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edition punktuell. Leseprobe

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LATEINAMERIKA

AUF ZWEI RADERN


Inhalt 9 Einleitung 13 Patagonien – oder wo alles begann 27 Chile, Argentinien – Wein, Fleisch und dünne Bergluft 49 Bolivien, Peru – Schneeberge und eisgekühlte Inca Kola 95 Ecuador, Kolumbien, Venezuela – trotz Bürgerkrieg unverfälschte Lebensfreude 167 Mittelamerika, Mexiko – Auf den Spuren der Mayas und Azteken 211 Kuba – Ein Traum für die einen, ein Albtraum für die anderen 237 Brasilien, Uruguay – Samba und vieles mehr 267 Heimfahrt auf dem Atlantik – Abschied, hin- und hergerissen 279 Nachwort

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USA

Mexiko

Bahamas

Kuba Belize Jamaika Honduras Guatemala El Salvador

Dominikanische Republik Puerto Rico (USA) Haiti

Nicaragua Trinidad und Tobago

Panama Costa Rica Venezuela

Guyana Suriname

Kolumbien

Frz. Guayana

Galapagos-Inseln Ecuador

Peru

Brasilien

Bolivien

Chile

Paraguay

Argentinien Uruguay

Falkland-Inseln (GB)

0

1000 km


Einleitung Als ich damals, am 29. Dezember 1994, zu meinem Abenteuer aufbrach, einerseits um eine neue Welt kennenzulernen und andererseits um etwas dem schweizerischen Alltag zu entfliehen, wusste ich noch nicht, was daraus werden wird. Schliesslich, am 27. Dezember 1998, kehrte ich nach rund 1500 Tagen, 48 400 Kilometern im Bus, 23 000 Kilometern auf dem Fahrrad, 3100 Kilometern im Zug, 9800 Kilometern zu Wasser, 12 300 km auf hoher See, unzähligen Kilometern auf Schusters Rappen und elfmaligem Fusssetzen auf über 6000 m ü. M., nach Hause zurück. Geografisch, zoologisch, politisch, literarisch oder musikalisch konnte ich die ganze Reise etwa wie folgt eingrenzen: von Patagonien bis Mexiko, von Havanna bis Buenos Aires, vom Aconcagua bis zum Amazonas, vom Pinguin bis zum Chamäleon, von der Malariamücke bis hin zur Amöbe, von Simón Bolívar über Emiliano Zapata bis Che Guevara, von José Martí über Gabriel García Márquez bis Pablo Neruda und von Carlos Gardel bis Mercedes Soza. Ich hatte die Gelegenheit, eine andere Seite unserer Welt zu sehen und zu verstehen: fremde Menschen und Kulturen, andere Lebensgewohnheiten und Landschaften. Nicht durch Ferienprospekte, die Flimmerkiste oder Reisemagazine, sondern durch Erfahrung am eigenen Leib. Dabei versuchte ich, mich immer als Gast zu sehen und zu benehmen. Vertrauen, Verständnis, Toleranz, Respekt, Akzeptanz und Unterstützung geben und auch annehmen war für mich auf dem langen Weg durch das fremde und entfernte Lateinamerika sehr wichtig und selbstverständlich. Vier lange Jahre schaute und hörte ich einfach herum, las, spürte, lebte und erlebte ich, suchte, fand und notierte ich. Im vorliegenden Werk schaue ich nun einige Jahre in meinem Leben zurück. Mit Hilfe meiner Tagebuchnotizen und den vielen übrigen Aufzeichnungen versuchte ich, meine damals gesammelten Gedanken, Eindrücke, Gefühle und Ideen zusammenzutragen und zu einem Buch zu formen. Das nachstehend Niedergeschriebene soll auch zum Nachdenken anregen, zu Diskussion oder zu Kritik Anlass geben, oder schlicht als Bettlektüre dienen. Während der ganzen Reise war mein Kopf immerzu vollgestopft mit Ideen und Absichten. Die Gegenwart und die nahe Zukunft bestimmten mein Leben, meine Gangart. Dieses Hier und Heute, dieses Sich-Zeitnehmen für die Fülle von Erlebnissen und Eindrücken

