__MAIN_TEXT__

Page 1

TOGGENBURGER JAHRBUCH 2020

Toggenburger Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Toggenburger Verlag www.toggenburgerverlag.ch


Die Herausgabe des Toggenburger Jahrbuchs 2020 wurde ermöglicht durch folgende Firmen und Personen (12er-Klub): Stiftungen: Kultur Toggenburg

Firmen: Wattwil FRITZ SCHIESS AG | Feinschnitt-Stanzwerk | CH-9620 Lichtensteig

Wattwil

Schällibaum AG Ingenieure und Architekten Wattwil

E. Weber AG Strassenbau Hochbau Tiefbau Wattwil

Personen: Fredi Högg, Wattwil Vreni Hüberli, Lichtensteig Peter Ledergerber, Wattwil Bruno Sutter, Lichtensteig Paul Widmer, Bern

Umschlagbild Giovanni Müller, Winter im Obertoggenburg, Aquarell, 40×50 cm, 1942, Toggenburger Museum Lichtensteig.


Toggenburger Jahrbuch 2020 Redaktionsteam Annette Bertram-Giezendanner, Balgach Hans Büchler, Wattwil Irène Häne-Ebneter, Kirchberg Anton Heer, Flawil Administration Arthur Lieberherr, Ebnat-Kappel Geschichte/Kultur Barbara Anderegg, Wattwil Albert Holenstein, Jonschwil Bruno Wickli, Neu St. Johann / Wil Paul Widmer, Bern Literatur Peter Weber, Wattwil/Zürich Musik Hermann Ostendarp, Wattwil

Toggenburger Verlag

Natur René Güttinger, Nesslau Chronik Marlis Kaufmann, Wattwil Willy Schönenberger, Gähwil Lektorat Elisabeth Rohner, Zürich


© 2019 Toggenburger Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Herstellung Toggenburger Verlag CH-9103 Schwellbrunn ISBN 978-3-908166-87-0 Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.


Inhalt

Vorwort7 Hans Büchler Zukunft braucht Herkunft –  Zur 20. Ausgabe des Toggenburger Jahrbuchs Paul Widmer

9

Der Ricken – Vom Strassenbau  zum Glaubenskrieg Franz Germann

19

Militär- und Zivilinternierte  im Toggenburg Tabea Wullschleger

35

Ein Pionier aus Kirchberg  Patrick Schnetzer

51

Katzenbälge und abgedankte Söldner – Jugenderinnerungen des Lichtensteiger Arztes Dr. Adolf Steger Fabian Brändle

69

Vom Kuhreihen zur Kuhnamengebung – und zurück Rainer Stöckli

Giovanni (Johannes) Müller –  Maler und Holzschneider Annette Bertram-Giezendanner

145

Die Klangschmiede – von der Mühle  zur Schmiede, zum Erlebnishaus Raphael Gygax / Christian Zehnder

157

Die Fischerei im Toggenburg Christoph Birrer u. a.

167

Bienenhaltung im Toggenburg –  ehemals Erwerb, heute Ideal Olivia Hug

183

Der Orgelbauer Johann Michael Grass  und sein Neu St. Johanner «Opus maximum» Markus Meier

199

Ein Kämpferherz mit starken Wurzeln: Dr. Jakob Schönenberger, Kirchberg SG (1931–2018) Christoph Häne

213

85

Buchbesprechungen219 Irène Häne-Ebneter

Bauernmalerei von der biedermeierlichen 101 Idylle zur Malerei des Bäuerlichen Hans Büchler

Chronik  223 der Toggenburger Gemeinden Marlis Kaufmann / Willy Schönenberger

«BACK TO THE FUTURE»125 Spuren der Moderne im Toggenburg 1920–1940 Marcel Just

Die Autorinnen und Autoren

256


.

6


Vorwort

«Das Jahr ist kurz, die Stunde lang.» Das gilt auch für die Arbeit am «Toggenburger Jahrbuch». Und bereits zum zwanzigsten Mal bestätigt sich die sprichwörtliche Redensart. Das wäre ein guter Grund, etwas kräftiger in die Posaune zu blasen. Aber welche Melodie? In Dur oder Moll? Im Quartett oder mit Chor und Orchester? Wir bleiben auf dem Boden und konzentrieren unsere Rückschau auf den Dank. Und dieser muss in verschiedene Richtungen verteilt werden. Ausgangspunkt ist ein Team von anfänglich zehn Mitwirkenden, Junge und Alte unterschiedlicher Berufe, verschiedenen Standes und vielschichtiger Interessen. Leider dürfen nicht mehr alle das Jubiläum mitfeiern. Die anspruchsvolle und unentgeltliche Arbeit wird heute von fünfzehn Personen getragen. Als Hobby, denn meist berappen sie auch noch die Spesen. Eigentlich müsste man von Ausbeutung sprechen, wären sie nicht ihre eigenen Arbeitgeber. Ein herzliches Dankeschön geht auch an den Lotteriefonds, heute die Kulturstiftung des Kantons St. Gallen, und die zahlreichen Firmen und privaten Sponsoren, die jährlich ihr Geschäfts- oder Checkbuch zugunsten des Jahrbuchs öffnen. Ohne dieses Wohlwollen wäre das Toggenburg um eine Kulturleistung ärmer. Eine Armut übrigens, die in der reichen Schweiz die meisten Regionen und Kantone erfasst hat. Ohne die zuverlässige und risikofreudige Arbeit des ursprünglich in Wattwil, heute in Schwellbrunn tätigen Toggenburger Verlages wären unsere Bemühungen umsonst. Verleger Marcel Steiner und sein Team dürfen ebenfalls auf zwanzig Jahre Qualitätsarbeit und Marketing zurückblicken, und dafür verdienen sie unseren herzlichen Dank. Wir danken auch unseren Leserinnen und Lesern inner- und ausserhalb des Toggenburgs, deren Interesse für alle Beteiligten die entscheidende Motivation bedeutet. Ihnen allen danken wir mit der Überzeugung, dass gute Leser ein Buch besser machen. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Freude am Lesen. Hans Büchler

Vorwort

7


.


