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„Bruch“, die „Revolution“, vielleicht sogar für die ambivalente zeitliche Kategorie der „Plötzlichkeit“? Welchen Horizont siehst Du gegenwärtig für Veränderung, die den Namen verdient? DIEDERICHSEN: Das alles sind sehr unterschiedliche Themen, die wir uns jeweils einzeln anschauen müssten. Was in den kapitalozänen Jahrhunderten zum Klimawandel geführt hat, lässt sich vielleicht in eine Abfolge von Wiederholungen zerlegen – aber was ist damit gewonnen? Das zähe Nichtvergehen des Rassismus ist tatsächlich ein sich täglich wiederholender Alptraum. Da ist jede Ungeduld angebracht und notwendig. Ich glaube im Gegensatz zu vielen anderen alten Männern wie Badiou2 nicht an einen bestimmten Typus von Veränderung. Ganz gleichgültig, ob wir nun einen Gegensatz zwischen Kairos und geduldigem Weben aufbauen, zwischen Revolution und Reform, zwischen Plötzlichkeit und anarchistischen Maulwürfen. Ich denke, Inhalte und vor allem die Arbeit an Koalitionen, die Veränderung ermöglichen, sind relevanter. GURK: In Deinen Veröffentlichungen taucht immer wieder die Figur des Weiter auf. Verstanden als eine gerichtete Bewegung, die vielleicht auf Fortschritt zielt, aber auch auf Mobilität und Fortbewegung selbst, im weitesten Sinne. Wenn vor allem in den 60er und 70er Jahren die Figuren des Aufbruchs für das Selbstbild vieler Subkulturen so wichtig waren – warum ist Wiederholung als Gestaltungsprinzip in den Künsten und in der Musik in den vergangenen Dekaden

immer wichtiger geworden? War das auch eine Reaktion auf die Tatsache, dass der Spielraum für utopische Gesellschaftsmodelle und Zukunft als Fluchtpunkt politischer Umgestaltung immer enger geworden ist? Wiederholung war auf einmal ein Modus der Gestaltung und Erfahrung, der sich auch genießen ließ. DIEDERICHSEN: Kein Aufbruch funktioniert, ohne gleichzeitig auszustellen, wovon man* aufbricht. Grundsätzlich bin ich

skeptisch, was die Übertragung von utopischen Gesellschaftsmodellen auf musikalische Strukturen betrifft. GURK: Was Du hier über den Zusammenhang von Wiedererkennen und Wiederholung sagst, orientiert sich überwiegend am Paradigma notierter, live gespielter und aufgenommener Musik. Wie bewertest Du in diesem Zusammenhang den Übergang ins Digitale Zeitalter? Was verändert sich, wenn Musik nicht nur elektronisch generiert werden kann, sondern auch die nunmehr digitalen Vertriebswege, in Form von Streamingdiensten wie Spotify, mehr denn je einer Logik der Monopolisierung folgen … DIEDERICHSEN: … was nicht zwingend so sein müsste, aber eindeutig geschieht … GURK: … und in einem nie gekannten Ausmaß die Verbreitung und die

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SPIELZEIT 20/21

Entwicklung von Musik steuern und Einfluss auf die ästhetische Form selbst nehmen? Bedeuten diese Entwicklungen das Ende von Recorded Music? DIEDERICHSEN: Um die medienontologische Seite dieser Frage gibt es einen Streit. Ist unter digitalen Bedingungen noch Aufzeichnung möglich? Enthält DDD, also Digital to Digital to Digital noch eine Form der Indexikalität, kann es Bezug auf außerhalb ihrer selbst liegende kulturelle Daten und Erinnerungen

nehmen? Da bin ich Pragmatist. Wenn etwas als indexikal erlebt werden kann und so gemeint ist, Alain Badiou ist ein vom Maoismus beeinflusster Philosoph aus Frankreich. In seiner vor drei Jahren auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen Schrift VERSUCH, DIE JUGEND ZU VERDERBEN ruft er nachwachsende Generationen zum revolutionären Bruch mit den bestehenden Verhältnissen auf.

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