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Peter Gross / Helga S. Giger Ich muss Ihnen schreiben.

orte Leseprobe

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Peter Gross Helga S. Giger

Ich muss Ihnen schreiben. Mailroman Ăźber eine Liebe am Lebensabend

orte Verlag


© 2019 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Umschlaggestaltung: Janine Durot Umschlagfoto: Carmen Wueest Gesetzt in Arno Pro Regular Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-85830-263-2 www.orteverlag.ch


FĂźr Susanne, Myriam, Andreas und Lukas


Prolog

Die nachfolgend abgedruckten Mails von Celine und Thomas erzählen von der Zuneigung und Liebe eines Paares, das sich erst in späten Jahren gefunden hat. Es ist nicht unsere Geschichte. Sie birgt zwar autobiografische Elemente, und wer ein erkennungsdienstliches Gespür hat, wird vielleicht das eine oder andere auch zuordnen können. Aber die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist, wie es so schön heisst, nicht beabsichtigt. Diese Geschichte ist auch kein Rätsel, das es zu lösen gilt. Ebenso wenig ist der vorliegende Mailroman ein Ratgeber für ein gelingendes Miteinander. Allerdings enthält er die Botschaft, dass wir alle doppelbödige Wesen mit Schlupfwinkeln sind und voller Geheimnisse. Und dass Verstehen, Freundschaft, ja auch Liebe nicht altersgebunden sind, sondern immerwährende Aufgaben bleiben. Peter Gross Helga S. Giger

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Mail 1

Sehr geehrte Frau B. Es geht nicht anders … ich muss Ihnen unbedingt schreiben. Und auch schreiben, warum ich meine, Ihnen schreiben zu müssen. Seit ich pensioniert bin, verstärkt durch den Tod meiner Frau, ist mein Leben anstrengender und in vielem auch flüchtiger geworden. Ängstlicher bin ich. Ich wage und verkrafte auch weniger. Gleichzeitig bin ich wehleidiger und redseliger geworden. Ein Mail zu schreiben, ist zwar irgendwie feige. Es ist geschwind geschrieben und ebenso schnell gelöscht. Dieses Mail ist ein Beweis dafür. Warum schreibe ich Ihnen eigentlich? Ganz zufällig geriet ich in die Vernissage Ihrer gerade stattfindenden Ausstellung. Ihre Bilder, liebe Frau B., sind ein Beispiel für das, was ich mit Worten zu beschreiben suche, für ein Geheimnis, das mich zu immer neuen Gedanken zwingt: Ich bringe Sie nicht aus meinem Kopf. Sie verfolgen mich. Ihre Bilder und Skulpturen haben mich fasziniert und überwältigt. Seit ich mich nicht mehr beruflich als Museumsdirektor mit Bildern und anderen Kunstwerken befassen muss, und nur noch aus Neugierde kontrovers besprochene Ausstellungen besuche, kann ich unbelastet als Privatier anschauen, was mir Freude macht. Obwohl ich mich vielleicht auch mit Bildern beschäftige, weil die stumm bleiben. Auf diese Weise kann ich mich viel offener mit den jeweils ausgestellten Objekten befassen. Ich muss ja keinen Aufsatz über sie schreiben. Aber Ihnen muss ich schreiben. Sie sind ja der Grund meiner Aufregung. Die ausgestellten Bilder haben 9


