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FREE VOLUME 5 NUMBER 11


 


If You’re Not Fast, You’re Food, Mountain Athletics, Independent Suspension Network und Take it All On sind eingetragene Marken von The Timberland Company. Gore-Tex ist eine eingetragene Marke von W.L. Gore & Associates, Inc. Green Rubber ist eine eingetragene Marke von Elastomer Technologies, Inc. Timberland,

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20th Anniversary of the Caballero

VANS BUTCHERS BLOCK BERL IN ALTE SCHÖNHAUSER STRASSE 48 10119 BERLIN

Photos: Crosland / Acosta


Thank you, Cab! skate.vans.com - Š2009 Vans, Inc.


INHALT

Foto von Nick Zinner

VOLUME 5 NUMBER 11 Auf dem Cover: Arik Roper, Invocation of the Living Shadow, Aquarell und Gouache auf Papier.

MÄNNER UND URINALE Eine Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 DER NEBEL DES ANALOGEN Harmony Korine treibt es mit Mülltonnen . . . . . . . . . . . . . . . . 24 GOOD AIDS NOT BAD AIDS AIDS 3-D wollen billigere SMS, nicht die Menschheit ausrotten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 APOCALYPSE PORN Final Flesh ist da! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 PSYCHOKILLER... QU’EST-CE QUE C’EST? Die deutschen Serienmörder (und ihre Liebhaber) . . . . . . . . 34 LEMMY . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 H.R. GIGER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

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A WHISKEY GLASS AND A WOMAN’S ASS Michael Abramson ist der unbesungene Dokumentarist des South Side R&B . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 BITTE SAG NICHT CHEESE Thomas Ruff interessiert sich nicht für Fotografie . . . . . . . 82 NETTIGKEITEN Ich habe Robert Mugabe die Hand geschüttelt und den Milchbauernhof seiner Frau besucht . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 WARLORD OF THE HIGHWAY Matiullah Khan ist der gefürchteste Verkehrslotse Afghanistans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 PAKISTANS UNBEKANNTERE AUFSTÄNDIGE Ein Tag in der Wüste mit der belutschischen Guerilla . . . . 92


TONY PRINCE NACHTCLUB-BESITZER THE BALLAD OF GAY TONY

INKL. ZWEI KOMPLETTEN SPIELEN: THE BALLAD OF GAY TONY

UND

THE LOST AND DAMNED

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© 2006-2009 Rockstar Games, Inc. Rockstar Games, Grand Theft Auto, Episodes from Liberty City, das -Logo, das „Grand Theft Auto“-Logo und das „Episodes from Liberty City“-Logo sind Warenzeichen und/oder eingetragene Warenzeichen von Take-Two Interactive Software. Microsoft, Xbox, Xbox 360, Xbox LIVE und die Xbox Logos sind Warenzeichen der Microsoft Unternehmensgruppe. Alle anderen Marken und Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber. Alle Rechte vorbehalten.


INHALT

Foto von Nick Zinner

Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Mitarbeiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 VICE Mail . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 DOs & DON’Ts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Fashion: Big Bavarian Boobs & Beers . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Fashion: Rumhängen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Epicly Later’d . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Skinema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Video Games Killed the Radio Star . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Spin Me Round . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Reviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Stockists . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Comic . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114

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C1RCASELECT.com

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Select Holiday 2009

FOUR STAR DISTRIBUTION (EUROPE) AG - +41 (71) 644 9900 - info@c1rca.com


GRÜNDER Suroosh Alvi, Shane Smith CHEFREDAKTEUR Tom Littlewood (tom@viceland.de) STELLVERTRETENDE CHEFREDAKTEURIN Barbara Dabrowska (barbara@viceland.de) MUSIK Andreas Richter (andreas@viceland.de) FASHION Nina Byttebier (nina@viceland.de) REDAKTION Felix Nicklas (felix@viceland.de), Juliane Liebert (juliane@viceland.de) ÜBERSETZUNG Benjamin Seibel, Elske Rosenfeld, Barbara Dabrowska KORREKTUR Konrad Lehnert LAYOUT inkubator.ca WEB DESIGN Solid Sender TEXTE

John Blough, Conor Creighton, Dylan Culhane, Patrick O’Dell, Christina Kelly, Liz Armstrong, Matt Goerzen, Karlos Zurutuza, David Bogner, Magdalena Vukovic, Chris Shonting, Christoph Reuter, Barbara Dabrowska,

Andreas Richter, Felix Nicklas, Chris Nieratko

FOTOS Claudio Campo-Garcia, Steve Ryan, Christian Pankratz, Dylan Culhane, Thorne Anderson, Michael Abramson, Rachel Korine, Chris Shonting, Martin Fengel, Ed Zipco, Thomas Ruff, Karlos Zurutuza, Christoph Voy

HERAUSGEBER Benjamin Ruth (benjamin@viceland.de) HEAD OF ADVERTISING Benny Eichelmann (benny@viceland.de) ADVERTISING Carsten Kritscher (carsten@viceland.de) Susanne Bürgers (suzi@viceland.de) ONLINE MARKETING Gabriel Platt (gabriel@viceland.de) EVENTS Nicolas Mönch (nicolas@viceland.de) PRODUCTION MANAGER Benni Pollach (benni@viceland.de) PRODUCTION ASSISTANT Romy Geßner (romy@viceland.de) PRAKTIKANTEN Arne Hübner, Stefan Lauer DISTRIBUTION Miriam von Toffl (distribution@viceland.de)

ILLUSTRATION Johnny Ryan US CHEFREDEAKTEUR Jesse Pearson (jessep@viceland.com) US STELLVERTRETENDER CHEFREDEAKTEUR Chris Cechin (chrisc@viceland.com) EU REDAKTEUR Andy Capper (andy@viceuk.com) EU FASHION Marcus Ross (fashion@viceuk.com) US FOTOS Patrick O’Dell (patrick@viceland.com) VICE GERMANY Schickt uns Briefe, DOs & DON’Ts, CDs, Tidbits, Magazine, Bücher, Filme usw. Brunnenstr. 196, 10119 Berlin, Germany Phone +49 30 4005449-10 Fax +49 30 4005449-20 VICE NEW YORK 97 North 10th Street, Suite 204, Brooklyn, NY 11211 Phone 718 599 3101 Fax 718 599 1769 VICE LOS ANGELES 722 North Figueroa Street, Los Angeles, CA 90012 VICE MONTREAL 127 B King Street, Montreal, QC, Canada H3C 2P2 Phone 514 286 5224 Fax 514 286 8220 VICE TORONTO 1349 Queen Street West, Toronto, ON, Canada, M6K 1M1 Phone 416 596 6638 Fax 416 408 1149 VICE UK 77 Leonard Street, London, England, EC2A 4QS Phone +44 (0) 20 7749 7810 Fax +44 (0) 20 7729 6884 VICE AUSTRALIA PO Box 2041, Fitzroy, Victoria, Australia 3065 Phone +613 8415 0979 Fax +613 8415 0734 VICE NEW ZEALAND PO Box 68-962, Newton, Auckland, New Zealand Phone +64 9 378 1111 Fax +64 9 378 1113 VICE SCANDINAVIA Rosenlundsgatan 36, SE-118 53 Stockholm Phone +46 (0) 8 692 6260 Fax +46 (0) 8 692 6274 VICE ITALY Via Watt 32, 20143, Milano Phone +39 (0) 2 45479185 Fax +39 (0) 2 99986071 VICE JAPAN Phone +81-3-5766-0697 Fax +81-3-5766-0698 VICE NETHERLANDS Postbus 15897 1001 EA Amsterdam, The Netherlands Phone +31 (0) 20 6732530 Fax +31 (0) 20 6738751

BUCHHALTUNG Karin Helfer (karin@viceland.de) VERANTWORTLICH Tom Littlewood CEO, VICE MEDIA GROUP EUROPE Andrew Creighton (andrew@viceuk.com) VICE BELGIUM Carnotstraat 39, 2060 Antwerpen, Belgium Phone +32 (0) 3 232 18 87 Fax +32 (0) 3 232 43 02 VICE FRANCE 21, Place de la République, 75003 Paris, France Phone +33 (0) 9 53 26 78 02 Fax +33 (0) 9 58 26 78 02 VICE SPAIN C / Palma de Sant Just 9 ab, 08002 Barcelona, Spain Phone +34 93 3101066 Fax +34 93 664573414 VICE AUSTRIA Favoritenstraße 4-6 / III, 1040 Vienna, Austria Phone + 43 (1) 90 76766 Fax +43 (1) 90 76766 99 VICE MEXICO Presidente Masaryk 101-1001, C.P. 11570, México DF Phone (+52) 55 5255 1909 Fax (+52) 55 5203 4061 VICE BRAZIL Rua Periquito 264, São Paulo, SP, CEP 04514-050 Phone +55 11 24762428 Fax +55 11 50491314 VICE ARGENTINA Esteban Echeverría 1744, Florida, Buenos Aires, B1602ABR Phone +5411 4730 0222 Fax +5411 4760 1121 VICE BULGARIA 12 Anton P. Chehov Str. bl. 87 Iztok, 1113 Sofia, Bulgaria Phone +359 2 870 46 37 Fax: +359 2 873 42 81 VICE SOUTH AFRICA Studio 401, 66 Albert Road, Woodstock, Cape Town, South Africa Phone +27 72 128 0015 VICE CZECH REPUBLIC Hasˇ talska´ 1, 11000 Praha 1, The Czech Republic Phone +420 222 317 230 Fax Phone +420 222 317 230 VICE PORTUGAL Rua Santo António de Contumil, 651 — 4350-291 Porto, Portugal Phone: +351 228 308 442 VICE GREECE Voulis 22,10563, Syntagma, Athens Greece Phone: +30 210 3254290 Fax: +30 210 3249785

Alle veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt und Eigentum der VICE Deutschland GmbH. Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit schriftlicher Erlaubnis des Herausgebers zulässig. Informationen über Abonnements auf www.viceland.de

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MITARBEITER DES MONATS

CHRISTOPH REUTER

Christoph besitzt ein Haus in Afghanistan, das einen großen Garten mit Maulbeer- und Pfirsichbäumen hat. Die ganzen Möbel sind geliehen, bis auf einen geschnitzten Holzstuhl. Wir kennen ihn schon, seit er damals bei der Irak-Ausgabe mitgeholfen hat und mögen ihn, weil er die Fähigkeit besitzt, komplexe Wahrheiten und subtile Moralabstufungen auszudrücken, ohne wie ein humorloses Arschloch zu klingen. In dieser Ausgabe hat er über einen afghanischen Warlord geschrieben. Er hat die ganze Welt bereist, war in allen arabischen und fast allen asiatischen Ländern, auf Fiji und sogar auf einem Ort namens Island. Er wurde in Afghanistan und Nigerien zweimal fast entführt, und einmal beinahe überfahren, als er aus seiner deutschen Wohnung kam. Siehe WARLORD OF THE HIGHWAY auf Seite 88.

THORNE ANDERSON

Fotograf Thorne Anderson hat schon seit 1999 für Corbis / Sygma internationale News dokumentiert. Wir haben ihn nie persönlich kennen gelernt, weil er immer unterwegs ist, um zu unterrichten oder gerade beeindruckende Fotos von globaler Relevanz schießt. Aber er scheint eine zarte, nordische Gesichtsform zu haben und es sieht so aus, als könnte er sich einen wallenden Haarschopf wachsen lassen, wenn er nur wollte. Seine Fotos erscheinen in allen wichtigen Magazinen und Zeitungen auf der ganzen Welt — Mr. Big Shot konnte uns auswendig die 14 wichtigsten Medien aufsagen. Anderson ist außerdem Co-Autor / Fotograf des Buchs und der Wanderausstellung “Unembedded: Four Independent Photojournalists on the War in Iraq”. Du kannst dir noch mehr von seinen Arbeiten auf unembedded.net anschauen. Siehe WARLORD OF THE HIGHWAY auf Seite 88.

CLAUDIO CAMPO-GARCIA

Claudio Campo-Garcia ist ein 17-jähriger Kolumbianer, der wie ein Türke aussieht, wie ein Amerikaner klingt, wie ein Deutscher flucht und immer noch überrascht ist, wenn die Leute ihn Ausländer nennen. Mit acht ist er im Haus herumgerannt und hat mit der Canon seiner Mutter Bilder von unwichtigen Gegenständen vor Bettlaken gemacht. Er interessiert sich nicht wirklich für Prominente, sondern fotografiert lieber Pornostars, Scientologen, Astronauten und Ghetto-Nutten. Von diesen großen Zielen mal abgesehen, hängt er gerne mit Models ab, und genau darum haben wir ihn für den Fotoshoot in dieser Ausgabe gebeten. Siehe RUMHÄNGEN auf Seite 66.

AYZIT BOSTAN

Als wir uns entschlossen, den Fashionshoot für diese Ausgabe in München zu machen, haben wir umgehend unsere Lieblingsmünchnerin Ayzit Bostan angerufen. Ayzit ist keine konventionelle Designerin, die sich vom Druck der letzten Saison stressen lässt. Sie produziert was sie will, wann sie will und ist immer für ein lustiges Projekt zu haben. Zusammen mit ihrem alten Freund Martin Fengel hat sie uns großbrüstige bayrische Mädchen herangeschafft und eine riesige Brauerei aufgetan und dann den Rest des Tages damit verbracht, gigantische Masskrüge in die zarten Hände unserer Dirndl tragenden Schönheiten zu drücken, während sie gleichzeitig deren Schmuck arrangierte und alle bei Laune hielt. Sie ist außerdem die stolze Erfinderin der Biergabel, dem perfekten Utensil, um eine perfekte Schaumkrone auf deinem perfekten Bier zu schaffen. Siehe BIG BAVARIAN BOOBS & BEERS auf Seite 58.

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BECK‘S GOLD URBAN EXPERIENCES wird uns ab sofort begleiten und uns die Möglichkeit bieten, schöne Dinge des Lebens, die eh um uns herum sind, wie Kunst, Mode, Design oder Film, kreativ zusammenzuführen, und etwas Neues daraus zu machen. Alle Infos zu der Beck‘s Gold Plattform findet ihr auf URBAN.BECKS.DE

KIM KÖSTER BEI DER

BECK‘S GOLD URBAN EXPERIENCES

Kim Köster kommt vom Land und macht Streetart. Zuletzt arbeitete er auf der Beck’s Gold Urban Experience, einer Plattform urbaner Kreativität. Unter dem Motto „Urban Customization“ traf er sich mit rund 20 Kreativen auf der KickOff-Veranstaltung in Berlin um ihre gemeinsame Auffassung des modernen, urbanen Selbstausdrucks zu verwirklichen. VICE: Du kommst aus Woperswede, wo zur Hölle ist das denn? Kim Köster: Das liegt bei Bremen, irgendwo im Norden. Ein ganz, ganz kleines Dorf. Sehr klein, sehr klein.

Okay, ein Teil der Beck‘s Gold Urban Experiences sind die Workspaces, was habt ihr vor? Mich reizt besonders der interdisziplinäre Aspekt des Ganzen. Das Thema Urban wird von allen ganz anders angegangen. Das Grundthema ist natürlich die Stadt, was sich auch in den anderen Kunstwerken des Workshops widerspiegelt, doch statt den Raum selbst zu bearbeiten, haben sich Balestra Berlin und ich überlegt, wie wir die Kreativität innerhalb des Raumes darstellen können.

Und dieses Dorf hast du zugetagged bis du verjagt wurdest? Weitergezogen, eher. Graffiti war aber auf jeden Fall mein Einstieg. Mit zwölf habe ich mein erstes Bild mit der Dose gemalt und von da an war ich angefixt. Aber wie es in einem kleinen Dorf eben so ist, will man raus. Man sieht die große Stadt und denkt, das Also kartografiert ihr die kleine Stadt innerhalb ist ein Ort, an dem etwas los ist. der Stadt? Jeder Künstler wird mit Leuchtdioden versehen und Also ab nach Berlin… alle 20 Minuten wird das Licht abgeschaltet, ein Foto Ja, Berlin war dann für mein Leben natürlich ein Schnitt. gemacht und aus all diesen Fotos entsteht später Ich habe dort mit der Graffiti- und HipHop-Szene eine Kartografie der kreativen Bewegung innerhalb abgeschlossen. Ich habe einen anderen künstleri- des Raumes. schen Weg eingeschlagen und mich weiterentwickelt und weitergebildet. Wenn man Kunst machen will, Malen nach Zahlen also? egal, in welchem Bereich, ist es essenziell, auch das Im Prinzip ja. Die These des Ganzen ist, dass Kreentsprechende fachliche Können drauf zu haben. ativität im Raum auch gleichzeitig mehr Bewegung bedeutet. Wir hoffen, dass am Ende ein organisches Gebilde entsteht, aber wir werden sehen, wie es heute Abend ausgehen wird.


VICE MAIL

DEIN WUNSCH SEI DIR ERFÜLLT

An wen auch immer, der diese Email öffnet, Ich finde du bist ein verdammt glücklicher Hurensohn, weil du als erster einen Blick auf diese Bilder werfen darfst. Ich fluche an dieser Stelle nur, weil ich davon ausgehe, dass du großartig bist und kein Problem mit meinem schmutzigen Mundwerk haben wirst. ABER jetzt mal im Ernst, ich heiße Laura Kussman und studiere an der Gonzaga Universität in Florenz, Italien. Ich bin eine zukünftige Pitbull-Besitzerin, Splatterkunst-Fachfrau und Vietnam-RatespielAllwissende. Jetzt mal die Einleitung beiseite—ich will ins Vice Magazine. UNBEDINGT. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, wirklich, oder wo mein Bild oder meine Bilder landen würden, wenn die Ausgabe dann rauskommt, aber ich dachte mir, ich sollte es mal probieren. Im Anhang findet ihr Fotos von meiner Wenigkeit und auch wenn ich denke, dass die Hauptfunktion von Fotos in eurem Magazin die ist, das Können des Fotografen zu beleuchten, statt dem Mädchen / Model / Typen auf dem Foto zu huldigen, würde ich mich trotzdem riesig freuen, wenn ihr es euch zumindest mal überlegen würdet. Ihr könnt mir jederzeit gerne eine Email schreiben, um meine Bemühungen runter zu machen / dankend abzulehnen / mir zu sagen, dass ihr sie veröffentlichen werdet / irgendwas davon. Ich würde mich UNHEIMLICH darüber freuen. Als Randbemerkung (und mit am wichtigsten): Der Grund, warum ich das hier mache ist, weil ich will, dass mein Freund Blake mich in der nächsten Ausgabe sieht. Es ist sein absolutes Lieblingsmagazin — ganz ohne Zweifel — und weil ich in ungefähr einem Monat wieder zurück nach Italien gehen werde, wäre es nicht nur ein supergeiles Geschenk für ihn, sondern auch das perfekte Timing. Ich glaube wirklich, dass er vor lauter Begeisterung sterben würde. Das wäre der beste Moment unser BEIDER gesamten Vice-Leserkarrieren. Ich werde euch nur ein paar Fotos schicken, aber ich habe noch viel mehr für euch, falls benötigt, auch Poolfotos. BITTE DENKT DRÜBER NACH! Wenn auch nur irgendwie möglich, Danke für eure Zeit. LAURA KUSSMAN via Email

Wir hatten definitiv vor, deinen Brief zu lesen, aber dann sahen wir, dass auf den Fotos deine Titten zu sehen sind und wir dachten uns nur noch, „Oh, sieh an, Titten“, und auf einmal verwandelte sich der Brief in eine Ansammlung merkwürdiger Hieroglyphen.

DIE ÜBERZEUGUNG STIRBT ZULETZT

Sehr geehrtes Vice Team, Mein Name ist Christian Kailing und ich bin Eventmanager im Raum Main-Kinzig-Kreis und Frankfurt am Main. Meine Veranstaltungen finden in der Musikrichtung House / Minimal, in einem zweimonatigen Takt statt. Die Gästezahlen liegen bei etwa 250 — 500 Gästen. Alles steht im Rahmen von Berlin, ob Ambiente oder der Werbefeldzug (zum Beispiel wird Berliner Weiße ausgeschenkt oder DJs aus Berlin werden auflegen). Ich bin ein überzeugter Berlinbesucher und kenne mich daher sehr

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gut aus in Berlin. Ihr Lifestyle-Magazin Vice ist einfach nur der Hammer. Daher wollte ich anfragen, ob es nicht eventuell möglich ist, regelmäßig einige Ausgaben ihres Magazins kostenlos zur Verfügung gestellt zu bekommen. Diese Ausgaben werde ich bei all meinen Veranstaltungen den Gästen zur Verfügung stellen damit sie auch in den Genuss ihres guten Magazins kommen. Ich gehe sehr stark davon aus, dass viele meiner Gäste ihr Magazin abonnieren werden und die Werbung für ihr Magazin sehr groß ausfallen wird. Es wäre sehr nett von Ihnen mir Bescheid zu geben ob diese Anfrage so zu realisieren ist. Vielen Dank im Voraus CHRISTIAN KAILING via Email Christian, wir beneiden dich um deine Überzeugung. Wir sind mittlerweile von gar nichts mehr überzeugt und haben schon lange damit aufgehört, wegen der ganzen Einmalkaffeebecher, die wir jeden Tag verschwenden, ein schlechtes Gewissen zu haben. Schön, dass du noch an Berlin und Minimal Techno glaubst, auch wenn Berliner Weiße nur von Rentnertouristen getrunken wird (die merken zumindest nicht mehr, wie scheiße das schmeckt). Hallo Vice-Leute, das Interview mit den nach Deutschland geflüchteten Kindersoldaten in der aktuellen Ausgabe hat mich sehr bewegt und mich schlecht schlafen lassen. Ich finde es vorbildhaft, dass ein Format wie Vice solchen Themen Platz einräumt und sie mit der nötigen Sensibilität behandelt. Hut ab! JENZ STEINER Berlin Prenzlauer Berg Großartig. Es gibt noch Leute, die unsere Hefte lesen und nicht nur wegen der Titten und Ärsche mitnehmen. Vielleicht sollten wir doch noch mal über die Kaffeebecher nachdenken. Hallo ihr Vicer Die letzte Ausgabe war der Hammer, Chloe Sevigny ist der Hammer, aber wen wollt ihr verarschen. 15 Jahre lag das Zeugs bei euch rum? Kommt schon. Aber egal, Chloe Sevigny. Chloe Sevigny. Ich bin besessen von dieser Frau, aber vielleicht bin ich auch nur von der Vorstellung von ihr von vor 15 Jahren besessen. Irgendwie würde ich sie ja echt gerne mal kennen lernen. Aber vielleicht bin ich dafür nun etwas spät dran, ich meine sie ist ja nun 15 Jahre älter. Irgendwie ein ziemlicher Mindfuck, das ist generell so, mit Bildern von Menschen aus einer anderen Zeit, da hat man ja gar keinen Bezug mehr zu der Person und vielleicht ist die dann auch schon tot. Chloe Sevigny ist noch am Leben oder? Habt ihr Kontakt zu ihr? Müsst ihr ja, oder? Also, was ich damit sagen will, ist, dass ich sie echt toll finde und gerne kennen lernen würde. könnt ihr mir helfen? EUER AUF IMMER UND EWIG CHLOE VERFALLENER TIMO via Email Gott sei Dank lebt Chloe noch und zwar in den USA. Merk dir das, du geisteskranker, erotomaner Nachsteller, das mit dieser Besessenheitsgeschichte ist irgendwie gruselig. In den U-S-A! Hör auf, in der Vergangenheit zu leben und such dir ein Mädchen, das wirklich mit dir ausgeht. Lieber ein paar nicht so gute Titten in der Hand, als, na ja, du weißt schon... Schreibt an VICE, Brunnenstr. 196, 10119 Berlin oder an briefe@viceland.de Briefe können aus Platzgründen gekürzt werden.


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Männer Und Urinale— Eine Untersuchung VON CHRISTINA KELLY, FOTOS VON ED ZIPCO

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as Urinal. Nabel eines mir unbekannten Universums. Ein Rätsel, dessen Entschlüsselung bislang von der Forschung empfindlich vernachlässigt worden ist. Worüber reden die männlichen Vertreter unserer Spezies, wenn sie in Gruppen vor den Becken stehen, den Schwanz in der Hand, pissend? Ist das ganze Konzept des Urinals nicht völlig bizarr? Um der Fragestellung nachzugehen, kontaktierte ich eine Auswahl erfahrerer Urinalbenutzer und interviewte sie zu den zentralen Fragen. Die Studie war doppelblind und hochwissenschaftlich. Die Ergebnisse. Vice: Ist es nicht merkwürdig, mit fremden Leuten zu pissen? “Ja, das ist scheiße,” meint M. Shubaly, Schriftsteller. “Einmal musste ich das Pissoir neben meinem Vater benutzen. Er sah auf, ich sah runter und er redete ununterbrochen mit mir. Gottseidank habe ich nicht direkt auf seinen Schwanz gestarrt, um zu sehen, wessen größer ist. Es gibt einige Dinge, die muss und sollte man einfach nicht wissen. Ich meine, ich glaube, dass meiner größer ist, aber nichts ist vergleichbar mit dem Schwanz deines Vaters.” Ja, aber wie ist das generell, kuckt man zu seinem Nachbarn oder kuckt man nicht? Darüber herrschte relative Einstimmigkeit unter den Probanden — natürlich kuckt man nicht. Aber natürlich doch. “Wenn”, so 22

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vertraute mir Jonas K., Friseur an, “bei denen, die eine Konkurrenz darstellen könnten. Niemand will häßliche Schwänze sehen. Außerdem lässt man, wenn es möglich ist, ein Urinal neben sich frei. Wie in der S-Bahn einen Platz. Es ist ja auch so, das ist beinahe das Lustigste, dass viele in so Anspannungssituationen nicht loslassen können, das betrifft auch Typen vorm Urinal...” Steven Cox. Designer ist eher skeptisch. “Ich glaube, jeder Typ, ob schwul oder hetero kuckt nach, aber kein Hetero würde das jemals zugeben.” Außer Eben, der in einer Boutique jobbt, “Früher habe ich immer mal rübergesehen, als ich noch kein wirkliches Selbstbewusstsein hatte und einfach sehen wollte, wie andere ausgestattet waren, aber heute kümmert es mich nicht mehr wirklich.” Natürlich gibt es für diesen Sinneswandel einen Grund. “Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich für einige Jahre Kampfsport gemacht habe und ich einen Haufen nackter Typen in der Umkleide gesehen habe. Dementsprechend ist es kein großes Ding mehr, einen Penis zu sehen. Es ist nur interessant zu beobachten, was einige Männer anstellen, um sicherzugehen, dass sie beim Pissen niemand beobachtet. Ich finde, das ist sogar noch seltsamer, als ab und an mal rüberzusehen.” Das heißt, sie können nicht pissen, wenn wer neben ihnen steht? “Ja. Oder sie sehen, dass die Urinale besetzt sind, und gehen gleich wieder oder in die nächste Kabine.”


