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Es ist kein Zufall, dass in der Minimal Music meistens vermieden wird, auf die „Eins“ zu schlagen. Da gibt es kein Vierviertel, das auf „Eins-Zwei-Drei-Vier“ eingetaktet ist, sondern gleichwertige Pulse: „Pap-Pap-Pap-Pap“. Unter digitalen Bedingungen wäre in diesem Pulsschlagen kein artistischer Hochseilakt mehr zu erkennen. Deshalb ist es für unseren Zusammenhang bezeichnend, dass die nun entstandene repetitive Musik, nämlich House und Techno, die „Eins“ wieder brauchen – weil sie die technisch-technologisch eigentlich nicht benötigen. Die in der Betonung sich ausdrückende Intentionalität musste künstlich in eine überwiegend maschinell erzeugte Musik wieder eingeführt werden. Das sind für mich Phänomene von Digitalität. Die werden vom technologischen Wandel nicht direkt erzeugt. Es sind aber durch ihn motivierte und von ihm

abgeleitete Folgeerscheinungen. Sie werden durch die Digitalisierung sozusagen „um die Ecke“ auf den Weg gebracht. GURK: Das Problem, dass die Zukunft in der herrschenden Ordnung zum Ort der Wiederholung der Vergangenheit geworden sein könnte – auch das beherrscht die Diskussion um den gegenwärtigen Siegeszug von Digitalität und Technologie. Algorithmen sagen kommende Ereignisse auf der Grundlage von Datensätzen voraus, die aus der Auswertung vorangegangener Handlungen gewonnen worden sind. So funktioniert Racial Profiling, aber auch die Kultur der Playlists auf Spotify und ähnlichen Plattformen. In die Auswahl kommen vorwiegend Stücke, die ähnlich klingen wie die bereits von uns gehörten Tracks. In der Vergangenheit liegende

Diedrich Diederichsen ist Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zu seinen letzten Veröffentlichungen zählen: EIGENBLUTDOPING. SELBSTVERWERTUNG, KÜNSTLER– ROMANTIK, PARTIZIPATION (Köln 2008), ÜBER POP-MUSIK (Köln 2014) und KÖRPERTREFFER. ZUR ÄSTHETIK DER NACHPOPULÄREN KÜNSTE. FRANKFURTER ADORNO-VORLESUNGEN 2015 (Frankfurt am Main 2017).

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SPIELZEIT 20/21

Entscheidungen werden zu einem individuell geformten Datensatz, der in der Zukunft liegendes Verhalten beeinflusst. Es gibt Leute, die sich intensiv mit Unternehmensmodellen wie Spotify beschäftigen und ihnen unterstellen, auf der Basis einer sich immer vergrößernden Menge an User*innendaten an einer Form der künstlich intelligenten Musik zu arbeiten. Zum Zweck des ultimativen Mood Enhancemements wird nicht mehr ein bereits existierender Track einfach nur vorgeschlagen, sondern in Echtzeit generiert. Ein individuell für Dich, im Moment des Hörens erzeugtes Stück, in das alle Vorlieben, alle Soundfetische der jeweiligen Benutzer*innen eingeflossen sind und von Algorithmen nachkomponiert werden. Der wirtschaftliche Vorteil dieses Modells läge auf der Hand: Es müssen keine Urheber*innenrechte mehr abgegolten werden. Der Mensch als Schöpfer*in von Musik wird weitgehend ersetzt oder zumindest ergänzt. Er*sie wird nur noch als zahlende*r Konsument*in gebraucht. Ist das eine Verschwörungstheorie? Oder eine realistische Perspektive? DIEDERICHSEN: Ein solches Modell könnte sich nur dann durchsetzen, wenn es beim Musikhören darum ginge, Musik zu hören. Das stimmt aber nicht. Was uns Hörer*innen interessiert, sind Ursachen. Ich will nicht etwas besonders intelligent Komponiertes, sondern hören, wie ganz bestimmte Leute, Un- und Zufälle aus ganz bestimmten Gründen diese Klänge erzeugen. Meinetwegen können auch Roboter und Künstliche Intelligenzen solche Klangereignisse verursachen. Aber nicht als eine Instanz, die mir meinen Geschmack ableitet und an mich zurückliefert … GURK: … mich in meinem Hörverhalten spiegelt … DIEDERICHSEN: … sondern als „The Other“, als jemand, die oder der oder das ein*e Andere*r, ein Anderes ist. Ich will nicht mich

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