mich nämlich in einer eigenartigen, mir selber unerklärlichen Weise berührt. In ihnen schlummert für mich jenes schwer begreif­liche, an Zauberei grenzende Moment, das ich Ihnen so umständlich darlegen will. Jedenfalls versuchte ich an der Vernissage, in Ihre Nähe zu gelangen, Sie näher zu sehen, Ihre Körperlichkeit und Ausstrahlung zu spüren. Wie sehr Ihre Erscheinung, auch wenn ich Sie nur von Weitem sah, zu Ihren Arbeiten passt! Zu gerne hätte ich ein paar Worte mit Ihnen gewechselt. Fast schäme ich mich, Sie so angestarrt zu haben, ganz zu schweigen von meinen fruchtlosen Versuchen, zu Ihnen vorzudringen. Zu gerne hätte ich Sie auch in ein Café eingeladen und ein Gespräch über Ihre Arbeiten geführt, sofern Sie es denn gestattet hätten. Da ich Sie ja nicht weiter kenne und auch das Googeln Ihres Namens keine nennenswerten Resultate hervorbrachte, aber immerhin Ihre Mail-Adresse genannt ist, versuche ich es auf diesem Weg. Wo immer Sie sich befinden, mein Mail wird Sie erreichen und hoffentlich von Ihnen gelesen werden. Sollte ich Sie jedoch belästigt haben, verzeihen Sie mir und löschen Sie meine Zeilen. Freuen würde ich mich, wenn Sie mir zumindest die Daten Ihrer nächsten Ausstellungen mitteilen könnten. Dann hätte ich doch wenigstens eine Art Antwort von Ihnen. Ganz herzlich grüsst Sie Thomas H.  

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Mail 2

Sehr geehrter Herr Thomas. Mehrere Male habe ich dieses Mail begonnen und es wieder aufgegeben. Es ist nicht nur Ihr schon etwas umständlicher Brief und die mit Ihrem Schreiben verbundenen Schalmeienklänge, sondern meine eigene missliche Situation, die mich gar nicht zum Briefe-Beantworten motiviert. Zunächst danke ich Ihnen aber doch für Ihre freundlichen Worte und die mit ihnen verbundene liebenswürdige Beurteilung meiner Arbeiten. Ich habe mich sehr darüber gefreut, zumal Sie mir ja fremd sind und wir bislang keinerlei Kontakt zueinander hatten. Zuschriften nach einer Ausstellung lassen sich bei mir jeweils an einer Hand abzählen. Es sind darüber hinaus meist Höflichkeitsgesten von Verwandten und Bekannten und keine ernst zu nehmenden Beurteilungen. Es ist ja auch kein leichtes Unterfangen, das sehe ich ein. Was meine persönliche, Ihnen angedeutete, missliche Lage betrifft, verfange ich mich derzeit in einem Netz von Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und auch Bosheiten. Vor wenigen Wochen habe ich mich von meinem Mann getrennt, was mit unerfreulichen Umtrieben einherging und mir nicht nur jedwede Lust am Malen, sondern auch an intellektuellen Beschäftigungen vergällte. Alles um mich herum und in meinem Innern ist irgendwie diffus, zukunftslos und schwarz. Wenn ich mein Schriftbild sehe, so kommt es mir vor, wie wenn es zerbröseln würde. Mit anderen Worten, ich bin derzeit, obwohl es mir vielleicht guttun würde, zu überhaupt 11


nichts in der Lage, schon gar nicht zu einem freundlichen Techtelmechtel über meine Kunst. Ich sitze da und bin ziemlich deprimiert. Schon, dass ich diese Zeilen geschrieben habe, ist, lieber Herr Thomas, ein Entgegenkommen an Sie, der Sie mir mit Ihrem Mail ein grosses Geschenk gemacht haben. Zumindest haben Sie mich auf andere Gedanken gebracht. Überdies bin ich in einem Alter, das keine grossen Sprünge mehr gestattet. Ich schlafe, und wenn ich nicht schlafe, weine ich. So äusserte sich gerade eine ältere Frau in einer Zeitschrift. Das gilt auch für mich. Ich freue mich, dass Sie mir geschrieben haben. Ihre Celine B.

Mail 3

Wie gut ich Sie verstehe, sehr geehrte Frau Celine B. Ihre Worte machen mir Sorgen, obwohl ich Sie ja kaum kenne. Ich will mir gar nicht vorstellen, dass Sie traurig und allein sind. Ihre Worte tun mir nicht nur deshalb weh, weil ich Sie aufgrund Ihrer derzeitigen Verfassung nicht treffen kann, sondern weil Ihre Arbeit, wie Sie schreiben, überschattet wird von einem schmerzlichen Ereignis, ja, von einem grossen Unglück. Ist doch eine Scheidung ein Einschnitt ins Familienleben, der immer, wenn man daran denkt, zu bluten beginnt. Meine Frau, verehrte Frau Celine B., ist an einer un12


