Was ich noch sagen wollte

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Liliane Schär-Jaluzot

Was ich noch sagen wollte

edition punktuell Leseprobe

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Liliane Schär-Jaluzot

Was ich noch sagen wollte Gedankenwelt einer 88-Jährigen



Ginkgo biloba Dieses Baums Blatt, der von Osten Meinem Garten anvertraut, Gibt geheimen Sinn zu kosten, Wie’s den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendig Wesen, Das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, Dass man sie als eines kennt? Solche Fragen zu erwidern, Fand ich wohl den rechten Sinn: Fühlst du nicht an meinen Liedern, Dass ich eins und doppelt bin? Johann Wolfgang von Goethe, 1815

Zum Jahrtausendwechsel erklärte das deutsche «Kuratorium Baum des Jahres» Ginkgo biloba zum Mahnmal für Umweltschutz und Frieden und zum Baum des Jahrtausends. Der Ginkgo gilt seit jeher als ein Symbol für Hoffnung und Freundschaft. Besondere Bedeutung besitzt der Ginkgo im asiatischen Raum. So steht das Blatt aufgrund seiner Zweiteilung in der chinesischen Philosophie für Yin (Sanftheit) und Yang (Lebenskraft). Gingko, der uralte Kulturund Kultbaum, gilt als das älteste «lebende Fossil» unserer Erde – ein Symbol des ewigen Lebens.

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Inhalt Vorwort Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz Meine Zürcher Taufe Bücher – Geschenke des Himmels Die Lebensmüden Mythos Schweiz in düsteren Zeiten Die Lebensschule strebt nach Evolution Als Verleger auserwählt Eine kleine Tanzgeschichte Heie, Säule der Dankbarkeit Vielen Dank Quellen- und Bildverzeichnis Die Autorin

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Vorwort Das Werk «Was ich noch sagen wollte» offenbart, was mit Evolution der Wirklichkeit gemeint ist. Und zwar mit der Wirklichkeit der gesamten Schöpfung, im Besonderen mit jener des Geistes und des Menschen. Im kleinen Werk scheint auf, was Wachstum, Entwicklung, Befreiung des Menschen heissen kann, als Individuum, aber auch als Menschheit insgesamt. Der Autorin gelingt es, ihre eigene Biografie mit dem Lebensentwurf berühmter Persönlichkeiten und mit metaphysischen Gegebenheiten zu verbinden. Das Werk ist sowohl christlich als auch überreligiös bedeutsam. Auffallend ist der spirituelle Wert des Büchleins. Da wird der Weg klar aufgezeigt heraus aus dem Dogmatismus, aus aller Enge, aus aller Erstarrung hinein in die Freiheit, Liebe, in höhere Schwingungen. Jede Geschichte, jede Aussage, jede Passage erscheint – gewiss dank geduldig und zielstrebig geleisteter «Knochenarbeit» der Autorin – in vollendeter Form. «Was ich noch sagen wollte» ist ein kleines Werk voller Geist und Weisheit, gehaltvoll im Inhalt, brillant in der Darstellung. Dr. Roman Giger Wil, im April 2019

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Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz Als 88-jährige Journalistin im Ruhestand habe ich das Bedürfnis, Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz zu erzählen. Überblickt doch der Mensch im hohen Alter die eigene Entwicklung sowie Teilentwicklungen seiner Vorgänger- und Nachfolgegenerationen. Meine Erfahrungen sind die einer gebürtigen Französin, die ab dem achten Lebensjahr, 1939, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in Zürich bei Verwandten aufwächst. Engagiert bekenne ich mich zu meiner Wahlheimat Schweiz. Von den Kriegswirren geprägt, nähre ich heute den Menschheitstraum von Frieden, Freiheit, Sicherheit, Bildung und Wohlstand für alle. In meinen Geschichten spüre ich evolutionären Entwicklungen nach, die ich aus meinem eigenen Lebensentwurf herausschälen kann. Zusehends verblasst mein Menschheitstraum. Je älter ich werde, je mehr ich lese, recherchiere, mich auseinandersetze mit allem, was mir fremd ist und mich befremdet, desto intensiver verdichtet sich eine Erkenntnis: Der Mensch strebt nach Entfaltung seiner Talente, seiner Persönlichkeit, nach der eigenen Evolution und jener der ganzen, lieben Menschheit. Die Geschichten entwachsen keinem Konzept. Ich liess mich bewusst von meiner Intuition leiten. Wer hinter diesen Eingebungen steckt, geben Zitate aus der Heiligen Schrift preis. Inspirierend wirkten auf mich Parallelerfahrungen von Schriftstellern, Journalisten, Philosophen, Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern. Wie mein Vorbild Marie Louise 11


