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Fritz Gilsi 1878 –1961 Leben und Werk. Mit einem Katalog der Radierungen Sabine Hügli-Vass

FormatOst Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Verlag FormatOst www.formatost.ch


Sabine HĂźgli-Vass

GILSI

FRITZ Leben und Werk

Mit einem Katalog der Radierungen

1878–1961


NARREN

WEISHEITEN


Herausgeber

Historisches und Völkerkundemuseum, Museumstrasse 50, 9000 St. Gallen

© 2020 Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, ­elektronische ­Datenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung «Narrenweisheiten – Die St. Galler Künstler Fritz und René Gilsi» im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen vom 15. Februar bis 28. Juni 2020 Bild Umschlag Vorderseite: Fritz Gilsi, Dame bei der Toilette, 1911, Öl auf Leinwand, 122 x 76 cm, Helvetia Kunstsammlung, Inv. Nr. 1719 Bild Umschlag Rückseite: Fritz Gilsi, Die Narren, 1913, 14 x 13 cm, HVM St. Gallen, Inv. Nr. G 2019.108_82 Bild hintere Klappe: Fritz Gilsi, Ex Libris Gilsi-Brunschweiler, Lithografie ?, 10,5 x 7,4 cm, HVM St. Gallen, Inv. Nr. G 2019.569 Gestaltung: Janine Durot, Josef Scheuber Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn Fotografie: Michael Elser, Sabine Hügli-Vass, Ernst Schär Scans: dreischiibe, St. Gallen; HVM St. Gallen Gesetzt in Arno Pro, ITC Avant Garde Gothic und Antique Olive Std Gedruckt auf Lessebo Smooth white, 120 g/m² ISBN 978-3-03895-017-2 www.verlagshaus-schwellbrunn.ch


INHALT 9 11 13

GELEITWORT VORWORT EINLEITUNG

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ZEITTAFEL

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ZWISCHEN ST. GALLEN UND PARIS

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VON NARREN UND GRENZGÄNGERN

57 61 63 79

KARIKATUREN FÜR DEN NEBELSPALTER ZEICHNUNGEN GEMÄLDE DRUCKGRAFIK

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KATALOG DER RADIERUNGEN

167 168 171 180 181

ANMERKUNGEN ABBILDUNGSVERZEICHNIS KATALOGABBILDUNGSVERZEICHNIS LITERATUR BILDNACHWEIS


GE LEIT WORT Die wichtigsten Aufgaben eines Museums sind das Sammeln, Erforschen, Bewahren, Ausstellen und Vermitteln. Das gilt gleichermassen für ein historisches wie für ein naturkundliches Museum oder auch für ein Kunsthaus. Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen – ursprünglich eine Institution der Ortsbürgergemeinde St. Gallen – ist seit seiner Eröffnung im Jahr 1921 der Geschichte von Stadt und Kanton St. Gallen besonders zugewandt. Davon zeugen einerseits die im Gebäude verbauten Spolien und die sogenannten «Period Rooms», Zeugen der Baugeschichte unserer Region. Spürbar ist das andererseits in der Zusammensetzung der Sammlung des Museums. Sie ist mehr Ergebnis eines von Zufällen geprägten additiven Prozesses als einer systematischen Akquisition oder Ergänzung nach einem definierten Plan. Wo sich Chancen bieten, versucht das Museum mit einem äusserst bescheidenen Anschaffungsbudget Lücken zu schliessen und Objekte in die Sammlung zu integrieren, denen eine Bedeutung als Zeugen sanktgallischer Geschichte zukommt. Peter Gilsi schenkte 2019 einen Teil des künstlerischen Œuvres seines Vaters Fritz Gilsi dem Historischen und Völkerkundemuseum. Warum er ihn nicht dem hiesigen Kunstmuseum übergab, mag besondere Gründe haben. Vielleicht spielen die von Fritz Gilsi im Ostkorridor des neuen Museums geschaffenen Wandgemälde von 1919 eine Rolle. Es handelt sich um eine zeittypische Auftragsarbeit, welche im Renaissancestil Themen wie Rechtssprechung, Erdkunde, Architektur, Jagdwesen und so weiter präsentiert und dem neu eröffneten Museumsgebäude den Glanz einer reichen

