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GESPRÄCH DIEDRICH DIEDERICHSEN GURK: Wie begegnet Dir die Wiederholung im Alltag? Welche Aspekte daran gefallen Dir – und welche eher nicht? Was nervt? DIEDERICHSEN: Wenn ich im Alltag mit Sachen konfrontiert bin, die ich deute, und dann zu dem Schluss komme: „Ach, schon wieder das!“ Das ist Frust, richtig unangenehm, ganz furchtbar. Wenn ich den Wiederholungscharakter gar nicht erst zur Kenntnis nehme und daraus direkt eine Alltagshandlung mache, sieht das schon anders aus. Weil ich meistens gerade nicht darüber nachdenke, dass die Schwerkraft immer noch herrscht und ich nach wie vor im 2. Stock wohne, empfinde ich das nicht als Problem. Das Nervige an ihr beginnt, wenn sie an eine kognitive Tätigkeit im Hinblick auf ihren Wiederholungscharakter geknüpft ist. GURK: Ist es, immer noch auf der Alltagsebene, nicht auch angenehm, dass es Dinge gibt, auf die ich mich verlassen kann, gerade weil sie immer wiederkehren? Es lässt sich doch auch bewusst genießen, dass ich nicht für jede Handlung immer wieder das Rad neu erfinden muss, mir Entscheidungen abgenommen werden. Rituale funktionieren so. Geburtstage und Familienfeste. DIEDERICHSEN: Das ist dann ein Ritual, das ist das Gegenteil des eingangs Beschriebenen. Es gibt keine konkrete Aussage des Rituals, die man* interpretieren kann. Es hat keinen Grund – man* tut es trotzdem, und das ist sein Sinn, beglaubigt seine Bedeutung, ohne dass sie genannt werden muss. Das im Alltag Nervende läuft im Gegenteil so, dass ein Wort, Bild oder Ereignis etwas Neues verspricht, aber nicht erhält. Beim Ritual wird nichts

Neues versprochen, aber sein Vollzug setzt eine Idee, einen Zusammenhalt oder so neu ins Recht. Die Ware simuliert Neuheit und blamiert sich durch ihr Alter, das Ritual dissimuliert Neuheit und ermöglicht sie so. Auf jedem Familienfest trifft man* neue Personen. Na ja. Meistens. GURK: Die Wiederholung ist für Dich seit Beginn Deiner Tätigkeit als Journalist und Kulturtheoretiker ein wichtiges Thema, auf das Du immer wieder zurückgekommen bist, abwechselnd und einander ergänzend in drei Zusammenhängen. Als Element der formalen Gestaltung vor allem von Musik, aber auch in anderen künstlerischen Disziplinen, als Beschreibungsfolie bürgerlicher und subkultureller Modelle von Sozialisation und Vergesellschaftung und als Deutungsansatz geschichtsphilosophischer und politischer Prozesse. In allen drei Feldern scheint Musik ein wichtiges Ausgangsmaterial und das Schlüsselmedium Deiner Begriffsbildung zum Thema der Wiederholung geblieben zu sein. DIEDERICHSEN: Musik erhält ihren Sinn durch Wiederholung, man* versteht sie nur, wenn man* sie wiederhört – oder in ihr etwas wiedererkennt. Das geschieht auf unterschiedliche Weisen. Zum einen kann dies die Aufführung von etwas sein, das ich bereits kenne. Hier ist mir die musikalische Struktur bereits bekannt. Das kann eine Melodie oder die Komposition sein, die aber in der Aufführung, die ich gerade erlebe, vielleicht unterschiedlich interpretiert wird. Bei diesem Hören geht es darum, dass die mir bereits bekannte Struktur mit der aktuellen Realisierung spannungsreich oder dialektisch vermittelt ist. Dann gibt es den Fall, dass ich mich 10

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an die konkrete Aufnahme eines Musikstücks wieder erinnere. Das ist der Sinn von Pop-Musik. Diese Möglichkeit, in die das Wiedererkennen der musikalischen Struktur natürlich immer auch hineinspielt, aber weniger entscheidend ist, gibt es nur in der Recorded Music. Das Wiederhören einer Aufnahme ist aber eine neuartige ästhetische Erfahrung unter den Bedingungen der – grosso modo – im 20. Jahrhundert entstandenen Aufzeichnungstechnologien. Man* hört nicht ein ideell und zeichenhaft festgehaltenes Werk, sondern ein konkretes Recording Date. Den Zeitraum der Aufnahme. GURK: In einem Deiner Hauptwerke ÜBER POP-MUSIK schließt Du das Recording Date mit der von Roland Barthes entwickelten Theorie des Punktum kurz. Der kontingente, unwiederholbare, also einzigartige Moment, in dem ein Mensch, ein Objekt fotografiert wird, ist in dem so entstehenden Bild erkennbar und für die Nachwelt festgehalten. Das Punktum steht in enger Verbindung zur „Wahrheit“ eines Bildes. DIEDERICHSEN: Ein klangliches Detail einer ganz bestimmten Aufnahme erkenne ich nicht als „so etwas wie“ oder als Vorschlag, Interpretation, Idee, sondern als „genau das“ wieder: einen konkreten, realen und vergangenen Moment. Die Erfahrung, die ich mit einem bestimmten Recording Date mache, ähnelt dem notorischen MadeleineEffekt von Proust. Ein ganz konkreter Geschmack oder eine Abfolge von Tönen, die ich auf dieser Aufnahme wieder zur Kenntnis nehme, löst eine andere, dann weniger plötzliche, sondern eher narrativ strukturierte Erinnerung aus. Nicht unbedingt, weil

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