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Wälti wird Geissbub Karin Antilli Frick · Esther Ferrari

Appenzeller Verlag Leseprobe

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Wälti wird Geissbub Karin Antilli Frick · Bilder Esther Ferrari · Text

Appenzeller Verlag


Die Herausgabe dieses Buches haben wohlwollend unterstützt: Steinegg Stiftung, Herisau Dr. Fred Styger Stiftung, Herisau Jakob und Rosmarie Frischknecht-Stiftung, Urnäsch Johannes Waldburger-Stiftung, Herisau Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden

© 2020 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten.

Umschlagbild: Karin Antilli Frick Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN: 978-3-85882-734-0 www.appenzellerverlag.ch


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Wälti ist ein Appenzeller Bub. Er wohnt am Fusse des Säntis, im Tal der Urnäsch. Der Bach, der von der Schwägalp her kommt, hat dem Dorf den Namen gegeben. Die Urnäscher Bevölkerung ist tief verwurzelt in alten Traditionen. Im Frühling freuen sich die Bauern, bis sie mit ihrem Vieh auf die Alpen ziehen können. Das nennen sie Öberefahre. Wältis Eltern, Ueli und Mina Frick, haben den Bauernhof der Gemeinde Urnäsch, das ehemalige Waisenhaus, in Pacht. Deshalb ist die ganze Familie unter dem Namen «d Waisehüsler» bekannt. Wälti geht in die zweite Klasse. Er ist das sechste von neun Geschwistern. Rosmarie, die Älteste, ist bereits von Zuhause ausgezogen. Es folgen der Reihe nach: Hansueli, Chrigel, Karl, Sämi, Wälti, Heidi, Vroni und Toni, der kleine Nachzügler. Der achtjährige Wälti ist verträumt und schüchtern. Er hilft der Mutter gern im Haus. Seine um ein Jahr jüngere Schwester Heidi ist lieber beim Vater im Stall. Obwohl sie ein Mädchen ist, trägt sie wie die Bauernbuben eine schwarze Zipfelchappe und einen um den Hals gebundenen roten Fetzen. Weiter zur Familie gehören Bläss, der Appenzeller Sennenhund, und Ziemeli, die Katze. «Die Geissen und die Kühe gehören auch zu uns», sagt Heidi.

Ziemeli   Vater Ueli   Vroni    Hansueli     Chrigel         Karl    Sämi   Bläss   Wälti      Heidi       Rosmarie   Mutter Mina mit Toni

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Frühling ist die Zeit des Öberefahrens. Schon früh am Morgen sind Alpfahrten ­unterwegs. Im ganzen Tal sind sie zu hören: die klingenden Senntumsschellen, das Muhen der Kühe, das Bimmeln von Geissenglöcklein, das Zauren der Sennen, die Schritte der Pferde. Wälti sitzt in der Schule. Er ist nicht bei der Sache. Am Morgen hat Vroni gesagt, sie dürfe mit Vater die Alpfahrt von Bauer Buff schauen. Bauer Buff aus Stein hat eines der schönsten Sennten. Wälti hört es von Weitem. Er springt auf. «En Senn! De Buff.» «En Senn!», tönt es durchs ganze Schulhaus. Die Kinder rennen wie immer, wenn eine Alpfahrt vorbeigeht, ans Fenster. Das kann niemand verbieten! Stolz schreitet auf der Strasse der Vorsenn in den gelben Hosen und mit dem Melkeimer über der Schulter. Vor ihm gehen zuerst der Geissbub, dann die Geissen und das Geissmädchen, nach ihm die drei Schellenkühe, danach die vier Sennen gefolgt von der Kuhherde mit dem Besitzer und dem Bläss. Eine Kuh steht still, hebt den Kopf, als wolle sie die Schüler am Fenster grüssen. Der Bläss bellt kurz auf. Es folgen der Stierenführer mit dem Stier, dahinter der Lediführer mit Ross und Lediwagen. Nach altem Brauch ist auf der Ledi das Milchgeschirr aus Holz kunstvoll festgeschnürt. Den Schluss bildet der Fuhrmann mit zwei Pferden, die den Wagen mit der Kiste für die Ferkel ziehen. Auf einem Holzhag am Strassenrand sitzt Vroni. Daneben steht Vater. Sie haben Wälti und Heidi am Fenster entdeckt und winken ihnen zu.

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Die Schulkinder sitzen wieder am Platz. Sie müssen kopfrechnen. Zwanzig plus vier. Sechzehn plus acht. Zwölf minus sieben. Wälti träumt vor sich hin, sieht Kühe vor sich, ihre Schwänze, ihre Hörner. Er zählt die Zitzen von Eutern. Die Kühe haben vier, die Geissen zwei. Mit Kuhbeinen und Kuhschwänzen rechnet er gern. So ist es viel interessanter als mit nackten Zahlen. Er zählt im Takt der Senntumsschellen: Däng, däng, däng. Er denkt ans Öberefahre. Ob er wieder neben Vater am Schluss gehen darf? Wie viele Kühe wohl mitkommen? «Wälti! Was gibt zwanzig minus acht?» Frau Hohl, die Lehrerin, steht vor ihm, schaut ihn durchdringend an. «Schläfst du? Zwanzig minus acht?» Wälti erschrickt. Er ist dran. Ganz verwundert ist er über das uner­ wartete Lachen der von ihm verehrten Lehrerin, der Mitschülerinnen und Mitschüler. Wälti hat auf die Frage mit lauter Stimme gerufen: «Drei Schellenkühe!»

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Wälti wird Geissbub  

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