Das vielbewegte Leben des Grabsers Matheus Eggenberger

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Das «vielbewegte» Leben des Grabsers Matheus Eggenberger

FormatOst Leseprobe

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Das «vielbewegte» Leben des Grabsers Matheus Eggenberger Ein Beitrag zur Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsgeschichte der Ostschweiz im 19. Jahrhundert

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Begleitpublikation zum Werdenberger Jahrbuch: vol. 13 Beiträge zur Geschichte und Kultur der Werdenberger Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald.

© 2022 by Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Herausgeber: Historischer Verein der Region Werdenberg (HVW) in Zusammenarbeit mit dem Ortsarchiv Grabs Projekt- und Redaktionsleitung: Susanne Keller-Giger Transkription: Mathäus Lippuner Autorinnen und Autoren: Walter Gantenbein, Meinrad Gschwend, Anton Heer, Alfonso C. Hophan, Susanne Keller-Giger, Max Lemmenmeier, Mathäus Lippuner, Clara Müller, Elias Quaderer Lektorat: Max Lemmenmeier, Clara Müller Gestaltung Umschlag: Brigitte Knöpfel Gestaltung Inhalt: Josef Scheuber Gesetzt in Arno Pro und Program OT Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-03895-041-7 www.formatost.ch


Inhalt 7 Vorwort 9 Einführende Worte

19 Verschiedene Notizzen, aus meinem vielbewegten Leben zum Andenken für meine Familie u. Nachkommen von mir selbst aus meinen Papieren entnommen, von Matheus Eggenberger, alt Gerichtspräsident, in Grabs. 141 Der Vertrauensmann der «Welschen» Matheus Eggenberger und der transalpine Viehhandel 151 Von den Schwierigkeiten, alle Kinder lesen, schreiben und ein wenig rechnen zu lehren Matheus Eggenbergers Erinnerungen an die Schule Grabs im Kontext der Modernisierung des St. Galler Volksschulwesens 163 Ein Rathaus für die Politische Gemeinde Grabs Ein Beitrag zur Entwicklung der politischen Gemeinden im 19. Jahrhundert 173 Eggenbergers Streitigkeiten mit dem Grabser Pfarrer Johann Heinrich Schiess Konservativer Protestantismus im Werdenberg 179 «Bei Gott, Sie sind noch ein Rekrut, der das Feuer nicht fürchtet.» Matheus Eggenberger in den St. Galler Verfassungskämpfen der 1860er-Jahre 203 Eggenbergers Arbeit in der eidgenössischen Schatzungskommission Die Beilegung des Grenzstreits zwischen Appenzell Ausser- und Innerrhoden 1870 209 Das Hochwasser-«Hülfskommite»: Die Schaltstelle der Hilfeleistungen Die Versorgung der notleidenden Bevölkerung nach den Rheinüberschwem­ mungen 1868 und 1871


225 Telegrafenanschluss und Postkutsche Entwicklung der Telegrafie und der Postverbindungen im kantonalen Kontext 237 Die Erbteilung des Jakob Schneeli Von kantonaler Vielgestaltigkeit zu eidgenössischer Rechtseinheit 256 Lebenslauf von Matheus Eggenberger 258 Ahnentafel Eggenberger 260 25 Jahre danach: Eintragungen des Enkels von Matheus Eggenberger (1823–1895) 272 Personenverzeichnis 281 281 294 296 305 308

Anhang Anmerkungen Quellen Literatur Abbildungsnachweis Autorinnen und Autoren


Vorwort

Die Lebensgeschichte von Matheus Eggenberger, dem Bauernbuben vom Leversberg am Grabserberg, ist eine Erfolgsgeschichte. Er führte die Politische Gemeinde Grabs als Gemeindammann, stand dem Werdenberger Bezirksgericht als Präsident vor und war als Gross- und Verfassungsrat ­beteiligt an der heiklen Verfassungsrevision des Kantons St. Gallen 1860 bis 1861. Der Grabser Matheus Eggenberger war eine der wenigen lokalen Persönlichkeiten, die sich im 19. Jahrhundert über die Gemeinde- und ­Bezirksgrenze hinaus einen Namen gemacht hatte. «Schreiber vom Feld» wurde er genannt. Und schreiben konnte er. Nicht zuletzt zeigen dies s­ eine Notizen, in denen er sein – wie er es nennt – «vielbewegtes» Leben niederschrieb. Das Lesen in seinen Erinnerungen ist selbst für heutige Leserinnen und Leser ein Genuss. Eggenberger provoziert auch manchen Lacher, wenn er, gesegnet mit einem gesunden Selbstbewusstsein, seine Taten schildert. Seine zahlreichen Mandate führten ihn oft dorthin, wo Konflikte ausgetragen wurden und Lösungen auf der praktischen Ebene gesucht wurden. Er gehörte nicht zu den allgemein bekannten Persönlichkeiten der St. Galler Politik, wurde aber nicht selten als deren Vertrauensmann beigezogen. Eggenberger war ein Sympathieträger und mit seiner vermittelnden, ehrlichen und bodenständigen Art ein gefragter Mann, wenn es um heikle Fälle ging. Die Aufgaben, die er ausführte, gingen weit über das hinaus, was von einem Bergbauernbuben mit Grundschulbildung zu jener Zeit zu erwarten war. Für die Gemeinde Grabs ist es ein Glücksfall, dass in ihrem Ortsarchiv Schätze wie die Notizen des Matheus Eggenberger liegen. Es ist ein Glücksfall, dass der frühere Grabser Ortsarchivar Mathäus Lippuner sich die Mühe nahm, die 128-seitigen handgeschriebenen Lebenserinnerungen zu transkribieren, und er im Historischen Verein der Region Werdenberg einen Herausgeber für die Publikation fand. Weitere Nachforschungen der Redaktion und der Autorinnen und Autoren bereichern, belegen oder 7


hinterfragen Eggenbergers persönlich gefärbte Ausführungen. Sie verdich­ ten sie zu einem Zeitbild des 19. Jahrhunderts. Matheus Eggenbergers Lebensgeschichte rückt die Gemeinde Grabs und das Werdenberg näher an die prägenden Entwicklungen des 19. Jahrhunderts im Kanton St. Gallen und in der Ostschweiz. Leserinnen und Leser erfahren mitunter Erstaunliches und Berührendes über den Autor und seine Zeitgenossen. Niklaus Lippuner Gemeindepräsident, Grabs