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gaben mir aber auch wiederholt Anlass dazu, auf mein bisheriges Leben zurückzublicken. Das Gedicht «No culpes a nadie – Lege niemandem etwas zur Last» vom grossen chilenischen Dichter Pablo Neruda wurde so etwas wie zu einem Leitwort meiner Reise. Gleich zu Beginn gibt er den Ratschlag «Nunca te quejes de nadie, ni de nada, porque fundamentalmente tú has hecho lo que querías con tu vida – Beklage dich über niemanden und über nichts, denn du hast im Grunde genommen mit deinem Leben das gemacht, was du wolltest.» Diese Tugenden gestatteten es mir, so manche Situation fernab von meiner gewohnten, bequemen und üppigen Umgebung zu meistern. Oft war ich einsam und einem unberechenbaren Schicksal ausgeliefert, aber «Nunca te quejes de tu soledad o de tu suerte, enfréntala con valor y acéptala» so Neruda, «Beklage dich nie über deine Einsamkeit oder dein Schicksal, trete ihm mit Achtung entgegen und akzeptiere es». In diesen isolierten Stunden durchstöberten meine Vergangenheit und das Leben zu Hause manchmal meine Sinne, und ich stellte mir Fragen über das Warum meiner Reise und den gewählten Zeitpunkt dazu. Da erinnerte mich der geistvolle Poet daran «Que cualquier momento es bueno para comenzar y que ninguno es tan terrible para claudicar. No olvides que la causa de tu presente es tu pasado. Así como la causa de tu futuro será tu presente – Dass irgendein Zeitpunkt der richtige ist, um etwas anzupacken und keiner so furchtbar etwas aufzugeben. Vergiss nicht, dass die Triebfeder deiner Gegenwart deine Vergangenheit ist. Ebenso wird die Triebfeder deiner Zukunft deine Gegenwart sein». Und so erschien die Strasse vor meinen Augen und dem Fahrradlenker mehr und mehr als eine kraftspendende, wohltuende Bestimmung meiner selbst, mochte sie auch noch so beschwerlich sein. Abschliessend sagt Neruda: «Levántate y mira al sol por las mañanas y respira la luz del amanecer. Tú eres parte de la fuerza de tu vida ahora, DESPIÉRTATE, LUCHA, CAMINA, DECÍDETE Y TRIUNFARÁS en la vida, nunca pienses en la suerte, porque la suerte es: el pretexto de los fracasados». Sinngemäss nahm ich für eine geraume Zeitspanne unbeirrt die unwegsamen Strassen Lateinamerikas unter meine zwei Räder: «Stehe morgens auf und schaue in die Sonne und atme das Licht des Tagesanbruchs ein. Du bist jetzt Teil der Kraft deines Lebens, ERWACHE, KÄMPFE, LAUFE, ENTSCHLIESSE DICH, und du wirst im Leben TRIUMPHIEREN. Denke nie an das Schicksal, denn das Schicksal ist: der Vorwand der Gescheiterten.»  

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Unterwegs auf dem Fahrrad …

… im Bus.


Vom Cerro Aconcagua …

… bis zum Río Amazonas.


