__MAIN_TEXT__

Page 1

Appenzeller Verlag Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.ch


«Wunderlich kommt mir die Baute vor» Der Fünfeckpalast in Trogen und die Familie Zellweger Heidi Eisenhut

1


2


1


Herausgegeben vom Kanton Appenzell Ausserrhoden

2


«Wunderlich kommt mir die Baute vor»

Der Fünfeckpalast in Trogen und die Familie Zellweger Heidi Eisenhut 3


Inhalt Einladung 9 Vorwort 11 Einleitung 13

Das Haus

20

Ansichten 26 Das Dorfmodell 27 Fitzis Feldskizzen 32 Das Arbeitsmodell 37 Der Herrschaftsflügel 42 Der Kontorflügel 47 Das Gesindehaus 52 Einsichten 60 Die Einfahrt 61 Das Treppenhaus 66 Die Bauherren-Wohnung im zweiten Stock 74 Die hintere Wohnung im zweiten Stock 89 Die Zellweger-Wohnung im ersten Stock 104 Die hintere Wohnung im ersten Stock 126 Der Lift- und Treppenschacht 136 Der Innenhof 139 Die Kantonsbibliothek im Sockelgeschoss 146 Der Kulturraum im Gewölbekeller 158

Seine Menschen

164

Stammbaum 166 Die Erblasser 174 Das Geschenk des Sonnenkönigs 176 Der Arzt und Philosoph 180 Die beiden Hinterbliebenen 186 Die Allianz 190 Luxus 198 Die Gessners 202 Die drei Eidgenossen 207 Der Bauherr und seine Familie 212 Gottes Willen kennen und tun 213 Die Tochter des Idyllendichters 216 Der Auftragsmaler 219 Das Landhaus beim Leuchtturm von Genua 221

5


5 Fuss 5 Zoll 223 Hölderlin als Hauslehrer? 225 Die Beobachterin mit spitzer Feder 227 Un souvenir de Paris 229 Ausgebrannt 231 Das Familiengemälde 234 Der Weltumsegler 240 Ein qualvolles Lebensende 244 Das Nervenfieber 247 An Geist und Körper schwach? 251 Der junge Mann in New York 255 Die Frau mit dem beeindruckenden Porträt 258 Der Geschichtsforscher 260 Der Schulgründer 264 Der Greis 272 Was bleibt? 274 Die Enkel 276 Das Vermächtnis 277 Der Kaufmann 281 Der Arzt 284 Die Mutter in Brasilien 287 In den neuen Kolonien in Argentinien 292 Die treue Magd 296 Heirat in den ersten Stock 299 Heirat in den zweiten Stock 302 Geschäftspflichten in London 305 Der Musterbauer 311 Die Witwen und ihre Söhne im zweiten Stock 316 Die Gesellschaftsdame 318 Der älteste Sohn 320 Der zweite Sohn 322 Der Familienchronist 327 Der Hoffnungsträger 331 Ein Leben edler Taten 334 Zu Gast bei den Vettern 338 Das Fräulein 341 Chip 344 Die Köchin 346 Die Zimmermädchen 348 Die Katastrophe 350 Das unterschlagene Testament 352 Als Erzieher in Russland 356 Die Schwarze Prinzessin 362

6


Versorgt 365 Die Retterin des Familienerbes 370 Der Bauingenieur 373 Das Familiengrab 375 Die Witwen und ihre Söhne im ersten Stock 376 Die Verwandten vom Gemeindehaus 378 Zurück im Fünfeckpalast 383 Der kleine Husar 386 Die Familie in Lissabon 389 Der Onkel aus Marseille 392 Ein früher Pensionär? 396 Die Grossmama 400 Weihnachten 403 Die hohen Ansprüche 409 Von Hitler begeistert 413 Das Dienstmädchen von der oberen Wohnung 422 Der frühe Tod 425 Der Doktor-Ingenieur 428 Der reiche Onkel aus der Schweiz 433 Die misslungene Emanzipation 436 Allein im grossen Haus 442 Die Unterstützerin 446 Die Erbin 450 Heirat nach Frankreich 451 Der Abschied vom Haus 454 Schlusswort 458

Anhang

472

Abkürzungen 474 Anmerkungen 474 Abbildungen 508 Register 510 Dank 520 Autorin 521 Für Besucherinnen und Besucher 521 Impressum 522

7


8


Einladung Der Fünfeckpalast in Trogen – eines der grössten Privathäuser in der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts – ist eine wahrlich «wunderliche Baute». Er zeigt monumental die herausragende Bedeutung, die die Textilwirtschaft in Appenzell Ausserrhoden im Zeitalter der Protoindustrialisierung hatte, und ist zugleich ein weitgehend stummer, verschlossener Zeuge einer für den Kanton identitätsbildenden Zeit. Nun wird das mächtige Tor zur Geschichte dieses grössten der sechs Steinpaläste am Landsgemeindeplatz in Trogen erstmals weit aufgestossen. Mit der vorliegenden Bau- und Wohngeschichte des Fünfeckpalasts gelingt es Heidi Eisenhut auf beeindruckende Weise, Licht in die verwinkelten Räume zu bringen und vergangene Momente aufleben zu lassen. Sie lädt ein zu einem Rundgang durch den Palast, in dem man sich ohne kundige Führung kaum zurechtfinden und sich leicht verlieren würde. Schicht um Schicht legt sie die Baugeschichte dieses Palastes frei, öffnet Türen zu Salons, Zimmern, Dachkammern und Kellergewölben, leuchtet in die hintersten Ecken von Schränken und Schubladen, macht uns bekannt mit den Menschen, die in den letzten über 200 Jahren hier wohnten: mit dem Bauherrn und seiner Familie, mit Bediensteten und Gästen, mit vermeintlich mehrbesseren Besitzern und gewöhnlichen Mietern. Sie zeigt bekannte Familienporträts aus einem anderen Blickwinkel und stellt bisher unbekannte Porträts in einen neuen Kontext, schafft Bezüge zwischen scheinbar nicht zusammengehörenden Dokumenten und Objekten und ermöglicht so überraschende Einsichten. Längst Verstorbenen gibt sie noch ­einmal eine Stimme und lässt schliesslich auch ältere Trognerinnen und Trogner zu Wort kommen. Die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohnerinnen und Bewohner kann, gut erzählt, Dorfgeschichte, Landesgeschichte, Weltgeschichte zusammenbringen. Der Fünfeckpalast in Trogen gehört zu jenen Bauten, die das Zeug dazu haben. Ein paar einfache Tatsachen und einige Überlieferungszufälle machen dies möglich. So hat der Fünfeckpalast zwar viele bauliche Veränderungen erfahren, in seinen Grundfesten wurde er aber in all den Jahren nie ernsthaft erschüttert. Die Besitzverhältnisse sind – obwohl sich die Details höchst komplex gestalten – in den Grundzügen denkbar einfach: Fast zwei Jahrhunderte blieben der Palast und die einzelnen Hausteile im Besitz der Familie des Bauherrn und seiner weitverzweigten Verwandtschaft. Und als der Kanton Appenzell Ausserrhoden vor knapp dreissig Jahren den Palast kaufte, übernahm die Öffentlichkeit Verantwortung für den Erhalt der Bausubstanz dieses kantonalen Kultur­ objekts im Ortsbild von nationaler Bedeutung. Schliesslich blieb, nicht zuletzt dank der einfachen Besitzverhältnisse, ein fast unerschöpflicher Fundus an Quellen zur Geschichte des Hauses erhalten, ein Fundus von

9


beeindruckender Grösse, Vielfalt und – im Vergleich – immer wieder auch Einzigartigkeit. Als Leiterin der Kantonsbibliothek hat Heidi Eisenhut zusammen mit ihrem Team in den letzten Jahren sehr viel Wissen und Zeit in die Erschliessung des Zellweger’schen Familienarchivs und die Sicherung von unzähligen schriftlichen Quellen und Objekten, die bis anhin kaum beachtet worden waren, investiert. Dass das Herzstück des Fünfeckpalasts, die Zellweger-Wohnung im ersten Stockwerk des Herrschaftsflügels, über Jahrzehnte nur sporadisch bewohnt wurde und die Zeit – was Möblierung, Ausstattung und Inventar anbelangt – gleichsam in konserviertem Zustand überdauerte, kann aus Sicht der forschenden Zunft und geschichtsinteressierten Öffentlichkeit als eine glückliche Fügung bezeichnet werden. Heidi Eisenhut hat für den Fünfeckpalast eine würdige, schön gestaltete und gut erzählte Geschichte verfasst. Das Buch ist zugleich Bildund Erzählband wie auch Nachschlagewerk und ermöglicht – dank Querverweisen und Register – verschiedene Zugänge: Während die einen durchs Haupttor schreiten und bald einmal den Weg über die Haupttreppe zur herrschaftlichen Zellweger-Wohnung suchen, werden andere über den unscheinbaren Eingang des Gesindehauses in den Palast eintreten und zuerst die einfacheren Wohnungen erkunden. Und wer dem Fünfeckpalast nach einer Lesepause einen weiteren Besuch abstattet, schlägt vielleicht das Buch in der Mitte auf und nimmt den unkonventionellen Weg über den Innenhof, vorbei an der alten Waschküche und den ehemaligen Pferdestallungen, zum hinteren Treppenhaus, um so den Lebensgeschichten der Bewohnerinnen und Bewohner auf die Spur zu kommen. Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, sind eingeladen, treppauf, treppab durch dieses besondere Haus voller Geschichte und Geschichten zu streifen und auf vergnügliche und lehrreiche Entdeckungs- und Zeitreisen zu gehen. Im Namen des Regierungsrates danke ich Heidi Eisenhut ganz herzlich, dass sie uns vielgestaltige Zugänge zu diesem «wunderlichen» Bauwerk und seinen Menschen ermöglicht und eindrücklich zeigt, wie eng verwoben schon in früheren Jahrhunderten Dorf- und Weltgeschichte waren. Der Kanton Appenzell Ausserrhoden schätzt sich glücklich, dass die Leiterin seiner Kantonsbibliothek als kundige Historikerin und Erzählerin diesem imposanten Gebäude und seiner reichhaltigen Geschichte mit Leidenschaft auf den Grund ging. Herisau, im Frühjahr 2019 Matthias Weishaupt Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden

