Running Minds - VIENNA ART WEEK 2014 | DE

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Kunstsammler

Goldenes Zeitalter privater Kunstsammlungen? Über das Begehren nach Privatsammlungen im Ausstellungsbetrieb Text von Ursula Maria Probst

»Dollar, Euro, Swiss Francs, Jeff Koons, Bitcoin«: Wie die Aufschrift am Cover der Sommerausgabe des Kunstmagazins »Spike Art Quarterly« pointiert zeigt, wird Kunst heute vermehrt der Status einer Weltwährung zugesprochen. Märkte, Kunst, Workfare und Netzwerke greifen im Kunstbetrieb eng ineinander. Die Rekordpreise, die für zeitgenössische Werke erzielt werden, locken eine neue Sammlerklientel an. Es sind aber nicht alleine monetäre Gründe, die Sammlerinnen antreiben, im Gegenteil. Ursula Maria Probst stellt drei österreichische Sammlerinnen vor, die eines gemeinsam haben: ihr Bedürfnis, mit Kunst zu leben.

Kunst ist zwar (auch) Geschmacksache, vor allem aber spiegelt sie soziokulturelle, ethische, politische Kategorien wider und gibt so über persönliche Präferenzen und individuelle Entschei­ dungen hinaus Auskunft über gesellschaftliche Zustände und Vorgänge. In global ausgerichteten Gesellschaften hat Kunst identitätsstiftende Funktion und verspricht Authentizität. Sammeln von Kunst ist heute ein komplexes, tiefgreifendes Betätigungsfeld. Der vor 25 Jahren einsetzende Boom der Gegenwartskunst hatte ebenso wie gesellschaftspolitische Prozesse in Süd- und Osteuropa, Asien und Südamerika zur Folge, dass sich die Beteiligung von Sammlerinnen und Samm­ lern an internationalen Kunstprojekten stark intensivierte. Gegenwärtig beschränken sich die Sammler in ihren Aktivitä­ ten nicht nur auf Leihgaben und Schenkungen an Museen oder auf das Betreiben von Sammlungsmuseen. Vielmehr erschlie­ ßen sie Projekte, die außerhalb gängiger institutioneller Rahmenbedingungen konzipiert werden, wirken an Produk­ tions- und Publikationsprozessen mit. Die im Sommer 2014 erschienene Ausgabe von »Kunstforum International« bezieht sich in ihrem Titel »Herrschaften des Sammelns« auf den Einfluss, den private Sammlerinnen und Sammler auf Museen und die Kunstgeschichtsschreibung nehmen. Bereits 2011 widmete das Kunstmagazin »Texte zur Kunst« eine Ausgabe »The Collectors« als gesellschaftlicher Klasse. Galerien entwickeln neue Modelle, um Sammler aktiv 74

in Projekte einzubeziehen. Initiativen wie das Projekt CCC (Curators Collectors Collaboration) der Galerie Krinzinger vernetzen durch Ausstellungen internationale Kuratoren und Sammler – damit werden auch die Bestände privater Sammlun­ gen öffentlich zugänglich. Ein zu jeder Ausstellung eigens publiziertes »CCC Newspaper« dient als Plattform für weiter­ führende Diskussionen und Kooperationen. Hinter Kunstsammlungen stehen oft außergewöhnliche Persönlichkeiten, die durch ihre Tätigkeiten neue gesellschaft­ liche Kategorien und ästhetische Kontexte eröffnen. Die in London lebende Kunstsammlerin Valeria Napoleone hat sich auf das Sammeln von Künstlerinnen spezialisiert – eine gesell­ schaftspolitische Zeichensetzung. Trotz unterschiedlicher Vorlieben bedeutet für die Wiener Kunstsammlerinnen Ger­ traud Gürtler, Alexia Stuefer und Jasmin Wolfram Kunst zu sammeln, mit Kunst zu leben. Sich mit außergewöhnlichen Menschen über künstlerische Inhalte auszutauschen ist ihnen gleichermaßen Anregung wie Faszination. Individuelle Metho­ den in der Auseinandersetzung mit Kunst oder intuitive, ritua­ lisierte Zugänge kommen hier ins Spiel. Kunst hat in ihrem Leben eine starke Präsenz. Und: Trotz Aufgeschlossenheit gegenüber neuen digitalen Medien wird in den eigenen vier Wänden die Liebe zum Original zelebriert. Manifest eines selbstbestimmten Lebens »Um es mit Albert Einstein zu sagen: ›Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht.‹« Alexia Stuefer zählt zu den engagierten, künstlerische Produkti­ onen fördernden Sammlerinnen der Wiener Kunstszene. Ihre Sammlung ist medienübergreifend auf Installationen, Videos, Fotografien, Skulpturen und Malerei von Künstlerinnen wie Toni Schmale, Lucie Stahl, Katrina Daschner oder Elke Krystu­ fek ausgerichtet. Darin spiegelt sich auch der Aufstieg der Frauen im Kunstbetrieb wider: Nie waren Künstlerinnen erfolgreicher als heute! Die Sammlung der Strafverteidigerin Alexia Stuefer bildet gleichzeitig ein Plädoyer dafür, dass großartige Künstle­ rinnen auf die Spitzenplätze der Kunst-Rankings vorrücken.


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