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Heinrich Gabathuler

Gliach, aber uugliachlig

FormatOst Leseprobe

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Heinrich Gabathuler

Gliach, aber uugliachlig Wartauer Mundart Bearbeitung Judith Kessler, Gams Transkription Hanna Rauber, Buchs

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Dank Die Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg (HHVW) dankt Annamarie Meier-Joos, Zürich, für den literarischen Nachlass ihres Wartauer Grossvaters Heinrich Gabathuler und die grosszügige Unterstützung, welche diese Publikation möglich gemacht hat.

Herausgeberin: Historisch-Heimatkundliche Vereinigung der Region Werdenberg HHVW © 2019 by Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Gestaltung Umschlag: Janine Durot Umschlagbild: Zeichnung «Der Gabathuler» von W. F. Satz: Verlagshaus Schwellbrunn Druck: Wolf Druck AG, Triesen Bindung: BUBU AG, Mönchaltorf Gesetzt in Adobe Garamond Pro und Trade Gothic LT Std ISBN 978-3-03895-012-7 www.formatost.ch


Inhalt  9 Einleitung 19

«Gleich und doch ungleich» (Hochdeutsche Zusammenfassung)

23 Gliach, aber uungliachlig 61 Heinrich Gabathuler 70 Bibliografie Heinrich Gabathuler 71 Abbildungsnachweis 72 Quellen und Literatur


Wenn wir unseren sehr geschätzten Nini am Bahnhof in Chur am Züri-Zug abholten und mit ihm gemächlich in unsere Gärtnerei spazierten, freuten wir uns schon auf Ninis inte­ ressante Lesungen aus den Wartauer Sagen und seine aussergewöhnlichen Erzählungen über seine mitmenschlichen Erlebnisse als Arzt in Sevelen. Annamarie Meier-Joos, Zürich, Enkelin von Heinrich Gabathuler


Einleitung

Der Arzt und Mundartdichter Heinrich Gabathuler hinterliess nach seinem Tod 1955 einerseits ein vielfältiges Wartauer Mundartwerk und anderseits eine Sammlung der Orts- und Flurnamen der Gemeinden Wartau und Sevelen. Seine wohl bekannteste Publikation sind die Wartauer Sagen, erstmals 1938 als Buch erschienen. Im Nachlass gibt es ausserdem einige Fabeln und Erzählungen, die nur vereinzelt veröffentlicht, aber nie in Buchform publiziert wurden. Die vorliegende Erzählung «Gliach, aber uu­gliachlig» beschreibt zwei Persönlichkeiten, einen Lehrer und einen Pfarrer mit gleichen Vornamen, aber völlig unterschiedlichen Auffassungen über die Erziehung von Jugendlichen. Dazu benützt Gabathuler die Schilderung einer Wartauer Schulreise. Sie spielt in einer Gegend, die – wie der Historiker Prof. Dr. Georg Thürer 1988 schreibt – «… eine der ursprünglichsten Kulturlandschaften der Schweiz ist. Sie hat im bäuerlichen Schaffen, im Brauchtum und auch in der Sprache altes Herkommen bewahrt». Bei den Protagonisten handelt es sich um den Lehrer Ulrich Adank aus Weite und den Pfarrer Johann Ulrich Heller aus Gretschins. Ulrich Adank, das älteste von acht Kindern des Heinrich Adank (1818–1903) und der Katharina, geb. Spreiter (1826–1890), wurde am 22. Februar 1851 in Oberschan geboren. Er besuchte nach der Wartauer Primarschule die einstige Bezirksrealschule in Buchs, wobei er den langen 9


