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Das Kapruner Bergbahnunglück bleibt eine der größten Katastrophen, die sich in jüngerer Vergangenheit in diesem Land ereignet haben. Niemand wurde bis heute zur Rechenschaft gezogen. Ausgehend von den tragischen Ereignissen des 11. November 2000 zeichnet Elfriede Jelinek in ihrem kurz darauf entstandenen Stück IN DEN ALPEN ein Panorama der alpenländischen Frühgeschichte hin zur Maschinerie des Massentourismus. Sportfanatismus, nationalistische Heimatideologie und die technische Zähmung der Natur werden durch tote Stimmen der 155 Todesopfer angeklagt, die mit ihren Plastik-Skianzügen verschmolzen und verbrannt sind. An einer geisterhaften Talstation treffen Figuren aus unterschiedlichen Zeiten aufeinander. Der Berg tritt als Sinnbild menschlichen Größenwahns hervor, alles zu besteigen und zu besiegen, als koloniale Vereinnahmung von Landschaften, die mit Seilbahnen und Gondeln bestückt werden. Die Schweizer Regisseurin Claudia Bossard hat sich bereits während ihres Studiums intensiv an Elfriede Jelinek und für das Kosmos Theater im Jänner 2020 an dem mittleren Stück ihrer Alpen­trilogie, DAS WERK, präzise und humorvoll abgearbeitet. Am Volkstheater führt sie diese Arbeit mit einer Übertragung von IN DEN ALPEN in zeitgenössische Themen und Kontexte fort. Eine aus Joseph Conrads Novelle HEART OF DARKNESS entlehnte Gruppe von Forscher*innen und Intellektuellen begibt sich ins Herz und in die Tiefen der alpinen Kulturgeschichte. Von Jelineks IN DEN ALPEN gelangen die Protagonist*innen an einen Ausblickspunkt, der erahnen lässt, was „Nach den Alpen“ kommen könnte. Dieser Teil, APRÈS LES ALPES, wird exklusiv für diese Produktion von Fiston Mwanza Mujila verfasst. Vor drei Jahren feierte der in Graz lebende Schriftsteller und Dramatiker mit TRAM 83 ein international beachtetes Romandebüt. Mujila schaut auf die Herkunftsgeschichte des österreichischen Alpenkosmos. Die Berglandschaft entstand vor 25 Millionen Jahren durch das Zusammenprallen der Kontinente Europa und Afrika – und wurde so zum eurozentralen Grenzraum. Der noch im Entstehen befindliche Text nimmt Bezug auf die Themen des Jelinekschen Alpentribunals und geht in einem fiktionalen Modus der Frage nach, was im post-alpinen Zeitalter passieren könnte: Zurück zur grenzenlosen Wüstenlandschaft? Gletscherschmelze – und nie mehr Après-Ski?

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SPIELZEIT 20/21

von Regie

Elfriede Jelinek// Fiston Mwanza Mujila Claudia Bossard

im Volkstheater Bühne ELISABETH WEISS Kostüm MONA ULRICH Video und Sound ANNALENA FRÖHLICH Dramaturgie JENNIFER WEISS

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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