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Kassette Als ich heute Morgen die Augen auf-

schlug, lag ein Gegenstand auf meinem Nachttisch. Ein Gegen-

stand, der mir gar nicht gehörte. Ich machte mir Kaffee, ging mit dem Hund spazieren, fütterte ihn mit einem Light-Trockenfutter, überpudert mit einem weißen Pulver, einem Appetitzügler, frühstückte dann selbst und sagte mir schließlich: Es wird langsam zu anstrengend, diesen Gegenstand auf meinem Nachttisch noch länger zu ignorieren. Ich nahm ihn also vorsichtig in die Hand und betrachtete ihn eine Weile. Es handelte sich um eine kleine Kassette. Ich ging mit dem Hund in ein Elektrofachgeschäft, legte die kleine Kassette auf den Verkaufstisch und bat darum, mir ein passendes Abspielgerät zu zeigen. Ein übergewichtiger Verkäufer stellte mir mit beträchtlichem Eifer ein solches Gerät neben die kleine Kassette und sein Mund, der auf irgendetwas herumkaute, verzog sich zu einem Grinsen. Aber vielleicht bildete ich mir das alles auch nur ein, denn die Bewegungen der Mundwinkel waren, wenn überhaupt, minimal gewesen. Obwohl der Preis horrend war, zögerte ich nicht und räumte sofort mein Portemonnaie leer. Ich musste mich schon sehr über mich wundern — aber so sehr nun wieder auch nicht. Ich ging nach Hause und setzte mich auf mein Sofa. Im Grunde hatte ich gar nichts vor an diesem Tag, sodass ich mich glücklich schätzte, etwas auf meinem Nachttisch gefunden zu haben, was mir gar nicht gehörte. Ich hatte die Kassette bereits eingelegt und den Daumen auf der Abspieltaste, als mir einfiel, dass ich mich nicht erinnern konnte, zusammen mit dem Hund zurückgekommen zu sein. Ich ging ihn suchen. Er war noch immer im Elektrofachgeschäft. Ich stand jetzt direkt vor ihm und er wedelte nicht ein einziges Mal mit dem Schwanz. Er habe ihn gleich gefüttert, um ihn zu beruhigen, meinte der Verkäufer, der kauend aus einer 7


dunklen Ecke hervorkam. Und als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, tätschelte er meinem Hund immerzu den Kopf, was mir missfiel. Aber noch mehr missfiel mir, dass sich mein übergewichtiger Hund überhaupt auf so ein Techtelmechtel eingelassen hatte. Nun ja, sie hatten also zusammen gegessen, das war nicht rückgängig zu machen, sagte ich mir und verließ das Geschäft, ohne den Verkäufer noch einmal eines Blickes zu würdigen. Nie wieder würde ich diesen Laden betreten, so unverschämt kam mir das Verhalten dieses Verkäufers vor. Der Hund leckte sich ununterbrochen die Lippen. Zwar konnte ich nicht genau wissen, wie viel verfüttert worden war, doch glaubte ich plötzlich fest daran, dass es mehr als reichlich gewesen sein musste. Und hatte ich schon mal einen festen Glauben, dann verließ ich mich auch darauf, so war es immer gewesen und ich bezweifle, dass es mir je anders ergehen wird, ich hänge schließlich an meinem Glauben. Ich glaubte übrigens auch fest daran, dass mich das Abspielen der Kassette ganz ausgezeichnet unterhalten würde, aber warum ich das dachte, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich setzte mich zusammen mit dem Hund auf das Sofa und drückte die Abspieltaste. Eine grüne Lampe leuchtete am Gerät auf, schabende Geräusche waren zu hören, dann ein Rauschen, nur kurz, dann Stille, dann eine Stimme, eine Männerstimme, die ich nicht kannte — woher denn auch, die Kassette gehörte mir ja schließlich nicht. Dass mich die Stimme mit meinem bürgerlichen Namen ansprach, war seltsam, das schon, aber nicht beunruhigend — ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Nichts! Mein sehr geehrter Herr Elz, Sie werden sich wohl sehr gewundert haben, dass heute Morgen eine winzig kleine Kassette auf Ihrem Nachttisch lag, die Ihnen gar nicht gehört. Mein 8 Kassette


