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orte Leseprobe

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Gegründet von Werner Bucher und Rosemarie Egger im Jahr 1974 Nr. 193, Oktober 2017 ISBN 978-3-85830-216-8; ISSN 1016-7803 Erscheint 5 Mal jährlich

Redaktion: Redaktion orte Annekatrin Ranft-Rehfeldt Urdorferstrasse 59, CH-8953 Dietikon Tel. +41 44 742 31 58, redaktion@orteverlag.ch Redaktionsteam: Annekatrin Ranft-Rehfeldt (Co-Leitung), Regina Füchslin (Co-Leitung), Viviane Egli, Susanne Mathies, Erwin Messmer, Monique Obertin, Hansjörg Schertenleib, Cyrill Stieger, Peter K. Wehrli Verlag:

orte Verlag Im Rank 83, CH-9103 Schwellbrunn Tel. +41 71 353 77 55, Fax +41 71 353 77 56 verlag@orteverlag.ch, www.orteverlag.ch

Einzelnummer: Fr./Euro 18.– Abonnemente: Gönnerabonnement orte Fr./Euro 140.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Jahresabonnement orte Fr./Euro 80.–   (5 Ausgaben pro Jahr + Poesie-Agenda) Abonnemente im Ausland: Fr./Euro 12.– Zuschlag Inseratepreise: Inserateverkauf:

1 / 1 Seite (121 x 180 mm) Fr. 400.– 1 / 2 Seite (121 x   88 mm) Fr. 200.– 1 / 4 Seite (121 x   42 mm) Fr. 120.– Rosmarie Gamboni, rosmarie.gamboni@orteverlag.ch, Tel. +41 71 353 77 42, Fax +41 71 353 77 56

Umschlaggestaltung: Janine Durot, orte Verlag, Schwellbrunn (unter Verwendung eines Fotos von Alberto Venzago) Copyright der T   exte bei den Autorinnen und Autoren. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es uns in wenigen Fällen nicht gelungen, die Rechteinhaber für Texte und Bilder einiger Beiträge ausfindig zu machen. Der Verlag ist hier für entsprechende Hinweise dankbar. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Für die wertvolle finanzielle Unterstützung unserer Zeitschrift danken wir herzlich:


orteinhalt  3 Editorial

orte Waldinhaltsverzeichnis – die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet

  5 Spiegelsaal der Seele – Einführung   9 Herbst 10 Tote Bäume 11 Im Wald 14 Der Schläfer im Walde / Der Abend 16 In Wald 18 Am Walde 19 Im Wald 23 Heimwärts 24 Der Winkel von Hardt 25 Warme Fährte / Menetekel / Wir sassen auf Waldgrund 36 Fotograf der Waldbilder 37 Am Ende der Strasse der Wald 39 aus: Spindel im Mond 40 [ohne Titel] 41 Verklärter Herbst 42 Das grüne Haus 46 Wälder 49 Der Aufruhr 50 Entwurf für eine Welt ohne Menschen 53 Aus einem April 54 Gespräch mit Peter Stamm 57 In einer Waldklause 58 Autorenbiografien

Hansjörg Schertenleib Du Mu Joyce Carol Oates Peter Stamm Georg Heym Michael Stauffer Eduard Mörike Julia Weber Tomas Tranströmer Friedrich Hölderlin Andreas Neeser Alberto Venzago Heinz Helle Christine Lavant Markus Kirchhofer Georg Trakl Arja Lobsiger Lorenz Langenegger Ernst Herbeck Peter Rosei Rainer Maria Rilke Hansjörg Schertenleib Fujiwara Kanezane

60 orte-festival Annekatrin Ranft-Rehfeldt 61 orte-Bestenliste Christoph Kuhn 64 hör-orte Peter K. Wehrli 66 orte-Bücherregal 70 orte-Galerie 83 orte-Agenda 86 orte-Longseller 88 orte-Marktplatz 1


