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Norbert Huser Afrika und Asien auf zwei Rädern

edition punktuell Leseprobe

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Norbert Huser

AFRIKA UND ASIEN

AUF ZWEI RADERN

Nochmals vier Jahre mit dem Fahrrad unterwegs


Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen. Afrikanisches Sprichwort Meiner ganzen Familie gewidmet: Mère (Pia†) und Père (Alois†), Pia, Claudia, Chrige, Wisel und Geri


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Inhalt 9 Einleitung 11 Südwesteuropa – Auf der Suche nach einem Weg zum Schwarzen Kontinent 17 Nordwestafrika – Hallo Afrika, hier bin ich! 37 Westafrika – C’était très cool ici, quoi? 69 Inselafrika – Misaotra Betsaka. Veloma! 93 Ostafrika – Karibu, Karibu Mzungu. Habari? Pole-Pole. Hakuna Matata. Asante Sana! 113 Südostafrika – Die Wasser des Sambesi 137 Südwestafrika – Gear Box and Diffproblems Doctor 149 Südafrika – God Help Me Pass, 2850 m 167 Indischer Ozean – Wasser und Himmel zwischen zwei Kontinenten 175 Südostasien – An den Ufern des Mekong 215 Reich der Mitte – Eine rasante, beängstigende Entwicklung 231 Dach der Welt – Strapazen, Entbehrungen und Gebetsfahnen 259 Indischer Subkontinent – Auf den Spuren des Yeti, der Hippies und meiner eigenen Vergangenheit 335 Zentralasien – Auf den Strassen der ehemaligen Sowjetunion 369 Kaukasien – Ölboom, Stalin und Kaukasus 385 Eurasien – Die Türe nach Europa 395 Südosteuropa, Balkan – Der Heimat bereits so nahe 405 Rückkehr – Zurück von ganz weit weg 411 Nachwort

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Einleitung Wenn man den Weg verliert, lernt man ihn kennen. Afrikanisches Sprichwort

Im Frühling 2003 fasste ich einmal mehr den Entschluss, meinem Leben einen neuerlichen Richtungswechsel anzuvertrauen. Ich war bereit, die Komfortzone der wunderschönen, jederzeit berechenbaren Schweiz mit der blossen Ungewissheit und waghalsigen Ferne einer fremden und vielleicht unbehaglichen Welt zu tauschen. Es sollte in meinem von Anspannung, Pflichtbewusstsein und Überfluss geprägten Leben abermals etwas bedächtiger und genügsamer weitergehen. Gerade zurück aus der bissigen Kälte und erbarmungslosen Schroffheit der hohen Berge im Himalaya, fokussierte ich mich fortan auf meine Absicht, den Schwarzen Kontinent zu ergründen. Wie sich schon bald herausstellte, wählte ich einen äusserst passenden Flecken auf unserer Erde aus, um mein Dasein zu entschleunigen und den gefassten Vorsätzen Taten folgen zu lassen. Nach meinem vier Jahre dauernden Abenteuer «Lateinamerika auf zwei Rädern» war mir von Beginn weg eines klar, ich wollte mit dem Fahrrad nach Afrika fahren. Ich betrat also schon mal die Werkstatt eines Fahrradhändlers und erkundigte mich nach einem Afrika tauglichen Draht­ esel. Dank meinen einschlägigen Erfahrungen in Lateinamerika, hatte ich ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie die Ausstattung des Fahrrades ausschauen musste, und auch über die mitzuschleppende Ladung wusste ich Bescheid. Der Kauf des Fahrrades «Cabonga» war schnell getätigt, und so stellte ich mir in Bälde nur noch die Frage betreffend des Weges, der mich zum mythischen Kontinent jenseits des europäischen Mittelmeeres führen sollte. Wo sollte ich Afrika betreten? Ich legte mich auf den Westen fest. «Alors, on y va! En route pour l’Afrique!»

