Sonntagsgeschirr, hin und wieder

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Anita Obendrauf

Sonntagsgeschirr, hin und wieder Roman

orte Verlag


Die Herausgabe dieses Buches wurde unterstützt durch: Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden Gemeinde Schwellbrunn

© 2021 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Brigitte Knöpfel Umschlagfoto: Carmen Wueest Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-285-4 www.orteverlag.ch


Für Elena

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Die Wälder Die Wälder meiner Kindheit haben sie abgeholzt, dachte Angelina. Ihr Blick schweifte über den Horizont. Auf der Veranda des alten Schuppens sitzend, liess sie die Beine in der Luft baumeln, wie sie es als Kinder immer getan hatten. Das Holz der Scheune war von Wind und Wetter gebleicht und schimmerte im Sonnenlicht leicht gräulich. Von hier hatte sie einen Ausblick weit übers Fürstenland. Es war heiss und schwül und Angelina dankbar für den Schatten, den das Dach spendete. «Es wird wieder einen dieser Hitzesommer geben, in welchem das Gras vertrocknet und der Mais nicht wachsen will», hatte der Bauer prophezeit, mit dem sie auf einem Spaziergang ins Gespräch gekommen war. Dabei war es erst Frühling gewesen, und ein Regentag hatte sich an den anderen gereiht. Dieses Gespräch schien ihr Ewigkeiten her, als hätte es in einem anderen Leben stattgefunden. Am Vortag hatte Angelina ihre Sachen gepackt, um an d­ iesem Morgen den ersten Zug von Genève nach St. Gallen zu nehmen. Maurice hatte plötzlich in der Tür gestanden, war früher von der Arbeit gekommen. Als ob er etwas geahnt hätte. «Tu vas où?», hatte er gefragt und geschwiegen. Hätte er sie in den Arm genommen und geküsst, gehalten und gesagt «Bleib!», sie hätte nicht die Kraft gefunden zu gehen. Aber er hatte einfach schweigend dagestanden, im Türrahmen gelehnt und geschaut. Das Schweigen hatte sie gemocht, früher. Es hatte etwas Geheimnisvolles gehabt. Angelina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als ob diese ihr die Sicht versperren würde. Intuitiv hatte es sie an diesen Ort gezogen. Ohne Ziel war sie gewesen. Und geradlinig etwas gefolgt, von dem sie nicht sagen konnte, ob es eine Flucht oder eine unwillkürliche Sehnsucht war. Unter ihr lag das Dorf ihrer Kindheit. 7


Hart tönte das Surren der Starkstromleitungen. Ihre Augen folgten den schwarzen Linien, die den Himmel zerschnitten und von einem übergrossen Stahlpfeiler zum nächsten führten. Waren sie schon früher dagewesen? Im Dorf unten waren zwischen den Strommasten Wohnblöcke gebaut worden, die wie übergrosse Bauklötze wirkten. Ein Riese mit Ordnungssinn schien sie parallel und rechtwinklig zueinander hingelegt zu haben. Angelina suchte nach Vertrautem. Sie erkannte das graue Gebäude der Schule, nicht mehr so markant wie früher, eher zu klein geraten neben den wuchtigen Neubauten. Auf der Strasse unter ihr rauschten Autos vorüber. Es war ein an- und abschwellender Singsang von Näherkommen und Sich-Entfernen. In der Ferne flimmerte die Autobahn in der Hitze, darauf die Autos als eine endlose Kette sich bewegender Punkte. Angelina schien es wie ein immerwährender Kreislauf, der nie innehielt und in dem die Menschen nie irgendwo ankamen. Als Kinder hatten sie geglaubt, ihnen würde die ganze Welt gehören. Von der Bildkapelle waren sie quer übers Feld gerannt, über sumpfige und moosige Wiesen. Ein Sprung über den Bach und schon waren sie beim Wald gewesen. Und es hatte einen Fussballplatz mit ruppigem Rasen gegeben. Zu jener Zeit hatte er schon Gründenmoos geheissen. Dann wurde die Autobahn gebaut und das Land in zwei Teile zerschnitten. Die Allee beim Bildweier hatten sie damals bereits abgeholzt. Nun ragte dort auf hohen Stelzen ein Betonklotz heraus, das Fussballstadion. Dies war der Ort, an dem sie gross geworden war. Den sie verlassen hatte, sobald die Schule abgeschlossen war. Und wohin es sie nun unweigerlich gezogen hatte. Angelina kniff die Augen zusammen. Die Hitze tauchte die Landschaft in verschwommene Farben: gräulich die Bauten, gelblich das vertrocknete Gras, grünlich dunkel die Wälder, dahinter ein weiss8


