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Grenzen Texte der Kolumination 2019 auf dem Säntis

orte Leseprobe

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GRENZEN Texte der Kolumination 2019 auf dem Säntis


© 2019 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Gestaltung: Janine Durot Umschlagbild/Bilder im Inhalt: Carmen Wueest Gesetzt in Minion Pro Regular und Gotham Narrow Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-272-4 www.orteverlag.ch


INHALT

6 Vorwort 14 Hans Höhener

Kolumnen 20 Harald Martenstein 28 Doris Knecht 34 Nicole Althaus 42 Rainer Erlinger 50 Heidi List 62 Katja Früh Poetry Slams 72 Stefan Abermann 78 Christian Kreis «Preis der Kolumination» 90 Gerhard Schwarz (Laudator) 100 Beat Kappeler (Preisträger) 108 Anhang

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Vorwort

KOLUMNISTEN SPÜREN DEN GRENZEN NACH Sechs bekannte Kolumnisten und drei Slammer trafen sich am 25. und 26. Oktober 2019 zur ersten «Kolumination» auf dem Säntis und brachten ihre Gedanken zum Thema «Grenzen» zu Papier. Für sein jahrelanges, erfolgreiches kolumnistisches Schaffen geehrt wurde Beat Kappeler.

«Demokratie braucht Diskussion, den belebenden Disput» – so eröffnete Hans Höhener, Präsident des Vereins Kolumination, die erste «Kolumination» auf dem Säntis, dem «schönsten, vielleicht sogar das schönste Gebirgsstück der Erde,» wie ein Geologe gemäss Höhener vor 100 Jahren schrieb. Höhener erklärte den aus dem Ausland angereisten Teilnehmenden

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während den zwei Tagen auch viele Eigentümlichkeiten und Eigenheiten des Appenzellerlandes und des Säntis. Moderator Hanspeter Trütsch durfte anschliessend sechs bestens bekannte und erfahrene Kolumnisten zur ersten «Kolumination» auf dem Gipfel des Säntis begrüssen und interviewen. Auch sie seien Gipfelstürmer, Meister jenes meinungsbildenden Kleinods namens Kolumne, die jeder Zeitung, jeder Zeitschrift Gesicht und Würze geben.

Schreck-Mümpfeli in der Luftseilbahn

Matthias Flückiger führte witzig in die historische Kolumne ein und las Karl Kraus, Tucholski, Peter Altenburg, Anton Kuh, Joseph Roth und Kolumnen von anderen, längst verstorbenen Kolumnisten, deren Texte aber immer noch nachhallen. Nachts um halb zehn auf der Rückfahrt zur Talstation auf der Schwägalp las Matthias Flückiger dann noch ein «Schreck-Mümpfeli» – eine schauerlich schöne Gute-Nacht-Geschichte in der dunklen Luftseilbahn-Kabine.

Aufforderung zum Nachdenken

Ob «Urnen-Tourismus in die Schweiz» und «Feuerzeuge im Handgepäck» (Harald Martenstein), der Unterschied zwischen «Laufen und Laufen» in Vorarlberg und Wien (Doris Knecht), die Scham der Schweizer beim Hochdeutsch-Sprechen unter Deutschen (Nicole Althaus), Grenzen zwischen politischen Ansichten

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und der Tank-Tourismus (Rainer Erlinger), wie ein Dorf in Transsilvanien näher liege als der Block um die Ecke (Heidi List) oder über die Erziehung von Enkeln (Katja Früh) – sämtliche Beiträge überzeugten, regten zum Lachen an oder forderten zum Nachdenken auf. Musikalisch umrahmt wurde der Nachmittag von den Alder Buebe. Der Start der ersten «Kolumination», so waren sich die über siebzig Teilnehmenden einig, war gelungen.

Slammer ohne Nachtruhe

Den Samstagmorgen bestritten die drei Slammer Stefan Abermann (A), Christian Kreis (D) und Etrit Hasler (CH), die von Wolfgang Heyer humorvoll und slamgemäss vorgestellt und anmoderiert wurden. Die Slammer hatten die Aufgabe, neben einem eigenen Text, aus zwei – zum Teil heiklen – Themen, die ihnen die Teilnehmenden am Vorabend gestellt hatten, eines auszuwählen und über Nacht eine Kolumne zu schreiben. Alle drei waren wohl müde, erfüllten aber die schwierige Aufgabe mit Herzblut, Engagement und Bravour und unter tosendem Applaus der begeisterten Zuhörer. Ebensolchen Applaus erhielt das Trio «Anderscht», das Welt- und Appenzellerklänge anders, eben «anderscht», vortrug.