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Pont-Saint-Esprit in SĂźdfrankreich.

BenalaurĂ­a, weisses Dorf in Andalusien.


Südwesteuropa – Auf der Suche nach einem Weg zum Schwarzen Kontinent Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich. Afrikanisches Sprichwort

Schweiz Mein pechschwarzes Reisefahrrad «Cabonga» wartete draussen vor dem Haus, vollgepackt wie ein Lastesel. Es war anfangs August 2003, im europäischen Jahrhundertsommer. Ein lauer Freitagmorgen in Niederrohrdorf. Ein Frühstück auf der Terrasse mit frischen Gipfeli von der Dorfbäckerei, ein letzter Blick über den Rebberg hinunter ins wunderschöne, so heimische Reusstal, ein Foto vor der Haustüre, Abschied von meinen Liebsten und los ging es, den Bu­ acher hinunter. Wie oft radelte ich in meiner Kindheit und danach diesen Buacher hinunter. Wie oft war es einfach blosser Alltag, auf dem Weg in die Molkerei, zur Schule, ins Kino oder zu einem Bier. Wie oft war ich so gedankenlos dabei, alles war zu gewohnt. Diesmal war es anders, irgendwie sonderbar und doch so vertraut. Die letzte Kurve und dann das Einbiegen in die Hauptstrasse Richtung Dorfzentrum. Die Kirche, die Raiffeisenbank, die «Gmeindschrii­ bersblöcke», die Kollerscheune, das neue Gemeindehaus, das Fabrikgebäude der EGRO, übers Feld ins «Brand», hinunter zur Reuss, über die Brücke in Mellingen und dann weiter, Richtung … Afrika. Afrika? Ja, ich war auf dem Weg zum Schwarzen Kontinent. Vorerst bewegte ich mich auf der Fahrradroute Nummer fünf der Aare entlang nach Biel, wo ich am See zum ersten Mal mein Zelt

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aufschlug. Es war heiss bis spät in den schönen Sommerabend hi­ nein. Ich war durstig und müde. Am nächsten Morgen nahm ich die wunderschöne, meist im schattigen Ufergehölz des Bieler- und Neuenburgersees führende Strecke nach Yverdon unter die Räder. Die zum Baden einladenden Seen mit den Jurahöhen im Hintergrund boten eine fantastische Kulisse, die die Strapazen der fast unerträglichen Sommerhitze verdrängten. Für das Baden fand ich natürlich keine Zeit, ich war schliesslich auf dem Weg nach dem fernen Afrika. In der historischen Altstadt von Yverdon liess ich dann die linden Abendstunden so dahinplätschern. Am folgenden Tag testete ich in den bewaldeten Steigungen hinauf ins Vallée de Joux die kleinen Gänge meines Fahrrades, und beim sanft zwischen den rollenden Hügeln der Jurakette gebetteten Lac de Joux fand ich in den Mittagsstunden mein nächstes Lager. Ich gesellte mich dort zu den vielen, das kühlende Nass des Sees suchenden Leuten. An von in zig Arbeitsstunden sorgfältig aufgebauten Juramauern abgegrenzten Viehweiden entlang und vorbei an den für die Gegend typischen Jurabauernhöfen erreichte ich dann kurz nach Le Brassus die Grenze zu Frankreich, wo beim Verlassen meiner Heimat mein Herz zugegebenermassen schon etwas höher schlug. Aber niemand interessierte sich für meine Papiere. Wieso denn nicht? Ich fuhr doch ganz weit weg, … bis nach Afrika. Frankreich Aber niemand interessierte sich für meine Papiere. Wieso denn nicht? Ich fuhr doch ganz weit weg, … bis nach Afrika. Durch die stillen, fast geisterhaft anmutenden, unendlichen Wälder des Französischen Juras radelte ich zum ruhigen Lauf der Rhone, den ich kurze Zeit später auch bereits wieder verliess. Ich wollte damit den riesigen Bogen, den die träge dahinziehenden Wasser­ massen des Flusses auf ihrem Weg nach Lyon machten, abkürzen. Ein paar Tage später, mittlerweile wieder zurück an der Rhone, mitten durch die berühmten Weingebiete der Côte du Rhône mit all den ausgezeichneten Châteaux, gelangte ich nach Avignon. In der einstigen Festung des Römischen Reiches mit einer noch ziemlich vollständigen Stadtmauer und einer schönen, mit Touristen vollgestopften Altstadt, verbrachte ich meinen ersten Ruhetag. Natürlich war da auch die berühmte Brücke, die mich an die Französisch­ lektionen mit «La Belle Aventure» an der Bezirksschule in Baden erinnerte. Bereits hatte ich gehörig Kilometer abgestrampelt. Und dieses Mal war der Umstand, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, nicht