10


Vorwort 1991 bewilligte der Kantonsrat von Appenzell Ausserrhoden den Kauf des Fünfeckpalasts. Ein viertes steinernes Wohn- und Geschäftshaus der Textilhandelsfamilie Zellweger am Landsgemeindeplatz Trogen gelangte hiermit in den Besitz der öffentlichen Hand. Neun Jahre vorher war Richard Zellweger, Hausverwalter, Ur-Urenkel und letzter männlicher Nachfahre des Fünfeck-Bauherrn Johann Caspar Zellweger-Gessner, verstorben. Der Kanton und die in Frankreich lebende Ida Dorothea «Thea» Zapasnik-Zellweger, Schwester des Verstorbenen und 1966 Erbin des Palasts, kamen miteinander ins Gespräch: Der Kanton litt unter Raumnot, und die Hausbesitzerin hatte keine konkreten Pläne für die Zukunft des sanierungsbedürftigen Gebäudes. Damit die mit dem Palast verbundene Familiengeschichte mit dem Verkauf nicht ein allzu abruptes Ende nehmen würde, handelte Thea Zapasnik für die Wohnung im ersten Stock des Herrschaftsflügels, die schon immer ihrem Familienzweig gehört hatte, für sich und ihre Nachkommen ein dreissigjähriges Wohnrecht aus. Elf Jahre nach dem Verkauf starb sie. Weitere elf Jahre später verzichteten ihre Kinder Maria und Stefan Zapasnik auf die Aufrechterhaltung des Wohnrechts. Am 27. November 2013 wurde die Wohnung als letzter Hort Zellweger’schen Besitzes am Landsgemeindeplatz Trogen samt Inventar im Rahmen einer feierlichen Übergabe dem Kanton Appenzell Ausserrhoden übertragen. Die neu zugänglichen Räume haben das Potenzial, die Öffentlichkeit noch stärker als bis anhin an der Geschichte des Fünfeckpalasts teilhaben zu lassen: Die Wohnung im ersten Stock des Herrschaftsflügels – das Herzstück des Palasts – trägt den Charakter einer Zeitkapsel. Sie war im Lauf der Jahrzehnte, mehr schleichend denn bewusst, zur Sammelstätte für die familiäre Überlieferung geworden. Nach dem Tod von Thea Zapasnik blieben die Uhren stehen. Sogar der Telefonanschluss war elf Jahre später noch auf ihren Namen registriert. Durch diesen ungewöhnlichen Umgang mit der eigenen Tradition war aus dem familiären Geschichtskontinuum eine archäologische Stätte geworden: ein besonders authentischer Ort mit vielschichtigen Ablagerungen von den Anfängen bis in die Gegenwart. Ein seltenes Überlieferungsglück! Unter dem Namen «Zellweger-Wohnung» trifft man heute im ersten Stock des Herrschaftsflügels auf ein Kuriositätenkabinett. Als begehbarer Geschichtenspeicher kann die wunderliche Wohnung geführt besichtigt werden und ist als Bestandteil des Familienarchivs Zellweger Teil der Forschungs- und Vermittlungsaktivitäten der Kantonsbibliothek. Mit der Veröffentlichung von «Wunderlich kommt mir die Baute vor». Der Fünfeckpalast in Trogen und die Familie Zellweger wird nun erstmals in Buchform ein Zugang geboten zur Geschichte des Gebäudes

11


und zu den Mitgliedern der Familie Zellweger, denen dieses Haus gehörte, die es bewohnten und von denen darin Spuren überliefert sind. Ein Stammbaum auf den Seiten 166 und 167, ein erweiterter Stammbaum mit Bildern der Hausbesitzerinnen und -besitzer als Beilage zum Buch und ein Register dienen der Orientierung im Labyrinth der Namen und Verwandtschaftsbeziehungen. Bei den zahlreichen aus Originaldokumenten zitierten Texten wurde die ursprüngliche Schreibweise belassen, jedoch die Zeichensetzung zugunsten der besseren Lesbarkeit angepasst. Auslassungen oder Ergänzungen sind in eckige Klammern gefasst. Der Anhang des Buches dient dem direkten Zugriff auf die Quellen im Familienarchiv Zellweger (Fa Zellweger) und auf die Bildersammlung (KB-Nrn.) in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, auf das Firmenarchiv Zellweger im Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden (Pa.021) und auf weitere Archive und Sammlungen. Literaturverweise stehen kapitelweise beim Erstzitat in der Langform und bei den Folgezitaten in der Kurzform. Das Buch mit seinen 280 Abbildungen kann als Bildband durchgeblättert und als Erzählung von vorne nach hinten oder kreuz und quer gelesen werden. Zwar führt der Text zunächst auf einem Rundgang durch das Haus (Seiten 20 bis 163) und anschliessend chronologisch durch die Familiengeschichte (Seiten 164 bis 457), aber es ist jederzeit möglich, mittendrin ein- und wieder auszusteigen. Verweise auf verwandte Kapitel in den Marginalspalten ermöglichen eine Navigation auf den Spuren von Personen oder Räumen. Sie werden auf einzelnen Seiten ergänzt durch Ausflugs- oder Besichtigungstipps. Vier Faksimile-Dokumente liegen als Beilagen im dicken Band – eine Hommage an die handschriftlichen und mit Originaldokumenten gespickten Chroniken der Familien Zellweger und Tobler, an denen Eugen Zellweger ab den 1880er-Jahren bis zu seinem Tod 1941 arbeitete – und an die Kommoden und Schränke in der Zellweger-Wohnung, aus denen Originaldokumente quollen. Trogen, Anfang Juli 2019 Heidi Eisenhut

12


Einleitung

Die Allianz Seite 190 Die drei Eidgenossen Seite 207

Ich habe in den letzten Tagen oft an ein türkisches Sprichwort gedacht, das ich irgendwo las: «Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod.» Nun, es braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang … der Abstieg … der Anfang vom Ende … Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) Im Herbst 1809 war das Haus fertig. Nach siebenjähriger Bauzeit. Errichtet für einen Vertreter der siebten Trogner Zellweger-Generation. Ein Palast. Grösser als alle früheren. Prächtig. Und gleichzeitig «wunderlich», wie der Arboner Färbereiunternehmer Johann Heinrich Mayr, der mit der Firma Zellweger & Comp. «in Mercantil Verhältnißen» stand, in seiner Autobiografie festhielt.1 Wunderlich wie der Bauherr selbst. Johann Caspar Zellweger-Gessner «war äußerst schwächlich, – anhaltend kränkelnd, oder krank – sein baldiges LebensEnde schien gewiß», schrieb Mayr. Und er ergänzte: Höchstwahrscheinlich war die Ursache des Übels – seine Woh­ nung; – gleichfalls ganz neu, – sehr groß, – kostbares Steinge­ bäude, – feucht unheimlich u. ungesund – wirkte in diesem ohne­ hin winterichten – wie warmen Clima schädlich auf Lunge u. Brust, – einverbunden mit sizender gefangener Lebensweise. – Wenn ich über die Treppe, – die auf hohen gesprengten Arcaden ruht, hinaufsteige – so ist mir als wär’ ich auf Splügenberg – nahe der via mala, – so wunderlich kommt mir die Baute vor, – in ein 5 Ek zusamen gepreßt – wegen local Mangel von außen – das mir wiedrig vorkommende kostbare Gebäude.2 Noch vor der Fertigstellung des als Wohnhaus, Appretur und Warenlager geplanten Palasts hatte sich der Bauherr aus dem Geschäft zurückziehen müssen: Die Gesundheits=Umstände unsers Herrn Johann Caspar Zell­ weger, finden sich zum größten Bedauern aller deren, mit denen er in persönlicher Verbindung ist, so geschwächt, daß er ohne Gefahr zu laufen, ganz ein Opfer der Thätigkeit zu werden, den Handlungs=Geschäften nicht mehr vorstehen kann. 3 Der Zenit der Firma Zellweger & Comp. war überschritten, der Vater des Bauherrn hatte es vorausgeahnt. Im März 1802, nachdem er die letzten Geschäfte getätigt hatte, und während seine Frau im Sterben lag, öffnete Johannes Zellweger-Hirzel seinem mittleren Sohn Johann Caspar sein Herz. Seinem Schmerz über fragwürdige Unternehmungen des ältesten Sohnes Johannes und über ungenügende kaufmännische Fähigkeiten des jüngsten Sohnes Jakob, der «zu grosse Ausgaben mache, den grossen Herren spiele und nicht gerne arbeite», liess er freien Lauf.4 Keine Woche mehr verging, und der Patriarch verstarb, vier Tage nur, nachdem seine Frau

13


Anna das Zeitliche gesegnet hatte. Ihren Söhnen hinterliessen die Verstorbenen ein Erbe von drei Millionen Gulden, darin eingeschlossen mehrere «Häuser und Güter».5 Der Landsgemeindeplatz Trogen war 1802 gesäumt von vier Stein­ pa­lästen, von denen der damals grösste – der Doppelpalast mit den Hausnummern 5 und 6 – dem Zellweger-Hirzel’schen Familienzweig gehörte und auf dem Grund und Boden errichtet worden war, auf dem einst die Wirtschaft zum Hecht, das Stammhaus der Trogner Zellweger, gestanden hatte.6

Mit Conrad Zellweger-Rechsteiner beginnt auch der Stammbaum im Waschhäuschen am Landsgemeindeplatz, der Infostelle des Vermittlungsangebots «Jahrhundert der Zellweger». Die dritte Zellweger-­ Generation in Trogen ist auf den Stammbäumen die erste Textil­ handelsgeneration. www.jahrhundertderzellweger.ch

