__MAIN_TEXT__

Page 35

von Regie

Gerhart Hauptmann Jan Friedrich

im Volkstheater Bühne ALEXANDRE CORAZZOLA Kostüm VANESSA RUST Musik FELIX RÖSCH Dramaturgie MATTHIAS SEIER JENNIFER WEISS

33

Das Kammerspiel EINSAME MENSCHEN hat Gerhart Hauptmann im Jahr 1890 geschrieben, im Alter von 27 Jahren. In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und kulturellen Wandels sinniert er über Menschen, die aus ihren Abhängkeitsverhältnissen nicht mehr herausfinden. Sein Drama über eine Beziehung, die für alle Beteiligten nach und nach zum Gefängnis wird, stellt immer noch Fragen an unsere Art zusammenzuleben. Es geht um den radikalen Rückzug ins Private, häusliche Langeweile, die Sehnsucht nach innerer Freiheit. Stagnierende Eheverhältnisse als eine Form der Quarantäne: Der junge Akademiker Johannes Vockerat führt mit seiner Ehefrau Käthe ein zurückgezogenes Leben im Landhaus seiner Kindheit. Von der anfänglichen Verliebtheit ist fast nichts mehr zu spüren: Käthe fühlt sich mit dem neugeborenen Sohn allein gelassen, während Johannes über Schreibblockaden klagt. Die häusliche Vereinsamung nimmt plötzlich eine Wende, als sein alter Freund Braun ihm die junge Studentin Anna Mahr vorstellt. Sie ist in den Augen von Johannes das genaue Gegenteil von Käthe: belesen und weltgewandt, schlagfertig und emanzipiert und auch noch voller Begeisterung für seine philosophischen Manuskripte. Frisch verliebt geht Johannes nun alles leicht von der Hand, auch das Schreiben. Gleichzeitig kann und will er sich nicht von Käthe lösen, die er ebenfalls weiterhin liebt – eine unheilvolle Dreiecksgeschichte nimmt ihren Lauf. Zu wieviel Aufopferung bin ich für mein Gegenüber bereit? Wie stark poche ich auf meine Selbstverwirklichung? Wie kann ich einer geliebten Person Hingabe schenken, wenn – aus heutiger Sicht – das noch viel spannendere Match nur einen Chatverlauf entfernt scheint? Warum sehnen sich die einen nach dem Rückzug ins private Biedermeier, in die Heirat in jungen Jahren, während die anderen so flexibel wie schwerelos mit offenen Beziehungen, Trennungen auf Zeit, polyamoren Partner*innenschaften hantieren? Der junge Regisseur Jan Friedrich überführt Gerhart Hauptmanns unerbittliche Geschichte in seinen grotesken und bildstarken Kosmos. Seine Inszenierung kreist um die verschiedensten Formen des Verlorenseins, das Festhalten an Traditionen und die Suche nach neuen Beziehungsmodellen – und um das persönliche Glück, das sich zwischen diesen Positionen einen Weg schlagen muss.

SPIELZEIT 20/21

Profile for volkstheatervt

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21