licher Horizont. Welche Farben würde sie für dieses Bild mischen? Ihr Blick kehrte zurück zum Dorf, zur Kirche mit ihrem weissen Turm und dem geschwungenen Dach. Ein moderner Bau war es damals gewesen. Weiter links die Schule, die Wohnblöcke, dahinter der Wald. Die Wälder waren keine Wälder mehr, nicht so wie früher. Schlanke Fichten standen um eine durch Holzschlag freigeräumte Fläche. Zwischen den Baumstrünken wuchsen dürre Bäumchen, die mit Drahtgitter, das von stämmigen Holzpfosten gehalten wurde, geschützt werden mussten. Am Waldrand beim Geräteschuppen hatten sie sich als Pfadfinderinnen getroffen. Dort waren die Brennnesseln hüfthoch gewachsen. Tiefer im Wald hatten sie den breiten Weg verlassen, um eine nach der anderen dem Pfad durchs Dickicht zu folgen. Hinter der Kuppe, geschützt von mächtigen Fichten und alten Buchen, war ihr Lagerplatz gewesen. In der Mitte hatte die Feuerstelle gelegen, eine von Ästen und Tannennadeln befreite Vertiefung, umrandet von grossen Steinen, die sie vom nahen Bach herangeschleppt hatten. Das Holz hatten sie zu einem meterhohen Stapel geschichtet, bevor sie das trockene Reisig unten in der Mitte anzündeten. Das gab grosse Funken und später eine lang anhaltende Glut. Sie brieten Würste und Kartoffeln und wickelten Teig um dicke Äste, um Schlangenbrot zu backen. Sie warfen ihre Jacken, Kapute, günstig erstanden im Zeughaus, auf den Boden und machten es sich gemütlich. Als die Nacht hereinbrach und die Baumstämme im schwindenden Licht grösser und kräftiger wurden, rückten sie näher zusammen. Manchmal legte eine von ihnen Holz nach und es gab ein erneutes Aufflammen, eine starke, kurze Hitze, bevor das Scheit in glühende Stücke zerfiel. Welche Farbe hatte die Magie? Nachtblau, Saphirblau, Rubinrot?

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Angelina holte eine Wasserflasche hervor und trank gierig. Dann öffnete sie die Riemen ihrer Sandalen und liess sie zu Boden fallen. Sie stemmte ihre Arme aufs Holz und glitt von der Veranda. Das Gras fühlte sich kühl an. Sie hängte die Tasche um, nahm die Sandalen in die Hand und ging los. Die spitzen Kiesel stachen an den Fusssohlen. Auf dem ehemaligen Bahn­ trassee fiel der Weg leicht ab. Sie stellte sich vor, wie die Dampflok stampfend, ächzend und fauchend in einem weiten Bogen vom Bahnhof Winkeln aus an Höhe gewann, auf einer leichten Krümmung den Wald durchfuhr, bevor sie den Tunnel passierte und auf gerader Linie Herisau erreichte. Bereits in ihrer Kindheit waren die Schienen verschwunden gewesen. Im Tunnel war es düster und feucht. In der Mitte blieb Angelina stehen, sah die grob behauenen, grauschwarzen Steine, blickte zum Rundbogen über ihr und fragte sich, wieso die Steine hielten, so unverrückbar und fest über all die Jahre. Sie fröstelte. «Warum?», fragte sie zuerst zaghaft. Dann lauter und lauter: «Warum?» Es hallte, dunkel und dumpf. Obwohl ihre Fusssohlen schmerzten, ging Angelina barfuss weiter. Es tat gut, Schmerzen zu spüren. Irgendetwas Handfestes, von dem sie wusste, es würde vorübergehen. Die Wasseroberfläche des Gübsensees glänzte grünlich in der Sonne. Grauoliv. Stockenten schwammen nahe am Ufer, und etwas entfernt erblickte sie Reiherenten. Als Kind hatte sie deren elegantes Schwarz-Weiss und die kecke Locke am Hinterkopf gemocht. Weiter vorne breitete ein Baum seine weiten Äste über dem Weg aus und spendete Schatten. Es gab sie also noch, die Mammuttanne. Meinhard und sie waren von Ast zu Ast den Stamm hinaufgeklettert. Wenn Spaziergänger unten durchgegangen waren, hatten sie mit verstellter Stimme gerufen: «Ich bin der Kobold!», oder «Sie sind zu spät!» Manchmal hatte Angelina einfach «Blauorange» gerufen. Dies war immer noch ihre Lieblingsfarbe. Obwohl der Zeichenlehrer der Meinung gewesen war, dass es die Farbe Blauorange nicht gebe. Nie war 10