Kaschnitz (1901–1974) habe ich versucht, Öffentliches aus privater Sicht zu betrachten und Privates zur öffentlichen Sache zu erheben. Dieses Werk widerspiegelt Wendepunkte in meinem Leben, ist also keine klassische Biografie. Eine abgeschlossene Geschichte reiht sich an die andere. Wobei alle zusammen ein Ganzes bilden. Vereinzelte Wiederholungen sind deshalb unumgänglich. In trauten Nachtgesprächen am Familientisch hätte ich schon immer Geschichten erzählen, hätte gerne erfahren wollen, wie sie gedeutet werden. Quer dazu standen die schnelllebige Zeit und der Selbstoptimierungsdruck des modernen Menschen. Es braucht häufige Rückzugszeiten, Selbstkontrolle, enorm viel Geduld und zähen Durchsetzungswillen, um Seele, Herz und Geist sich weiter entwickeln zu lassen. Zusammen mit meinem guten Geist fühle ich mich jetzt mit 88 Jahren endlich reif genug, mich und dieses kleine Werk der öffentlichen Meinung auszusetzen. Liliane Schär-Jaluzot Wil, im Sonnenhof, Sommer 2019

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Meine Zürcher Taufe Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, reissen sie dich nicht fort. Gehst du durchs Feuer, wirst du nicht versengt, keine Flamme verbrennt dich. Jesaja Kapitel 41, Vers 14 Der kleine Pavillon meiner Eltern stand an der Avenue Victor Hugo in Rueil-Malmaison, wenige Kilometer vom Schlösschen Malmaison entfernt. Hier hatten Napoléon Bonaparte und Joséphine Beauharnais sowohl die glücklichsten als auch die unseligsten Tage ihrer Beziehung durchlebt. Hier, im geschichtsträchtigen Vorort von Paris, verbrachte ich vor dem Zweiten Weltkrieg meine ersten Lebensjahre. Der Nationalstolz der Franzosen bezog sich damals auf ihre grosse historische Vergangenheit. Dieses Hochgefühl liess meine Mutter selbst in den düstersten Zeiten ihrer Existenz auf Wolken schweben. Mütterlicherseits war Maman von adeliger Herkunft. Dieses Erbe hatte allerdings einen Makel. Ihre Mutter, meine Grossmutter Marguerite de Curel, war als junge Frau eine Mésalliance eingegangen. Sie hatte einen Fotografen aus Zürich geheiratet, der im Herzen von Paris ein Fotoatelier betrieb, reformiert und dazu noch Zwinglianer war. Entfernter vom Katholizismus ging es aus Sicht der de Curels nicht. 13


Liliane Jaluzot, Paris, 1932.

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Den Mythos «Grande Nation» hatte ich mit der Muttermilch eingesogen. Im Lauf meiner frühen Kindheit musste ich allerdings erfahren, dass sich die Franzosen eher ihrer grossen Geschichte als ihrer Staatsbeamten rühmen konnten. Die Stunden, die ich mit meiner Maman vor Post-, Bahnhof- und anderen Schaltern verbrachte, hocken noch heute tief in meinen Knochen. Besonders dann, wenn ich lange stehend warten musste. Gauloise paffende Beamte kümmerten sich einen Deut um die sehnsüchtig ausharrenden Menschenschlangen. So war der Alltag in den Dreissigerjahren gespickt mit bösen Beamtenwitzen. Schon als Säugling wurde ich Opfer schludriger Beamtenherrlichkeit. Der Beamte, der meine Geburt im September 1931 in der Einwohnerliste von Rueil-Malmaison eintrug, muss aus demselben Holz geschnitzt gewesen sein. In unserer kleinen Familie stiessen krasse Unterschiede aufeinander. Im Gegensatz zu meiner Maman war Papa ein Wildwuchs, Sohn eines Lokomotivführers, der sich schon mit fünfzig hatte pensionieren lassen. Sohn einer hübschen, braven Mutter, die für die materiellen Bedürfnisse der vierköpfigen Familie als Mitarbeiterin eines bekannten Optiker-Unternehmens ganz selbstverständlich aufkam. Wenn Pépé im Bistro nicht gerade politisierte und an einem Absinth nippte, besorgte er den grossen Gemüse- und Blumengarten. Diese partnerschaftliche Ehe entsprang nicht etwa den aufkei­ menden Emanzipationsgelüsten der englischen Suffragetten, sondern dem gesunden Men­schenverstand meiner Grosseltern Lina und Pierre Jaluzot. Aus 15