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Einführende Worte Susanne Keller-Giger

«Wenn ein Junge, in einem gesunden Körper auch einen gesunden Geist hat, u. kommt er in die Welt hinaus, so lernt er leicht; die äußern Eindrüke strömen ihm durch alle Poren ein […].»1 Diese Worte des Grossvaters begleiteten Matheus Eggenberger, den Bauernbuben vom Leversberg am Grabserberg, durch sein ganzes Leben. Seine Wissbegier, sein offener Geist und sein Ehrgeiz, gestaltend an der Weiterentwicklung und Modernisierung seines Dorfs, seiner Region und des Kantons St. Gallen mitzuwirken, führten ihn als jungen Mann zum Erlernen der italienischen Sprache ins Puschlav und verhalfen ihm in späteren Jahren zu zahlreichen Aufgaben und Mandaten in ganz unterschiedlichen Angelegenheiten in der Ostschweiz. Eggenbergers Lebenserinnerungen – zwei Jahre vor seinem Tod 1895 verfasst – geben auf unterhaltsame Art Einblick in sein «vielbewegtes» Leben. Im 19. Jahrhundert prallten Tradition und Aufbruchstimmung aufeinander. Tiefgreifende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen warfen neue Fragen auf und forderten Gesellschaft, Kirche und Politik. Die Erinnerungen von Matheus Eggenberger (1823–1895) – ein einmaliges Zeitdokument des 19. Jahrhunderts

Als der ehemalige Grabser Ortsgemeindepräsident und Ortsarchivar Mathäus Lippuner mit der Anfrage an den Historischen Verein der Region ­Werdenberg herantrat, die Lebenserinnerungen des ­ehemaligen Grabser Gemeindammanns und Bezirksgerichtspräsidenten Matheus Eggenberger zu publizieren, brauchte es keine langen Überle­gungen. Rasch war klar, dass der Text nicht nur als kurzweiliges Lesebuch begeistert, sondern auch einige für die Ostschweiz relevante Themen des 19. Jahrhunderts aufgreift. Die Lebenserinnerungen von Matheus Eggenberger oder «Verschiedene Notizzen, aus meinem vielbewegten Leben»2, wie er sie selbst nennt, werden seit 2013 im Ortsarchiv Grabs aufbewahrt. Ein unbekannter frühe9


rer Eigentümer hatte das Dokument im Rathaus Grabs abgegeben. Mathäus Lippuner, damals Ortsarchivar in Grabs, transkribierte den autobiografischen Text. Er war nicht der Erste, der sich für den Text interessierte. Bereits früher ­waren Teilabschriften verfasst worden, unter anderen von Paul Hugger für sein 1986 erschienenes Buch Das war unser Leben in der Buchreihe Werdenberger Schicksale3. Erst kürzlich wurde eine vollständige Abschrift des Grabsers Barthli (Bartholomäus) Gantenbein (1944–2021) entdeckt. Leider hatte dieser niemanden in der Gemeinde über seine Transkription in Kenntnis gesetzt. Matheus Eggenberger und seine Zeit Matheus Eggenberger erblickte am 16. Februar 1823 als erstes von drei Kindern das Licht der Welt; die alte Ordnung – im Werdenberg als Landvogtzeit in Erinnerung – war seit einem Vierteljahrhundert Geschichte. In seinem 72 Jahre langen Leben wurde er Zeuge bedeutender Ereignisse, Entwicklungen und Umbrüche auf lokaler, regionaler, eidgenössischer und europäischer Ebene. Der Einmarsch der französischen Truppen in das Gebiet der Eidgenossenschaft im Jahr 1798 hatte Regionen wie das Werdenberg von der Untertanenschaft befreit und Reformen zur Modernisierung des Lands waren angestossen worden. Die Begeisterung für die Reformen im Bildungs- und Gemeinwesen hielt sich bei der Landbevölkerung jedoch in engen Grenzen, und sie wurden gelegentlich auch sabotiert. Nach dem Sieg der alliierten Mächte Österreich, Russland, Preussen, Frankreich und England gegen Kaiser Napoleon, gewannen 1815 konservative Kräfte in Europa und auch in der Eidgenossenschaft wieder die Oberhand. Doch konnten nicht sämtliche während der Helvetik und der Mediation von liberalen Kräften angestossenen Reformen rückgängig gemacht werden. Die Träger dieser Reformprojekte waren in ländlichen Gegenden Männer, deren Familien es bereits zu Zeiten des Ancien Régime, der Alten Ordnung, zu Wohlstand gebracht hatten. Nach der Landvogtzeit übernahmen sie wichtige Ämter und verfügten über viel Einfluss im öffentlichen Leben. In den folgenden Jahrzehnten standen sich Konservative und Liberale oft unversöhnlich gegenüber. Während Konservative auf den Fortbestand einer traditionellen, regional und religiös verankerten Ordnung pochten, erklärten Liberale möglichst ungehinderten Fortschritt und individualistisch innovatives Denken zur neuen Maxime. Organisierte Parteien existierten noch nicht. Ab 1830 wurden in einzelnen Kantonen liberale Verfassungen erkämpft. Die Stimmung innerhalb der Schweizer Kantone und zwischen ihnen wurde weiter angeheizt; sie entwickelte sich zunehmend zu einem 10