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Stadt verleiht. Der Nachlass von Fritz Gilsi wurde sorgfältig erforscht, und die gewonnenen Erkenntnisse sind im vorliegenden Katalog publiziert. Die Beziehungen der Familie Gilsi zur Stadt St. Gallen und der Ortsbürgergemeinde sind vielfältig. Seit 1922 war Fritz Gilsi Hauptlehrer an der kunstgewerblichen Abteilung der Gewerbeschule St. Gallen. Diese wiederum ging auf die im 19. Jahrhundert von der Ortsbürgergemeinde und dem Kaufmännischen Direktorium getragenen Ausbildungsangebote zurück, die sich aus der sogenannten Sonntags-Zeichenschule zu einer Fortbildungsschule für Lehrlinge entwickelte. Unterrichtete Fächer waren in den 1860er-Jahren unter anderem «die verschiedenen Zweige des geometrischen gewerblichen und Freihandzeichnens» und «das Modellieren in Holz, Gyps und Thon, Karton und Wachs». Der Sohn von Fritz Gilsi, der Maler und Karikaturist René Richard Gilsi, der vielen dank seiner Beiträge in der Satirezeitschrift Nebelspalter bekannt ist, erwarb 1973 das Bürgerrecht der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. Mit der Ausstellung und der Publikation zu Leben und Werk von Fritz Gilsi leistet das Museum einen Beitrag zur Erforschung und Vermittlung sanktgallischer Geschichte. Allen Beteiligten gehört dazu ein grosser Dank. Arno Noger, Präsident des Stiftungsrats

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VOR WORT Diese Ausstellung mitsamt wissenschaftlichem Katalog zu Fritz Gilsi ist ein schon lange bestehendes Desiderat. Der St. Galler Maler, Radierer, Zeichner und Lehrer ist heute auch in Fachkreisen ziemlich unbekannt. Im Kunsthandel ist er kaum vertreten, und selbst auf Auktionen gelangen Arbeiten von ihm nur selten zum Verkauf.1 Letztmals wurden einige seiner Werke 1989 in der von Peter Röllin verantworteten Ausstellung StickereiZeit im Kunstmuseum St. Gallen gezeigt. Der Rapperswiler Kunsthistoriker bemühte sich damals intensiv um Gilsis Nachlass und entdeckte einige hervorragende Frühwerke bei dessen Sohn aus erster Ehe, dem Zeichner und Maler René Gilsi (1905–2002).2 Röllin erkannte die Qualität von Gilsis Werk, würdigte dieses im Katalog und rückte seine Radierungen in die Nähe von Paul Klee. Seither kam es allerdings zu keiner relevanten Ausstellung mehr mit Arbeiten von Fritz Gilsi, und der Künstler geriet wieder in Vergessenheit.3 Der Name «Gilsi» wurde seither hauptsächlich noch mit seinem Sohn René in Verbindung gebracht, der einer breiteren Öffentlichkeit noch lange als Nebelspalter-Illustrator im Bewusstsein war.4 Der Anstoss zu dieser Ausstellung und zum Katalog ist einer Schenkung zu verdanken. 2017 übereignete Hermann Schölly, Enkel von Fritz Gilsi und Sohn des St. Galler Schriftstellers Karl Schölly (1902–1987), dem HVM einige Gemälde, Zeichnungen und Radierungen seines Grossvaters. In diesem Zusammenhang sprachen wir auch darüber, Fritz Gilsi die längst überfällige Ausstellung auszurichten. Hermann Schölly sicherte uns seine Hilfe zu und stellte über Franziska Gehr den Kontakt zum Sohn Peter Gilsi (geb. 1933) in Basel her. Dieser zeigte sich sehr interessiert an einer kunstwissenschaftlichen Aufarbeitung und Würdigung des Werks seines Vaters und stellte in Aussicht, seinen Anteil am Nachlass dem HVM zu schenken.5 Im Gegenzug verpflichtete sich das HVM zur Organisation einer Ausstellung mit wissenschaftlicher Begleitpublikation und einem Werkverzeichnis der Radierungen. Dies geschah auch vor dem Hintergrund der Verbundenheit