Ist dir das schonmal passiert? Typ kommt rein, stellt sich neben dich, macht die Hose auf — Stille — er zieht sie wieder hoch — und verpisst sich? “Das ist der beste Moment.” Hahaha. Ich entschuldige mich an dieser Stelle. Mir ist bewusst, dass es wenig wissenschaftlich ist, sich über Typen, die in der Öffentlichkeit nicht pissen können, lustig zu machen. Also, falls du ein Typ bist, der nur zuhause bei Mama pissen kann — du bist nicht lächerlich. Wie dem auch sei, der allgemeine Tenor ging zu “nicht kucken.” Es gab unterschiedliche Begründungsansätze für diesen Umstand — beginnend mit “Privatssphäre” (Daniel) bis hin zu “Nachher kuckt der andere auch und ist neidisch” (Philipp– Die Berechtigung dieser Aussage wurde nicht überprüft.) Seht ihr beim Pissen nach oben oder nach unten? Die Antwort der meisten war sowas wie: “Wir zielen nach unten, weil man dadurch etwas hat, mit dem man die Zeit überbrücken kann.” Wie zum Beispiel “Löcher in den Urinstein pissen,” wie Tim anmerkt, oder schlicht “Mit dem Strahl Spiralen in der Luft beschreiben,” womit Christian seine Zeit verbringt. Aber dies scheint ein Punkt zu sein, der die Männergemeinschaft spaltet, denn es war auch zu hören, dass sich viele zu Beginn erst auf die richtige Ausrichtung ihres Schwanzes konzentrieren, um dann “einen fiktiven Punkt an der Wand zu fokussieren,” wie Robert bestätigt, “weil man nicht angeglotzt werden will, wie man seinen Schwanz anglotzt.” Unterhalten Männer sich beim Pinkeln? “Eigentlich nicht, und wenn, nur über sehr oberflächliche Dinge.” erläutert Phillipp “Wenn, sagt man Sachen wie “Scheiß Bier” oder erklärt, warum man länger steht als sonst. Aber es gibt kein richtiges Gespräch.” Manche unterhalten sich mit Freunden. Etwa siebzig Prozent der Teilnehmer der Studie konnten sich auf die Aussage “Nee, man hat ja zu tun.” einigen. Habt ihr schon mal ein Missgeschick auf dem Urinal erlebt? “Ja, ich hatte ein furchtbares Erlebnis mit einem Urinal, als ich in der ersten Klasse war,” sagt Daniel Silver, “Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor ein Urinal benutzt hatte. Also habe ich meinen Schwanz rausgeholt und wollte pissen, dummerweise war ich aber zu nahe dran und das Ganze spritzte mir wieder entgegen. Mein Bruder musste kommen und mich abholen, da ich aussah, als hätte ich mich eingepisst. Ich muss nicht erwähnen, dass es ein sehr peinliches Erlebnis war, oder?” Aber diesem Problem ist anscheinend auch nicht mit Übung beizukommen. “Das Seltsamste an einem Urinal, zumindest meiner Meinung nach, ist es, die richtige Entfernung abzuschätzen, um dem Rückstrom zu entgehen,” meint Geoff, “Der Rückstoss kann einem die Klamotten ruinieren. Meistens ist das Problem, dass der Winkel deines Strahls und die Oberfläche des Urinals einen feinen Nebel verursachen, der die untere Körperhälfte benetzt.” Gut, dieser Aspekt der Urinalbenutzung und die damit verbundenen Probleme waren mir nicht klar, aber solchen Problemen kann ja abgeholfen werden, also: Gehen echte Männer in Kabinen? Die Antwort, von allen Probanden und allen Seiten war immer die gleiche und Einstimmig: “Nee, nur, wenn du zu faul zum Stehen bist, zu besoffen oder zum Scheißen halt.” Der sanitäre Luxus einer Schüssel wird also aus Gründen eines archaischen Männlichkeitsbildes abgelehnt. Welche Urinalform ist die Beste? Im Grunde mag niemand diese neuen, wasserlosen Typen, da sie einfach nicht wirklich zu funktionieren scheinen. “Ich mag diese großen, wasserfallartigen Rinnen,” sagt Bill, “da man in jede Richtung pissen kann.” Ein paar andere Typen bevorzugen spezielle Pissoirs, die anscheinend mit Eis gefüllt sein sollen, manchmal Eiswürfel, manchmal gecrushtes Eis, vorzugsweise in Diskotheken anzutreffen. Das Geräusch schmelzenden Eises gibt vielen wohl das Gefühl, etwas Produktives zu verrichten und “erinnert an den Beifall, den Mama ihnen spendete, wenn sie etwas richtig, richtig gut gemacht haben,” erklärt mir Mike Flaherty, “Das Highlight sind jedoch diese Urinale mit einem kleinen Ball und einem Tor,” erläutert Philipp beinahe eks-

„Ein Urinal ist klassenlos, es ist der große Gleichmacher, der Ort, an dem alle zusammenkommen,” meint David, ein Kalifornier. „Dein Boss steht auf der gleichen Stufe wie du selbst, niemand wird dort diskriminiert.” tatisch, “das ist, wie ich meine, doch irgendwie das beste Ding auf der Welt, mit seinem Strahl einen Ball in die Ecke zu zirkeln.” Wahrscheinlich löst diese Besonderheit mancher Urinale bei Männern eine Assoziationskette aus, an deren Ende Geschlechtsverkehr steht. Anders ist das nicht zu erklären. Wie ist es auf der Arbeit? Ist es nicht seltsam, wenn der Boss reinkommt? “Ein Urinal ist klassenlos, es ist der große Gleichmacher, der Ort, an dem alle zusammenkommen,” meint David, ein Kalifornier. “Dein Boss steht auf der gleichen Stufe wie du selbst, niemand wird dort diskriminiert. Das ist genau die Sache, die ich an einem Urinal so schätze.” Das Urinal kann auch einige verwirrende Dinge über den Chef enthüllen. “Als ich für eine große Firma arbeitete, deren Namen ich hier nicht nennen darf, aber ich sags mal so–groß, sehr groß, börsennotiert–kam eines Tages der Geschäftsführer dieses Unternehmens auf die Toilette,” sagt David. “Er nahm beide Hände, hob sie an, legte seine Handflächen an die Wand, stand da wie der König der Welt und ließ es einfach laufen. Freihändig. Als ich zurück ins Büro ging, konnte ich es einfach nicht fassen, ich sprach mit anderen darüber, aber alle sagten nur, dass sie es wüssten.” Wurdest du jemals auf einem Urinal angemacht? “Klar, es kommt natürlich immer darauf an, wo man sich befindet, aber in schwulen Bars und Clubs gibt es verschiedene Codes auf dem Urinal,“ sagt Steven. “Das stimmt nicht,” meint Daniel, “Scheiß egal, ob ich auf einem schwulen Klo bin oder woanders, wenn ich meine Privatsphäre haben will, dann bekomme ich die auch.” Okay. “Zum ersten mal wurde ich auf einer schwulen Toilette angegraben,” erzählt Phillipp, “Dieses Ereignis hatte wohl nichts mit irgendeinem Code zu tun, sondern mehr damit, dass ich mich besoffen in das Urinal übergab. Irgendwann, während ich mir die Seele aus dem Leib kotzte, kamen diese beiden Hände von hinten und betatschten mich.” Ich wollte natürlich wissen, wo Philipp betatscht wurde, doch er bestand darauf, dass er nur zum Kotzen auf dem Urinal war und seine Hose nicht zwischen seinen Knien hing. Was ist das Merkwürdigste, was dir je an einem Urinal passiert ist? “Letztens,” so berichtete mir Michael Blochwitz, Autor “war ich in einer SM-angehauchten Kneipe. Ich pisste und sah nach oben, und plötzlich schau ich runter und seh, dass ein Typ neben dem Urinal kniet und mich bittend ansieht — mit weit geöffneten Mund.” Nach dieser Antwort fragte ich niemand anderen mehr. Wie sieht also das perfekte Urinal aus? Tim bringt es auf den Punkt: “Das perfekte Urinal muss man sich wie einen Wasserfall vorstellen, eine Wand aus fließendem Wasser. Wenn der Strahl dann auf den Strom trifft, ist das beinahe ein meditatives Erlebnis. Aber prinzipiell ist das beste Urinal die Natur. Einfach irgendwo in der Natur sein Geschäft zu verrichten, ist immer ein gutes Gefühl.... wenn man in einen Wasserfall pissen könnte, das wäre der perfekte Piss.” VICE

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Der Nebel des Analogen Harmony Korine treibt es mit Mülltonnen INTERVIEW VON LIZ ARMSTRONG PORTRÄT VON RACHEL KORINE

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ls ich beim New York Film Festival Harmony Korines neusten Film, Trash Humpers, sah, roch das Kino nach Furzen und stinkenden Füßen, was Sinn macht, weil ich auf dem Boden saß und die Leute ihre Schuhe ausgezogen hatten. Der Typ, der neben mir auf dem dreckigen Teppich saß, ließ sogar in voller Lautstärke einen fahren. Es war also das ideale Szenario für Trash Humpers, eine Aneinanderreihung schlecht gefilmter, gebrochener Videoskizzen von verrohten Typen in Masken, die wie eine Mischung aus alten Leuten und Herpes aussehen. Sie stolpern umher, misshandeln alles, was sie ihr Eigen nennen, heulen und schreien, bringen grundlos ihre „normalen“ Nachbarn um, nachdem sie sich mit einem halben Ohr ihre schlechten Gedichte angehört haben und tanzen dann Stepp. Es ist die Art Geschichte, nach der man die Menschheit in einem sehr düsteren Licht sieht. Und, wie der Titel schon sagt, stürzen sie sich noch dazu wie brünstige Tiere auf Mülltonnen. Die Leute reiben ihre Dödel halt an allem, was sie so finden können, was? Und dazu müssen sie noch nicht mal Typen sein. Ich hab mich also mit Harmony für einen Plausch zusammengesetzt und natürlich glitt unsere Unterhaltung recht bald ins Extreme — mit Erzählungen über den neusten Trend in Louisiana, wo Typen Mädels Ecstacy-Pillen in den Arsch schieben, und einen Freakshow-Stripclub, wo es eine Tänzerin mit einem verlängerten Steißbein gibt, das wie ein zum Schwanz ausgewachsenes Stück Rückgrat aussieht, um das sie eine Schleife bindet, damit es hübscher aussieht. Aber das ist ehrlich

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gesagt genau die Art Gerede, die ihr von ihm erwarten würdet, also überraschen wir euch vielleicht einfach mal mit etwas anderem. Vice: Hi Harmony. Ich bin seit 13 Stunden auf einem Harmony Korine-Trip. Erst habe ich Trash Humpers gesehen, dann bin ich schlafen gegangen und habe davon geträumt, und dann bin ich aufgewacht und nun rede ich mit dir. Harmony Korine: Ja, sich das vor dem Schlafengehen anzusehen ist ziemlich heavy. Viele im Kino haben gelacht, aber ich fand es eher deprimierend. War es denn als ein Zelebrieren von Gewalt gedacht? Ich denke, die Figuren, die Humpers, zelebrieren die Gewalt insofern, dass sie den Vandalismus lieben. Sie lieben alles, was schlecht ist. Sie lieben es, Dinge kaputt zu machen, Dinge zu zerdreschen, zu verbrennen, zu zerstören. Sie machen das mit einer Mischung aus Sadismus und purer Schadenfreude. So gesehen ist es also eine Ode an den Vandalismus. Sie sind fast eine Art Künstler der Gewalt. Sie erinnern mich an diese Kids aus den späten 90ern / frühen 2000ern, die sich die Baltimore Rowdy Crew nannten. Sie hatten immer Koffer mit Porzellanpuppen dabei und trugen Werkzeuggürtel und bauten die Puppen dann auf der Bühne auf, um sie dort komplett in Stücke zu schlagen. Wer ließ sie denn so in den Club rein?


Was willst du machen, es war in Baltimore! Was aus denen wohl geworden ist? Sie haben alle langweilige „ernste“ Bands gegründet. Das ist witzig. Na, jedenfalls habe ich mich gefragt, ob du mit dem, was deine Figuren machen, einverstanden bist. Es geht nicht wirklich darum, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Ich beziehe mich auf das Grundprinzip des Films: er versucht, wie gefundenes Videomaterial rüberzukommen — ein Fundstück, dass irgendjemand irgendwo ausgegraben oder in einem Loch gefunden hat. Ein Band, das jemand irgendwo in einem Schubfach entdeckt hat, oder in einer versiegelten Plastiktüte, die in einem Fluss trieb. Das einzige, das ich glaubhaft rüberbringen wollte, war die Idee einer mythischen sadistischen Reise. Und wie weit ich dem zustimme... da gibt es natürlich Dinge, die ich bewundere, und dann gibt es die Morde und die Vergewaltigungen. Die du auch bewunderst. Nein, nein. Das will ich nicht rechtfertigen. Das ist einfach, was die Humpers machen. Der Film wirkt eher wie eine Art Kommentar als wie eine Erzählung. Ich bin nicht mal sicher, ob es ein Kommentar ist. Es ist ein Dokument. Aber du hast ihn ja erschaffen — du hast diese Leute ja nicht einfach so vorgefunden. Was ich meine ist, dass ich den Film nicht als Kommentar gemacht habe. In ihm steckt hoffentlich irgendeine Art ungeplanter tieferer Bedeutung — das denke ich jedenfalls. Aber ich wollte einen Film schaffen, der nur an der Oberfläche existiert und bei dem alles Weitere rein zufällig dazukommt. Wie meinst du das? Im Sinne wie man, zum Beispiel, nach der Bedeutung von einem Heimvideo fragt. Was für ein Sinn steckt hinter so einem Film? Na ja. Ich hatte schon den Eindruck, dass der Film einiges kommentiert: Die Welt ist scheiße, etwas dagegen zu tun ist sinnlos, Kinder zu haben ist gruselig... und dann gibt es noch eine Menge Spott, über die Begeisterung für Gastronomie, über die Eitelkeiten des Frauseins – Oh, klar, ich behaupte nicht, dass es keine Themen gibt — die gibt es mit Sicherheit. Ich meine es mehr so, dass der Film, weil ich ja auch als einer der Humpers selbst mit involviert war, ziemlich genau so aufgenommen wurde, wie man es sieht. Du meinst, mit drei Taschenlampen und einem 35 Jahre alten Camcorder? Ja, und nicht nur das. Er wurde in genau der Reihenfolge, in der man es sieht, gemacht und aufgenommen. Also hatte es nicht viel damit gemein, einen traditionellen Film mit einer narrativen Struktur zu machen. Es war einfach eine Ansammlung von Momenten; es gab keinen Rahmen. Wir haben auch nie Nahaufnahmen gemacht. Hattet ihr ein Drehbuch? Wir hatten kein Drehbuch im eigentlichen Sinne. Ich bin mit dem Hund meiner Freundin... äh, ich meine, dem Hund meiner Frau spazieren gegangen. Tut mir leid, ich bin gerade erst aufgestanden. Kein Problem. Ich auch. Genau genommen ist es eigentlich mein Hund. Ich ging also mit meinem Hund... unserem Hund spazieren. Ich ging mit unserem Hund eines Abends diese verlassenen Gassen in Nashville entlang und überall gab es diese Straßenlaternen — die, um die es sich im Film dauernd dreht — die dieses sehr dramatische Licht machen, aber meistens nur diese Mülltonnen beleuchteten, die neben Garagen oder neben Bäumen lehnten. Manchmal sah ich sie mir an und sie kamen mir fast menschlich vor. Ich fand, es hatte fast etwas von einem Kriegsgebiet, oder einer vom Krieg verwüsteten Landschaft, und die Mülltonnen hatten eine Persönlichkeit und waren verletzt oder missbraucht worden. Und es sah ein bisschen so aus, als würde die Vegetation — die Zweige und der Efeu — jetzt anfangen, sich um sie zu winden, sie wieder zur Erde zurückzuholen. Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit so eine Gruppe älterer Spannertypen gab, die sich in der Nachbarschaft herumtrieben und manchmal sah ich, wie sie meinen Nachbarn direkt ins Fenster schauten.

Still aus Trash Humpers (2009)

Ältere? Ja, sie waren alt, ich denke so um die 70. Sie humpelten alle und hatten sehr ähnliche Gesichter. Wie geronnen. Ja, wie seltsame sexgeile alte Sonderlinge aus einem Altersheim, die da gerade aus dem Fenster gekrochen sind. So stellte ich mir das jedenfalls vor, aber vielleicht lebten sie auch nur in irgendeiner Bruchbude bei uns im Viertel. Jedenfalls fing ich an, diese beiden Dinge zu verbinden und ich begann über diese Mülltonnen nachzudenken und über diese alten Penner, die den Müll vögeln und in Fenster starren. Ich verkleidete meinen Assistenten und setzte ihm Masken auf und so weiter und kaufte Einwegkameras und machte mitten in der Nacht Fotos mit diesen grottenschlechten Kameras. Als ich mir die Bilder dann ansah, hatte ich das Gefühl, dass da was dran war, etwas leicht Schauriges, das sich schwer abschütteln ließ. Also wurden die Bilder zu einer Art Vorlage, oder zumindest einer Art Ansatz von einem Drehbuch. Aber, wie du schon sagtest, dieser Kontext ist im Film nicht sichtbar. Sollen die Leute da drauf kommen? Nein, das ist nur, wo es halt herkommt. Vielleicht kam es auch von noch tiefer und ich versuche etwas zu erklären, das nicht einmal erklärt werden sollte. Vielleicht ist es einfach etwas, das tief in mir drin existierte. Ich weiß es nicht! Ich mache manchmal einfach gern meine Augen zu und gehe an einen Ort, der tief in mir liegt und versuche, das nicht zu sehr zu hinterfragen. Und überlässt uns den Rest. Ich mochte die Art, wie du es geschnitten hast; wenn einer dieser Typen zu labern anfängt und man dasselbe Gefühl bekommt, wie wenn jemand anfängt, endlos eine langweilige Geschichte zu erzählen, bis man lachen muss. Du schneidest so was dann mitten im Satz ab und gehst zur nächsten Szene. Sie wollen vielleicht gerade etwas erklären und du sagst dann, das reicht! Wir haben es auf zwei Videogeräten geschnitten und ich wollte, dass es nicht zu sauber aussieht. Ich erinnere mich, wie ich als Kind meine erste Kamera hatte und dann dasselbe Band immer wieder überspielte. Ich wollte einen Film machen, der dasselbe Gefühl rüberbringt — zufällige Momente und Szenen, die an die Oberfläche VICE

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indem ich ihnen vorgaukle, dass sie etwas anderes sehen werden. Ich wollte nicht, dass irgendjemand psychologisch Schaden nimmt. Erzähl mir was über die „normalen“ Leute in dem Film. Das sind zum großen Teil Leute, die mir im wirklichen Leben nahe stehen. Sie dienen den Humpers zur Unterhaltung. Ich glaube, wenn die Humpers nicht gerade Leute vergewaltigen oder zerstören oder ermorden, wollen sie vom Leben vor allem unterhalten werden. Man hat das Gefühl, dass die Normalen so eine Art mythische Figuren sind, die sich im Schatten herumtreiben und schon sehr, sehr lange da sind. Man merkt, dass die Normalen sich selber spielen. Diese krummen, langen, gelben Zehennägel kann man nicht faken. Genau. Ich kenne sie, wohne in ihrer Nähe, bin um sie herum aufgewachsen. Wir gingen zu ihren Häusern und klopften an ihre Türen.

Still aus Trash Humpers (2009)

„Ich glaube, wenn die Humpers nicht gerade Leute vergewaltigen oder zerstören oder ermorden, wollen sie vom Leben vor allem unterhalten werden.“ steigen. Manche Stellen waren irgendwann so übersättigt und körnig und verwaschen, dass man wirklich nicht mehr wusste, was man gerade sah–und dann wird es plötzlich wieder klar. Und so hast du es technisch auch aufgenommen? Denn es gibt ja Leute, die geben Millionen Dollar aus, damit etwas schlecht aussieht. Ich hatte es satt, mir diese Gespräche anzuhören, was die besten Kameras sind und die meisten Pixel und das technisch ausgefeilteste dies und das. Ich dachte, dass dem Nebel des Analogen vielleicht eine eigene Schönheit innewohnt. Das ergab sich aus dem Thema des Films und ich fand, dass wir die schlechtesten 5-Dollar-Kameras benutzen sollten. Manchmal waren sogar die noch zu gut. Wo habt ihr die gefunden? Bei Freunden auf dem Dachboden und so was. Und natürlich haben wir die Bänder auch hundert Mal überspielt. Sah aus, als hätte es Spaß gemacht. Oh, ja, es war toll. Es war sehr spontan. Wir zogen ein paar Wochen herum und wachten irgendwo unter einer Brücke auf. Moment, ihr habt auf der Straße geschlafen? Ja. Na ja, wir haben meistens im Wald geschlafen und haben uns auf verlassenen Parkplätzen oder in leeren Malls rumgetrieben. Wir bauten uns aus Traktorreifen eine Art Nest und wachten dann auf und liefen herum und begannen zu filmen. Es ging so weiter, bis ich wusste, dass es nichts mehr zu dokumentieren gab. Gab es auch echten Schwanz-Müll-Kontakt? Ich will dir nichts verderben, aber ich glaube, einer der Jungs hat sich wirklich den Sack verstaucht. Ach du Scheiße! Aber, um das Thema zu wechseln, was hat es mit dem seltsamen Titel auf sich? Was, du findest ihn nicht tiefsinnig? Er soll ein bisschen dumm klingen, oder? Ich mag, wie Trash Humpers klingt, und ich wollte, dass der Name ganz direkt beschreibt, was sie machen. Ich wollte nicht, dass der Name den Leuten eine falsche Idee davon vermittelt, was sie sehen werden. Das ist nett von dir. Ich hätte es ehrlich schlimm von mir gefunden, die Leute anzulocken, 26

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Denkst du, dass die Leute denken werden, dass du damit die Filmindustrie kommentierst? Ich hoffe nicht. Ich versuche nur an etwas heranzukommen, was eher eine Art Gefühl ist. Man könnte behaupten, dass das ein Horrorfilm ist, aber ein Horrorfilm arbeitet mehr mit Stimmungen und einem bestimmten Ton oder Emotionen, die sich schwer artikulieren lassen. Das sehe ich genauso. Mir gefiel die Vorstellung, etwas zu machen, dass man nicht wegreden kann. Mir fällt es schwer zu sagen, wie ich das finde. Vielleicht ist es nicht einmal ein Film. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es mir ziemlich egal, wie du es nennst. Auf gewisse Weise ist es sicher etwas anderes. Im Film wird soviel extreme Verwahrlosung gezeigt — wie wir Dinge erschaffen, nur um sie dann verwahrlosen zu lassen. Das stimmt genau, egal, wie du es interpretierst. Wenn du dir ein Amateurvideo anschaust, was ist dann die tiefere Bedeutung? Ich weiß es nicht; sie ist für jeden anders. Ich denke, es ist eine Art Geschichte der amerikanischen Kultur. Das ist es und auf gewisse Weise ist es auch eine Art seltsamer Liebesbrief an all die Orte, wo ich aufgewachsen bin, wo ich endlose Stunden damit verbracht habe, Neonlichter einzuschmeißen. Ich könnte weiterreden und vielleicht würden wir dann auf die tiefere Bedeutung kommen, aber ich finde es besser, den Film zu machen, ihn dann in den Raum zu stellen und zu hoffen, dass eine Reaktion kommt. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Filme, die ich gemacht habe, irgendetwas Konkretes bedeuten sollten. Sie bedeuten alles und nichts, und das sage ich so, wie ich es auch übers Leben sagen würde... Was ist Leben? Ich habe keine Idee, was der Sinn des Lebens ist. Du hast eine Idee. Nein, wirklich nicht. Gibt es einen tieferen Sinn? Von was? Dem Leben. Ich denke schon! Sag es mir. Nach Glück zu streben und die Seele fortzuentwickeln. Und was ist mit Leuten, die das nicht können? Sie können danach streben und ihr Bestes tun. Ich glaube zum Beispiel an vergangene Leben und dass alles ein Lernprozess für die Seele ist und so weiter. Aber ich weiß, was du meinst. Schräg gegenüber von meiner Wohnung ist ein Geflügelschlachthof und ich finde das sehr abschreckend und traurig. Aber ich habe mich damit abgefunden, indem ich mir sage, dass all diese Hühner früher schreckliche Diktatoren und Mörder waren, die reinkarniert wurden, um ein schreckliches Leben zu haben, wo man ihnen schließlich die Flügel bricht und den Kopf abhackt. Das ist ein Teil der Lektion, die ihre Seele lernen soll. Ich hoffe, du hast recht. Und ich hoffe, dass ich nicht als so ein Huhn wiedergeboren werde. Ich glaube, dafür musst du noch etwas sehr viel Schlimmeres machen, als einen Film zu produzieren, der Trash Humpers heißt. Hoffen wir’s mal.


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Good Aids Not Bad Aids

AIDS 3-D wollen billigere SMS, nicht die Menschheit ausrotten INTERVIEW VON MATT GOERZEN PORTRÄT VON CHRISTIAN PANKRATZ 28

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or 100 Jahren taten sich ein paar durchgeknallte Italiener zusammen und verfassten ein Manifest, in dem sie sich dem Futurismus verschrieben. Sie beschworen eine neue Ära der Geschwindigkeit, Gewalt und Technologie herauf — ein Utopia, in dem die Museen brennen und sich kein Schwein mehr für die Vergangenheit interessiert. Ihre Hinterlassenschaft? Ein paar nette Kunstwerke in ein paar alten Museen. AIDS-3D sind eine neue Generation von Künstlern, die sich erneut der Zukunft verschrieben haben. Ihr absurd zurückhaltendes Manifest fordert billigere SMSGebühren und die Abschaffung der Region Codes bei DVDs. Sie sehen die Zukunft in einer Kunst, die wirkliche Funktionen erfüllt, indem sie z.B. als Wireless Router fungiert. Und verglichen mit den Übertreibungen, die Marinetti oder Boccioni damals propagierten, kommt einem ihr Umgang mit der sich abzeichnenden Zukunft ausgesprochen avantgardistisch vor. Hier folgt ein Gespräch mit Nik und Daniel von AIDS-3D über die Verlockung des Neuen und den nicht ganz so simplen Prozess, Kunst und Funktion zu verbinden. .