heilbaren chronischen Krankheit verstorben. Ich war untröstlich. Immer wieder besuche ich ihr Grab. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass meine mir angetraute Frau nach einer schmerzlichen Scheidung mit einem anderen Mann öffentlich unterwegs wäre und sich bei Einladungen mit dem neuen Gsponli, wie wir hier sagen, zeigen würde, eventuell noch triumphierend, ich glaube nicht, dass ich diese Kränkung überstanden hätte. Ich möchte Sie gar nicht trösten mit konkurrierendem Leid. Unglück sich gegenseitig aufzurechnen, vertieft den Schmerz. Selbst wenn der Gedanke an den Tod des oder der Geliebten gegenüber einer Scheidung besser ertragen werden könnte. Ich kenne die Umstände der Trennung von Ihrem Ehemann nicht. Aber ich kenne den Schmerz, das Leid, die schlaflosen Nächte, die schweren Abstürze und die nächtlichen Ängste. Freundliches, Fröhliches, Erinnerungen an lustvolle Stunden und Tage gehen nach und nach vergessen, werden gelöscht. Während ich das schreibe, kommen mir dennoch fast die Tränen. Zwischen uns beiden stehen Ihre Bilder. Sie haben sie geschaffen, ich habe sie betrachtet. Ihre Geschichte liegt in ihnen. Der eigentümliche Reiz, den Ihre Arbeiten verbergen, ist vielleicht das Resultat einer Melange von tiefstem Leid und höchstmöglicher Freude. Ihr feiner Stil versucht, ein Blatt zu füllen. Ich frage mich, wo der Anfang war und ob das Ende schon sichtbar ist. Es fällt mir schwer, das alles zu beschreiben. Vielleicht habe ich Ihre Geduld über Gebühr in Anspruch genommen. Kennen Sie die Skulptur Die Verzückung der Heiligen Theresia von Gian Lorenzo Bernini? Ich beschäftige mich mit ihr, seit ich aus Rom zurück bin. Sie ist für das, was ich zu 13


umschreiben versuche, ein treffendes Beispiel. In dieser Skulptur ist die Ekstase Theresias im Angesicht Gottes festgehalten. Die Doppelung von Freude und Leid, von massloser Hingabe und unaussprechlichem Schmerz ist in grandioser Manier ausgeführt. Die sanfte Heilige im härtesten Marmor. So ergeht es mir bei der Betrachtung Ihrer ­Bilder. Ihre Geschichte mit Ihrem Leid und Ihrer nun überholten Zweisamkeit ist in Ihren Bildern abgelegt, während meine in meinen Erinnerungen lebt. Vergessenes taucht auf, immer und immer wieder. Treibholz, das nie versinkt, sondern immer wieder aufsteigt. Gerne würde ich mit Ihnen darüber reden, auch wenn es weit über die Kunst hinausgeht. Ihr Tomas H.  

Mail 4

Lieber Thomas H., ich darf Sie doch so nennen, denn Ihre Antwort hat mich sehr angesprochen. Es freut mich, dass Sie sich durch meine Absage nicht beirren liessen und mir trotz allem zurückgeschrieben haben. Wir kommen uns Mail um Mail näher. Dass Sie auf so freundliche Art versucht haben, mich zu trösten, das spricht für Sie. Ich kenne die Skulptur Die Ekstase der heiligen Theresia nicht und würde diese gerne mit Ihnen eines Tages betrachten. Sie verstehen etwas von bildender Kunst, lieben sie, das ent14


nehme ich Ihren beiden Mails. Sehr wahrscheinlich kennen Sie die Malerei vergangener Epochen um vieles besser, als ich das tue, und ein Gang mit Ihnen durch die Münchner Pinakothek wäre für mich bestimmt ein grosser Gewinn, habe ich mich doch wenig mit den Werken der alten Meister beschäftigt. Das versuche ich jetzt, seit ich Sie kenne. Für meine Arbeiten waren mir als Anregung immer die Klassische Moderne, die Brücke-Maler, der Blaue Reiter oder die Worpsweder Künstlerkolonie u.ä. genug. Darf ich Ihnen einen etwas kühnen Vorschlag machen? Könnten wir uns eventuell per Mail von uns selbst und dem, was uns beschäftigt, erzählen, um uns so näher kennenzulernen? Ich möchte ja auch mehr von Ihnen wissen, ich weiss nichts von Ihnen. Sie sind ja bestimmt nicht nur eine Lichtgestalt. Wer sind Sie, Herr Thomas? Was denken Sie, was tun Sie, was bewegt Sie? Vielleicht ergibt sich dann ein Treffen wie von selbst als logische Folge unserer Erzählungen, und dem Treffen könnte anderes, Ernsthafteres folgen. Sie haben mir meine momentane Dunkelheit schon ein wenig aufgehellt. Ihre dankbare und mit Spannung Ihr nächstes Mail erwar­ tende Celine B.