Schulweg von Oberschan nach Buchs täglich zu Fuss zurücklegte. Nach der Schulzeit liess er sich zum Lehrer ausbilden und trat im Mai 1870 in Trübbach seine erste Stelle an. Ab Dezember 1875 bis Ende April 1912 unterrichtete er an der Schule Oberschan die Oberstufenklassen und einmal in der Woche die Acht- und Neuntklässler, die sogenannten Ergänzungsschüler. Ulrich Adank heiratete 1878 Elsbeth Sulser (1856–1884) und 1886 in zweiter Ehe die Witwe Maria Margareth Kubli-Sulser (1846–1917), die von ihrem verstorbenen Mann 1888 das Gasthaus Rössli in Weite übernahm. Das Ehepaar bewohnte das Anwesen bis zur Jahrhundertwende und führte während dieser Zeit wohl auch das Gasthaus, das 1895 in den Besitz von Ulrich Adank überging. Tagtäglich überwand der einsatzfreudige Schulmeister die zweihundert Höhenmeter seines Arbeitsweges von Weite über Fontnas nach Oberschan auf Schusters Rappen. Neben seinem Beruf diente er ab 1894 für eine Amtsperiode als Eidgenössischer Geschworener. Aus gesundheitlichen Gründen wurde der beliebte Lehrer nach 42 Dienstjahren am 1. Mai 1912 frühzeitig pensioniert. Trotz Gehörschwäche und Altersbeschwerden wurde er bis zu seinem Tod als wichtige Persönlichkeit, als interessanter und origineller Mensch wahrgenommen. Er amtete noch einige Jahre als Schulkassier, zog zu Fuss von Haus zu Haus und trieb die Schulsteuern ein. Lehrer Adank arbeitete in seiner Freizeit während Jahrzehnten als Korrespondent für die Lokalzeitung Werdenberger & Obertoggenburger (W&O) und hatte eine grosse, interessierte Leserschaft. Am liebsten schrieb er über 10


Schulmeister Ulrich Adank, Weite, um 1900.

sein Steckenpferd, den Wartauer Weinbau. Themabezogen hatte er oft «zu der gewiss guten Abstinenz» persönliche Vorbehalte, und das Lokalblatt schrieb nach seinem Tod: «Er wusste das edle Nass zu gebrauchen, während andere Missbrauch damit treiben.» Zusammen mit einem Lehrerkollegen forschte er aus Passion nach Flurnamen und Ortsbezeichnungen im Wartau und protokollierte dazu erste Aufzeichnungen. Sein Vortrag über die Grafen von Sargans, gehalten am 7. Juli 1903 an der Tagung der Lehrerkonferenz von Werdenberg und Sargans, wurde im gleichen Jahr als Sonderdruck bei der Buchdruckerei Jakob Kuhn, Buchs, herausgegeben. Ulrich Adank war Mitglied der freisinnigen Partei. Sein aufrechter Sinn neigte zu schonungsloser, aber gerechter Kritik. Er nahm kein Blatt vor den Mund, war kein Diplomat, und 11


man sprach ihm eine gewisse «Herbheit» zu. Bis ins Alter vertrat er fortschrittliche, später meist verwirklichte Ideen und beschäftigte sich intensiv mit sozialen Fragen. Seine kompetente Mitarbeit in unterschiedlichen Gemeindekommissionen wurde durchwegs hochgeschätzt. Laut W&O «hat man den auch äusserlich markanten Mann irrtümlicherweise tot gemeldet» – was er mit Humor aufnahm. Er schrieb daraufhin der Zeitung, «er habe von seinem Ableben nichts erfahren, die Sache sei offenbar verfrüht, und er gedenke der Sache noch nicht näher zu treten». Am 31. Mai 1932 starb Ulrich Adank und im W&O war zu lesen: «Nun hat es doch sein müssen.» Der zwölf Jahre jüngere Ulrich Heller wurde am 30. Mai 1863 im bäuerlichen Elternhaus in Thal geboren. Er durchlief die obligatorischen Schulen, erwarb die Matura an der Kantonsschule St. Gallen, studierte Theologie an den Universitäten Basel und Jena und absolvierte 1887 ein Sommersemester an der theologischen Fakultät in Zürich. Seine erste Pfarrstelle versah er im Bündner Safiental. Als Nachfolger von Pfarrer Oskar Steger, dem nachmaligen Dekan des Rheintaler Kirchenbezirks, wurde Ulrich Heller 1890 erstmals ins Gretschinser Pfarramt gewählt. Pfarrer Heller vertrat ein liberales Gedankengut, das immer wieder aus seinen Predigten zu hören war, und sein Tun und Handeln war ausgesprochen sozial geprägt. Dann und wann nahm er junge, heranwachsende Menschen aus verschiedenen Ländern im Pfarrhaus auf und erteilte ihnen Privatunterricht. Ihm ist es zu verdanken, dass viele Wartauer Söhne trotz unvermögender Eltern einen Beruf erlernen konnten. 12


Pfarrer Ulrich Heller, Gretschins, um 1900.