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Frankreich

mehr so neu, wie einst vor rund zehn Jahren im Süden von Chile. Damals brachen deswegen etliche Schwierigkeiten und ungewohnte Herausforderungen auf mich herein. Ich wusste jetzt mit den Wetterkapriolen umzugehen, war auf lästigen Gegenwind eingestellt, war auf ein bescheidenes Leben ohne jeglichen Luxus vorbereitet und das Durchstreifen von Dörfern, und in Orten eine Bleibe suchen, worüber ich keinerlei Informationen besass, war mir vertraut. Was blieb und mich schon bald erneut verfolgte, war eine behagliche und empfindsame Ahnungslosigkeit, ein Unvorbereitetsein auf morgen und das Nichtwissen über das, was vor mir auf den Strassen lag. Die Weiterreise führte durch das weite Deltagebiet der Rhone. Hier erlebte ich in den frühen Morgenstunden nach einer schwülheissen Nacht auf einem Campingplatz ein heftiges Unwetter, das mein Zelt überfluten liess. Schon bald aber brannte die Sonne wieder unablässig vom Himmel und trocknete meine sieben Sachen im Handumdrehen. Durch das Hinterland der touristengeplagten Küste am Golf du Lion, folglich entlang verschiedener Wasserkanäle, wo Hausboote sanft und friedlich das bedächtige Wasser pflügten, und schliesslich über die breite Ebene des Canal du Midi, erreichte ich den Fuss der Pyrenäen. Hier prägten einmal mehr unendliche Weinbaugebiete die ebene Landschaft und mittendrin betteten sich allgegenwärtig idyllische, mittelalterliche Dörfer. Hoch oben in den mit Pinien bewaldeten Abhängen der Gebirgskette thronten überall mehr oder weniger zerfallene Burgruinen und einige statt­ liche Festungen. Die einst strategische Bedeutung der Region war offensichtlich. Immer noch herrschte eine Bruthitze, und in der Ferne deuteten gewaltige Rauchschwaden auf unaufhörlich wütende Waldbrände hin. Der heisse Fahrtwind streichelte mein Gesicht, und die tägliche Flüssigkeitszufuhr betrug beinahe zehn Liter. Abkühlung war noch keine in Sicht. Die Anfahrt zu den beschwerlichen Kehren der berühmt berüchtigten Pyrenäenpassstrassen der «Grande Boucle» der Tour de France führte durch enge, groteske und schattenspendende Felsschluchten langsam und stetig bergan. Die Bäche in den Abgründen waren ausnahmslos vertrocknet und die Dorfbrunnen in den Ortschaften ohne Tropfen Wasser. Weiter oben, die Steigungen schienen nun endlos und fast unüberwindbar, stand auf den aufgeweichten und klebrig gewordenen schwarzen Asphaltstrassen überall in grossen weissen Buchstaben «Allez Virenque», «Go Lance» oder «Hopp Jan» geschrieben. Ob wohl eine solche Aufmunterung da noch half? Ich war auf jeden Fall ziemlich erleichtert, als mich in