Patagonien – oder wo alles begann Mitte Dezember 1994 stand ich geradezu auf der Strasse, beidfüssig auf festem Grund, aber ohne Wohnung, ohne Arbeit. Alles war gewollt, mein Alltag in der Schweiz wurde mir überdrüssig. Ich war bereit, dies zu ändern. Die Weihnachtsglocken waren kaum verhallt, die kalten metallischen Töne hingen noch im Geäst der kahlen Winterbäume, und die Tore zum neuen Jahr waren bereits entriegelt. Da machte ich mich mit Freunden vom Alpenclub auf den Weg in den Sommer nach Südamerika. In Santiago de Chile angelangt, hatten wir die etwas bescheuerte Idee, den im Norden von Chile gelegenen Ojos del Salado (6880 m) zu besteigen. Bescheuert darum, weil wir in zehn Tagen wieder zurück in Santiago sein mussten, um eine etwas später anreisende Freundin in unser Reisetrio aufzunehmen und so das geplante Quartett zu vervollständigen. Es kam, wie es kommen musste. Der Zeitraum für eine gerechte Angewöhnung unserer Körper an die grosse Höhenlage war viel zu kurz. Wir sahen uns auf einer Höhe von fast 6000 m ü. M. dazu gezwungen, unsere Ambitionen in der schwarzen Vulkanasche zurückzulassen und den weissen Schnee oben am Gipfelhang als ausgewogene Erinnerung mitzunehmen. Aber wir waren zum abgemachten Zeitpunkt zurück in der Hauptstadt! Patagonien, am Südzipfel Südamerikas, da, wo es nicht mehr weit war bis zur Eiswüste der Antarktis, bedeutete unsere nächste Station. Hier zeigte sich das Wetter garstig. Die Landschaft war geprägt von Eis, Grassteppe, dem steten Wind trotzendem, niedrig gewachsenem Gehölz und den schroffen Türmen aus Granit mit ihren weissen Pilzkappen. Zu Eis erstarrter Atem der antarktischen Winde, zu Stein gewordener Schrei der Einöde. In dieser weiten Wildnis war vieles so unnahbar wie das Kreuz des Südens am ab und zu klaren, mit vielen Kometen belebten Sternenhimmel. Mit schwer beladenen Rucksäcken machten wir uns auf zu einer achttägigen Wanderung rund um den Torres del Paine Nationalpark. Seen und Flüsse, Tümpel und Wildbäche, deren Durst vom nahen Schnee und Gletschereis gestillt wurde, wiesen uns den Weg durch Auen, Täler, Heide und über Geröllhalden, Hügelzüge und Bergkämme. So erreichten wir immer wieder neue Ufer, neue Grenzen von Bergketten und neue Wiesengründe mit schönen Blumen. Letzt-

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Patagonien

endlich versperrten uns die Torres del Paine, die sich wie Mahnfinger aus Granit in den Himmel über Patagonien erhoben, ganz hinten in einem einsamen Tal den Weg. Die Felswände dieser Bergzinnen waren derart steil, dass ich mich etwas zurücklehnen musste, um mit meinem Blick bis zu den Gipfeln vorzudringen. Noch ein Besuch bei den am Land so tapsig ausschauenden, einmal im Wasser aber äusserst flinken und pfeilschnellen Magellanpinguinen, und schon war der Zeitpunkt gekommen, von meinen Freunden Abschied zu nehmen. Ihre Urlaubszeit war bereits zu Ende, und sie kehrten in die Schweiz zurück. Mit einem Mal stand ich da, alleine gelassen, am Ende der Welt. Von Feuerland her blies ein stürmischer Wind über die Magellanstrasse und nahm mir den Atem. Unbesonnen ging ich von dannen und wartete zwei Tage auf das angekündigte Schiff, das in Puerto Natales mit dem Ziel Puerto Montt auslaufen sollte. Vom Hafen hier zum Hafen dort. Durch unzählige Fjorde, durch enge Wasserstrassen zwischen kleinen Inseln und vorbei an tausend Buchten, wo gelegentlich die mächtigen Eismassen des grossen südlichen patagonischen Inlandeises bis zum Meer vordrangen und in lautem Getöse in die Wogen des Pazifiks stürzten, pflügte der Kahn nordwärts. Für einen kurzen Moment nur hinterliess er eine schäumende weisse Spur im dunklen Wasser. Mit einem stürmischen Wind im Gesicht und mit von meiner Stirn perlenden Regentropfen in den Augen stand ich an der Reling im Bug des Schiffes. Die Kapuze meiner Windjacke tief ins Gesicht gezogen und den warmen Hauch aus dem Innern meines Körpers in die klammen, zu einem Hohlraum gefalteten Hände pustend, verfolgte und belauschte ich die vorbeiziehende Landschaft. Wie mit flauschiger Watte bedeckt kamen mir die in Wolken eingehüllten, steil ins Meer abfallenden, bewaldeten Abhänge der Fjordküste vor. Nach der Ankunft im Hafen von Puerto Montt verabredete ich mich mit jungen Rucksacktouristen aus Argentinien, Deutschland und England, mit denen ich auf der Überfahrt Bekanntschaft schloss, zu einer mehrtägigen Wanderung im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet. Nicht weit von der chilenischen Grenze, auf einem Platz im argentinischen Nobelskiort Bariloche, traf ich dann Per aus Dänemark. Da, wo aufdringlicher bittersüsser Kakaogeruch über den Pflastersteinen hing, der sich aus den unzähligen, mit Schokolade vollgestopften Läden ins Freie verflüchtigte. Er erzählte mir von seiner Fahrradreise durch Neuseeland und Südamerika. Und auch, wie ihm das Fahrradfahren verleidet war, und er sein Fahrrad mit allem Zubehör verkaufen möchte. Nach einer Bedenkzeit willigte ich ein