1886 heiratete er Ursula Magdalena, genannt Madeleine, Lemm aus St. Gallen. Dem Ehepaar wurden zwei Töchter und zwei Söhne geschenkt. Um nicht von privaten Geldgebern abhängig zu sein, gründete Heller 1905 die Darlehens-Kasse Wartau in Oberschan, war deren erster Präsident und etablierte den «Sparvertrag Wartau». Diese Einrichtung erwarb durch monatliche Einlagen ein stabiles finanzielles Polster und wurde für viele junge Wartauer die Grundlage ihrer Zukunft. Die Gemeinde wählte den Pfarrer zum Präsidenten des Schulrats und später auch als Vorsitzenden der Realschule. Als grosser Förderer der Wartauer Schule – in seine Zeit fällt die Organisation und Zusammenlegung der 13


achtklassigen Malanser mit der Oberschaner Schule – berief ihn der St. Galler Erziehungsrat als Präsident des Werdenberger Bezirksschulrats. Sein schulisches Engagement führte schliesslich dazu, dass er 1906 das Pfarramt niederlegte, was die Wartauer ausserordentlich bedauerten. Anfänglich arbeitete Ulrich Heller als Lehrer am St. Galler «Institut Schmid» und kaufte 1907 das damalige «Institut Wiget» in Rorschach. Er liess einen prächtigen Neubau errichten, und sein «Institut Heller» florierte als Privatschule bis zum Ersten Weltkrieg. Doch während des Krieges blieben die ausländischen Studenten aus, und immer weniger Schüler konnten sich eine externe Bildung leisten. Das Institut musste den Betrieb massiv reduzieren und schliesslich einstellen. Nach den Gretschinser Pfarrern Wegmann, Castelberg und Diem wählte die Wartauer Kirchgemeinde 1925 ihren früheren Pfarrherrn erneut zu ihrem Seelsorger. Allerdings wurde es nun einsam um ihn: Seine Frau Madeleine starb am 3. November 1925, seine Kinder lebten mit Ausnahme einer Tochter im Ausland. Doch seine ungebrochene Vitalität liess ihn an seinen historisch-geologischen Studien weiterarbeiten, und er wurde ein zweites Mal an die Spitze des Wartauer Schulwesens gerufen. Um den Wartauern in der damaligen Stickereikrise eine nachhaltige Verdienstmöglichkeit zu schaffen, gründete er die «Asparagus Wartau», eine Spargelzuchtgenossenschaft, deren erster Präsident er war. Dies trug ihm grosse Verdienste ein. Er öffnete nach dem Silvesterbrand in Gretschins von 1930 manchem der 28 Dorfbewohner, die ihr Hab und Gut verloren hatten, das Pfarrhaus als Notunterkunft. Auf seine Initiative entstand das «Pfarrwäldli», ein «Schneeverfrachtungsschutz» (heute 14


Institut Heller, Rorschach, um 1910.

Ruhwald), zwischen dem Tobel und Gretschins. Pfarrer Heller war überdies den gedruckten Medien sehr ver­ bunden. Seit der Gründung 1906 war er bis 1935 Mitglied der Rechnungsprüfungs-Kommission der Buchdruckerei Buchs AG, die das Lokalblatt W&O herausgab. Ein kleiner Unfall hielt Pfarrer Heller ans Bett gebunden; die daraus entstandene Krankheit konnte auch eine ­Operation im Spital Grabs nicht bessern. Johann Ulrich Heller starb kurz nach seinem 74. Geburtstag, am 20. Juni 1937, und wurde auf dem Gretschinser Friedhof beerdigt. Heinrich Gabathulers Mundartwerk über die zwei Wartauer Persönlichkeiten wurde 1986 in veränderter Form im W&O abgedruckt und ist es wert, nochmals publiziert zu werden, diesmal möglichst originalgetreu. 15