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von Fritz Gilsi mit dem HVM. Der Künstler hat bedeutende Spuren in unserem Museumsgebäude hinterlassen. Bei der künstlerischen Gestaltung des Gebäudes übernahm er 1919 die Ausmalung des sogenannten Renaissancekorridors im östlichen Erdgeschoss. Für die Organisation der Ausstellung und den Katalog zeichnet Sabine Hügli-Vass verantwortlich. Es ist nach der Druckgrafik von Carl August Liner 2018 die zweite kuratorische Arbeit der St. Galler Kunsthistorikerin für das HVM. Ich bin sehr froh, dass sie diese Aufgabe übernommen hat und danke ihr für das Engagement und die akribischen Recherchen. Detailliert zeichnet sie Gilsis Leben und Werk nach und würdigt eingehend sein Schaffen. Mein herzlicher Dank gilt Peter Gilsi (Basel), der dem HVM den in seinem Besitz befindlichen Teil des Nachlasses seines Vaters geschenkt hat. Ich danke auch der Vermittlerin dieser Donation, Franziska Gehr (Altstätten), und Hermann Schölly (St. Gallen), dem eigentlichen Auslöser von Ausstellung und Katalog. Mein weiterer Dank gilt Hans Widmer (St. Gallen), der dem Vorhaben von Anfang an positiv gegenüberstand. Als Verwalter des über René Gilsi auf dessen Sohn Hannes gelangten Nachlassteils hat er uns tatkräftig unterstützt. Hannes Gilsi hat uns bereitwillig Zugang gewährt zu Fritz Gilsis ehemaligem Wohnhaus an der Hardungstrasse 13 in St. GallenNotkersegg und uns Dokumente und Fotografien zur Verfügung gestellt. Weiter danke ich Hansruedi Schmidli-Schölly in Uster, der die über seine verstorbene Frau Helen, Schwester von Hermann Schölly, ins Zürcher Oberland gelangten Werke von Fritz Gilsi betreut. Mein weiterer Dank gilt auch den Brüdern Peter und Christian Röllin. Peter Röllin konnte manch wertvollen Hinweis geben, und Christian Röllin hat den Kontakt zur Helvetia Kunstsammlung hergestellt.

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Abschliessend darf ich meiner grossen Zufriedenheit über das Zustandekommen von Ausstellung und Katalog Ausdruck geben. Es erfüllt mich mit Genugtuung, dass Fritz Gilsi, der neben Carl August Liner, Martha Cunz, Hedwig Scherrer, Theo Glinz und Sebastian Oesch (in chronologischer Reihenfolge) bedeutendste St. Galler Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, endlich den ihm angemessenen Platz in der Ostschweizer Kunstgeschichte erhält. Daniel Studer, Direktor HVM


EIN LEI TUNG Die Werke Fritz Gilsis (1878–1961) kreisen um Themen der menschlichen Existenz, die sich in dualistischer Spannung zwischen den Polen Leben und Tod, Werden, Sein, Vergehen sowie Glück und Unglück abspielen. Bei der Betrachtung vieler seiner Bilder zeichnet sich ein bestimmtes Weltbild ab: Der Mensch befindet sich jenseits des Paradieses. Entweder ist er Gefangener seiner eigenen Triebe und der Willkür irdischer Mächte und Kräfte machtlos ausgeliefert, oder er ist selbst Verursacher des Elends in der Welt. Paul Tanner (1882–1934), ein aus Herisau stammender Künstlerkollege, hatte Gilsis Werk einst so charakterisiert: «Auf dem ölgemalten Bilde, ist er sachlich, sanft und milde. Aber auf radierten Sachen, bringt er Sünde, Krieg und Drachen.»6 Es drängt sich in Anbetracht dieser düsteren Bildwelten die Frage auf, inwiefern der Künstler persönlich mit Leid und Elend konfrontiert war. Leider ist kein schriftlicher Nachlass vorhanden, woraus Rückschlüsse auf die künstlerischen Intensionen gezogen werden könnten. Auch das biografische Quellenmaterial fällt zu dürftig aus, um eine schlüssige Antwort auf die Frage zu liefern – auch wenn wir wissen, dass er von persönlichen Schicksalsschlägen nicht verschont blieb. Liefert möglicherweise die Zeitgeschichte Hinweise auf die Wahl der Bildthemen? Historische oder biografische Ereignisse müssen nicht zwingend eine Quelle künstlerischer Auseinandersetzung sein oder zu einem pessimistischen oder zeitkritischen Weltbild führen. Da es sich bei Gilsis Radierungen um allegorische Sinnbilder handelt, ist eine ahistorische Interpretation ohnehin nahelie-