Appenzell – Trogen – Lyon Sieben Generationen früher, im Jahr 1582, war Conrad Zellweger-Honegger vom altgläubigen Appenzell nach Trogen übergesiedelt.7 Er gehörte zur reformierten bürgerlichen Oberschicht, die mit dem Erstarken der katholischen Reform den Landeshauptort zu verlassen hatte. Sein einziger Sohn Johannes Zellweger-Scheuss führte als Wirt das Gasthaus zum Hecht direkt neben der Kirche Trogen und wurde Landesseckelmeister – Finanzdirektor – des 1597 aus konfessionellen Gründen neu geschaffenen Halbstandes Appenzell Ausserrhoden. Die nächste – dritte – Generation, vertreten durch Landesstatthalter Conrad Zellweger-Rechsteiner 8, vollzog den Einstieg in den Textilhandel. Sein Porträt bildet den Anfang der Ahnengalerie in der Zellweger-Wohnung im Fünfeckpalast.9 In seinem Holzhaus am Landsgemeindeplatz 10 wurde 1667 in Trogen erstmals erfolgreich ein Leinwandmarkt installiert. Als Kommissär eines Kaufmanns in Feldkirch hatte er jedoch noch kein eigenes Geschäft. Auch sein Sohn, Landesstatthalter Conrad Zellweger-Tanner 10, Vertreter der vierten Generation, war zunächst noch als Beauftragter für verschiedene Handelshäuser tätig. Er war in Lyon zum Kaufmann ausgebildet worden. Spätestens ab 1717 firmierte er als eigenständiger Geschäftsherr und exportierte Leinwand in die französische Handelsmetropole. Das Familienunternehmen unterhielt jetzt ein eigenes Warenlager und beschäftigte selbst Kommissäre. Landammann Johannes Zellweger-Sulser 11, Vertreter der fünften Generation, führte ab 1726 zusammen mit seinem älteren Bruder das Geschäft unter dem Namen «Gebrüder Zellweger» – ab 1730 mit Filiale in Lyon und ab 1748 zusammen mit den verschwägerten Baumwollhändlern Sulser von Azmoos als Teilhaber.12 Die richtige Mitte Das klingt nach einem linearen, zielgerichteten Aufstieg, nach einer erfolgreichen Familiengeschichte, bei der jede jüngere Generation von der vorangehenden die bestmöglichen Fundamente erhielt, um darauf aufbauen

14


zu können, getragen von einer entsprechenden Ideologie: «Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können», hatte ein Buddenbrooks-Ahnenvater sorgfältig ins alte Goldschnitt-Heft mit den Familienaufzeichnungen gemalt.13 Landammann Johannes Zellweger-Sulser hinterliess seinen Kindern und Enkeln vor seinem Tod 1774 den Wunsch, sie möchten bewahrt werden vor grossen Reichtümern und vor Armut als zwei allzu starken Versuchungen, dem Laster anheimzufallen. Als junger Kaufmann in Lyon verlor er, nachdem er sich durch «Tätigkeit und guten Haushalt ein ordentliches Vermögen erworben» hatte, beim Zusammenbruch der Bank des schottischen Financiers John Law seine ganze ökonomische Grundlage. «Glücklicherweise konnten seine Eltern ihm neue Vorschüsse machen, bis zu deren Rückgabe lebten aber er und seine Familie allein von Habergrütze», gab der Bauherr des Fünfeckpalasts Jahrzehnte später seinen Enkeln und Urenkeln mit auf ihren Lebensweg.14 Ein guter Geschäftsgang war nicht ohne Weiteres zu erwarten. Im Selbstverständnis der Familie Zellweger aber war der Erfolg folgerichtig: der Lohn für ein tugendhaftes Leben und für «echte Religiosität, d. h. das schöne Bestreben, dem Willen Gottes gemäß zu leben».15 Die Nase im Wind «Von allen Handelshäusern […] wies die Firma Gebrüder Zellweger & Comp. in Trogen das weitaus fortschrittlichste Geschäftsgebaren auf», stellte der Historiker Walter Bodmer in seiner wegweisenden Studie zur protoindustriellen Textilwirtschaft in Appenzell Ausserrhoden fest. Er meinte dabei das Unternehmen, das Johannes Zellweger-Sulser als Vertreter der fünften zusammen mit seinen Söhnen Johannes Zellweger-Hirzel 16 und Jakob Zellweger-Wetter 17 als Vertreter der sechsten Trogner Zellweger-Generation führte und in das auch die ebenfalls in Trogen ansässigen verschwägerten Gebrüder Honnerlag involviert waren.18 Mit der Gründung einer Zweigfirma in Genua erfolgte 1768 – im Geburtsjahr von Johann Caspar Zellweger-Gessner – der Einstieg in den Italienhandel. 1755 durch die fünfte Generation gegründet, ist die Firma Gebrüder Zellweger & Comp. zusammen mit ihren Nachfolgerinnen Zellweger Vater & Comp. Trogen-Lyon und Zellweger Müller beziehungsweise später Zellweger Zürcher 19 & Comp. Trogen-Genua (ab 1774, sechste Generation) und Zellweger & Comp. (ab 1790, sechste und siebte Generation) für den protoindustriellen Textilfernhandel mit Hauptsitz in einem ruralen Raum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einzigartig.20 Sie konzentrierte sich auf drei Geschäftsfelder: den Leinwandhandel, den Handel mit Rohbaumwolle und den Handel mit bedruckten und unbedruckten Baumwolltüchern.21

15


Methodisch kamen drei moderne Geschäftspraktiken zum Einsatz: Zum Ersten der wöchentliche Briefverkehr mit Lyon und Genua, der den gezielten Einkauf von nachgefragter Ware ermöglichte. Zum Zweiten die Kundenbetreuung durch persönliche Besuche und das unablässige Streben, neue Kunden zu gewinnen, was für den Aufbau eines dichten Beziehungsnetzes in ganz Europa sorgte. Und zum Dritten die Verwendung von Wechselbriefen im internationalen Zahlungsverkehr, an der ersichtlich wird, wie Finanzdienstleistungen und eigentlicher Handel zunehmend voneinander losgelöst behandelt wurden. Der systematische Einsatz dieser Geschäftspraktiken war das Markenzeichen von Johannes Zell­wegerHirzel.22 Nach dem Tod des Vaters trennte er sich 1774 von seinem Bruder und baute sowohl den Frankreich- als auch den Italienhandel neu auf. Seine drei Söhne, die zu diesem Zeitpunkt zehn-, sechs- und vierjährig waren, hatte er zur Mitwirkung an seinen Geschäften bestimmt. Der mittlere Sohn, Johann Caspar, wurde mit vierzehn nach Lyon geschickt; binnen weniger Jahre sollte er die dortige Filiale leiten. Da in Frankreich die politische und wirtschaftliche Lage zusehends unsicherer wurde, wechselte Vater Zellweger-Hirzel die Strategie und beorderte Johann Caspar 1786 nach Genua. Vier Jahre später stand dieser der Genueser Niederlassung der Zellweger & Comp. vor. In den 1790er-Jahren waren die drei Söhne die einzigen Teilhaber der Handelsgesellschaft. Die Niederlassung in Lyon wurde 1792 liquidiert. Während die Firma in Trogen und Genua bis 1799 nochmals beträchtliche Gewinne erwirtschaftete, distanzierte sich ­Zellweger-Hirzel von riskant gewordenen Geschäftsbeziehungen nach Russland.23 Sein Anspruch, grösstmögliche Kontrolle ausüben zu können, mochte ihn auch vom Amerikageschäft abgehalten haben. Als hingegen Maschinengarn aus Manchester das Zeitalter der Industrialisierung ankündigte, wollte er Johann Caspar, seinen begabtesten Sohn, dorthin senden, um ein Handelsunternehmen zu gründen. Der Fall Nach Zellweger-Hirzels Tod im Februar 1802 wurden diese Pläne nicht weiterverfolgt. Es scheint, als hätte das Erbe von drei Millionen Gulden bei den drei Brüdern einen Sinneswandel bewirkt. Noch im gleichen Jahr verpflichteten der Jüngste, der frisch gewählte Landammann und Tag­ satzungsabgeordnete Jakob Zellweger-Zuberbühler 24, und der Mittlere, Johann Caspar Zellweger-Gessner 25, den Baumeister Konrad Langenegger 26 und eröffneten je eine grosse Baustelle am Landsgemeindeplatz Trogen. Wie schon zu Zeiten des Vaters und Grossvaters wurden Holzhäuser abgetragen und andernorts wieder aufgebaut, um Platz zu schaffen für neue Steinpaläste: grössere und teurere als je zuvor.

16


Ich weiß, daß oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und Aufstieges erst er­ scheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht.27 Thomas Buddenbrook, das letzte Glied in der Kette der während Generationen erfolgreichen Lübecker Getreidehandelsfirma, sprach diese Sätze zu seiner Schwester, nachdem er Senator geworden und im Begriffe war, sein neuerbautes prächtiges Haus an der Fischergrube zu beziehen: Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt … «Trogen hat trogen» – hat zu falschen Vorstellungen verleitet –, zitierte Jahre später Färbereiunternehmer Mayr einen lakonischen Spruch der Appenzeller angesichts des rasanten Niedergangs der Zellweger’schen Gloria, der mit dem Ausstieg von Johann Caspar Zellweger-Gessner aus der Firma noch vor Fertigstellung des Fünfeckpalasts 1809 seinen Anfang genommen hatte.28 Anna Barbara Zellweger-Zuberbühler, die Frau seines Bruders Jakob, starb im Alter von vierzig Jahren im Kindbett des 17. Kindes. Jakob, zu jener Zeit Landammann, lebte nun mit seinen acht noch lebenden und nicht verheirateten Kindern und zahlreichen Bediensteten im mächtigen, 1805 vollendeten Steinpalast am Landsgemeindeplatz 2, verwitwet und finan­ziell dem Ruin nahe. Kurz nach dem Tod seiner Frau verliebte er sich in Napoleons Schwägerin Hortense de Beauharnais und war mitverant­ wortlich für ihre Niederlassung auf dem Arenenberg. 1817 fallierte seine Firma, und an der Landsgemeinde 1818 wählten die Appenzeller ihr ruiniertes Landeshaupt nicht wieder. Jakob Zellweger-Zuberbühler starb im Alter von einundfünfzig Jahren 1821 an einem Schlaganfall.29 Der Älteste der drei Brüder, Johannes Zellweger-Hirzel Sohn, der beim Konkurs der Firma ebenfalls sein Vermögen verloren hatte, zog nach dem Tod seiner Frau Anna 1816 nach Bregenz. Er widmete sich dort ­seiner Leidenschaft für Pferde, heiratete 1821 Franziska Egg, «eine ­Kuhmagd», die eine Schenke betrieb, konvertierte zum Katholizismus, wurde österreichischer Staatsbürger und starb 1832 im Alter von achtundsechzig Jahren.30 Die Familie Zellweger ist überhaupt in der Oekonomie u. dem öffentlichen Credit tief gesunken, ohne Aussichten, sich sobald wieder erhohlen zu können, u. ihre Kinder werden mit Schmerz die Steinmaßen ansehen, in denen die leichtsinnigen Väter ihr Tonnengold 31 vergraben und verbauet hatten, die jenen zum Erbtheil hätten dienen sollen. 32