konfessionellen Kampf. Die unterschiedlichen Meinungen zur Zukunft der Schweiz gipfelten 1847 im Sonderbundskrieg, benannt nach der Verteidigungsorganisation der konservativen Kantone. 1848 kam es auch in den grossen Städten Deutschlands, Frankreichs und weiterer europäischer Länder zu bürgerlich-liberalen Revolutionen, welche die Ablösung der Monarchien durch freiheitliche Republiken mit demokratischen Verfassungen zum Ziel hatten. Die revolutionären Bewegungen scheiterten kläglich – mit einer Ausnahme: In der Schweiz wurde nach dem Sieg der liberalen Tag­ satzungstruppen gegen den konservativen Sonderbund der Weg frei für die Gründung des Bundesstaats. Trotz gescheiterter Bürgerrevolutionen gerieten auch in den Nachbarländern alte Strukturen in Bewegung. In den italienischen Unabhängigkeitskriegen wurde die Ausrufung des Königreichs Italien durchgesetzt. Der Flickenteppich deutscher Kleinstaaten fand 1871 unter der Führung des Königreichs Preussen zum Deutschen Kaiserreich zusammen, während in Frankreich die Niederlage Napoleons III. gegen Preussen zur Ausrufung der Dritten Französischen Republik führte. Im Kanton St. Gallen setzte sich nach der Staatsgründung 1848 der politisch geführte Kulturkampf zwischen Konservativen und Liberalen fort. Die Liberalen orteten das Übel vor allem bei der mächtigen Kirche und trachteten danach, diese aus ihrer Monopolstellung in Erziehung und zivilrechtlichen Angelegenheiten zu verdrängen. Der Konflikt drohte 1860 während des Feilschens um eine neue Verfassung in einen Bürgerkrieg auszuarten. Erst ein Kompromissvorschlag konnte 1861 die Wogen vorübergehend glätten. Für die Kirche bedeutete die forcierte Modernisierung im 19. Jahrhundert eine Herausforderung und eine Beschneidung ihrer Machtposition in Politik und Gesellschaft. Die katholische Kirche behielt in weiten Teilen eine konservative, gegen den Modernismus gerichtete Haltung. Die reformierte Kantonalkirche hingegen passte sich schrittweise an den «wissenschaftlichen Zeitgeist» an, was ab den 1860er-Jahren zu freikirchlich pietistischen Bewegungen führte. Als Treiber der Politik wirkten die Bedürfnisse der aufkommenden Textilindustrie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in den von der Landwirtschaft geprägten Regionen Werdenberg und Sarganserland Fuss fasste. Die Einführung von Handels- und Gewerbefreiheit erleichterte die Gründung neuer Unternehmen. Die Anzahl Gewerbebetriebe und der in der Heimindustrie Beschäftigten nahm zu. Die Errichtung von Strassen und Eisenbahnlinien, Telegrafenämtern und Postlinien verbesserte die ­Infrastruktur über die Kantonsgrenzen hinweg. Die Vereinheitlichung der Masse und die Einführung des Schweizer Frankens förderten die Entwick11



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lung von Handel und Wirtschaft ebenso wie Vereinheitlichungen im Rechtswesen. Banken und Versicherungen stellten den Fabrikanten Geldmittel bereit zur Finanzierung ihrer Betriebe und Maschinen. Mit der Industrialisierung wuchs der Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Modernisierung des bis anhin kirchlich organisierten Volksschulwesens stand während des 19. Jahrhunderts ganz oben auf der Prioritätenliste der Liberalen und des jungen Bundesstaats. Etwas schwerer tat sich die zunehmend von liberalen Kräften dominierte Gesellschaft mit der wirtschaftlichen Not eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung. Armut wurde als persönliches Verschulden betrachtet. In den neu entstehenden Armen- und Waisenhäusern oder Rettungsanstalten sollten die Insassen durch Arbeit und Unterordnung zu «brauchbaren» Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. Im Werdenberg und in der umliegenden Region blieben die Landwirtschaft und vor allem die Viehzucht auch während des 19. Jahrhunderts der Haupterwerb der Bevölkerung. Die zu Beginn des Jahrhunderts eingeführten politischen Gemeinden fanden neben den finanzstarken Ortsgemeinden erst allmählich ihren Platz als wirkungsvolles, lokales Organ. Wiederkehrende Überschwemmungen von Flüssen brachten in den Dörfern des Rheintals seit je viel Leid und volkswirtschaftlichen Schaden. Dank durchgreifender Gewässerkorrektionen bis Ende des Jahrhunderts wurden schwerwiegende Naturkatastrophen seltener. Frauen spielen in den Aufzeichnungen von Matheus Eggenberger – mit Ausnahme der Grossmutter – nur am Rand eine Rolle. Es ist jedoch anzunehmen, dass Eggenbergers Frau in Zeiten der Abwesenheit ihres Manns den Bauernbetrieb der Familie führte und sich um die Kinder kümmerte. Frauen waren im öffentlichen Leben des 19. Jahrhunderts nicht präsent und wenn, dann wurden sie durch einen Vormund vertreten. Erst im 20. Jahrhundert konnten sie sich auch in Bereichen ausserhalb der Familie positionieren. Der autobiografische Text als historische Quelle Eggenbergers Selbstzeugnis ist autobiografisch und gehört zu einem speziellen Quellentypus der Geschichtsforschung. Autobiografien und Memoiren liefern Erkenntnisse zur Vergangenheit, die aber auf einer subjektiven Erzählkonstruktion beruhen. Beim Lesen von Lebenserinnerungen stellt sich die Frage, was der Autor mit seinen Aufzeichnungen bezweckte und an wen er sie richtete. Matheus Eggenbergers Notizen waren «zum Andenken für meine Familie u. Nachkommen von mir selbst aus meinen Papieren entnommen»4. Es fällt auf, dass das Familienleben kaum thematisiert wird und wohl für ihn nie erste Priorität hatte. Dies wurde auch 25 Jahre später in 14