Freund und Schwager, ein arbeitsloser Schlosser, war mir dabei behilflich, Ihre Wohnung so leise wie möglich zu öffnen und nicht den geringsten Schaden an Ihrer Tür zu hinterlassen. Wir wussten natürlich, dass Sie ein Hundebesitzer sind, und haben Ihrem Hund heute Nacht etliche Leckereien verabreicht, die ihm ganz vorzüglich geschmeckt haben. Dafür machte er auch keinen Krach, ganz so, wie wir es uns erhofft hatten. Stellen Sie sich vor, Ihr Hund wollte uns sogar aus Ihrer Wohnung hinterherlaufen, aber wir konnten seinen Kopf mit äußerster Vorsicht zurück durch den Türspalt drücken. — Nun, wahrscheinlich wird es Sie brennend interessieren, warum ich, ein Fremder, zusammen

mit meinem Schwager, einem arbeitslosen Schlosser, überhaupt mitten in der Nacht in Ihre Wohnung eintrete. Ich sage absichtlich

nicht einbreche, denn wir sind sehr vorsichtig mit Ihrem Besitz umgegangen und haben nicht das Geringste entwendet. Im Gegenteil, wir haben zwei frische Würste und eine Kassette in Ihre Wohnung hineininvestiert, wenn Sie mir erlauben, es auch einmal so zu sehen und zu sagen. Aber es stellt sich natürlich immer noch die Frage: Warum? Warum habe ich das alles getan? Aus Armut und Verzweiflung, mein Herr! Ja, das ist vielleicht die ehrlichste Antwort, die ich Ihnen geben kann. Und auch mein Freund und Schwager, müssen Sie wissen, der arbeitslose Schlosser, hat sich einzig aus Armut und Verzweiflung dazu durchgerungen, mir heute Nacht behilflich zu sein. Nun vielleicht

kam noch ein bisschen Langeweile hinzu, aber das ist ganz unwesentlich, das müssen Sie mir glauben. Und noch etwas: Ich habe mich keine Sekunde länger bei Ihnen aufgehalten als unbedingt nötig. Ich habe Ihre Wohnung auf dem kürzesten Wege durchquert, die Kassette sogleich auf Ihrem Nachttisch abgelegt und die Wohnung unverzüglich wieder verlassen. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, das alles ist natürlich nur derart direkt

und ohne Zeitverzögerung möglich, wenn man das Objekt 9


Lagerleben 1984 8.7.1984 (Postkarte: Scharmützelsee mit Schwänen)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja! Ich bin gut in Bad Saarow angekommen und habe gleich Postkarten gekauft. Unser Gruppenleiter Uwe (Herr Rommel) ist sehr für Ordnung und es gibt öfters Schimpfe. Heute, am 8.7.84, hatten wir frühs Appell. Ich habe in unserer Gruppe viele Freunde, manchmal streit ich mich auch ein bisschen. Tschüss euer Franz

9.7.1984 (Postkarte: Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Bad Saarow)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja! Mir geht es gut. Das Essen ist traumhaft, viel besser als im Hort. Gestern war Schwimmüberprüfung, danach waren wir in der Kiesgrube, wo wir uns wie Schweine rumsuhlen durften. Am Abend, als Nachtruhe war, gingen Alex und ich zu den Weibern. Beim dritten Mal wurden wir von Herrn Rommel erwischt. Er hat sehr mit mir geschimpft, dass ich weinen musste. Dann hat er mich getröstet und mir erzählt, dass er ein behindertes Kind zu Hause hat und ich soll froh sein, dass ich gesund bin. Jetzt kann ich Uwe besser leiden. Tschüss euer Franz 19


11.7.1984 (Postkarte: Hafen von Bad Saarow)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja! Mir geht es gut. Gestern, am 10.7.84, waren wir am Hafen. Es gab schöne Motor- und Segelboote zu sehen. Abends hatten wir ein Fußballturnier, wo wir aber 2:5 verloren haben. Alex hat die zwei geilen Tore geschossen. Heute, am 11.7.84, war Schwimmfest, wo ich zwei Mal den 4. Platz belegte. Alex war knapp vor mir, er hat zwei 3. Plätze. Tschüss euer Franz