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Junge Pinguine.


Der Grey-Gletscher im Torres del Paine Nationalpark (Chile).

Die Torres del Paine (Chile).


Cerro Torre (Argentinien).

Perrito Moreno (Argentinien).


Walmutter mit Kalb.

Patagonia Express (Argentinien).


Patagonien

und wir einigten uns auf einen Preis. So kam ich zum Drahtesel als künftigem Fortbewegungsmittel, wie die Jungfrau zum Kinde. Ein zuvor schon öfters gehegter Traum erfüllte sich. Ich wurde zu einem dieser oft etwas belächelten, für ein wenig verrückt gehaltenen, aber auch immer wieder beneideten Radreisenden, gewissermassen zu einem Fahrenden. Das war Patagonien, oder nun einmal der Ort, wo alles begann. Da wo mein Los seinen Lauf nahm. Von nun an bedeuteten zwei Räder meine Welt. Der Zufall und meine Leidenschaft für die Berge wollten es, dass ich mich rund drei Jahre später, ich hatte auf meinem Fahrrad gerade eben Mexico City erreicht, wieder hierher an dieses unwirtliche Ende der Welt verirrte. Dann für das Bezwingen eines dieser schroffen Granitzacken am östlichen Rand der uferlosen patagonischen Gletscherwelt, den Cerro Fitz Roy. Mit dem Flugzeug landete ich in Mendoza, am östlichen Fuss der Anden und setzte dann meine Reise Richtung Süden über Land fort. Mit verschiedenen Nachtbusfahrten, dann im Auto eines Zeitungsboten und schliesslich zusammen mit einer Handvoll Mapuche-Indios im nostalgischen, von einer Dampflokomotive gezogenen Patagonienexpress, gelangte ich nach Esquel. Die Endlosigkeit der Grassteppe, die im gleissenden Sonnenlicht schimmernden, in dunkle Nadelwälder gebetteten Seen, die sprudelnden Bäche und in ihrem Schotterbett rauschenden Flüsse, die weissen Schneeberge am Horizont, und die in gerader Linie über den blauen Himmel dahinziehenden Wolkenlappen, das war wieder Patagonien. Dieses Mal war Frühling. Allgegenwärtig blühten die Obstbäume, es sprossen die Blätter und entfalteten sich die Blumen und ihre Aromen hingen in der Luft. Und wie ich den auskostete, den ersten echten Frühling seit über drei Jahren. Ich traf mich dann weit im Süden mit meinen Kletterfreunden aus der Schweiz. Dieses Mal in Río Gallegos auf der argentinischen Seite von Patagonien. Von da aus fuhren wir in einem mehr oder weniger wilden Busritt über die rauen Schotterpisten nach El Chaltén. Wir zogen dann zu Fuss und schwer beladen hinaus in die Abgeschiedenheit Patagoniens, in ein Lager am Fusse der Granitberge rund um den Cerro Fitz Roy. Auf diesem Lagerplatz harrten wir ein paar Tage der Dinge, die da auf uns zukommen mochten. Starker Wind und reichlicher Schneefall liessen unsere Erfolgsaussichten am Berg schwinden. Gleichwohl kam der Tag, als wir uns aufmachten, dem Felskoloss etwas näher zu treten. Nach einer kalten Nacht in einer Schnee-