Zukunft braucht Herkunft Zur 20. Ausgabe des «Toggenburger Jahrbuchs» Paul Widmer

Frau Rath Goethe war nicht beeindruckt, wenn ihr Leute erzählten, wo sie schon überall in der Welt herumgekommen seien. Sie meinte, mit dem Herumreisen allein sei es nicht getan. Wichtig sei, die Dinge zu erkennen, die man sehe. Ihr Sohn Wölfchen bringe von einer Wanderung von Frankfurt nach Wiesbaden mehr Eindrücke mit nach Hause als andere, die bis nach Amerika reisten. Auf seine Weise bekräftigte der berühmte Johann Wolfgang die Ansicht seiner Mutter im «Faust», wenn er schrieb: «Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.» Nur der kennt sich aus, der sich mit etwas vertraut macht, der eine Sache vertieft. Doch der Trend geht heute in eine andere Richtung. Im Jahr 2017 begab sich jeder Schweizer, statistisch gesehen, mehr als zweimal auf Auslandreisen. Wir leben im Zeitalter des schnellen Massentourismus – mit unübersehbar unangenehmen Zügen, etwa den überfüllten Flughäfen, den verbauten Stränden, den verstopften Innenstädten, der geschundenen Umwelt. Ich will mich freilich nicht in Kulturpessimismus ergehen. Die neuen Reisemöglichkeiten eröffnen auch erfreuliche Perspektiven. Die Lust nach Neuem gehört ebenso zum Menschen wie die Sehnsucht nach dem Vertrauten. Fernweh und Heimweh sind wie Vorder- und Rückseite ein- und derselben Medaille. Schönste Erinnerungen können aus fremden Begegnungen entstehen – aber auch aus einem Eindringen in die Geheimnisse in der näheren Umgebung. Und diese Seite, scheint mir, kommt seit Jahren zu kurz. Es ist die geistige Auseinandersetzung mit den lokalen und regionalen Gegebenheiten, die Verortung des

20. Ausgabe des «TJB»

9


Bekannten in Raum und Zeit. Doch wer beschäftigt sich noch damit? Die Heimat- oder Jahrbücher tun es – aber mit gemischtem Erfolg. Die Hinwendung zum Lokalen ist nicht en vogue. Sie wird gern als provinziell belächelt – ein Dünkel, der selbst nicht gerade von weltmännischer Statur zeugt. Das Jahrbuch

Da stehen wir also an der Schwelle zum Jahr 2020. Es herrscht ein unwirtliches Klima für alles, was nicht sofort abrufbar ist, was ein klein wenig Geduld und Nachdenken erfordert. Das bekommen die Printmedien im Allgemeinen zu spüren und die kulturellen Organe im Besonderen. In diesem Umfeld nun liegt die zwanzigste Nummer des «Toggenburger Jahrbuchs» auf dem Tisch. Das ist alles andere als selbstverständlich. Das Jahrbuch der Stadt St. Gallen, die «Gallus-Stadt», musste 1999 das Erscheinen einstellen. Auch ein Wiederbelebungsversuch anno 2012 scheiterte schon nach drei Jahren. In einer Stadt mit fast 80 000 Einwohnern fand die gehobene Publikation gerade einmal 350 Käufer. Auch das Rorschacher Neujahrsblatt ging im Jahr 2000 ein, und die Region Wil hat auch keine eigene Publikationsreihe mehr. Wie nur vermochte das Toggenburg dem Zeitgeist zu trotzen? Das hat wohl mit Verschiedenem zu tun, vor allem mit Personen. Nennen wir zuerst den Herausgeber, Hans Büchler. Er ist die Seele des ganzen Unterfangens. Ruhig und umsichtig gestaltet er eine Nummer nach der andern, gewinnt fachliche Mitarbeiter aus den verschiedensten Gebieten, sucht Chronisten für alle Gemeinden und weiss sein Team zu begeistern. Dazu bereichert er viele Ausgaben mit eigenen Beiträgen. So entsteht Jahr für Jahr eine thematisch vielfältige und schön aufgemachte Publikation. Besondern Wert legt der Herausgeber auch auf eine sorgfältige Bebilderung. Sein langjähriger Einsatz als Kurator des Toggenburger Museums und als Schriftleiter der «Toggenburgerblätter für Heimatkunde» befähigen ihn dazu mehr als jeden andern. Er ist, wie die Welschen sagen würden, Monsieur Toggenburg. Man darf sich die Frage stellen: Gäbe es das Jahrbuch noch ohne Hans Büchler? Nennen wir sodann den Verleger, Marcel Steiner. Ursprünglich kamen die Jahrbücher im Toggenburger Verlag in Wattwil heraus. Doch mit dem Umbruch in der Medienlandschaft und der Konzentration im Pressewesen brachen die alten Strukturen im Toggenburg weg. Der Herausgeber fand in der Person von Marcel Steiner einen leidenschaftlichen Büchermacher aus-