13.7.1984 (Postkarte: Scharmützelsee im Winter)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja! Mir geht es gut, außer dass es mir ein bisschen beim Schlucken weh tut. Ich bin zur Krankenschwester gegangen, die mir Fieber im Po gemessen hat. Das tat sehr weh, weil ich falsch gelegen habe. Nach einer halben Stunde sollte ich wiederkommen. Sie hat mir Kamillan gegeben und noch ein paar braune Tabletten, die schmecken scheußlich. Was soll ich tun, schreibt mir bitte, ich glaube, es sind die Mandeln. Ich mache mir Sorgen, manchmal weine ich auch. Gestern waren es bei uns gerundet 40°C, genau 36°C. Ich wollte euch eigentlich keine Sorgen machen. Schreibt ihr? Tschüss euer Franz

20 Lagerleben


15.7.1984 (Postkarte: Müggelsee mit Schwänen)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja!

Ich nehme täglich 7 Tabletten (alle 2 Stunden eine) und Kamillan (4 x am Tag). Ich merke fast gar nichts mehr, nur noch ein kleines bisschen. Gestern, am 14.7.84, hatte ich Heimweh. Ich sagte es meinen Freunden und die haben es Uwe gesagt. Er hat mich getröstet und jetzt habe ich kein Heimweh mehr. Gestern waren wir am Müggelsee zum Baden, es war eine Tageswanderung. Heute, am 15.7.84, fand ein kleines Gruppentischtennisturnier statt, wo ich nicht gewonnen habe. Tschüss euer Franz

18.7.1984 (Postkarte: Maxim Gorki-Haus in Bad Saarow)

Lieber Vati, liebe Mutti und liebe Katja! Mir geht es viel, viel besser. Es tut gar nicht mehr weh. Aber nach dem Zähneputzen ist es um meinen Mund herum rötlich. Es ist sicher der Schaum. Die Ärztin hat gesagt, meine Haut ist ein bisschen allergisch gegen die Zahnpasta. Was denkt ihr? Gestern, am 17.7.84, war Sportfest. Ich habe einen 1. Platz im Seilspringen (64 Stück in 1 Minute), einen 2. Platz im Schlussweitsprung (1,70 m), einen 3. Platz im 60 m-Lauf (10,3 s) und noch einen 3. Platz im Krebslauf (13 s). Das ganze Lager hat mitgemacht. Zum Glück bin ich bald wieder bei euch. Tschüss euer Franz

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Brief Gut möglich, dass es der größte und umtriebigste

Wohnungsputz war, den ich jemals in dieser oder in irgendeiner anderen Wohnung durchgeführt habe. Vielleicht war es ja so-

gar der größte und umtriebigste Wohnungsputz, der überhaupt jemals auf dieser Welt stattgefunden hat. Denn wie ist es anders zu erklären, dass man einen Brief hinter einem Heizkörper findet, wo doch Heizkörper in den allermeisten Fällen als Putzziel gar nicht in Frage kommen! Ich traute meinen Augen kaum und zog den Brief überaus vorsichtig hervor, so porös schien er mir. Zweifellos hatte er schon einige kalte Jahreszeiten hinter meinem

hitzebollernden Heizkörper festgesteckt. Ich unterbrach den Wohnungsputz sofort und nahm die Brille zur Hand. Streng wissenschaftlich gesehen, verfügen meine Augenlinsen über keine ausreichende Elastizität mehr für eine befriedigende Naheinstellung der Welt. Doch darunter leide ich nicht. Ich setzte mich auf mein Sofa und befühlte meinen Brief. Ich dachte tatsächlich für einen Moment: mein Sofa und mein Brief — was seltsam war. Im Grunde handelte es sich um ein zweifach gefaltetes Stück