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gend; die Bildinhalte greifen Themen auf, die sich irgendwo zwischen Traum und Realität abspielen. Trotzdem: Der Erste Weltkrieg war ein so fürchterliches globales und epochales Ereignis, dass davon ausgegangen werden darf, dass seine Bildwelten zumindest indirekt die desolaten Lebensbedingungen während und nach dem Krieg widerspiegeln. In seinen Neujahrsblättern, die er jährlich an Familienangehörige und Freunde verschickte, wird der Bezug auf die Krisenjahre besonders deutlich Kat. 126, 127, 130, 134. Nicht nur vernichteten die Weltkriege Städte, Dörfer und Menschen, sondern bei vielen auch die Hoffnung, den Optimismus und den Glauben an die Existenz einer besseren Welt. Dieser Zeitgeist hinterliess in seinem Werk deutliche Spuren. Auch dank der meist genauen Datierbarkeit von Gilsis Radierungen ist feststellbar, dass heitere Bildthemen nach Kriegsbeginn kaum noch auftauchen und wenn, dann nur vereinzelt in melancholisch-romantisierenden Szenerien. Die Radierungen mögen zunächst etwas altmodisch wirken, aber ihre Inhalte sind angesichts des gegenwärtigen Weltgeschehens so aktuell wie eh und je. Auch heute ist der Lebensalltag vieler in irgendeiner Weise durch Nöte betroffen, sei es durch Krieg, Elend, Flucht, Vertreibung, Gewalt, Tod oder auch Schmerz, Einsamkeit und innere Zerrüttung. Ausserdem ist Gilsis Werk voll von Referenzen auf vergangene Kunstepochen, die zeitgenössische Kunstszene, die Populärkultur (Karikaturen) und Religion. Im Grunde dienen seine Bilder der gedanklichen An­regung und Auseinandersetzung mit tiefgründigen zeit- und kulturgeschicht­ lichen, alltäglichen und sozialen Themen. Dank der geschickten Ver­ bindung eines altmeisterlichen Stils mit modernem Gestaltungswillen (Reduktion der bildnerischen Elemente) gelang dem Künstler ein eindrückliches Ensemble von einprägsamen, verständlichen und zeitlosen Sinnbildern.

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Narrenweisheiten – Die St. Galler Künstler Fritz und René Gilsi ist der Titel der Sonderausstellung, die 2020 im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen zu sehen ist und einen Überblick über Fritz Gilsis Lebenswerk präsentiert. Auch Arbeiten seines künstlerisch tätigen Sohnes René werden gezeigt. Ein wiederkehrendes Motiv in den Werken von Vater und Sohn ist der Narr. Besonders Fritz Gilsi hatte eine grosse Affinität für facettenreiche Manifestationen und Typisierungen des Narren in der Kulturgeschichte – vom gewitzten, geistreichen oder melancholisch resignierenden Narren bis hin zum düster-dämonischen. Auf kreative Weise arbeitet er die Parallelen zwischen Künstler beziehungsweise Mensch mit «Narren»figuren heraus, denn Künstler und Narren können gleichermassen Gaukler, Besessene, Inspirierte, Revolutionäre, Rebellen, Leitfiguren, Vorkämpfer, Vordenker, Erfinder, Selbstdarsteller, Scharlatane oder Genies sein.7 Beide tauchen immer wieder in Kontexten auf, wo es um Sinnfragen des Lebens oder um die Suche nach Wahrheit/en und Weisheit/en geht.