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den Skistationen ganz oben auf dem Dach des Gebirges, das die iberische Halbinsel vom restlichen Europa trennte, sogar wenige Regentropfen willkommen hiessen. Da hatte ich noch keine blasse Ahnung von den zahllosen unnachgiebigen Bergen, die mich in Spanien noch erwarten sollten. Spanien Da hatte ich noch keine blasse Ahnung von den zahllosen unnachgiebigen Bergen, die mich in Spanien noch erwarten sollten. Ich durchquerte Spanien auf den Landstrassen von Katalonien, Aragonien, Kastilien La Mancha und Andalusien. Die Abfahrt von den Pyrenäen, vorbei an der langen Blechlawine, die sich Richtung Max Frischs Andorra wälzte, war nur von kurzer Dauer. Um vom Hauptverkehrsstrom wegzukommen, begab ich mich schon bald auf eine unbedeutende Nebenroute und steckte wieder in den zähen Steigungen einer Passstrasse. Die Flut von Schweisstropfen, die mein Körper auf den tausend Höhenmetern bis zum Kulminationspunkt produzierte und die auf dem heissen Strassenbelag im Nu verdampfte, war lohnenswert. Erstens bescherten sie mir eine sagenhafte Aussicht in die abgeschiedene katalanische Bergwelt und zweitens eine geniale, kurvenreiche Abfahrt auf einer frisch geteerten Strasse. In Lérida, wo auf einem Hügel eine grossartige Kathedrale die hübsche Altstadt überschaute, gönnte ich meinen geplagten Beinen einen verdienten Ruhetag. Es gab da einige Dinge zu sehen und viele Plätze, um die Ruhe zu geniessen und Kräfte zu tanken. Ab jetzt zeigten meine Wegweiser nach Andalusien. Über bewaldete Hügelzüge und durch einsame Täler und weite, von der langen Trockenheit gezeichnete Ebenen. Vorbei an im Wind und unter der Last der prallvollen Ähren sich neigenden goldgelben Weizenfeldern und leeren, nur noch mit halbdürren Blättern geschmückten Pfirsichbäumen. Entlang rauschender Bäche und stoisches Schweigen ausstrahlenden Seen und durch dunkle, an lichten Stellen von den grellen Strahlen der im Zenit stehenden Mittagssonne durchdrungene Pinienwälder. Die heisse Luft über dem kochenden Asphalt flimmerte, am Horizont erschien mitten auf der Strasse ab und zu eine Wasserlache. Ein See? Nein, nur das unscharfe sich bewegende Bild einer Täuschung. Auf einer Anhöhe schweifte mein Blick hinunter auf die hügelige Landschaft Andalusiens. Soweit das Auge reichte, bis an den vom Dunst gebleichten Horizont, nichts als Olivenhaine. Zwischendurch gab es mal einen in dieser Jahreszeit traurigen Mandelbaum