es Angelina gelungen, die Farbe in ihrem Malkasten so zu mischen, wie sie diese vor ihrem inneren Auge sah. Blauorange war ein kräftiges Orange mit einem tiefen Blau, so wie das letzte Licht beim Sonnenuntergang, bevor es dunkel wurde. Angelina setzte sich auf einen Baumstrunk am schattigen Ufer und kühlte ihre Füsse im Wasser. Der Schmerz an den Fusssohlen liess nach. Auf der gegenüberliegenden Seite lag der Badeplatz, eine Wiese mit Bäumen. Manchmal war sie quer über den See geschwommen bis hierhin. Sie hatte nicht gut schwimmen können. Meinhard war der bessere Schwimmer gewesen. Meinhard war in allem besser gewesen. Er war eben älter. Sie war die kleine Schwester, die alles können wollte, was er tat. Wie wäre es, ihm hier zu begegnen? Wenn er in diesem Augenblick daherkäme? Oder Vater? Ob er wohl noch so weit gehen konnte? Angelina hatte keine Ahnung. Jahre hatte sie ihn nicht besucht. Hatte sie Sehnsucht nach Vater, nach Meinhard? Wären sie ihr nach all der Zeit auch wieder so vertraut wie dieser Ort? Es war ein verzweifelter Entschluss gewesen am Nachmittag zuvor. Lange hatte sie geweint, war unfähig gewesen, den Text für das Bergmagazin zu übersetzen. Sie hätte den Auftrag bis am übernächsten Tag erledigen sollen. Sie hatte gewusst, es würde Schwierigkeiten geben, wenn sie nicht fristgemäss lieferte. Schliesslich hatte sie sich durchgerungen und Jeanne, die Chefin der Agentur, angerufen. Obwohl sie Jeanne seit Jahren kannte und sie mehr als nur ihre Auftraggeberin war, hatte sie sich kurzgefasst und erklärt, dass sie diesen Auftrag nicht zu Ende bringen könne. Es tue ihr leid. Sie hatte Jeanne versprochen, den Teil zu schicken, den sie bereits übersetzt hatte. Dann hatte sie sich verabschiedet. Sie hatte keinen Grund genannt und Jeanne keine Zeit für Fragen gelassen. Angelina hatte gewusst, so kurzfristig jemand anderen zu finden, würde für Jeanne Stress bedeuten. Über viele Jahre hatte sich Angelina ihre Stellung erarbeitet. Doch nun erschien es ihr bedeutungslos. 11


Nach dem Gespräch mit Jeanne wurde das Weinen noch heftiger und unkontrollierter, und als später das Schluchzen in ein lautloses Wehklagen überging, wusste sie, sie musste etwas tun. Nach dem zweiten Klingeln hatte Leni das Telefon abgenommen. Angelina war sofort zur Sache gekommen und hatte gefragt, ob sie ein paar Tage bei ihr übernachten dürfe. Trotz des sonnigen Wetters war Angelina die Einzige, die an der Haltestelle Gübsensee einstieg. Im Zug war es heiss und stickig. Sie blieb bei der Tür stehen und blickte hinunter, als der Zug über die hohe Brücke fuhr. Die Urnäsch mündete an dieser Stelle in die Sitter und führte kaum Wasser. Am Hauptbahnhof holte Angelina ihre Reisetasche aus dem Schliessfach und ging hinüber zum Bus. Ihre Kleider waren verschwitzt und ihre nackten Füsse in den Sandalen staubig. Mit den Fingern kämmte sie sich die langen braunen Haare, fasste sie mit der einen Hand im Nacken zusammen, während sie mit der anderen das Gummiband überstreifte. Mit nach hinten gebundenen Haaren wirkte ihr Gesicht schmal und ernsthaft. Wie Leni wohl aussah? Ob sie ihr langes, schwarz gewelltes Haar noch hatte? Angelina war eifersüchtig gewesen auf diese Locken, die Leni, wie sie fand, ein hübsches Gesicht gegeben hatten. Beim Müleggweier verliess Angelina den Bus. Ein Schwanenpaar schwamm auf dem Wasser und tauchte abwechslungsweise die langen Hälse ein. Angelina blieb kurz stehen. Der Weiher hatte eine ganz andere Farbe als der Gübsensee. Blaugrün, Schwarzgrün oder Moosfarben? Völlig ausser Atem kam Angelina vor Lenis Wohnung im dritten Stock an. Die Tasche wog schwer. Sie hatte zwei Flaschen Wein in Kleider eingewickelt, einen Roten und einen Weissen aus dem Lavaux, etwas anderes war ihr spontan nicht eingefallen. Angelina zögerte. Mochte Leni Wein? Trank sie überhaupt Alkohol? War es der richtige Entscheid gewesen, hierherzukommen? 12


Angelina atmete tief ein, zählte bis drei und klingelte. «Angelina! Schön dich zu sehen.» Lenis Arme umschlossen ihre Schultern, ihren Rücken, drückten sie gegen ihre warme Brust. «Leni, du hast dich überhaupt nicht verändert.» «Ist das ein Kompliment?» «Ja sicher.»