10

20. Ausgabe des «TJB»


serhalb der Region. Dieser nahm den Toggenburger Verlag unter seine Fittiche. 2014 erschien das Jahrbuch in Herisau und ab 2015, als sich Steiner als Verleger selbständig machte, in dessen Verlagshaus in Schwellbrunn. Einen solchen Verleger zu finden, ist ein Glücksfall. Gäbe es das Jahrbuch ohne Marcel Steiner noch? Auch diese Frage ist meiner Ansicht nach mehr als berechtigt. Nennen wir auch den Leser. Dass es ihn noch in genügend grosser Anzahl gibt, ist leider auch nicht selbstverständlich. Siehe das Beispiel der «Gallus-Stadt». Weshalb blieben die Toggenburger ihrem kulturellen Organ gegenüber treuer als die Stadt-Sanktgaller? Das ist nicht leicht zu beantworten. Abgesehen von Art und Qualität einer Publikation hängt die Lesertreue vielleicht auch damit zusammen, dass die Toggenburger herkunftsbewusster sind. Das Wissen um die eigene Geschichte und Kultur, die Liebe zur Landschaft könnte ihnen mehr ­bedeuten als den Stadtbewohnern. Deshalb kaufen sie ein Jahrbuch. Es bringt ihnen etwas für ihre eigene Identität. Und Selbstbewusstsein benötigen die Bewohner einer Randregion, wenn sie dem immer stärker werdenden Sog, der von den Zentren ausgeht, widerstehen wollen. Damit erfüllen Publikationen wie das Jahrbuch auch eine politische Aufgabe. Sie beleben den Föderalismus, stärken das kulturelle Selbstverständnis einer Region – und das alles mit einem hohen Grad an Eigenverantwortung. Die genannten drei Faktoren sind wichtig. Doch eine Prise Glück muss auch noch dazukommen. Ein konkretes Beispiel soll veranschaulichen, wie es auch hätte anders laufen können. Hinter den ersten Nummern des «Toggenburger Jahrbuchs» steckten zwei Persönlichkeiten, neben dem langjährigen Herausgeber auch Jost Kirchgraber. Beide unterrichteten an der Kantonsschule Wattwil, der eine als Historiker, der andere als Germanist. Beide kamen von ausserhalb der Region. Wäre 1970 nicht die Kantonsschule in Wattwil gegründet worden, wären sie wohl nicht ins Toggenburg zugezogen. Dann gäbe es nicht nur kein Jahrbuch. Wir hätten auch in den letzten Jahrzehnten ohne die zwei wichtigsten Erforscher und Förderer unserer Kultur auskommen müssen. Hans Büchlers Verdienste habe ich bereits gewürdigt, Jost Kirchgrabers tief schürfende Studie über das Toggenburger Bauernhaus und seine massgeblichen Bücher zur bäuerlichen Möbelmalerei möchte ich ebenso erwähnen wie seinen Einsatz zur Rettung und Neukonzipierung des Ackerhus in Ebnat-Kappel.

20. Ausgabe des «TJB»

11


Die Vorläufer

Natürlich haben die Leitung eines Museums und die Rettung des Ackerhus nichts mit der Existenz eines Jahrbuchs zu tun. We­ nigs­tens nicht direkt. Aber vieles ist verzahnt. Auch die Kultur braucht ein gewisses Ambiente, um gedeihen zu können. Sie braucht Anregung, Austausch, Ermunterung. Kultur will gepflegt sein. Darin nimmt ein Jahrbuch einen zentralen Platz ein. Das erkannte man schon lange. Immer wieder unternahmen einzelne Exponenten einen Anlauf, um dieses Postulat zu verwirklichen. Dabei kann man auch sehen, dass sich der Charakter von Jahrbüchern im Laufe der Zeit stark verändert hat. Beinahe hundert Jahre sind es her, seit der Verlag Emil Kalberer in Bazenheid begann, eine «Toggenburger Chronik» in unregelmässigem Abstand von einem oder mehreren Monaten als Beilage zum «Alttoggenburger» und «Toggenburger Volksblatt» herauszugeben. Es war die erste Publikation dieser Art. Die Heftchen erschienen von 1927 bis 1964. Nebst Beiträgen zur Lokalgeschichte dominierten die Nachrufe und vor allem die Totenbilder. Diese dokumentierten, zusammen mit der Chronik, die wichtigsten Vorgänge in der Region. Dabei behielt der Verleger auch die kommerziellen Interessen im Auge. Nur wer die Zeitung abonnierte, hatte Anrecht darauf, dass das Totenbild von verstorbenen Angehörigen in die Chronik aufgenommen wurde. Zwei Jahre später erschien in Flawil mit den «Untertoggenburger Neujahrs-Blättern für Jung und Alt» ein weiteres aufs ­Lokale ausgerichtetes Periodikum. Animiert vom Oberuzwiler Gemeindeammann Adoph Näf, erschien es einmal pro Jahr im

12

20. Ausgabe des «TJB»


Umfang von ungefähr 70 Seiten. Es enthielt vornehmlich historische Beiträge und eine knappe Jahreschronik der Hauptereignisse in den einzelnen Gemeinden des Bezirks Untertoggenburg. Diese Schrift entsprach weit mehr dem, was wir heute unter einem Jahrbuch verstehen, als die «Toggenburger Chronik». Aber sie erschien nur von 1929 bis 1937. Die Eingrenzung auf einen einzigen Bezirk schränkte den Mitarbeiter- und Leserkreis wohl zu stark ein. 1938 setzte eine dritte Schriftenreihe ein. Äusserlich gesehen begannen die «Toggenburgerblätter für Heimatkunde» ähnlich wie die «Toggenburger Chronik». Auch sie erschienen vier- bis sechsmal pro Jahr als kleine Beilage zu einer Zeitung, zuerst zum «Toggenburger Boten», dann zum «Amt-Anzeiger» in Lichtensteig. Inhaltlich unterschieden sie sich jedoch deutlich. Die Toggenburgerblätter enthielten nichts Dokumentarisches oder Chronikalisches. Sie konzentrierten sich von Anfang an auf die Erforschung der Geschichte des Toggenburgs. Ein wichtiger Einschnitt erfolgte 1944. Damals entstand die Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde – übrigens herzliche Gratulation den Mitgliedern zum 75. Jubiläum! Dieser Verein stellte sich voll hinter die Schriftenreihe, so dass die Toggenburgerblätter fortan als eigenständige Publikation erscheinen konnten. Man musste sie nicht mehr einer Zeitung beilegen. Das war eine gute Lösung. Mit dieser Trägerschaft überdauerte die Schriftenreihe die Zeitläufte bis auf den heutigen Tag. Was das Format anbelangt, so änderte es stark. Aus den losen Blättern entstanden Hefte und zuletzt oft eigentliche Bücher. Seit den 1970er Jahren setzte sich zwischen den verschiedenen Publikationsreihen immer mehr