17


Ratschreiber Johann Conrad Schäfer hatte diesen vielsagenden Satz un­ mittelbar nach der Abwahl von Landammann Zellweger im April 1818 geschrieben. Mit einem Anflug von Schadenfreude soll in Herisau vermerkt worden sein: «So steigen und fallen Familien wie Staaten, und so sinkt das ehemals reichste Trogen zur mittleren Klasse herab.»33 Textilunternehmer Mayr kommentierte den Niedergang, der «große Sensation» machte, auf seine Weise: «Es gab eine Stille im Handel in dem abgelegenen Trogen, – die großen Häuser verödet, die Gaßen voll Gras.»34

Der Hoffnungs­träger Seite 331

Das Ende? Mitnichten! Der Fünfeckpalast, der wunderliche, war gerade einmal zehn Jahre alt, und der Bauherr, der kränkliche, bewies eine unerwartete Zä­­ higkeit. «Fide et Constantia» – mit Wahrhaftigkeit und Beständigkeit – liess sein Urenkel Eugen Zellweger Jahrzehnte später als Wahlspruch in die Familienchronik malen.35 Johann Caspar Zellweger-Gessner lebte und lebte. Als er Ende Januar 1855 im Alter von knapp 87 Jahren starb, war er der älteste Bürger von Trogen. Sein Elternhaus, die westliche Hälfte des Zellweger’schen Doppelpalasts mit der Hausnummer 6, das er gut zwei Jahre vor seinem Tod seinem Neffen Ulrich Zellweger-Ryhiner 36 verkauft hatte, blieb bis 1933 im Besitz dieses Familienzweigs.37 Da die anderen Steinpaläste der Familie Zellweger am Landsgemeindeplatz bereits früher verkauft worden waren – das Haus 1 an die Gemeinde (1825), das Haus 2 an den Kanton (1841) und die Häuser 4 und 5 an private Hausbesitzer (1828 und 1817) –, blieb der Fünfeckpalast am Landsgemeindeplatz 7 der einzige Steinpalast im Dorfkern, in dem noch Nachfahren des Bauherrn lebten.38 Das stattliche Gebäude wurde zum Denkmal, zu einem «Refugium für sich nostalgisch an besser geglaubte frühere Zeiten klammernde Familienmitglieder».39

18


19


Das Haus


22


Der Innenhof Seite 139

Einleitung Seite 13 Das Dorfmodell Seite 27

1794 führte eine Geschäftsreise den jungen Kaufmann Johann Caspar Zellweger-Gessner von Genua via Livorno und Pisa nach Florenz. Im Alter von über achtzig schrieb er: Der Unterschied zwischen den italienischen und unseren schwei­ zerischen Republicken, besonders den kleinen Kantonen, war augenscheinlich. Während hier der Reichthum und die Macht der alten Familien zeigten, dass die Regierung ganz in ihren Händen lag und jede Familie die Zügel davon sich a ­ n­eignen wollte, sieht man im Appenzellerlande die einfachen, zerstreuten Hütten das Bild der Gleichheit darbieten, die nur für kurze Zeit dem ­b raven, dem geschickten oder dem volksthümlichen Bürger eine Auszeichnung gewährt, wo aber der Arme wie der Reiche gleiche Rechte geniessen.1 Fast jedem anderen Beobachter, der das Appenzellerland beschreibt, könnten solche Worte abgenommen werden, nicht jedoch einem Mitglied der Textilhandelsfamilie Zellweger. Ihr Reichtum und ihre Macht haben den Dorfkern von Trogen zwischen 1747 und 1809 in eine italienisch anmutende Piazza mit sechs Palästen und neuer Kirche verwandelt. Ihre Präsenz in den hohen Landesämtern war fast dynastisch. Ausgerechnet der Landsgemeindeplatz – ein Sinnbild der direkten Demokratie – ist im ländlichen Trogen ein in Stein gefasster Zeuge dafür, dass Gleichheit bestenfalls ein Ideal war, Reichtum und Macht aber in Wirklichkeit sehr ungleich verteilt waren. Mit dem jüngsten, fünfeckigen Steinpalast, der 1809 mit einem grossen baulichen Effort fertiggestellt wurde, 2 liess Johann Caspar ­Zellweger-Gessner das grösste Privathaus des Kantons – und eines der grössten der Schweiz – erbauen. Das grenzt an Vermessenheit. Und diesem Vorwurf hatte er sich tatsächlich zu stellen: Es mag hier der Platz sein, die Gründe anzuführen, warum ich meine steinernen Häuser baute, damit wenigstens meine Kinder wissen, dass nicht nur Eitelkeit oder Hochmuth mich dazu verleiteten. 3 Er habe nicht einfach ein neues Haus bauen wollen, sondern sich zu­­ nächst darum bemüht, ein bestehendes zu erwerben, rechtfertigte er sich. Seine Familie bestand 1802 aus ihm, seiner Frau, fünf Kindern, mehreren Angestellten und dem Baumeister Konrad Langenegger. Diesen hatte er bei sich einquartiert, weil er gleichzeitig das Wohn- und Geschäftshaus von Johann Caspars Bruder Jakob, das heutige Rathaus am Landsgemeindeplatz 2, baute und später, von 1807 bis 1810, als drittes Haus im Dorfkern von Trogen, den Tobler’schen Holzpalast am Bergweg 1.4 Johann Caspars Elternhaus in der südwestlichen Hälfte des ZellDer Fünfeckpalast von Nordosten. Luftaufnahme von Martin Rickenmann und Mario Baronchelli, 06.11.2018.

23


Im Gewölbekeller der Zellweger’schen Schreibstube befand sich im 20. Jahr­ hundert das Verbindungslokal des Kantonsschulturnvereins (KTV). ­ Seit dem Jahr 2000 ist hier jeweils freitags die Rab-Bar, eine Bar mit einem kul­turellen Jahres­ programm, geöffnet. www.rab-bar.ch

weger’schen Doppelpalasts am Landsgemeindeplatz 6 platzte aus allen Nähten: «Und ich glaubte, dass ich noch eine Mange und ein Aprethaus nöthig habe, die Handlung fortzusezen und Plaz zu Magazinen», hielt er fest.5 Ein Versuch, den Sonnenhof, das heutige Café Ruckstuhl zwischen Altstätter- und Bühlerstrasse, für 50 000 Gulden zu erwerben und für die Veredelung von Stoffen (Appretur) und zum Bügeln mittels Mange (Walze) zu verwenden, scheiterte: Sein Verwandter, der Arzt Bartholome Honnerlag-Zellweger, wollte nicht verkaufen. Auch ein Holzhaus an der Halden, am Standort der heutigen Post, konnte er nicht erwerben: «Jungfrau» Schläpfer trat nicht auf sein Angebot von 30 000 Gulden ein. Schliesslich wurde Zellweger-Gessner mit Bäcker Fässler handelseinig. Er erwarb dessen Haus am Landsgemeindeplatz 8, liess es versetzen und erstellte auf dem Baugrund «ein kleines ganz solides nur von Stein und Eisen gebautes Haus mit zwei übereinanderliegenden Gewölben». Dieses Gebäude diente ihm als «Schreib- und Kaufstube»6, bis er es 1842 verkaufte.7 Für den Bau des Fünfeckpalasts gelang es ihm kurze Zeit später, in unmittelbarer Nachbarschaft zwei weitere Holzhäuser «und den kleinen daran stossenden Boden» zu kaufen.8 Auch diese Häuser liess er versetzen, wodurch er 1802 mitten im Dorf einen abschüssigen, aber flächenmässig durchaus respektablen Bauplatz verfügbar machte: Nun studierten H[err] Langenegger von Gais und ich sehr lange, wie wir könnten da ein Aprethaus und ein Wohnhaus machen, aber es fand sich immer, daß daraus nichts vernünftiges könnte gemacht werden, ausgenohmen man baue es so, wie es nun ­w irklich dasteht. Dieses waren die Gründe, warum es so groß wurde, was man mir jetzt vorwerfen kann, aber wenn die Hand­ lungsart sich nicht geändert hätte, und ich hätte die Handlung ­­in dem Umfange fortsezen [können], wie sie damals stattfand, so hätte ich nicht zu viel Plaz gehabt.9 Da sich Johann Caspar Zellweger-Gessner noch während der Zeit, als sein Haus gebaut wurde, aus dem Geschäft zurückzog, war der Fünfeckpalast zu Beginn in erster Linie ein Wohngebäude. Statt für Textilien wurde es zur Appretur und Mange für Geschichten. Der Bauherr selbst legte die Basis dazu. In seiner zweiten, geschäftslosen Lebenshälfte wurde er zum Geschichtsschreiber, Forscher und Auf bewahrer. Er setzte Massstäbe für alle, die nach ihm kamen und das grosse Haus besassen oder als Familienmitglieder darin wohnten. Eine Regel jedoch hielten die nach ihm Geborenen nicht ein: Über hundert Jahre nach seinem Tod machten sie das Haus zum Palast. Der Volksmund nannte das Gebäude nicht mehr «Johann Caspar-Zellwegerhaus», «Zellwegerhaus» oder «Zellwegerhaus mit Innenhof», son-

24


dern «Fünfeckpalast». Spätestens 1968, nachdem die Urenkelgeneration verstorben war und der Ur-Urenkel Richard Zellweger als Hausherr in einer illustrierten Wochenzeitschrift den «imposanten Palast» – das «Pentagon» – porträtieren liess, muss sich die neue Bezeichnung etabliert haben.10 Nach dem Kauf des Gebäudes durch den Kanton Appenzell Ausserrhoden versuchte die mit der Planung der künftigen Nutzung beauftragte Kommission in einer republikanischen Anwandlung noch e­ inmal, aus dem Palast wieder ein Haus zu machen. Im Protokoll der ersten ­Sitzung vom 27. November 1991 steht: Die Expertenkommission ist […] der Meinung, dass der Name «Fünfeckpalast» in «Fünfeckhaus» abgeändert werden sollte. (Damit der Palast nicht zum Ballast wird.) 11 Doch der Volksmund und die Presse setzten sich durch.12 Das Fünfeck blieb Palast.

25


Ansichten

Bei normalem Gehtempo dauert die Umrundung des Fünfeckgrundstücks drei Minuten. 180 Meter sind dabei zurückzulegen, das Gelände steigt an und fällt ab. Es umfasst eine Fläche von 1710 Quadratmetern. Im Fokus dieses Kapitels steht der Palast von aussen: seine ortsbauliche Situation, seine Konstruktion, seine Gestalt und seine Wohn- und Geschäftsnutzung im Lauf der Zeit. Aus dieser sind auch die Bezeichnungen Herrschafts- und Kon­ torflügel für die beiden gemauerten dreigeschossigen Haus­teile ­im Südosten und Norden sowie Gesindehaus für das viergeschossige Zwischenhaus in Riegelkonstruktion im Südwesten hervorgegangen.

