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DIEDERICHSEN: Tja, es gibt Historiker*innen, also Menschen, die große Zeiträume untersuchen, mitleidende und mitempfindende Zeitgenoss*innen, die hin und wieder zu der Beobachtung kommen, dass sich etwas wiederholt, dass es eine Konstellation gibt, die es schon einmal gegeben hat. Wir alle kennen dieses reichlich überstrapazierte und letztlich dumme Bonmot, dass jedes Ereignis immer zweimal seinen Auftritt auf der Bühne der Weltgeschichte hat, beim ersten Mal als Tragödie – und dann noch einmal, als Farce. Die Beschreibung von Geschichte als linearem Fortschritt, für die Namen wie Hegel und Marx stehen, wird sowohl von linken wie auch rechten Strömungen immer öfter zurückgewiesen. Im ersteren Fall kann das so aussehen, dass diese Denkweise mit Hinweis auf die Kolonialgeschichte als eurozentrische Konstruktion erkannt wird – und so ist sie ja auch oft aufgetreten. Die Rechte spricht einer Geschichte als Fortschritt gern den Sinn ab, um ein bestehendes Unrechtsverhältnis als traditionell und damit legitim zu klassifizieren. In letzter Zeit gibt sich dieses Denken zunehmend auch gewissermaßen revolutionär. Da geht es dann um die radikale Wiederherstellung vermeintlich traditioneller Verhältnisse: Das Spektrum reicht von White Supremacy bis hin zum Islamismus. Natürlich ist die bekannteste Sinngebung der Geschichte, der Begriff des Fortschritts, diskreditiert. Insbesondere durch die Ersetzung von gesellschaftlichem Fortschritt durch technischen und durch seine Rolle in einem extraktiven Kolonialismus. Es ist aber nicht nur nicht möglich, politisches Handeln ohne einen Begriff von Fortschritt zu konzipieren, es ist auch nicht angemessen, reale gesellschaftliche Fortschritte zu leugnen, nur weil sie sich simultan mit Rückschritten ereignen.

GURK: Wie genau kommst Du denn von der Kritik an kognitiven Prozessen, die eine Wiederholungsstruktur aufdecken, zu der Annahme, dass Fortschritt möglich ist? DIEDERICHSEN: Veränderungen können oft nicht wahrgenommen werden, weil wir sie nicht in Bezug zu Kontrastfolien anschauen: neu im Verhältnis zu was? Die vielversprechendste Methode, eine andere Sicht auf eine vermeintlich stagnierende oder sich wiederholende Welt zu gewinnen, ist der Blick auf die Frage, was es wann noch nicht gab. Also Dinge, Alltagsgegenstände, bestimmte historische Perspektiven oder eigene Sprachgepflogenheiten, die mich in der Gegenwart mit großer Selbstverständlichkeit umgeben. Die Frage wäre dann: Seit wann gibt es das eigentlich? Seit wann ist das überhaupt möglich? Natürlich gibt es auch Phänomene, bei denen man* sinnvollerweise von einer Wiederholung sprechen kann. Aber bevor ich das mache, kann es hilfreich sein, der eigenen Beobachtung mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. GURK: Ich habe den Eindruck, dass nicht nur die von Dir angesprochenen kulturpessimistischen Strömungen, sondern auch progressive Bewegungen wie Fridays For Future, Black Lives Matter und MeToo die Zerstörung ökologischer Systeme, struktureller Rassismus, Heteronormativität und Machtmissbrauch als Wiederholungsstrukturen wahrnehmen, die vorangegangene Generationen ihren Nachkommen hinterlassen haben. Deren Macht, als Teil eines auszutragenden Generationskonflikts, muss hier und jetzt gebrochen werden, wenn es weitergehen soll, mit dem Weiterleben für die Menschen auf diesem Planeten. Öffnet das nicht wieder auch den Raum für Kategorien wie den

Der amerikanische Komponist La Monte Young zählt neben Philip Glass, Steve Reich und Terry Riley zu den bedeutendsten Begründer* der Minimal Music. Das DREAM HOUSE ist eine bahnbrechende Installation aus Licht und Klang, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau Marian Zazeela konzipiert hat.

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SPIELZEIT 20/21

LYDIA HAIDER Hausautorin des Volkstheaters Die Viren sollen krepieren. Die Leichen sollen sich schleichen. Die Wehen sollen vergehen. Die Flausen sollen sich brausen. Die Erben sollen nun sterben. Die Muffen sollen verpuffen. Die Heiden sollen verscheiden. Die Zecken sollen verrecken. Die Lenden sollen verenden. Die Samen kriegen kein Amen.

CLEMENS J. SETZ Schriftsteller Ich hab mal ein Fake-Motto für einen Roman formuliert. „Am Anfang war die Wieder­holung“ – Jacques Derrida. Der Satz fiel mir einfach so ein, und ich fand, er klang sehr nach Derrida. Hinterher sagten mir einige Menschen, dieser Satz wäre ihr absoluter Lieblingssatz von Derrida. Einer bestand sogar, als ich ihm gestand, ihn bloß erfunden zu haben, darauf, dass es den Satz wirklich gebe, und zwar nicht in einem von Derridas geschriebenen Werken, sondern in einer TV-Dokumentation über ihn. Da sagt er ihn angeblich. Ich hab mir seither die Dokus über Derrida angeschaut (alle etwas mühsam), aber der Satz kam nicht vor. Aber vielleicht muss man* sie einfach oft genug anschauen, und dann kommt er, in Nachahmung seiner eigenen Aussage, plötzlich wirklich vor.

MARCO DONNARUMMA Choreograph, Performer, Programmierer Einer der wichtigsten Aspekte der Wiederholung ist meiner Meinung nach, wie die Wiederholung mit dem Ritual und der Gemeinschaft in Verbindung steht, ob im Altertum oder der Gegenwart. Mit dem Aufkommen algorithmischer Gesellschaften im letzten Jahrzehnt habe ich begonnen, über Wiederholung und Loops als Mittel einer neuen Form von Gewalt nachzudenken. Sie bilden mittlerweile die Grundfesten digitaler Gesellschaften: die Gewalt der Befehle, der Computersysteme, der Infrastrukturen, die gezielt dafür geschaffen wurden, Lebewesen zu misshandeln. Menschen geben Instruktionen, Maschinen wiederholen Instruktionen, Lebewesen durchleiden Instruktionen. Wieder und wieder und wieder.

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Volkstheater 20/21  

Spielzeitbuch 20/21

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