20. Ausgabe des «TJB»

13


eine Arbeitsteilung durch nach der Devise: Kleinere Beiträge gehören in die Annalen oder das Jahrbuch, grössere Abhandlungen kommen, ohne dem Druck der Periodizität zu unterliegen, in der Schriftenreihe der Vereinigung für Heimatkunde heraus. Natürlich ergibt sich eine derart beeindruckende Kontinuität auch mit einer stabilen Vereinigung im Rücken nicht von selber. Es braucht immer eine treibende Kraft. In der langen Existenz der Toggenburgerblätter sind es erstaunlich wenige Personen, die den Geist des Unternehmens verkörperten. Es sind nur deren drei. Der Erste ist Professor Heinrich Edelmann, Lehrer an der Verkehrsschule in St. Gallen. Er hob die Toggenburgerblätter aus der Taufe, redigierte sie bis zu seinem Tode 1963 und schrieb auch in allen Nummern mindestens einen Beitrag. Er war auch Spiritus rector der Vereinigung für Heimatkunde, die er mitbegründete. Als er starb, schrieb der Verleger besorgt an die Abonnenten, man müsse nun schauen, wie es mit der Zeitschrift weitergehe. Doch mit Armin Müller, Sekundarlehrer in Lichtensteig, rückte ein engagierter Geschichtsfreund nach und wirkte drei Jahrzehnte an der Spitze. Schliesslich übernahm kurz vor dessen Tod (1993) Hans Büchler den Stab und betreute bis Ende letzten Jahres die Schriftenreihe mit grossem Engagement. Dem Nachfolger Bruno Wickli wünschen wir den gleichen Erfolg wie dem Vorgänger-Trio. Mit dem «Toggenburger Kalender» kam 1941 eine vierte Publikationsreihe auf den Markt. Die grossformatigen Jahrbücher wurden wie die «Toggenburger Chronik» von Kalberer in Bazenheid verlegt. Unter leicht wechselnden Namen – «Toggenburger Heimat-Kalender» ab 1944, «Toggenburger Heimat-

14

20. Ausgabe des «TJB»


Jahrbuch» ab 1950 – erschienen sie bis 1960 und sollten in Form der «Toggenburger Annalen» von 1974 bis 1998 eine Fortsetzung finden – diese jedoch anfänglich von Zeno Fischers Erben in Uzwil verlegt. Sie hoben sich in der Gestaltung von Beginn an von den andern Blättern ab. Mit ihrem farbigen Umschlag und einzelnen farbigen Seiten im Innern, zuweilen gar mit kostspieligen Einlageblättern angereichert, beeindruckten sie nicht nur mit gehaltvollen Beiträgen, sondern auch mit der Aufmachung. Man merkte, dass dem Verleger viel an diesem Jahrbuch lag. Er pflegte es als Visitenkarte für die typografischen Fähigkeiten seines Unternehmens. Im Inhalt war die Publikationsreihe stets vielfältig. Man bot einen Hauskalender, eine detaillierte Regionalchronik, Kommentare zur Schweizer Politik und zuweilen auch zum Weltgeschehen, Unterhaltung mit Gedichten und Kurzgeschichten, zahlreiche Beiträge zur Geschichte und vereinzelt auch Dokumentationen von zeitgenössischen Ereignissen. Mit den Jahren nahm das Kalendermässige etwas ab, so dass der Herausgeber 1950 fand, die Umbenennung von Kalender in Jahrbuch entspreche mehr dem Inhalt. In den Annalen entfiel der Kalender dann ganz. Selbstverständlich brauchte es auch bei diesen Jahrbüchern jemanden, der dem Unterfangen Leben einhauchte. Beim «Toggenburger Kalender» war es Verleger Emil Kalberer selbst, im Hintergrund jahrelang assistiert von Emil Huber, einem Telefonbeamten aus Winterthur, der mit seiner Heimatgemeinde Kirchberg eng verbunden war. Die Annalen sodann entstanden 1974 auf meine Initiative hin. Ab 1979 war Bernhard Anderes

20. Ausgabe des «TJB»

15


die treibende Kraft. Mit Leib und Seele setzte sich der leidenschaftliche Kunstinventarisator für «sein» Jahrbuch ein. Er scheute weder Arbeit noch Kontroversen, wenn es um das Kulturgut im Toggenburg ging. Mit seinem frühen Tod im Jahr 1998 gingen auch die Annalen ein. Lange Zeit gab es zwei Publikationsreihen nebeneinander, die eine in Bazenheid, die andere im Raum Lichtensteig – Wattwil – Ebnat-Kappel. Obwohl beide das gleiche Ziel verfolgten, tauschte man sich erstaunlich wenig aus. Nur vereinzelte Autoren veröffentlichten häufig an beiden Orten, namentlich der aus Ebnat-Kappel stammende Paul Bösch, Gymnasiallehrer in Zürich und Experte für Wappenscheiben. Meistens blieb man unter sich. Den einen haftete ein katholischer, den anderen ein protestantischer Stallgeruch an. Man existierte, wie es im paritätischen Toggenburg üblich war, mehr neben- als miteinander. Zwar bemühte sich Kalberer, seinem Jahrbuch einen überkonfessionellen Anstrich zu geben. Im Jahreskalender waren die Namen der Wochen- und Feiertage nicht nur nach dem katholischen Kanon, sondern in einer zweiten Kolonne auch nach protestantischem Brauch aufgeführt. Aber bis in die 1970er Jahre, als Hans Büchler in den entscheidenden Gremien nachrückte, änderte sich nicht viel. Dank