Roman. Gut. Kaufen. Der Hasslerosch von Edith Capaul-Crottogini 2


orteeditorial

Liebe Leserinnen und Leser Der Sommer ist vergangen, die ersten Blätter fallen. Die Jahreszeiten setzen ihren unaufhörlichen Kreislauf fort. Blatt für Blatt wird bunt gefärbt und vom Wind davon getragen. Bäume wechseln allerorts ihr Kleid. Der Herbst ist da. Wir entführen Sie mit unserer diesjährigen Herbstausgabe auf einen Spaziergang – einen literarischen Rundgang durch den Bücherwald. Unser orte-Redaktor Hansjörg Schertenleib und mehr als ein Dutzend Autorinnen und Autoren erzählen vom Wald als Bühne, als Ort der Sehnsucht und Heimat. Blatt für Blatt beschreiben heitere bis düstere Texte die verschiedensten Facetten des Waldes. Der Fotograf Alberto Venzago, dem wir die stimmungsvollen Bilder zu dieser Ausgabe, in der Mitte des Heftes, verdanken, beschreibt es so: «Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, dem Wald den Vorrang zu geben. Er diente nur. Es war wie in der Oper. Die Kulisse war bloss Kulisse, diente der Handlung. … Und jetzt habe ich die Seite gewechselt.» Das finden wir bei orte auch und bieten dem Thema Wald all unsere Seiten für geheimnisvolle Geschichten, poetische Betrachtungen und lyrische Kompositionen an.

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm spricht über die Arbeit an seinen Texten und die Bedeutung des Waldes für ihn als Person und Autor. In seinem literarischen Text Im Wald klingt dies dann zum Beispiel so: «Du hast den Wald in dir. Er ist deine dunkle Materie. … Wenn du die Augen öffnest, kann ich den Wald in ihnen sehen.» Für den Literaturherbst stellen wir Festivalblätter vor, Stimmen erklingen im hörorte, Buchtipps raunen aus dem Bücherregal und in der Bestenliste werden Wegweiser für Leseerlebnisse aufgestellt. Es erwartet Sie auf den nächsten Seiten ein buntgemischtes Blätterwerk. Viel Freude beim Lesen und herzliche Grüsse Annekatrin Ranft-Rehfeldt und Regina Füchslin

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Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet

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Spiegelsaal der Seele Albisrieden, der neunte Stadtkreis Zürichs, in dem ich aufwuchs, hatte in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren einen dörflichen, ja beinah ländlichen Charakter. Der Mietblock, in dem wir wohnten, stand neben der Endstation des 3er-Trames, einer Schienenschleife, die sich um einen Schrebergarten zog, in dem Martinelli, einer der Italiener des Quartieres, nicht nur Tomaten und anderes Gemüse zog, sondern auch die Kaninchen hielt, deren gehäutete Kadaver er an seinen Schlachttagen an eine Wäscheleine hängte. Jenseits der Triemlistrasse lagen Wiesen, auf denen Bretterschuppen und Obstbäume standen und an deren Rand sich Brennesselmeere ausbreiteten; die Wiesen, unmerklich, jedoch stetig ansteigend, grenzten an den Wald, der sich vom Uetliberg über die Flanken der Waldegg bis nach Albisrieden erstreckte. Dieser Wald rettete meine Kindheit, meine Jugend, rettete mich – denn er war mein Versteck, mein Sehnsuchtsraum, mein Abenteuerland, mein Urwald, meine Traumwelt. Kaum aus der Schule zurück, rannte ich über die Triemlistrasse, durchquerte die Wiesen, in denen das Gras oft hüfthoch stand, und betrat das grüne Gewölbe des Waldes, als schütze es mich. Wovor? Vor wem? Bald kannte ich den Verlauf jedes Baches, wusste, wo sich Lichtungen auftaten, wo sich Dickicht und Unterholz zu Gürteln und Riegeln verwuchsen, die ohne Messer nicht zu überwinden waren, wo es Birken gab, wo Brombeeren, wo der Boden sumpfig war und wo trocken, selbst