26


Das Dorfmodell Das auf den Seiten 28 und 29 abgebildete, um 1830 entstandene Holzmodell des Dorfzentrums von Trogen zeigt, wie knapp Bauherr Johann Caspar Zellweger-Gessner und Baumeister Konrad Langenegger den 1809 vollendeten Fünfeckpalast in das bestehende bauliche Ensemble eingefügt haben.1 Jeder andere Zellweger, der am Landsgemeindeplatz ein Holz­ haus durch einen Steinpalast ersetzt hatte, konnte sich die Freiheit nehmen, eine Villa in die Landschaft zu bauen. Beim Fünfeckpalast jedoch wurde städtebaulich ausgereizt, was zwischen den Häuserzeilen und der vorgelagerten Gasse im Süden und der Hauptverkehrsachse im Norden und Nordosten möglich war. 676 Quadratmeter Grundfläche misst das Gebäude, an seiner höchsten Stelle liegt der First 17 Meter über dem Erd­­ boden, an seiner niedrigsten knapp 13.2 Die Überlieferung erzählt, dass der damalige Eigentümer des heutigen Mehrgenerationenhauses Alte Drogerie – auf Seite 30 oben das siebenstöckige Gebäude am rechten Rand – ­aus Ärger über den Bau des Fünfecks, das ihm schon ab 1805 als Rohbau die Sonne nahm, sein eigenes Haus aufstocken liess, um den Zellwegern die Aussicht auf den Bodensee zu versperren.3 Jeden verfügbaren Quadratmeter nutzten der Bauherr und sein Meister. Nach dem Muster der engen Altstadt von Genua? Zellweger-Gessner und seine Familie hatten vor der Rückkehr nach Trogen und dem Bau des Fünfeckpalasts in der Handelsmetropole am Mittelmeer gelebt. «Die Pläne wurden von einem Genueser gemacht», hielt Urenkel Eugen Zellweger Jahrzehnte später in seinen Familienaufzeichnungen fest.4 Zeitgenössische Quellen dazu existieren nicht. Die zwei bis heute einzigen Eingriffe in die ortsbauliche Situation der unmittelbaren Nachbarschaft des Fünfecks erfolgten noch zu Lebzeiten des Bauherrn. Beide führten dazu, dass der Palast mehr Umschwung erhielt. Der erste Eingriff war dem Strassenbau geschuldet: Der Südwesttrakt des Fünfeckpalasts und das südlich daran angrenzende Gebäude standen so dicht nebeneinander, dass nur ein Durchgang für Personen übrigblieb – eine genuesische Gasse. Der Hauptverkehrsweg führte entlang des Nordtrakts. Mit der Eröffnung der von Ingenieur Alois Luigi Negrelli5 geplanten Ruppenstrasse zwischen Altstätten und Trogen im Jahr 1838 änderte sich dies. Seither passiert der Personen- und Warenverkehr die Südwestseite des Fünfecks. Die schmale Gasse wurde verbreitert. Das hölzerne Gebäude, das auf dem Bild auf den Seiten 28 und 29 seinen Schatten auf die steinerne Palastfassade wirft, fiel dieser Massnahme zum Opfer.6 Ein schmiedeeisernes Geländer mit der Jahreszahl 1838 und den Initialen JCZ für Johann Caspar Zellweger, in der Vorgartenmauer des Fünfeckpalasts verankert, zeugt bis heute von dieser Umgestaltung.7

27


A

B

28

10

7

E

1

D

6

2


N

5

3

C

4

Der Dorfkern von Trogen mit den ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern der Familie Zellweger am Landsgemeindeplatz: 1 Gemeindehaus, 2 Rathaus, 3 Krone, 4 Zweiter Steinpalast, 5/6 Zellweger’scher Doppelpalast, 7 Fünfeckpalast, 10 Haus des Kantonsschulvereins Trogen. Weitere markante Bauten: A Tobler’scher Holzpalast am Bergweg, B Sonnenhof an der Bühlerstrasse, C «Fabrik», später Zellweger’sches Wohnhaus, heute Haus Vorderdorf an der Wäldlerstrasse, D Altes Rathaus im heutigen Garten des Fünfeckpalasts, E Alte Drogerie, heute Mehrgenerationenhaus im Hinterdorf. Holzmodell von ­Johann Ulrich Fitzi, bemalt, Massstab ca. 1:300, um 1830.

29


Detailansichten mit dem FĂźnfeckpalast von Nordosten (oben) und Westen (unten). Holzmodell von Johann Ulrich Fitzi, bemalt, Massstab ca. 1:300, um 1830.

30


Das alte Rathaus von Trogen steht seit 1842 als privates Wohnhaus im Hinterdorf 1 in Bühler. Das Modell befindet sich im Dachstock des heutigen Rathauses am Landsgemein­ deplatz 2. Zusammen mit zwei hölzernen Zellen aus dem alten Rathaus, dem Gerichtsschwert und weiteren Objekten zur Justizgeschichte von Appenzell Ausserrhoden kann es im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Der zweite Eingriff betraf das alte Rathaus (D) des Standes Appenzell ­Ausserrhoden aus dem Jahr 1598, auf dem Dorfmodell auf den Seiten 28 und 29 gut erkennbar wegen seiner rundbogigen Öffnungen im Sockelbereich. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts – bevor die Textilhandelsfamilie Zellweger den Landsgemeindeplatz baulich nach ihren Vorstellungen umzugestalten begann – war dieses Gebäude das stattlichste und bedeutendste Haus am Platz. 1841 stimmte die Landsgemeinde in Hundwil dem Kauf des gegenüberliegenden Steinhauses von Zellweger-Gessners ­Bru­der Jakob zu – auf dem Dorfmodell die Nummer 2 –, um es künftig als Rathaus zu nutzen.8 Das alte hölzerne Rathaus hatte ausgedient. Johann Caspar Zellweger-Gessner erwarb das geschichtsträchtige Objekt anlässlich einer öffentlichen Versteigerung für 5050 Gulden und beauftragte Baumeister Bartholome Schläpfer von Wald, ein Modell davon zu erstellen. Er liess das Haus abbauen und vermittelte es einem Käufer in der Nachbargemeinde Bühler.9 Der Fünfeckpalast hat seither einen grossen Vorgarten direkt am Landsgemeindeplatz.

31


Fitzis Feldskizzen Der in Teufen aufgewachsene Pflanzen- und Insektenmaler Johann Ulrich Fitzi erhielt ab 1818 von Privatpersonen Aufträge zur Verfertigung von exakten Landschaftsaufnahmen sowie von Gebäude- und Dorfansichten in beiden Appenzell. Bis zur Mitte des Jahrhunderts schuf er Bleistiftzeichnungen und Federaquarelle, mit denen er dem Appenzellerland am Vorabend der Erfindung der Fotografie ein Bildgedächtnis von ausserordentlicher Bedeutung schenkte. Allein die Gemeinde Trogen ist auf über 100 Blättern dokumentiert.10 Einer seiner ersten und regelmässigen Auftraggeber war der Fünfeck-Bauherr Johann Caspar Zellweger-Gessner.11 Die auf den Seiten 34 und 35 abgebildeten detaillierten Aufrisse aller Fassaden des Fünfeckpalasts gehören zu einem Konvolut von gut 300 ­Fitzi-Zeichnungen, das erst seit 2015 öffentlich zugänglich ist.12 Sie sind als kleinformatige Bleistiftskizzen zusammen mit 35 anderen Aufrissen von Häuserfassaden aus dem Dorfkern von Trogen auf einem Blatt Papier überliefert. Es handelt sich bei diesem zunächst unscheinbar wirkenden Do­kument um die Feldaufnahme der Häuseransichten für die Fertigung des hölzernen Dorfmodells von Trogen. Dank dieses Blatts ist nun erwiesen, dass das Modell im Umfeld von Fitzi entstanden ist.13 Seiner Arbeitsweise gemäss ergänzte der Zeichner seine Feldskizzen durch Buchstaben und Sonderzeichen. Diese dienten ihm zur weiteren Verarbeitung der Aufnahmen: Auf den Dächern der Fünfeckpalast-­ Aufrisse gut sichtbar sind die Initialen des Bauherrn HCZ für Hans Cas­ par Zellweger und je ein Kleinbuchstabe für die fünf Dachabschnitte auf der Innenhof- (a–e) und auf der Aussenseite (f–k). Die einzelnen Fassadenelemente tragen Farbcodes, damit sie später im Atelier, wo die Skizzen in der gewünschten Anzahl reproduziert wurden, korrekt koloriert werden konnten.14 Die Gestalt der fünf Aussenfassaden zeigt bei Auflösung der Codes ein homogenes Bild, das im Dorfmodell auch so umgesetzt ist: Der Verputz «gelb», die Fenstereinfassungen, Brüstungsfelder, Eckpilaster und Gurtgesimse «bläulichweiss» und die Läden «grün». Heute ist das Gelb ein heller bräunlich-gelber Putz,15 das Bläulichweiss war und blieb Sandstein und das Grün entspricht den mit Ölfarbe bemalten und teilweise mit Blech beschlagenen, glatten Holztafelläden, die vor 188516 an den besonnten Fassaden Südost (k) und Südwest (f) weitgehend durch Jalousien ersetzt worden waren, sonst aber – wie die 210-jährigen Fenster mit den Vorfenstern – im Originalzustand erhalten sind. Fitzis Zeichnungen bilden exakt ab, wie geschickt Baumeister Langenegger das Haus ins schiefe Gelände einpasste: Die Abwicklung beginnt mit der kurzen Westfassade, die sich über einer steilen Halde erhebt (g). Es folgen der niedrige, bergseitige Südwesttrakt (f) und, nach dem Mauerversatz am Landsgemeindeplatz, die repräsentativen, hohen Fassaden