Kulturelle Jahrbücher stehen heute, ich erwähnte es zu Beginn, im Gegenwind. Zu Unrecht, meine ich. Sie zeugen nicht von einem bornierten Geist, sie stehen dem Weltläufigen nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Nähe und Ferne bedingen einander, sie ergänzen sich. Jede Weltkenntnis setzt sich letztlich aus lokalen Teilen zusammen. Weltkenntnis ohne Verankerung im Lokalen ist wie eine Sicht aus der Vogelschau. Man sieht weit, hat aber kein Gespür für Höhenunterschiede. Einer puren Lokaloptik dagegen geht der Sinn für Zusammenhänge ab. Offensichtlich bedarf man, um eine gültige Sicht zu erlangen, der synthetischen Zusammensetzung aus beiden Perspektiven. An dieser Stelle erlaube ich mir eine persönliche Reminiszenz. Ich erzähle, wie mein Interesse für die Lokalgeschichte begann. Auf den Tag genau erinnere ich mich, wie ich mit 22 Jahren in der Bütschwiler Zeitung (eigentlich «Neue Toggenburger Zeitung») eine kleine Notiz las, die auf eine neue Schrift der «Toggenburgerblätter für Heimatkunde» hinwies. Es handelte sich um «Das Schrifttum der Landschaft Toggenburg» von Armin Müller. Ich war damals Student der Geschichte im zwei-

16

20. Ausgabe des «TJB»


ten Semester. Aber ich studierte nicht Schweizergeschichte. Etwas vermessen fand ich, das sei mir zu eng. Ich wollte die Weltgeschichte verstehen. Dennoch, dachte ich, könnte ich mal nachschauen, was für Schriften es über das Toggenburg gebe. So bestellte ich die Publikation. Als ich dann das Heft in Händen hielt, staunte ich über die vielen Einträge unter dem Stichwort Bütschwil. Das weckte mein Interesse. Ich las einiges und wollte noch mehr wissen. Daher beschloss ich, nach St. Gallen zu reisen und mich im Stiftsarchiv umzusehen. Da staunte ich ein weiteres Mal. Auch wenn die Quellen dreihundert Jahre alt waren, wirkte alles frisch. Was sich abspielte, lag zeitlich fern, aber räumlich nahe. Man kannte die Orte, sah die Dörfer, die Häuser, die Strassen vor sich, konnte alles situieren. Mir schien plötzlich, im Lokalen könne man die Geschichte mit Händen greifen, und ich begann mich für die Regionalgeschichte zu begeistern. Da beschloss ich, die «Toggenburger Annalen» zu gründen. Mein Interesse an der Weltgeschichte hat wegen meiner Hinwendung zur Lokalgeschichte nicht gelitten. Die Dissertation schrieb ich zu einem Thema von grosser Spannweite, nämlich dem Niedergang von Staatswesen in der Antike. Und mein Beruf als Diplomat führte mich in die Welt hinaus. Ob in New York, Washington, Berlin oder Jordanien auf Posten, ich war stets

20. Ausgabe des «TJB»

17


froh, mich früher etwas intensiver mit dem Toggenburg beschäftigt zu haben. Das Lokale und das Globale schliessen sich nicht aus, sie ergänzen und bereichern sich. Wer sich nur für die grossen Zusammenhänge interessiert, dem geht der Sinn für das Konkrete ab; wer indes nur das Lokale gelten lässt, dem fehlt der Horizont. Weltkenntnis ohne Lokalkenntnis ist schal, Lokalkenntnis ohne Weltkenntnis ist schmal. Ich habe viel Grund, jenen, die die Geschichte und Kultur des Toggenburgs pflegten, dankbar zu sein. Sie gaben mir prägende Anstösse. Ich bin überzeugt, das «Toggenburger Jahrbuch» bewirkt auch heute vieles, selbst wenn man dies nur selten mit konkreten Ergebnissen belegen kann. Und vor allem bereitet es auch viel Freude. Deshalb möchte ich den motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum 20. Jubiläum von Herzen gratulieren und hoffe, dass sie noch viele Jahre das Toggenburg mit ihren Beiträgen bereichern.

18

20. Ausgabe des «TJB»


Der Ricken – Vom Strassenbau zum Glaubenskrieg Der Zweite Villmergerkrieg von 1712 war mit mehr als 4000 ­Gefallenen der verlustreichste Glaubenskrieg in der Schweiz. Ausgangspunkt des Konfliktes war ein Projekt des Fürstabtes von St. Gallen für den Bau einer Strasse über den Ricken. Die Toggenburger weigerten sich, diese in Fronarbeit zu erstellen. Franz Germann

