lautet

der Slogan der amerikanischen AltRight daher „Drain the Swamp!“ – die unüberschaubar mäandernden Flussläufe müssen wieder be56 gradigt, die Sümpfe trockengelegt, die Myzele und Rhizome zum fest verfugten Wurzelwerk werden. Haraway schlägt das genaue Gegenteil vor: Das Tentakelhafte, Schleimige und Pulsierende birgt gerade die Möglichkeit eines auf utopische Weise miteinander verflochtenen und feucht blubbernden Daseins aller Akteur*innen auf Augenhöhe. Das Chthuluzän liefert vielleicht – fruchtbaren Klärschlamm für eine bessere Welt?

VIRUS Dass der Mensch nicht Herr*in im eigenen Haus (in diesem Fall der Erde) ist, zeigt sich in seiner ganzen Dramatik im aktuellen pandemischen Geschehen. Das Virus (lat. virus: zähe Feuchtigkeit, Schleim), weder lebendig noch tot, weder Organismus noch Maschine,

56

SPIELZEIT 20/21

unfähig zur Häme oder zur Reue, verfolgt nur ein Ziel – seine eigene Vervielfältigung. Es denkt und handelt nicht. Ohne seine*n Wirt*in SPIELZEIT 20/21 wäre es vollkommen wirkungslos. Sobald es mich über meine Schleimhäute infiziert, repliziert es sich immer weiter und weiter, fügt seine Informationen meinem Gencode hinzu – und macht sich zum Co-Autor*innen meiner selbst. Tatsächlich besteht die Hälfte unseres Gencodes aus verstümmelten Vireninformationen. Die Geschichte der Menschheit ist immer auch eine unserer Kontakte mit Viren. Wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren Geschichte wird COVID-19 unser Verständnis der Natur und der Welt, in der wir leben, grundlegend verändern. Gnadenlos legt die Pandemie den Blick auf Defizite unserer Zivilisation frei, nicht zuletzt auf beschämende Ungleichheitsverhältnisse, die wir schon vorher hätten erkennen können, wenn wir uns nur dafür interessiert hätten – und spitzt sie weiter zu. Nahezu alle relevanten Debatten der Gegenwart erhalten durch die Pandemie eine verstörende Brisanz. Hierzu zählt auch der unter den Bedingungen der Pandemie sich beschleunigende Siegeszug von Digitalität und Technologie. Corona hat den Menschen zum Sicherheitsrisiko für Unternehmensmodelle gemacht, die sich – noch – auf Humanressourcen verlassen. Dementsprechend schnellen die Aktienkurse der Technologiekonzerne in die Höhe, die den Homo Sapiens durch automatisierte Arbeitsprozesse perspektivisch entweder ganz ersetzen oder, wie schon ein kurzer Blick in die kafkaesken Lagerhallen bei Amazon oder Ali Baba zeigt, in prekäre bis subhumane Beschäftigungsverhältnisse zwingen. An den Börsen wird nicht mehr und nicht weniger als auf die Abschaffung des Menschen als Arbeitskraft spekuliert. Selbstverständlich sind die Unternehmen, die sich nun mehr denn je im Aufwind befinden, die gleichen, deren Produkte den Alltag mit COVID-19 zu bewältigen helfen und ihn auch ein Stück weit erträglicher machen – vom Homeschooling mit den Tools von

Profile for volkstheatervt

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21