den Aufzeichnungen seines Enkels kritisiert. Es ist durchaus möglich, dass es sich bei Eggenbergers Lebenserinnerungen um eine Art Rechtfertigungsschrift gegenüber seinen Angehörigen handelte, die seine häufige Abwesenheit von zuhause erklären sollte. Ein autobiografischer Text ist immer auch eine Konstruktion der Lebens­geschichte und soll dem eigenen Leben einen tieferen Sinn geben. Bereits die Auswahl der beschriebenen Ereignisse und Personen ist subjektiv, die Rolle, die man sich selbst und den anderen zuschreibt, ebenso. Eggenberger verfasste seine Erinnerungen im Alter von etwa siebzig Jahren. Beim Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte haben sich einige Ungenauigkeiten eingeschlichen. So stimmen beispielsweise Jahreszahlen und Namen damaliger Behördenvertreter nicht immer mit den Fakten überein. Soweit möglich wurden sie von den Autoren und der Redaktion angepasst. Eggenbergers Notizen sind naturgemäss nicht wertfrei. In dem kernig und prägnant geschriebenen Selbstzeugnis schimmern an manchen Stellen Eggenbergers politische Überzeugungen und persönlichen Ansichten durch. Das trägt zur Lebendigkeit des Texts bei und bringt den Leserinnen und Lesern die Person Matheus Eggenberger näher, zwingt aber auch dazu, seine Wertungen und Gewichtungen kritisch zu hinterfragen. Alles in allem bietet der autobiografische Text einen ganz persönlichen und lebensnahen Einblick in eine vergangene Zeit. Er schafft ein subjektives Zeitbild und ist deshalb auch ein Stück Literatur. Transkription des Quellentexts Eggenbergers Notizen sind für eine heutige Leserschaft gut verständlich. Deshalb wurde der Quellentext, abgesehen von ganz wenigen Anpassungen, buchstabengetreu transkribiert: Im Original augenscheinlich fehlende Wörter wurden in eckigen Klammern ergänzt und bereits vom Autor durchgestrichene Wörter in der Transkription weggelassen. In einigen Fällen wurden zur Vereinheitlichung und besseren Strukturierung des Texts Interpunktionszeichen eingefügt oder weggelassen (beispielsweise bei nicht geschlossenen Klammern oder Anführungszeichen ohne Schlusszeichen, ebenso bei den von Eggenberger gesetzten Zwischentiteln). Römische Zahlen und Abkürzungen wie fr., Hr. oder pr. sind einheitlich mit Punkt aufgeführt. In Eggenbergers Notizen gibt es diesbezüglich keine konsequente Handhabung. Langes «n» oder «m» wird in der Transkription als «nn» und «mm»» geschrieben. Von der Redaktion gesetzte rote Zwischentitel dienen der Strukturierung des Quellentexts und damit der besseren Lesbarkeit. 25 Jahre später setzte Eggenbergers gleichnamiger Enkel die Notizen des Grossvaters fort. Er beschreibt auf den ersten Seiten seine Sicht auf das 15


Leben und Wirken seines Grossvaters und widmet dann den weitaus grösseren Teil seinen Erinnerungen an den Vater. Der Text des Enkels wurde ebenfalls wörtlich transkribiert. Nachträgliche Ergänzungen mit Bleistift am Blattrand wurden im Text dort eingesetzt, wo sie inhaltlich weitere Informationen lieferten. Zur Verdeutlichung der zeitlichen Distanz zwischen den Aufzeichnungen des Grossvaters und jenen des Enkels, und um Missverständnisse zwischen den Generationen zu vermeiden – Grossvater, Vater und Enkel hiessen alle gleich – stehen die Aufzeichnungen des Enkels am Schluss des Buchs. Sie wurden nicht weiterbearbeitet. Zum Aufbau des Buchs Ursprünglich war nur die Veröffentlichung von Matheus Eggenbergers Lebenserinnerungen geplant. Schon bald zeigte sich aber, dass Eggenbergers Notizen Stoff für mehr bieten. Wie durch ein Prisma blicken wir in das bewegte 19. Jahrhundert. Von Abschnitt zu Abschnitt eröffnen sich den Leserinnen und Lesern neue Aspekte. Bei den Herausgebern reifte schon bald der Entschluss, wenigstens einem Teil der von Eggenberger aufgegriffenen Themen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Autorinnen und Autoren wurden gesucht, die diese in einen breiteren Kontext setzen und die historisch fassbare Rolle des Autors und weiterer in den Erinnerungen erwähnter Personen näher beleuchten konnten. Nun liegt eine Publikation mit einem lesebuchartigen ersten Teil und einem zweiten Teil mit neun Autorenbeiträgen vor. Die beiden Teile sind bereits am unterschiedlichen Layout erkennbar: − Die Transkription der Notizen von Eggenberger im ersten Teil ist auf beigem Hintergrund gedruckt. Damit soll die Wirkung eines historischen Dokuments erzeugt werden. Der Text liest sich wie ein Lesebuch. Die Seitenzahlen des Originals stehen neben dem Quellentext, ebenso die Anmerkungen mit Sternchen, in denen heute nicht mehr gebräuchliche Begriffe kurz erklärt und Personen eingeordnet werden. Längere Fussnoten sind am Schluss des Buchs im Anmerkungsapparat zu finden. − Informationstexte, Karten und Bilder auf separaten Seiten veranschaulichen Eggenbergers Darstellung, bringen uns den Autor näher und vertiefen das von ihm geschaffene Zeitbild. − Im zweiten Teil des Buchs widmen sich kleinere und grössere Autorenbeiträge ganz unterschiedlichen zeittypischen Themen, die aus Eggenbergers Erinnerungen aufgenommen wurden. Sie informieren, klären, ordnen ein, und dort, wo Eggenbergers Notizen nicht dem heutigen Wissensstand entsprechen, stellen sie richtig. Auf der ersten Seite jedes Autorenbeitrags steht oben rechts ein Hinweis auf die Seiten im Quel16