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wenn es regnete, wo Felsblöcke zwischen den Stämmen lagen und wo die Unterstände für die Wald- und Forstarbeiter standen. Ich legte geheime Ruhe- und Leseplätze an sowie Ausgucke und Verstecke, baute Feuerstellen, Hütten, Fallen, Luftschlösser und Lager am Wasser, staute Bäche, flutete Plätze, an die sich nie Spaziergänger verirrten. Der lichte Dom, gestützt von Abertausenden von Baumstämmen, geschützt von einem hoch oben endlos sich aufspannenden Blätterdach, wurde mir zum Projektionsraum, zum Spiegelsaal der Seele, fernab von Lehrern und Eltern, fernab von Pflichten, Aufgaben und Vorschriften. Die Belehrung eines Lehrers, wir Menschen seien nicht für das Leben im Wald geschaffen, weil unsere evolutionäre Vergangenheit in der Steppe liege, weshalb unsere Sinne auf offene Graslandschaften mit weitem Sichtfeld ausgelegt seien, bezog ich nicht auf mich. Im Wald, so referierte der Lehrer, zähle das gute Sehvermögen des Menschen wenig, im Wald seien ein gut ausgebildeter Geruchssinn sowie ein ausgeprägtes Gehör wichtiger. Eigenschaften, die bei uns Menschen eher schlecht ausgeprägt seien. Ich jedoch roch und hörte den Wald, war ich in meinem jugendlichen Überschwang überzeugt. Ich war Teil des Waldes! Immerhin war ich zu jeder Jahreszeit im Wald, sah Blätter sich verfärben und später fallen, sah Triebe ausschiessen und später blühen, zog den Schlitten in dichtem Schneegestöber durch die Baumstämme Richtung Ringlikon, wo es eine Schlittelwiese gab, hörte das Trommeln der Regentropfen auf dem Blätterdach über mir, den Wind in den Zweigen, Ästen. *** Auch als ich als Setzerlehrling grössere Kreise zog, blieb der Wald mein Lieblingsraum. Bald kannte ich die Wälder um den Türlersee so gut wie den Wald am Uetliberg; nun fing ich an, gelegentlich im Wald zu übernachten, ihn also auch in der Dunkelheit zu erleben. Dann entdeckte ich die Wälder im Jura, im aargauischen Freiamt, im Entlebuch, im Emmental und in der Ostschweiz, stromerte durch den Wienerwald, die Wälder um Berlin.

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*** 1996 wanderte ich nach Donegal aus, in die unwirtliche und schroffe Landschaft des Nordwestens der Republik Irland. Heimweh nach der Schweiz hatte ich erschreckenderweise nie, aber ich vermisste ihre Wälder, die Wälder meiner Kindheit, meiner Jugend. Die alten tiefen Wälder Irlands waren von den Briten abgeholzt worden, um Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen, und längst verschwunden. Die aufgeforsteten Nadelwälder, die ich in Donegal kennenlernte, waren enttäuschend, haben sie doch nichts gemein mit dem Charakter und dem verwunschenen Zauber eines über Jahrhunderte gewachsenen Mischwaldes und sind nichts anderes als effiziente «Fabriken» mit dem einzigen Zweck, so schnell als möglich Bauholz zu produzieren. Was meine Waldsehnsucht in Irland befriedigte, war die Literatur: wie wichtig der Wald als mystisch und mythologisch aufgeladener Handlungsort in der Literatur seit der Romantik ist, hatte ich natürlich gewusst. Erst in Irland jedoch, der Möglichkeit beraubt, mich in einem richtigen Wald zu verlaufen und also zu verlieren, ging mir auf, in wie vielen Gedichten, Romanen und Erzählungen der Wald als Motiv oder eben Handlungsbühne eine zentrale Rolle spielt. *** Sachbücher über den Wald gibt es mittlerweile derart viele, wie es Bäume in einem Wald gibt. Dass viele dieser Titel zu Bestsellern werden, beweist, dass der Wald in unserer immer virtueller und septischer werdenden Gegenwart ein wichtiger Sehnsuchtsraum geblieben ist. *** Der Untertitel unserer Wald-Nummer Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet stammt aus einem Gedicht des Dichters Ernst Herbeck, den ich 1985 im Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Klosterneuburg nahe Wien im Künstlerhaus «Gugging» kennenlernen durfte. Er spricht etwas

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an, was ich in jedem Wald finde, wenn ich genügend Geduld aufbringe, zu warten, bis ich die Welt und endlich auch mich vergessen kann. Gleichzeitig soll der Untertitel darauf verweisen, dass ich den Wald nicht als Idylle verstanden haben möchte, weil ich darum weiss, er ist geheimnisvoller Ort ungewisser Ängste und kann zum schwarzen Verliess werden – die Auswahl der versammelten Texte wird dies belegen. Wir bedanken uns bei den Autorinnen und Autoren, die uns ihre Texte zur Verfügung stellten sowie bei Alberto Venzago, der den Waldtexten mit seinen wundersamen Bildern weitere Dimensionen hinzufügt. Wir wünschen aufregende Lesemomente im Dämmerlicht zwischen den Stämmen. Hansjörg Schertenleib

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Du Mu

Herbst

Weit in des Berglands schroffen Einsamkeiten schlang sich ein Pfad durch Felsen hoch hinaus. Und wo die Wolken weiss sich niederneigten, da stand ein Haus. Ich hielt den Wagen an und sah mit Staunen den Ahorn im späten Abendlicht. Das Laub im Frost: so tot sind selbst die Blßten im zweiten Monde nicht.