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Beat Kappeler erster Preisträger der «Kolumination»

Diese neue Veranstaltung vergab den ersten «Preis der Kolumination» an Beat Kappeler, dessen Lebensleistung, so Laudator Gerhard Schwarz, «Anerkennung weit über die Grenzen der kleinen Schweiz hinaus» verdiene. Seine Kolumnen, so Schwarz weiter, zeigten sich nicht in deftigen Worten, sondern «in der Unverblümtheit, Direktheit, ja Schonungslosigkeit des durchaus sachlichen Urteils». Seine Leidenschaft für Kolumnen zeige sich auch in ihrer Menge: Allein in der «NZZ am Sonntag» hat Kappeler 860 Kolumnen in sechzehn Jahren publiziert. Schwarz übergab Beat Kappeler unter dem grossen Beifall des Publikums die von Herbert Meusburger, Bregenzerwald, geschaffene Skulptur «Knoten». Seine Dankes-Kolumne befasste sich mit dem Thema «Rasse», und damit mit einer Grenze, die nie überschritten werden dürfe.

Gelungene Premiere

Alle, die dabei waren, waren sich einig – das Format «Kolumination» ist ein Erfolg und hat Zukunft, eine Zukunft, die im Oktober 2020 wieder Gegenwart werden wird. Bis es so weit ist, bietet das Büchlein, das Sie in Händen halten Gelegenheit, die Kolumnen der Kolumination 2019 nachzulesen. Gute Unterhaltung!

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Hans Höhener

DIE ERSTE «KOLUMINATION» AUF DEM SÄNTIS «Hauptsächlich war es aber die wissenschaftliche Erkenntnis, dass der Säntis eines der schönsten, vielleicht sogar das schönste Gebirgsstück der Erde ist. Klarer, eindringlicher, feiner als irgendwo sonst tritt hier dem Auge der Zusammenhang von innerm Bau und äusserer Form in den grossen Zügen wie in dem ausdrucksvollen Einzelnen entgegen; …» So äusserte sich der bekannte Zürcher Geologe Prof. Albert Heim 1904 in einem Vortrag in St. Gallen zum Säntis. Sehr verehrte Damen und Herren Ich freue mich riesig, Sie auf diesem Berg, auf diesem ganz besonderen Berg, willkommen heissen zu dürfen –

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willkommen zur ersten «Kolumination», hier oben, weit über dem Bodensee, mit Blick in sechs Länder, zu einem ersten Versuch der Kulmination der Kolumnen! Historische Kolumnen, aktuelle Kolumnen, Slam-Kolumnen. Sie sollen hier auf dem höchsten Punkt des Säntisgebirges ein Podium finden, dem Publikum näher gebracht werden, Zusammenhänge aufzeigen, zum Nachdenken anregen, witzig und gescheit, vielleicht auch ironisch oder gar sarkastisch provozieren – auf jeden Fall über Grenzen hinweg zur gegenseitigen Auseinandersetzung beitragen. Wir wollen mit der «Kolumination» die Bedeutung der Kolumne als wichtiger journalistischer Stilform, als Impuls gebender Beitrag zur Meinungsbildung einer ­liberalen Gesellschaft würdigen und fördern helfen. Wir alle wissen es: Demokratie braucht Diskussion, den belebenden Disput, das Zuhören genauso wie das Mitreden, das Sich-Einbringen. Das bedeutet immer auch Emotionen, Hingabe, Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Verständnis – in Grenzen und über Grenzen hinweg. Vor allem bedeutet es auch Nachdenken. Aber Nachdenken ist oft nicht ganz einfach, es kann gar weh tun. Nachdenken ist nichts für Feiglinge. Mutig zu poltern, den Mainstream mit knackigen Worten zu bestätigen, bringt oft mehr Anerkennung als eine differenziert durchdachte andere Meinung. Gerade deshalb – auch deshalb! – braucht es Kolumnen, Kolumnisten! Ihnen wollen wir hier auf dem Säntis mit der ersten «Kolumination» eine Plattform geben, spannende Begegnungen ermöglichen, miteinander ein Stück journalistischer und publizistischer Kultur gestalten und erleben.

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In diesem Sinne heisse ich Sie nochmals alle herzlich willkommen auf dem Säntis und wünsche Ihnen zwei interessante und bereichernde Tage!