Sicht meiner Zürcher Verwandten waren sie ein unmögliches Paar. Pépé nannten sie einen Faulenzer und Mémé ein Babeli, das täglich mit Zug und Metro zur Arbeit fuhr, statt Pépé anzufeuern, bei den SNCF weiterzuarbeiten, so jung und rüstig wie er mit fünfzig noch war. Mémé, so argumentierten die Schweizer Verwandten, solle doch Haus und Garten selbst genüsslich besorgen und sich täglich eine erholsame Siesta an der frischen Luft gönnen. Das alles ereignete sich in einer Zeit, da die Arbeitslosigkeit, miese Löhne und karge Staatsfinanzen das Temperament des einfachen Mannes auf der Strasse zum Kochen brachte. Mein Vater vereinte in sich viele Gegensätze. Manchmal wirkte er überspannt fröhlich. In solchen Momenten konnte er sich auf den Handlauf im Treppenhaus unserer besten Freunde schwingen und sitzend im Höllentempo abwärtssausen. Meine arme Maman – auf Stil bedacht – schämte sich jeweils für ihn in Gegenwart des ehrenwerten Rasiermesserfabrikanten und seiner Gattin. Mir, dem hochsensiblen kleinen Wesen, stockte das Blut in den Adern, wenn es Papa dann noch einfiel, statt den Treppenlauf sitzend zu benützen, zehn Tritte aufs Mal zu überfliegen. Meistens aber liess Papa den Kopf hängen. Er haderte mit dem Schicksal, wollte nicht einsehen, dass jeder seines Glücks eigener Schmied ist. Stur blieb er bei der Strategie, nach Sündenböcken zu suchen, weil er es als junger Mann verpasst hatte, nach dem Ersten Weltkrieg bei den grossmütigen Verwandten in Zürich zu bleiben. Sprachlich hochtalentiert, gelang es ihm nach dem Krieg, seinen Traum 16


zu leben: Sprachprofessor an der Technischen Hochschule von Saint Quentin zu werden. Den Ersten Weltkrieg hatte er als Pubertierender bei unseren Zürcher Verwandten verbracht. Als Kantonsschüler soll er nur Flausen im Kopf gehabt haben, sodass er den nötigen Notendurchschnitt nicht halten konnte und rausspickte. Jahrzehnte später erzählte mir meine Mutter, wie Papa Albert auf meine Sonntags- und Hausgeburt reagiert hatte. Er schlug auf dem Parkettboden des elterlichen Schlafzimmers vorerst das Rad, umarmte Maman so heftig, dass sie und ich in ihren Armen zu ersticken drohten. Dann verschwand er in sein Büro, um sich bis tief in die Nacht im Selbststudium Esperanto, Russisch, Spanisch, Italienisch und Englisch beizubringen. Denken und träumen tue er – was er immer wieder betonte – so wie alle Elsässer auf Deutsch und Französisch. Mit diesem Rückzug ins Büro hatte er seiner Frau und den Grosseltern seiner Tochter beigebracht, wie er sich seine Zukunft als Gatte und Vater vorstellte. Meine Mutter kannte die Grenzen seiner Belastbarkeit und bat deshalb ihren Schwiegervater Pierre, das Kind anderntags in der Mairie eintragen zu lassen. Ich sollte Lilian (sprich Lilien) heissen. Meine Mutter brachte damit ihre Zuneigung zu ihren englischen Verwandten zum Ausdruck. Wenn in meinen Schriften Lillian mit zwei L geschrieben steht, liegt das am mangelnden Durchsetzungsvermögen von Pépé Pierre. Er hätte nach überlieferter Sippenschelte meinen Namen im Rathaus buchstabieren sollen. Stattdessen habe er sich dort von einem dieser auf17