Vice: Ihr habt gerade eine Skulpturenausstellung mit ein paar Internet-Künstlern kuratiert. Wie funktioniert so was? Nik Kosmas: Diese Netzkünstler arbeiten hauptsächlich digital, also wollten wir, dass sie versuchen, ihre Ideen mit Skulpturen, also echten Objekten im Raum umzusetzen. Daniel Keller: Wir sind mit vielen Netzkünstlern befreundet, aber wir haben keine Ahnung, wie man programmiert, also haben wir eine Arbeitsstrategie entwickelt, bei der wir ein paar derselben Ideen in konventionelleren Medien verfolgen können. NK: Die meisten dieser Künstler sind den Umgang mit Objekten nicht gewohnt, und so war es für sie eine interessante Übung. DK: Es ist eine witzige Ausstellung und wenn man die Sachen mit dem Laserscanner abrastert [ein Prozess, bei dem Laser verwendet werden, um physische Objekte digital zu kartieren und 3D-Modelle von ihnen anzufertigen] und diese wirklich fantastischen, supergenauen Scan-Daten von diesen banalen Skulpturen erhält und diese dann wiederum zu einer 3D-Website verarbeitet — da schließt sich dann wirklich der Kreis. Findet ihr also, dass die neuen Technologien die treibende Kraft hinter eurer künstlerischen Arbeit sind? DK: Nicht unbedingt NEUE Technologien, aber die Geschichte der Technologie schon. Wir versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben, was neue Technologien betrifft, und denken darüber nach, wie wir sie anwenden können. Aber dabei interessiert uns eher, wie die Technologie sich auf die Gesellschaft auswirkt. Wie neu etwas ist, ist zweitrangig. Es scheint, dass viele der Netzkünstler oder der Technologie-Künstler sich vor allem darauf konzentrieren, wie neu ein Medium ist, statt darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet. DK: Ja, von Neuem sind wir alle erstmal überwältigt. NK: Ja, ich denke, wenn man diese ganzen interessanten neuen Möglichkeiten vor sich hat, kann man sich leicht darin verlieren und seine Energien zu sehr auf ein kleines Spezialgebiet konzentrieren, statt über den weiteren Kontext nachzudenken. DK: Diese Gefahr besteht immer, wenn man es mit neuen Medien zu tun hat. NK: Ja, so nach dem Motto: „Damit hat das noch nie jemand gemacht, also...“ DK: Ja, so wie der „Blick aus meinem Fenster“ die frühe Fotografie beeinflusste. Der Ausdruck des Mediums wird dann zur alleinigen Message. Genau, weil die Tatsache, dass etwas neu ist, eine Sache automatisch innovativ erscheinen lässt. DK: Dafür ist deine Arbeit dann aber auch sofort wieder veraltet. Dessen sind wir uns immer bewusst. Es geht eher um eine ausgereiftere Anwendung des Mediums. DK: Und wir wollen über die Tatsache hinaus, dass etwas neu ist, etwas kommunizieren. Das ist immer unser Ziel gewesen. Auf eurer Website habt ihr eine Liste mit Forderungen, und ich habe ein Interview gelesen, in dem ihr eure Regeln benannt habt. Wie wichtig sind die für eure Arbeit? DK: Das war eine Sache, die wir ohne große Hintergedanken auf die VICE

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Startseite unserer Homepage gestellt haben und die dann sehr viel mehr Beachtung fand, als wir ursprünglich geplant hatten! Und natürlich stimme ich mit all diesen Forderungen überein... Aber so ernst sind sie auch wieder nicht gemeint. NK: Wir brauchten etwas, es sind aber eher vernünftige, freundliche Bitten. [lacht] DK: Vermutlich sind SMS-Nachrichten wirklich etwas billiger geworden, aber sie sind immer noch viel zu teuer... Keine Ahnung, es war mehr eine Reaktion gegen radikale politische Bewegungen. Wir sind immer skeptisch gegenüber utopischen Dogmen gewesen. So haben wir uns ihrer Sprache bedient, um uns ein bisschen lustig zu machen. Ich finde es witzig, weil eure Forderungen tatsächlich so vernünftig sind. Sie sind super einfach und überhaupt nicht extrem. Wenn du dir aber viele der Künstler ansiehst, die sich mit der Zukunft befassen, sind deren Forderungen oft sehr extrem. DK: Ja, und bei uns lauten sie einfach... billigere SMS. NK: Noch nicht mal kostenlose SMS! DK: Ja, weil wir verstehen, dass Firmen Profite machen müssen, weißt du! [lacht] Ich finde es auch interessant, dass die Futuristen damals so extreme Ziele hatten, Geschwindigkeit und Gewalt, aber alles, was sie dann produziert haben, waren diese Bilder, die ziemlich hässlich und nicht besonders relevant waren. Sie haben im Prinzip komplett versagt. Oder zumindest ist die Zukunft an ihnen vorbeigezogen. Ich finde es interessant, dass die Bezeichnung „Futurismus“ nun auf neue Künstler und Leute wie Ray Kurzweil angewendet wird, die sich Gedanken darüber machen, wie die Zukunft aussehen könnte. Ihr habt sozusagen den futuristischen Mantel geerbt. DK: Es ist dieselbe Sprache, in der damals diese extremen Dinge formuliert wurden, aber viel moderater. Am Ende sind wir an Leuten wie Kurzweil sehr interessiert, aber wir sind auch sehr skeptisch. Es fällt uns schwer, diese Dinge zu glauben. Es geht für uns zwar in die Richtung einer Ideologie, aber wir schaffen es nicht ganz, es wirklich komplett anzunehmen. Das Problem ist wahrscheinlich, dass diese Programme und Ansichten so starr sind. DK: Es ist wichtig, kritischen Abstand zu wahren und sich den Entwicklungen anpassen zu können. NK: In unserem eigenen Schaffen gibt es ein gewisses soziales Programm durch diese neuen aktiven Skulpturen, mit denen wir zu arbeiten begonnen haben. DK: Als Erstes kommt die SETI@Home Collector’s Edition. NK: Uns ist einfach klar geworden, dass bei Skulpturen eine Menge Platz vergeudet wird, der mit Computern gefüllt werden könnte, die eine Aufgabe verrichten. DK: Es ist ein Kompromiss zwischen der Entmaterialisierung des Kunstobjekts und der Tatsache, dass Computer nach wie vor Platz brauchen. Wir können es rechtfertigen, Objekte zu machen, wenn wir den Skulpturen eine echte Funktion geben. Also können die Skulpturen funktionierende technische Objekte sein? NK: Ja, wie wenn man SETI@Home als Screensaver benutzt, wo dein Computer dann verwendet wird, um die Daten von Radioteleskopen auszuwerten und nach Signalen von Außerirdischen zu suchen. DK: Also machen wir Skulpturen, die eine Visualisierung dieses Prozesses sind. Damit reagieren wir auch auf eine Veränderung auf dem Kunstmarkt, wo es momentan wegen der Wirtschaftskrise absurd scheint, richtig teure Dinge zu kaufen. Also bieten wir den Kompromiss, dass unsere Skulpturen gleichzeitig ein Akt der Philanthropie sind... Man unterstützt eine gute Sache, an die man glaubt, indem man die Skulptur kauft und zuhause laufen lässt. Oder sie funktioniert als Wi-Fi-Router und hat so einen direkten Nutzen. NK: Es ist eine Weiterentwicklung von Beuys’ Ideen. Er hat gefragt, ob eine Skulptur die Welt verändern kann. Unsere Antwort ist, ja, solange in ihr ein erstklassiger Prozessor drin steckt, der das menschliche Genom decodiert oder den Himmel nach Todeskometen durchsucht. Diese ganzen Sc-Fi-Bilder hier sind die Resultate von drei-dimensionalen Scans eines Skulpturgartens. Findet auf viceland.de genau heraus, wie du das mit den Point Clouds selbst hinkriegst.

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Apocalypse Porn Final Flesh ist da!

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ernon Chatman hat eine Pornoproduktionsfirma aufgetan, die mit ihrem Stall von professionellen Besteigern jedes eingesandte Drehbuch in einen schmutzigen Film verwandelt. Also hat Vernon ihnen ein Drehbuch geschickt. Und weil Vernon nun mal ein Typ ist, den jeder Serienkiller jagende Bulle einen „kranken Irren“ nennen würde, sind die Filme krank und irre. Sie sind aber auch zum Totlachen. Und gruselig. Die Kurzfilme (es sind insgesamt vier) spielen in einer postapokalyptischen Welt, in der verwirrte Erotikentertainer durch kryptische Rätsel miteinander kommunizieren. Ich stelle mir Final Flesh vor, wie es in einem großen Raum ausgestrahlt wird, der sich daraufhin in zwei Seiten teilen wird: die, die dabei ist und die, die nicht dabei ist. Dann wird die Nicht-dabei-Seite sagen, dass die Pornodarsteller dabei mehr entwürdigt werden als bei einem Anal-Gangbang, weil sie schauspielern müssen und nun mal keine guten Schauspieler sind. Vielleicht müssen sie sogar mehr von ihrer Seele zeigen, als beim Ausleuchten sämtlicher Aperturi (das ist ein neuer Plural von Apertur, den ich gerade erfunden habe) durch riesige Filmscheinwerfer. Aber dieser Schwachsinn wird schon dadurch widerlegt, dass alle Schauspieler so aussehen, als hätten sie Spaß und wüssten einen Tag Fick-Auszeit durchaus zu schätzen. Es gibt Nacktheit, aber keinen Sex. Es gibt einen Ständer. Es gibt eine Vagina, die mit einem Bleistift befriedigt wird. Es gibt eine Frau, die ein rohes Steak stillt. Es gibt eine Frau, die einen Muffin kackt. Es gibt Ketchup, der in einer Schneckenmuschel landet. Aber es gibt keinen Sex. Aber dann sagt die andere Seite des Raums sowas wie, „Bei den Unmengen von Pornos heutzutage, die sich um Erniedrigung drehen, kommt alles immer etwas gefaked rüber, aber das hier ist echt, weil sie sich nicht hinter ihren Vaginas und Penissen verstecken können. Sie müssen mehr sie selbst sein, wenn sie diese Zeilen rezitieren, als wenn sie sich von einem Fremden vor der Kamera ficken lassen.“ Dazu würde ich genau so sagen: „Schwachsinn.“ Final Flesh verweigert sich jeder Beschreibung. Es ist eins der komischsten Dinge, die ich jemals gesehen habe. Ich wollte eine Bildunterschrift für jeden dieser Screenshots machen, aber weißt du was? Ich hab’s aufgegeben. Ich kann’s nicht. Sieh dir den Scheiß nur mal an und sag mir dann ganz ehrlich, dass du das nicht sehen willst, während du schon mit einem Fuß in der Videothek stehst, um es zu kaufen. Das Plattenlabel Drag City wird Final Flesh diesen Monat auf DVD rausbringen. Richtig. Diesen Monat. Auf DVD. Kauf es. JOHN BLOUGH VICE

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Psychokiller... Qu’est-Ce Que C’est? Die deutschen Serienmörder (und ihre Liebhaber) INTERVIEW: BARBARA DABROWSKA FOTOS: CHRISTOPH VOY

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tephan Harbort nimmt sich immer für uns Zeit, wenn wir mal wieder etwas über Serienmörder wissen wollen. Als junger Polizeistudent ist ihm Anfang der 90er das klaffende Vakuum in der deutschen Serienmordforschung bewusst geworden. Seitdem hat er unermüdlich die komplette deutsche Serienmörderszene seit Ende des zweiten Weltkriegs untersucht. Mit Hilfe von 250.000 Blatt Papier, Interviews mit über 70 Serienmördern, Gesprächen mit Opfern, Angehörigen und Partnern, sowie akribischen Studien von Gerichtsakten und der amerikanischen Serienmörderliteratur hat er mittlerweile 16 Bücher geschrieben und arbeitet als Berater für diese ganzen Kriminalsendungen, mit denen ihr Sonntagnacht immer euer Wochenende ausklingen lasst. Für sein neustes Buch hat er sich die Frauen von Serienmördern vorgenommen.

Vice: Hallo Herr Harbort, wer datet denn bitte freiwillig einen Serienmörder? Stephan Harbort: Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau, die immer wieder mit Eifersuchtsgedanken in Kontakt kommt und darunter leidet. Also so ziemlich alle Frauen, die ich kenne. Aber da gibt es jemandem, mit dem niemand etwas zu tun haben will und der auch — was ein großer Vorteil ist — nicht weglaufen kann. Der auch sonst kaum eine Möglichkeit hat, fremdzugehen. Diese Grundvoraussetzung ist für bestimmte Frauen schon sehr, sehr interessant. Es waren also keine Manson-mäßigen Charismatiker, die die Frauen um den Verstand gebracht haben? Es gab eine Sache, die diese Frauen immer wieder gesagt haben, und zwar „Er ist der erste und einzige Mann, der mich so genommen hat, wie ich bin.“ Das hatte weniger mit dem verbrecherischen Habitus zu tun, sondern einer bestimmten Form von Behandlung. Das erinnert mich irgendwie an Bridget Jones, aber egal. Haben die Pärchen auch zusammen gemordet? Es gab schon Mörderpärchen. Dabei ist auffällig, dass bis auf eine Ausnahme immer der Mann die treibende Kraft war. Der Täter spinnt seine Freundin / Frau oft in die Taten mit ein, indem er zum Beispiel einem Opfer Schmuck wegnimmt und diesen seiner Frau schenkt. Für ihn ist das jedes Mal, wenn er mit seiner Frau auf eine Party geht, ein innerer Triumphzug.

Mich hat schon immer die Frage interessiert, ob es einen Moment gibt, in dem Serienkiller durchknallen und ihren ersten Mord begehen. Gibt es solche Schlüsselerlebnisse? Ja, aber die können ganz unterschiedlicher Natur sein. Wenn man sich die Sexualstraftäter anschaut, stellen insbesondere bei Sadisten, fast durchgängig das Beobachten von Tierschlachtungen so einen Wendepunkt dar. Haben Sie ein konkretes Fallbeispiel? Ja, ein junger Mann lebt ganz unauffällig. Dann wendet sich der Vater einer anderen Frau zu, lässt sich scheiden und lernt eine neue Frau kennen, die den Jungen nicht akzeptiert. Es gibt immer wieder Zerwürfnisse und es kommt zu regelrechten Hassgefühlen und er würde diese Frau am liebsten umbringen. Stattdessen geht er nach jedem Zerwürfnis raus und sucht nach jungen Frauen, die dieser neuen Frau des Vaters ähnlich sehen und sticht sie ab. Er kann sich ans Tatgeschehen nicht wirklich erinnern, und auf die Frage, warum er sich nicht an der Frau des Vaters vergriffen hat, sagt er, „Na ja, das konnte ich ja nicht, weil ich meinem Vater nicht wehtun wollte.“ Das ist eine typische Situation, wie ein Mensch, der bis dahin komplett unauffällig war, in eine Konfliktsituation gerät, die er glaubt, nur dadurch lösen zu können, dass er andere Menschen radikal zu Tode bringt. Das ist aber schon eine ziemlich verdrehte Logik, kommt so was oft vor? Ich habe mal mit einem gesprochen, der ältere Frauen, die vermögend aussahen, bis in ihre Wohnungen verfolgte, sich als Paketfahrer ausgab und sie dann umbrachte und ausraubte. Das war für ihn, wie er sagte, ein „Job“. Also, so wie ich ins Büro gehe, ging der Typ Frauen abstechen? Ich habe in einem Gespräch selten jemanden erlebt, der so nüchtern und kaltherzig reagierte. Er sagte, „Ich brauchte Geld und dann hab ich das gemacht und dann war das für mich auch erledigt.“ Und der Typ hatte nie irgendwelche Skrupel? Er war mal bei einer älteren Frau. Die war gehbehindert mit Stock und auch sehr resolut und fuchtelte da immer mit dem Gehstock herum. Er setzte sie dann in der Küche auf einen Stuhl, zog ihr eine Plastiktüte über den Kopf und versuchte, sie zu ersticken. Dabei hat er dann auf der Kommode ein Bild gesehen, wo das Opfer mit seinem Enkelkind und noch anderen Personen abgebildet war VICE

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Stephan zeigt uns eine seiner unzähligen Serienmörder-Akten.

und er meinte, „In dem Moment, wo ich gesehen habe, dass die auch noch ein Enkelkind hat, musste ich erst mal aufhören.“ Hat er die Frau dann in Ruhe gelassen? Er hat die Bilder von der Kommode weggeräumt und irgendwo hingetan, wo er sie nicht mehr sehen konnte und meinte dann, „Als ich das gemacht hab, dann war ich wieder so weit, und habe es zu Ende gebracht, da war es kein Problem mehr.“ Jeder Täter, sei er noch so herzlos, hat irgendwo einen wunden Punkt. Wenn es gelingt, den zu treffen, hat man vielleicht die Chance zu überleben. Was sollte ich tun, wenn ich so einem Irren begegne? Ein Täter, der sadistisch geprägt war, hat einige Opfer wieder freigelassen, und ich wollte wissen, warum. Er sagte: „Na ja, ich wollte, dass die Frauen Angst vor mir haben und ich das auch körperlich sehen kann. In ihren Augen. Die sollten so richtig vor mir zittern, das hat mich so richtig angetörnt. Die Frauen, die so reagiert haben, habe ich dann umgebracht. Aber es gab auch Frauen, die haben mir angeboten, dass ich sie küssen kann, oder ein Gespräch führen kann, und wenn die mir so gekommen sind, dann bin ich mir meiner eigenen Minderwertigkeit, meiner Abartigkeit bewusst geworden, da kam ich mir so klein vor, da bin ich einfach nur noch abgehauen.“ Wenn Sie so viel mit diesen Leuten zu tun haben, erwischen Sie sich manchmal im Privatleben dabei, dass sie jemanden treffen und denken, „Mmh, mit dem stimmt was nicht...“ Ich hüte mich davor, dieses Wissen auf Menschen anzuwenden, denen ich tagtäglich begegne. Das würde auch 36

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zu weit gehen. Ich muss mit diesem sehr belastenden Thema auch mal abschließen. Wir stellen uns ihren Job immer vor wie den von Clarice Starling. Spielen die Mörder auch solche Spielchen mit ihnen? Ja, das kommt schon mal vor. Ausgerechnet mein erstes Gespräch 1997 war so ein Fall. Der Täter hat sich sechs Jahre später das Leben genommen. Es war ein ganz merkwürdiges Gespräch, das sechs Stunden dauerte. Es war im Hochsicherheitstrakt. Der Mann hatte drei Menschen (davon 2 Frauen) umgebracht. Die Sozialarbeiterin hatte mich schon gewarnt, dass er immer noch Ausbruchspläne hatte, weil sein Gnadengesuch abgelehnt worden war und er davon ausgehen konnte, im Vollzug zu sterben. Er wurde als hochgefährlich beschrieben und hat im Gefängnis noch zwei menschen zu ermorden versucht. Deshalb hat er auch über 20 Jahre in Einzelhaft gesessen, weil er überhaupt nirgendwo eingegliedert werden konnte. Wir saßen in einem kleinen Raum, der vollkommen zeitlos wirkte, es gab keine Uhr, keine Bilder an den Wänden. Ein Tisch, zwei Stühle und ein knallroter Alarmknopf. Gruselig. Durchaus. Ich wurde also von einem Wärter hingeführt, der mir sagte, „Seien Sie mal schön vorsichtig, der ist immer noch gefährlich.“ Und ich sagte, „Wenn ich etwas wissen muss, dann sagen Sie mir das jetzt, ich muss ihm schließlich gleich gegenüber sitzen.“ „Machen Sie sich mal keine Sorgen, da gibt es einen


Alarmknopf, setzen Sie sich direkt daneben und wenn was ist, dann hauen Sie da drauf.“ Das hat mich natürlich nicht gerade beruhigt. Was machte der Typ dann? Er sprang immer wieder auf und nahm mir meinen Kugelschreiber weg und sagte Sachen wie, „Kuck mal, den stoße ich dir durch die Augen ins Gehirn“. Ich saß da wie das Kaninchen vor der Schlange. Das Beeindruckendste war, als er versuchte zu lachen und nur eine furchterregende Grimasse dabei herauskam. Vollkommen empfindungslos, zynisch, böse. Das ist 12 Jahre her. Mir fehlen heute noch die richtigen Worte, um diese Situation zutreffend beschreiben zu können. Werden Serienkiller in Deutschland eigentlich wieder freigelassen? Es ist per se nicht so, dass Serienmörder nicht resozialisierbar sind. Ich habe Kontakt zu mehreren solcher Täter, die schon seit vielen Jahren wieder auf freiem Fuß sind und sich einwandfrei führen. Aber das, was alle sagen, ist, „Das erste Mal fällt noch relativ schwer, das zweite Mal ist schon viel leichter und das dritte Mal ist schon kein Problem mehr.“ Wer also einmal die Tötungshemmung überwindet, der kann es immer wieder tun. Wie bringen die deutschen Killer ihre Opfer um? Es geht querbeet. Es gibt 5-6 Tötungsarten, die jeweils so etwa bei 15% liegen. Erwürgen, Erdrosseln, Erstechen, Erschießen und Erschlagen. Da unterscheiden sich die Täter kaum von den übrigen Mördern und Totschlägern. Und Kannibalismus? Das kommt vor, aber nur in einem Prozent der Fälle, was nun verschwindend gering ist. Diese Hannibal-LecterFigur kommt in der Verbrechenswirklichkeit so nicht vor. Wenn es passiert, ist das in der Regel kein Kannibalismus im engeren Sinne, sondern eher ein Probierverhalten. So wie beim Ruhrkannibalen? Genau. Joachim Kroll, eine männliche Putzfrau, hat über 20 Jahre hinweg im Ruhrgebiet über 20 Morde verübt und wurde irgendwann gefasst. Wollte er von Anfang an alle Leute essen? Bei ihm war es so, dass er seit frühester Kindheit nicht mit Frauen umzugehen wusste. Er sah auch etwas komisch aus. Kroll hat seine erste Tat in der Absicht begangen, mit dieser Frau Geschlechtsverkehr zu haben. Das hat dann nicht funktioniert, weil er auch noch an einer sexuellen Dysfunktion litt. Im Laufe der ersten Tat stellte er aber fest, dass ein bestimmter Tatablauf ihn besonders interessiert. Das Beobachten des Todeskampfes. Er richtete seine Taten danach aus, um sich daran zu berauschen. Irgendwann hat er auch die Fantasie entwickelt, einen Menschen aufzuschneiden und in ihn hineinzusehen. Das war für ihn ein besonders reizvoller Aspekt. In den ersten 19 Jahren seines Mordens konnte er das nicht tun, weil er immer weit fahren musste und das dann „nicht so gut ging“, wie er sagte. Und im zwanzigsten Jahr „ging es dann auf einmal gut“? Er lockte ein 4-jähriges Mädchen zu sich in die Wohnung. Er kochte dann Teile des Kindes, die Hände und Scheiben aus dem Oberschenkel, bereitete sie mit

„Er lockte ein 4-jähriges Mädchen zu sich in die Wohnung. Er kochte dann Teile des Kindes.“ Möhren und Kartoffeln zu einer Mahlzeit. „Ich wollte einfach mal wissen, wie Menschenfleisch schmeckt“, begründete er sein Handeln. Das war eine morbide Neugier, der Gipfelpunkt seiner perversen Entwicklung. Alles, was er bis dahin getan hatte, befriedigte ihn nicht mehr vollends und er suchte immer wieder nach neuen Facetten. Ich habe gelesen, dass er unheimlich dumm war, was hatte er für einen IQ? 76, das heißt, er war grenzdebil und zur Idiotie fehlte nicht viel. Dieser durch und durch dumme Mensch hat für sich festgelegt, „Wenn ich weit genug wegfahre von meiner Wohnung, mich nicht allzu lange am Tatort aufhalte, die Opfer mich nicht kennen, dann kann es doch eigentlich nicht sein, dass die auf mich kommen.“ Und genau dieser simple Plan hat ihn 20 Jahre lang davor bewahrt, inhaftiert zu werden. Und bei den Opfern? Gibt es Eigenschaften, die einen eher zum Opfer machen? Es gibt sechs Opfertypen, zum Beispiel: zufällige Übereinkunft von Opfer und Täter (zur falschen Zeit am falschen Ort). Das Opfer übt einen besonderen Reiz aus, weil es einfach verfügbar ist. Es spielt keine Rolle, ob es Mann, Frau oder Kind ist — es ist einfach da. Dann gibt es auch Menschen, die Opfer werden, weil sie in einer vordeliktischen Beziehung stehen, zum Beispiel wenn das Neugeborene für die Frau eine Bedrohung darstellt. Diese Menschen kommen nur deshalb zu Tode, weil sie in einer Beziehung zum Täter stehen. Und dann gibt es noch die Ausnahme, wenn ein Täter ein Opfer ganz bewusst auswählt, wie zum Beispiel Jürgen Bartsch, der meinte, „Mensch, ich wollte immer die Jungen im Alter von 8-10 Jahren, die mussten helle Haut haben und schlank sein und nur wenn die so aussahen, dann waren die für mich attraktiv.“ Ich habe die Theorie, dass Arno Meiwes ein Serienkiller ist, auch wenn er nur einen Mann umgebracht hat. Stimmt das? Formal betrachtet nein, weil er nur ein Opfer getötet hat. Aber dieser Fall zeigt, dass der Begriff „Serienmörder“ ein unzulänglicher ist. Es gibt nämlich sehr viele Täter, die bereits nach der ersten Tat gefasst wurden und ohne Zweifel weitergetötet hätten — genau genommen sind es auch Serienmörder, nur fehlt die Serie. In diese Kategorie fällt auch Meiwes. Der Begriff, der diese sehr spezielle Tätergruppe zutreffend beschreibt, ist wohl noch nicht gefunden worden. Stephan Harborts neues Buch Ich liebte eine Bestie—Die Frauen der Serienmörder ist jetzt beim Droste-Verlag erschienen.

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Lemmy INTERVIEW UND FOTOS VON CHRIS SHONTING

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ch habe kurz darüber nachgedacht, die Einführung zu diesem Interview so zu formulieren, dass sie klingt, als hätte sie ein unvoreingenommener Journalist geschrieben. Aber scheiß drauf. Lemmy ist mein Held und ich werde das nicht verbergen, denn das würde keinen Spaß machen. Als ich Lemmy vor kurzem bei einem New Yorker Konzert hinter der Bühne traf um ihn zu interviewen und ein paar Fotos von ihm zu machen, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der neben seinen Großvater schlüpft, nachdem das Haus voller Verwandten endlich zur Ruhe gekommen ist, und dieser beschlossen hat, dass jetzt der richtige Augenblick gekommen ist, um seine Geschichten zu erzählen. Am Anfang war ich nervös, weil das die ganz große Show war, aber dann kippte Lemmy das Ganze schon mit seinen ersten Worten. Dann legte er los und erzählte seine Geschichten. Als Motörhead-Fan kann ich mir kaum etwas Besseres vorstellen. Lemmy ist einer der mit Abstand unaufgeregtesten Menschen, die ich je das Glück hatte kennenzulernen. Er ist ein verdammter Gentleman und gibt auch gar nicht den schlechtesten Gelehrten ab. Wie seine Musik ist auch er recht wild. Manchen ist er im Umgang zu brutal. Aber ein paar Leute vor den Kopf zu stoßen, die nicht so hart im Nehmen sind, ist nur ein Nebenprodukt seiner totalen Ehrlichkeit. Lemmy hat sich nie angepasst um Lob zu erhaschen oder seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Seine gesamte Existenz erzählt pausenlos davon, was es heißt, sich selbst treu zu bleiben. In der Geschichte von Motörhead gibt es keine astronomischen Höhen oder höllischen Tiefen. Sie folgt einfach dem Weg einer Band, die sich trotzig durch den endlosen Ansturm von Gigs, Frauen, Trends, Gegnern, Arschleckern und Geschäftemachern ackert. Wie kaum ein anderer verkörpert Lemmy das Bild des nicht unterzukriegenden ewigen Reisenden. Vice: Was war der Grund, aus dem du gesagt hast, „Ich werde in einer Band spielen“? Lemmy: Frauen. Frauen. Ohne Frage, Frauen. Im Fernsehen zu sehen, wie sie sich um Rocksänger scharen. Ich kam in den 50ern zur Musik, weißt du, und damals war das eine ziemlich klare Sache. Ich brachte 1958 meine erste Platte raus. Ich war damals noch ziemlich jung und sah diesen englischen Sänger, Cliff Richard, der immer noch aktiv ist, aber damals ganz anders rüberkam als heute. Er war im Fernsehen, umzingelt von Mädels, die ihm die Sachen vom Leibe reißen wollten. Ich sagte, „Das ist was für mich. Es sieht noch nicht mal wie Arbeit aus.“ Später merkte ich, dass es doch Arbeit war, aber es hat seine Vorteile gegenüber einem Job in der Waschmaschinenfabrik. Ja, das würde ich auch meinen. Das hat mich also von der Musik überzeugt. Meine Mutter spielte Hawaii-Gitarre, aber die ließ sich ziemlich schwer greifen. Ich spannte trotzdem neue Seiten auf und nahm sie in der Woche nach den Prüfungen, wenn man eh nichts mehr macht, mit in die Schule. Wenn man nur so rumsitzt. Genau. Und sofort war ich von Mädchen umzingelt. Es funktionierte also genau nach Plan, obwohl ich das Ding nicht mal spielen konnte. Wie lange hat es gedauert, bis du gedacht hast, „Vielleicht muss ich es lernen?“ Oh, nicht länger als zwei Stunden. Es fällt mir leicht, Akkorde zu spielen, und, weißt du, was anderes habe ich ja nie gemacht. Ich wollte nie Leadgitarre spielen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht mal, dass es so was wie einen Bassisten gibt.