Der Friedhof Zuerst die Toten, dann die Lebenden, dachte Angelina. Am Abend zuvor hatte sie mit Vater telefoniert und ihren Besuch angekündigt. Aber zuerst wollte sie zum Friedhof. Sie wollte Mutter erzählen, was geschehen war. Mutter würde zuhören. Vielleicht war es einfacher, Verstorbenen Dinge zu erzählen. Das eiserne Friedhofstor quietschte und fiel mit einem metallischen Klacken wieder ins Schloss. Ein breiter Weg, eine Allee aus mächtigen Thujen empfing sie. Der Kies knirschte unter ihren Füssen. Obwohl der Strassenlärm bis hierher drang, war es Angelina, als würde sie bei jedem Schritt die Ruhe stören. Sie kam an schmale Gräber, auf denen neben Blumen kleine Spielsachen lagen. Es waren die Gräber von Kindern, Bébés, die nicht einmal ein Jahr alt geworden waren. Angelina spürte eine verzweifelte Schwere. Schnell ging sie weiter. Kein Unkraut fand sich auf den Kieswegen. Die Gräber waren in Reih und Glied angeordnet, die Grabsteine individuell und doch konform, nicht zu wuchtig. Es gab auch einfache Holzkreuze mit Namen. Als Kind hatten Mutter und Vater sie nie mitgenommen zu Beerdigungen. Angelina erinnerte sich, wie sie im Stillen geweint hatte, als Grossvater gestorben war. Trauer hatte keinen Platz gehabt. Sie hatte Grossvater nie vergessen. Damals hatte sie noch an Gott geglaubt, gehofft, dass er ihre Einsamkeit 13


schmälern und so etwas wie Trost spenden würde. Sie hatte sich vorgestellt, dass Grossvater nun bei ihm wäre und zu ihr herunter lächelte, und sich gefragt: Warum gab er ihr nicht ein Zeichen? Ein Einziges hätte genügt. Doch Grossvater gab keinen Wink und Gott sass still auf seinen Wolken, schaute, was die Menschen so trieben und füllte seine Listen mit guten und bösen Taten. Wäre sie ruhiger, wenn sie immer noch an den lieben Gott glauben würde? Wenn sie vertrauen würde, dass er mit weiser Vorsehung alles zum Guten lenkte. Sie haderte. Er war nicht der, als den sie ihn anpriesen. Er lenkte nicht, zum Guten nicht und zum Bösen nicht. Wenn er wirklich existierte, dann waren ihm die Menschen egal. Er liess sie gewähren. Wann begann das Leben? Mit der Zeugung oder erst mit der Geburt? Und wann der Tod, der unwiderrufliche? Wo war Gott? Gab es einen Anfang und ein Ende? Angelina fand das Grab nicht auf Anhieb. Seit der Beerdigung vor sieben Jahren war sie nicht mehr da gewesen. Warum hatte sie sich nicht gekümmert all diese Jahre? Wie oft hatte sie sich vorgenommen, nach St. Gallen zu reisen, um es dann wieder fallen zu lassen? Immer hatte sie gedacht, sie hätte noch Zeit. Zwanzig Jahre liess man die Toten ruhen, dann wurden die Gräber aufgehoben. Nicht einmal ein halbes Menschenleben dauerte die Grabesruhe. Der Platz war eng für die Toten. Wenigstens hatte Mutter ein Grab. Nicht so, wie ihr Kind. Früher hatte das Grab am Rande gelegen, nun war es mittendrin. Stiefmütterchen, gelb und violett, in einer Vase ein Bund roter Rosen, etwas welk in der Hitze. Die mussten von Vater sein. Angelina ging zur halbhohen Steinsäule, einem Grabstein ähnlich, mit einem Wasserhahn. Sie nahm die metallene Giesskanne und drehte den Hahn auf. Es klang hohl und dumpf, als das Wasser aufs Blech aufschlug. Sie trug die Giesskanne zum Grab und goss. Immer wenn sie Gräber von Menschen besuch14