lentext (nicht Buchseiten), die als Grundlage für den Fachbeitrag ­dienen. − Abgerundet wird das Buch mit dem Lebenslauf von Matheus Eggenberger, einer Ahnentafel seiner Familie bis ins 20. Jahrhundert und mit den Erinnerungen des gleichnamigen Enkels (1879–1969) an den Grossvater (1823–1895) und an seinen ebenfalls gleichnamigen Vater (1850–1916) – eine Art Fortschreibung der Familiengeschichte. − Ein Personenverzeichnis erleichtert die Einordnung von Akteuren im Buch. Dabei ist zu beachten, dass die Schreibweise von Namen in Eggenbergers Notizen nicht immer mit der aktuellen Literatur übereinstimmt. So sind beispielsweise die Brüder Paravizin und Rudolf im Quellentext als «Hilti» aufgeführt, in den Autorenbeiträgen und im Personenverzeichnis hingegen als «Hilty». − Der Anhang mit Anmerkungsapparat zur Quelle und zu den Fachbeiträgen, Bibliografie, Abbildungsnachweis sowie Autorinnen- und Autorenverzeichnis schliesst das Buch ab. Dank Ohne die Initiative von Mathäus Lippuner wäre dieses Buch wohl nicht oder erst viel später entstanden. Seine Transkription von Eggenbergers Notizen hat zur Anfrage an den Historischen Verein der Region Werdenberg HVW geführt. Mit seinem grossen Wissen zur Grabser Geschichte konnte er manches Rätsel lösen und wertvolle Hintergrundinformationen zu Eggenbergers Ausführungen geben. Der Vorstand des HVW liess sich begeistern und schenkte der Projekt- und Redaktionsleitung das Vertrauen zur Durchführung. Die neun Autorinnen und Autoren präzisieren, vertiefen und erweitern die Darstellung von Matheus Eggenberger in ihren Fachbeiträgen. Die Lektorin und der Fachlektor kümmerten sich um eine kritische Überprüfung sämtlicher Texte im Buch und trugen mit ihren Anregungen wesentlich zur Qualität der Publikation bei. Das Team des Verlagshauses Schwellbrunn sorgte sich engagiert und professionell um Gestaltung und Herstellung des Eggenberger-Buchs. Aus dem Ortsarchiv Grabs und dem privaten Archiv von Hansruedi Rohrer in Buchs durften wir zahlreiche Bilder für die Illustration der Publikation verwenden. Die Mitarbeitenden von Archiven in den Kantonen St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sowie Glarus unterstützten das Projekt. Ebenso die Schwestern des Klosters Grimmenstein und Privatpersonen im Werdenberg, Sarganserland, Toggenburg und in Liechtenstein. Institutionelle und private Gönner sorgten mit ihrem Beitrag für die finanzielle Absicherung des Eggenberger-Buchs. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. 17


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Verschiedene Notizzen, aus meinem vielbewegten Leben zum Andenken für meine Familie u. Nachkommen von mir selbst aus meinen Papieren entnommen, von Matheus Eggenberger, alt Gerichtspräsident, in Grabs.

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Kindheit und Jugend Seite 2 I. Meine Eltern u. Großeltern wohnten am Grabserberg in Leversberg. Die Großeltern waren: Matheus Eggenberger u. Agatha Gantenbein. Meine Eltern waren: Matheus Eggenberger und Magdalena Vetsch. Mein Vater war einziges Kind seiner Eltern, u. sie lebten daher in gemeinsamer Familie.5 Als Erstgeborner von drei Brüdern, erblikte ich das Licht der Welt am 16 Febr. 1823. Unsere Familie betrieb nach alter Vätersitte ausschließlich das Bauerngewerbe: Viehzucht, Wiesen- u. Alpenwirtschaft. In den Zehnerjahren dieses Jahrhunderts bekleidete mein Großvater, eine damalige sechsjährige Amtsdauer die Stelle eines Schulraths Präsidenten u. Ortsverwaltungs Präsidenten in Grabs.6 Mein Vater bekleidete in den Dreißiger Jahren zwei Amtsdauern, die Stelle eines Mitgliedes im Gemeindrathe u. in der Kirchenvorsteherschaft in Grabs. Wie es im Familienleben häufig geschieht, wurde ich als erstgeborner Enkel, der besondere Liebling meines Großvaters, dessen Taufname Matheus [ich] erhalten hatte. Auch meine Zuneigung an den Großvater war eine besondere, die sich bis zu seinem Tode stetsfort erhielt. Vom 6ten bis zum vollendeten 15ten Altersjahre besuchte ich die Dreiviertel Jahrschule am Grabserberg. In den vier lezten Jahren unter der trefflichen Leitung unsers damaligen Oberlehrers Fridolin Eggenberger, der besonders im richtig betonten Lesen, in Sprachlehre u. Sazbildung bei seinen fähigern Schülern, das damals in Primarschulen gewöhnlich Unerreichbare leistete. Seite 3 Unterdessen war Vater u. Mutter mit den zwei jüngern Söhnen ins Thal hinabgezogen, u. hatte das Wohnhaus im Feld gebaut, das ich zur Zeit bewohne. Es wurde aber bestimmt, daß ich als ältester Sohn bei meinem Großvater am Grabserberg oben verbleiben solle, um ihm bei seinen Arbeiten in Stall, Wiesen u. Landwirtschaft auszuhelfen. In freien Stunden, u. namentlich an Sonntagen, war meine größte Neigung: Bücher zu lesen, die bei meinem Großvater zu haben waren; Schweizergeschichte, ein Buch über Erdkunde, ein Buch über den Kaiser Napoleon, die Geschichte über die Entdekung Amerikas, sowie Tagesblätter u. Kalender. An dieser Lesebegier hatte mein Großvater die größte Freude, u. gestattete mir Zeit zum Lesen soviel möglich.7 Im Jahre 1841 starb mein Großvater,8 u. ich kam nun zu meinen Eltern u. Brüdern ins Thal hinunter. Meine zwei Brüder: Peter u. Christian9 hatten vom Vater die Erlaubniß erhalten, die später gegründete Sekundarschule in Buchs zu besuchen, zwar blos für ein Jahr. Ihre Bücher standen nun auch mir zur Verfügung, u. ich benuzte dieselben fleißig soviel ich Zeit hatte, ohne unsern Beruf zu vernachläßigen. Als ich eines Tages bei meiner Großmutter am Grabserberg beim Nachsu21