Verstehe. Also war ich lange Zeit ein guter Rythmusgitarrist, aber als Leadgitarrist war ich scheiße. Echt mittelmäßig, Mann. Aber du hast versucht Leadgitarre zu spielen? Ja. Ich spielte zwei Jahre in einer Band, die The Rockin’ Vicars hieß. Ich tat nur so, weißt du. Ich legte eine Menge Verzerrung drauf und bewegte die Finger schnell hoch und runter, damit sie dachten, dass es ein Solo ist. Ich wollte ihnen nicht sagen, dass es keins war. Große Bands implodieren oft nach drei Alben oder so, aber du hast es geschafft, dass Motörhead so lange funktioniert hat. Bald 35 Jahre. Was machen die anderen Bands verkehrt? Sie glauben nicht, dass die Musik wichtig genug ist, um ihre persönlichen Differenzen dafür zu vergessen. Ich war immer der Meinung, dass selbst die größten persönlichen Differenzen nicht wichtig genug waren, um die Band deshalb zerbrechen zu lassen. Ich meine, es haben immer wieder Leute die Band verlassen, aber ich habe immer weiter gemacht. Ich habe nie daran gedacht, etwas anderes zu machen. Das ist meine Bestimmung. Das ist das, wozu ich hier bin. Ich bin hier, um in der verdammten Garderobe Interviews zu geben. Das ist mein Leben. Yeah. Es ist kein Job mehr. Ich wollte dir ein paar Fragen zu Hawkwind stellen, für die du Bass gespielt hast, bevor du Motörhead gegründet hast. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Hawkwind gekommen? Ich hatte die Band einmal spielen sehen, bevor ich bei ihnen anfing. Alle hatten diesen kollektiven epileptischen Anfall — das komplette Publikum, 600 Leute. Ich dachte, „Fuck, ich muss bei diesen Typen mitspielen.“ Was waren die Vor- und Nachteile, bei Hawkwind zu spielen? Was ich daran mochte, war, dass es das erste Mal war, das ich Bass spielte und feststellte, dass ich ein guter Bassspieler sein könnte. Also wurde ich Bassist und ich war richtig gut, weißt du. Das war eine tolle Sache für mich—hat mir sozusagen die Augen geöffnet—und in der Band hatte ich als Bassist viel Freiraum. Ich machte viele Fills und machte hinter Dave, der die Leadgitarre spielte, einen Haufen cleveres Zeug. Ich hab wie immer angegeben. Für die Mädels. Was soll das Ganze, wenn du nicht angeben kannst? Es ist Rock ’n’ Roll, warum also nicht. Und was waren die Dinge, die dich richtig genervt haben? Bei Hawkwind? Ihre Einstellung. Ich mein, sie haben nie gesagt, dass ich wirklich in der Band bin. Fuck. Du warst fünf Jahre dort. Fünf Jahre. Sie schmissen mich raus und ich sagte, „Ihr könnt mich nicht rausschmeißen, Motherfuckers, ihr ja habt nie gesagt, dass ich überhaupt in der Band bin!“ Wer hatte in der Band das Sagen? Dave Brock, der Leadgitarrist. Die Band war im Prinzip er. In Interviews kam er immer als ein sehr vernünftiger Typ rüber. Das war er auch, aber zu der Zeit waren sie in Großbritannien sehr erfolgreich—Nummer eins und all das. Und das wirkt sich auf die Leute auf unterschiedliche Weise aus. Sie haben mir nie verziehen, dass ich bei ihrer einzigen Hit-Single der Sänger war. [lacht] VICE

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„Silver Machine.“ Der Song war ein ziemlicher Renner. Vor mir probierten alle anderen, es zu singen, und keiner kriegte es hin. Ich habe es in zwei oder drei Versuchen hingekriegt. Das hat sie echt angepisst. Dann druckte NME mein Foto auf der ersten Seite ab. „Hawkwind schafft die Nummer Eins“ mit meinem Bild daneben. Ja, das hat dir sicher neue Freunde in der Band verschafft. Ja. Das hat sie echt fertig gemacht. Es war eh ein ziemlich komischer Haufen. Sie waren auch alle permanent völlig bekifft. Wir hatten damals noch nicht mal einen Tourbus, wir hatten hinten in einem Transporter ein paar Matratzen und Decken liegen. So sind wir während der Festivalsaison gereist. Wow. Und es war immer noch ein Festival, wenn wir in dem verdammten Bus nach Hause fuhren. Dell hat seine Festivaldecke zwei Jahre lang nicht gewaschen. Das verdammte Ding stand verdammt noch mal von selbst, wenn du es an eine Wand gelehnt hast. Eine Band, in der du gespielt hast, bevor du bei Hawkwind angefangen hast, und die ich immer noch viel höre, ist Sam Gopal. Oh, ja? Das hörst du dir an? Ich hab es auf meinem iPod. Ich glaube, es hat mir mal jemand gemailt, weil man es nicht mehr kriegt. Jetzt anscheinend doch wieder. Irgendjemand hat das wieder rausgebracht. Was war denn der Deal damit? Ich finde es ist eine der krassesten Sachen, die ich je gehört habe. Na ja, ich habe die Songs alle in einer einzigen Nacht geschrieben. Fuck. Du hast es auch selber gesungen, oder? Ja. Das war 1968. Es war natürlich eine ziemlich überstürzte Sache. Aber das Speed war damals sehr gut. Ich blieb die ganze Nacht wach und schrieb die ganzen verdammten Songs. Elf insgesamt, glaube ich. Wann hast du sie dir zum letzen Mal angehört? Vor Jahren. Es ist toll. Ihr hattet sogar Mädchen, die die Backing Vocals gemacht haben. Ja. Sue und Sunny—das waren damals berühmte Backing GroupMädels. Sie waren bei allen mit auf der Platte. Bei Dusty Springfield zum Beispiel, da sind sie auf allen Platten drauf. Sie waren echt bekannt. Ach übrigens, den einen Song da drauf, „Season of the Witch“, den hab ich nicht geschrieben. Aber den ganzen Rest in nur einer Nacht? Das ist nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Wie sieht dein Schreibprozess aus? Ich denke mir erst den Titel aus und schreibe den Rest dann darum herum. Es ist eine Art Schreibübung. Du denkst dich in das Thema ein und dann lotest du es in alle möglichen Richtungen aus. Also habe ich zum Beispiel einen Titel wie „Overkill“ und denke mir dann aus, was ich daraus mache. Ich weiß noch nicht mal, wie viel Songs du geschrieben hast. Einige. Wer hat dich beeinflusst, als du angefangen hast? Ich bin von allem beeinflusst, das ich höre. Ich kann dir nicht all meine Einflüsse als Musiker aufzählen. Ich mein, die frühen Rocksänger wie Little Richard, Elvis, Buddy Holly, Chuck Berry waren alle wichtig. All diese Leute. Und die Liverpooler Bands auch. Ich hatte einfach Glück, Mann. Ich kriegte einen Haufen guten Scheiß zu hören. Ich sah die Beatles im Cavern Club. Ja, ich erinnere mich, dass ich das in deinem Buch gelesen habe. Und Hendrix. Ich habe als Roadie für ihn gearbeitet, was einfach daher kam, dass ich zu der Zeit bei seinem Bassisten Noel Redding zuhause auf dem Fußboden übernachtete, und sie dann zufällig gerade noch jemand brauchten. Ich sah den Motherfucker sechs Monate lang jeden Abend zweimal spielen. Und wenn du sagen müsstest, was das beste Konzert war, das du je gesehen hast... Hendrix und die Beatles. Ohne Zweifel. Diese beiden... so etwas wird

„Das Speed war damals sehr gut. Ich blieb die ganze Nacht wach und schrieb die ganzen verdammten Songs.“ man nie wieder zu sehen bekommen, denn sie waren auf ihrem absoluten Höhepunkt und kamen rein und fegten alle anderen einfach weg. Sogar die Stones. Die Stones waren neben den Beatles zweitklassig. Erst als es die Beatles nicht mehr gab, konnten sie anfangen, sich die größte Rock ’n’ Roll-Band der Welt zu nennen, was sie nie waren. Auf der Bühne waren sie immer eher mies. Ohne die tollen Produktionen, die sie jetzt drauf packen, wären sie immer noch ziemlich mies, denn Keith ist ziemlich mies, meinst du nicht? Total. Er spielt toll Rhythmusgitarre, aber als Leader ist er nicht gut. Er ist nicht der aufgeweckteste Typ, den ich kenne. Er war früher aufgeweckter, aber Brian Jones war viele Jahre der Bandleader. Es war seine Band. Er heuerte Jagger und Keith an, aber sie überrundeten ihn dann. Ich wollte dich nach deinen Vorstellungen von Erfolg und Versagen fragen. Du hast dich nie verändert. Warum sich verändern, wenn’s super läuft? [lacht] Ja, aber als Motörhead ihr erstes Album rausbrachten, reagierten die Medien ja eher mit „Was zum Teufel ist das?“. Wir konnten in Amerika noch drei Jahre, nachdem wir in Großbritannien schon ein Riesenhit waren, nichts veröffentlichen. Damals waren wir bei so Scheißlabeln wie Legacy und Eclipse und dann gingen wir zu Sony, was sogar noch schlimmer war. Dann hatten wir Glück. Wir kamen zu... wie hießen die noch mal? Na, sie wurden dann eh von Sanctuary geschluckt. Meinst du das deutsche Label? Nein, bei SPV, dem deutschen Label, sind wir jetzt. Die haben aber gerade Konkurs angemeldet. Das ist gerade ein verbreiteter Trend. Ich weiß. Die Plattenfirmen gehen vor die Hunde, und sie kapieren noch nicht mal, wie es ihnen passieren konnte. Sie sind so verdammt bescheuert. Kannst du der Musikindustrie eine Note geben, zwischen 1 und 6, dafür, wie sie Motörhead behandelt hat? Oh, eine klare 6. Das ist bei allen Bands so, die ein bisschen anders sind. Die Industrie ist immer total überrascht, wenn die nächste Band den Durchbruch schafft. Als die Liverpooler Bands hochkamen—da wurde der Mersey Sound ja ein großes Ding und dann gab es eine kleine Szene um Manchester und dann London mit den Stones und dann schwappte es hier rüber mit San Francisco, und dann machten sie es mit Seattle und Nirvana noch mal. Sobald sie einen Hit von einer Band haben, rennen sie immer gleich wieder in die Stadt und nehmen jeden unter Vertrag, der eine Gitarre um den Hals hängen hat. Die Hälfte davon hätte nie einen Vertrag kriegen sollen. Es waren einfach Kids mit Gitarren, die keine Ahnung hatten, was sie da taten. Die einfach nur zufällig aus Seattle oder Liverpool waren. Viele der Leute aus der Industrie—sogar Brian Epstein, der Manager der Beatles—hatten keine Ahnung, was sie taten. Er nahm so was wie vier Bands unter Vertrag, die nie einen Hit hatten, und die dann einfach irgendwann wieder abgestoßen wurden. Aber wenn alle Labels euch mit offenen Armen empfangen und genau gewusst hätten, was sie taten, wäre Motörhead dann Motörhead? Wahrscheinlich nicht. Weil ihr immer gleichzeitig Underdogs und Legenden wart. Ja, darauf haben wir sozusagen unsere Karriere gebaut. Wir hatten VICE

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aber auch keine Wahl, denn wir waren nie dafür bestimmt, die „Overdogs“ zu werden. Wir sind irgendwie zu brutal, um bei allen beliebt zu sein. Ich hatte nie die Vorstellung, dass wir das sein würden. Am oberen Ende der zweiten Riege zu sein, reicht mir völlig aus. Wie es gewesen sein muss bei den Beatles oder den Stones zu sein! Ich kann es mir nicht vorstellen. Es muss die verdammte Hölle gewesen sein. George Harrison hat gesagt, dass es die schlimmste und die beste Zeit seines Lebens war. Ja, ich bin sicher, da gab es viel 50/50. Mit Sicherheit. Alles, was sie taten, passierte unter dem Mikroskop. Eine britische Zeitung hatte eine Beatles-Seite, wo immer stand, was sie am Vortag gemacht hatten. Es war ein Massenblatt — der Daily Mirror war das — und das war zu der Zeit die meistverkaufte Zeitung in Großbritannien. Ich fand es gut, wie man sie immer als die Guten darstellte, während die Stones als die satanischen Tough Guys präsentiert wurden. Die Beatles waren aus Liverpool. Das ist eine harte Stadt. Die Stones waren nicht hart. Sie verkleideten sich nur. Fucking Liverpool, Mann. Die Stones sind aus den Vorstädten von London. Ringo kam aus The Dingle, was neben Glasgow die schlimmste Ecke war, die ich im Leben gesehen habe. In beiden Fällen konnten sie diese Orte nicht reformieren, also haben sie sie einfach abgerissen. Sie haben die Leute umgesiedelt, das Ganze platt gemacht und neue Siedlungen drüber gebaut. Nicht gerade der richtige Weg, diese Ecken zu zivilisieren, wenn du weißt, was ich meine. Es war rechtsfreier Raum. Die Bullen gingen da nicht hin. Dein Song „Stone Deaf in the USA“ ist ein Tribut an das Partyleben in Amerika und du bist dann auch noch nach L.A. gezogen. Ja, aber nicht zu der Zeit, wo der Song entstand. Dann geht es in dem Song also nicht darum? Das war nur über die Tourneen? Ja. Das war während der Ozzy Osbourne-Tour—der ersten Blizzard of Oz-Tour. Die Leute machten einen auf ... [verzieht angewidert das Gesicht]. So, „Was für’n Scheiß“? Ja, das komplette Set durch. Die meisten von ihnen haben es überhaupt nicht kapiert, aber ein paar kapierten es und die bilden den Kern unserer Fangemeinde. Die meisten waren nur wegen des Ereignisses da, und sie waren entsetzt. Von Ozzy auch. Und von uns dann natürlich erst recht. Was sie gemacht haben, nachdem Kiss nach uns mit dazu stießen, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ach du Scheiße, Kiss sind nach euch als Vorband von Ozzy aufgetreten? Das nenn ich eine schizophrene Tournee. Ja, Kiss und Ozzy. Ihr seid so ziemlich die pflegeleichteste Band und dann kam Kiss und die brauchten ihre eigenen Maskenbildner. Ich weiß. Kannst du dich noch erinnern, wie sie das erste Mal ohne Make-up auftauchten? Ja, das war für alle Beteiligten ziemlich peinlich. Sehr peinlich. Denn dann kriegtest du mit, „Mann, sind die hässlich.“ Es sind keine schönen Männer. Außer Paul Stanley. Er war immer noch süß. Aber die anderen drei? Es ist so, wie wenn man am Morgen neben einem Mädchen aufwacht, die man im Vollsuff aufgerissen hat, und denkt, „Oh, Scheiße.“ [lacht] Ja, Scheiße, und man sich im Bad versteckt, bis sie weg ist. Ich tu lieber so als würde ich schlafen. Es ist wie das Fuchsfallen-Syndrom. Du würdest dir lieber den Arm abkauen, als sie aufzuwecken. Die Situation kennen wir alle. Ich kann mich noch an jemand aus unserer Crew erinnern, Paulie, da gab es diese zwei Bräute, die wir zu all unseren deutschen Shows mitnahmen. Wir nannten sie damals die „Monsters of Rock“. Eine von ihnen hatte nur einen Zahn. Sie sahen schlimm aus, aber sie waren echt riesige Fans, weißt du. Na, jedenfalls zog Pauli eines Abends mit einer von ihnen ab und die beiden teilten sich ein Zimmer mit unserem Soundtypen, Dave Chamberlain. Er wachte auf und merkte, dass

„Die besten Frauen sind die, die mit dir vögeln wollen und die schlimmsten sind die, die es nicht wollen.“ jemand neben ihm lag, aber er hatte keine Ahnung wer. Dann guckte er zu Dave rüber und Dave saß im Bett und machte so:... [Lemmy macht noch mal ein angeekeltes Gesicht]. Und er machte ... [noch ein angeekeltes Gesicht]. Und Dave machte ...[schüttelt den Kopf]. Dann ging Paulie ins Bad und wartete, bis sie weg war. Eine Geschichte, die die meisten sicher nachempfinden können. Die meisten unserer Fans haben so was schon mal erlebt. Scheiße, ich hab das quer durch die ganze Lower East Side erlebt. Am Anfang klingt es immer nach einer guten Idee. Ja, besonders nachts im Suff. Das ist die Zeit, wo plötzlich all diese goldenen Bräute auftauchen. Dann sehen plötzlich alle irgendwie gut aus, oder zumindest okay. Aber manchmal kommt es einem auch so vor, als hätte man wirklich die letzte vor sich, die am Abend übrig geblieben ist, und du kannst es trotzdem irgendwie nicht lassen. Es ist, als hätte man eine außerkörperliche Erfahrung. Du siehst dir zu, wie du diesen Drachen angräbst und du weißt, was du da machst, aber du machst es trotzdem. Es ist wie das Ding mit dem Engel und dem Teufel auf der Schulter. Und der Engel verliert jedes Mal. Der Engel verträgt keinen Alkohol. Und der Teufel sieht immer aus wie ein Schwanz. Der auf sie gerichtet ist. „Tu es, tu es.“ Wie ein verdammter Hund. Okay, das nächste ist ein bisschen eine Klischeefrage. Ich geb dir halt eine Klischeeantwort. Okay. Also gut. Du darfst mir richtig eine auftischen. Wo hast du auf deinen Tourneen auf der ganzen Welt die besten Frauen gefunden? Die besten Frauen, sind die, die mit dir vögeln wollen und die schlimmsten sind die, die es nicht wollen. Das ist sozusagen wichtiger als alle geografischen Grenzen. Ja stimmt, weil es auf der ganzen Welt nur zwei Arten Frauen gibt— Frauen, die man vögeln will, und bei denen man es schafft, und Frauen, die man nicht vögeln will. Das ist ganz einfach. Es ist egal, wo sie herkommen. Der Akzent ist mir egal. Wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, gibt es immer noch Zeichensprache. Auf jeden Fall. Besonders in der Kneipe. Ja. Obwohl das zu Verwirrungen führen kann, wenn man richtig rattendicht ist. Dann verstehen sie einen manchmal falsch. Es ist schon manch einer verheiratet und mit einem neuen Tattoo auf der Brust aufgewacht. Ja, ein paar Kumpels von mir ist so was passiert. Aber wir müssen auch erwähnen, dass du sehr viele weibliche Musikerinnen unterstützt hast. Ich mag Frauen im Rock ’n’ Roll. Ich bin mit zwei Frauen aufgewachsen, meiner Mutter und meiner Großmutter. Mein Vater hat uns verlassen, als ich gerade mal drei Monate alt war. Meine Mutter hat dann erst wieder geheiratet, als ich zehn war oder so, also verstehe ich Frauen sehr viel besser als eine Menge Typen, die mit Papa auf Jagd gegangen sind. Ich mag Frauen meist lieber als Männer. Wenn du dich mit Männern unterhältst, vor allem in Amerika, redet man meistens über irgendwelchen Machoscheiß, wie sehr du Politik hasst und dass du einer Miliz beitreten und irgendwas erschießen willst. So läuft das oft und das ist echt schade, denn dieses Land ist das Paradies. Die Leute hier schießen sich echt ein Eigentor und sie merken es noch nicht mal. VICE

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H.R. Giger VON CONOR CREIGHTON, PORTRÄT VON STEVE RYAN, ILLUSTRATIONEN VON H.R. GIGER

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.R. Giger wird, egal, wie viele Museen und Galerien er mit zahllosen anderen Arbeiten füllt, mit ziemlicher Sicherheit als „der seltsame Schweizer hinter Alien“ in die Annalen der Geschichte eingehen. Während der 70er Jahre schuf Giger ein Buch mit dem Titel Necronomicon, das ihn als einen der wichtigsten phantastischen Künstler dieser Zeit etablierte. Salvador Dalí war von seinen Arbeiten so beeindruckt, dass er ihn zu sich nach Spanien einlud. Als Giger der Einladung folgte, spannte Dalí, der schlaue Hund, ihm seine Freundin aus. In den 80ern begann Giger an Filmen mitzuarbeiten und bekam für seine Arbeit an Alien einen Oscar, aber nach ein paar lausigen filmischen Kollaborationen in den 90ern verschwand er weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit–wenn man von den Gruftis und Rockern absieht, die seine Kataloge nach wie vor nach Tattooinspirationen durchforsten. Heute ist Giger 69. Und der von Feministinnen und Moralhütern gehasste frühere König der Dunkelheit ist heute kaum furchteinflößender als der schlecht gelaunte Alte von nebenan. Er trägt Crocs. Er werkelt im Garten vor sich hin, brabbelt seiner Katze etwas zu, haut sich nachmittags vor die Glotze und köpft eine Flasche, wann immer ihm danach ist. Seine Frau Carmen wohnt nebenan. Giger hat ein Loch durch die Wand gehauen, um die Gebäude miteinander zu verbinden. Seine Seite ist innen komplett schwarz gestrichen. Carmens Seite vermutlich etwas freundlicher. Giger ist wie ein kleiner Junge, der seiner Fantasiewelt nie entwachsen ist. Er mag es, dass sein Garten mit Unkraut überwuchert ist und findet es gut, wenn seine Skulpturen rosten und verfallen. „Das ist mein Stil,“ sagt er. Er teilt seine Zeit zwischen einem Schloss in den Alpen und seinem Haus in Zürich, wo Modellbahngleise durch seinen Garten und quer durch seine Küche führen. Wenn er zeichnet, skizziert er am liebsten seltsame Alien-Figuren mit beachtlichen Ausbeulungen in der Geschlechtsgegend, die zierliche Damen auf den Boden pressen, aber die dunkleren Tage seiner albtraumhaften Visionen und brutalen Halluzinationen sind vorbei. Er geht um fünf Uhr morgens ins Bett und steht gegen Mittag auf. Am Abend vor dem Interview hatte Giger es beim Abendessen etwas übertrieben. Wie war dein Fondue gestern Abend? Schwer. Wahnsinnig schwer. Danach sage ich immer, „Oh Gott, warum habe ich das nur gemacht?“ Aber es ist einfach zu gut. Was treibst du im Moment so? Ihr wisst vielleicht, dass ich seit den 90ern nicht mehr gemalt habe. Ich lebe sehr ruhig. Ich sehe gern fern. Ich mag The Wire, und die Sopranos sind auch wahnsinnig gut. Gestern haben wir deinen guten Freund Walter Wegmüller getroffen, der Timothy Leary geholfen hat, als er auf der Flucht war. Er sprach von den „verrückten Zeiten“ damals in den 70ern in der Schweiz. Was war das für eine Zeit? Ah, die verrückten Zeiten. Als Timothy Leary in der Schweiz war, hoffte er, Asyl zu bekommen, damit er hier bleiben konnte, und nicht 44

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zurück in die Staaten in den Knast musste. Ich habe Unterschriften für ihn gesammelt. Mein Vater war Apotheker, wusstet ihr dass? „Was machst du mit diesem Typen?“, fragte er mich. Es war lustig. Timothy Leary war ein ausgesprochen netter Mensch. Ich habe ihn damals in der Schweiz nicht getroffen, aber ich traf ihn später in Los Angeles, wo er zwei Artikel für meine Bücher schrieb. Sie waren sehr gut und er war ein sehr feiner Mensch. Habt ihr Ideen ausgetauscht? Oh, das nicht so. Was hätte ich ihm sagen können? Er war ein sehr intelligenter Mann mit einem großen Wissen und ich, nun, ich bin einfach nur ein Künstler. Hast du je LSD mit ihm genommen? Ah, wisst ihr, darüber kann ich mich offiziell nicht äußern. LSD ist immer noch verboten, also ist es nicht gut, über diese Dinge zu reden. Du hast einmal gesagt, dass ein Großteil der Inspiration für deine Kunst aus Träumen kommt, genauer gesagt, aus deinen Albträumen. Alle wollen immer mit mir über meine Träume reden. In Wirklichkeit kommt die Inspiration meist aus der Literatur. Ich habe so viele Dinge gelesen, die mich inspiriert haben. Beckett war eine wichtige Inspiration für mich. Besonders seine Theaterstücke. Ich habe Bilder als Hommage an Samuel Beckett gemalt [Hommage an S. Beckett, I, II, III]. Das waren ein paar der wenigen farbigen Gemälde, die ich gemacht habe. Welche anderen Schriftsteller haben dich inspiriert? Vor allem Krimiautoren. Ich fing mit Edgar Wallace an und dann folgten alle möglichen westlichen Autoren. Aber deine Arbeiten scheinen von einem sehr viel dunkleren Ort als die von Beckett oder Wallace zu kommen? Dunkler, ja. Das kam zum Teil wegen Chur, wo ich aufgewachsen bin, zum Teil vom Krieg. Ich bin 1940 geboren, also spürte ich die Stimmung, wenn meine Eltern Angst hatten. Die Lampen waren immer dunkelblau, damit uns die Bomber nicht entdeckten. Die Schweiz und Deutschland liegen nah beieinander. Die Ziele waren nicht immer klar markiert. Ich habe diese Angst sehr stark verspürt. Es waren so viele Dinge. Später sah ich eine Zeit lang viele Bücher über Hexerei uns so Sachen. H.P. Lovecraft und solche Leute. Ich würde sagen, dass meine Inspiration zum größten Teil aus Büchern kommt, aber auch aus Träumen. Hattest du Angst? Nein, ich hatte keine Angst. Es war nur, na ja, ich war sehr überrascht. Ein Traum, wo ich nicht genug Luft bekomme, das macht mir Angst. Oder die Art Traum, wo ich in ein Grab oder so etwas eingesperrt war und nicht genug Luft bekam, da hatte ich auch Angst. Aber später entwickelte ich diese Passagenbilder [Passage I-XXX] und die waren sehr gut gegen die Angst. Sie verschafften mir irgendwie Erleichterung. Nachdem ich diese Passagen gemalt hatte, bekam ich diese schlimmen Träume nicht mehr. Es hat mir geholfen. Passiert das oft? Nein, nicht oft, aber es war richtig, dass ich das gemacht habe, denn


„Ich habe Waffen. Ich will nie ohne Waffen sein. Als Schutz. Ich mag Waffen. Schon seit ich Kind war, habe ich immer Waffen gehabt.“ zu der Zeit ruinierten diese Passagenträume meine Arbeit. Es war das Richtige, um mich besser zu fühlen. Kannst du mir etwas über den Traum erzählen, der hinter Necronomicon steckt, dem Buch, das Ridley Scott als Vorlage für Alien verwendet hat? Diese Dinge kommen von dem Schriftsteller H.P. Lovecraft. In den 70ern war ich sehr gut mit Lovecraft vertraut. Und die Alienfigur selbst? Nun, das hat alles denselben Ursprung. Ich hatte bereits Necronom IV und V gemacht, diese Monster mit den langen Köpfen, das war das, was Ridley Scott sah. Ich zeigte sie in einer Galerie in Paris. Jodorowsky besuchte die Galerie und Ridley Scott auch und später

bekam ich dann die Einladung, an Filmen mitzuarbeiten. Erst war es Jodorowsky mit Dune und später dann Ridley Scott mit Alien. Was ist dann eigentlich mit Dune passiert? Dune wurde nicht mit mir gemacht. Ich war zweimal gebeten worden, es zu machen, einmal mit Jodorowsky und dann noch einmal mit Ridley Scott, aber die Tochter von Dino de Laurentis hatte die Rechte auf Dune und gab sie David Lynch. Und David Lynch war nicht sehr glücklich mit mir. Warum das? Er sagte, dass ich seine Ideen gestohlen hätte, dass ich sein Baby gestohlen hätte. Ich sagte, dass ich sein Baby aus Eraserhead mochte. Ich habe immer sehr nette Dinge über ihn gesagt, aber er war ein bisschen seltsam. Und er war eifersüchtig, weil ich in einer Galerie in New York ausgestellt hatte und er konnte das nicht. Er war wohl neidisch. Aber ich mag ihn. Hast du einen Lieblingsfilm von Lynch? Ja, alles von Twin Peaks. Das war wirklich großartig. Und dann ging es mit Eraserhead richtig los. Alle seine Filme waren toll. Wie viel Kontrolle hattest du während der Produktion von Alien? Nun, Ridley Scott hat Regie geführt und ich hatte nicht viel dazu zu sagen. Ridley Scott wusste genau, was er wollte. Ich war froh, dass er mein Buch akzeptiert hatte, und er zeigte es der ganzen Crew, als wäre es die Bibel. Er sagte, ihr müsst es genau so machen und das war mir recht. Ich mag ihn sehr. Er ist ein toller Typ.

Diese Zeichnungen sind Gigers Entwürfe für das Batmobil, das Joel Schumacher benutzen sollte. Glücklicherweise hat Schuhmacher sich dagegen entschieden, mit Giger zu arbeiten und lieber einen Entwurf genommen, der an einen gerippten Dildo mit Scheinwerfern erinnert. Wer sagt, er habe Batman ruiniert?