te, die sie gekannt hatte, goss sie. Auch im strömenden Regen goss sie. Sie fand es beruhigend, etwas für Menschen zu tun, die sie vermisste. Wahrscheinlich tue ich es nur für mich selbst, dachte sie. Um in Bewegung zu bleiben und die Gefühle in Schach zu halten. Sie holte noch einmal Wasser, goss abermals, sorgfältig darauf achtend, die Stiefmütterchen nur bei den Wurzeln zu giessen und Blüten und Blätter nicht nass zu machen, damit die Sonne sie nicht versengte. Es war halb zehn Uhr am Morgen und bereits heiss. Nun nahm Angelina die Blumenvase mit den Rosen und trug sie zum Wasserhahn. Sie legte die Rosen sorgsam in den Schatten, spülte die Vase aus, reinigte mit den Fingern den oberen Rand, spülte sie nochmals aus und füllte sie mit frischem Wasser. Bedächtig nahm sie eine Rose nach der anderen in die Hand, zupfte vereinzelt welke Blätter von den Stängeln und ordnete sie in der Vase neu an. Sie dachte an Mutters vierzigsten Geburtstag, als sie ihr damals einen Bund mit vierzig Rosen geschenkt hatten. Rote, gelbe und dazwischen ein paar weisse. Hatte sie Mutter vermisst in diesen sieben Jahren? Und davor? Natürlich hatte sie Mutter vermisst. Aber hatte sie ihre Mutter vermisst? Ja, aber nicht nur. Sie hatte auch Sehnsucht gehabt nach einer Mutter, die sie gar nie gehabt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie Mutter jeden Frühling die Blumenkistchen auf dem Balkon bepflanzt hatte. Sorgfältig hatte sie die Setzlinge aus den kleinen Töpfen gehoben, in den länglichen Kisten angeordnet, eine Handvoll Erde genommen und sie neben den Setzlingen in die Kiste gleiten lassen, um sie daraufhin sanft festzudrücken. Bald hatten die Blumen üppig und bunt gesprossen. Petunien in den Farben Rosa, Gelb, Violett und Weiss. Es war, als hatte Mutter damit farbenfrohes Leben verbreiten wollen. Eine fröhliche und unbeschwerte Mutter hatte sich Angelina gewünscht. Oft war sie jedoch still und gedankenverloren gewe15


sen. Und es gab diese Unerbittlichkeit und Strenge. Erst spät hatte Angelina die leise Traurigkeit und Wehmut bemerkt, die sich dahinter verborgen hatten. Angelina ordnete die Rosen nochmals neu an und trug die Vase, mit beiden Händen haltend, zurück zum Grab. In der Fremde war sie oft auf Friedhöfe gegangen. Sie hatten sie ruhig werden lassen und demütig. Die Gräber hatten Geschichten erzählt von langen Leben und frühen Toden, von Kriegen und Tragödien. Sie erinnerte sich an einen Besuch am Rand einer grossen Stadt. Kreuze ohne Namen waren aufgereiht gewesen. So mussten die Soldaten gestanden haben beim Appell. Sie waren gefallen im Kampf und namenlos begraben. Dahinter die Toten, an deren Namen man sich erinnerte, ganze Familien vereint. Grabsteine standen schief, und auf den Gräbern wuchsen Bäume und Büsche. Verschlungene Pfade führten kreuz und quer hindurch, mystisch und zauberhaft zugleich. Es hatte kleine Bänke, und an Allerheiligen kamen die Lebenden und liessen sich nieder zum Picknicken bei den Toten. An solchen Orten blieben die Gräber auf ewig. Es waren Oasen der Stille inmitten einer ihr in jenem Augenblick sinnlos erscheinenden Geschäftigkeit. Angelina spürte die Hitze. Gerne hätte sie sich auf eine kleine Bank beim Grab oder unter einen schattigen Baum gesetzt. Obwohl der Friedhof voller Birken, Buchen und Nadelhölzer war, konnte sie in der Nähe keine Bank entdecken. So liess sie sich auf dem schmalen Streifen Kies vor dem Grab nieder. Flüsternd begann sie Mutter zu erzählen. Sie suchte für das Unfassbare Worte, stockte nach wenigen Sätzen und verharrte in Sprachlosigkeit. Zusammengekauert sass sie in der sengenden Sonne. Einzelne Tränen malten dunkle Punkte auf den hellen Kies.