Gemäss Aussage des Grabser Ahnenforschers Barthli Ganten­bein sel. handelt es sich bei dem abgebildeten Haus um das Geburtshaus von Matheus Eggenberger am Leversberg in Grabs.

Die Titelseite des Buchs Die Kaiser-Chronik von Johann Sporschil, die in Matheus Eggenbergers Jugendjahren eine breite Leserschaft fand.

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* Johann Rudolf Steinmüller (1773–1835)

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* Ortsgemeinde * Peremtorisch/ peremptorisch, hier: zwingend

chen eines Buches in einem Schranke ein Paket ältere Briefe fand, aus der Zeit wo der Großvater Schulraths Präsident gewesen war, prüfte ich dieselben: Es waren Korrespondenzen, des ersten Erziehungsrathspräsidenten Steinmüller sel.*, Pfarrer in Rheinek an meinen Großvater, damals Ortsschulrathspräsidenten Grabs. Je mehr ich diese Briefe las, destomehr interressirten sie mich, u. besonders jener kräftige Kanzleistil jener Zeit, u. jene Entschlossenheit, mit der damals, der erste hohe kantonale, gemeinsame Erziehungsrath des neu gegründeten Kantons St. Gallen, seine Aufgabe zur Hebung des Volksschulwesens erfaßt hatte. Alle jene Briefe machten auf mein jugendlich empfängliches Gemüth einen unvergeßlichen Eindruk. Lasse hier nur ein Beispiel jenes entschlossenen u. kräftigen Kanzleistils folgen: „An den löblichen Ortschulraths Präs. in Grabs! Nachdem der Schulrath Grabs troz aller Mahnung vom hohen Erziehungsrath des Kantons, seit zwei vollen Jahren, versäumt hat, am Grabserberg ein neues Schulhaus zu bauen, auf Kosten der Genossengemeinde Grabs*, so werden Sie hiemit, bei Ihrer Amtsehre, bei Straf- u. Exekutionsfolgen, peremtorisch* zum lezten Mal aufgefordert, fürzusorgen, daß nächstes Frühjahr der Neubau eines Schulhauses auf der von Ihnen bezeichneten Stelle am Grabserberg, nach unserm Plan u. Beschrieb erstellt werde. Wir müssen Sorge tragen, daß wir u. unsere Kinder nicht wieder zurüksinken in das Dunkel der Unwissenheit, in das alte u. träge Papageienthum der Vorzeit.“ Datum: gezeichnet, Steinmüller Erzieh. Raths Präs.

Ich dachte mich, in jene Zeit meines lieben Großvaters zurük, an die Schwierigkeiten, an jene Kämpfe, die es kostete, alle Kinder: lesen, schreiben u. ein wenig rechnen zu lehren. Ich liebte den landwirthschaftlichen Beruf, weil ich gelehrt worden war, ihn mit Verstand zu betreiben, aber – ich fühlte, daß er mir als einziger Beruf nicht mehr genügte. Fünf Jahre waren seit meiner Primarschulzeit vergangen. Im Jahre 1843 wurde ich Soldat Seite 5 u. trat meiner Neigung gemäß zum Chor der Scharfschüzen. Nun, damit kam ich ein wenig über die Grenzen unserer Gemeinde hinaus, u. es ergieng mir, wie mein Großvater sel. einmal sagte: „Wenn ein Junge, in einem gesunden Körper auch einen gesunden Geist hat, u. kommt er in die Welt hinaus, so lernt er leicht; die äußern Eindrüke strömen ihm durch alle Poren ein, – aber brav muß er bleiben.“ Drei Jahre war ich Militär gewesen, hatte absichtlich meine wenigen Kennt23