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Spanien

oder kitzelte der süsse Duft frischer Feigen die Geschmacksnerven meiner Nase und meines Gaumens. Ein Bild, das mich stark an die Kaffeeregion Kolumbiens erinnerte. Im weiten Tal des Guadalquivir besuchte ich in der Olivenölhauptstadt Jaén antike arabische Bäder, Zeugnisse der einstigen arabischen Präsenz in Südspanien, und die stilvolle Kathedrale aus der Renaissance. Hinter der Stadt erhoben sich die mit Olivenbäumen bewachsenen Berge bis auf zweitausend Meter über den Meeresspiegel. Überhaupt bestimmte eine gebirgige Landschaft einen grossen Teil meiner Reisestrecke durch Spanien. Die Berge und Höhenzüge gewährten mir immer wieder tolle Rundblicke von oben herab, forderten aber auch hunderte Schweisstropfen, denn täglich überwand ich an die tausend Höhenmeter. Der Spätsommer und Herbst waren auch die Zeit der Ferias, der Stierkampffeste, die hier sehr stark verwurzelt waren und zur Tradition gehörten. In Ronda wurde gerade eines dieser Feste gefeiert und ich konnte rund um die Kampfarena das Treiben vor der Corrida miterleben. Es wurde über die Toreros gefachsimpelt, in Nostalgie geschwelgt, und die Stiere wurden begutachtet. Man trank Rotwein oder ein Bier und liess sich den traditionellen Schinken, die feinen Chorizos oder gebratenes Fleisch schmecken. Die letzte Bergkette Andalusiens brachte mich vor der Meeresküste noch einmal hinauf auf eine Höhe von tausend Metern. An den steilen Hängen klebten niedliche, schneeweisse Dörfer. Die Pinienwälder wurden durch Korkeichenwaldungen abgelöst, und am Strassenrand wimmelte es von reifen Kaktusfeigen. Zitrusfruchtplantagen erschienen, und es war nicht mehr weit bis nach Algeciras. In der Hafenstadt am Meer angekommen, trat ich an die Ufer und blickte über die Bucht hinüber zum Felsen von Gibraltar und dann hinaus ins offene Meer. Am Horizont entdeckte ich einen dunklen Streifen. Ich kniff meine Augen zusammen. Ja, tatsächlich, Afrika war nicht mehr weit. So nah, so wirklich nah. Ein Kribbeln befiel mich, ich war gespannt und neugierig. Was mich da drüben wohl erwartete? Zunächst wollte ich aber noch eine Reihe gängiger Dinge erledigen. Im Internetcafé einen Zwischenbericht meiner bisherigen Reise verfassen, auf der Bank vorsorglich etwas Geld abheben und irgendwo eine Strassenkarte von Marokko besorgen.

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Die weite Welt Die Welt ist an unserem alltäglichen Horizont nicht erledigt. Dahinter geht sie weiter, hat sie stets einen neuen Horizont bereit. Von Horizont zu Horizont laufen, Blickfeld um Blickfeld betreten. Eine Reise tun ist sozusagen eine Horizonterweiterung. Hinter meinem Rücken die Komfortzone Schweiz. Vor meinen Augen eine Fremde, eine Ungewissheit. Auf einen steinigen Berg hochsteigen oder die beschwerlichen Kehren eines Passes hinaufradeln. Um eine unübersichtliche Kurve fahren oder über eine diffuse Kuppe schleichen. Entdecken und aufstöbern, was auf der anderen Seite liegt. Neues erfahren, spüren und aufsaugen, Wissen und Verständnis ausdehnen. Hinter meinem Rücken die Komfortzone Schweiz. Vor meiner Nase eine Unbehaglichkeit, ein Geheimnis. Über einen unfassbaren See schwimmen oder durch das tiefgründige grenzenlose Meer pflügen. Durch eine weitläufige grüne Ebene stampfen oder auf dem Schwemmgut eines mäandernden Flusses in einem öden Tal marschieren. Sehen, was da verborgen ruht, wohin sich die Sonne am Abend senkt. Bescheidenheit ertragen, Tatsachen erkennen. Hinter meinem Rücken die Komfortzone Schweiz. Vor meiner Brust eine Verborgenheit, etwas Spurloses. Durch dichten feuchten Nebel tasten oder in eisiger Kälte und feuriger Hitze ausharren. Felsenfeste Barrieren und Hindernisse durchbrechen oder über den lästigen eigenen Schatten springen. Hinter schattige Mauern gucken, Fesseln des vertrauten Lebens ablegen. In ungewohnte Sphären und Kulturen aufbrechen, Unannehmlichkeiten annehmen. Hinter meinem Rücken die Komfortzone Schweiz. Vor meinem Nabel tiefe Abgründe, strikte Begrenzungen. Durch antike Häuserzeilen schlendern, um ärmliche Lehmhütten an den Sandpisten strolchen oder an futuristischen Wolkenkratzern von Metropolen vorbeibummeln. Durch fremde Menschenströme drängen oder unbekannte Grenzen überschreiten. Begreifen und verstehen, was andere Menschen und Völker denken und bekümmert. Auf unbekannten Pfaden wandeln, sonst unbeachtete Leute und Gepflogenheiten akzeptieren. Hinter meinem Rücken die Komfortzone Schweiz. Vor meinen Füssen eine Anspruchslosigkeit, die Nüchternheit der weiten Welt.