Nahrungsmittelsperre als Kriegswaffe

Der letzte Graf von Toggenburg, Friedrich VII., hatte sowohl mit Zürich ein Burgrecht als auch mit Glarus ein Landrecht abgeschlossen. Als er 1436 kinderlos starb, erhoben beide Stände Anspruch auf sein Erbe. Ihr Streit um das Toggenburg führte zum ersten eidgenössischen Bruderkrieg, dem sogenannten Alten Zürichkrieg. Auf die Seite der Glarner stellten sich auch die Schwyzer, die mit dem Grafen von Toggenburg ebenfalls in einem Landrecht standen. Von mehreren verlustreichen Schlachten sind vor allem diejenige von St. Jakob an der Sihl 1443 mit der Niederlage der Zürcher und diejenige von St. Jakob an der Birs 1444 mit einer Niederlage der Eidgenossen bekannt. Erst 1450 kam es wegen Erschöpfung beider Parteien zu einem Friedensschluss. In Erinnerung geblieben ist jedoch vor allem die von den Zürchern gegen Schwyz 1438 errichtete Kornsperre. In der Innerschweiz war gegen Ende des Mittelalters der Getreideanbau auf dem kargen Bergboden mehr und mehr durch die einträglichere Vieh- und Milchwirtschaft ersetzt worden. Für das wichtigste Nahrungsmittel Brot war man auf die Einfuhr von Korn angewiesen. Eine bedeutende Transportroute war das Limmattal und der Zürichsee. Dieser Weg konnte von Zürich aber im Streitfall ohne weiteres gesperrt werden. Die mögliche Getreidesperre erwies sich bei Konflikten als Schwachstelle der Innerschweizer.

Ortseinfahrt Ricken. Foto: K. Wendelspiess.

Die Kappeler Milchsuppe

In den gleichen Zusammenhang gehört der Erste Kappelerkrieg von 1529, der statt mit einer Schlacht mit einem Verhandlungsfrieden endete. Die Geschichte von der «Kappeler Milchsuppe»

Bau der Rickenstrasse

19


Die Kappeler Milchsuppe von 1529. Gemälde von Albert Anker, 1869. Privatbesitz.

20

Bau der Rickenstrasse

illustriert die Lebensmittelsituation eindrücklich: Die Innerschweizer Katholiken sollen dazu die Milch, die Zürcher Reformierten das Brot beigetragen haben. Das Bild von Albert Anker zur Geschichte der «Kappeler Milchsuppe» illustriert die Situation nach dem Verhandlungsfrieden eindrücklich: Statt einander die Köpfe einzuschlagen, haben sich die vorher verfeindeten Gegner auf der Grenze zwischen Zürich und Zug zur Verpflegung getroffen. Grenzstein und Grenzgraben sind deutlich zu sehen. Die Waffen, Hellebarde und Morgenstern, wurden niedergelegt. Die Innerschweizer sind vorwiegend rot gekleidet, bei den Zürchern dominiert das Zürichblau. Die Proviantlage ist klar gezeigt: Ein Zürcher bietet einem Innerschweizer, der in seiner Rechten lediglich einen Löffel voll Milch hält, ein Stück Brot an und reicht ihm dieses vor dem Grenzstein hinüber. Die Gegnerschaft ist jedoch nicht ganz verschwunden: Ein Zürcher zeigt empört auf einen Innerschweizer, der sich mit seinem Löffel ein Stück Brot aus der Zürcher Seite fischt. «Friss auf deinem Erdreich!», soll er diesem zugerufen haben. Auch haben zwei Zürcher ihre Löffel erhoben, um dem Übergriffigen auf die Finger zu schlagen. Am rechten Bildrand ruft ein Krieger die Kunde vom Frieden ins Lager der Innerschweizer. Im Hintergrund ist der Zugersee zu sehen. Hin-


ter der Hecke links erklärt ein Passant seinem geharnischten Begleiter: «So lösen die Schweizer ihre Konflikte!» Die von Anker gemalte Idylle ist trügerisch. Der 1529 geschlossene Erste Landfriede hatte nur kurz Bestand. Schon zwei Jahre später kam es zum Zweiten Kappelerkrieg. Bei Kappel fielen am 11. Oktober 1531 etwa 500 Zürcher. Noch grösser waren die Verluste der Zürcher und Berner mit etwa 600 Gefallenen knapp zwei Wochen später im Gefecht am Gubel. Der darauf geschlossene Zweite Landfriede begünstigte die siegreiche katholische Seite deutlich. Insbesondere wurde auch die Fürst­abtei St. Gallen wiederhergestellt. Zunehmende Spannung

Seit der Niederlage der Zürcher im Zweiten Kappelerkrieg 1531 verfügten die katholischen Orte in der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft über die politische Vormacht. In der Tagsatzung kamen sie mit Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Solothurn auf eine Mehrheit von sieben Ständen gegenüber den vier reformierten Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen. Zwei Orte waren konfessionell gespalten: Appenzell in die reformierten äusseren und die katholischen inneren Rhoden, Glarus in zwei konfessionell getrennte Landsgemeinden und Regierungen. In heikeln Fragen enthielten sich die Tagsatzungsabgeordneten dieser beiden Stände der Stimme. Das politische Übergewicht der Katholiken war im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts demographisch je länger, je weniger begründet. Um 1700 zählten Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen zusammen schon 700 000 Einwohner, die sieben katholischen Orte nur 300 000. Ebenso deutlich war die wirtschaftliche Überlegenheit der reformierten Gebiete. Der politische Vorrang der Katholiken gegenüber dem zahlenmässigen und ökonomischen Übergewicht der Reformierten wurde 1656 im Ersten Villmergerkrieg und im nachfolgenden Dritten Landfrieden zwar nochmals behauptet, führte aber zu zunehmender Spannung. Eine weitere kriegerische Auseinandersetzung war nur eine Frage der Zeit, und die Gefahr einer Kornsperre gegen die katholischen Innerschweizer bestand bei einem erneuten Konflikt nach wie vor. Eine durchgehende Strassenverbindung auf katholischem Herrschaftsgebiet

Angesichts der steigenden Spannung zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde deshalb ein strategisches Ziel der katholischen Orte immer dringlicher: eine Strassenverbindung, auf der Ge-

Bau der Rickenstrasse

21


Scheuchzerkarte (Ausschnitt) von 1712 mit dem rot eingezeichneten Strassenverlauf vom Bodensee in die March. Der fehlende Abschnitt über den Ricken ist punktiert eingezeichnet. StASG, KPH 7/09.