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Ein paar der Projekte, die du nach Alien gemacht hast, wie Poltergeist II und Kondom des Grauens wurden nicht so gut angenommen. Warum hast du dich entschieden, daran mitzuarbeiten? Nach Alien liefen die Dinge beim Film nicht so gut für mich, weil ich mich nicht genug engagierte. Ich wollte nicht in einem anderen Land wohnen. Ich hatte bei der Arbeit an Alien mehrere Monate in den Shepperton Studios verbracht, und ich wollte nach Hause. Als später die Arbeit an diesen anderen Projekten begann, verbrachte ich jeweils nur ein paar Tage im Land. Als die Filme raus kamen, dachte ich, „Oh, Scheiße.“ Aber ich konnte es nicht mehr ändern. Es war keine Zeit mehr. Also dachte ich, dass sei die falsche Art zu arbeiten. Wenn man an einem Film mitarbeitet, muss man die ganze Zeit vor Ort sein und schauen, was sie machen, denn sonst tun sie, was sie wollen. Beim Film wollen alle ihre eigenen Ideen einbringen und ihren eigenen Stil verwirklichen, und daher ist es ganz schrecklich. Ich war sehr deprimiert, als ich das sah. Welche Filme haben dich deprimiert? Alle. Ich war nur mit Alien zufrieden und mit allen anderen war ich nicht so glücklich. Hat dich deine Zusammenarbeit mit Hollywood wenigstens reich gemacht? Ach nein. Ich bin eigentlich arm. Ich musste mehrere Gemälde verkaufen, um das Schloss zu bezahlen. Das war Scheiße. Ich musste ein paar sehr schöne, sehr wichtige Gemälde verkaufen. Wann hast du das Schloss gekauft? Ich hatte 1990 eine Ausstellung in Gruyère und sah die Stadt und sie war so unglaublich schön. Ich habe mich in Gruyère verliebt und ich hörte, dass sie das Schloss verkaufen wollten. Ich ersteigerte es bei einer Auktion. Es war sehr schwer, weil ich wirklich nicht reich bin, wisst ihr. Ich habe das Geld an vielen verschiedenen Stellen zusammengekratzt. Ich habe immer nach etwas gesucht, einem Ort für meine Gemälde und Skulpturen. Ich denke, ein Schloss ist der richtige Ort für mich, meint ihr nicht? Ist das Schloss eine Art Work in Progress oder ist es fertig? Ich bin fast fertig, aber es ist nicht so toll gemacht worden. Ich meine, es ist mit einem winzigen Budget gemacht worden. Ich kann es immer noch nachbessern, aber im Moment mache ich eher Ausstellungen in verschiedenen Ländern, um Werbung für das Schloss zu machen. Und um rauszukriegen, wo meine Gemälde sind. Was ist mit deinen Gemälden passiert? Ein paar wurden verkauft und ich weiß nicht wohin, und ein paar wurden geklaut. Es ist schrecklich. Wurden sie bei dir zuhause geklaut? Zum Teil, ja. Und während des Transports zu Ausstellungen. Das ist Scheiße. Die zwei Bilder für Emerson Lake und Palmer, für ihr Brain Salad Surgery Album, wurden geklaut. Was kann man in so einer Situation machen? Nichts. Ich habe es probiert. Ich habe gesagt, dass ich 10.000 Franken zahle, wenn mir jemand etwas darüber sagen kann. Ich weiß nicht, wo sie sind. Das wühlt mich fürchterlich auf. Ich liebe diese Arbeiten, ich habe sie 1973 gemalt und Emerson Lake und Palmer kamen sogar in die Schweiz, um sie sich anzusehen. Wenn du reich wärst, was würdest du gerne mit dem Schloss machen? Ich würde gerne ein paar Gemälde zurückkaufen. Es gab die Idee, einen Zug durchs Schloss fahren zu lassen, aber es war zu verrückt. Es ist ein Hirngespinst. Es kostet zu viel, so einen Zug zu bauen, und ich könnte es nie abbezahlen. Es wäre sehr lustig, so was zu haben, aber ich muss immer noch für das Schloss bezahlen. Es sind noch zwei Millionen, die ich den Banken für das Schloss zurückzahlen muss, und das ist ein fetter Batzen. Das Schloss wird viel von jungen Rockern und Goths besucht. Sie scheinen es als eine Art Tempel der Finsternis anzusehen. Haben sie manchmal seltsame Anfragen an dich? Oh ja. Es kommen viele seltsame Leute nach Gruyerés, um sich 48

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Alien III, Side View III, 1978. Das berüchtigte Alien von Ridley Scott basiert auf einer Kreatur, die das erste Mal in Gigers Bild Necronom IV auftauchte.

meine Arbeiten anzusehen. Die Leute aus dem Dorf erkennen meine Fans sofort. Sie sind alle schwarz gekleidet. Sie wollen dort heiraten, Fotoshootings machen, alles Mögliche. Denkst du, dass manchmal Leute Sex im Schloss haben? Ha, das ist möglich. Ich weiß es nicht. Wir kontrollieren die Dinge da nicht so strikt. Sammelst du außer Kunst noch andere Dinge? Ich habe Waffen. Ich will nie ohne Waffen sein. Als Schutz. Ich mag Waffen. Schon seit ich Kind war, habe ich immer Waffen gehabt. Was ist deine Lieblingswaffe? Ich habe eine kleine 5mm Kaliber 22 — das ist ein kleiner Revolver. Mit so einer hat sich Li erschossen. Sie ist sehr klein. Ich habe drei Schwarzpulver-Revolver. Man kann sie selber füllen. Das macht Spaß. Würdest du einem bildenden Künstler empfehlen, beim Film zu arbeiten? Nein, auf keinen Fall. Es ist sehr hart, beim Film zu arbeiten, und man hat nie Zeit, die Dinge wirklich auf befriedigende Weise fertig zu stellen. Filme machen einen verrückt. Einmal wollte ich in der Schweiz für die Filmindustrie arbeiten. Das war für den Film Species. Mann, war das ein Fehler. Warum war es denn so schlimm? Die Typen, mit denen ich arbeitete, wollten nicht am Wochenende arbeiten. Es war schrecklich. Sie beschwerten sich bei mir, weil ich wollte, dass sie Überstunden machen. Filme sind toll. Ich meine, ich sehe, was sie heute so machen und es ist toll. Sie wissen, wie man es macht, sie haben alle möglichen Sachen, aber es macht einen trotzdem verrückt.


SUPERBLAST VS. VELTINS

SUPERBLAST VERzIERT NoRmALERwEISE wäNdE AUf dEm gESAmTEN gLoBUS, NUN hAT ER SIch AN dER NEUEN VELTINS fLASchE AUSgELASSEN. Hi, wie gefallen dir die neuen Flaschen? Da wurde alles Überflüssige weg und nur das Essentielle dran gelassen. Schlichtes Design das für mich funktioniert. Bist du eigentlich ein Fan von Bier? Klar, sonst hätte ich die Aufgabe auch nicht angenommen. Unterstützt Bier die Kreativität? Nicht unbedingt, aber es ist auch interessant, seine Fähigkeiten unter allen Umständen zu trainieren. Es war also ein kleiner Schritt, dich am Design einer Bierflasche auszuprobieren? Ich kam 1989 mit Graffiti in Kontakt und bin dann zur Grafik gekommen. Mittlerweile mache ich jedoch eine Mischung aus allen meinen Interessen. Ich arbeite weltweit,

in verschiedenen Bereichen, wie Kultur, Mode und Lifestyle. Kunst mache ich schon seit ich denken kann und seit einiger Zeit im Galerienkontext. Oder natürlich mit der Sprühdose auf grossen Fassaden, was eine willkommene Abwechslung zu den anderen, solitären Arbeiten ist. Irgendwann wurde ich dann von Veltins angesprochen, ob ich nicht etwas im Kontext der neuen Design-Flaschen machen will. Okay, wie bist du also an die Umsetzung herangegangen? Die einzigen Vorgaben waren die Kampagnenfarben und das Flaschenmotiv. Ansonsten hatte ich freie Hand. Was mich natürlich gefreut hat. Da die Flasche der Blickfang ist, wollte ich eine Serie gestalten, die genau das widerspiegelt. Unterschiedlichste Augen betrachten die Flasche, wodurch

der meiSter bei der arbeit diese noch mehr hervorgehoben wird, ohne dass das Artwork dabei untergeht. Was ist die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Arbeiten? Das Thema „Augen“ zieht sich durch die gesamte Serie. Die Farbe und Technik natürlich auch. Ich habe dafür eine eigene Bildspra-

che entwickelt, die verspielt und gleichzeitig sehr direkt ist, was sich dann sehr gut als Kontrast zur klaren Linie der Flasche abhebt. 2008 kam SuperblaStS erSteS buch „Neo utopia - the art & Work of SuperblaSt“ herauS, daS eiNeN kleiNeN Überblick Über SeiN SchaffeN der letzteN Jahre vermittelt.

Mehr zur Designflasche unter www.facebook.De/veltins


DOs

Something about the combination of muscular skinhead thug and delicately flavored rabbit tagliatelle in a beautiful back garden in Rome is making me ask myself that age-old question again: Am I a fag?

Oh, now look what you’ve gone and done. You’ve made me put you in the DOs for pissing up against a dumpster like a little stray cat. You’re in biiiiig trouble, young lady.

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If long black trench coats were the sartorial warning sign for Columbine, what the fuck does a black-magic wizard-bunny getup portend?

Hoping you never bump into her again for the rest of your life isn’t a great feeling, but the six hours of completely insane contortionist fucking at her weird apartment with three cats is going to be pretty unforgettable.

Masters of the Universe was huge at Fashion Week.


Hamburg, tAALstrasse: Damit Ihr mAAL seht wie aus Spaß Ernst wurde und watt der Cäpten so drunter trägt und trotzdem voll drüber ist ´türlich mit der Weltmarke vonner Waterkant direkt unter der Haut. Tattoo Shop statt Photo Shop alles noch handgemAALt, La pAALoma ohe einmAAL musste es ja soweit sein – ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s gänzlich ungeniert. Cpt.Clepto

Sende 145 Eurocent in Briefmarken für das Aalziehn an: Cleptomanicx Aalziehn, Budapester Str. 49, 20359 Hamburg St. Pauli cleptomanicx.de


DON’Ts

Who the fuck are these women? Who the fuck cares! And if the shots these photographers sell for a few dollars apiece to shitty websites with huge readerships never got taken, would anybody hear the cries of their children going hungry? Probably not.

“Mom, where’s Dad?” “I don’t know, Julian. He said he was just going to get us a bottle of water.”

The LSD-S&M-toilet-brush-from-Sesame-Street vibe is surprisingly big in East London these days.

You’d think that a harsh chemical perm and three hours in a tanning bed would do at least a little damage to a zombie’s tender, rotting flesh. But nope.

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These “I’m so over it” fashion queens who call models “dahling” while making them starve themselves to death so they can stagger down a runway in a seethrough garbage bag are way worse for women’s lib than the Taliban is.


E K I L T ! I T P O A H SW IT‘S

n, a t te d Pl n en u m s n o m tig o ir e e s g s h e g A cc r e n r s o r ic l in e st te n , h B er m o t e r L i e b ht m e n a i l ic in ket cke eK ch n u di Mar e de s s tü nn d (und di d) einfa S WA P iebling kliche e w s in as , as t K Y Y e r te n L e r g l ü c u c h d u d l i e b t h w ü r d i g s te n S d gi nt a n r ns t e w ie r an e o n g s e l kön u m u a K i he a s t z t al le a e m e n B r e u ünc . Ih r h ? g i e d t d j M e s h e n s e t i d n c s u s di n o n a e u a n e ä d L l t nd er nk so ge s te i m b u r g e g e n s o n s g n i m m c h h a b e n e M e n a u s c ht , i i e b l t s in H a e i n e G A P J et m t ei di k i n ge er L e W um hon n sc n Leute regend P Mar k Vor feld t den S ist w ie r e b f i e A de u ha r M m as a e W i s . , D d S t ö r r l n . b e Y h r a i neu n h a z a h l e n d d e r E u g u te . mi t SK Y w enn e r n b e e e it z st tz n, un ege nk s b B e s n näch St a d ab g au fe Fall ri de n s k s te l l e n u n d D igen den l o i e t j e e b ei f J au je w me s chen der der nah in nt u w ie n A n a n n t a ih r g e w i d s h il f e e d rA b ei du d esser: t de nst b omm k a n o, nur k n ge in C a s s t altun n Ver a

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DOs

I would give anything to hear what this conversation between a womyn’s-literary-group president and Vicious D. Slim Rock is all about. How much they both love pussy?

It’s Britzkrieg Bob! If those schoolgirls would just mug him for that fanny pack he’d be a picture-perfect aging J-Glam-Punk.

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Say what you will about Lauryn Hill’s unexpected comeback, but you have to admire her bravery.

I wonder how many young men have perished trying to keep Ms. Tokyo Posh Pants ’09 happy?

I guess it’s OK to jauntily perch atop an old lady’s bike if you look like the French Dennis Wilson (I want that jacket).


DON’Ts

Look at how smug this fucking genius is about the worst mistake of his life so far. Just how much TV did his dad not let him watch?

So what if Anton Newcombe’s a sloppy drunk whose only real talent is convincing record-industry benchwarmers that he’s a genius? Eight years ago he wrote half an OK song and he’s still looking great!

On the whole, do you think society is becoming more or less sensitive to the profoundly mentally ill now that a lot of their care providers are in the private sector?

If I’d spent $10 billion on a jacket and $6 squillion on my face I’d expect to not look like Kaa from The Jungle Book in a tranny wig.

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Chemical castration for pedophiles, yeah, yeah, whatever. Can we please start talking about what the punishment will be for the people who went to see I Hope They Serve Beer in Hell instead?


Vielen Dank ans Paulaner Bräuhaus München dafür, dass sie uns mit ihren großartigen Bieren überschwemmt haben. Alle Dirndl gehören den Models.

Cardigan von Element Eden, Kette und Schlüsselanhänger von Adelheid

Big Bavarian Boobs & Beers

FOTOS: MARTIN FENGEL STYLING: NINA BYTTEBIER & AYZIT BOSTAN MODELS: LISA, SASKIA, EVA, DANA, LEA, YVONNE, STEPHANIE, ERIKA & TANJA

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Cardigan von Campus by Marc O’Polo, BH von Blush, Uhr von Casio G-Shock


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Schal von Campus by Marc O’Polo, Top von Bench, BH von Blush, Halskette und Armreif von Martin Margiela


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Schal von Campus by Marc O’Polo, Top von Bench, Vintage-Halskette von Superstore


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Cardigan von Element Eden, Halskette und Schl체sselanh채nger von Adelheid


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BH von Blush, Uhr von Casio G-Shock


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Halskette von Billabong, G端rtel von Element Eden


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Halskette von Adelheid, BH von Blush, Vintage-Handtasche von Superstore


Overall von Urban Outfitters, Jeansweste von Levi’s, eigene Schuhe


Rumhängen FOTOS: CLAUDIO CAMPO — GARCIA MODELS: IVY bei VIVA; THERESA STYLING: NINA BYTTEBIER STYLING-ASSISTENZ: PAULINA SCHULZ

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Diese Seite: Oversized Pulli von Nikita, eigene Schuhe Linke Seite: T-Shirt von The Happy End, Rock von Firetrap, eigene Jacke und Schuhe

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Diese Seite: Ivy: Pulli von Urban Outfitters, Lederkleid von Firetrap, eigene Schuhe; Theresa: Overall von Urban Outfitters, Jeansweste von Levi’s, eigene Schuhe Rechte Seite: Ivy: Kleid von Jimmy Choo fßr H&M, eigene Schuhe; Theresa: Overall von Urban Outfitters, eigene Schuhe

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Diese Seite: Pulli von Urban Outfitters, Kleid von Firetrap, eigene Shorts und Schuhe Linke Seite: Pulli von Bless f端r Oxbow, Stiefel von Jimmy Choo f端r H&M, eigene Shorts

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A Whiskey Glass and a Woman’s Ass Michael Abramson ist der unbesungene Dokumentarist des South Side R&B FOTOS VON MICHAEL ABRAMSON Zwischen 1975 und 1977 wurde der Boogie Woogie in den verruchten Nachtclubs und Absteigen der Chicagoer South Side sehr ernst genommen. Es war eine bemerkenswerte Zeit, in der die Tanzflächen von Körperausdünstungen troffen und vom Rauch von Kool-Zigaretten vernebelt wurden, während die Kundschaft zum unverkennbaren Klang des lokalen Soul austickte. Und ohne einen paarundzwanzigjährigen spillrigen Weißen mit einem BurtReynolds-Schnurrbart wüsste keiner, der nicht selbst in diesen 74

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Clubs war, wie diese Ära aussah. Diesen Monat kommt bei Numero Group das Buch Light: On the Southside heraus, eine Sammlung von Michael Abramsons Fotos von so legendären Orten wie Pepper’s Hideout, Perv’s House und der Patio Lounge. Dazu gibt es Pepper’s Jukebox, eine Doppel-LP voller unbekannter Stücke aus dieser funky, funky Zeit. Vice wurde eingeladen, eine Auswahl unserer Lieblingsfotos aus diesem funky Buch zu drucken, die wir hier funkyerweise mit euch funky Lesern teilen wollen.


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Bitte Sag Nicht Cheese Thomas Ruff interessiert sich nicht für Fotografie INTERVIEW VON MAGDALENA VUKOVIC UND DAVID BOGNER

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homas Ruff ist einer der besten lebenden deutschen Fotografen. Seine Wurzeln liegen in jener Art steriler, objektiver Fotografie, die Wassertürme, Silos und andere vertikale Anhäufungen von Industriezement liebt und einen wichtigen Teil der deutschen Fotografie ausmacht. Aber dann fing Ruff in den 80ern an, riesige Halbkörperportraits von Leuten zu machen, die dasitzen und in die Kamera starren. Noch bevor diese neue Arbeitsweise von den gefräßigen Monstern des Marktes geschluckt werden konnte, hatte Ruff schon eine neue Faszination entdeckt und fing an, aus dem Internet runtergeladene Pornos zu seinen eigenen durchgeknallten Visionen zu verarbeiten. Die Kritiker waren entweder verwirrt oder entrüstet oder beides zugleich. Dann kam das Buch Nudes heraus, und seitdem ist Ruff einer der beliebtesten und gleichzeitig am wenigsten in der Öffentlichkeit präsenten Fotografen Deutschlands. Als wir ihn schließlich ausfindig machten, stellten wir fest, dass er eine ausgesprochen unaufgeregte Einstellung zu all dem hat. Vice: Liest du dir die Sachen durch, die über dich und deine Arbeit geschrieben werden? Thomas Ruff: Ich mache mir nicht viel aus den Texten. Ich lese sie mir einmal durch und das war’s. Ich habe genug mit meiner eigentlichen Arbeit zu tun. Ich habe keine Lust, Theorien dazu zu entwickeln, oder zu versuchen sie einzuordnen. Ich weiß, was ich mache und ich kann es erklären. Ich habe keine übergreifende Theorie oder Ideologie, die über all meinen Arbeiten steht. Ich denke, dass viele Leute sich von deinen Portraits angezogen fühlen. Hast du eine Idee, warum? Das liegt vielleicht daran, dass es nichts Interessanteres oder Schöneres gibt als ein Portrait. Als Student habe ich nur kleinformatig gearbeitet, weil ich kein Geld hatte, und alle klopften mir auf die Schultern und sagten, „Super, Thomas, schöne Bilder. Mach weiter so!“ Trotzdem hat sie keiner gekauft. Hast du je darüber nachgedacht kommerziellere Sachen zu machen? Ich dachte, dass ich den Rest meines Lebens Auftragsarbeiten machen würde und meine künstlerischen Arbeiten nur nebenbei. Mit den künstlerischen Portraits wendete sich dann aber das Blatt. Das war der Moment, wo sich die zeitgenössische Fotografie in der Kunstszene, bzw. auf dem Kunstmarkt, etablierte. Was meinst du, wie das kam? Die großen Formate haben einfach eine Präsenz, die man nicht ignorieren kann. 82

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fand sie sehr viel ehrlicher als diese auf Kunst getrimmten Aktfotos — sie kamen direkt zur Sache. Es gibt Bedürfnisse und diese Bedürfnisse müssen gestillt werden.

Wer sind die Leute auf den Bildern? Das waren meine Freunde und Kollegen von der Kunsthochschule in Düsseldorf. Einmal im Jahr haben sie so eine Art Woche der offenen Tür. Die Sachen, die man das Jahr über gemacht hat, werden aufgehängt. 1981 hängte ich meine ersten Portraits da hin und ab da sagten die Leute immer ja, wenn ich sie portraitieren wollte. Neunzig Prozent sind Kollegen, der Rest sind Mediziner, Kunsthistoriker, Modedesigner, usw. Wie sieht so eine Portraitsitzung von dir aus? Zunächst mal kriegen sie keinen Kaffee, denn das lässt ihre Gesichter verhärmt aussehen. Wir unterhalten uns fünf Minuten und dann setzen sie sich auf den Stuhl. Meine Kamera ist eine Plattenkamera, das heißt, ich verschwinde unter einem schwarzen Tuch. Ich mache die Einstellungen und stelle mich dann neben die Kamera. Ich sage ihnen, dass sie selbstbewusst schauen sollen, sich aber auch bewusst sein sollen, dass sie gerade fotografiert werden. Ich gebe ihnen geringfügige Korrekturanweisungen, zum Beispiel, ihr Kinn ein Stück anzuheben oder ein bisschen weiter nach rechts zu schauen. Hat deine Arbeit mit den großformatigen Portraits dich direkt zu den Nudes geführt? Die Nudes sind nach den Portraits meine erfolgreichste Serie. Ich vermute, dass es wieder das menschliche Gesicht ist, das sie interessant macht, und außerdem hat jeder Sex. Also ist das nach dem Gesicht der nächste Anziehungspunkt und das ist natürlich der Grund, warum die Nudes so erfolgreich sind. Wie kam es zu dieser Serie? Ich wurde auf die ganze Sache aufmerksam, als ich über die Aktfotografie nachdenken wollte. Ich recherchierte im Internet. Wenn du „Aktfotografie“ eingibst, bekommst du Helmut Newton und Peter Lindbergh. Ich fand das ein wenig langweilig, diese nach dem 19.Jahrhundert anmutende heterosexuelle Perspektive von hübschen Damen an Teichen. Ich suchte weiter und stieß zufällig auf diese Lockseiten von Pornoanbietern. Ich

Was hat dich an der Internetpornografie am meisten interessiert? Mich hat der Exhibitionismus und der Voyeurismus überrascht, der im Netz existiert. Ich experimentierte damals gerade mit dem Pixelabgleich. Als ich diese Technik auf eins der Bilder übertrug, hatte ich den ersten meiner Nudes. Ich zeigte es meiner Freundin, um sie zu fragen, was sie davon hielt. Sie sagte, „Irgendwie scheiße, aber gut.“ Ich fand, das klang interessant, also lud ich noch mehr Sachen runter und begann damit zu arbeiten. Ich versuchte objektiv zu arbeiten und nicht nur meinen heterosexuellen männlichen Blick in den Vordergrund zu stellen, sondern ein ganzes Spektrum an sexuellen Praktiken und Wünschen abzudecken — es also demokratischer zu machen. Heterosexuell, homosexuell, Fetischsachen, usw. Schließlich wurde dann eine Veröffentlichung draus. Wie kam das Buch Nudes, das du gemeinsam mit dem Autor Michel Houellebecq gemacht hast, zustande? Der Verlag, Schirmer / Mosel, wollte mit uns beiden zusammen ein Buch machen. Ursprünglich wollten sie einen Artikel über Aktfotografie, aber ich fand das scheiße und sagte, dass das auf keinen Fall da reinkommt und dass es das Beste wäre, einen Text von Houellebecq zu nehmen, weil ich ein großer Fan von ihm bin. Der Verlag fragte ihn direkt an, ob er einen literarischen Text für das Buch beisteuern wolle. Aber man konnte es nicht als Kollaboration bezeichnen. Irgendwann später sagte Schirmer mir, dass Houellebecq einen Softporno machen und meinen Rat bei technischen Problemen wollte. Aber das war schon alles. Verfolgst du momentan die aktuelle Fotografie? Ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht so für Fotografie. Ich interessiere mich mehr für Kunst. Ich gehe lieber zu Kunstausstellungen. Wenn es heißt „Große Fotografieausstellung“ gehe ich eher nicht hin. Bleibst du auf den Laufenden, was jüngere Künstler betrifft? Ich halte mich nicht wirklich auf dem Laufenden. Ich bin irgendwie zu alt dafür und zu sehr mit meinen eigenen Sachen beschäftigt. Porträts mit freundlicher Genehmigung der Kunsthalle Wien, alle anderen Fotos mit freundlicher Genehmigung von Thomas Ruff


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Zwei meiner großzügigen Gastgeber: Grace und der ehrwürdige Meister Hui Li, ein buddhistischer Mönch auf der Mission, in jedem afrikanischen Land ein Waisenhaus zu errichten.

Li am Ende des Präsidentenumzugs und kurz bevor er sich zum Pizzaessen davonstiehlt.

asketischen Prototyp von Lis Waisenhaus in Malawi entfernt, wo die Kinder in den Stockbetten gestapelt werden wie japanische Büroangestellte. Fünf oder sechs Kinder pro Einheit. „Wenn du von der Straße kommst, dann solltest du die besten Chancen bekommen.“, stellte Grace fest. Li sah ziemlich unglücklich aus. Gegen Mittag machten wir uns in der Präsidenten-Kavalkade auf zum Milchbauernhof, wo wir den Swasi-König Mswati III und Robert Mugabe zum Mittagessen treffen würden. Max, unser riesiger Security-Typ, fuhr direkt in den Verkehrsstrom, um eine Schneise für die nachfolgenden X5 und Ranger Rover zu schneiden. In der letzten Zeit hat die Menschenrechtsorganisation AfriForum Konsumenten dazu aufgefordert, Nestlé-Produkte zu boykottieren, wenn das Unternehmen weiterhin Milch von Grace’s Farm kaufen würde. Der Grund dafür war, dass Grace 2002 im Zuge der umstrittenen Restrukturierung von Simbabwes Land sechs der wertvollsten von Weißen geführten Farmen des Landes übernommen hatte. Sie ist jetzt einer der größten Milchproduzenten des Landes. Unsere formale Diskussion mied die brutalen Details, mit denen sie an das Land gekommen war. Es fühlte sich unhöflich an, es anzusprechen, weil sie so verdammt nett war. Sollten alle die Nestlé-Produkte meiden? Ich weiß nicht und mir ist es auch ziemlich egal. Alles, was ich weiß, ist, dass Grace Mugabe eine Menge über das Milchgeschäft weiß. Das Juwel ihres ländlichen Imperiums ist das Gushungo Dairy Estate in Mazowe, früher als Foyle Farm bekannt. Die Kühe hier spritzen fast eine Million Liter Milch pro Jahr raus und fast alles wird an Nestlé verkauft. Die Steuerzentrale von Gushungo ist total futuristisch, mit Chrom-Kontrollstationen, die jeden Tropfen überwachen, der die Euter passiert. Grace hat sogar Lautsprecher an der Decke installiert, weil klassische Musik die Kühe entspannt und sie deshalb mehr Milch geben. Bevor die königliche Delegation weiter zog, sprach sie bestimmt über Pasteurisierung und die Gefahren der

Mastitis, inklusive ein paar Anekdoten aus ihren Stillzeiten. Die Straße war auf einmal umrahmt von einem mobilen Mob von Unterstützern, die Flaggen, Banner und Poster schwangen, auf denen die Porträts von Mugabe und Mswati waren. Die Refrains der vorwiegend zahnlosen alten Landfrauen wurden immer lauter, als der Präsidenten-Konvoi hinter einem Zug von Militärwachen mit schwarzen Motorradhelmen und AK-47 auftauchte. Mugabe und Mswati tauchten auf. Sie liefen die Reihen von Ministern entlang der staubigen Farmstraße ab, schüttelten Hände und tauschen Nettigkeiten aus. Mugabe tanzte zur Begeisterung der Menge einen kleinen Jig. Grace führte uns für eine Audienz zum Ende der Schlange. Meine Begegnung mit Mugabe war kurz und bestand aus einem festen, ledrigen Händeschütteln und einer Vorstellung. Er vermied Augenkontakt. Ein Porträt schießen ging nicht wirklich. Ich machte diesen Schnappschuss aus der Hüfte, als Mugabe von der Hello Kitty-Prinzessin abgelenkt wurde, der er zärtlich den Kopf tätschelte, während die Securitys mich böse anstarrten. Aber ich hatte es gemacht. Ich hatte die Klaue von Robert Mugabe geschüttelt. Ich hielt meine Handfläche vor mein Gesicht und roch daran. Dann merkte ich: ich hatte total meinen Zen-Meister vergessen. Der Staub und die Fanfaren rissen Li zu einem irritierten Flüstern hin. Es war klar, dass er genug von dieser Präsidenten-Tour hatte. Die Mugabe-Unterstützer saßen wieder in ihre Busse gequetscht auf dem Weg nach Hause zu ihren Schlammhütten und kargen Feldern. Grace war verschwunden, also schlichen wir uns zurück nach Harare und machten einen Umweg, um eine Pizza zu essen. Jupiter (unser Übersetzer) erhielt kurz darauf einen erbosten Anruf von Mugabes führendem Berater. Er rief an, weil beim Bankett sechs Sitze leer geblieben waren und Mugabe darüber nicht gerade begeistert war. Die Küche hatte sogar ein vegetarisches Essen für den Mönch zubereitet. Li zuckte mit den Schultern, lächelte und nahm in Stille einen Bissen.