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Joyce Carol Oates

Tote Bäume

Als sie den Pfad verliess und an den Rand des Naturparkes vordrang, der an die Strasse grenzte, versanken ihre Füsse im dreckigen Boden, und sie unterdrückte einen Schreckensschrei, denn was sollte sie unternehmen, wenn sie in einen Sumpf geriet oder in Treibsand, in dem sie untergehen konnte, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen? Doch sie ging weiter. Was sonst sollte sie anderes tun als weiterzugehen? Sie hatte vorher nie bemerkt, dass es im Wald derart viele tote Bäume gab: leblose trockene Schäfte, an denen verdorrte leblose Blätter in Fetzen herabhingen, Blätter des letzten Jahres. Und das unablässige Gewusel unsichtbarer Vögel, Tiere. Und der ständig wehende Wind. Auf allen Seiten geheimnisvolle Geräusche, Geraschel, Aufruhr, Verschiebungen, als wäre ein gigantischer Organismus im Begriff, sich selbst zu definieren, ohne jemals zu vollem Bewusstsein zu gelangen. Sie empfand die Erregung einer tiefen, ruhigen Furcht, als sie das dachte. Sie hatte noch nie etwas Ähnliches gedacht. aus der Erzählung Naked, 1991 in der Zeitschrift The Ontario Review erschienen. Übersetzt von Hansjörg Schertenleib.

AHORN (Acer pseudoplatanus) Blütezeit: Mai, nach Laubausbruch. Insektenblüher. Blütenanlage: Zwitterblüte. Laubausbruch: Ende April bis Mai. Fruchtreife: September bis Oktober.

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Peter Stamm

Im Wald

Wir sind uns im Wald begegnet. Du lagst schlafend unter einem Baum, auf dem Gesicht ein Lächeln. Mehr als ein Lächeln, den Ausdruck vollkommener Ruhe und Gelassenheit. Ich wollte dich nicht stören. Dein Schlaf schien so licht wie der Wald. (Und doch hätte ein Kuss nicht genügt dich zu wecken). Ich habe mich neben dich auf den Boden gesetzt, die Beine angezogen und sie mit den Armen umschlungen. Zwei Bilder, ich und du, vor demselben Hintergrund. Kann man sich verlaufen, wenn man kein Ziel hat? Wärst du erwacht, ich hätte dich nach dem Weg gefragt. Du hättest mich angeschaut, mit dem Ernst der Erwachenden, und gesagt, es gibt keine Richtung im Wald. Du folgst den Pfaden, die nirgendwohin führen oder dahin zurück, woher du gekommen bist. Du erkennst Orte wieder oder du erkennst sie nicht wieder. Der Wald ist wie ein Punkt, er hat keine Ausdehnung. Wie lange hast du unter dem Baum gelegen? Ich werde dich fragen, wenn du aufwachst (der Wald wird sich in deinen Augen spiegeln). Und du wirst den Kopf schütteln mit einem tadelnden Ausdruck im Gesicht. Nein, nein, nein. Im Wald gibt es keine Zeit. Er ist wie der Schlaf, in den man versinkt. Und wenn man wieder auftaucht sind drei Minuten vergangen oder dreihundert Jahre, es macht keinen Unterschied. Die Äste filtern die Zeit. Auf dem Waldboden flirren die Augenblicke wie das Licht. Ich frage dich, gibt es Tiere in deinem Wald, vor denen ich mich in Acht nehmen muss? Du runzelst die Stirn. Aber nein. Weshalb solltest du dich fürchten? Die Blätter der Bäume fallen zu Boden und verroten, um wieder zu dem zu werden, was sie einmal gewesen sind. Und so ist es mit den Tieren. Das eine wird zum anderen. Der Wald verdaut sich selbst. Er erhält sich am Leben. Solange er steht, stirbt nichts in ihm. Ich stelle ihn mir vor, deinen Wald. Bäume, wie ich sie noch nie gesehen habe, die Äste so weit voneinander entfernt, dass nur