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Nordwestafrika – Hallo Afrika, hier bin ich! Wer sich mit Wein betrinkt, wird wieder nüchtern. Wer sich mit Reichtum betrinkt, niemals. Afrikanisches Sprichwort

Marokko Zunächst wollte ich aber noch eine Reihe gängiger Dinge erledigen. Im Internetcafé einen Zwischenbericht meiner bisherigen Reise verfassen, auf der Bank vorsorglich etwas Geld abheben und irgendwo eine Strassenkarte von Marokko besorgen. Auf der Meeresstrasse von Gibraltar kreuzte sich mein jetziger Weg mit dem von vor ungefähr fünf Jahren, als ich auf einem Frachtschiff von Südamerika nach Hause zurückkehrte. Ich gelangte vorerst nach Ceuta in die spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent. «Hallo Afrika, hier bin ich!» Bereits nach einer Nacht zog ich weiter und kam in der islamischen Welt von Marokko an. Die islamischen Sitten waren hier nicht so streng wie in anderen Ländern. Trotzdem wurde fünf Mal pro Tag zum Gebet gerufen. Von den Minaretten der unzähligen Moscheen ertönten über Lautsprecher und heutzutage oft ab Tonband die unverkennbaren Stimmen der Gebetsrufer. Das erste Mal bereits um halb fünf Uhr morgens, kurz bevor die Sonne aufging. Am Rande des Rif, eines Ausläufers des Atlasgebirges, radelte ich nach Tétouan. Hier machte ich die erste Bekanntschaft mit einer Medina. So hiessen die für marokkanische Städte typischen Altstadtteile. Sie waren für mich schon etwas gewöhnungsbedürftig. Die sehr engen, verwinkelten und zum Teil dunklen Durchgänge mit ihren duftenden Märkten, Läden, Essbuden und einem stetigen,

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unglaublichen Menschenstrom kamen mir als Neuankömmling sehr eigenartig vor, waren aber äusserst reizvoll. Hier trafen sich die Leute zum Wohnen, zum Betreiben ihres Handwerks und zum geschäftlichen Handel in derselben Gasse. Sich darin zurechtzufinden, war manchmal nicht einfach, aber irgendwie fand ich immer wieder einen Orientierungspunkt und schliesslich den Weg zu meinem Gasthaus mitten in der Medina oder hinaus in die offene Stadt. In den folgenden Tagen drang ich weiter ins Rifgebirge vor und genoss in Chefchaouen und Ouazzane die hektische und gleichzeitig entspannend wirkende Stimmung in den Medinas. Frühmorgens, gerade eben dämmerte es in der kühlen Morgenluft, machte ich mich auf zum Besuch in einem traditionellen Hamam. Diese Dampfbäder in öffentlich zugänglichen Badeanstalten hatten eine grosse Bedeutung in der islamischen Bade- und Körperkultur. Es gab verschiedene Nutzungszeiten für Frauen und Männer. Die Männer waren in den frühen Morgenstunden an der Reihe. Ich trat in den weiten, runden, hoch oben von einer gewölbten Decke abgeschlossenen Raum und legte eines der bereitgelegten Handtücher als Lendenschurz um. Danach begab ich mich zu den Waschbecken und übergoss meinen in den letzten Tagen arg strapazierten Körper abwechslungsweise mit kaltem und warmem Wasser. Da mir die genauen Rituale nicht geläufig waren, schaute ich bei den anderen Besuchern ab und tat ihnen gleich. Mit einem eingeseiften Baumwollsack liess ich mich zunächst von einem anderen Gast waschen und schrubbte darauf meine nasse Haut unter kräftigem Druck mit einem rauen Tuch. Wie viele andere auch nutzte ich schliesslich die entspannte Atmosphäre, um mich zu rasieren und mich auszuruhen. Ein willkommener und völlig befreiter Start in den Tag. Es war an einem Freitag, und haufenweise gläubige Muslime machten sich nach dem Besuch in der Badeanstalt auf den Weg zum Freitagsgebet in einer nahegelegenen Moschee. Wieder auf meinen zwei Rädern in südwestlicher Richtung unterwegs wurde mir beim Besuch der Ruinen der ehemaligen römischen Stadt Volubilis die Grösse des einstigen Römischen Reiches so richtig bewusst. Überhaupt hatte Marokko eine bewegte Geschichte hinter sich. Immer wieder kam das Land unter fremde Einflüsse. Unter anderen regierten die Phönizier, die Römer, all die Dynastien der verschiedenen Sultanfamilien, die Spanier, die Franzosen und die Deutschen vorübergehend in diversen Regionen Marokkos und versuchten sich in Nordafrika zu etablieren. Da waren aber auch noch die Berber, die Urbevölkerung in den Bergen des Atlasge-