32


Das Gesindehaus Seite 52

Der Herr­­ schafts­flügel Seite 42 Was bleibt? Seite 274

Der Lift- und ­Treppenschacht Seite 136

Der Kulturraum im Gewölbekeller Seite 158

Die Einfahrt Seite 61

an der Südost- (k), Nordost- (i) und Nordseite (h).17 Zuletzt ist – im Uhrzeigersinn – die Abwicklung des Innenhofs (a–d) ergänzt. Der Baumeister erreichte einen homogenen Gesamteindruck, indem er den verzierten Sims über dem Sockelgeschoss der Schaufassaden ebenso wie die Dach­ traufe auf gleichbleibender Höhe rund um das Fünfeck zog. Auf der niedrigeren Bergseite wird der Sims einfach zum niedrigen Sockel. Hier fehlt die unterste Etage – allerdings ist der Südwesttrakt nur an den Gebäudeecken dreistöckig. In seiner Mitte hat er vier Etagen wie die anderen Trakte auch. Nur sind hier, im Neben- oder Gesindehaus18, die Geschosse deutlich niedriger als in den Arbeits- und den Wohntrakten der Familie Zellweger. Anstelle der fünf Fenster unter der Traufe zeigt Fitzis Skizze eine mit dem Code N für «Neü Holz» beschriftete Lüftungsluke. Schon auf der ältesten überlieferten Fotografie von 1870 ist diese durch Fenster ersetzt. Auf Strassenniveau musste das Fenster unten links 2002 einem überdachten und barrierefreien Eingang weichen. Der rundbogige offene Abwasserlauf im Sockel zwischen Gesindehaus und Südosttrakt, über dem die Aborte liegen, dürfte seit dem Umbau 1922 zugemauert sein. Auch ein 1919 anstelle eines Fensters eingebauter Eingang zum Telegraphen- und Telephon­ zimmer ganz rechts ist heute verschlossen und wie das darüberliegende Brüstungsfeld mit Sandstein ausgekleidet. Die im Aufriss des Architekten Paul Knill von 2005 gepunktet angedeutete marmorne Gedenktafel für den Bauherrn Johann Caspar Zellweger-Gessner wurde 1925 an der Strassenseite des Fünfeckpalasts angebracht. Beim näheren Betrachten zeigen die fünf Hausseiten noch weitere Besonderheiten und Veränderungen im Lauf der Zeit: In der schmalen Westfassade (g) wird die symmetrische Fensterordnung durch eine hohe Öffnung zwischen dem Sockel- und dem Erdgeschoss unterbrochen. Sie ist mit einer eisernen Klappe verschlossen, die sich wie eine Zugbrücke öffnen lässt und einen direkten Warenzugang ins Erdgeschoss bot. ­Hinter dem Fenster rechts davon und darüber befindet sich ein Raum mit fünf­ eckigem Grundriss, dessen Decken und Böden nur aus losen Brettern bestanden.19 Wurde dieser Raum genutzt, um Waren mit einem Seilzug in alle Stockwerke zu hieven? Dafür würde sprechen, dass sich darunter die Remise befand, die vom Innenhof her mit Wagen befahrbar war. Die neunachsige Südostseite (k) hat ihre Gestalt im Lauf der Jahrzehnte kaum verändert. Beim Ausbau des Gewölbekellers zu einem Kulturraum wurde 1996 in der linken hinteren Ecke ein Kellerfensterpaar durch einen Notausgang mit Aussentreppe ersetzt.20 Hauptfront des Fünfecks ist die Nordostseite (i) an der ehemaligen Gabelung der Strassen nach Speicher, Rehetobel und Wald. Blickfang ist das als Triumphbogen gestaltete Einfahrtsportal aus Eichenholz in der Mitte der achtachsigen Fassade. Die Wappenkartusche im Portalgiebel war schon zu Fitzis Zeiten leer.21

33


W

SW

N

34


SO

NO

Aufrisse West-, Südwest-, Südost-, Nordost- und Nordfassade des Fünfeckpalasts. Bleistiftzeichnungen von Johann Ulrich Fitzi, zwischen 1825 und 1831, und CAD-Zeichnungen von Paul Knill, 2005. Von Fitzi zudem eine Abwicklung des Innenhofs (a–e).

35


Der Kontorflügel Seite 47

An der elfachsigen Nordseite (h) wurden 1959 sechs Fenster mit Klappläden im Sockelgeschoss durch drei Garagentore ersetzt.22 Dieser Eingriff in die intakte Fassadengestalt sei im Dorf diskutiert und «heftig kritisiert» worden, erinnert sich der ehemalige Dorfarzt Hanspeter Sonder­ egger.23 Die bei Fitzi zusätzlich eingezeichneten sieben Kellerfensterpaare gab es nicht, da dieser Palastteil nie unterkellert war.24 Portale in der Mittelachse, Einzelfenster mit Klappläden, Pilaster und Gesimse zeichnen alle drei Paläste von Baumeister Konrad Langen­ egger am Landsgemeindeplatz Trogen aus. Diese klassizistischen Zier­ elemente sind typisch für Fabrikanten- und Bürgerhäuser der Zeit ­zwischen 1780 und 1850 in Appenzell Ausserrhoden. Es sind klassische Steinmetzarbeiten. In den Appenzeller Dörfern jedoch wurden sie aus Holz gefertigt und als Täfer vor die Strickwände der Holzhäuser geblendet. Durch weisse und graue Farbtöne suchte man die Nähe zum steinernen Vorbild der damaligen urbanen Architektur.25 Nur an den Zellweger’schen Palästen in Trogen sind Mauern und Verzierungen wirklich aus Stein. Und unter diesen ist der Fünfeckpalast der einzige, bei dem das gestemmte Fronttäfer in Form sandsteinerner Brüstungsfelder unter den Fenstern der Beletage gestalterisch in Erscheinung tritt.

36


Das Arbeitsmodell

N

Baumeister Konrad Langenegger zugeschriebenes Arbeitsmodell des Fünfeckpalasts. Der Geländeverlauf ist mit hellem Pappmaché abgeklebt. Holz und Pappe mit Bleistiftspuren, ca. 80 x 45 x 35 cm, 1802.

37


N

1. OG

Das Arbeitsmodell von Baumeister Konrad Langenegger ist stockwerkweise zerlegbar. Es zeigt auf, dass das F端nfeck aus drei Hausteilen besteht, die heute als Herrschaftsfl端gel (links mit hofseitigem Treppenhaus und Einfahrt), Kontorfl端gel (rechts 端bers Eck daran anschliessend) und Gesindehaus (hinterer Quertrakt ohne UG) bezeichnet werden.

38


EG

SG

UG

39


390 Quadratmeter Dachstockfläche! Mehr als genug Platz, um Dinge zu verstauen – und zu vergessen. Der Architekt Piet Kempter stiess beim ­Vermessen des Fünfeckpalasts 1989 im Estrich auf das hier abgebildete Holzmodell. Sein Jugendfreund Stefan, Sohn der letzten Palastbesitzerin Thea Zapasnik-Zellweger, hatte nichts dagegen, dass er das Fundstück in seinem Büro direkt über dem Haupteingang des Fünfecks zwischenlagerte. Kantonsbaumeister Otto Hugentobler erinnert sich, dem Modell auf einem Hausrundgang mit der Palastbesitzerin und dem Baudirektor, Regierungsrat Hansjakob Niederer, in einem Raum im sogenannten Gesindehaus auf der anderen Gebäudeseite erstmals begegnet zu sein. Wo auch immer das aussergewöhnliche Objekt die Jahrzehnte über­dauert hatte, ­es weckte die Neugierde der Fachleute. Kantonsbaumeister Hugentobler nahm es mit nach Herisau und stellte es während der nächsten 25 Jahre in seinem Büro aus.26 Heute ist das Architekturmodell wieder in Trogen: in einer Vitrine im ersten Obergeschoss des Fünfeckpalasts. Die Herstellungsart ist simpel: Es besteht vorwiegend aus Nadelholz – wohl Fichte – und Pappmaché. Als Klebstoff wurde ein Glutinleim verwendet. Das Modell ist stockwerkweise zerlegbar und war nicht zu Repräsentationszwecken gedacht, sondern fand als Arbeitsgerät vor allem zur Entwicklung des Innenausbaus Verwendung.27 Es zeigt auf, dass das Fünfeck aus drei Hausteilen besteht, die heute als Herrschaftsflügel (auf den Modellfotos auf den Seiten 38 und 39 links, samt Treppenhaus und Eingangstor), Kontorflügel (rechts übers Eck daran anschliessend) und Gesindehaus (hinterer Quertrakt) bezeichnet werden. Das Modell ist

Detail erstes Obergeschoss mit Einblick in die Küche der Zellweger-Wohnung (links), das Treppenhaus und auf das Fachwerk an der Hofseite des Kontorflügels. Arbeitsmodell des Fünfeckpalasts. Holz und Pappe mit Bleistiftspuren, 1802.

40


mit Notizen und Skizzen versehen, die von Baumeister Konrad Langen­ egger stammen könnten, und es dokumentiert die Diskussionen, die im Arbeitsprozess über Raumeinteilungen, Fassadenöffnungen, Konstruktionsarten – wie das Fachwerk auf der Hofseite des Kontorflügels – oder über den Geländeverlauf geführt wurden. Dieser ist auf dem Bild auf Seite 37 mit hellem Pappmaché abgeklebt. Wie bereits auf Fitzis Feldskizzen wird auch am Modell ersichtlich, weshalb das niedrige Zwischengeschoss, das sich wie ein Gürtel um das Gebäude legt, von Südwesten gesehen gleichzeitig das Erdgeschoss bildet. Gestalterisch und konstruktiv war es ein Meisterstreich: Auf den ­drei repräsentativen Schauseiten des Fünfecks dient es als klassisches Mezzaningeschoss, das traditionellerweise niedriger war als die darüberliegende Beletage, und auf der Bergseite gab es die Geschosshöhe für das Neben- oder Gesindehaus vor. Dieses verbindet als Fachwerkbau den gemauerten Kontor- mit dem gemauerten Herrschaftsflügel.28 Das Gebäudevolumen lässt sich am Holzmodell nicht messen. Doch in einer der Schubladen in der Zellweger-Wohnung überdauerte ein Do­ kument von 1922 die Jahrzehnte, in dem es heisst: Das Gebäude Nr. 7, wohl das grösste Wohnhaus im Kanton, hat einen Inhalt von 10 585 m 3 . Diejenigen Gebäudeteile, welche als massiv betrachtet werden können, haben einen Inhalt von 9560 m 3 , während 1025 m 3 als Riegelbau bezeichnet werden ­müssen.29 2019 bestätigt der Architekt Paul Knill, der für den Umbau des Fünfeckpalasts nach 1991 verantwortlich war: «Diese Zahlen stimmen.»30