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sehr geschickte oder waghalsige Tiere vom einen zum nächsten springen können. Früchte wachsen an diesen Bäumen, seltsam geformte Früchte mit ledriger Haut, mit Stacheln oder Buckeln. Du zeigst mir, welche geniessbar sind, nennst ihre Namen, die fremd klingen in meinen Ohren. Du pflückst eine Frucht, schälst sie, deine Finger versinken im Fruchtfleisch, das nachgibt und dann bricht. Es ist gelb oder weisslich oder blutrot wie unser Fleisch. Als die Frucht sich teilt, ist es mir als könne ich es hören. Das Geräusch dringt in sie ein wie deine Finger. Eine Hälfte isst du selbst, die andere steckst du mir in den Mund. Sie ist saftig aber fast geschmacklos. Erst allmählich entsteht der Geschmack, als habe mein Gaumen ihn übersetzen müssen aus einer fremden Sprache. Lange hast du geschlafen. Vielleicht schon immer. Als du erwacht bist, bist du weggegangen. Es war dasselbe: Erwachen hiess weggehen. Wie erinnerst du dich an deinen Wald, jetzt, wo du fern von ihm bist? Wie an ein Haus, in dem du gewohnt hast? Wie an einen Menschen, den du geliebt hast? Erinnerst du dich im Wald geschlafen zu haben? Erinnerst du dich an deine Wege? Ist deine Erinnerung ein Wort oder ein Gefühl oder ein Bild? Ich setze mich neben deine Erinnerung. Ich nehme deinen Platz in ihr ein. Ich lege mich hin, das Ohr auf dem Boden, als lausche ich auf deine Schritte. Dann schlafe ich ein, auf dem Gesicht ein Lächeln, und der Wald ergreift von mir Besitz. Käfer laufen über mich und Spinnen. Moos wächst auf mir. Die Wurzeln der Bäume umarmen mich, umschlingen mich und dann, als sei ich schon zu Erde geworden, wachsen sie durch mich hindurch. Ich zersetze mich im Schlaf, aber wenn ich erwache (in drei Minuten oder in dreihundert Jahren), werde ich der sein, der ich gewesen bin. Du stehst vor mir, streckst mir die Hand hin um mir aufzuhelfen. Du hast dich an mich erinnert. Wir gehen hintereinander her. Wir gehen wie Tiere, schnell aber ohne Hast. Die Pfade sind zu schmal für uns beide. Im Wald ist jeder für sich, sagst du, und doch ist keiner allein. Dein Wald ist ein geschlossener Raum mit vielen Wänden. Er ist

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die Bäume und das was zwischen ihnen ist. Der Wald ist die Früchte und die Tiere und das gefangene Wasser. Alle unsere Wege führen durch den Wald. Unser Atem geht durch den Wald. Wir sind der Wald, wie wir in ihm sind. Als du stillstehst, bist du kaum von den Bäumen zu unterscheiden. Ich gehe an dir vorbei, lasse meine Hand kurz über den schlanken Stamm streichen und spüre die glatte Haut und eine kleine Unebenheit, die Narbe einer alten Verletzung. Du errötest und wendest dich ab. Meine Berührung ist wie die des Windes, die jeden Baum erfasst, bis die Summe der Bewegungen zu etwas Gewaltigem wird, zu einem Rauschen. Wohin ich mich wende, überall sehe ich nur Dich, dein scheues im Drehen Sich-Neigen. Alles wendet sich von mir ab für einen schrecklichen Augenblick und federt dann zurück, und es ist, als sei nichts geschehen. Du hast den Wald in dir. Er ist deine dunkle Materie. Er erscheint dir als ein Ast, als ein Geflecht von Ästen, als ein Baum oder zwei Bäume. Als der Zwischenraum oder das gefilterte Licht, die gefilterte Zeit. Der Wald erscheint dir als eine schlafende Frau und manchmal als ein Meer (was leicht zu verstehen ist aber schwer zu erklären). Ich sehe den Wald in deinen Bewegungen und in deiner Ruhe, in deiner Scheu und in deiner Gewalt. Ich höre ihn in deiner Stimme, die leise ist aber trägt. Du schläfst wie eine, die aus dem Wald kommt. Wenn du die Augen öffnest, kann ich den Wald in ihnen sehen.