22

Bau der Rickenstrasse

treide aus den Kornkammern Süddeutschlands auf ausschliess­ lich katholischem Territorium ohne Sperrmöglichkeit durch die reformierten Orte Zürich und Bern bis in die Innerschweiz transportiert werden konnte. Zur Realisierung bot sich die Zusammenarbeit der Innerschweizer Stände mit dem Fürstabt von St. Gallen an. Das fürst­ äbtische Gebiet erstreckte sich vom Rorschacher Hafen durch die «Alte Landschaft» und das toggenburgische Thurtal bis nach Wattwil. Aus der Innerschweiz reichten die katholischen Territorien mit Strassen über den Sattel in die schwyzerischen Höfe am Zürichsee und durch March und Gaster bis nach Uznach. Für eine Verkehrsverbindung von der Schifflände von Brunnen bis zum Bodensee fehlte lediglich ein Stück Fahrstrasse über den Ricken von Wattwil nach Uznach. Schon 1653, drei Jahre vor dem Ersten Villmergerkrieg, als sich der St. Galler Abt Pius Reher zum Fest der Engelweihe in Einsiedeln befand, verhandelten die Schwyzer mit ihm «wegen des weegs und kharrenstrass durch den Hummelwald, khorn und salz in ihr Land zu bringen».1 Weil sowohl das Toggenburg als auch das Gasterland gut besiedelt waren und vor allem weil die Grafen von Toggenburg und die Abtei St. Gallen im Linthgebiet seit längerem über aus-


gedehnten Grundbesitz verfügten, bestand zwischen Wattwil und dem Obersee schon ein beträchtlicher Verkehr. Dieser nahm drei mögliche Routen: erstens über Schönenberg, Bildhaus und Ernetschwil nach Schmerikon, zweitens über Steintal, die obere und hintere Laad nach Rüeterswil und Schmerikon sowie drittens durch das Hagtobel, über Sedel und durch den Hummelwald auf den Ricken, von da hinunter nach Uznach und in die March. Auf allen diesen Verbindungen gab es jedoch lediglich Fusswege und Saumpfade, die insbesondere auch als Pilgerwege nach Einsiedeln rege benutzt wurden. Der Sieg der Katholiken im Ersten Villmergerkrieg liess den Plan für den Bau einer mit Fuhrwerken befahrbaren Strasse zurücktreten. Angesichts der zunehmenden konfessionellen Spannungen wurde er aber gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder aktuell. Schwyz stellte 1696 an den neuen Abt Leodegar Bürgisser das Gesuch, eine Strasse von Wattwil auf den Ricken bauen zu lassen. Schwyz würde seinerseits durch die Leute von Uznach das Stück von Schmerikon über Gommiswald bis an die toggenburgische Grenze auf der Rickenpasshöhe erstellen lassen. Der Abt war einverstanden, wollte von Schwyz aber auch die Zusicherung erhalten, dass man die Anwohner zum Bau der Strasse durch Fronarbeit zwingen könne und dass Schwyz ihn dabei unterstützen würde. Die Strasse hatte nämlich für ihn auch in der Gegenrichtung eine gewichtige Bedeutung: In der konfessionell gespaltenen Eidgenossenschaft, zu der die Fürstabtei St. Gallen als zugewandter Ort gehörte, war das Toggenburg das grösste und bedeutendste konfessionelle Spannungsgebiet. Sollte es erneut zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommen, so die Überlegungen des St. Galler Abtes, könnten über den Ricken rasch Truppen aus der Innerschweiz zur Unterstützung der Katholiken ins Toggenburg verlegt werden. Nachdem die Uznacher auf Befehl von Schwyz mit dem Bau der Strasse angefangen hatten, entschloss sich Fürstabt Leodegar Bürgisser für den Strassenbau auf der toggenburgischen Seite. Mit der Planung beauftragte er den Landweibel Joseph Germann. Der von diesem gezeichnete «Federriss» für die Strasse von Wattwil durch den Hummelwald auf den Ricken ist heute noch im Stiftsarchiv St. Gallen zu sehen und zeigt ebenso die beiden oben angeführten Routen über Schönenberg beziehungsweise die Laad.2 Landweibel Germann berechnete die Länge auf 6000 Schritte und die Kosten ohne die Brücken auf

Bau der Rickenstrasse

23


Der von Joseph Germann gezeichnete Plan für die Rickenstrasse. StiASG, Bd. 1578, fol. 210.

24

Bau der Rickenstrasse

2597 Gulden, 3 Schilling und 9 Pfennig. Er schlug zur Finanzierung vor, eine Anleihe bei den katholischen Orten aufzunehmen, die durch ein Weggeld amortisiert werden könnte. Der Abt entschied jedoch anders und befahl den Wattwilern, die Strasse in Fronarbeit zu erstellen. Die Pläne für den Bau der Rickenstrasse hatten inzwischen bereits weitere Kreise gezogen. Den reformierten Orten war die Bedeutung dieser Verbindung für die katholischen Stände längst klar geworden. Zürich befürchtete, die Strassenverbindung von Schwyz ins sankt-gallische Gebiet würde im Konfliktfall diejenige von Zürich nach Glarus abschneiden, und schickte den Amtmann Werdmüller unter dem Vorwand eines Pferdekaufs zur Auskundschaftung der vorgesehenen Strasse ins Toggenburg.3