Gleich und doch ungleich Vor vielen Jahren hatte die Gemeinde Wartau zwei Männer gleichen Namens verpflichtet, nämlich einen Pfarrer und einen Schulmeister. Beide hiessen Ueli (Ulrich), waren gradlinige Männer, stolz auf ihr Amt und bestrebt, ihren anvertrauten Schäfchen die richtigen Lehren fürs Leben mitzugeben. Sie waren aber von ganz unterschiedlicher Wesensart und scheuten sich nicht, einander mit scharfen Worten die eigene Meinung kundzutun. Pure Eifersucht muss der Grund gewesen sein, dass sie sich dann und wann das Leben recht schwer gemacht haben. Zum ersten Mal gerieten sie an einer Kirchgemeindeversammlung aneinander: Der Pfarrer wollte alte, seiner Meinung nach heidnische Bräuche in der Gemeinde verbieten, zum Beispiel das Altjahr-Ausschellen. Der Lehrer verteidigte das überlieferte Brauchtum sowie auch die Fasnachtsbräuche, das Scheibenschlagen, das Strohbetteln und den Nidelfrass, welche der Geistliche einige Zeit später ebenfalls abschaffen wollte – und so blieben diese der Gemeinde erhalten. Als an einem sonnigen Augusttag der Lehrer seine Schüler am Bahnhof zur alljährlichen Schulreise versammelte, gesellte sich unerwartet der Pfarrer dazu und fragte nach ihrem Ziel. Es gehe mit dem Zug nach «Neanawiil», dann zu Fuss über den «Graspass ins Niidalbäädli». Der Pfarrer sei als Gast willkommen. Nun wurde der Geistliche Zeuge der bekannten strengen Disziplin in der Schule seines Namensvetters. In einem 19


Gespräch von Mann zu Mann wollte er deshalb den ­Lehrer von den Vorteilen einer milderen Schulführung «mit Liebe und Güte» überzeugen, was dieser aber mit etlichen Beispielen seines pädagogischen Erfolges widerlegte. Auf der Wanderung bot sich spontan ein ausführlicher botanischer Anschauungsunterricht an, dem die Schüler mit grossem Interesse lauschten, ebenfalls den geografischen und landeskundlichen Erklärungen an Ort und Stelle. Die Kinder versuchten aber auch, die Streitgespräche der Respektspersonen zu erlauschen – über das Heuen am Sonntag, über die Missionsarbeit, über die Reformation, und sie freuten sich, dass der beliebte und erfahrene Lehrer dem offenbar jüngeren Geistlichen die Stirne bot und keine Antwort schuldig blieb. Deshalb beschlossen die beiden Ueli, einen abgebrochenen Diskurs über das Strafen auf den Nachmittag zu verschieben. Im «Niidalbäädli» standen unter einem Nussbaum der Gastwirtschaft schon die Tische bereit, und ein währschaftes Mittagessen wurde serviert. Wiederum staunte der Pfarrer über den Anstand der Schüler und wie selbstverständlich ein Tischgebet gesprochen wurde. Nach dem Essen teilte der Lehrer die Kinder in vier Gruppen ein und schickte sie zur selbständigen Erkundung eines Handwerks- oder Produktionsbetriebes in eine Gerberei, eine Glashütte, eine Färberei und eine Kalkbrennerei. Ein Schüler jeder Gruppe wurde als «Wachtmeister» bestimmt, und um vier Uhr sollten alle wieder zum Gasthaus zurückkehren.

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Unterdessen hatten die beiden Kontrahenten Zeit, ihren Disput bei einer Flasche Wein ungestört weiterzuführen. Der Lehrer gab zu, dass er harte Strafen erteile, meinte aber, dass die Kinder ihn trotzdem liebten, weil sie diese als gerecht empfinden würden. In einem besonderen, vom Pfarrer ziemlich empört angesprochenen Fall eines Knaben, der allzu lange auf einem dreikantigen Holzscheit habe knien müssen, erläuterte der Lehrer die Hintergründe, aber auch den Erfolg der Massnahme, die nur von der unverständigen Mutter gerügt worden sei, während der Knabe und sein Vater ihm dafür noch gedankt hätten. Da sich ein Gewitter ankündigte, wies ihnen die Wirtin ein Stübchen zu, wo sie ungestört weiterdiskutieren konnten. «Nicht zürnen soll gelten», lautete der Trinkspruch des Lehrers beim Anstossen mit den Weingläsern. Das kurze Gewitter war um vier Uhr vorüber. Zur Zwischenverpflegung gab es Milch und frische Brötchen, und die vier Gruppen kehrten mit lebhaften Berichten von ihren Lehrausflügen zurück. Eine Ausnahme hatte die Gruppe aus der Kalkbrennerei zu vermelden. Sie seien gar nicht dort gewesen, weil sie unterwegs bei einem Bauernhof dringend um Hilfe gebeten worden seien: zum Bieten der Ziegel beim Dachdecken und zum Einbringen des Heus, da ein Regenguss nahen würde. Nachher seien sie mit einem köstlichen Zvieri belohnt worden. Der Lehrer hatte zwar nicht eitel Freude an diesem Rapport, liess ihn aber gelten. Übriggebliebene Milch und Brötchen solle die Wirtin den Armen verteilen. Vor dem Abmarsch schlug der Schulmeister vor, noch eins zu singen. «Wem Gott will rechte Gunst erweisen», ertönte nun in der Runde, von wo begeisterte Zuhörer Beifall 21