Und beide sind in verschiedener Hinsicht Aussenseiter, Grenzgänger oder sogar Ausgestossene. Das künstlerische Hauptwerk von Fritz Gilsi, die Radierungen, wurden im Rahmen des erwähnten Ausstellungsprojekts erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Ergebnisse liegen nun in Form dieser Publikation vor. Zu Beginn dieses Kataloges findet sich eine ausführliche Biografie mit Zeitleiste und eine Abhandlung über ein künstlerisches Kernthema, die Narrenthematik. Sie soll einen einfachen Zugang zu Gilsis Werk anbieten. Es folgen kurze Texte zu den wichtigsten Hauptgattungen wie Zeichnung, Malerei, Karikatur sowie zur Druckgrafik. Lithografien und Holzschnitte machen nur einen kleinen Teil des druckgrafischen Werkes aus, weshalb nicht näher darauf eingegangen wird. Die Radierungen dagegen gehören in quantitativer und qualitativer Hinsicht zu den wichtigsten Arbeiten der gesamten künstlerischen Produktion. Sie werden in Form eines Werkverzeichnisses im zweiten Teil des Buches vorgestellt. Mein aufrichtiger Dank gilt allen, die dieses ambitionierte Projekt mit ihrem grossen Engagement unterstützt und ermöglicht haben. In erster Linie danke ich Daniel Studer, dem Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen. Er betrachtet es als wichtige Aufgabe des HVM, über das Leben und Werk historischer St. Galler Künstler zu forschen, weil daraus neue Erkenntnisse für die Aufarbeitung der Regionalgeschichte gewonnen werden können. Bereits in der Vergangenheit widmete das HVM diversen Stadtkünstlern eigene Ausstellungen, wie Carl August Liner (2018), Martha Cunz (2016/2017) sowie Hedwig Scherrer und Wilhelm Meier (2011). Zu Vater und insbesondere Sohn René Gilsi (1905–2002) betrieb Daniel Studer schon Jahre zuvor intensive Forschungen. Bereits 1990, als er zusammen mit Isabella Studer-Geisser und Hermann Bauer eine Publikation über den Sohn René herausgab, knüpfte er Kontakte zu Familienangehörigen der Gilsis und erhielt erste Einblicke in deren Nachlassbestände. Das Interesse gegenüber Vater Gilsi brach seither nie ab, was die Voraussetzung für das Entstehen und Gelingen dieses Forschungsprojektes bildete. Für mich bot sich eine Idealsituation, da für meine Recherchen alles wichtige Material zugänglich war und Daniel Studer wie auch Isabella Studer-Geisser mich wohlwollend in wissenschaftlichen und kuratorischen Angelegenheiten berieten. Des Weiteren danke ich Sabina Carraro und Peter Müller. Sie widmeten sich als Erste meinem Manuskript und lieferten mir wichtige Hinweise und Anregungen, und Peter Röllin (Kultur- und Kunsthistoriker) gab mir wertvolle fachliche Ratschläge bezüglich der Publikation mit auf den Weg. Herzlichen Dank auch dem Stiftungsrat des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen für die Unterstützung dieses Forschungs- und Ausstellungsprojektes. Durch ihn wurde dieses Vorhaben erst möglich.

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Selbstverständlich haben das ganze HVM-Team und weitere externe Personen und Institutionen zum Gelingen des Projektes entscheidend beigetragen: Für den Ausstellungsaufbau und die Gestaltung sind massgeblich Erwin Bosshard, Nicole Klopsch, Sara Allemann sowie die Grafiker Michael Elser und Natalie Koller verantwortlich. Henrik Jochum stand mir als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Seite und unterstützte mich bei der Ausstellungskonzeption. Im Namen des HVM St. Gallen bedanke ich mich auch herzlich beim Verlagshaus Schwellbrunn, in dessen Verlag FormatOst dieses Buch erscheint, für die Umsetzung des Kataloges und Daniel Studer, Rupert Kalkofen sowie Roger Fuchs für das sorgfältige Lektorat des Manuskripts. Danke auch an alle Leihgeber von Gilsi-Werken für die Ausstellung. Dazu gehören die Helvetia Kunstsammlung, die Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen, das Kunstmuseum St. Gallen, die Sammlung Hans Widmer und diverse Privatbesitzer. St. Gallen, Februar 2020 Sabine Hügli-Vass

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ZEIT TAFEL 1878 Geburt von Hans (Friedrich) genannt Fritz Gilsi am 12. März 1878 in Zürich. Sohn von Rosa Gilsi-Senn (1845–1929) von Zürich und Hans Gilsi (1851–1930) von Weinfelden (Bürger von Bürglen, TG).

1879 Umzug nach Paris.

1884–1890 Grundschule in Paris.

1890–1895 Besuch der Zeichnungsschule Bernard Palissy bei Paris.

1896–1897 Rückkehr nach Zürich. Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich, zusammen mit Augusto Giacometti (1877–1947).