Hans Höhener, 1947, war von 1981 bis 1997 Regierungsrat des Kantons Appenzell Ausserrhoden, 1998 bis 2011 Präsident der Eidgenössischen Sportkommission und 2004 bis 2010 Präsident von Seilbahnen Schweiz. Von 1989 bis 2016 stand Höhener als Präsident dem Verwaltungsrat der Säntisbahn vor. Er präsidiert den Verein Kolumination.

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Alder Buebe

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Harald Martenstein

DIE SCHWEIZ Zwischen Deutschland und der Schweiz hat es in der Vergangenheit einige Male Spannungen gegeben, weil Deutsche ihr Geld in der Schweiz vor dem deutschen Finanzamt verstecken. Das weiß jeder, sogar ich. Mir war aber unbekannt, dass immer mehr Deutsche auch ihre Leichen in der Schweiz verstecken, besser gesagt ihre Asche. Zuerst wird die verstorbene Person in Deutschland ganz normal eingeäschert, bei einem Bestatter, der mit einem Schweizer Spezialisten für deutsche Asche zusammenarbeitet. Die Urne wird an den Spezialisten übergeben, der sie in die Schweiz schafft. Das ist legal. Die Familie hat bei dem Spezialisten einen anonymen Beisetzungsplatz auf einer Bergwiese gekauft. Die deutschen Leichenüberwachungsbehörden denken, aha, diese Urne landet in der ausländischen Wiese. Sie ist einer ordnungsgemäßen Endlagerung im Sinne der deutschen Bestattungsgesetze, Paragraf 82c, Fassung von 1955, Abschnitt b, zugeführt. Diese Urne können wir abhaken.

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In Wirklichkeit aber reist ein Familienmitglied in die Schweiz, wo der Spezialist ihm oder ihr die Urne diskret übergibt. Das ist ebenfalls legal. In der Schweiz darf man Urnen an Hinterbliebene übergeben. In Deutschland dagegen gehört meine Asche der Regierung. Das Familienmitglied schmuggelt die Asche zurück nach Hause, sei es Herne oder Koblenz, wo sie im Garten oder auf dem Kamin ihren Platz findet. Diese von libertärem Denken geprägte Dienstleistung gibt es bereits für 1975 Euro. Der deutsche Satz «Ich habe meine Asche in die Schweiz geschafft» ist also zumindest zweideutig. Wenn an der Schweizer Grenze ein Deutscher wegen seiner prallen Aktentasche auffällt, dann muss sich in der Aktentasche kein Geld befinden, es könnte sich auch um den Großvater handeln. Ich halte das für einen Filmstoff. In dem Film reitet die deutsche Kavallerie unter Peer Steinbrück in der Schweiz ein, um dort die Urne des Großvaters zu suchen und wegen Aschenhinterziehung zu verhaften. Interessanterweise bleiben nämlich auch viele deutsche Urnen in der Schweiz, vermutlich, weil dort die Urnenbestattungsgesetzgebung eher liberal ist. Für die Mühe, die das Sterben bereitet, wirst du vom Schweizer Staat mit Laisser-faire belohnt. Im Wallis, im Wald von Eringertal, liegen bereits 350 tote deutsche Bestattungsrechtsflüchtlinge. Weitere 500 Bestattungen stehen an. Es gibt aber Widerstand in der Bevölkerung, vor allem bei der konservativen Partei CVP. Man befürchtet Überfremdung durch Aschenasylanten. Das ist nämlich die Schattenseite der Schweiz: Sie denken freisinnig, gewiss, aber Ausländer

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sind nicht immer gern gesehen, sogar in einem so reduzierten Zustand. Falls eine CD mit den Namen der Aschenhinterzieher auftaucht, tippe ich auf die CVP als Quelle. Das Unternehmen Oase der Ewigkeit, Sitz: Grevenbroich, lässt die Asche von Deutschen auf der Schweizer Seite des Bodensees im Wasser verstreuen. Auf der deutschen Seeseite ist dies natürlich verboten. In einer eidgenössischen Zeitung stand: «Jetzt verschmutzen die Deutschen auch noch den Bodensee.» Wenn man sich eine Sekunde lang vergegenwärtigt, wie viele Vögel aus allen Nationen täglich ihren Kot über dem Bodensee abladen, durchschaut man sofort den fragwürdigen Hintergrund dieses Arguments. Und dabei haben wir noch nicht über den Fischkot geredet und darüber, dass auch Fische keineswegs unsterblich sind. Die Einbringung eines Gesetzes gegen das unangemeldete Versterben von Kleintieren im Bodensee würde ich allerdings eher den Deutschen zutrauen.

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