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Im Uhrzeigersinn von links oben: die First Lady von Simbabwe, Grace Mugabe, Präsident Robert Mugabe, ein Leibwächter des Präsidenten und eine der Prinzessinnen aus Swasiland. Der Autor schüttelt Mr. Mugabe gerade die Hand.

Nettigkeiten

Ich habe Robert Mugabe die Hand geschüttelt und den Milchbauernhof seiner Frau besucht TEXT UND FOTOS VON DYLAN CULHANE

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ch war zwei Wochen lang mit dem ehrwürdigen Meister Hui Li unterwegs. Li ist ein buddhistischer Mönch aus Taiwan, der sich dem Vorhaben verschrieben hat, in jedem von Afrikas 53 verteufelten Ländern Waisenhäuser zu bauen. Meine Überlegung war, zu beobachten, was für mies gelaunte Despoten unter ihren blutverschmierten Steinen hervorkriechen würden, während Li seiner Mission nachging. Und wer hätte gedacht, dass gleich der Michael Jordan unter den größenwahnsinnigen Tyrannen auftauchen würde: Simbabwes Präsident Robert Mugabe! In Afrika sind, wie jeder weiß, die Waisen das, was die toten neugeborenen Mädchen in China sind. Das ist nirgendwo offensichtlicher als in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Mugabes neunundzwanzigstes Regierungsjahr ist in vollem Gange und weil die nationale Inflationsrate eine Rekordzahl von 516 Trillionen erreicht hat (das sind 18 verfickte Nullen), ist eine Billion Simbabwe-Dollar nicht mal die Energie wert, um sie zu drucken. Einen Tag, nachdem wir in Harare ankamen, sollte Li die First Lady Grace Mugabe treffen. Sie lud auf ihre Iron Mask Farm in der Nähe von Mazowe ein, wo Li ein Waisenhaus bauen wird. Grace kam genau

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pünktlich. Sie erschien in einer roten Staubwolke und stieg mit einem Lächeln aus ihrem schwarzen SUV, das so strahlte wie ihre DiamantSonnenbrille. Sie trug ein charmant rustikales Outfit, funktionelle Chanel-Gummistiefel und begrüßte Li in relativ flüssigem Mandarin. Grace schäumte über vor Enthusiasmus und tauchte sofort begeistert in alle Neuigkeiten auf Iron Mask ein. Trotz ihrer satanistisch anmutenden Medienwirkung entpuppte sich Grace als unheimlich charmante Gastgeberin. Ein paar Stunden später kam eine der schätzungsweise Dutzend Königinnen von Swasiland mit einer ihrer Dlamini-Prinzessinen — eine bezaubernde Neunjährige mit Zöpfen, die einen Hello Kitty-Jogginganzug trug. Grace führte die Delegation durchs Waisenhaus, schritt selbstbewusst durch die leeren Räume und machte mit der Finesse einer Immobilienmaklerin auf alle wichtigen Details aufmerksam: großzügige Regale, importierte Küchenarmaturen, Marmorarbeitsflächen, italienische Ziegel. Es gibt Pläne für eine Tennisanlage, ein Shopping Center und luxuriöse Gastunterkünfte. Der Tempel auf dem Hügel wird es mit einigen der großartigen Touristenattraktionen von Asien aufnehmen können. Es ist so weit wie nur menschenmöglich von dem


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atiullah Khan ist der Chef der Highway Police, einer staatlichen Behörde, die in der Provinz Uruzgan in Südafghanistan offiziell vor einigen Jahren von den holländischen Streitkräften aufgelöst wurde. Laut Angaben offizieller Stellen der in der Region stationierten holländischen Einheiten ist Matiullah kein Regierungsbeamter mehr. Die Holländer unterhalten keine Beziehungen zu ihm. Sie bevorzugen es, seinen Namen nicht zu erwähnen — wenn es unbedingt nötig ist, nennen sie

ihn „M“. Dem puristischen Bild der holländischen Truppen in Afghanistan nach ist er der Warlord, der illegal den kompletten Warenfluss in und aus der Region kontrolliert. Aber Matiullah sieht das etwas anders, und er hat uns vor kurzem in sein festungsähnliches Heim direkt gegenüber des „Camp Holland“ eingeladen, um mit uns darüber zu diskutieren. Als wir bei seinen Toren ankamen, wurden wir von disziplinierten Männern in makellosen Uniformen salutiert. Einer schämte sich, weil ihm ein Knopf an der Jacke fehlte und versuch-

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Warlord of the Highway

Matiullah Khan ist der gef端rchtetste Verkehrslotse Afghanistans VON CHRISTOPH REUTER FOTOS VON THORNE ANDERSON

Der Warlord Matiullah Khan (der f端nfte von rechts) umgeben von den Soldaten, die ihm bei der Durchf端hrung des Security Day helfen, der es ihm erlaubt, Ostafghanistan in seinem W端rgegriff zu halten.


Matiullah lud uns zum Tee in sein Haus gegenüber des „Camp Holland" ein.

te diesen Makel jedesmal, wenn sich unser Fotograf näherte, mit der Hand zu verdecken. Der „Lord des Highway“, wie Matiullah auch genannt wird, empfing uns im Wohnzimmer. Er war ein schmaler Mann Ende 30 mit einem perfekt gestutzten Bart, der mit leiser Stimme und ohne Eile sprach, und selten lächelte oder mit den Händen gestikulierte. Er erhob die Stimme nur dann, wenn das nötig war, um die Haubitze der Holländer zu übertönen, die von Zeit zu Zeit losging, und bei jedem Knall die Porzellantassen auf dem Eichentisch zum Klirren zu brachte. „Die Holländer verbreiten Lügen über mich,“ sagte er. „Fragt die Leute draußen, was sie denken.“ Die Bevölkerung Uruzgans ist, wenngleich das politisch fast belanglos ist, größtenteils auf Matiullahs Seite — wenn auch hauptsächlich aus Angst. Bedeuten tut das wenig, denn schließlich sind es die Holländer, die damit beauftragt sind, hier für Frieden zu sorgen. Und die haben sich 2006 für die andere Seite entschieden. Als die Holländer sich die Situation in Uruzgan ansahen, stellten sie eine einzige Bedingung für ihre Teilnahme an der ISAFOperation der NATO in Afghanistan: Der amtierende Gouverneur, der als gewalttätig bekannte Kriminelle Jan Mohammad Khan (kurz JMK) sollte vorher entlassen werden. „Wir hätten ihn umbringen können,“ sinnierte ein holländischer Diplomat an einem Abend bei einem alkoholfreien Bier im Camp. „Aber das wurde schließlich abgelehnt.“ Präsident Hamid Karzai, ein persönlicher Freund JMKs, intervenierte und enthob den Gouverneur des Amtes. An JMKs Stelle, aber ohne den offiziellen Rang, sitzt jetzt sein vor90

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heriger Leutnant: Matiullah Kahn. Das Gegenüber von Matiullah Kahn ist der Chef der Polizei von Uruzgan, Juma Gul, ein Mann, der bekannt dafür ist, Bestechungsgeld zu kassieren, mit Drogen zu handeln und gnadenlos die Gehälter seiner Polizisten zu veruntreuen. Juma ist de facto das ausführende Organ der Regierungskräfte, aber selbst sein eigener Stellvertreter, Colonel Mohammad Nabi, sähe ihn gerne hinter Gittern. Nabi ist die Fleischwerdung des aufrechten Beamten von der Art, wie man sie sogar noch in den finstersten Diktaturen findet: melancholisch, von seinen Untersetzten geschätzt und verzweifelt genug, um vor nichts Angst zu haben. Wir fanden ihn auf der Suche nach Juma. Nabi verstand sofort, worauf wir hinaus wollten und rief, „Was sollten wir tun? Diese Polizei wird verdorben bleiben, solange jeder inhaftierte Kriminelle sich mit Bestechungsgeldern befreien, und jeder Gangster jeden, den er will, mit Geld hinter Gitter kriegen kann.“ Und im Bezug auf einen Vorfall, in den Juma involviert war und der in der Stadt hinreichend bekannt ist, fügte er hinzu, „Solange die Gehälter der Polizisten gestohlen werden, ist es hoffnungslos! Wir, die Offiziere der mittleren Ränge, hatten ein Treffen mit dem neuen Innenminister. Er versprach uns zu helfen, aber nichts ist passiert.“ Als wir ihn fragten, ob er nicht Angst hätte, uns diese Dinge zu erzählen, sagte er, „Was aus mir wird, ist nicht so wichtig.“ Die Männer im Raum sahen ihn an und nickten. Und auch die verzagten Holländer hatten bei der Entscheidung zwischen Juma und Matiullah kaum eine andere Wahl als den im

Vergleich harmloseren Juma zu nehmen. Wir suchten tagelang nach Juma und schließlich fand er uns. Weil der Mann ein fast unheimliches Talent hat, selbst noch die kleinste Möglichkeit zur Abzocke zu wittern, hatten wir etwas Bedenken, ihn zu interviewen. Er erwischte uns, als wir gerade fahren wollten und schrie unseren Fahrer an, „Wer hat euch gestattet, ohne Polizeieskorte loszufahren?“ Womit er natürlich eine Eskorte meinte, die für ihn arbeitete. „Keine Widerrede. Ihr werdet von einem Ranger begleitet!“ Er deutete auf einen olivegrünen Pick-up in dem vier Polizisten saßen. Auf dem Weg nach draußen fragten wir ihn nach den Berichten über Korruption in seinen Rängen. „Ich habe damit aufgeräumt! Ich habe über 20 korrupte Offiziere ins Gefängnis geworfen!“, antwortete er. Das Einzige, was ihn wirklich interessierte, war, dass wir seine Eskorte akzeptiert und bezahlt hatten. Unser Fahrer verfluchte ihn leise, während die Ranger in einem Truck hinter uns herfuhren. „Jetzt werden sie uns überall, wo wir anhalten, Probleme machen,“ sagte er. „Bei jedem Treffen werden sie versuchen, Geld aus uns rauszuholen oder uns verbieten, uns mit Leuten zu unterhalten! Und dann müssen wir sie dafür, dass sie uns genervt haben, noch mal bezahlen.“ Matiullah betreibt ein ähnliches System, nur in sehr viel größerem Maßstab. Er kontrolliert die gesamte Region. In Uruzgans Hauptstadt, Tarin Kowt, schmeißen diese beiden Gruppen den Laden: die Faktion, die zu Juma, dem Regierungsbeamten, der den Bazar kontrolliert, gehört, hat die Straße zum westlichen Bezirk Dehrawud und die Straße nach Shora im Norden: und die andere Faktion, die von Matiullah geführt wird, also dem Kriminellen, dessen Gruppe das einzige Roundabout im Stadtzentrum unter Kontrolle hat, den gesamten Ostteil der Stadt und, was noch wichtiger ist, den Highway. Der Konkurrenzkampf zwischen diesen beiden so genannten Beamten bringt die Misere des gesamten Landes auf den Punkt. Oberflächlich betrachtet würde man meinen, dass Matiullah die bessere Wahl für einen Polizeichef wäre, da er als ein derart einflussreicher Mann die Sicherheit garantieren könnte, die Juma nicht gewährleisten kann. Obwohl die Holländer das wissen, sind sie gezwungen, Juma Gul zu nehmen, obwohl er keinerlei Respekt genießt und von allen verspottet wird. Aber in einer Zeit, in der immer mehr Blicke auf die Region gerichtet sind, können die Friedenssicherungstruppen vor Ort in Afghanistan einen Warlord Matiullah nicht als Beamten einsetzen. Es dauerte ein paar Tage, bis die holländischen Offiziere, die wir trafen, auch nur annähernd bereit waren, über „M“ oder Juma zu reden. Sie gaben zu, ja, Juma Gul ist ein Ärgernis. Durch und durch korrupt, unpopulär und ineffektiv. Wenn sich eine


Gelegenheit böte, ihn loszuwerden, würden sie nichts lieber tun. Juma ist aber nicht mehr als ein Rad in einem insgesamt völlig maroden Getriebe. Ein Teil der Bestechungsgelder, die er erhält, und der Löhne, die er unterschlägt, findet immer noch den Weg in die noch höheren Ränge. Matiullah ist in einer komplett anderen Situation. Er ist ein komplett unabhängiges Unternehmen. Er hält die Marionettenschnüre der Region in der Hand, um seine Macht zu sichern. Wir folgten Matiullah auf seine Aufforderung hin in die Empfangshalle, wo Bittsteller Schlange standen, um ihn um seine Hilfe zu ersuchen. Ein Mann mit einem gebrochenen Bein bat um Geld für die Behandlung. Zwei Gläubiger konnten ihre Schulden nicht bezahlen. Eine Delegation von Stammesältesten kam aus einem benachbarten Bezirk, um Matiullah zu bitten, einen Landdisput beizulegen. Matiullah schien darauf aus, die Szene für sich sprechen zu lassen. Hier war er also: der Chef der nicht existenten Highway Polizei, der in einem großen Saal auf einem kleinen Kissen saß, in seinem weiten Gewand und der dunklen Weste wie ein mittelalterlicher Prinz aussah und Landstreitigkeiten beilegte. Er hatte etwas von einer Figur aus dem Dreißigjährigen Krieg, die ihre Macht aus dem sie umgebenden Chaos zieht. Laut Matiullahs Aussagen hat er genau 916 Männer unter Befehl. Zusätzlich zu ihrem normalen jährlichen Polizeigehalt von 180 US Dollar bekommen sie noch 220 Dollar für ihre Loyalität. Matiullah kann sich das leisten, weil er die Kraft hinter dem finanziell einträglichsten Tag in Uruzgan ist: dem Security Day. Er ist seine eigene Erfindung. Der Security Day fällt jede Woche auf einen anderen Tag, aber wenn es soweit ist, weiß man es. Er wird von den Staubwolken angekündigt, die über den von der Sonne erhitzten Bergen Uruzgans aufsteigen. Sie werden von den scheinbar endlosen Flotten an 40-Tonnern und schwer beladenen Taxis und Pick-ups aufgewirbelt, die in Konvois von bis zu 100 Fahrzeugen in beide Richtungen ausströmen. Einfach ausgedrückt ist der Security Day der einzige Tag in der Woche, an dem es für solche Konvois sicher ist, die Überlandstraße, die Tarin Kowt mit den benachbarten Hauptstädten Kandahar und Helmand verbindet, zu benutzen. Der Security Day ist Tarin Kowts Lebensader. Es ist der Tag, an dem die Armeebasen der US Armee, die regionale Regierung und die Märkte der Stadt mit neuen Waren beliefert werden. Benzin, Reis, Zement, Stahl, Gemüse und Ersatzteile — alles kommt nur über diese eine Straße in die Stadt und nur an diesem einem Tag. Matihullah kontrolliert das Ganze und kassiert pro Fahrzeug zwischen 300 und 2000 Dollar. Hilfsorganisationen, Geschäfts-

Hier war er: der Chef der nicht existenten Highway Polizei, der in einem großen Saal auf einem kleinen Kissen saß, in seinem weiten Gewand und der dunklen Weste wie ein mittelalterlicher Prinz aussah und Landstreitigkeiten beilegte. leute und sogar das amerikanische Militär bezahlen ihn gern für seine Dienste. Vor allem die Amerikaner schätzen ihn sehr. Er stellt sicher, dass die Lieferungen ihre kleineren Stützpunkte im Osten Uruzgans erreichen. Seine schwer bewaffneten Männer bewachen die Route, betreiben die Checkpoints und schießen auf Angreifer. Matiullah bemüht sich sehr, sich bei den Bewohnern Tarin Kowts beliebt zu machen. Im Februar 2009 wurden zwei seiner Leute umgebracht und ein Drittel seiner Männer verletzt, aber die Konvois kamen durch und in Tarin Kowt reden alle anerkennend darüber, dass Matiullah einen der Verletzten nach Indien schickte, um sein Auge zu retten. Warum also erkennen die holländischen Streitkräfte Matiullah nicht an? Die Antwort ist einfach. Er führte die Mordkommandos an, die Bauern töteten, die sich starrköpfig weigerten, dem früheren Gouverneur ihr Land, ihre Töchter oder ihr Vieh zu überlassen. Die Holländer beharren darauf, dass sein Name in der ganzen Region Angst und Schrecken auslöst.

„Wenn wir Matiullah zum Polizeichef ernennen, würden wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Leute im Baluchi Valley sofort zu den Taliban überlaufen,“ erklärte ein hochrangiger holländischer Offizier. Er wollte seinen Namen nicht nennen, da das Thema als heikel gilt. „Sie würden Matiullah Khan nie vertrauen,“ sagte er. „Und mit guten Grund. Daher müssen wir das verhindern!“ Das ist aber auch schon alles, was sie tun können. Die Holländer sind, wie alle anderen auch, vom Security Day abhängig und so obliegt es Matiullah, die Kontrolle über die Straße zu wahren, da es sonst keiner könnte. Wir fragten uns, wie lange dieser labile Zustand wohl halten wird. Ein Offizier erklärte uns, dass die holländischen Truppen ein einfaches Mandat hätten und eine noch einfachere Handlungsstrategie: „Solange er nicht versucht, sein Einflussgebiet zu vergrößern,“ werden sie nichts unternehmen und ihm erlauben zu operieren.Anders ausgedrückt, „Wir geben auf.“

Jama Gul, der von den Holländern unterstützte Polizeichef der afghanischen Provinz Uruzgan, ist am besten dafür bekannt, der Typ zu sein, der sich von den Gehältern seiner Polizisten mästet.

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Pakistans unbekanntere Aufst채ndige

Ein Tag in der W체ste mit der belutschischen Guerilla TEXT UND FOTOS VON KARLOS ZURUTUZA Ein paar belutschische Soldaten patrouillieren eine der unwirtlichsten W체sten der Welt. Von links: Umit, zwei unidentifizierten K채mpfer, Girok und Mir.

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er Ausgangspunkt unserer Reise lag im pakistanischen Belutschistan. Unsere Gastgeber, eine Patrouille der belutschischen Guerilla, haben uns gebeten, es nicht genauer anzugeben. Der Fahrer und sein Beifahrer hatten ihre Gesichter streng verhüllt, so dass nur ihre Augen zu sehen waren. Bevor wir unsere Reise in die Tiefen der Wüste antraten, wurden Said (meiner Kontaktperson) und mir die Augen verbunden — „aus Sicherheitsgründen.“ So fuhren wir also zwei Stunden mit verbundenen Augen in einem Geländewagen mit getönten Scheiben vor uns hin. „Paadha, Baloch“, ein populäres Lied der Gegend, quäkte die ganze Fahrt über aus dem Autoradio: „Wach auf Belutschistan, wir sind im Krieg.“ Ostbelutschistan wurde 1948 von Pakistan geschluckt und hat gemeinsame Grenzen mit — na klar — Nord- und Westbelutschistan. Aber, und da liegt der Hase begraben, diese zwei Regionen sind unter afghanischer bzw. iranischer Kontrolle, was aus dem Ganzen einen ziemlich unübersichtlichen Haufen wütender Rebellen macht. Das pakistanische Belutschistan wird in den Nachrichten nicht allzu oft erwähnt, obwohl es den USA in ihrem ins Stocken geratenen Krieg in Afghanistan potentiell von riesigem Nutzen sein könnte, und bekannt dafür ist, dass es für den kreativen Politiker oder Kriegsherrn, der es am Ende unter seine Kontrolle bekommt, das Potential einer riesigen zukünftigen Energiequelle besitzt. Unter unseren Füssen befanden sich hier beneidenswerte Vorkommen von noch nicht erschlossenem Uran, Gold, Öl und Erdgas. Logischerweise sind die Amerikaner interessiert, vor allem in der Hoffnung, Zugang zur Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien (TAPI-Pipeline) zu bekommen, mit deren Bau eigentlich 2010 begonnen werden sollte und die, Berichten zufolge, als „Energiebrücke“ aus dem Iran fungieren soll. Sowohl Indien als auch der Iran sind an der bereits genehmigten, aber noch zu bauenden Iran-Pakistan-Indien-Pipeline (IPI) interessiert. Die IPI wird als die „Friedenspipeline“ bezeichnet, zumindest von den drei überreizten Armeen, denen sie dienen wird. Das Einzige, was diese Gegend hingegen für die Medien interessant zu machen scheint, ist die Tatsache, dass Quetta, die Hauptstadt des pakistanischen Belutschistan, auch die Heimat eines etwas bekannteren Rebellen ist: des Talibanoberhaupts Mullah Mohammed Omar. Das hilft den sekulären östlichen belutschischen Rebellen wenig, deren Krieg sehr viel simpler ist, als der der Taliban: Sie wollen einfach nicht zu Pakistan gehören. Um ein Uhr morgens wurden wir einer anderen Truppe Soldaten übergeben und

gemeinsam mit ihnen begannen wir den zweiten Teil unserer Reise: eine ermüdende fünfstündige Wanderung mitten in der Nacht, entlang einer Kulisse aus Granit. „Passt auf, wo ihr steht,“ warnte uns unser Führer, „der halbrote Mond wird nicht kommen, um uns zu suchen.“ Wir glaubten ihm aufs Wort. Die Nacht war so dunkel, dass es nicht schwer fiel, sich vorzustellen, von der Gruppe getrennt und als tot zurückgelassen zu werden — um entweder dem Hunger, feindlichen Truppen, oder, was das Schlimmste wäre, den Soldaten der Regierung zum Opfer zu fallen. Aus Gründen wie dem, nicht ins Gesicht geschossen oder von einer in der Nähe niedergehenden Bombe getroffen werden zu wollen, ist es verboten, irgendeine Lichtquelle bei sich zu haben. Als wir an unserem Ziel ankamen, sahen wir den langen Schatten eines Soldaten, der neben einem Felsvorsprung betete, hinter dem die Sonne aufging. Zwei Guerilleros tauchten hinter einem Haufen schwarzer Steine auf und grüßten uns in Belutschi („Salaam, heriat, tiktak“), während sie uns die Hände schüttelten. Ein anderer Soldat füllte eine Blechdose mit Flusswasser, rührte etwas Zucker und Zitronensaft hinein und bot es uns an. Die Sonne stand jetzt hoch genug, um zu sehen, wie schlicht ihr Lager war — es gab keine Gebäude, keine Hütten, nicht mal eine Höhle, in der man sich vor der Kälte oder der Unannehmlichkeit eines Angriffs aus der Luft verstecken konnte. Ein Soldat erklärte uns, dass sie das so machten, um das Lager rasch verlassen zu können und nur die vom Ruß der Feuer geschwärzten Felsen zurückzulassen. „Hier könnt ihr euch ausruhen,“ sagte unser Führer und deutete auf einen belutschischen Teppich, der auf einem großen, flachen Felsen ausgebreitet war. Der Klang von nahen Kinderstimmen zog unsere Neugier auf sich. Es war eine Nomadenfamilie. Einem Schäfer, der eine Kulla trug (die traditionelle rote belutschische Haube) folgten zwei Kamele, die im Gänsemarsch hintereinander her liefen. Das erste Kamel trug ein paar Kochutensilien und das schwarze Tuch einer Haima. Auf dem zweiten Kamel saß eine Frau mit einem Baby auf dem Arm. Vier Kinder tränkten in der Nähe im Fluss die Schafe. Die Mutter und die Töchter waren mit farbigen Pashk bekleidet, traditionellen belutschischen Kleidern mit Metallnieten, an denen man ihre Stammeszugehörigkeit erkennt. „Bitte macht keine Fotos von den Hirten“, sagte einer der Guerilleros. Das war natürlich ebenfalls aus Sicherheitsgründen, hatte aber zudem damit zu tun, dass es unangenehmes Gerede zur Folge hätte, eine belutschische Frau zu fotografieren. Es war unmöglich zu sagen, wo wir uns VICE

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„Unsere Aktionen bestehen darin, die militärische Infrastruktur und die Funktürme zu sabotieren,“ sagte er. „Wir legen auf den Straßen, wo Armeekonvois der Frontier Corps vorbei müssen, Minen, oder wir schießen mit Panzerfäusten auf sie.“ genau befanden. Ebensowenig war mit Bestimmtheit zu sagen, wer uns eigentlich hier her gebracht hatte. Belutschistan ist voller nationalistischer Rebellengruppen, von denen die wichtigsten die Balochistan Liberation Army, die Baloch Republican Army (BRA) und die Lashkar-e-Balochistan (Armee Belutschistans) sind. „Wir gehören zu Lashkar-e-Balochistan,“ sagte uns der 40-jährige Befehlshaber dieses zwanzigköpfigen Batallions. Sein Gesicht war verhüllt und er verriet uns seinen Namen nicht, also nannten wir ihn Mir, oder „Anführer.“ „Es gibt eine Reihe anderer bewaffneter Organisationen, aber zwischen uns gibt es keine Rivalität. Unsere Aktivitäten sind im Gegenteil sogar sehr gut koordiniert,“ versicherte uns Mir, während er eine reichliche Portion des hauptsächlich aus Fleisch bestehenden Frühstücks verspeiste. „Wir haben alle dasselbe Ziel — dieses Land, Belutschistan, zu befreien.“ Wir fragten ihn, was das genau hieß. „Unsere Aktionen bestehen darin, die militärische Infrastruktur und die Funktürme zu sabotieren,“ sagte er. „Wir legen auf den Straßen, wo Armeekonvois der Frontier Corps [der offiziellen Militärpolizei] vorbei müssen, Minen, oder wir schießen mit Panzerfäusten auf sie.“ Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Gruppen aus Ostbelutschistan ihre Ziele oft nicht mit ihren Kollegen aus dem vom Iran kontrollierten Belutschistan teilen. Der Großteil der Belutschen sind Sunniten, was in Pakistan kein Problem ist, im benachbarten Iran aber sehr wohl, da hier die farsischen Schiiten an der Macht sind. Der belutschische Widerstand gegen Teheran ist vom selben Typ wie der von al-Quaida. Aber die Typen, bei denen wir waren, waren aus Ostbelutschistan, interessanterweise marxistisch orientiert und sekulär. Manche behaupten, dass die Balochistan National Party der politische Arm der Aufständischen sei. Es hat uns also nicht sehr überrascht, zu sehen, dass in einen nahe gelegenen riesigen Felsen die Buchstaben „BNP“ geritzt waren. Mir und seine Soldaten halten aber nicht so viel von ihnen und halten die ergebnislosen Verhandlungen zwischen der BNP und der Baloch Republican Party im Parlament in Islamabad für sinnlose Wichtigtuerei. „Wir machen auch Politik. Mit Waffen. In Pakistan geht das nicht anders,“ sagte Mir. Er zitierte damit Khair 94

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Bakhsh Marri, den historischen Anführer des Widerstands und Sardar (Stammesführer) des Marri-Clans, des größten Clans Ostbelutschistans. Die BRA hat in ganz Pakistan aber dennoch einigen Einfluss und Feinde der Partei gibt es über die Grenzen hinweg. Es wurde behauptet, dass die BRA unter Brahamdagh Bugti, dem telegenen Gesicht des gesamten belutschischen Widerstands, von anglo-amerikanischen Truppen militärisch ausgebildet wurde. Laut diesen Gerüchten hoffen die weißen Soldaten und ihre Chefs, die belutschische Guerilla zu nutzen, um den Transit von Taliban über die afghanisch-pakistanische Grenze zu kontrollieren. „Islamabad verbreitet diese Gerüchte, um die Theorie zu stärken, dass wir von Indien und den USA unterstützt werden, aber dem ist nicht so. Wir warten immer noch, dass jemand kommt und uns unterstützt,“ erzählte Mir. Dann schwang er sich seine Kalaschnikow über die Schulter und lud mich ein, mitzukommen und seine Soldaten zu treffen. Die Soldaten trugen alle den Salwar Kamiz, eine Kombination aus knielangen Hosen und der Art losem Hemd, die in Zentralasien und dem indischen Subkontinent weit verbreitet ist. Nachdem Mir uns dem Rest der Gruppe vorgestellt hatte, kam ich mit einem 25-jährigen Soldat ins Gespräch, dessen Codename Enqelab war, Belutschi für „Revolution“. Er erklärte mir, dass für ihn das Überleben wichtiger wäre als irgendeine Ideologie. „In meinem Dorf gibt es kein Gas, keinen Strom, kein fließend Wasser,“ erklärte Enqelab, und legte seine Panzerfaust auf den Boden. „Mein älterer Bruder ging früher immer zu den Rohren, die das Wasser zum Gaswerk in der Region Sui transportieren, löste die Schrauben mit einer Zange und füllte sich das Wasser für den Tag in einen 5 Liter Kanister. Eines Tages kam die Polizei und nahm meinen Bruder wegen des Verdachtes der Sabotage von staatlichen Einrichtungen fest. Er wurde gefoltert und sechs Jahre lang eingesperrt. Nun kann er nicht mehr für sich selber sorgen.“ Das Gaskraftwerk, das Enqelab erwähnte, ist eins der wichtigsten in Pakistan und gleichzeitig einer der Gründe für den bewaffneten Aufstand der Belutschen. Sui steht für die Ausplünderung der reichen natürlichen Rohstoffvorkommen der Gegend durch Islamabad: Gas, Kohle, Uran, Gold und Öl.