Papier, in dessen Innenleben man noch gar keinen Einblick nehmen konnte. Das Papier steckte auch in keinem Umschlag. Und doch hatte ich schon in dem Moment, als ich es zwischen den Heizrippen herausfischte, das untrügbare Gefühl gehabt, einen Brief gefunden zu haben. — Nun saß ich auf dem Sofa, die Brille fest im Nasensattel, strich das Papier glatt, so gut es ging, und begann hastig zu lesen: Mein lieber Vertrauter, ich schreibe dir in aller Eile diesen Brief, denn schon bald werde ich meine Unschuld verloren haben. Das Mädchen ist wunderschön, es heißt Lena, bestimmt wirst du dich erinnern. Ich bin mir ganz sicher, dass es mit Lena passieren wird, vielleicht 65


ja schon heute Nacht. Ihre Eltern sind für zwei Tage verreist und sie hat versprochen, mich anzurufen. Ob sie selber noch unschuldig ist, weiß ich nicht. Aber es hat ja auch gar keine Bedeutung für diesen Brief. Eigentlich könnte ich ganz beruhigt abwarten, das tue ich auch, und trotzdem ist alles gehetzt, zumindest dieser Brief. Ich denke nämlich, dass du gar nicht mehr wissen kannst, wie es wirklich war, unschuldig zu sein. Nur mein Brief kann dir die Worte und Gedanken zurückbringen, die du damals gedacht hast! Darum schreibe ich dir noch heute Abend so schnell ich kann, vielleicht bin ich ja morgen schon nicht mehr unschuldig, was ich ja hoffe. Aber Angst davor habe ich auch, zumindest ein bisschen. Was natürlich nicht heißt, dass ich kneife. Auf keinen Fall werde ich kneifen. Wenn Lena anruft, gehe ich sofort zu ihr. Aber da ist plötzlich doch noch etwas … etwas, das nicht stimmt! Habe ich nicht eben geschrieben, dass du dich bestimmt noch an

Lena erinnern wirst, wenn du diesen Brief liest. Nur erinnern, verstehst du: ERINNERN! Das schließt ja meinen Gedanken mit ein, dass ich mit Lena nicht für immer zusammen bleiben werde. Obwohl ich es ihr geschworen habe. Noch nie in meinem Leben habe ich jemanden so sehr geliebt wie Lena, und trotzdem habe ich diesen schrecklichen Gedanken mitgedacht, dass sie mir nicht genügen wird. Mein Gott, es ist ekelhaft, plötzlich in so einem Gedanken herumgewirbelt zu werden! Besser, ich breche den Brief sofort ab. Aber es geht nicht! Geht einfach nicht. Ich verstehe das nicht. Das einzig Anständige an mir ist doch nur noch mein Wille, kein weiteres Blatt Papier für so einen Dreck zu verwenden. Aber siehst du, je weniger Platz ich habe, desto kleiner wird auch meine Schrift. Immer kleiner und kleiner.

Es ekelt mich an, wie sich diese Schrift dagegen wehrt zu verschwinden, wie sie jetzt gleich noch ein Mikroskop verlangt, um immer mehr und immer mehr zu sagen und zu bedeuten, obwohl sie nichts sagt und nichts bedeutet! Fast alles ist vollgekritzelt. 66 Brief


Enten Wir blieben stehen und blickten auf den Teich, den eine dünne, pergamentartige Eisschicht bedeckte. Dann

liefen wir weiter. Noch seien alle Kristalle nur locker mitein-

ander verbunden, meinte mein langjähriger Begleiter, doch schon morgen würde sich die Struktur entschieden stabilisiert haben. Ob er mir etwas erzählen, vielmehr anvertrauen dürfe, fragte er mich. Er habe es noch nie jemandem anvertraut; jetzt sei es an der Zeit. Ich entgegnete nichts und nickte nur, ganz darauf bedacht, meine Schritte so gleichmäßig wie möglich zu setzen. Auch mein Begleiter nickte eine Weile im Gehen vor sich hin und blickte auf seine schwarzen, glänzenden Stiefel herab. Ob ich denn wüsste, begann er, dass männliche Stockenten, sogenannte Stockentenerpel, ernstzunehmende Verbrecher seien?