41


Der Herrschaftsflügel

Die Zellweger-­ Wohnung im ersten Stock Seite 104 Die Witwen und ihre Söhne im zweiten Stock Seite 316

Das Familiengemälde Seite 234

Geschäftspflichten in London Seite 305

Die Bezeichnung Herrschaftsflügel wurde erst nach der Übernahme des Fünfeckpalasts durch den Kanton Appenzell Ausserrhoden geprägt.31 Sie zeugt vom Versuch, die charakteristische Nutzung des nach Südosten orientierten repräsentativen Haupttrakts des Gebäudes in den Namen zu integrieren. Im Kaufvertrag von 1991 wird der Verkäuferin, ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern das dreissigjährige Wohnrecht in der «Herrschaftswohnung» im ersten Obergeschoss gewährt.32 Diese Wohnung ist das Herzstück des Palasts. Nach aussen tritt sie durch «überhohe» Fenster in Erscheinung.33 Infolge der frühzeitigen Abtretung des Wohnrechts durch die Kinder der 2002 verstorbenen Palastverkäuferin am 27. November 2013 wurde das Appartement in «Zellweger-Wohnung» umbenannt. Was von aussen nicht ersichtlich ist: Hinter den überhohen Fenstern der Zellweger-Wohnung und den hohen Fenstern unter der Traufe liegen je gleich dimensionierte Räume – und zwei ganz unterschiedliche Familiengeschichten. 1870, als die hier abgebildete älteste bekannte Fotografie des Fünfeckpalasts entstand, war die Wohnung im zweiten Obergeschoss die zukunftsweisende, bewohnt von der Familie Zellweger-­ Tobler. Als Auftraggeberin des Bildes posiert sie in drei Fenstern: links aussen der spätere Familienchronist Eugen und seine Schwester Anna, im vierten Fenster Mutter Anna Elvira und im sechsten Fenster Vater und Sohn Johann Caspar. Auch im Erdgeschoss stehen Personen in den Fensteröffnungen. Es sind vermutlich Hausangestellte.34 Entlang der Strasse haben sich Kinder und ein Mann mit einem schwarzen Pferd aufgereiht. Weitere Personen beim Dorfbrunnen am linken Bildrand und auf dem Gehsteig scheinen zufällig in die Szenerie geraten zu sein. In der Zellweger-Wohnung sind keine Menschen zu sehen, jedoch sind die drei Fenster geöffnet, hinter denen sich der Salon mit dem Gemälde der Bauherrenfamilie verbirgt. Auch in einem der Schlafzimmer steht ein Fenster offen. Die gestickten Rideaux ziehen die Blicke auf sich. Ob sie aus dem Sortiment der Firma Holderegger & Zellweger stammen? Johann Caspar Zellweger-Tobler hatte an der Weltausstellung in Paris 1855 zusammen mit seinem damaligen Partner Christian Holderegger für Vorhänge eine Goldmedaille bekommen.35 In den Jahren der Entstehung der Fotografie war der Fünfeckpalast Hauptsitz der Firma J. C. Zellweger. Swiss Embroideries & Muslins mit Filialen an der Bankgasse 7 in St.Gallen und der ­Gutter Lane 37 in London.36

42


Älteste bekannte Fotografie des Fünfeckpalasts von 1870, in Auftrag gegeben von der Familie ­Zellweger-Tobler, die im zweiten Obergeschoss in den Fenstern posiert.

43


Margrith Hauser, die Tochter des Fotografen Hermann Hauser, 1923 im Garten ihres Wohnhauses im Oberdorf 2, auf der anderen Strassenseite das Schild «Telegraph Telephon» über der Tür zur ­Telefonzentrale im Fünfeckpalast.

44


Das Treppenhaus Seite 66

Der Bauingenieur Seite 373

Dieses Bild entstand 1923 im Garten des Fotografen Hermann Hauser und hätte seine Tochter Margrith37 ins Zentrum rücken sollen. Möglicherweise zusammen mit dem weissen Kätzchen, dessen Aufmerksamkeit auf zwei Kinder auf der anderen Strassenseite gerichtet ist. Die renovierte Südecke des Fünfeckpalasts mit dem Schild «Telegraph Telephon» im Brüstungsfeld unter dem Salonfenster der Zellweger-Wohnung ist je­ doch deutlicher sichtbar als das eigentliche Bildmotiv. 1917 trat die Schweizerische Telegraphen- und Telephonverwaltung brieflich an Georg Zellweger-Ringold heran. Sie wollte ihr Bureau in Trogen in den Fünfeckpalast verlegen, und zwar in das von der Hauptstrasse her zugängliche Erdgeschoss des Herrschaftsflügels. Im Brief war von ­der Erstellung einer Haustüre und der Unterteilung der Wohnstube «zum Zwecke der Errichtung eines Apparatenzimmers mit einem Telegrammaufgaberaum» sowie dem Einbau einer schalldichten Telefonkabine die Rede. Neun Tage später wurde das Projekt aber vorläufig sistiert, «bis die Zeitverhältnisse besser und die Materialien zu normalen Preisen zu haben sein werden».38 1919 sah die allgemeine Lage besser aus: Der Vertrag wurde im Juli unterzeichnet. Die beiden Besitzerfamilien des Fünfeckpalasts vermieteten nun neben dem «Apparatenzimmer für Telegraph und Telephon» und dem Telegrammaufgaberaum auch ein Nachtdienstzimmer sowie eine Dienstwohnung mit vier Zimmern, Küche, WC, Kellerraum und Anteil an der Waschküche, dazu mehrere Räume für Isolatoren, Apparate und Material, insgesamt über 280 Quadratmeter Fläche. Der Mietzins für die ersten fünf Jahre betrug 1200 Franken pro Jahr, für die nächstfolgenden zehn Jahre 1500 Franken.39 Im Vergleich mit den an­deren vermieteten Räumen war der Zins durchaus im Rahmen.40 Die Perspektive auf einen langfristigen Vertrag half, den kostenaufwändigen Unterhalt des Fünfeckpalasts besser zu planen. Ende 1919 wurde die Telefonkabine geliefert, der Einbau der Telefonzentrale und die Erneuerung des Leitungsnetzes erfolgten bis im ­Herbst 1920. «Unsere Telephonanlage wird gegenwärtig einer gründlichen Aenderung unterworfen», schrieb die Appenzeller Landes-Zeitung.41 Der ferienhalber in Trogen weilende Fünfeckpalast-Mitbesitzer Victor Loppacher informierte die Dorfbevölkerung im gleichen Zeitungsartikel über das Leitungsnetz: Der außerordentlich starke Zuwachs der Telephonabonnenten – in den vergangenen zwei Jahren mehr als 50 Prozent des frü­ heren Bestandes – hat schließlich auch in Trogen die Durchfüh­ rung der nötigen großen Drahtstränge durch das geschlossene Dorfbild nahezu unmöglich gemacht.

45


Das Treppenhaus Seite 66

An die Stelle des Zentralträgers auf dem Dach der alten Post im Oberdorf 2, von dem die Leitungen in dicken Bündeln strahlenförmig ausgingen, würden nun «sechs Kabeltürme im alten Friedhof, beim Stauchenplatz, an der Weißeggstraße, beim Bergweiher, beim Zeughaus und im Befang» treten. Jeder «Kabelturm» könne 20 Abonnenten aufnehmen. 1920 hatten etwa 60 Haushalte ein Telefon. Das neue Netz biete eine Entwicklungsmöglichkeit auf 120 Anschlüsse. Die nach dem Aufreissen der erst zwei Jahre vorher geteerten Strassen «im engeren Dorfkreis» verlegten Kabel seien zudem für weitere 80 Abonnenten vorbereitet.42 Über die neue Telefonzentrale im «Caspar Zellwegerschen Hause» berichtete die Appenzeller Landes-Zeitung im Oktober 1920 zufrieden: Mitten im Dorf und mit einem separaten Eingang hart an der Landstraße beim Dorfplatz gelegen, zeigen sich uns sehr hübsch eingerichtete, freundliche Schreib- und Bureaulokale, welche durch einen Schalter voneinander getrennt sind. Die Verteilerund Sicherungskasten sind in Wandschränke und in einen unterirdischen Schacht eingebaut, so daß von diesen Kabeladern eigentlich nichts mehr zu sehen ist.43 In einem 1931 publizierten Einwohner-Verzeichnis der Gemeinde Trogen war die 36-jährige Thurgauerin Pia Paula Schmid als «Telephonistin» mit Wohnsitz in der Dienstwohnung aufgeführt. Wie häufig das «Fräulein vom Amt» wechselte, ist nicht überliefert. 1931 jedenfalls konnte die ­Telefonistin auf die Unterstützung der ebenfalls im Fünfeck wohnhaften 21-jährigen «Telephongehilfin» Josefa Bertha Baldegger zählen.44 Als 1940 in Speicher eine Automatenzentrale in Betrieb genommen wurde, kündigte die Telephondirektion St.Gallen den Mietvertrag.45 Aus der Tel­e­ fonzentrale im Erdgeschoss des Herrschaftsflügels wurde wieder eine Wohnung.

46


Der Kontorflügel

Die hintere Wohnung im ersten Stock Seite 126 Die hintere Wohnung im zweiten Stock Seite 89

An der Hauptfassade ist nicht ablesbar, dass die Fenster links des Portals zum Herrschaftsflügel und die rechts davon zum übereck anschliessenden Kontorflügel gehören. Seit dem Bau des Palasts beherbergte dieser Wohnungen in den beiden oberen Stockwerken. Sie wurden 1994 bis 1997 in Büro- und Verhandlungsräume für das Obergericht Appenzell Aus­ serrhoden umfunktioniert. Auch die Zimmer und Lagerräume im Erd­ geschoss wurden als Büros eingerichtet.46 Der in diesem Zusammenhang neu geprägte Begriff Kontorflügel – abgeleitet vom Kontor, dem Büro eines Kaufmanns – passt einerseits zur neuen Verwaltungsnutzung, an­ dererseits aber auch zur Vermutung, dass die Lagerräume tatsächlich als Kontor- oder Appreturräume angelegt worden waren. Ihre Türdoppel sind mit Eisen beschlagen.47 Schon zu Lebzeiten des Bauherrn war das Erdgeschoss aber zumindest teilweise bewohnt.48

Nordostansicht des Fünfeckpalasts in einer Pause während der Demontage von 275 Fensterläden, die im Winter 2018/19 renoviert wurden. Luftaufnahme von Martin Rickenmann und Mario Baronchelli, 06.11.2018.

