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Mag sein, dass sich das alles von unserer Warte aus in extremer Zeitlupe abspielt, doch die Folgen sind bereits jetzt immens: 23 Prozent aller Säugetiere, zwölf Prozent der Vögel, 25 Prozent aller Nadelbäume und 31 Prozent der Amphibien sind akut bedroht. Das vom Menschen ausgelöste Artensterben steht den Folgen des Meteoriteneinsturzes vor 65 Millionen Jahren in nichts nach. Das Gewicht der menschlichen Nutztiere – Kühe, Schweine, Ziegen, wir kennen sie alle – übertrifft das Gesamtgewicht aller wild lebenden Säugetiere um ein Zwanzigfaches.

die Flugscham, der Schulstreik und das Plastiksackerlverbot. Er verändert unsere Leben, unsere Landschaften, unsere Biosphären, unsere Politik, unsere Wirtschaft, unseren Alltag. Und er stellt unsere sorgsam gepflegten Gewissheiten und Annahmen über unsere Teilnahme an der Welt radikal in Frage. Die Denkfigur des Homo Sapiens, der mit seinen acht Milliarden Individuen unerbittlich diesen Planeten dominiert, markiert die Notwendigkeit für eine neue Erdpolitik, Klimaphilosophie, Naturgeschichte und Biokunst. Die in der Geschichte der Philosophie gesetzte Demarkationslinie zwischen Natur und Kultur verschwimmt. Es gibt kein Außen mehr, von dem aus sich „die Natur“ oder „die Zivilisation“ oder „die Erde als solche“ kontaminationsfrei betrachten ließe. Die „Schiffbruch mit Zuschauer*innen“-Perspektive gibt es nicht mehr. Der Kahn, der da absäuft, das sind wir.

KLIMA Während wir diesen Text schreiben, schlagen die Ornitholog*innen Alarm, weil es nun selbst auch die Blaumeise schwer haben wird, mit dem Überleben. Die gestiegene Meerestemperatur führt zur dritten Korallenbleiche im Great Barrier Reef. Land- und Forstwirtschaft haben gerade den dritten Dürresommer in Folge hinter sich gebracht. Dann wäre da noch COVID-19 – bei Redaktionsschluss hat die Zahl der Infizierten weltweit die Marke von 33 Millionen überschritten. Wäre der Mensch nicht so auf Fleisch versessen, das Virus hätte es nie in unsere Körper geschafft und eine derart steile Karriere hingelegt. Die vom Homo Sapiens ausgelösten Naturkatastrophen ereignen sich überall. Gleichzeitig scheinen sie fern und unkontrollierbar zu sein. Der amerikanische Philosoph Timothy Morton hat für dieses kognitive Problem den Begriff des Hyperobjects geprägt. Darunter zu verstehen sind Phänomene, die so dermaßen durchdringend Zeit und Raum im Griff haben, dass sie unser Fassungsvermögen übersteigen und sich schon gar nicht mehr wie eine Entität anfühlen. Der Klimawandel – das ist sowohl das Schmelzen der Polkappen wie auch die schwindende Biodiversität, die Auslöschung ganzer Ökosysteme, die Vermüllung und Überfischung der Ozeane, die globale Erwärmung, das erhöhte Potenzial von Pandemien, die Waldbrandgefahr, das Sterben der Bienen, 54

SPIELZEIT 20/21

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