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selbst hören, sondern die Welt oder meinetwegen zur Not auch eine Subjektivität.

RAPHAELA MAYERHOFER Neurowissenschaftlerin und wissenschaftliche Autorin

GURK: Die Abschaffung von Autor*innen wäre keine realistische Option, die Dir Sorgen bereitet? DIEDERICHSEN: Die treibende Kraft in der Pop-Musik sind oft genug eben nicht Autor*innen, im emphatischen Sinne, sondern ein Zufall, eine nichtmenschliche Entität, etwas typisch Historisches, eine mittlerweile überkommene Technik, die vielleicht sogar bescheuert war, eine Mode, eine Mangelwirtschaft, was auch immer. Es muss nur, wie bereits betont, eine Klangursache sein. Menschliche Intelligenz, menschliches Empfindungsvermögen, auch das kommt dafür in Frage. Als eine Möglichkeit – oder als ein Co-Faktor – unter vielen.

Wiederholung, oder Replikation, ist die Basis der Wissenschaft. Rhythmisch wiederkehrende Sequenzen, die Stück für Stück ein Geheimnis lüften. Als Wissenschaftlerin liebe ich die Verlässlichkeit der Wiederholung, als Autorin ist sie mein Metronom.

ELFRIEDE JELINEK Schriftstellerin Ich BIN die Wiederholung selbst! Jeder Tag muss genauso ablaufen wie der vorherige, es muss alles immer wiederholt werden, jeden Tag, und zwar um genau dieselbe Uhrzeit. Wenn da eine Störung auftritt, gerate ich in Panik. Wenn ich je meinem Original, dessen Wiederholung ich bin, begegne, dann werde ich ihm an die Kehle gehen. Es soll endlich was andres machen, damit auch ich etwas andres machen kann.

HASNAIN KAZIM Autor und Journalist Als Jugendlicher dachte ich: Ist Demokratie erst einmal erreicht, bleibt sie. Weil sie die beste unter allen – schlechten – Herrschaftsformen ist, das geringste Übel. Aber das ist ein Irrtum. Demokratie muss ständig neu eingeübt werden, damit sie von Bestand ist. Wir erleben das heute immer wieder, siehe Trump, siehe Rechtspopulisten, siehe seltsame Demonstrationen. Demokratie lebt von der Wiederholung. Alle paar Jahre Wahlen, immer wieder, Legislaturperiode für Legislaturperiode. Aber das ist nur das Eine. Auch demokratische Werte müssen immer wieder neu vermittelt werden, damit sie uns nicht entgleiten. Was bedeutet die Herrschaft der Mehrheit? Haben Minderheiten also nichts zu melden? Was ist Meinungsfreiheit? Dürfen wir alles, wirklich alles sagen? Ist alles verhandel- und abstimmbar? Wie weit darf individuelle Freiheit reichen, wo hört sie auf? Überhaupt: Welcher Grenzen bedarf es, um ein zivilisiertes und friedliches Leben miteinander zu ermöglichen? Der Streit um die besten Antworten auf diese Fragen ist Pflichtübung, die wir regelmäßig wiederholen, regelmäßig neu vermitteln müssen. Sonst geht die Demokratie vor die Hunde.

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SPIELZEIT 20/21

SUSANNE KENNEDY Regisseurin Das „Ewig-in sich-selbst-einmündende“ ist für uns, den westlichen Menschen, nur schwer auszuhalten. Wir denken in Anfang und Ende. Alpha und Omega. Der ewige Loop ist für uns eine Fessel; eine Art Fegefeuer. Ja vielleicht sogar eine Hölle. Wir alle sind gefangen in unseren eigenen Loops. Situationen, Traumata, Alpträume, die uns immer wieder einholen. Immer wieder stolpern wir in die gleiche Falle und lernen nicht daraus. Die Figuren auf der Weltbühne tun es uns vor: immer wieder ermordet Medea ihre Kinder, kommen die drei Schwestern nicht nach Moskau und verzweifelt Hamlet an der Frage: Sein oder Nicht-sein. Aber ich sehe den Loop auch als Chance, die einem immer wieder aufs Neue geboten wird. Eine Wiederholung, die rettet und heilt, aber eben nur dann, wenn sie in vollem Bewusstsein erlebt wird. Die Aufgabe des Lebens besteht darin, all diese Wiederholungen (in einem Raum?) koexistieren zu lassen und sie bewusst zu durchleben und sie/sich damit zu verändern. So wird man selbst vom Opfer des Loops zum*r Schöpfer*in seiner eigenen Realität.

THERESE TERROR Kuratorin und DJane Four to the Floor ist die andauernde Konstante im Referenzrahmen elektronischer Musik. Der ist entweder etwas entgegenzuhalten, oder sie will wiederholt werden, oder auch gebrochen. Konstant waren auch die Abende, die ich in Clubs verbracht habe. Seit sechs Jahren, Woche für Woche, 1-2-3-4. Jetzt ist alles anders, und ich bin froh darüber, den Emergency Loop verlassen zu können. Um mehr Zeit zu haben, alles abseits von 1-2-3-4 kennenzulernen. Und schlussendlich besser zu verstehen, was Leute meinen, wenn sie den Loop absichtlich verlassen.

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