Enqelab h채lt die weltber체hmte russische RPG-7. Die meisten der Waffen, die von den Ost-Belutschen benutzt werden, stammen noch aus der Sowjet-Invasion nach Afghanistan.

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Der Aufstand der Ost-Belutschen hat nichts mit dem Religionskrieg zu tun, den einige Gruppen in dieser Gegend austragen. Genau genommen ist er eher marxistisch angehaucht und ziemlich profan.

„Islamabad benutzt die Waffen, die Washington ihnen gibt, um die Taliban zu bekämpfen, um uns zu bekämpfen,“ sagte Umit.

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Die einzigen Orte, an denen der Reichtum Suis nicht anzukommen scheint, sind die Hütten der Belutschen, die direkt auf den Rohstoffen stehen. Bair oder „die Rache“ kam erst vor drei Jahren aus Quetta, wo er ein Mitglied der belutschischen Studentenorganisation war, zur Truppe. Sein urbaner Aktivismus hat ihn zwei Jahre im Knast gekostet, wo er täglich gefoltert wurde. Er ist nicht der Einzige. Seit März 2005 sind mehr als 7000 politische, soziale und Menschenrechtsaktivisten vom Geheimdienst — den wirklichen Machthabern im Land—verschleppt, gefoltert und ermordet worden. Manchmal tauchen die Leute wenige Tage nach ihrer Verhaftung als Leichen wieder auf. Manche vegetieren auf ewig im Knast vor sich hin — nur gelegentlich wird einer als abschreckendes Beispiel freigelassen. „Die Zelle, in der ich war, war gerade mal zwei Quadratmeter groß und hatte kein Licht,“ erklärte Bair. „Ich hatte das Gefühl, bei lebendigem Leib begraben zu sein. Sie holten mich nur raus, um mich zu schlagen, mir die Augen zu verbinden und mich mit dem Kopf nach unten aufzuhängen. Oft wurde ich von den Schlägen ohnmächtig. Meine einzige Hoffnung war es, irgendein Werkzeug zu finden, mit dem ich mich umbringen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich da lebend wieder rauskomme, aber irgendwann ließen sie mich frei. Ich wusste, dass ich das nicht noch einmal aushalten würde. Aber gleichzeitig wollte ich nicht noch einmal verhaftet und dann vom Hubschrauber aus in die Wüste geworfen werden. Also beschloss ich, mich den Lashkar-e-Balochistan anzuschließen.“ Girok („der Blitz“) kam zur Truppe, nach-

dem die pakistanische Armee sein Dorf im Südosten des Landes in Schutt und Asche gelegt hatte. Er und seine Familie waren gezwungen, aus einer friedlichen, aber völlig isolierten Gegend in die belutschische Wüstenebene zu ziehen — eine komplette Einöde, wenn man von den riesenhaften Bergen von Müll aus Karatschi absieht. (In Karatschi leben 20 Millionen Menschen, wenn ihr euch ein ungefähres Bild von der Größe dieser Berge aus Müll und Scheiße machen wollt.) Angaben ein paar großer internationaler Organisationen zufolge, sind in den letzten drei Jahren an die 80.000 belutschische Familien wie die Giroks umgesiedelt worden. Aber die Lashkar-e-Balochistan haben Girok eine neue Perspektive gegeben: „Mein ganzes Leben bin ich rumgerannt und habe mich über mein Unglück beschwert, aber das ist jetzt vorbei.“ Er strich sich über eine Narbe auf seinem rechten Unterarm, die, wie er erklärt, nicht das Ergebnis einer verirrten Kugel ist, sondern von einem sein Revier verteidigenden Raben stammt, der ihn auf der Müllkippe, die ihm Nahrung und Obdach bot, attackierte. Schließlich kamen wir auch mit Umit („Hoffnung“) ins Gespräch. Die anderen beobachteten mit misstrauischen Blicken den Horizont. Aber Umit schloss die Möglichkeit eines groß angelegten Angriffs in dieser Gegend aus. „Auf diesem zerklüfteten Land gibt es keine Straßen für Transporte. Ihre einzige Option wäre ein Angriff aus der Luft,“ sagte er — voller Überzeugung, aber ohne uns überzeugen zu können. „Für den Fall hoffen wir alle, dass dieser Granit so hart ist, wie er aussieht.“ In Anbetracht der völligen Stille, die hier bisher herrschte, drängte sich einem das Gefühl auf, dass hier bis zu dem Zeitpunkt alles ruhig sein würde, an dem die totale Hölle losbrach. „Islamabad benutzt die Waffen, die Washington ihnen gibt, um die Taliban zu bekämpfen, um uns zu bekämpfen,“ sagte Umit. In seiner Hand hielt er dieselbe Kalaschnikow, die vor Jahren sein Vater benutzte. Umit ist der letzte Überlebende einer Familie, deren Mitglieder bei allen fünf belutschischen bewaffneten Aufständen mitgemacht haben, die es gab, seit Pakistan Belutschistan 1948 annektiert hat. Heute fliegen regelmäßig CobraHubschrauber vorbei, von denen viele noch aus der Zeit vor der iranischen islamischen Revolution von 1979 stammen. Es wird behauptet, dass der frühere Schah des Iran, Reza Pahlavi diese in den USA hergestellten Waffen kostenlos an Pakistan verschenkt hat, um ihnen zu helfen, einen belutschischen Aufstand zu unterdrücken, der drohte, sich auf die belutschischen Gebiete unter iranischer Kontrolle auszuweiten. „Warum sollten wir unser Recht auf Freiheit einer Föderation opfern, die von einer einzigen Nation regiert wird?“, fragte sich Umit. Die logische Antwort ist, dass sie es nicht tun sollten. Aber nach 60 Jahren muss die Frage inzwischen ziemlich rhetorisch klingen.


Agency for concerts and music consulting.

Photo: Ebony Bones

2 MANY DJS

Berlin Office: Sonnenburger Strasse 54 10437 Berlin Fon:+49(0)30 780 809 31 Fax:+49(0)30 780 809 33

KAVINSKY

PIAS / www.myspace.com/2manymashups 26.11.09 Berlin - Maria am Ostbahnhof

Record Makers / www.myspace.com/kavinsky 27.11.09 Stuttgart - Rocker33

Ed Banger / www.myspace.com/dothefunkybot 20.11.09 Rosenheim - Hole Club 19.12.09 Köln - Luxor

Stones Throw / www.myspace.com/mayerhawthorne 16.11.09 Hamburg - Prinzenbar 17.11.09 Erlangen - E Werk 18.11.09 München - Erste Liga 19.11.09 A-Linz - Kapu 20.11.09 A-Wien - The Loud Minority 21.11.09 Berlin - Bohannon

BREAKBOT

NEW!

Düsseldorf Office: Birkenstrasse 71 40233 Düsseldorf Fon:+49(0)211 544 713 0 Fax:+49(0)211 544 713 29

CHROMEO

!K7 / www.myspace.com/chromeo 21.11.09 Berlin - Ritter Butzke + Bugati Force, Don Rimini & Punks Jump Up

CLP

Chris de Luca vs. Phon.o Shitkatapult / www.myspace.com/chrisdeluca 21.11.09 Frankfurt (Main) - Tanzhaus West 28.11.09 Berlin - WMF

DATA

Ekleroshock Records / www.myspace.com/0data0 20.11.09 Essen - Mikatronic

DJ FEADZ

Ed Banger / www.myspace.com/feadz 11.12.09 Berlin - Icon 12.12.09 München - Erste Liga

DSL

Ed Banger / www.myspace.com/dslbros 21.11.09 Ulm - Pocket 18.12.09 Rosenheim - Hole Club

EBONY BONES

PIAS / www.myspace.com/ebonybones 28.11.09 München - On3Radio Festival 15.12.09 Köln - Stadtgarten 16.12.09 Stuttgart - Rocker 33 17.12.09 Nürnberg - MUZ 18.12.09 Berlin - tba

FOOL’S GOLD TOUR

feat. A Trak, Jokers of the Scene & Congorock www.myspace.com/foolsgoldrecs 27.11.09 Berlin - WMF 28.11.09 Hamburg - Übel & Gefährlich

FORT KNOX FIVE

Fort Knox Rec. / www.myspace.com/fortknoxfive 21.11.09 CH-Krummenau - Kraftwerk 05.12.09 Dresden - Groovestation

HERCULES & LOVE AFFAIR

Renaissance / www.myspace.com/herculesandloveaffair 28.11.09 München - Erste Liga (Andy Butler Dj Set) 09.12.09 Offenbach - Hafen 2 10.12.09 Berlin - Berghain

J.ROCC

Stones Throw / www.myspace.com/funkypresident 19.11.09 CH-Zürich - R22 20.11.09 CH-Bern - Bonsoir

JOAKIM & THE DISCO

Tigersushi / www.myspace.com/jimibazzouka 13.11.09 Berlin - Volksbühne 14.11.09 München - Erste Liga 15.12.09 A-Wien - Flex

MAYER HAWTHORNE

MALENTE

Exploited / www.myspace.com/malente 13.11.09 Hannover - Faust 28.11.09 Würzburg - Cafe Ludwig 05.12.09 Ulm - Eden Club 18.12.09 A-Dornbirn - Prachtclub

MR. OIZO

Ed Banger / www.myspace.com/oizo3000 26.11.09 Ingolstadt - Suxul 27.11.09 München - Erste Liga 28.11.09 Darmstadt - 603qm 12.12.09 Köln - Bootshaus

PUNKS JUMP UP

Kitsune / www.myspace.com/punksjumpup 03.12.09 CH-Zürich - Hive Club 04.12.09 CH-Basel - Kaserne 05.12.09 CH-Bern - Bonsoir

RADIOCLIT

Ghettopop / www.myspace.com/radioclit 13.11.09 CH-Bern - Bonsoir 14.11.09 CH-Basel - Kaserne 12.12.09 Dortmund - FZW

THE VERY BEST

Moshi Moshi / www.myspace.com/theverybestmyspace 26.11.09 CH-St.Gallen - Palace 27.11.09 CH-Genf - L’Usine 06.12.09 Köln - Studio 672 07.12.09 Hamburg - Übel & Gefährlich 08.12.09 Berlin - Festsaal Kreuzberg

UGLY DUCKLING

Groove Attack / www.myspace.com/uglyduckling 19.11.09 Weinheim - Cafe Central 20.11.09 Berlin - Cassiopeia 21.11.09 Köln - Stadtgarten

URLAUB IN POLEN

Strange Ways / www.myspace.com/urlaubinpolen 03.12.09 Hannover - Cafe Glocksee 04.12.09 Kassel - Schlachthof 05.12.09 Duisburg - Steinbruch 12.12.09 Münster - Amp

VITALIC

PIAS / www.myspace.com/vitalicofficial 20.11.09 Berlin - Maria am Ostbahnhof

WILLIAM FITZSIMMONS

Devil Duck / www.myspace.com/experiencemissli 10.11.09 München - Atomic Cafe 12.11.09 Erlangen - E Werk 13.11.09 Osnabrück - Glanz & Gloria 15.11.09 Köln - Luxor 16.11.09 Hamburg - Übel & Gefahrlich 18.11.09 Leipzig - Moritzbastei 19.11.09 Berlin - Lido 21.11.09 Rostock - Mau Club

Grönland Rec. / www.myspace.com/williamfitzsimmons 10.11.09 Leipzig - Moritzbastei 11.11.09 Berlin - Festsaal Kreuzberg 18.11.09 Dresden - Beatpol 20.11.09 A-Wien - Porgy & Bess 21.11.09 A-Graz - Postgarage 25.11.09 CH-Aarau - Kiff 26.11.09 Tübingen - Sudhaus 27.11.09 Dachau - Friedenskirche 28.11.09 Wiesbaden - Schlachthof 03.12.09 Münster - Gleis 22 14.12.09 CH-Genf - L’Usine 16.12.09 Köln - Gebäude 9 17.12.09 Hamburg - Übel & Gefährlich 18.12.09 Kiel - Weltruf

INFO@SSC-GROUP.NET

WWW.SSC-GROUP.NET

MISS LI


EPICLY LATER’D Von Patrick O’Dell

9. Oktober: Ich arbeite gerade an der drittaufregendsten Sache, an der ich jemals gearbeitet habe (nach den Fotos, die ich von Morrissey gemacht habe, als er von einem Kind angepinkelt wurde und der John CardielDoku). Es ist eine Vorführung im MoMA am 15. Oktober und es geht um die Geschichte des Skatevideos. Ich dachte immer, dass Skateboardvideos offiziell honoriert werden sollten und ich bin froh, derjenige zu sein, dem diese Ehre zuteil wird. Vor allem, weil jemand anderes bestimmt die beschissensten Videos aussuchen würde und ich weiß, welche die Goldstücke sind. Aber andererseits ist das bestimmt auch nur subjektiv. Nur damit du weißt, aus welcher Ecke ich komme, meine absoluten Lieblingsvideos sind Video Days, Memory Screen, Fucktards und Mouse. Das war klar, oder? Ich denke wirklich, dass sie Memory Screen in voller Länge abspielen sollten, aber für so was hat bestimmt niemand Zeit. Ich muss sogar 30 Jahre Skateboardvideo-Geschichte in einer 15-Minuten-Montage unterbringen — das ist echt kein Kinderspiel. Außerdem werden wir eine Podiumsdiskussion haben, aus der ich den absoluten Clusterfuck gemacht habe: Spike Jonze, Lance Mountain, Jake Phelps, Greg Hunt, Ty Evans, Ed Templeton, Guy Mariano, Tobin Yelland und Mark Gonzales… alle treten live auf der Bühne auf und alle innerhalb von anderthalb Stunden. Wer weiß, wie das wird. Wahrscheinlich ein großes Chaos, aber hoffentlich ganz lustig. 16. Oktober: Der Event gestern war super — zumindest sagen mir das alle. Ich war auf der Bühne so nervös, dass ich mich nicht mehr so richtig dran erinnern kann. Wir haben alles gefilmt und sind gerade am Schneiden. Ich kann es gar nicht abwarten, es euch zu zeigen. Schaut euch Epicly Later’d auf VBS.TV an.

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VICE


SKINEMA Von Chris Nieratko

LA PINK

Regie: Joanna Angel Burningangel.com Bewertung: 9 Wenn du das Gefühl hast, dass ich unfair viele Burning Angel-Videos rezensiere, dann liegst du damit richtig. Joanna Angel ist keine Idiotin. Sie bezahlt mich jedes Mal, wenn ich im Vice einen ihrer Filme rezensiere, mit einem Blowjob. Genau genommen gibt es auf ihrer Seite eine Liste mit Mädchen und ich darf mir JEDE davon aussuchen—das ist besser als der Weihnachtskatalog von Toys’R’Us, als du noch ein Kind warst. Mein Angebot beschränkt sich jedoch nicht auf Joanna. Alle Mädchen, die geil auf Publicity sind, wissen, wo sie mich finden. Und weil ich noch vier Wochen abwarten muss, bis die babyschleudernde Vagina meiner Frau wieder am Start ist, sind die Preise Verhandlungssache. Ich bin sogar für Handjobs und Telefonsex zu haben. Trotz Joannas cleverer Bestechung und ihrer erfolgreichen Unternehmensführung kann ich verstehen, was Männer dazu bringt, ihr Schwänze in den Mund zu stecken: sie wollen sie zum Schweigen zu bringen. Sie gab mir diese DVD und sagte dann zu allem Überfluss todernst: „Das soll eine Verarschung von dieser Tattoo-Sendung LA Ink sein“. Ohne Scheiß, Sherlock. Danke für die Info. Die Offensichtlichkeit des Titels muss mir irgendwie entgangen sein. Ein anderer brillanter Schachzug war, viermal so viel wie sonst für die Produktion dieser DVD auszugeben, weil sie darauf bestand, dass es 100

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VICE

ein richtiges Set und ein Drehbuch mit Handlung geben sollte, so als ob jemand ihre DVDs (oder Pornos generell) wegen der Handlung kaufen würde. Ich habe die exakte Anzahl vergessen, aber sie sprach von einer absurd hohen Anzahl an DVDs, die sie verkaufen müsste, um ihr Geld wieder raus zu bekommen. Sie klang traurig, weil bei diesem Liebhaberprojekt eine Menge von ihrem Geld auf dem Spiel stand. Es zerriss mir das Herz. Und deshalb schlug ich ihr in meiner selbstlosen Art einen idiotensicheren Plan, Geld zu machen, vor. Gestern Nacht musste ich um vier eine Kackwindel wechseln, als mir eine weitere* geniale Pornoidee kam: ein reiner Analfilm, in dem nur Mädchen mit Hämorrhoiden mitspielen und der Hey Man! Is That a Hemi? heißt. Großartig, stimmt’s? Weißt du, die Mädchen werden für wenig Geld arbeiten, denn wer will schon Mädels einstellen, denen riesige Trauben aus dem Arsch hängen? Ich habe ihr gesagt, wir könnten das für 5.000$ produzieren und abartig reich werden. Ihr gefiel die Idee nicht. „Ich finde das gar nicht lustig. Ich hatte mal Hämorrhoiden und das ist gar nicht cool. Die jucken total“, sagte sie. „Das ist das zweite Mal, dass du eine großartige Idee in den Wind schlägst“, sagte ich, „das ist schon ein bisschen entmutigend.“ Sie erzählte mir, dass sie vom Yom Kippur-Fasten schlechte Laune hatte. „Lass die verrückten sadomasochistischen Rituale deiner Religion nicht an mir aus!“, sagte ich, „Gib mir 5.000$ und ich mache für dich ein Vermögen daraus.“ „Ich gebe dir fünf Cent“, sagte sie. „Versuchst du mich wirklich abzuzocken, nur, weil Yom Kippur ist?“ Sie sagte ja. Mehr von Chris findet ihr auf chrisnieratko.com oder njskateshop.com. *Das erste Mal war, als sie meine Idee absägte, in der es um einen Grillabend-Porno namens Pussy on the Rotisserie ging.


www.urbanears.com / hello@urbanears.com. Featured models

Plattan and

Tanto in Purple. Available in fourteen colors:

Vincent Skoglund


VIDEO GAMES KILLED THE RADIO STAR

TEKKEN 6

Plattform: Xbox 360, PS3, PSP Publisher: Atari

DJ HERO

Plattform: Xbox 360, Wii, PS3 Publisher: Activision Ihr rechnet nicht ernsthaft damit, durch Musik berühmt zu werden, oder? Ich für meinen Teil habe schon in frühen Jahren festgestellt, dass ich vollkommen a-musikalisch bin. Sollte eines meiner zukünftigen Kinder ernsthaft ein Musikinstrument ins Haus bringen, sei es eine schrammelnde Gitarre, eine Geige oder, Gott bewahre, ein DJ-Pult und mir erklären, dass das nun sein Lebensweg sein wird, werde ich das Ding eigenhändig aus dem Fenster werfen und vorher mit einem Knüppel bearbeiten. Und wenn der kleine Scheißer dann flennend vor den Trümmern seines Traumes steht, werde ich das einzig Richtige machen, das ein Vater in so einem Moment tun kann: ich kaufe ihm das DJ HERO-Package für seine Konsole. Ruhe und Frieden werden das Familienbild bestimmen, wenn der Filius seinen Traum vom Fame und seine Liebe zur Musik in einem Rahmen ausüben kann, der ihn nicht davon abhält, meine Träume zu verwirklichen und einen anständigen Beruf zu erlernen. Der Controller, der wie ein DJ-Pult geformt ist, ist solide und hochwertig. Scratchen, faden und alle anderen Funktionen fühlen sich natürlich und sehr realistisch an, während man sich durch die fast 100 lizenzierten Songs von Künstlern, deren Eltern damals wohl was falsch gemacht haben, spint. Eminem, Jay-Z, Dj Shadow, Grandmaster Flash, Dj Jazzy Jeff und Daft Punk sind nur ein paar der Musiker, die Mashups ihrer Songs für das Game geliefert haben. Das Spielprinzip ist so simpel wie genial-es ist schon verdammt nett, wenn man Queens „Another one Bites the Dust“ mit Daft Punks „Da Funk“ mixt. Von diesen Kombinationen gibt es in dem Game einige und die meisten sind so stimmig, dass das Spiel auch einfach im Hintergrund einer Party laufen könnte. Leider sind Geschmäcker ja verschie102

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VICE

den, doch unter den 93 Tracks findet jeder den ein oder anderen, der ihm seine Hand-AugenKoordination vollkommen ruinieren wird. Das man vor schieren Schmerzen die Musik überbrüllt, passiert aber erst in der dünnen Luft der höheren Schwierigkeitsstufen, die einen schlicht und ergreifend physisch fertig machen. Ansonsten hat der Entwickler FreeStyleGames einen guten Job gemacht und die Schwierigkeitsstufen so gesetzt, dass auch der zitterndste Bewegungsspasti die Möglichkeit hat, sich als DJ unter Beweis zu stellen und sein DJ Alter Ego, das man sich aus den verschiedensten DJ-Größen aussuchen kann, auf dem Bildschirm in einem nett animierten Club durch die Decke gehen zu lassen. Aber wenn man so drauf ist wie ich, sind all die anderen DJs eh volkommen egal, sobald man Daft Punk freigespielt hat. Trotzdem geht einem das Spiel ab und an auf den Sack. Besonders, wenn man feststellt, dass einige Songs in einigen der Mixen mehrmals vorkommen. Mit der Zeit fühlt es sich jedes Mal, wenn sie abermals in der Playlist auftauchen, an, als würde man von einem juckenden Ekzem geplagt werden. Auch der Fakt, dass man nicht die Möglichkeit hat, sich nur einen Song herauszusuchen, um ihn schnell zu spielen, sondern ihn erst umständlich in den vorgefertigten Playlists suchen muss, oder gar eine eigene Playlist kreieren muss, ist anstrengend. Aber im Grunde ist DJHero ein frischer und komplett neuer Ansatz in dem Segment der Rhythmusspiele, das lange Zeit von gitarrenlastigen Games wie Rock Band und Guitar Hero dominiert wurde. Zudem beschäftigt es Kinder wie auch Erwachsene für Ewigkeiten, so dass man sich mit den kleinen Blagen nicht umherschlagen muss, sondern abwarten kann, bis sie sich müde gescratcht haben, um dann selbst als DAFT PUNK die unterdrückten Träume von Fame und Ruhm nachzuspielen. DAVE GUETTO

Tekken ist einer der Klassiker der „Hau in die Fresse“-Spiele. Ein Spiel, von dem ich das Gefühl hab, es sei schon immer irgendwie da gewesen und ich mit ihm älter geworden sei. Die Serie ist über die Jahre hinweg gereift, wie Wein. Sie hat geatmet, ist voller geworden und hatte im Abgang immer diese Ahnung von Waldbeeren und etwas Koriander. Nun liegt also der neue Jahrgang vor und ich muss sagen, das Ding korkt. Tekken ist im Tetrapakland von Aldi angekommen. Die Geschichte des Familienkriegs zwischen Heihachi und Kazuyaund Jin ist wie immer eher 08 / 15, doch weder das Gameplay, noch die Animationen oder irgendetwas anderes an diesem Spiel sind auf der Höhe der Zeit. Alles wirkt, als hätte man gerade seine alte PS2 wieder aus dem Keller geholt und irgendeinen der Vorgänger ins Laufwerk geschoben. Es gibt zwar den neuen Kampagnen-Modus, der aber wie ein Krüppel daherkommt und sich auch so spielt. Ansonsten wird einem die übliche Tekken-Kost geboten; Arcade, Versus und Time Attack, die ihr mit den etwa 40 von Anfang an frei wählbaren Charakteren in Angriff nehmen könnt. Irgendwie ist es eine Enttäuschung, dass man auf den Reiz, sich Yoshimitsu und andere Charaktere erst freizuspielen, verzichten muss. Nachdem man nun solange auf das Game warten musste und jetzt alles so enttäuschend und lahm ist, gibt es aber doch noch einen Lichtblick — den Multiplayer-Modus. Entweder online oder zu zweit vor dem Bildschirm. Es ist einfach immer noch etwas anderes, wenn man einem Freund mal ordentlich die Fresse poliert. Dafür ist Tekken gemacht und darin ist das Spiel immer noch ganz groß. Auch der neue „Rage“-Modus lässt besonders intensive Multipayer-Kloppereien zu. Sobald ein Spieler eine bestimmte Grenze Lebensenergie unterschritten hat, spricht dieser Mode ihm einen Schadensbonus zu, damit er in einem letzten Aufbäumen vielleicht doch noch die Kurve kriegt, und den anderen zu Boden schickt, bevor er sonst wohl „Game Over“ und das von der Arcade-Version übernommene „Insert Coin“ gesehen hätte. Tekken 6 bräuchte ebenfalls einen Schadensbonus, um die Kurve zu kriegen. MR. KESUKE MIYAGI


STEIG AUFS BOARD

SKATE MIT FREUNDEN

HALFPIPE ODER STREET-SKATE

© 2009 Activision Publishing, Inc. Activision is a registered trademark and Ride is a trademark of Activision Publishing, Inc. All rights reserved. Tony Hawk is a registered trademark of Tony Hawk, Inc. All rights reserved. ”2”, ”PLAYSTATION” and ” ” are registered trademarks of Sony Computer Entertainment Inc. Trademarks are property of their respective owners. Wii is a trademark of Nintendo. Microsoft, Xbox, Xbox 360, Xbox LIVE sowie die Xbox-Logos sind Marken der Microsoft-Unternehmensgruppe. Alle weiteren Warenzeichen und Handelsnamen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber. Alle Rechte vorbehalten.