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Georg Heym

Der Schläfer im Walde

Seit Morgen ruht er. Da die Sonne rot Durch Regenwolken seine Wunde traf. Das Laub tropft langsam noch. Der Wald liegt tot. Im Laube ruft ein Vögelchen im Schlaf. Der Tote schläft im ewigen Vergessen, Umrauscht vom Walde. Und die Würmer singen, Die in des Schädels Höhle tief sich fressen, In seine Träume ihn mit Flügelklingen. Wie süss ist es, zu träumen nach den Leiden Den Traum, in Licht und Erde zu zerfallen, Nichts mehr zu sein, von allem abzuscheiden, Und wie ein Hauch der Nacht hinabzuwallen. Zum Reich der Schläfer. Zu den Hetairien Der Toten unten. Zu den hohen Palästen, Davon die Bilder in dem Strome ziehen, Zu ihren Tafeln, zu den langen Festen. Wo in den Schalen dunkle Flammen schwellen, Wo golden klingen vieler Leiern Saiten. Durch hohe Fenster schaun sie auf die Wellen, Auf grüne Wiesen in den blassen Weiten. Er scheint zu lächeln aus des Schädels Leere, Er schläft, ein Gott, den süsser Traum bezwang. Die Würmer blähen sich in seiner Schwäre, Sie kriechen satt die rote Stirn entlang. Ein Falter kommt die Schlucht herab. Er ruht Auf Blumen. Und er senkt sich müd Der Wunde zu, dem grossen Kelch von Blut, Der wie die Sammetrose dunkel glüht. 14


Der Abend

Versunken ist der Tag in Purpurrot, Der Strom schwimmt weiss in ungeheurer Glätte. Ein Segel kommt. Es hebt sich aus dem Boot Am Steuer gross des Schiffers Silhouette. Auf allen Inseln steigt des Herbstes Wald Mit roten Häuptern in den Raum, den klaren. Und aus der Schluchten dunkler Tiefe hallt Der Waldung Ton, wie Rauschen der Kitharen. Das Dunkel ist im Osten ausgegossen, Wie blauer Wein kommt aus gestürzter Urne. Und fern steht, vom Mantel schwarz umflossen, Die hohe Nacht auf schattigem Kothurne.

ROTBUCHE (Fagus silvatica) Blütezeit: April, Mai bis Juni. Windblüher. Blütenanlage: Einhäusig. Laubausbruch: Mai. Fruchtreife: September bis Oktober.

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Michael Stauffer

In Wald

Das Bär isch in Wald. Das isch Bär und das isch allei. Isch in Wald allei, das Bär. Es isch solo. Solobär! Wo das Bär isch in Wald, do muess ufpasse! Das Bär hed Angscht vor Lüüt. Das muess liis mache, will hed es Angscht. De Bär isch allei ohni Mütter ufgewachs. Das Bär isch dumm blybö. Das Bär isch in Wald und hettes e Frou geseeh. Und wo ruhig isch ine Wald, isch das Bär zu Frou und hez des Frou gsait: Gute Tag, du machsch mir köine Ongscht, ich bi scho long allei, hed des Frou gseit. Komm eine! Du kasch mir diese häufe hier, muss sammle Ouz. Schnee ischte choo. Es isch viil Schnee. Kommt das Schnee und muss Bär für de Houz mache für de Frou, hets Füür gmacht vo des grosses Wauld. Chunnt. Komisches Frou. Plötzlich isch das Frou vo Holland gekommö und hettös komische Dialekt. Ik bin in dis Wouds sind een lange teid, ben ik niete bang van dü domme Beer.

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Isch de Frou plötzlich no ongere Dialekt gmacht. Isch de Bör keine Ohnung meh, wa mi de Frou isch passiert. Das Bäär het derno dem Frou gseit in de ongere Dialekt. Flöische mit de Flöische höide, mösch mir kö Öngsch dü öude Fröö. Mösch mir körne, hörne. Kommt das Bär und denkt, was isch kommisch mit diese Waud. Plötzlich isch de Bär grosse Idee in des Bäre ine. Isch das Bär ganzi Ziit allei gsii und hetse das aues us dem Phantasie. Gitz de Frou nid. Gits das Waud nid, wo chasche go lüüge. Gits nume das Bär, wo isch und bliibt allei.

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