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birges, die sich immer wieder erfolgreich gegen die Eindringlinge zur Wehr setzten. Die Landschaft in den nächsten war Tagen geprägt von Olivenbäumen und am Strassenrand häuften sich die Olivenölpressen. Es herrschte weiterhin eine Glutofenhitze, und irgendwo in der kargen und ausgedorrten Umgebung draussen lud mich eine nette Familie zu einer schmackhaften Tajine ein. Tajine bezeichnete in der einheimischen Küche einerseits ein rundes, aus Ton gebranntes Schmorgefäss mit einem gewölbten Deckel und andererseits das darin gekochte Gericht. Die köstlichen Mahlzeiten bestanden üblicherweise aus einem Gemüse- und Lammfleischeintopf. Dazu gab es Couscous, ein zu Kügelchen geriebener Griess aus Gerste oder Hirse, oder Fladenbrot. Es war lecker! Ein anderes Mal rettete ein Granatapfelverkäufer mein Leben. Ich kämpfte mich unter der vom makellosen Himmel brennenden Sonne eine langgezogene Steigung hoch, als das Wasser in all meinen Trinkflaschen aufgebraucht war. Da erschien vor meinen bereits etwas betrübten Augen an einer einsamen Strassenkreuzung unerwartet ein Bauer, der Granatäpfel zum Verkauf anbot. Ich kaufte ein halbes Dutzend von den roten Früchten und kostete dann jeden einzelnen der fruchtigen Samenkerne mit Wonne. Mittlerweile kam ich in den ehemaligen Königsstädten Mèknes und Fès am Fusse des Mittleren Atlas an. Beide Städte waren während der ganzen marokkanischen Geschichte immer äusserst bedeutend und wegweisend. Zusammen mit Marrakesch und Rabat waren sie abwechslungsweise Königssitz und Hauptstadt Marokkos. Es gab hier von den schönsten Moscheen und Koranschulen Afrikas zu bewundern, und die Medinas zählten zu den eindrucksvollsten des Landes. In Fès hatte ich mein Hotelzimmer direkt beim schönsten Zugang zur Medina, dem Bab Boujloud, was das blaue Tor bedeutete. Die Souks, die kommerziellen Viertel der Medinas, beherbergten unter vielen anderen Handwerksbetrieben auch Gerbereien und Textilfärbereien. Unter freiem Himmel tünchten dort die barfüssigen Arbeiter jegliche Art von Tüchern und Leder- und Stofffetzen in die mit verschiedenen Farbflüssigkeiten gefüllten, aneinandergereihten runden Lehmbecken. Die neben den Tümpeln zum Trocknen ausgelegten frisch gefärbten rechteckigen Gewebemuster und Lederstücke bildeten zusammen mit den farbigen runden Teichen ein buntes Kunstwerk. Beide Städte waren zudem unter bedeutendem Einfluss verschiedener Sufi-Sekten und islamischen Bruderschaften. Diese Glaubensgruppierungen verkörperten unterschiedliche Strömungen im islamischen Kulturkreis mit einer ausgeprägten spirituellen Orientierung.