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Zinse habe einziehen müssen, u. dieses habe nicht anders geschehen können als daß die Herren Wachter noch einen Rest freier Bodenstüke als Unterpfand der Frau Hilti eingesezt haben. Aber Herr Landammann ich muß Ihnen noch mehr eröffnen: Ich habe durch ein Glied dieser Familie erfahren: daß diese Familie sich solidarisch für diesen Bruder in Lichtenstein unlängst bei der Kreditbank in Zürich für die Summe von fr. 150,000.– verbürgt hat. Und dies Alles für den sittenlosen Spieler in Lichtenstein, der die ganze Familie Wachter vollständig ruinirt. Wenn das Haupt dieser Familie (Marin Wachter) richtig gehandelt hätte, wäre er genöthigt gewesen: die ganze Steuersumme streichen zu lassen, u. nicht nur auf die Hälfte von fr. 50,000.– das Protokoll zu unterzeichnen. Aber die vermeintliche Ehre der Familie habe diesen Schritt nicht gestattet. – Herr Landamman Zündt that auf seinem Büreau die Seitenthüre auf, u. sagte zu seinem Sekretär: Schreiben Sie sofort nach Mels, die Steuertabelle sei vom Departement genehmigt worden; u. die Thüre wieder schließend sagte er zu mir: „Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre Mittheilungen. Sie dürfen versichert sein, daß ich volle Diskretion beobachten werde.“ Es dauerte noch ungefähr ein Jahr, da fallirte ihr Bruder in Lichtenstein. Seine Frau hatte ausgewiesen zirka fr. 70,000.– Vermögen in die Ehe gebracht, u. soweit es noch vorhanden war, konnte sie im Konkurs dasselbe voraus beziehen. – Aber die Familie Wachter in Mels erklärte sich auch in Konkurs, u. schädigte eine Menge von Freunden u. Verwandten. Einer der Gebrüder Wachter: Klaudius mit Namen, kam als Sekretär der Saar u. Seezkommission, wegen verbrauchten Geldern jener Korrektionskassa für längere Zeit in’s Zuchthaus in St. Gallen. Der Fallit in Vaduz-Schan zog mit Familie nach der Waadt zu den Eltern seiner Frau. Derselbe soll später ohne Familie nach Amerika ausgewandert sein. Der Bruder Marin Wachter trieb sich als Taglöhner in den andern Gemeinden des Sarganserlandes herum, Frau u. Kinder wurden von Verwandten getrennt, aufgenommen. – So endete eine Familie, die früher zu den angesehern Familien der Gemeinde Mels gehörte. –


Matheus Eggenberger Seiten 5–12

Der Vertrauensmann der «Welschen» Matheus Eggenberger und der transalpine Viehhandel

Elias Quaderer

Im Alter von 23 Jahren trat Matheus Eggenberger mit einer besonderen Bitte vor seine Eltern: Er wolle die italienische Sprache lernen. Wozu dies nützlich sei, teilte Eggenberger noch im gleichen Atemzug seinem Vater mit: «Er wisse, daß wir alle Jahre an die italienischen Händler Vieh verkaufen, u. Niemand verstehen, u. uns auf Gnade dem Dollmetsch anvertrauen müssen, den wir gar nicht kennen, ob er uns anlüge oder nicht.»50 Damit weist uns Eggenberger in seinen Lebenserinnerungen darauf hin, dass er und ­seine Familie einen Teil ihres Einkommens mit dem Welschlandhandel ­besorgten – dem jahrhundertealten Viehhandel mit Italien. Der nachfolgende Beitrag wird sich diesem Thema widmen. Anhand von Matheus Eggenbergers Rolle als Dolmetscher zwischen italienischund deutschsprachigen Viehhändlern wird aufgezeigt, wie sich der trans­ alpine Viehhandel zur Mitte des 19. Jahrhunderts gestaltete. Wie war der Handel und der Viehverkehr über die Alpen organisiert? Welche Bedeutung kam dem Welschlandhandel für die Region Alpenrheintal zu? Die Anfänge des Welschlandhandels Der Trieb von Grossvieh aus den Regionen der heutigen Schweiz über die Alpenpässe nach Italien ist ab dem Spätmittelalter fassbar.51 Das Auftreten des Welschlandhandels muss dabei im Zusammenhang gesamteuropäischer Umwälzungen in der Agrarwirtschaft betrachtet werden: Die getreidebauliche Ausbauphase des Hochmittelalters erfuhr mit den Pestzügen Mitte des 14. Jahrhunderts ein jähes Ende. Der massive Bevölkerungsrückgang liess die Nachfrage nach Getreide einbrechen, die Getreidepreise zerfielen. In den voralpinen Gebieten herrschten aufgrund der topografischen und klimatischen Verhältnisse ungünstigere Bedingungen für den Getreidebau. Mit der eingebrochenen Nachfrage wurde in diesen Regionen der Ackerbau zunehmend unrentabel. Folglich ist zu sehen, wie im 14. und 15. Jahrhundert die Bauern in der Innerschweiz, in Graubünden, der voralpi141


nen Ostschweiz und Vorarlberg sich allmählich vom Ackerbau abwandten und sich immer mehr auf die Viehwirtschaft spezialisierten.52 Entscheidend für diesen Prozess war das Aufblühen der Städte im ausgehenden Mittelalter. Erst das Wachstum urbaner Zentren schuf die Nachfrage nach Fleisch, die eine Umstellung auf die Viehzucht attraktiv machte. Im Allgemeinen ist europaweit ab dem Spätmittelalter festzustellen, dass sich die landwirtschaftliche Produktion stärker an den städtischen Märkten orientierte. Gleichfalls hielt die Geldwirtschaft zunehmend Einzug in die Landwirtschaft, wie auch der regionale und überregionale Handel einen Aufschwung erlebte.53 Den Viehzüchtern nördlich der Alpen bot sich das stark urbanisierte Oberitalien als optimaler Absatzmarkt an. Zum einen bestand in den lombardischen Städten − mit Mailand als deren bevölkerungsreichste − eine grosse Nachfrage nach Fleisch. Zum anderen wurde dieser Bedarf kaum mit Vieh aus der Region gestillt. Zwar war in Oberitalien die Weidewirtschaft

Das Oberbild der Zunftscheibe zeigt einen frühneuzeitlichen Viehtrieb.