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Sonntagsgeschirr Kaum hatte Angelina das schmiedeeiserne Tor hinter sich geschlossen, prallte der Verkehrslärm auf sie ein. Für einen kurzen Augenblick hatte sie ein Gefühl von Gehaltensein und innerer Ruhe verspürt. Als sie nun den Zaun entlangging, der den Friedhof umgab, brauste ein Auto nach dem anderen vorüber. Widerstrebend schlenderte sie zur nächsten Bushaltestelle. Am liebsten hätte sie sich in Lenis Wohnung verkrochen. Doch Vater erwartete sie. «Ich bin in der Gegend», hatte sie am Tag zuvor am Telefon gesagt. «Bist du morgen zu Hause?» Sie wusste nicht, ob er sich über ihr Kommen freute. Seit Mutters Beerdigung war sie nicht mehr bei ihm gewesen. Sieben Jahre waren vergangen und es hatte keine Fragen von ihm und keine Erklärungen von ihr gegeben. Angelina starrte durchs Busfenster, vor ihr lag die Brücke. Es gab keinen Friedhof in Winkeln. Die Toten wurden in der Stadt begraben. Wenn sie als Kind gefragt worden war, ob sie aus der Stadt sei, hatte sie verneint. Sie wohne ennet der Sitter. Auf der anderen Seite des Flusses. Für sie war es ein Dorf gewesen, obwohl Winkeln längst zur Stadt gehört hatte. Als der Bus über die Fürstenlandbrücke fuhr, drückte sie ihre Stirn an die Fensterscheibe. Drei Jahre lang war sie jeden Tag diesen Weg mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Über dem Fluss hatte sie jeweils angehalten und in die Tiefe geblickt. Die Steine hatten sich im seichten Wasser erahnen lassen. Nach Regengüssen hatte sich die Farbe des Flusses von Moosgrün in ein gelblich lehmiges Braun verwandelt. Sie hatte es gemocht, dieses undurchdringliche und schnell strömende Wasser. War das Fundament des Brückenpfeilers überspült gewesen, hatte es viel geregnet auf den Höhen des Appenzellerlandes. Angelina erinnerte sich, wie sie und ein Schulfreund über die Brücke ge17


radelt waren und sie zu den Wäldern hinuntergeschaut hatte. Dabei hatte sie ihn gerammt, und er war ins Brückengeländer gefahren. Ihnen beiden war nichts geschehen, aber sein Vorderrad war so verbogen gewesen, dass er das Velo nach Hause tragen musste. Immer wieder waren Unfälle geschehen, weil Angelina umhergeschaut hatte. Sie war über Mäuerchen und Steine gefallen, gegen Pfähle und Abschrankungen geprallt oder in Glastüren gelandet. Engel-Guck-in-die-Luft hatten sie sie genannt. Irgendwann hatte Angelina mit Bergsteigen angefangen. Um mich festzuhalten und mir das Stolpern abzugewöhnen, dachte sie rückblickend. Aber vielleicht auch nur, um weiter zu sehen, über den nächsten Hügel hinaus. Bei dieser anhaltenden Hitze musste der Fluss zu einem Rinnsal geworden sein. Vom Bus aus konnte sie das Wasser nicht sehen. Der Fahrradweg verlief immer noch auf dem Trottoir. Bei der nächsten Haltestelle stieg Angelina aus, ging durch die Unterführung und zwischen den gleichförmig hellbraunen Häusern hindurch. Hier hatte sie fast die Hälfte ihres Lebens verbracht. Angelina hielt inne und schaute sich um. An jeder Ecke lagen Erinnerungen. Sie waren Fragmente ihres Lebens, einige bunt und leuchtend, andere dunkel und schwer. Bilder drängten sich auf, unverblümt und ungefragt. Die mächtige Fichte hatten sie gefällt, aber der grosse Findling inmitten der Wiese war geblieben. Dies war ihr Treffpunkt gewesen. Hier war geplaudert worden, gezankt, gelacht und gestritten. Hier wurden Freundschaften geschlossen und Schlachten gefochten. Zögernd drehte sich Angelina um und ging zum Hauseingang. Würde sie Vater erzählen, was geschehen war? Würde er fragen: Was führt dich zu mir? Warum gerade jetzt? Angelina blieb im düsteren Hauseingang stehen und betrachtete die Briefkästen. Sie waren in zwei Reihen übereinander angeordnet. Gegenüber waren die Klingeln in zwei senkrechten 18