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Patagonien

höhle am Fusse des Bergmassivs stiegen wir bis zum Sattel hoch, wo sich uns die steilen Felswände endgültig entgegenstemmten. Ein trefflicher Bergschrund und der Neuschnee der vergangenen Tage brachten uns arg ins Schwitzen. Auf einem kleinen Felsvorsprung bereiteten wir schliesslich unser Biwak vor und mit der untergehenden Sonne brach die Kälte über uns herein. Die Abendsonne warf lange Schatten der schroffen Berggipfel in die unendliche Ebene der Grassteppe hinaus. Ein einsamer Kondor zog im Schutze der Bergriesen seine weiten Kreise. Der vom unbändigen Wind gepeitschte Fels war rau und kalt. Trotzdem nahmen wir die Herausforderung an und kämpften uns die Quergänge, Risse und Verschneidungen hoch, Meter um Meter, Seillänge um Seillänge. Noch glitzerten die im Osten der Gebirgskette vorgelagerten Seen im gleissenden Licht der Morgensonne. Immer wieder richteten sich unsere Blicke weg vom Felsen Richtung Westen, wo sich am blauen Himmel über der weissen Bergund Gletscherwelt die ersten Schleierwolken bildeten. Im Wissen, dass sich hier die Wetterlage blitzartig verschlechtern konnte und die berüchtigten Sturmtiefs aus der Antarktis zu einer gefährlichen Falle am Berg werden könnten, beobachteten wir das Geschehen am westlichen Himmel mit Argusaugen. Nochmals kletterten wir eine Stunde, und es blieben noch schätzungsweise dreihundert Meter zum Gipfel. Der Wind frischte auf, und schon bald trommelten ein paar Graupelkörner auf unsere Helme. Natürlich verleitete uns das Ziel derart nahe vor den Augen zu haben dazu, die Entscheidung zur Umkehr noch etwas hinauszuzögern. Aber letzten Endes gab es keine Frage. Es war höchste Zeit für den Rückzug hinunter ins Basislager. Spät am Abend erreichten wir müde unsere Schneehöhle und am nächsten Tag die Zelte im windgeschützten Wald unten im Tal. Hier blieb der grosse Sturm zwar aus, doch am Berg tobten orkanartige Winde. Die Lage dort oben wäre für uns ziemlich ungemütlich geworden. Zurück von den Anstrengungen am Berg fuhren wir zum Perrito Moreno Gletscher. Dieser Eisstrom war ein sogenannter Auslassgletscher des grossen Inlandeises, dessen Zunge mit einer sechzig Meter hohen Front im Lago Argentino endete und so den südlichen Arm des Gewässers absperrte. Dadurch wurde der See von Zeit zu Zeit aufgestaut, bis er sich, sobald die Wassermassen die gewaltige Staumauer aus Eis mit donnerndem Gerumpel und Getöse durchbrachen, in einem unvergleichlichen Naturschauspiel entleerte. Ein Vorgang, der alle zwei bis vier Jahre stattfand. Auch ohne dieses Ereignis miterleben zu können, war es eine Augenweide zu beobach-

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Patagonien

ten, wie fünfzig Meter hohe, hellblau schimmernde Türme aus Eis an der Gletscherfront unter Donner in sich zusammenstürzten und ins stille Seewasser glitten. Von den furchteinflössenden Eisladungen ging unsere Reise weiter an die Atlantikküste zu den nicht minder bedrohlichen, schwabbelig wirkenden Körpermassen der Seelöwen und Seeelefanten. An der Küste der Halbinsel Valdés sonnten sich ganze Kolonien dieser an Land so behäbig anmutenden korpulenten Tiere. In der von derselben Halbinsel und einer Landzunge des Festlandes gebildeten Meeresbucht wurde für mich zudem ein lang ersehnter Traum wahr. Nach zwei erfolglosen Versuchen auf früheren Reisen nach Neuseeland und Alaska, bekam ich hier endlich in freier Natur lebende Wale zu Gesicht. Die bis achtzehn Meter langen und achtzig Tonnen schweren Südkaper, eine Art der Glattwale, kamen hierher, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. So tauchten denn die schwarzen Kolosse stets in Begleitung der Jungtiere auf. Wenn dann bei ihrem Abtauchen in die Meeresgründe das Wasser von den riesigen, horizontal zum Körper ausgerichteten, im Sonnenlicht glänzenden Schwanzflossen rann, jubelte und pochte mein Herz vor Begeisterung.

