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Wer die hier thematisierten Verwüstungen verstehen möchte, wird sich früher oder später mit der Theoriebildung zum Anthropozän beschäftigen müssen. Ursprünglich handelte es sich um einen Namensvorschlag zur Benennung einer neuen geologischen Epoche – rückdatiert auf den Zeitpunkt, ab dem sich die Menschheit als dominanter Faktor in die Erdgeschichte einschrieb – durch großflächige Umgestaltung von Landflächen, Umweltverschmutzung oder tief ins Erdreich vordringende Baumaßnahmen. Im kommenden Jahr 2021 soll eine Arbeitsgruppe einen Vorschlag zur exakten geologischen Definition dieser Epoche für die International Commission on Stratigraphy erarbeiten.

Längst gibt es lautstarke Gegenstimmen, die der Denkfigur des Anthropozäns eine präzisere Positionierung abringen wollen. Wie sehr ist – beispielsweise – das Konzept des Anthropozäns historisch mit dem Imperialismus und der damit einhergehenden kolonialen Ressourcenausbeutung im Globalen Süden verknüpft? Die bereitwillige An- und Ausrufung des Anthropozäns sei ein Vorgang, der – so ungefähr formulieren es Theoretikerinnen wie Kathryn Yusoff oder Eileen Crist – von finanziell gut situierten Intellektuellen und Technokrat*innen aus Industrienationen ausgeübt wird. Indigene Erfahrungsräume werden oftmals ausgeblendet. Wäre es also nicht deutlich treffender, vom Kapitalozän zu sprechen?

„Der Kampf der Silberfische in meiner Neubauwohnung zum Beispiel: Es sind wenige, aber manchmal, wenn ich in das Bad komme, hat sich gerade wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spüle ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da. Für die Silberfische ist, was sich da abspielt, Geschichte. Bleibt die Frage, wer wohnt gegen uns. Stört unser höheres Streben, spült uns weg. Oder machen wir das wirklich selber.“ HEINER MÜLLER

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SPIELZEIT 20/21

Ist nicht der Kapitalismus – angefeuert durch fossile Brennstoffe – der eigentliche Auslöser der hier angesprochenen erdgeschichtlichen Transformationen?

MENSCH Bis in ihren Lebensalltag hinein haben die Menschen während der vergangenen Monate zu spüren bekommen, wie sehr sie auf diesen Planeten und seine ökologischen Prozesse angewiesen sind. Aber es sind nicht nur Viren und Bakterien, sondern ebenso Insekten und Pflanzen, Tiere und Wetterphänomene, die in einem systemischen Zusammenspiel komplexe und von Menschen nicht zu kontrollierende Dynamiken entfalten. Zu revidieren ist daher eine in der Geschichte der Philosophie spätestens seit Kant vorherrschende Ideologie, die allein dem Menschen den Status eines denkenden und handelnden Subjekt zuerkennt und alles andere als ontologisch irrelevante Objekte behandelt. Die Gegenwart, so drücken es Autor*innen wie Graham Harman oder Jane Bennett aus, spricht nicht mehr bloß zu uns – bisweilen bellt, zwitschert, miaut, wiehert und grunzt sie, auch lauthals. Oder sie kommuniziert in für das menschliche Ohr nicht hörbaren Frequenzen. Nicht zu vergessen die zunehmende Anzahl nicht-menschlicher Akteure im Feld der Technologie: Cyborgs, Roboter, Androiden, Chatbots. Der Wiener Philosoph und Künstler Fahim Amir mahnt, es sei dringend an der Zeit, Tiere als politische Akteur*innen zu verstehen. Es gehe nicht mehr bloß darum, wie bei Karl Marx, die Gesellschaftsordnung vom Kopf auf die Füße, sondern stattdessen auf die Hufe und Pfoten zu stellen. Das Leben der Zukunft müsste ein interdependentes Leben zwischen den Arten sein, getragen von politischer Solidarität für nicht-menschliche Existenzformen im weitesten Sinne – oder es wird auch für die Menschen selbst kein lebenswertes Leben mehr geben. Donna Haraway, die Vordenkerin der wuselnden Grenzbereiche und auch Begründerin des Cyberfeminismus, schlägt daher den

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