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Im Mittleren Atlas radelte ich vorerst durch Zedernwälder, dann entlang einer hügeligen Landschaft mit grünen Auen und anschliessend durch eine rotbraune trockene Hochebene. Manche kleine Berg­ dörfer säumten meinen Weg, und ich machte Halt in Azrou, dem Handelszentrum der Berber auf tausenddreihundert Metern über dem Meeresspiegel. In der Ferne türmten sich weisse und schwarze Wolken über den Bergen, die sich beim Sonnenuntergang in goldgelber, dann roter Farbenpracht eindrucksvoll gegen den dunkler werdenden Abendhimmel abzeichneten. Als ich zwei Tage später Midelt, eine weitere Berberstadt, am frühen Morgen verliess, hatte ich die Berge des Hohen Atlas direkt vor meinen Augen. Da sich die höchsten Gipfel der Gebirgskette in der ersten Reihe erhoben, erschien sie mir als imposante Wand. Zudem fiel dort oben gestern bereits der erste Schnee. Die Leute im ganzen Land erwarteten sehnlichst die ersten Regenfälle. Die Ernten waren eingebracht, und die Felder wurden für die Saat vorbereitet. Neben der täglichen Feldarbeit stellten die Berber auch hervorragende, in der ganzen Welt bekannte Teppiche her. Vorerst kämpfte ich mich weiter hinauf in die schroffen Berge des Hohen Atlas, hinauf zum Kamelstutenpass auf zweitausend Metern. Bald aber fiel die Strasse vor mir tief hinunter zu einem Fluss, der sich dort durch die enge Ziz-Schlucht frass. Hier unten drängte sich die Strasse zwischen den rauschenden Wasserlauf und die steilwandigen groben Felswände. Noch in der Schlucht musste ich einen Tunnel durchfahren, der vor langer Zeit von französischen Fremdenlegionären gebaut wurde und auf der Südseite noch heute von Soldaten bewacht wurde. Durch das Zentrum der modernen Wüstenstadt Errachidia radelte ich weiter und fand im beschaulichen Meski einen lauschigen Zeltplatz mitten in einer grünen Oase, wo ich mich für ein paar Tage einrichtete. Bei einem netten Teppichhändler kaufte ich einen dieser strapazierfähigen, aus Schafwolle gewobenen Teppiche. Der Geschäftsmann organisierte auch den Versand nach Hause und lud anschliessend zum Tee ein. Teetrinken glich in Marokko einem Ritual. Es wurde ausschliesslich Minztee getrunken. Die Zeremonie des Einschenkens begann, sobald sich der beigefügte Zucker in der Teekanne aufgelöst hatte. Mein Gastgeber stellte dann niedliche Teegläser kreisförmig auf ein silbernes Tablett auf dem Fussboden und hob die Teekanne über diese Gläser. Mit einem dünnen Strahl füllte er nun den heissen Tee in die Gläser, um ihn sodann wieder in die Kanne zurückzuschütten. Diesen Vorgang wiederholte er ungefähr fünf Mal und schaffte dadurch eine wunderbare Mischung aus köstlichem Tee und Zuckerschaum.

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Medina in Chefchaouen.

Textilfärberei in der Königsstadt Fès.

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