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Mail 5

Liebe Frau Celine. Sie fragen mit gutem Recht, wer ich bin und was ich tue, resp. tat. Denn seit Jahren lebe ich mein Pensioniertendasein inmitten all meiner Erinnerungen, Bücher und Sammlungen. Ich bin also ein Bücherwurm im besten Sinn. Ich war, ich sage es nicht ohne Stolz, Direktor eines Museums einer Kleinstadt in Deutschland. Mich mit Kunst und Künstlern zu beschäftigen, war mein tägliches und geliebtes Brot. Noch heute besuche ich gerne Ausstellungen und Museen, und so bin ich ja auch auf Sie und Ihre Kunst gestossen, sich in Zeichnung und federleichten Aquarellen auszudrücken. Ich freue mich schon darauf, eines Tages – wenn es Ihnen besser geht – alle Ihre Arbeiten zu betrachten, um Ihre Überlegungen noch intensiver nachvollziehen zu können. Eigentlich sind Ihre Arbeiten Durchgangsstationen zu Ihrer Person. Meine Gedanken kreisen ständig um Sie; ich sehe Sie noch vor mir, wie Sie etwas verunsichert in Ihrem blauen Kleid inmitten der vielen Vernissagebesucher vor Ihren Bildern stehen. So sind Sie in mir ständig anwesend, obwohl Sie räumlich so fern sind. Wie gerne würde ich Sie in Ihrem Kummer trösten. Noch weiss ich nicht, was zur Trennung von Ihrem Partner geführt hat. Doch ich bin sicher, dass Sie es mir eines Tages erzählen werden. Denn auch ich muss Sie fragen: Wer sind Sie, was hat Ihr Leben bis jetzt ausgefüllt, wie leben Sie? Was meine Person betrifft, bin ich in einer streng katholischen Familie auf dem Land in einem 20-Seelendorf in der 16


Schweiz aufgewachsen, was mich geprägt hat. Alles Katholische zieht mich eigentümlich an. Riten und Bräuche, Feste und Rituale waren die mysteriösen Numinosa meiner Kindheit. Nichts kann für mich einfach sein – immer könnte es sein. Das ist das Schwierige an mir. Vielleicht als Frucht meiner katholischen Erziehung hänge ich dem Paradox an, dass das Abwesende immer stärker ist als das Anwesende. Nein, verehrte Celine, das muss nicht Sie betreffen, denn ich habe an dieser Seite meiner Existenz ständig gearbeitet, tue es immer noch und hoffe, dass ich mit Ihnen das Gegenwärtige, das Anwesende mehr zu schätzen lerne als das Abwesende. Denn unsere Zeit ist kurz bemessen und will gelebt sein, vielleicht nicht nur mit Ihren Mails, sondern mit Ihnen s­ elber. Ihr ungläubiger Thomas H.

Mail 6

Für Ihr letztes Mail, lieber Thomas H., danke ich Ihnen sehr. Nun kann ich mir doch langsam ein Bild von Ihnen machen. Ich stelle Sie mir vor inmitten Ihrer Bücher, die Ihnen so viel bedeuten, umgeben von Bildern oder Kopien der Maler, die Ihnen – mit dem Wissen aus Ihrer früheren Tätigkeit – als wesentlich erscheinen. Natürlich fange ich auch an, Sie mir bildlich vorzustellen. In Ihren Worten spiegelt sich Ihre Person noch ganz verschwommen. Sie haben den Vorteil, dass Sie mich bereits 17

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