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stark verbreitet. Seit dem 13. Jahrhundert wurden die Wiesen mit einem ausgeklügelten System bewässert. Aber die Kühe, die auf diesen fetten Wiesen weideten, dienten vornehmlich der Milchwirtschaft, also der Fabrikation von Milchprodukten. Marty führt aus, dass der in der Lombardei vorhandene Viehbestand in erster Linie durch Importe aus der Schweiz ergänzt wurde. Die Lombarden selbst verzichteten auf eine eigene Zucht, da sie die Viehaufzucht für wirtschaftlich unvorteilhaft hielten. Das Agrarland Oberitaliens eigne sich für intensive Bodennutzung besser als für extensive Viehzucht, war ihre Ansicht. Ausserdem konnte bis zum 19. Jahrhundert ein hoher Preis für lombardischen Käse erzielt werden, während die Einfuhr von Vieh von der Alpennordseite verhältnismässig billig war.54 Der Exporthandel mit Vieh über die Alpenpässe blühte insbesondere in der Innerschweiz ab dem 16. Jahrhundert auf.55 Während die «Urschweiz» ihr Zuchtvieh bereits auf den Märkten südlich des Gotthards absetzte, waren die Viehzüchter der voralpinen Ostschweizer Gebiete vornehmlich auf den städtischen Markt St. Gallen ausgerichtet.56 Allerdings lassen sich bereits im 15. und 16. Jahrhundert Nachrichten von Händlern aus dem Alpenrheintal finden, die Grossvieh über die Bündner Pässe führten und in der Lombardei absetzten. Im Zentrum standen aber Pferde und nicht Rinder. Denn die Herzöge von Mailand hatten ebenfalls einen grossen Bedarf an Streitrossen. 1477 sandten Pferdehändler, die unter anderem aus Sargans, Ragaz, Feldkirch und Lichtensteig im Toggenburg stammten, Beschwerdeschriften an den Herzog von Mailand wegen Enteignungen, Beraubungen und Überfällen.57 Auf den transalpinen Handel mit Ochsen über die Bündner Pässe deutet ein Schreiben des Churer Bischofs Ortlieb von 1474 hin. Der Bischof beschwerte sich beim Herzog von Mailand, dass er einen neuen Zoll für den Tierexport ins Veltlin und nach Bormio eingeführt habe.58 Umgekehrt trat nach 1600 ein Viehhändler aus Bergamo mehrmals im Toggenburg auf, um Kühe aufzukaufen und ins Welschland treiben zu lassen.59 Während des Dreissigjährigen Kriegs stieg der Fleischbedarf in den umliegenden Staaten enorm an. So stieg beispielsweise der Innerschweizer Viehpreis um das Dreifache.60 Für das 17. und 18. Jahrhundert – die Zeit der Hochblüte des Welschlandhandels – geht Alain Dubois davon aus, dass aus dem Gebiet der heutigen Schweiz jährlich 15 000 bis 20 000 Rinder in den Süden exportiert wurden.61 Jedoch ist bisher kaum untersucht, inwieweit das Gebiet zwischen Sax und Sargans in diesen Handel eingebunden war. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts weist Matheus Eggenbergers Biografie auf die Bedeutung des Welschlandhandels hin. Um selbst mit den Viehhändlern aus dem Süden verhandeln zu können, wollte er die italienische Sprache erlernen. Für seinen Plan hatte er ein Institut im Puschlav im Auge, 143


Lebenslauf von Matheus Eggenberger 16. Februar 1823

Geburt von Matheus Eggenberger am Leversberg (Grabserberg) 1829–1838 Besuch der Primarschule am Grabserberg 1838–1841 Mithilfe auf dem Hof des Grossvaters am Leversberg 1841 Tod des Grossvaters Umzug ins Dorf zu den Eltern und den beiden Brüdern 1843–46 Militärdienst in der Schützenkompagnie Custer in Altstätten Sommer 1846–Mai 1847 Sprachaufenthalt im Puschlav 1847 Teilnahme am Sonderbundskrieg 1847 Heirat mit Elsbeth Hilti 1849–1851 Mitglied des Gemeinderats Grabs 1851–1853 Mitglied des Ortsverwaltungsrats Grabs (Verwaltungsrat der Orts- und Bürgergemeinde) 1853–1857 Privatgeschäfte, Vormundschaften 1857 Liquidation des Warenlagers in Castasegna (Bergell) 3. Mai 1860 Tod der ersten Frau Frühjahr 1861 Heirat mit Susanna Hilti 1861–1867 und 1873–1876 Kantonsrat; insgesamt drei Amtsdauern, jeweils vom 1. Juni bis 31. Mai 1861 Verfassungsrat und Mitglied der Verfassungskommission (Verfassungsrevision Kanton SG) 1861–1867 Gemeindammann Grabs 1861–1877 Bezirksrichter, ab 1873 Bezirksgerichtspräsident 1862–1877 Bezirksschulrat 1863 Kauf des «Weissen Hauses» an der Kirchgasse durch die Politische Gemeinde Grabs als Rathaus Ab 1864 Mitglied der Landwirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons St. Gallen Ab 1865 Aktuar und später Präsident des Werdenberger landwirtschaftlichen Vereins

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1868/1871 1870 ca. 1870–ca. 1880 1870–1890 1872–1895 1873 1889

9. April 1895

Mitglied des kantonalen «Hülfskomitees» nach der Rheinüberschwemmung; 1871 Leiter der Depotverwaltung in Buchs Mitglied der Schatzungskommission bei der neuen Grenz­ ziehung zwischen AI/AR Regierungskommissär und Teilungsbeamter über den Nachlass des Holzhändlers Jakob Schneeli Schiedsrichter in verschiedenen Streitfällen Sparkasseneinnehmer der St. Galler Kantonalbank; Vertrauensmann der Kantonalbank in St. Gallen für Hypothekaranlagen im Bezirk Werdenberg Durchsetzung des Telegrafenanschlusses in Grabs und der Postlinie Buchs-Grabs-Gams-Wildhaus Publikation der Studie «Historische Geschichts-Notizen aus dem Leben der Grafen von Werdenberg zu Werdenberg, Sargans, Albek und Langenau, sowie Trochtelfingen.» zusammen mit J. Kuhn, Buchdruckerei Buchs Tod von Matheus Eggenberger

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