klatschten. Zurück am heimischen Bahnhof, nach einem weiteren Lied, verabschiedeten sich die Kinder artig von den Erwachsenen und drängten nach Hause. Der Pfarrer dankte seinem Namensvetter für den schönen Tag und lud ihn, der alles bezahlt hatte, zu einem Besuch ins Pfarrhaus. Die Einladung wurde mit der nochmaligen Bemerkung «Nicht zürnen soll gelten» gern angenommen. Nach einigen Jährchen Frieden gab es für die beiden einen letzten kleinen Strauss auszufechten. Am Morgen nach einem Gesangsfest war der Schulmeister um Viertel nach sieben noch nicht zu sehen. Da übernahm der Pfarrer den Unterricht, gab den Schülern Rechenaufgaben und meinte beim Eintreten des Lehrers bedeutungsvoll, dass er den Stecken nicht gebraucht habe, den überlasse er gern dem Pädagogen. Dieser erkundigte sich nach dem nicht verrichteten Schulgebet und entgegnete ungerührt, wer am Montagmorgen nicht bete, habe die ganze Woche keinen Segen. Dann führte er den Unterricht fort, wie wenn der Pfarrer nicht da gewesen wäre. Von nun an liessen die beiden Streithähne einander in Ruhe. Jetzt schlafen die ungleichen Ueli nahe beieinander unter dem Rasen. Der ewige Friede sei ihnen zu gönnen, sie haben ihn wohl verdient.  Judith Kessler

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Gliach, aber uungliachlig Vor viila Joora het doo a Gmain zwean n Uoli tingat1 un iingstellt, der aain in d Schuol hindra Pult un der ander in d Chilcha n uf d Chanzla, zum di Junga zoofa2 un leara, un di Aalta in der Fuuri3 heeba un s nid ussi schlaha luun über d Landa4 n un der Zugstrigg5. Aber dia Miini6, wo ma doo zämmagwetta7 n un iingspannat het, isch gär nia im gliachliga Schritt gsiin. Beïd henn danann all gfiggat un griiba, gspitzlat un gstupft, nia groob oder ruuch, aber rääss wia Pfeffer un Salz. Friili, t Gschiidi het a kaim gmanglat, beïd wagger Maana, graad un recht, un an iadara stolz uf siin Amt. Ain wia der ander het siini Ear derfüür iingglait, ass Jung un Aalt das Recht lerni, nid för ds Exama – för ds Leeba. Aber über a Weg uf dia Höachi sin si nia ains gsiin. Wenn der Pfaarer hoofili gsait het: «Wischt8, a bitzili wischt!» het der Schuolmaischter straggs kumidiart: «Hott9 ummi, hott; er lääran jo um». Wia mengmool ha n i gstudiart un gwerwaissat, worum dia zwean Störmi anander a dennaweeg blooga n un chützla hen müossa statt anann z helfa. Beïd hettan nid halb sa härb toan, un di Junga viil ringer. Dia hettan si nid müossa psinna, was haisst un muoss gelta. Barlöatigi10 Iifersocht isch as gsiin un nüüt andersch! Si hens kaan wia zwai chiibigi Wiibli, wo an iadersch der schöanscht Graaniuun 11 het

1 |  angestellt, verpflichet 2 |  erziehen 3 |  Spur, Ackerfurche 4 |  Doppeldeichsel 5 |  Zugseil 6 |  Doppelgespann 7 |  zusammengespannt

8 |  Ruf der Fuhrleute: links 9 |  Ruf der Fuhrleute: rechts

10 |  pur, rein 11 |  Geranium

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