1897 Erster Arbeitsplatz als Zeichner in einer Werkstatt in Zürich. Mehrmonatiger Aufenthalt in Paris.

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1897–1898 Fünf Trimester an der Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe in St. Gallen als Schüler von Johannes Stauffacher (1850–1916). Abschluss der Ausbildung im August 1898.

1898–1902 In Paris Aufträge als Textil- und Tapetenentwerfer und Anfertigung von Kopien im Louvre und im Musée de Luxembourg.

1901 Heirat mit der St. Gallerin Emmy Brunschweiler (1878–1922), einer ausgebildeten Stickereizeichnerin und Tochter von Enoch Traugott Brunschweiler (1837–1898, Bürger von Erlen, TG) und der Mutter Helene Johanna Susanna Brunschweiler-Schmidt (1845–1916, Bürgerin von Nürnberg).

1902 Annahme einer Stelle als Stickereizeichner in St. Gallen. Geburt des ersten Kindes, Helene Martha, am 5. Juli 1902; verstorben am 18. Juli 1902.

1904 Umzug innerhalb St. Gallens in das Haus Storchen an der Magnihalden 7.

1905 Geburt des zweiten Kindes, René Richard, am 31. März 1905 in St. Gallen.

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Eintritt in den Kunstverein St. Gallen.

1906 Geburt des dritten Kindes, Elisabetha Martha (1906–1990), genannt Lisbet, in St. Gallen. Reise durch die Schweiz (Bergün, Latsch, Val Tuors, Fribourg). Entstehung der ersten Radierungen. Erste Ausstellungsbeteiligungen mit Gemälden, zum Beispiel TurnusAusstellung des Schweizerischen Kunstvereins.

1 Fotoatelier Schmidt, St. Gallen, Fritz Gilsi, 1907


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1908 Reise nach Paris mit Zwischenhalt im Tessin (Lugano, Bellinzona, Morcote, Gandria am Luganersee) und Rückreise über Deutschland. Kommissionsmitglied des St. Galler Kunstvereins.

1910 Aufenthalt am Bielersee (BE), in La Neuveville (Neuenstadt), Lygerz und in Twann. Eintritt in die Gesellschaft Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA) und von da an regelmässige Beteiligung an deren Ausstellungen.

1910–1911 Neunmonatiger Studienaufenthalt in Paris an der Académie de la GrandeChaumière, im Atelier von Lucien Simon (1961–1945). Förderung im Bereich der Maltechnik und im Bereich der Grafik (Radierungen wie Kinderbildnis Kat. 32, Die Verleumdung Kat. 34, Der Krieg Kat. 45).

SEIT 1911 Jury-Mitglied der Ausstellungskommission des St. Galler Kunstvereins.

1912 Ab 1912 ausschliesslich als freischaffender Künstler tätig. Macht mit einer grösseren Zahl von Grafiken und Gemälden von sich reden (Ausstellung im Kunsthaus Zürich und Bericht von Carl Brüschweiler in der Zeitschrift Die Schweiz).

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1912 Erste Künstlerplakatgestaltung Volksbad St. Gallen Abb. 10.

1913 Kurzer Studienaufenthalt in Paris (nichts Näheres bekannt). Eintritt in die neu gegründete St. Galler Sektion der Gesellschaft Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA).


1914 Teilnahme am Wettbewerb für zeitgenössische Grafik an der «Grapha» in München und Auszeichnung mit der Staatsmedaille (auf besonderen Antrag der Künstlervereinigung von der Königlichen Sächsischen Staatsregierung) an der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) in Leipzig. Umzug in ein neu gebautes Haus an der Hardungstrasse 13 auf Notkersegg, St. Gallen.

1916 Eintritt in die Walze, der damals wichtigsten grafischen Künstlervereinigung der Schweiz. Erste Teilnahme an einer Walze-Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Reise nach Solothurn, Basel, Lygerz.

UM 1917 Reise in die Westschweiz nach Rivaz, Saint-Saphorin, Vevey und zur St. Petersinsel (Bielersee).

1919 Ausmalung des Renaissance-Korridors im Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen, dessen Gebäude sich damals im Bau befand (Einweihung: 1921).