Fünferreihen. Kollbrunner stand in krakeliger Schrift auf einem Schildchen. Angelina drückte den weissen Knopf. Dann lehnte sie sich mit der Schulter gegen die Glastüre, die rechte Hand auf dem metallenen Griff. So hatte sie es als Kind auch immer getan. Ein Surren ertönte und die Tür gab nach. Langsam stieg Angelina die Treppe hoch. Hatte Vater sich verändert? War er älter geworden? Wie lebte er ohne Mutter? Jede Stufe eine Frage. Hatte sie sich verändert? Beim Treppenabsatz blieb sie stehen. Die Stufen wechselten die Richtung. Früher waren sie ihr höher erschienen. Angelina ging weiter. Jede Stufe eine Antwort. Sie alle waren älter geworden. Sie hatte sich verändert. Menschen veränderten sich immer. Sie sehnte sich nach Stillstand. Angelina schluckte. Doch der Kloss im Hals blieb. Ihre Hand hielt sich am Holz des Geländers fest. Es war in all den Jahren glatter geworden, blank poliert durch unzählige Hände. Als Kinder hatten sie Wettrennen veranstaltet. Sie waren bis zuoberst in den fünften Stock gestiegen und losgerannt. Bei den Absätzen hatten sie die linke Hand fest ans Geländer geklammert, um die Kurve in zwei Sprüngen zu meistern. Nachbarn hatten geschimpft wegen des Lärms, des Getrampels der Füsse auf dem Steinboden. Angelina klingelte. Die Glocke klang schrill, nicht so wie in ihrer Erinnerung. Sie vernahm schlurfende Schritte. «Vater, guten Tag, wie geht’s?» Angelina spürte den Kloss im Hals. «Angelina. Komm rein.» Er legte leicht die Hand auf ihre Schulter und zog sie fast unmerklich näher. Dann drehte er sich um und sie folgte ihm in die Wohnung. «Setz dich. Kaffee?» Vater war neben dem Tisch stehengeblieben und stützte sich auf eine Stuhllehne. Angelina schob sich auf den Stuhl, der früher ihr Platz gewesen war, und fuhr mit der Hand über die Tischdecke aus Plastik, als ob ihr dies Halt gäbe. Durch die offene Küchentür sah sie 19


Geschirr auf der Ablage stehen. Früher hat er nie gekocht, nicht einmal Kaffee konnte er kochen, dachte sie. «Ja, gerne einen Kaffee.» Er drehte sich um und ging ein paar Schritte in die Küche. Angelina betrachtete ihn von hinten. Sein Rücken war etwas gebeugt, die Schultern waren schmäler geworden, das graue Haar wirr, lichter. «Und Maurice», fragte er. Auch seine Stimme war brüchig geworden. «Er muss arbeiten. Viel zu tun. Es geht ihm gut, glaube ich.» «Du hättest hier übernachten können.» «Möchtest du das?» «Es ist genug Platz. Das Zimmer hinten war früher auch deins. Seit du weg bist, hat es Margaret als Nähzimmer genutzt.» Angelina stand auf und ging den schmalen Korridor entlang. Nichts schien sich verändert zu haben, seitdem Mutter nicht mehr hier war. Nur der Geruch war anders geworden. Sie fehlte. «Ich war heute Morgen auf dem Friedhof», sagte Angelina laut, während sie die Türfalle des hinteren Zimmers drückte. «Ich habe gegossen.» «Ja, sie brauchen viel bei dieser Hitze.» Angelina hörte das Klappern des Geschirrs, dann Vaters Schritte hinter sich. Vor dem Fenster stand der Tisch mit Mutters Nähmaschine. An der Wand gegenüber das Bett, ihr Bett aus der Kindheit mit dem roten Überwurf, den aufgedruckten braunen Bären und blauen Bällen. Daneben der Schrank, dunkelbraunes Furnier. «Du hast nichts verändert.» «Komm, der Kaffee wird kalt.» Vater zitterte ein wenig, als er den Kaffee eingoss. Er hatte das schöne Geschirr genommen aus dem Buffet im Flur. Sonntagsgeschirr, dunkelrote Rosen und mit Goldrand. «Ich habe dir etwas mitgebracht.» Angelina nahm die Schachtel Pralinés aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. 20


«Danke.» «Ich hoffe, sie sind nicht geschmolzen.» Der Kaffee war dunkel und kräftig, nicht so dünn, wie Mutter ihn gemacht hatte. «Und, was machst du so den ganzen Tag?», fragte Angelina. «Lesen.» Er zeigte auf einen Stapel Zeitungen, die auf der Kommode lagen. Daneben hatte es zwei dicke Bücher. «Früher hatte ich nie Zeit dafür.» «Was liest du?» Anstatt zu antworten, schob er schwerfällig den Stuhl zurück, ging zur Kommode, zog eine Schublade heraus und kam mit einem weinroten Etui zurück. Es gelang ihm nicht sofort, den silberfarbenen Schnappverschluss zu öffnen. Gepolstert in dunkelblauem Samt lag eine goldglänzende Münze. «Schau», sorgfältig klaubte er die Münze heraus und hielt sie Angelina hin. Angelina nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sie vorsichtig. Mit den Fingerkuppen spürte sie die feinen eingeprägten Sterne am Rand. Sie betrachtete die Frauengestalt auf der Vorderseite und die Prägung 20 Fr. mit Schweizer Kreuz auf der Rückseite. Als Angelina die Münze in Vaters Hand zurücklegte, sagte er: «Ist sie nicht schön?» Er drehte sie im Licht der hereinscheinenden Sonne. Vorsichtig schob er das Goldvreneli in die runde Vertiefung im Etui zurück, klappte den Deckel zu und reichte es Angelina über den Tisch. «Für meinen Enkel.» «Vater!» Angelinas Stimme klang schrill. «Ich habe keine Kinder.» Im selben Moment fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, dass dies nicht stimmte. «Dann ist sie für dich. Als Notgroschen.»