Ob ich nur die geringste Vorstellung davon hätte, zu was Horden unverpaarter Stockentenerpel in der Lage wären? Ich war erstaunt über die Frage, ich hatte ja noch nicht einmal gewusst, dass es Horden von übrig gebliebenen, nicht verpaarten Stockentenerpeln überhaupt gab. „Diese Horden zerstören das Glück jedes glücklich verpaarten

Stockentenpaares auf der Stelle“, rief mein Begleiter plötzlich aus und beschleunigte seine Schritte, sodass ich zurückfiel. Was er denn genau damit meine, fragte ich ihn, nachdem ich ihn wieder eingeholt hatte. Es käme zu einer Gewaltanwendung, sagte er jetzt schnaufend, ohne mich anzuschauen, dann verfiel er in Schweigen. Ich betrachtete seine Atemwolken, die er ausstieß wie kleine Gebirge und sagte mir: Nun schweige lieber auch du! Es war mir rätselhaft, was mein Begleiter mir mit diesem

Tierbeispiel anvertrauen wollte. Seit vielen Jahren schon gingen wir gemeinsam im Park spazieren, bei jedem Wetter und immer um den Ententeich herum. Der Ententeich war vortrefflich 103


geeignet für unsere Zwecke, nicht zu groß, vor allem nicht zu

klein, sodass es dem Kopf nie lästig wurde, immer im Kreis herumzugehen. Auf einmal hörte ich meinen Begleiter neben mir fiepen, genauer gesagt pfeifen, als sei eine undichte Stelle in seinem Kopf. „Eine schreckliche Gewaltanwendung“, präzisierte er jetzt. Ich wartete ab, ob er weitersprechen würde, aber nichts geschah. Nur ein leises, diesmal zischendes Geräusch war zu hören, scheinbar vom Mundwinkel ausgehend. Es schien mir, als ob mein langjähriger Begleiter nicht mehr ohne weiteres in der Lage sei, mit seinen Ausführungen fortzufahren. Angestrengt überlegte ich, ob ich ihm mit irgendeinem Stichwort das Reden erleichtern konnte. Aber ich war ratlos. Welches Stichwort sollte ich ihm geben? Um was handelte es sich denn überhaupt bei diesem seltsamen Tierbeispiel? Bei diesen Gedanken musste sich mein Schritttempo leicht erhöht haben, ohne dass ich es selbst bemerkt hatte. Ich merkte es erst, als mich die Atemwolke meines Begleiters mit einem vernehmlichen Schnaufen wieder eingeholt hatte. Ganz unsinnig

und übereilt fragte ich ihn, ob es ihm gut ginge. Ein düsteres Schweigen war die Folge. Ich konnte meinem Begleiter die ungeheure Anstrengung anmerken, die es ihn kostete, vor mir zu verbergen, wie deutlich ihm die Frage missfallen, ja welche geradezu übermäßige Verärgerung sie bei ihm ausgelöst hatte. Seine Gesichtszüge wurden hart und seine Schritte viel größer — so als wünschte er sich Siebenmeilensteifel, um mir und meinen dummen Fragen so schnell wie möglich zu entkommen. Ich strengte mich an und holte ihn wieder ein. Aber auf was lief unser heutiger Spaziergang denn eigentlich hinaus, fragte ich mich ganz außer Atem. Auf irgendeine gruslige Entengeschichte,

sagte ich mir, und musste plötzlich lachen. Ich hatte angenommen, nur innerlich aufgelacht zu haben, so sehr war ich in Gedanken gewesen, aber es zeigte sich sofort, 104 Enten


dass ich sehr wohl laut und deutlich und nach außen dringend gelacht haben musste. Was es denn zu lachen gebe, fragte mich mein Begleiter streng, aber keineswegs mehr verärgert, wie mir schien. Er schaute mich von der Seite an, zum ersten Mal überhaupt seit wir losspaziert waren. Ich entschuldigte mich für mein Lachen, aber wollte ihn auch nicht anlügen und sagte ganz offenherzig, ich hätte über diese Entengeschichte lachen müssen, die scheinbar unerzählbar sei. Ja, meinte er, nicht unzufrieden mit meiner Antwort, sie sei tatsächlich unerzählbar, diese Geschichte. Er hätte geglaubt, sie mir mithilfe einer anderen Geschichte, genauer gesagt mithilfe dieser verdammten Stockentengeschichte erzählen zu können, aber das sei ein Trugschluss gewesen. Ein Trugschluss! Im selben