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November 1997, Puerto Madryn, Argentinien | norbi

El cóndor y la ballena

Der Kondor und die Walmutter

Allá arriba está él, ahí abajo está ella.

Dort oben ist er, dort unten ist sie.

Él, negro contra el celeste del cielo, ella, negra contra el azul del agua.

Er, schwarz gegen das Hellblau des Himmels, sie, schwarz gegen das Blau des Wassers.

Allá arriba está él, ahí abajo está ella.

Dort oben ist er, dort unten ist sie.

Él, dándose vuelta tras vuelta en los aires patagónicos, ella, andando de un lado para otro en las aguas atlánticas.

Er, in den Lüften Patagoniens kreisend, sie, in den Wassern des Atlantiks umherziehend.

Allá arriba está él, ahí abajo está ella.

Dort oben ist er, dort unten ist sie.

El uno y la otra ágil y majestuoso a la vez, él, el rey de los andes, ella, la reina de los mares.

Er und sie wendig und erhaben zugleich, er, der König der Anden, sie, die Herrscherin der Meere.

Allá arriba está él, ahí abajo está ella.

Dort oben ist er, dort unten ist sie.

El cóndor y la ballena.

Der Kondor und die Walmutter.

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Oktober 1997, El Bolsón, Argentinien | norbi

Primavera

Frühling

Los días se hacen cada vez más largos y el sol, la nieve que derrite y la lluvia alimentan la tierra.

Die Tage werden immer länger und die Sonne, der schmelzende Schnee und der Regen ernähren die Erde.

Las vegas amanecen adornadas de rocío y las neblinas emergen de los arroyos que bajan con rumor por sus lechos de piedras lisas. El bosque deshojado se pone lentamente su disfraz de verde y va a dar amparo y hogar a los pájaros que llegarán a veranear.

Die Auen erwachen geschmückt mit Tau und aus den Bächen, die rauschend ihr steiniges Bett hinunterstürzen, steigen Nebelschwaden empor. Der kahle Wald findet langsam wieder zu seinem grünen Kleid und gibt den Zugvögeln, die hier zum Übersommern ankommen werden, Schutz und Lebensraum.

Todo despierta del sueño invernal y se cambia del vestido. Todo luce en miles de colores y huele riquísimo.

Alles erwacht aus dem Winterschlaf und wechselt das Kleid. Alles leuchtet in tausend Farben und riecht vorzüglich.

Los manzanos, cerezos y membrillos echan flor. Los pastos brotan y se llenan de margaritas, nomeolvides, violetas y campanillas amarillas.

Die Apfel-, Kirsch- und Quittenbäume stehen in Blüte. Die Wiesen spriessen und füllen sich mit Margeriten, Vergissmeinnicht, Veilchen und Schlüsselblumen.

Todo se echa a andar, asoma la nariz a los primeros rayos del sol y toma la frescura y el perfume nuevo que lleva la brisa mañanera.

Alles beginnt zu laufen, streckt die Nase den ersten warmen Sonnenstrahlen entgegen und atmet die Frische und den neuen Duft der morgendlichen Brise ein.

Las abejas y mariposas gozan del color y de la dulzura del néctar que segrega cada flor, tan chiquita que sea. El venado sale de la profundidad del bosque para comer el pasto jugoso y buscar a una pareja.

Die Bienen und Schmetterlinge erfreuen sich der Farbe und Süsse des Nektars, den jede Blume, so klein sie auch sein mag, absondert. Das Wild kommt aus der Tiefe des Waldes heraus, um in den saftigen Gräsern zu äsen und sich zu paaren.

¡Cucú, cucú! El cuco la anuncia con toda su alma desde la copa de un roble gigante.

Kuckuck, kuckuck! Aus voller Kehle kündigt ihn der Kuckuck aus der Krone einer mächtigen Eiche an.

LA PRIMAVERA.

FRÜHLING.

¡Tanto te he extrañado!

Ich habe dich so vermisst!

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Lateinamerika auf zwei Rädern  

Lateinamerika auf zwei Rädern  

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