Landweibel Joseph Germann (1658–1724)

Landweibel Germann war nach dem Landvogt und dem Landschreiber nicht nur der höchste sankt-gallische Beamte im Toggenburg, er war auch ein engagierter toggenburgischer Patriot. Schon als er in der Kanzlei des Landschreibers in Lichtensteig tätig war, las er die alten Urkunden und Freiheitsbriefe der Toggenburger aus der Zeit vor dem Kauf der Grafschaft durch das Kloster St. Gallen. Von zahlreichen Dokumenten aus den Jahren von 1367 bis 1697 erstellte er Abschriften. So entstand ein Buch mit 849 von Hand geschriebenen Seiten. Es ist das in hellem Schweinsleder gebundene sogenannte «Weisse Buch», das als Band 1430 im Stiftsarchiv St. Gallen aufbewahrt wird. Der Landweibel war sich der Sprengkraft seines Buches durchaus bewusst und schreibt schon in der Einleitung, es sei behutsam damit umzugehen und zu entscheiden, was davon «zu offen-

Bau der Rickenstrasse

25


Das «Weisse Buch»: Der geforderten Todesstrafe ist der Verfasser entgangen, die Urkundensammlung hat ihm jedoch sieben Jahre Kerkerhaft eingetragen. StiASG, Bd. 1430.

26

Bau der Rickenstrasse

bahren und zu verschweigen sei». Er wolle damit weder den Abt noch das hochfürstliche Gotteshaus St. Gallen angreifen oder tadeln. Insbesondere konnte er aber nachweisen, dass die Landleute nicht zur Fronarbeit verpflichtet waren, und diese weigerten sich, die Strasse über den Ricken zu bauen.4 Dies führte zu einem Loyalitätskonflikt mit dem äbtischen Landesherrn, und dieser entschloss sich, energisch gegen den Landweibel vorzugehen. Da man nicht wagte, ihn im Toggenburg inmitten seiner Landsleute festzunehmen, wurde er im Sommer 1701 unter einem Vorwand nach St. Gallen beordert, in der Klosterkirche verhaftet und in Rorschach eingekerkert.5 Jeder Verkehr mit seiner Familie, Verwandten und Freunden wurde ihm verboten. Sein Sohn war bei der Verhaftung des Vaters zwölfjährig, seine jüngere Tochter sechzehn, seine Frau Esther war 1698, zweieinhalb Jahre vorher, gestorben. Die Anklage lautete auf Diebstahl von Kanzleischriften und Hochverrat. Der Landweibel beteuerte seine Unschuld. Der oberste sankt-gallische Minister, Fidel von Thurn, entwarf ein Urteil, wonach der Landweibel als Majestätsverbrecher von allen Ämtern abzusetzen, zu einer Geldstrafe zu verpflichten und innerhalb der Grenzen des Gerichtes Rorschach zu verbannen sei.6 Die meisten Räte des Abtes sahen in ihm jedoch einen Staatsverbrecher und forderten die Todesstrafe. Der Abt ersuchte darauf die juristische Fakultät der Universität Innsbruck um ein Gutachten über die Vergehen des Landweibels. Da ihr aber nur der Sachverhalt ohne Namensnennung des Angeklagten vorgelegt wurde, lehnte sie es ab, ein Gutachten abzugeben. Ein Urteil ist über Joseph Germann nie gesprochen worden. Die Empörung unter den Toggenburgern war gross. Am 29. Dezember 1701 forderte eine Schar von über 300 Männern in einem Auflauf vor der Landvogtei in Lichtensteig die Freilassung des Landweibels.7 Als im Mai 1705 die Amtszeit des Schultheissen von Lichtensteig abgelaufen war und die Bürger ihr Recht ausübten, dem Fürsten einen Vorschlag für die Neubesetzung zu machen, schlugen sie dem Abt in bewusster Provoka­ tion den im Gefängnis sitzenden Landweibel vor. Gegenüber dem «affrontierten» Fürsten argumentierten sie, sie seien verpflichtet, «ehrliche Männer» vorzuschlagen, und ein solcher sei Germann.8 An der Toggenburger Landsgemeinde vom 19. April 1706 wurde der Landrat ausdrücklich bevollmächtigt, alles ihm Mögliche zur Befreiung des Landweibels zu unternehmen.9


Porträt von Landweibel Joseph Germann. Gemälde von 1694. Familienbesitz.

Die toggenburgische Unabhängigkeitserklärung

Die Weigerung der Wattwiler, die Rickenstrasse im Frondienst zu bauen, stellte zwar die Autorität des St. Galler Abtes als Landesherrn infrage. Sie war jedoch ein lokal begrenzter Affront. Bedeutend gefährlicher für die Herrschaft des Abtes war, dass den Toggenburgern aus den im «Weissen Buch» gesammelten Urkunden erneut und verstärkt zum Bewusstsein kam, dass sie schon seit 1436 mit Schwyz und seit 1440 mit Glarus in einem Landrecht standen, das heisst deutlich vor dem Kauf der Grafschaft durch das Kloster St. Gallen im Jahr 1468. Sie verstanden sich sozusagen als gleichberechtigte Partner der eidgenössischen Stände und brachten den Streit vor die eidgenössische Tagsatzung. Hier stellten sich Zürich und Bern auf die Seite ihrer Glaubensbrüder im mehrheitlich reformierten Toggenburg. Der Strassenstreit wurde zum konfessionellen Konflikt. Die Toggenburger forderten Autonomie von St. Gallen. Auf der Landsgemeinde vom 23. März 1707 wiesen sie alle fürstli-

Bau der Rickenstrasse

27

Profile for Verlagshaus Schwellbrunn

Toggenburger Jahrbuch 2020  

Toggenburger Jahrbuch 2020