activision.com


SPIN ME ROUND

LITTLE GOLD On the Knife LP Adagio 830

8

Klingt wie eine entrücktere, Violinen-lastigere, Young- und Dylan-studierenderere Version von Woods, was eventuell daran liegen könnte, dass Little Gold ein Woods-Nebenschauplatz ist. Den Releasetermin dieses Albums in den Oktober zu legen ist ein ausgesprochen cleverer Schachzug des Labels (vielleicht aber auch einfach nur Zufall) und „Empathy Chain“ einer der effektivsten Herzerwärmer der Saison. HUCKLEBERRY GIN

CLOAK / DAGGER Don’t Need A 7" Jade Tree / Adagio 830

7

Mit diesen beiden Liedern schaffen es Cloak / Dagger, das Erbe von vergangenen San DiegoBands wie Hot Snakes oder Sultans dermaßen gut zu verwalten, dass man beginnt, die Namen Reis oder Froberg in den Credits zu suchen. Man sucht vergeblich, aber dankt ihnen insgeheim für die unfreiwillige, aber nichtsdestotrotz gute Erziehung. DIE SUPERJENNY

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VICE

THE ROBOCOP KRAUS Metabolismus Maximus 12"

LAURA MARS Vultures 12" Superfluous Records

BLOTCH Love & Rockets LP

Blunoise

8

Wenn Laura Mars Love an die Magdeburger AldiLowlifes senden würden, hätten sie vermutlich ein recht großes Publikum. So gibt es aber Props an die Magdeburg Straight Edge, was de facto bedeutet, dass sie sich selbst respektvoll die Hände schütteln. Völlig zu Recht übrigens, denn eine dermaßen präzise und leidenschaftliche Abarbeitung von Mitt- bis Endneunziger New SchoolHardcore (inkl. Zegota, His Hero Is Gone, Snapcase und Shai Hulud) hat der ja bekanntermaßen sehr fruchtbare Bördekreis bislang noch nicht hervor gebracht. KARL TOFFEL

4

LOS PLATANOS / VENEREANS Split 7"

ENRICO / ZILLIONAIRE Split 7"

TOM MESS / REDUCED Split 7"

7

8

3

Altin Village

7

Aha, neue Lieder auf der ASeite. Wenn sie wollen, gehen sie mit der Eleganz der Talking Heads des neuen Jahrtausends vor. Wenn sie wollen, bauen sie aber auch derart alberne Harmonien ein, dass man all seine Maximo Park-Platten schnellstmöglich entsorgen möchte (sofern man welche besitzt). Die Rückseite ist voller Remixes. Besonders bemerkenswert ist hier der Detroit-Anstrich von ZonenCarl Craig Map.ache. THE ELECTRIFYING MOFO

Superfluous Records

Ich kann mich noch dunkel an diesen Klassenfahrt-Sommer an der spanischen Ostküste erinnern, der nicht zuletzt wegen des seinerzeit grassierenden EurotrashHypes zu den kulturellen Tiefpunkten meines noch jungen Lebens zählte. Aber selbst schuld. Man hätte sich ja auch ein bisschen Mühe geben und statt des touristischen Gröl- und KotzMilieus die ansässige Garage- und Surfpunkszene erkunden können, die dann Jahre später solche Bands wie diese hier formen sollte. DRÜRGEN JEWS

Superfluous Records

Auf der A-Seite ein paar EmoPunker aus dem Osten, die sich an so Themen wie Versagen, Stehenbleiben und Nostalgie abarbeiten, dabei aber noch sehr dynamisch und geladen klingen. Und auf der B-Seite ein paar Amis, die davon singen, dass sie gleich anfangen zu heulen und dabei auch genau so klingen. Bildest du daraus die Quersumme, dann ist dieses Release ungefähr so gut wie die Silbermond-Sängerin flachzulegen. (Bei Kerzenschein). RONNY STÜTZE

Bands, die mit ihren Instrumenten versuchen, die Gesetze von Technoproduktionen zu imitieren, muss man zunächst natürlich Bewunderung aussprechen. Live funktioniert so etwas oft ganz gut. Das Publikum steht drauf, wenn der immer gleiche 4 / 4-Beat mal ausnahmsweise nicht von einem sedierten DJ kommt. Andererseits bauen andere Leute so etwas in ein paar Stunden in Ableton live, während Blotch wochenlang im Proberaum herumjammen, was sie schon ein wenig wie nerdige Idioten aussehen lässt. GUSTAV GANZ

Red Lounge Records

Tom Mess singt (brüllt) im selben Timbre wie damals der Loser auf dem Schulhof, dessen dissozial-aggressive Terrorherrschaft alles unterjochte, was ca. drei Jahre jünger war. Und auch irgendwie wie derselbe Loser Jahre später, wenn er von der Couch aus seine wasserstoffblonde Mandy zum Bierkasten dirigiert. Reduced singen nicht ganz so furchterregend — reduziert eben. Aber immer noch ganz schön daneben. LUTSCHIANO PAVAROTTI


Foto von Christoph Voy

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Fang den Spaß ein – in perfekter Bildqualität. Das neue Satio™: 12,1 Megapixel Kamera, Xenon-Blitz und Touchscreen. Du willst es doch auch! www.hopperinvasion.de

Die Spree bekennt Farbe An sich ist die Spree ein eher langweiliger Fluß. Seit hunderten von Jahren nichts Bemerkenswertes. Bis jetzt! Bevor Berlin in der winterlichen Dunkelheit verschwindet, wurde in einer einmaligen Aktion die Spree illuminiert.

Illuminationen sind die mit Abstand coolste

te einer 120 Quadratmeter großen Leinwand

Kunstform. Sie sind bunt, hübsch und ste-

Platz, auf der die große Live-Lichtshow in al-

hen nach der Ausstellung nicht im Weg rum.

len Farben des Spektrums abgefeiert wurde,

Das Kölner Künstlerkollektiv „Lichtfaktor“

während gleichzeitig DJ‘s passenden Elektro

(www.lichtfaktor.eu) nahm sich der Umge-

in die Nacht dröhnten. Wir sind immer noch

staltung der grauen Suppe an und verwan-

ganz blind und taub von der Show.

delte die eher triste Uferpassage in Mitte mit

Der Höhepunkt des Ganzen war ein 17

farbigen bunten Lichteffekten in etwas völlig

Meter großer Käfig auf der Fußgängerbrü-

anderes, abgefahrenes. Am 4.11. ward, wo

cke Wallstrasse/Neue Grünstrasse. In dem

früher mal Uferpassage war, endlich Licht.

wahnsinnig viele bunte Bälle mit einem

Der lächerlich graue Berliner Himmel mach-

Reingewicht von 3,5 Tonnen, die mit fünf


Sattelschleppern transportiert werden mussten, auf die Massen an Besuchern warteten, um danach in einer großen Aktion in die Spree gekippt zu werden. Dort trieben sie dann den Strom entlang und kolorierten den Flusslauf, bis sie wieder rausgefischt wurden. Ein Anblick, der sich in unser Gedächtnis gebrannt hat. Aber neuen Entertainment Unlimited Kampagne, die Sony Ericsson am 4.11 startete! Bereitet euch auf umwälzende Ereignisse vor.

„make.believe“ ist eine Marke der Sony Corporation. © Sony Ericsson Mobile Communications AB. Alle Rechte vorbehalten. Stand: Oktober 2009.

auch das ist alles nichts im Vergleich zu der

Satio™


REVIEWS

BESTES ALBUM DES MONATS: A PLACE TO BURY STRANGERS

BAD BOY BILL The Album Nettwerk

ke Mutter und droppt darauf Zeilen wie „Everything I fuck straight explodes“. Vergegenwärtigt man sich wie es wohl aussehen könnte, wenn er eine Konfettikanone oder die Pyrenäen fickt, muss man wohl gestehen, dass dies ein thematisch sehr reichhaltiges Album ist. Außerdem schafft er es bravourös, Dirty South- und Horror-Rap-Ästhetik aufzugreifen, ohne heillos veraltet zu klingen. NORMAN BATES

3

Bad Boy Bill und seine sechs Turntables existieren seit 1985 oder so, was ihn für musikalische Verhältnisse zu einer Art Urgestein macht. Auf diesem Album klingt er leider teilweise wie jene musikalischen Ergüsse der Mitt-80er, die zu Recht im Mülleimer der Geschichte gelandet sind. Das ist schade, weil ansonsten ein paar ganz gute Ideen zu finden sind. Sich nicht länger wie eine Fotze zu kleiden, könnte Billie natürlich auch weiterhelfen. WTF?!

ANTI POP CONSORTIUM Fluorescent Black Big Dada

8

Nachdem ich APC neulich schon grandios in der Bar25 verpasste, obwohl ich vor Ort war, hielt ich es für die logische Konsequenz, auch dieses Album zu verpassen, obwohl es direkt vor mir liegt. Ich wurde dann leider schwach und kann das Projekt nicht wie geplant abschließen. Selten ist es jemandem so perfekt gelungen, Schlaumeierbeats und Rap zu verschränken, ohne das eine mit dem anderen zu beleidigen. Die APC-Reunion ist geglückt. DIETER THOMAS WACK

TECH N9NE K.O.D. Strange Music

7

Tech schöpft die kreative Energie für sein neues Album aus der Sorge um seine kran-

108

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VICE

JORI HULKKONEN Man from Earth Turbo

8

Scheiß auf Subtilität, wird sich der omnipotente Finne gesagt haben, bevor er sich an dieses Album gesetzt hat. Das ist zwar immer noch far out und auch deep und voller Winkelzüge und Detroit-Ausflüge, aber dabei so auf Pop und Peaktime gebürstet, dass es die IDM-Schöngeister vielleicht ein wenig verstören könnte. Allein weil sie sich fragen, wo plötzlich diese Erektion herkommt. AFRO DIZZEE ACUM

BIRDY NAM NAM Manual for Successful Rioting

4

Columbia / Sony

Diese Platte hält nicht, was sie verspricht. Ich bin davon ausgegangen, im Anschluss an dieses Album mehr über das Anfertigen von Brandsätzen und das Errichten von Barrikaden zu wissen. Zugegeben, bis zum Ende habe ich es gar nicht geschafft. Der Fidget House- und Electro-Zirkus der Franzosen ging mir irgendwann dermaßen auf die Nerven, dass ich die Musik ausgemacht und mich den Schriften von Hannah Arendt gewidmet habe. Kann also sein, dass ich das

Wichtigste verpasst habe. Glaube aber nicht. VOLONTÄR GÉNÉRALE

REDSHAPE The Dance Paradox Delsin

9

Die Kulturgeschichte der künstlerischen Arbeit hinter dem Schutz einer Gesichtsmaske ist lang und brachte Ikonen wie Zorro, Michael Myers und Michael Jackson hervor. Bekanntermaßen enigmatisiert auch Redshape seine Existenz auf diese Weise und richtet dadurch jegliche Aufmerksamkeit auf seine Musik. Gut, die Gesichter der meisten Technoproduzenten kennt sowieso kein Schwein, aber dafür ist deren Schrott auch nicht so Aufsehen erregend wie diese sinistre und elegant hämmernde Abfahrt in den Schlund der Detroit-Techno-Hölle. GREENHORN

RAZ OHARA AND THE ODD ORCHESTRA II

2

Get Physical

Zweites Album von Raz Ohara...aber warum erwähne ich das überhaupt? Erinnert sich noch jemand an das erste? Ich definitiv nicht. Also entweder ist das hier so sinnlos wie ich vermute, oder irgendwo wurde ein superheißer neuer Trend gestartet und man hat mich nicht eingeladen. DAYGLO DAYS

SUPERSHIRT 8000 Mark Audiolith

7

Nüchtern und objektiv gesehen hat Elektro-Party-Gebratze wie dieses seinen Zenit natürlich längst überschritten, aber sobald ich einen sitzen habe, bin ich nach wie


REVIEWS

SCHLIMMSTES ALBUM DES MONATS: BIONIC GHOST KIDS:

vor bereit, dafür Höchstpunktzahlen zu vergeben. Glück für diese Berliner Saalschutz-Soundalikes, dass mein Restalkoholpegel von gestern Abend jeden Bahnhofspenner neidisch machen würde. Die Formel lautet also: Promillewert mal BPM geteilt durch elf Songs plus einen kleinen Audiolith-Bonus. Macht in der Summe sieben Punkte. So einfach ist das. Und ja, ich habe einen Taschenrechner benutzt. DILLES GELEUZE

MATIAS AGUAYO Ay Ay Ay Kompakt

6

Matias Aguayo hat kürzlich das Spartanische zum Konzept erhoben, als er nur mit einem Ghettoblaster ausgestattet auf den Straßen Argentiniens seine eigene Form von Block Parties entwarf. Jetzt veröffentlicht er ein Album, das im Prinzip nur aus Erinnerungen an Lateinamerika und seiner eigenen Stimme besteht. Das hat den Vorteil, dass man denkt: Alle Achtung, das hat er alles nur mit seiner Stimme gemacht! Der Nachteil ist, dass man sich nach spätestens drei Stücken nach einer synthetischen Bassdrum sehnt, die einem die Eingeweide rausreißt. ELLA CAPPA

BIONIC GHOST KIDS Horrorshow GIM Records

2

Mit deinen Oomph!, Blümchen- und Scooter-Platten aus den Neunzigern kannst du heute bei Ebay einen ganz guten Schnitt machen. Es gibt sogar Millionen von Idioten, die sich Schnuffel-Klingeltöne runterladen. Diese Platte, die all diese Referenzpunkte miteinander verbindet, wird aber selbst in hundert Jahren nicht viel mehr Wert sein als eine läppische Kotztüte, für die ich wiederum gerade ein Königreich geben

würde, während ich mich durch „Horrorshow“ quäle. So paradox kann das Leben manchmal sein. DR. NÖ

THE JAPANESE POPSTARS We Just Are Gung-Ho!

7

Es scheint, als würde Irland auf alle Ewigkeit mit Guinness assoziiert werden, einem Getränk, das, seien wir ehrlich, an hochgewürgte Gallenflüssigkeit mit einem großzügigen Schuss Rübensirup erinnert. Im Grunde weiß jeder, dass es scheiße schmeckt und auch du solltest langsam aufhören, das zu leugnen. Ich hoffe doch sehr, dass die ebenfalls aus Irland stammenden Japanese Popstars das genau so sehen. Denn dann gibt es eigentlich keinen Grund mehr daran zu zweifeln, dass sie der beste irische ElektroAct sind, seit...ähm...seit... TO BE SURE

THE ACCÜSED The Curse of Martha Splatterhead

7

Southern Lord

Die Altherren-Thrash-Achse KreatorSlayer muss sich wohl oder übel mit einem Dritten im Bunde abfinden. The Accüsed stimmen mich ebenso sentimental wie die Erinnerungen an die kläglichen Versuche, mit Nimmzwei-Bonbons die Eders- oder HansaFahne zu übertünchen, während ich schuleschwänzend im Auto saß und mich mit Tapes besagter, damals noch nicht ganz so alter Herren, zuballerte. Was, du machst so was immer noch? Dann probier dein Glück mit den Accüsed, Zielgruppe! SAITENDARMSTECHEN

BLACK COBRA Chronomega Southern Lord

7

Black Cobra wurden von der internationalen Presse schon als „the heaviest two-piece band in the universe“ bezeichnet. Natürlich ist das eine Fehleinschätzung, über die man aber hinwegsehen kann, weil die Wildecker Herzbuben außerhalb des deutschsprachigen Raums einfach nicht so bekannt sind. Wahnsinns-Schenkelklopfer, was? Mal ganz im Ernst, abgesehen von Eagle Twin und Sunn O))) müssen die sich echt vor niemandem fürchten. FATTY KRÜGER

A PLACE TO BURY STRANGERS Exploding Head

9

Mute / GoodToGo

Oliver Ackermann ist ein Typ, der all seinen Schmerz, all seine Dämonen und übersteigerten Gefühle in seiner Musik auflöst. Das hat zur Folge, dass diese Musik sehr laut, leidenschaftlich und mächtig ist und er selber ein total ausgeglichener, taktvoller und fröhlicher Zeitgenosse. Einen Kausalzusammenhang vorausgesetzt, ist nach Begutachtung von Exploding Head wohl davon auszugehen, dass Oliver Ackermann noch bedeutend ausgeglichener, noch taktvoller und noch fröhlicher geworden ist. C.G. JUNGCHEN

WHITEBUZZ Book of Whyte MeteorCity

7

Das in Sachen staubtrockenem Kifferrock wegweisende MeteorCity-Label hat nun tatsächlich eine deutsche Band unter Vertrag genommen. Wer bisher überzeugt war, dass derartige Musik nur in den unmenschlichen VICE

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REVIEWS

BESTES COVER DES MONATS: DO MAKE SAY THINK

Wüstenlandschaften von Nevada entstehen kann, ist jetzt vielleicht irritiert. Aber Whitebuzz kommen aus Hannover, der Achselhöhle Norddeutschlands, ihr Umfeld ist folglich ähnlich lebensfeindlich. Einen schwachen Charakter zermürbt das in Architektur materialisierte Elend der niedersächsischen Landeshauptstadt in kürzester Zeit. Da diese Band noch am Leben ist, sollten wir sie wohl besser ernst nehmen. DR. THUNDERPUSSY

DYING FETUS Descent Into Depravity Relapse / Rough Trade

8

Von John Gallaghers brachialer Stimmgewalt könnte sich manch ein Metal-Mimöschen eine ordentliche Scheibe abschneiden. Mal klingt er wie ein tollwütiges Mammut, das die letzte Nacht in einem atomaren Endlager verbracht hat, und mal, als hätte man der kleinen Regan aus Der Exorzist ein Megaphon in die Hand gedrückt. Ohnehin teilt der Genuss dieses Albums gewisse Aspekte mit William Friedkins HorrorfilmKlassiker aus den 70ern: Hinterher ist man zittrig, verstört und traumatisiert, aber irgendwie auch ein wenig stolz, dass man es bis zum Ende ausgehalten hat. ROGER MOHR

PELICAN What We All Come To Need

Southern Lord

3

Toll, mit welcher Konsequenz Pelican ihren eigenen Weg gehen. Dumm nur, dass dieser Weg vom Post-Rock-Olymp schnurstracks in die unfruchtbaren Sümpfe der Bedeutungslosigkeit führt. Gott, diese Leute haben sich wirklich von einer richtig guten Band zu einem Haufen totaler Loser entwickelt. Das würde mich jetzt fast ein wenig betroffen machen, aber vorhin ist vor meinem Fenster bereits ein Vogel aus dem 110

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VICE

Nest gefallen und ich kann pro Tag nur eine sehr begrenzte Menge Mitgefühl aufbringen. DER WEISSE HAI

DANIEL BENJAMIN

There’s a Monster Under Your Deathbead

7 ROYAL BANGS Let It Beep City Slang

8

Wieso nehmen wir diese hervorragende Veröffentlichung nicht endlich mal zum Anlass, um nach all den Spannungen der letzten Jahre dem Indierock-Genre endlich die Hand zu reichen? Es scheint ja durchaus noch einige kreative Ansätze zu geben, wenngleich zu befürchten steht, dass wir uns jetzt den Rest des Jahres wieder mit den obligatorischen Nachahmerhorden rumplagen müssen, die sich auf diese Platte stürzen werden wie Heuschrecken auf blühende ägyptische Gärten. In diesem Sinne: Kommt rein, Freunde, aber seid ihr auch wirklich sicher, dass euch niemand gefolgt ist? CHEST NUT

MARIE DAHL Adelaide and Hells Bridegroom Divine Records

THE BROTHERS MOVEMENT s/t Rocket Girl

5

Ein Jammer für diese Band, dass das hier nicht die 1994-Ausgabe ist. Vor 15 Jahren hätte man mit Reimen wie „Baby when you’re gone, everything seems so wrong“ noch ein paar übrig gebliebene Schulmädchen einsammeln können. Aber heutzutage hören die ja Acts mit besseren Texten, wie z.B. Tokio Hotel oder Bushido und keinen abgestandenen Britpop, der sich zu Ride und Verve so verhält wie ein matschiger Zwieback zu einer Sachertorte. DURCH DEN KONSUM

4

Vor einigen Tagen wurde Kathrin Schmidt der Deutsche Buchpreis verliehen. Den Grund dafür erkannten einige Experten darin, dass sie ihre eigentlich tieftragische Leidensgeschichte erzählt als ginge es ums Einkaufen im Supermarkt — mit Spott und Leichtigkeit. Wenn man daran heutzutage große Kunst erkennt, dann ist das hier vermutlich das Album des Jahres. Es geht um Tod, Leid und Liebe und Marie Dahls Stimme klingt unfreiwillig so eindringlich als würde sie den Wetterbericht singen. ANDREA KLEMPNER

Haldern Pop

Unter Beachtung der Standortbedingungen könnte man den Fehler begehen, in diesem Album nicht viel mehr als ein ordentliches Indiepop-Album zu sehen. Auf der anderen Seite hat es in diesem Land noch nie jemand geschafft, ein Referenzspektrum von Radiohead bis Judas Priest auf so kleinem Raum abzubilden. Es ist nicht so, dass ich genau darauf gewartet hätte, aber trotzdem alle Achtung! ROB YORKE

GRAND ARCHIVES Keep in Mind Frankenstein

7

Sub Pop

In einer perfekten Welt würde dieses Album dezent den Abend einrahmen, während du Hand in Hand mit deinem Schwarm über einen Weihnachtsmarkt schlenderst, Lebkuchenduft inhalierst, ihr euer verliebtes Grinsen auch mit größter Anstrengung nicht aus dem Gesicht


REVIEWS

SCHLIMMSTES COVER DES MONATS: BEAK>:

bekommt und am Horizont ein paar Sternschnuppen durchrauschen. Die Realität sieht so aus, dass dir an einem solchen Abend das Portemonnaie geklaut wird, du in einer Lache aus Glühweinkotze ausrutscht, dein Schwarm später mit dir Schluss macht und ihr zwischenzeitlich entweder von Jingle Bells in der Panflötenversion oder SchnuffelKlingeltönen terrorisiert werdet. Das neue Album der Grand Archives gibt es aber wirklich, warum auch immer. UDO PISST

Baustellenlärm in Gang setzen, um wieder zu dem Menschen zu werden, der ich bin. MIKE KRÜGER

Alien8

6 DO MAKE SAY THINK Other Truths

Constellation

EAMON MCGRATH

13 Songs of Whiskey and Light

7

White Whale Records

Entweder ist Eamon einer bislang nicht enthüllten Affäre von Marianne Faithful und dem Boss entsprungen oder er reichert sich sein morgendliches Müsli mit Kautabak, etwas Brennspiritus und ein paar Reißzwecken an. Eine andere nachvollziehbare Erklärung kann es für diese schwarz geteerte Bluesstimme eines Twentysomethings eigentlich nicht geben. Eamon hat außerdem schon den Backkatalog eines Siebzigjährigen und wenn er jetzt nicht dieses Best of herausbringen würde, wüsste er in ein paar Monaten vermutlich selbst nicht mehr, dass diese Songs hier alle von ihm sind. WORKAHOLICS ANONYMOUS

THE FLAMING LIPS Embryonic Warner

8

Man darf wohl sagen, Wayne Coyne et al haben auf diesem Album ihr Allerbestes gegeben, um dich im Verlauf dieses Halluzinogen-Jam-Marathons zurück in den Schoß von Gaia zu treiben. Ich fühlte mich im Anschluss an den ersten Durchlauf wie ein orientierungsloses Plankton und musste erstmal eine Quadrophonie aus Slayer, Guns’n’Roses, Natalie Imbruglia und

BLACK FEELINGS s/t

8

Was soll man eigentlich zu einer Band noch sagen, die mit jedem ihrer Alben einen weiteren Beweis dafür abliefert, dass Postrock kein instrumentales Graduiertenkolleg sein muss, sondern auch unterhaltend und erkenntnisreich und bewegend und manchmal auch ein bisschen sexy sein kann? Dass sie gut Plätzchen backen können? Dass sie die kanadische Nationalhymne rückwärts furzen können? Dass man aus ihrem Bandnamen Anagramme wie ‚Andy Sieht Mokka’ basteln kann? Come on ... KANDIS AM HOTKEY

BEAK> Beak>

Invada / Cargo

6

Weil Portishead-Gründer Geoff Barrow so ein verdammter Perfektionist ist, hat er sich für dieses Nebenprojekt ein paar Beschränkungen im Dogma95-Stil auferlegt, um endlich mal voranzukommen. Keine Overdubs, keine Proben, 12 Tage Studiozeit. Geoff wollte sich eben einfach mal die Birne zukiffen und seinen Gedanken und Assoziationen freien Lauf lassen. Das hat er auch gemacht und wie das in diesem Zustand eben immer so ist, hat man zwar ab und zu einen Geistesblitz, aber die meiste Zeit brabbelt einem das eigene Gehirn eintönige und unzusammenhängende Monologe vor. TIMOTHY LEARY

Die auf dieser CD ja nur fiktiven A- und B-Seiten beginnen jeweils mit dem Titel „Lost Rings“. Ist nun die Frage, ob es sich dabei um eine Hommage an Tolkien handelt oder um einen Erfahrungsbericht aus dem verkorksten Eheleben der Bandmitglieder, die jeweils viel lieber in einem stinkenden Loch von Proberaum an diesen Liars meet Yeasayer-Kakophonien herumtüfteln, anstatt ein wenig auf die Insignie ihres Treuegelöbnisses achtzugeben oder einfach mal einen kleinen Strauß Blumen mit nach Haus zu bringen. DIE SUPERDUPERNANNY

13TH MONKEY Redefining the Paradigm of Bang

9

Hands

Freiformtechno, der an allen Ecken und Enden kunstvoll-brachial auf die Zwölf knallt und dich in sich reinzieht wie ein schwarzes Loch, aus dem du am anderen Ende taub, aber geläutert wieder ausgespieen wirst, ein beeindrucktes „Was war das denn jetzt?“ auf deinen zitternden Lippen. PHONODROME SURVIVORS

SISTER IODINE Flame Disastre Editions Mego

8

Sister Iodine klingen endlich so, wie Gott in Frankreich sich Whitehouse vorgestellt hat, wenn sie Gitarren benutzten und instrumental blieben, sich aber trotzdem an ihrem ganzen Kinderfickerscheiß und diesen ganzen „dunklen Seiten“ des menschlichen Gemüts abarbeiteten. PCP AORTA VICE

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VICE FASHION STOCKISTS

ADELHEID adelheid-glueckswerkstatt.de

CAMPUS BY MARC O’POLO marc-o-polo.com

JIMMY CHOO FOR H&M hm.com

OXBOW oxboworld.com

BENCH bench.co.uk

ELEMENT EDEN elementeden.com

LEVI’S levistrauss.com

SUPERSTORE myspace.com / superstoreberlin

BILLABONG billabong.com

FIRETRAP FOR CAMPER firetrap.com

MARTIN MARGIELA martinmargiela.com

THE HAPPY END thehappyendisnear.com

BLUSH blushlingerie.com

G-SCHOCK gshock.com

NIKITA nikitaclothing.com

URBAN OUTFITTERS urbanoutfitters.com

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VICE

Foto: Claudio Campo - Garcia

Pulli von Urban Outfitters, Kleid von Firetrap, eigene Schuhe


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VICE


WE SHOCKED THE WORLD! ADMIRALSPALAST 04.11.09 BERLIN

WE SHOCKED THE WORLD! Gemeinsam mit 체ber 1.600 Fans wurde der Berlin-Stop der SHOCK THE WORLD TOUR (nach New York, London, Paris, Barcelona,...) von G-SHOCK gefeiert. Lady Sovereign, Amanda Blank, Data, Berlin Battery, Bugati Force und P-Knock-U brachten die Boxen zum Vibrieren. Danke an alle G채ste, die den Admiralspalast mit G-SHOCK zum Beben brachten!


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