47


Nordostansicht des FĂźnfeckpalasts, davor der Knabe Willy Ritter an der Hand seines Paten Eugen Zellweger, im Tor der Lagerist Johannes Rechsteiner, daneben die KĂśchin Judith Hengge. Fotografie von 1893 (Ausschnitt).

48


Der Familienchronist Seite 327

Die Köchin Seite 346 Die Kantons­ bibliothek im Sockel­geschoss Seite 146

Auf diesem 1893 entstandenen Bild ist die Wohnnutzung des zweiten ­Obergeschosses sichtbar. Für den Chronisten Eugen Zellweger waren der Herrschafts- und der Kontorflügel bezüglich ihrer Nutzung komple­ mentär. Er behandelte sie als ein Volumen, als steinernes Haus, über das er schrieb: Es hat 3 Etagen, auf jeder sind zwei Küchen u. Zubehör, so dass 6 complete, abgeschlossene Wohnungen eingerichtet werden könnten.49 Eugen Zellweger ist der Mann mit Strohhut auf dem Foto, der Junge an ­seiner Hand ist sein Vetter.50 Zusammen mit seinem Bruder Hans bewohnte er den zweiten Stock. Seine Privaträume befanden sich hinter den Fenstern mit dem auffälligen Blumenschmuck. Zu allen Wohnungen gelangte man durch das Hauptportal und das breite Treppenhaus. Eine Dienstbotentreppe vom Innenhof ins Erdgeschoss des Kontorflügels vereinfachte die hauswirtschaftlichen Abläufe. Das Foto zeigt noch zwei weitere identifizierbare Personen: Der Mann in der Tür ist «Packer» Johannes Rechsteiner, ein Lagerist der ­Stickereiexportfirma Zellweger & Cie. Er lebte mit seiner Ehefrau im Palast und arbeitete nach der Liquidation der Firma von Ende 1903 bis 1912 als Hausdiener.51 Die Frau mit dem Einkaufskorb ist Judith Hengge, Köchin der Junggesellen Eugen und Hans. Links über ihrem Kopf prangt ein Blechschild am Fensterladen: «Buchbinderei von J. Zaehner». Der nachmalige Gemeinderat Jakob Zähner-Ehrbar hatte in der ersten Hälfte der 1880er-Jahre im Sockelgeschoss des Kontorflügels eine Kartonage-­ Werkstatt eröffnet, die bis 1980 bestand.

49


Klassizistische Strenge links und barocke Verspieltheit rechts säumen die Hinterdorfgasse. Stein, Einzelfenster, Tafelläden, Sandsteinbrüstungen, eine schnurgerade Traufe: das frühe 19. Jahrhundert auf der einen, und Holz, Reihenfenster, Zugläden, Holztäferbrüstungen, eine geschweifte Hohlkehle: das späte 18. Jahrhundert auf der anderen Seite der Strasse. Zwei dorfbildprägende Baustile auf engstem Raum, eine ortsbauliche Situation, die in ihrer Gestalt bis heute fast unverändert geblieben ist – appenzellische Architekturgeschichte. Und Sozialgeschichte! «Das ist der Gemüsewagen von Alois Kehl, der jede Woche aus dem Rheintal frisches Gemüse und Obst brachte», schrieb Zeitzeuge Dieter Schmid zur Fotografie aus der Mitte der 1940er-Jahre: «Wir Kinder durften jeweils hinten auf dem Trittbrett von einer Station zur nächsten mitfahren.»52

50


Fitzis Feldskizzen Seite 32

Auf dieser Ansicht aus Nordwesten ist der Eingriff in die Fassade des ­Kontorflügels, der 1959 durch den Einbau von drei Garagen erfolgte, besonders deutlich erkennbar. Bereits um 1920 war hier eine «Flaschnerwerkstätte», eine Spenglerei, eingemietet, die der Grund war, dass der ­Fünfeckpalast 1922 von der Assekuranzkommission Appenzell Ausser­ rhoden in eine höhere Gefahrenklasse eingestuft wurde.53 Ab 1944 war Arnold Schefer Inhaber der Spenglerei.54 Der Eingang befand sich an der Stelle der Garage ganz rechts, «vis-à-vis von Frau Möcklis Usego-Lädeli».55 250 Franken Miete bezahlte Schefer pro Jahr, ab 1947 waren es 400.56 «Die Werkstatt war ein Loch», erzählt die Schwiegertochter Martha ­Schefer-Schels.57

Links: Fünfeckpalast und Alte Drogerie. Im Hintergrund das Zeughaus Trogen. Fotografie von Otto Schmid, um 1945. – Oben: Nordfassade des Fünfeckpalasts mit den drei Garagen von 1959 und ­Westfassade mit der eisernen Klappe. Fotografie von Karl Wolf, um 1990.

51


Das Gesindehaus

Das Dienst­mädchen von der oberen Wohnung Seite 422

Der Lift- und ­Treppenschacht Seite 136 Das Treppenhaus Seite 66

Die Nutzung des Gesindehauses, dessen viergeschossiger Riegelbau den dreigeschossigen Kontor- (links) mit dem dreigeschossigen Herrschaftsflügel (rechts) verbindet, bleibt bis fast 1900 weitgehend im Verborgenen. Der Name geht auf eine Bemerkung des Familienchronisten zurück, der mutmasste, das Zwischen- oder Nebenhaus sei für Angestellte und Dienstboten bestimmt gewesen.58 Die niedrige Raumhöhe der vier Geschosse und die Ausführung als Fachwerkbau sind zusätzliche Hinweise auf die niedrigere soziale Stellung der Bewohnerinnen und Bewohner dieses Gebäudeteils. Die unbeheizten Zimmer unter der Traufe wurden in den frühen 1940er-Jahren von zwei Dienstmädchen bewohnt.59 Das Gesindehaus war durch einen separaten Eingang von der Strasse her – auf dem Bild die zweite Türe von rechts – sowie über den Innenhof erschlossen. Beide Türen führten in ein Treppenhaus, das beim Umbau 2001/02 aufgehoben wurde. Damals nutzte man die Räume an der westlichen Ecke für ein neues Treppenhaus samt Lift. Es erschliesst seither sowohl die drei Wohnungen im Gesindehaus als auch das Erdgeschoss und die beiden oberen Stockwerke im Kontorflügel (Hausnummer 7c).60 Die Hausnummer 7b gehört zur weiss gestrichenen zweiflügligen Ladentür, der Eingang 7a, rechts im Bild, führt ins Haupttreppenhaus. Hinter den vier übereinanderliegenden vergitterten Fensterchen liegen im Erdgeschoss eine Toilette und darüber je ein Badezimmer. Bis 2001 gab es nur im Erdgeschoss ein Badezimmer für alle Mietparteien im Gesindehaus. «Wir gingen mit unseren beiden Töchtern jeweils ins Hallenbad nach Speicher, um zu duschen», erzählt Rolf Wild, der mit seiner Familie von 1971 bis 2001 die Wohnung im ersten Stock bewohnte. Und er ergänzt: Für uns, die wir auf der anderen Strassenseite die Papeterie führten, war es praktisch, im Fünfeckpalast wohnen zu dürfen, sonst wären wir den Kompromiss mit dem Badezimmer nicht eingegangen. Richard Zellweger als Vermieter war gross­ zügig und liebenswürdig. Und wir waren ihm, zumindest was unsere beiden Toiletten betraf, sehr nahe. Das WC seiner Wohnung und unser WC waren nur durch eine dünne Wand voneinander getrennt. Es war sehr ringhörig … Wir lebten und leben sehr gerne in diesem Haus. Nach Abschluss der Bauarbeiten 2002 zogen Katharina und Rolf Wild in die Wohnung im zweiten Stock, in der sie bis heute zu Hause sind.61 Seit diesem Umbau haben alle drei Wohnungen im Gesindehaus den gleichen Grundriss: Sie bestehen aus einem zwischen Innenhof und Strassenseite durchgängigen Wohn-/Essraum mit Küchenteil und je zwei zum Hof ­orientierten Zimmern.62

52


Das Gesindehaus – auch als Zwischen- oder Nebenhaus bezeichnet – ist viergeschossig und verbindet den Kontor- (links) mit dem Herrschaftsflügel (rechts). Fotografie von 2018.

53


Die Rückseite der Fotografie ist mit «Mauerreparatur 1922» beschriftet. Das Fachwerk der ­Gesindehauswohnungen im ersten und zweiten Stock wurde teilweise durch Backstein ersetzt.

54


Ein früher Pensionär? Seite 396

Mindestens die beiden unteren Wohnungen hatten schon bei der umfassenden Renovation des Südwesttrakts 1922 einen grossen Eingriff er­­ fahren. Dabei wurde das Fachwerk teilweise durch Backstein ersetzt und die Fassade neu verputzt. Baumeister Fritz Bruderer, seit 1907 Inhaber eines Maurer- und Hafnergeschäfts in Trogen, war mit dem Umbau betraut. Bis zu seinem Tod 1953 führte er zahlreiche Arbeiten im und am Gebäude aus.63 Die auf dem Bild auf Seite 53 gut sichtbare weisse Ladentür ist seit 2010 der Eingang in den Coiffeursalon von Monja Müller. In früheren ­Jahren teilten sich jeweils zwei Mieter oder Mieterinnen diese Fläche. Das Lokal auf der rechten Seite, in das man durch die zweite Eisentüre von rechts gelangte, war das Trogner «Postbureau», bis dieses in den 1880er-Jahren über die Strasse ins Haus Oberdorf 2 wechselte.64 Im Jahr 1900 zog Katharina Schwegler, eine der Töchter von Schwanenwirt Sturzenegger in der Neuschwendi, als Mieterin ein. Sie betrieb hier einen Bazar, in dem sie «Spielzeug u. Luxusartikel» verkaufte.65 1899 war sie vierzigjährig als Witwe mit einem Sohn nach Trogen zurückgekehrt.66 Ab 1907 nutzte Georg Zellweger das Lokal als Büro.67 Später mieteten unter anderen Schneider Bruderer und Coiffeur Sennrich diesen Raum.68 Katharina Schwegler betrieb ihr Geschäft, nachdem Georg eingezogen war,69 im Lokal hinter der zweiflügligen Ladentür, das sogar noch etwas grösser war, weitere 27 Jahre.

55

Profile for Verlagshaus Schwellbrunn

Wunderlich kommt mir die Baute vor  

Wunderlich kommt mir die Baute vor