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Salat am Abend «Hast du Hunger?» Leni stand in der Küche vor dem geöffneten Kühlschrank. «Salat? Oder soll ich etwas kochen?» Angelina schloss die Wohnungstür hinter sich, liess sich auf den Fussboden fallen und lehnte gegen die Wand. Essen? «Diese Hitze!» «Du hast recht, es ist viel zu heiss, um etwas Warmes zu essen. Also Salat.» Vom Bahnhof war Angelina durch die Mülenenschlucht spaziert, und obwohl der Schluchtweg um diese Zeit im Schatten lag, stand ihr der Schweiss in Perlen auf der Stirn. «Mein Gott!» Leni kam zwei Schritte auf Angelina zu und grinste. «Muss ich dir ein Glas Wasser bringen oder gleich einen Eimer, eiskalt?» Angelina lehnte sich nach vorne und öffnete langsam die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe. Leni verschwand in der Küche, um im Kühlschrank zu hantieren. Vom Gang aus sah Angelina, wie ihr gelocktes, schwarzes Haar ihre nackten Schultern verdeckte und in der Mitte ihres Rückens endete. Sie trug ein knallig rosafarbenes Trägershirt und enge, weisse Jeans. Und obwohl ihr Körper massig wirkte, strahlte sie Behändigkeit und Vitalität aus. Leni und sie kannten sich seit der Schulzeit. Schon damals war Leni das Gegenteil von ihr gewesen, klein, pummelig, unsportlich, fröhlich. Wieso sie Freundinnen geworden waren? Weil sie beide die Schule gleich wenig mochten? Weil Gegensätze sich anzogen? Leni hatte allem etwas Gutes abgewinnen können, nur der Schule nicht. Angelina hatte damals nur eines gewollt: weg. Manchmal war Angelina neidisch gewesen auf Leni mit ihrem unerschütterlichen Optimismus. Leni hatte nach der Schule eine kaufmännische Lehre bei der Gemeinde gemacht, wäh22


rend Angelina weggegangen war, zuerst zu einer wohlhabenden Familie ins Welschland, später auf Reisen, ans andere Ende der Welt nach Australien. Ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne Ziel. Fast hätten sie sich aus den Augen verloren. Dann, vor drei Jahren, hatte Leni sie in Genève besucht und war zwei Wochen geblieben. Vom ersten Augenblick an waren sie sich so vertraut gewesen wie früher. Leni schloss den Kühlschrank. Angelina hörte, wie sie am Spülbecken hantierte, Wasser laufen liess, eine Schranktür öffnete. Sie zog die Turnschuhe von den Füssen und blieb einfach auf dem Boden sitzen. Hätte Leni gerne Kinder? Einen Mann? Was wusste sie wirklich von ihr? «Leni?» «Ja.» «Hättest du gerne Kinder?» Leni kam aus der Küche und blickte auf Angelina hinunter. «Willst du nicht duschen?» «Du hast recht, ich brauche eine Abkühlung.» Angelina drehte den kalten Wasserhahn auf und stellte sich unter die Brause. Sie blieb reglos darunter stehen, bis sie am ganzen Körper zitterte. Dann stellte sie das Wasser ab und seifte sich ein. Danach brauchte sie eine Weile, bis sie eine für sich angenehme Wassertemperatur gefunden hatte. Einmal war es zu heiss, dann wieder zu kalt. Schliesslich schob sie den Duschvorhang zur Seite, angelte das Frotteetuch vom Haken und trocknete sich in der Badewanne stehend ab. «Essen», hörte sie Leni rufen. In dem Moment als Angelina in die Küche kam und Leni den Salat auf den Tisch stellte, klingelte das Telefon. «Fang schon an», sagte Leni leichthin. Sie hatte den Tisch schön gedeckt mit einem beigen Tischtuch und dunkelblauen Servietten, passend zu den weissen Tellern mit blauem Rand. 23