Augenblick verschwand er von meiner Seite, und als ich mich umblickte, war er schon einige Meter zurückgefallen. Ich baute mein Schritttempo nun langsam ab und blickte starr nach vorn, konnte ich doch annehmen, dass mein Begleiter schon bald wieder neben mir auftauchen würde. Im Grunde, sagte

ich mir, sind wir doch wie zwei alte Pferde im Karussell. Aber nichts passierte. Ich steckte meine Hände in die Manteltaschen und lief weiter, nun aber noch langsamer. Nichts passierte. Als ich mich umdrehte, wurde mir klar, dass mein Begleiter den Anschluss vermied. Der Abstand war unverändert geblieben. Ich blieb stehen. Auch mein Begleiter blieb stehen und blickte scheu zu mir herüber. Wir hatten noch nie einen unserer Spaziergänge

unterbrochen. Ich fühlte das Eis meiner Hände in meinen warmen Manteltaschen und begann zu zittern. Nach einer Weile kam doch wieder Bewegung in unsere traurigen Körper, aber so, als hätten wir beide jetzt nichts mehr damit zu tun. Wir kamen schleppend aufeinander zu und blieben dicht voreinander stehen. „Mein Freund“, sagte mein Begleiter leise und dann wie ein Automat ,„ich gehe gern mit Ihnen spazieren“. 105


Hund Ein Hund ist immer ein Wunder. Eine Liebes-

maschine. Und ist ein Hund auch keine echte Maschine, so verhält er sich doch ganz ebenbürtig, was die Zuverlässigkeit seiner

Funktionen betrifft. So können wir vereinfacht von einer Maschine sprechen, die den Menschen liebt und den Menschen die Liebe lehrt. Auch wenn der Mensch nicht sehr gelehrig ist, so wäre er doch verloren ohne die Lehre der Hunde. Diese Lehre ist noch reiner als die der Menschenkinder, und was das heißt, ist gewaltig. Menschenkinder lieben ihre Eltern im Grunde ein Leben lang, auch wenn sie hasserfüllt blickend das Gegenteil behaupten.

Einige von ihnen, viel zu viele, werden geschlagen, misshandelt, missbraucht, unvorstellbar verletzt. Aber selbst dann noch lieben

diese Kinder ihre verachtenswerten Eltern, wenn auch auf unbestimmte, unbewusste Weise. Als schleppten sie zeitlebens eine unauslöschbare Dankbarkeit mit sich herum, dass ihnen das Leben geschenkt wurde. Nur die wenigsten von ihnen beginnen das Leben zu hassen, und erst ab diesem Moment können sie auch ihre Eltern mit Leib und Seele hassen. Diese Wenigen aber entfernen sich vom Wesen des Hundes am weitesten. Man muss bedenken, ein Hund wird weder von Menschen gezeugt noch von Menschen geboren und kann ihnen demzufolge nie grundsätzlich dankbar sein für seine Existenz. Diese verdankt jeder Hund anderen Hunden, genauer gesagt Hundeeltern, mehr noch Hundemüttern. Und dennoch beobachten wir, der Hund bringt dem Menschen eine Art existentielle Dankbarkeit entgegen, was wirklich bemerkenswert ist. Wie schon gesagt, ein Mensch hat nichts mit dem Beginn eines Hundelebens zu tun. Die tiefe, unerlösbare Liebe eines Hundes zu einem Menschen kommt einem gewaltigen Irrtum gleich, und damit einem Wunder. Wir müssen uns auf der Stelle fragen: Wollen und dürfen wir

überhaupt noch von einem Hund als einer Liebesmaschine 129


Inhalt Kassette

b

:

7 15

Grocmutter

19

Lagerleben

31

Gehirn

37

Nachbar

51

Vater

61

Geist oder Der Bauer zu Nathal

65

Brief

71

Geld

95

Ba nkrott

103 109

Enten Mutter

113

Eis

121

Balkon

129

Hund

Q50 // Carl-Christian Elze // Aufzeichnungen eines albernen Menschen // Erzählungen  

http://www.belletristik-berlin.de/fileadmin/templates/images/Quarthefte/Q50/Q50_CCElze_Leseprobe.pdf