1921 Reise nach Venedig. Letzte Ausstellung zusammen mit dem Schweizerischen Kunstverein im Kunstmuseum Winterthur.

1922 Tod von Emmy Gilsi-Brunschweiler (1878–1922). 1922–1941 Lehrer an der kunstgewerblichen Abteilung der Gewerbeschule St. Mangen in St. Gallen, wo auch sein Freund August Wanner (1886– 1970) unterrichtet. Ab 1922 Gelegentlicher Mitarbeiter der Zeitschrift Nebelspalter. Schweizerische humoristisch-satirische Wochenschrift.

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33 Gasse in Avignon, wohl 1923 34 Quai Montebello, Paris, 1953 35 Vierwaldstättersee (Auf dem Schiff), undatiert 36 Beim Viehverlad (Weggis), 1946

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GEMÄLDE Als Maler schuf Gilsi vornehmlich Landschaften, Porträts, Stillleben sowie symbolistische Figurenbilder – manchmal mit religiöser Thematik Abb. 37– 65. Er konzentrierte sich dabei auf ornamentale Ausdrucksformen, fliessende Linien, asymmetrische Kompositionen mit Reduktion der Perspektive und feinen Farbabstufungen, die nicht an den natürlichen Farbeindruck gebunden sind und nicht selten eine Eigendynamik entwickeln. Stilistisch lässt sich Gilsis Kunst kaum in eine Schublade stecken, was für den Stilpluralismus der Zeit typisch ist. Postimpressionistische, symbolistische und jugendstilhaft-dekorative Tendenzen wechseln sich ab. Auch hielt er persönlich nicht viel davon, mit einem bestimmten Stil in Verbindung gebracht zu werden. In seinen autobiografischen Notizen von 1914 meinte er: «[Der Künstler] bemüht sich jeder tendenziösen Formgebung gegenüber neutral zu bleiben.»57 Gewisse stilistische Tendenzen sind phasenweise stärker präsent. Das Gemälde Dame bei der Toilette Abb. 41 von 1911 zeigt eine sich in lasziver Pose drapierende, geheimnisvolle Frau. Sie wird zum dekorativen Thema par excellence und ist ein typisches Motiv des Jugendstils. In den Werken nach 1912 ist Gilsi weiterhin in stilistischer Hinsicht experimentierfreudig. Wie anhand diverser Werke festgestellt werden kann, wurde er sicherlich auch durch die visionären und symbolhaften Werke der deutschen Romantiker und Präraffaeliten in England angeregt. Ausserdem sind Bezüge zu Arnold Böcklin, Vincent van Gogh und Ferdinand Hodler naheliegend und deutliche Analogien zur zeitgenössischen französischen Malerei feststellbar. Es liegt auf der Hand, dass der ausgebildete Textilmaler Gilsi sich besonders für kunstgewerbliche Formen und Muster wie auch Stofflichkeit per se interessierte, was dem dekorativ-verspielten Jugendstil perfekt entsprach. Aber auch Motive mit dualistischer Bedeutung lassen symbolistische Tendenzen anklingen, wie die Masken- und Spiegelthematik. Auch das Thema Wasser ist zentral vertreten: Wasser, das aus dem Brunnen sprudelt; die Wasseroberfläche eines Sees, in dem sich die Umgebung spiegelt; rauschende Wasserfälle und Flüsse; Waldbäche und so weiter. Eine grössere Anzahl von Kinderporträts, die zu den besten Arbeiten gehören, sind mit wachem, nüchternem Blick und viel Lebensnähe gemalt. Dualismen wie Stadt/Land, Kultur/Natur, Schatten/Licht, Vergangenheit/Zukunft mani-

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festieren sich in seinem Werk regelmässig. In Anbetracht des künstlerischen Gesamtwerkes wird zudem eine Solidarisierung mit den ärmeren Bevölkerungsschichten oder jenen, die im Leben nicht so viel Glück haben, deutlich Abb. 60–62. Am Offensichtlichsten wird diese soziale Haltung in den Originalradierungen sowie in den Nebelspalter-Karikaturen.

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37 Selbstbildnis, um 1900 38 Emmy beim Nähen, 1901 39 Selbstbildnis vor der Staffelei, undatiert 40 Bildnis René Gilsi, 1910


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41 Dame bei der Toilette, 1911 42 Im Theaterfoyer (Im alten Stadttheater St. Gallen), um 1912 43 Früher Schnee, um 1912

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